5.

Nach der Glücksgabe wartete ich wie meistens auf Lucky, und wir gingen zusammen zur Mensa. Ich hoffte, dass er mich nicht auf den Kuss ansprechen würde. Was sollte ich sagen, wenn er wissen wollte, ob es mir gefallen hatte?

Diesmal kam ich sogar durch die Schwungtür, ohne mich zu verletzen. Ich schlüpfte hindurch, überholte Lucky und war noch vor ihm an unserem Tisch, den Moon für uns freigehalten hatte.

»Hey«, begrüßte sie mich. »Du brauchst gar nicht so zu grinsen. Es gibt Tofu-Bratlinge und Soße mit Bolognese-Geschmack.«

»Diese Soße hat eine unangenehm kackige Farbe«, stellte ich fest. »Kriegt man die Bratlinge auch ohne Soße und ohne Tofu?«

»Heute geht es dir ja richtig gut, Pi.« Moon strahlte mich an. »Ich liebe es, wenn du witzig bist.«

Lucky hatte mir ein Tablett mitgebracht. Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen und versenkte sich in den Anblick des Essens, ebenso wenig begeistert wie ich.

»Hm«, urteilte er schließlich.

»Leute, haut rein.« Moon gab sich genüsslich ihrer vollwertigen, mit allen wichtigen Nährstoffen, Vitaminen und Zusätzen versehenen Mittagsmahlzeit hin. »Gleich haben wir eine Doppelstunde Geschichte. Das heißt, Jupiter und ich dürfen noch mal vorspielen und ihr könnt danach nach Herzenslust diskutieren.«

Lucky stocherte im Essen herum und schob diverse Häufchen am Tellerrand zusammen. »Gehen wir«, entschied er unvermittelt.

Ich hatte nichts dagegen, und so marschierten wir gemeinsam in die Aula, die viel größer und viel weniger geheimnisvoll wirkte, wenn sie nicht verdunkelt war.

»Ah.« Gandhi saß schon am Pult und sah gerade unsere Hausarbeiten am Bildschirm durch. »Da seid ihr ja. Da kann ich es euch schon mal verraten: Moon, diesmal nur eine Zwei plus. Tut mir leid, aber du bist im letzten Drittel etwas vom Thema abgekommen. Es ging um Leidenschaft, nicht um andere wilde Gefühle.«

Damit war er bei Moon genau an der richtigen Adresse.

»Ha!«, rief sie aus. »Aber das ist es doch! Alle wilden Gefühle gründen in Leidenschaft. Hass, Liebeskummer, Angst, Gier … was ist das denn anderes als die übertriebene Erhöhung und Pervertierung ganz gewöhnlicher, normaler, harmloser Emotionen?«

Gandhi machte jedoch keinerlei Anstalten, ihre Note zu ändern. »Das Thema, Mädchen«, wiederholte er stur. »Und du, Lucky – Drei minus. Mehr war diesmal nicht drin.«

»Und ich?«, mischte ich mich ein.

Er hob überrascht die Augenbrauen. »Nanu, Peas, heute so munter? Eine Vier, was dachtest du denn?«

Gandhi begrüßte die Klasse, die mittlerweile vollständig war. »Moon und Jupiter werden natürlich die offizielle Aufführung bestreiten«, sagte er und sprach damit aus, was wir alle wussten. »Aber vielleicht hat heute jemand anders Lust, das Stück einmal selbst zu spielen? Freie Improvisation wie immer ausdrücklich gestattet. Oder wie wäre es mal mit dem altertümlichen Originaltext? Hat jemand Interesse?«

Einen Moment lang glaubte ich, er würde mich aufrufen. Ich war fast dabei, freiwillig die Hand zu heben, als mir bewusst wurde, dass ich dann nach vorne auf die Bühne musste. Und mit wem würde ich spielen? Mit Merkur? Nein danke. Ich war durchaus bereit, weinend über Lucky zusammenzubrechen, aber nur bei der Vorstellung, dass Merkur oder auch Schalom sich schluchzend über mich beugten, überkam mich das Grausen.

»Das dürfen die doch nicht«, erklang Charitys hohe Stimme. Sie wies auf die Fensterfront, wo gerade ein paar Schüler aus einem der jüngeren Jahrgänge an unserem Fenster vorbeischlenderten, als würden wir uns nicht ganz oben im fünften Stock befinden.

