11.

Wilde Gefühle. Sie lagen in der Luft. Sie waren stärker als jede Droge. Sie belebten jedes Herz. Es musste doch zu spüren sein – für alle?

Das Joyspiel war grandios. Obwohl in meinem Kopf ganz andere Sorgen kreisten, lenkte mich das Geschehen auf dem Spielfeld gnädigerweise ab. Die Jungen tobten auf dem künstlichen Rasen, es ging rasant hin und her, und die Begeisterung der Menge war ansteckend. Orion rannte wie ein Sturm über das Feld, überholte alle anderen, ohne zu humpeln, ohne das geringste Anzeichen einer Verletzung. Den Verband hatte er schon vor unserem Haus abgenommen, damit sein Fuß wieder in den Schuh passte. Jeder Schritt, den er dort unten machte, tat mir hier oben auf der Tribüne weh, als würde uns ein Band des Schmerzes verbinden.

Ich blickte zu Lucky hinüber. Moon saß zwischen uns, aber sie beugte sich gespannt vor, sodass ich ihn verstohlen mustern konnte, wie er stocksteif auf der Zuschauerbank saß und mit unbeweglichem Gesicht aufs Feld starrte. Er schien weder mich noch sonst etwas wahrzunehmen.

»Los!«, schrie Moon. »Na los, Zeus, gib endlich ab!«

Orion flog förmlich über den Platz und überholte seinen Mitspieler. Heute traten sie zusammen gegen die Jungs aus dem zweiten Bezirk an. Seine energiegeladenen Bewegungen versetzten wieder einmal die schreienden Mädchen in helle Aufregung.

»Anscheinend hat Orion sich gut erholt«, meinte Moon fröhlich. »Oder er läuft so schnell, damit er fertig ist, bevor du ihm dazwischenstolperst.«

»Haha«, sagte ich. Auf Dauer war es anstrengend, bei jedem seiner Schritte zusammenzuzucken.

Nach dem Sieg über die befreundete Schule bahnten wir uns den Weg durch die schwatzenden jungen Leute und standen plötzlich Star gegenüber.

Heute war sie so schön, dass sie sogar Moon überstrahlte. Ihr weißes Gesicht bildete einen Kontrast zu dem zauberhaften roten Haar. Ungeweinte Tränen verstärkten den Goldschimmer ihrer Augen. Doch ihre Stimme klang seltsam heiser, als sie sagte: »Ich muss euch was erzählen.«

Ich wusste es schon, bevor sie es aussprach, und dennoch war es ein Schock.

»Phil ist tot. Sie haben uns heute Morgen angerufen. Er ist ganz friedlich eingeschlafen, haben sie gesagt. Heute Nachmittag ist die Einäscherung, um sechzehn Uhr in der Halle des Glücks. Kommt ihr?«

Ich schluckte, wollte mir eine Ausrede einfallen lassen, aber Star klang so verletzlich und hilflos. Ihre Augen waren groß und rund wie die einer Porzellanpuppe, und sie wirkte fremd und zerbrechlich.

»Ja«, sagte Lucky. »Wir kommen.«

Mir blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen.

Moon schenkte Star ein herzliches Lächeln. »Natürlich, Schätzchen. Wir fühlen uns geehrt.«

Das war nicht die erste Einäscherung, die ich miterleben würde. Ich war dabei gewesen, als meine Großmutter verbrannt worden war, aber damals hatte ich betäubt und lächelnd dagesessen und die schöne Musik, die Blumen und das Essen genossen.

Durch den durchsichtigen Sargdeckel hatte ich meine Oma betrachten können, bevor sie in die Feuerkammer geschoben wurde, und sie hatte so friedlich dagelegen, das rosa gefärbte Haar wie Zuckerwatte um ihren Kopf, einen Seidenblumenkranz als Kette um den Hals. Wir warteten in einem geschmückten Saal, bis die Zeremonie vorbei war, und gingen dann nach Hause, das Lied des Abschieds noch im Ohr.

Geh ins Glück, umarme die Sonne
Geh ins Glück, der Weg führt hinauf
Gib dich in den Glücksstrom
Gib dich in den Glücksstrom
Öffne die Hände, öffne die Augen
Geh in die Sonne

Meine Mutter war danach noch tagelang melancholisch, ihre Bilder von dunklem Blau und Grün, mit grauen Schlieren durchzogen. Sie lagerte sie hinter dem Schrank in der Abstellkammer, denn niemand hätte so etwas kaufen wollen. Keine einzige Blume war darauf. Trotzdem dufteten sie noch immer, aber ich hatte vergessen, wonach.

Doch diesmal war ich nicht betäubt. Diesmal würde alles anders sein.

Die Feierhalle war rosa gestrichen. Tausend künstliche Blumen mit weißen Blüten gaben ihr den Anschein eines Gartens; ob das warme Vanillearoma in der Luft von ihnen stammte oder aus der Klimaanlage strömte, wusste ich nicht. Vanille mit einem Hauch Zitronenfrische, Beruhigung mit einem Spritzer Hoffnung. Klänge waberten durch den Raum, Meeresrauschen, und der Text des Glücksstromliedes lief in verschnörkelter Schreibschrift über die Wände, eine Endlosschleife, aus der das Wort »Glück« herausstach.

Star und ihre Eltern waren schon da und hatten in den bequemen Plüschsofas Platz genommen, die verteilt in der Halle herumstanden und den Eindruck lässigen Wartens vermittelten. Auf runden Tischen standen dickflüssige Getränke bereit, die das Wohlbehagen noch vertieften.