»Was ist denn da los?« Gandhi eilte ans Fenster und riss es auf. »He!« Er beugte sich nach draußen. »Wo wollt ihr denn hin, Jungs?«

Sofort war die ganze Klasse da und glotzte durch die Scheiben. Es war wie damals mit der Taube, nur dass die Aula noch eine Etage über unserem Klassenzimmer lag. Die Schüler mussten von ganz unten hochgeklettert sein, denn die Fünfte hatte ihre Klassenräume im Erdgeschoss.

»He, bleibt hier!«, rief Gandhi ihnen nach. Fassungslos wandte er sich an uns. »Wissen die denn nicht, wie gefährlich das ist? Letzte Woche gab es hier einen Toten!«, schrie er.

Lucky hatte schon seinen Fuß über das Sims gesetzt.

»Du bleibst hier.« Gandhi packte ihn am Kragen, doch Lucky versuchte seine Hand abzuschütteln.

»Sie können runterfallen! Unten auf die harten Pflastersteine. Aus dieser Höhe, das überlebt niemand.«

Unser Lehrer ließ ihn nicht los. »Gerade deshalb bleibst du hier, klar?«

Lucky riss sich mit Gewalt los. Er stieß den überraschten Gandhi zurück und stieg auf das Gerüst.

Alles wie beim letzten Mal. Nur dass mein Herz heftig schlug, so schnell, als wollte es ihm nachfliegen. Mir war schwindelig, wie so häufig, und ich stützte mich an der Fensterbank ab, aber diesmal war es irgendwie anders. Meine Knie zitterten und in meiner Kehle saß ein merkwürdig bitter schmeckender Kloß.

»Lucky«, flüsterte ich.

Wir hörten ihn draußen den Kindern nacheilen.

»Steigt hier rein«, rief er ihnen zu. »Hier ins Fenster. Nicht aufs Dach, ihr wisst doch gar nicht …«

Aufgedrehtes Gelächter antwortete ihm.

»Mach dir nicht in die Hose«, rief ein Junge frech. Ich konnte ihn von meinem Platz aus nicht sehen, aber ich hörte das Klirren der Metallleiter, als er weiter hochkletterte. Das ganze Gerüst begann auf einmal bedenklich zu schwanken.

»Um Himmels willen«, flüsterte Gandhi, ohne zu merken, dass er einen verbotenen religiösen Ausdruck benutzte.

»Das ist gewiss nicht erlaubt«, sagte Charity. »Dafür können ihre Eltern belangt werden. Darf ich heute die Julia spielen?«

Lucky kam zurück, einen der Fünftklässler im Schlepptau. Er schubste ihn durchs Fenster in die Aula, wo Gandhi ihn entgegennahm.

»Ich könnte Romeo sein«, sagte Merkur. »Oder willst du, Lucky?«

Aber Lucky schüttelte den Kopf und tastete sich vorsichtig über das schmale Brett zur Leiter. Der Junge war verschwunden; er musste bereits auf dem Dach sein.

»He!« Wir hörten alle Luckys kräftige Stimme. »Du! Warte. Weißt du nicht, wie gefährlich …«

Er fiel. Wir sahen den Körper fallen. Wir alle.

Einen Moment lang glaubte ich, es sei Lucky. Etwas Dunkles, das an uns vorbeistürzte, krachend gegen die Metallstangen schlug und aus unserem Blickfeld verschwand.

»Nein!« Jemand schrie. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass ich das war. »Nein, oh nein! Nein!«

Dann erschien Lucky wieder am Fenster und kletterte herein, ohne etwas zu sagen. Er taumelte an uns vorbei zur Tür.

»Also«, sagte Peace, »kann jetzt jemand das Fenster schließen? Ich würde auch gerne die Julia spielen. Mit Schalom. Machst du mit, Schalom?«

Ich schlug die Hand vor den Mund und stürzte aus der Aula.

Nein, ich lief nicht zur Toilette. Zuerst dachte ich, ich würde brechen müssen, aber während ich über den Flur hastete, schlugen meine Füße schon den Weg zur Treppe ein. Vor mir sprang Lucky die Stufen hinunter, immer mehrere auf einmal. Er merkte nicht, dass ich ihm folgte.

Alle fünf Stockwerke hinunter. Durchs Foyer, durch die Türen bis nach draußen, um den Westflügel herum, und dorthin, wo zu Füßen des Gerüsts mitten zwischen den Gerätschaften der Arbeiter ein kleiner Körper lag, der da nicht hingehörte.

Aus dem ersten Stock spähten unzählige Augen. Weiße Nasen drückten sich an den Scheiben platt. Jemand öffnete das Fenster, und eine Lehrerin rief: »Wir haben schon den Doktor alarmiert. Bleibt da weg!«

Lucky hatte nicht die Absicht wegzubleiben. Er kniete sich hin und tastete den Jungen ab. Die linke Gesichtshälfte war dunkelrot vor Blut, es färbte Luckys Hemd und seine Hände. Etwas Weißes ragte aus dem hellen Arm; ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es ein zersplitterter Knochen war.

»Wie konntest du nur so dumm sein?«, stöhnte Lucky. »Das war gefährlich, verdammt, wie konntest du nur!« Er drückte das Kind an sich, sanft, aber so, als wäre dies auf irgendeine Weise sein eigenes Kind.

»Ist er … tot?« Ein Mädchen schluchzte, mit einer hohen, schrillen Stimme. Diesmal war ich es wirklich nicht. Ich drehte mich um und sah die Kleine mit der Piepsstimme und den hellroten Locken, die immer nach mir und Lucky ihren Termin bei Dr. Händel hatte. Sie hatte die Hand vor den Mund geschlagen und wimmerte.

Lucky winkte uns, still zu sein, und beugte sich noch tiefer über den Jungen.

»Ich glaube, er atmet noch«, flüsterte er. »Ich bin mir nicht sicher.«

»Lass mich zu ihm!«, schrie das Mädchen, aber sie blieb stehen, als würde sie von unsichtbaren Händen festgehalten.

Es war wie in einem Traum. Wir standen um den gestürzten Jungen herum, dessen Bein grotesk abgewinkelt war, dessen zersplitterter Arm an alles Mögliche erinnerte, nur nicht an einen Arm. Aus seiner Nase war Blut geflossen, die seinen Mund und sein Kinn in einen roten Bart hüllte. Obwohl die Schüler in der Klasse hinter uns laut durcheinanderriefen, kam es mir so still vor, dass es in den Ohren schmerzte.

»Beweg ihn lieber nicht, Lucky«, sagte ich, da er keinerlei Anstalten machte, das Kind hinzulegen.

»Nein«, stieß er hervor. »Nein, du begreifst nicht … Er stirbt hier – vor unseren Augen!«

»Er stirbt?« Das Lockenkopfmädchen stieß ein merkwürdiges Geräusch aus, wie ich es noch nie gehört hatte. »Aber … das ist Phil. Das ist mein Bruder.«

Doch sie rührte sich nicht von der Stelle. Es war, als hätte sie verkündet, dass er nicht sterben durfte, weil er ihr Bruder war, und nun hatte sich die Welt danach zu richten.

Mehr konnte sie nicht tun.

Mehr konnte keiner von uns tun.

Die Schwester des Verunglückten war diejenige, die getröstet werden musste, aber ich sah nur Luckys Schmerz. Ich kniete mich neben ihn auf die Pflastersteine und legte ihm die Hand auf die Schulter.

Er sah mich an, und vielleicht war da irgendetwas in meinem Gesicht, das ihn überzeugte – wovon auch immer.

Er ließ den Jungen zurück auf die Steine gleiten. Ich half Lucky beim Aufstehen. Seine blutigen Hände waren klebrig; es war schwer, ihn zu fassen zu kriegen.

Das Mädchen heulte immer noch, es hörte überhaupt nicht mehr auf.

»Was macht ihr denn da?« Moon war uns nachgekommen. »Wieso rennt ihr einfach aus dem Unterricht?«

»Er liegt im Sterben«, sagte Lucky dumpf. Ich merkte, dass ich immer noch seine Hände festhielt, aber ich konnte ihn jetzt nicht alleine stehenlassen. Nicht so. Nicht, während dieses Kind hinter uns auf dem Boden lag, mit dem abgeknickten Bein und den weißen Knochensplittern und all dem Blut.

»Charity hatte einen Lachanfall, und jetzt spielt Peace die Julia«, sagte Moon. »Das wollt ihr doch nicht verpassen.«

»Verstehst du denn nicht?«, keuchte Lucky. »Er stirbt! Der Junge stirbt gerade!«

Moon starrte ihn verwundert an. »Kanntest du ihn?«

»Nein, aber …«

»Dann weiß ich nicht, warum du dich so aufregst. Es war gefährlich, und wir dürfen nicht auf dem Gerüst herumklettern, und jetzt ist er tot. Kommt ihr jetzt endlich mit, bevor wir alle eine schlechte Note kriegen?«

Lucky rührte sich nicht von der Stelle.

Ich konnte spüren, wie er zitterte.

»Geh bitte, Moon«, brachte ich heraus. Meine eigene Stimme klang mir fremd in den Ohren. »Wir kommen nach. Sag Gandhi, wir kommen gleich. Lucky hat sich schmutzig gemacht.« Ich plapperte irgendetwas, nur damit sie endlich verschwand. »So können wir nicht zurück, und meine Hände und …«

Sie nickte uns lächelnd zu. »Na, dann wascht euch, und dann kommt.«

Wenn nicht das viele Blut gewesen wäre, sie hätte uns gepackt, jeder an einem Ärmel, und einfach wieder ins Schulgebäude gezerrt. So aber zog sie es vor, alleine in die Aula zurückzukehren.

Wir standen immer noch da, schon als sie längst verschwunden war. Das Mädchen hatte sich auf die Knie fallen lassen.

»Phil«, stöhnte sie, »du darfst nicht sterben, sie kommen gleich, um dir zu helfen, halte durch, bitte, halte durch …«

Er sah aus, als wäre er schon tot. Vielleicht war er das auch längst, vielleicht hatte er seinen letzten Atemzug getan, ohne dass einer von uns es gemerkt hatte. Sie traute sich nicht, ihn anzufassen und zu überprüfen, ob er noch atmete oder ob sein Herz noch schlug. Sie streckte nur immer wieder die Hände aus und zog sie wieder zurück. Blickte weg und wandte Phil den Rücken zu, und dann drehte sie sich wieder um und starrte ihn an, minutenlang, endlos, als hätte sie die schwierige Aufgabe, sich jedes Detail einzuprägen.

»Phil«, jammerte sie. »Oh nein, oh nein. Halte durch, du darfst nicht sterben, du darfst nicht.«

Ich hätte ihr gerne meine Hand auf die Schulter gelegt, aber die war blutverschmiert. Ich hätte das Mädchen gerne getröstet, aber ich wusste nicht wie. Ich wusste nur, dass die Wolken um mich herum plötzlich schwarz waren. Und ich war in dieser Wolke wie von einem Wind umweht, der mich hin- und herschüttelte und gegen dessen Gewalt ich mich nicht wehren konnte. Und dann jagte ein Blitz durch die dunkle Gewitterwolke und tauchte alles in grelles, blendendes Licht.

Halb ohnmächtig klammerte ich mich an Luckys Hand, an seine stumme, erstarrte Gestalt.

»Es war nicht deine Schuld«, sagte ich.

Er sah durch mich hindurch. »Das verstehst du nicht. Das kannst du nicht. Es ist …«

»Doch«, widersprach ich. Ich wusste genau, was er fühlte. Ich wusste, dass die Welt zerbrochen war, in diesem Moment, als der fremde Junge vom Gerüst gefallen war. Dass dieses Kind, das wir nicht kannten, wie ein Blitz war, der meine Wolke zerrissen hatte. Meine. Und seine. Es war, als wären wir plötzlich allein auf der Welt. Er. Und ich. Und dieses Mädchen, das heulte und klagte und schluchzte und jammerte, unaufhörlich. Sie umfasste ihre Oberarme und wiegte sich hin und her und weinte und weinte und weinte.

Ich wusste nicht, wie ich jemals wieder die Treppe hinaufgehen sollte. Zurück in die Aula, wo Peace und Schalom Romeo und Julia spielten. Zurück unter Gandhis strengen Blick. Ich wusste gar nichts mehr, denn in diesem Moment hatte nichts eine Bedeutung.

»Wie ist das passiert?«

Das Lockenmädchen war aufgestanden und ein paar Schritte nähergekommen. Ihre Stimme war heiser vom Weinen. Ich hatte noch nie so ein hässliches menschliches Wesen gesehen, die Augen rot und verquollen, die Gesichtshaut fleckig. Ihre Nase lief. Unwillkürlich musste ich an Moon denken, wie sie so würdevoll um Jupiter getrauert hatte, still und erhaben in ihrer Trauer.

»Was ist geschehen? Wart ihr dabei?«

»Er ist oben auf dem Gerüst herumgeklettert«, sagte Lucky. Auch seine Stimme klang anders als sonst. Tiefer und irgendwie erwachsener. »Ich wollte ihn aufhalten. Ich bin durchs Fenster gestiegen, ich habe seinen Freund in unsere Aula gebracht. Aber dein Bruder war schon oben. Er wollte ganz hinauf, aufs Dach, und da oben ist gar kein Geländer, nichts zum Festhalten. Ich wollte, dass er runterkommt, die Bretter sind so schmal.« Leiser fügte er hinzu: »Sie sind viel zu schmal, weißt du.«

»Ja«, sagte sie kaum hörbar.

Ich legte Lucky die Hand auf den Arm. Später sah ich dort meinen eigenen dunkelroten Handabdruck. Komisch, ich hatte nicht gewusst, dass die Welt aus kleinen Details besteht, die nicht zusammenpassen. Wie ein Mosaik, das kein Bild ergibt. Luckys Gesicht. Meine Hand auf seiner Haut. Das fleckige Gesicht des Mädchens. Der sterbende Junge und das Blut auf den Steinen. Nichts davon passte zu diesem Sommertag. Ich erinnerte mich daran, dass wir unsere Bratlinge nicht aufgegessen hatten und dass ich einen Augenblick lang davon geträumt hatte, ich könnte die Julia spielen. Zusammen mit Lucky.

Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, dass ich jemals irgendetwas spielen konnte, das mit Tod zu tun hatte.

»Er heißt Phil?«, fragte er sanft. »Und du?«

»Star«, sagte sie. »Ich heiße Star. Star Lichtl. Und das ist mein Bruder. Sie haben mir gesagt, dass mein Bruder hier liegt. Er darf nicht sterben, versteht ihr?«

Nein, ich verstand es nicht. Ich hatte keinen Bruder. Es war nicht zu begreifen, dass man einen haben und dann wieder verlieren konnte.

»Aus dem Weg.« Von irgendwoher kamen die Sanitäter mit einer Trage. Dr. Händel beugte sich über Phil. Auf einmal standen so viele Leute dazwischen, dass ich nichts mehr sehen konnte. Sie hoben ihn in den Krankenwagen.

»Sieht nicht gut aus«, sagte jemand.

Star wankte ihm nach – wollte sie mitfahren? –, und ich hielt sie fest. Ich legte ihr die Hände auf die Schultern, bevor ich mich daran erinnerte, dass sie blutverschmiert waren.

»Bist du verletzt?« Jemand sprach Lucky an, dessen Hemd von dunkelroten Flecken übersät war. Er starrte den Sanitäter nur ausdruckslos an, der seine Frage jetzt an mich richtete. »Muss der auch mit?«

»Nein«, sagte ich. »Wir wollten nur helfen.«

»Geht rein in die Schule. Ihr habt hier nichts verloren.«

Aber das stimmte nicht. Wir hatten hier etwas verloren, etwas unglaublich Wichtiges. Ich wusste nur nicht, was es war.

Dr. Händel fuhr nicht mit. »Er wird jetzt ins Genesungshaus gebracht, bald erfahren wir mehr.« Er nickte uns zu. »Geht schon mal zum Sprechzimmer, ich komme gleich nach. Ich muss nur schnell den Bericht hier ausfüllen. Gleich gebe ich euch was zur Beruhigung, einen Moment noch.«

Ich blickte dem Krankenwagen nach.

Zum Arzt. Beruhigung. Das war genau das, was wir jetzt alle brauchten.