»Gib dich in den Glücksstrom«, leierte eine gefühlvolle Frauenstimme ins Meeresrauschen hinein, »öffne die Augen, geh in die Sonne.«

Während ihre Eltern und noch ein paar Erwachsene, die ich nicht kannte, den pfirsich- und melonenfarbigen Cocktails zusprachen, sprang Star auf und stürzte auf mich zu. »Ich dachte schon, du hättest es vergessen!« Star in einem rosa Kleid mit weißer Spitze. Sie sah darin aus, als wäre sie sieben.

In meinem dunkelblauen Rock und der dazu passenden Bluse kam ich mir unangemessen düster vor. »Lucky ist noch nicht da?«

»Schon zur Stelle.« Meine Freunde waren dicht hinter mir, aber ich war so in Gedanken vertieft gewesen, dass ich sie nicht bemerkt hatte. Moon hing an Luckys Arm und lächelte mir zu. Gleich fühlte ich mich etwas besser. In Moons Gegenwart hatte ich nie das Gefühl, unpassend angezogen zu sein, und was immer nicht mit mir stimmte, verlor an Gewicht. Lucky hingegen vermied es, mich anzusehen.

Star war heute sehr gefasst. Ihre Augen waren gerötet vom Weinen, aber ihre Stimme klang fest. »Möchtet ihr ihn sehen? Ihr müsst nicht, wenn ihr nicht wollt.«

Ob ich den toten Phil sehen wollte? Nein. Nein, nein und nochmals nein.

Aber Lucky sagte: »Ja, dafür sind wir doch hier«, und so folgte ich Star und den anderen in die Vorkammer. Gleich dahinter war der Verbrennungsofen. Auch hier plätscherte das ewige Glücksstromlied aus den Lautsprechern. Seidenblumen in jeder Ecke. Der Sarg stand auf einem Tisch. Beim Hereinkommen sah es aus, als würde Phil darin schlummern, lebendig, die Wangen rosig gefärbt, die Augen geschlossen.

»Er schläft«, sagte Moon leise. »Sieht jedenfalls so aus. Das ist schön, nicht? Ich glaube, Sterben ist gar nicht so schlimm.«

Ich konnte mich nicht rühren. Stumm stand ich da und starrte auf den Leichnam des Jungen. Trotzdem sah ich ihn nicht. Stattdessen schob sich Martys Bild vor meine Augen. Schwach und erwartungsvoll … ob er die Operation gut verkraftet hatte? Mir war dumpf bewusst, dass ich Star trösten sollte, aber es war Lucky, der den Arm um ihre Schultern legte, nicht ich.

»Er kommt nie mehr zurück«, flüsterte sie.

Ich schob Martys angstvolle Augen beiseite. In der letzten Nacht hatte ich sogar von ihm geträumt, bevor Orion mich geweckt hatte. Aber Phil hatte es nicht verdient, dass man ihn nicht beachtete. Ich widmete ihm so viel Aufmerksamkeit, wie ich konnte. Die Hände, die über dem Laken zusammengelegt waren und eine langstielige künstliche Rose hielten. Die rosa gefärbten Wangen, die ihn so lebendig aussehen ließen. Er war geschminkt, klar, aber wie hatten sie seinen gebrochenen Schädel so perfekt hinbekommen? Seine Haare waren glatt gekämmt und glänzten. Als hätte er nie einen Unfall gehabt, wäre nie vom Gerüst gestürzt. Keine Narbe. Keine Pflaster. Wie um alles in der Welt hatten sie die klaffende Wunde verschwinden lassen?

»Das ist nicht Phil«, sagte ich laut.

»Was?« Lucky ließ Star los und beugte sich über den Sargdeckel. »Natürlich ist er das! – Oh.«

»Du weißt, was ich meine?«

»Ja«, sagte er leise. »Dieser Junge da hat nie einen Unfall gehabt. Wir haben ihn gesehen, auf den Steinen. Und nachher im Genesungshaus. Das hätten sie nie im Leben wegschminken können.«

»Was?«, fragte Star. Sie stützte sich am Sarg ab, ihre Hände zitterten. »Das ist nicht Phil?«

»Eine Puppe?«, riet ich. »Aber wie haben sie die so schnell perfekt hinbekommen?«

Lucky beugte sich über den Sarg, tastete ihn ab, bückte sich und spähte seitlich hinein. »Wird dieser Deckel eigentlich mitverbrannt? Oder machen sie ihn ab?«

»Keine Ahnung. Die Familie hält sich in der Halle auf, wenn sie den Toten in die Feuerkammer bringen.«

Er klopfte darauf herum. »Vielleicht ist es ein Hologramm. Bloß ein Bild. Was meint ihr? Sie brauchen keine Puppe. Nur ein altes Foto von Phil, wenn die Leiche nicht passabel genug aussieht.«

»Du meinst, er sieht in Wirklichkeit schlimmer aus?«, wisperte Star.

»Natürlich sieht er schlimm aus«, meinte Moon wenig taktvoll. »Er ist vom Gerüst gestürzt, schon vergessen? Sie tun das für die Angehörigen. Damit man die Toten in Erinnerung behält, so wie sie vorher ausgesehen haben.«

»Er ist nicht tot.« Star strich über das rosige Gesicht ihres Bruders. »Er liegt nicht da drin. Das heißt, er ist nicht tot!«

»Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber sie haben bloß ein anderes Bild darüber projiziert.« Lucky klang verständnisvoll, aber unerbittlich. »Star, hör damit auf. Wir wissen, wie schlimm er verletzt war. Aber wenigstens konntest du noch im Genesungshaus Abschied nehmen.«

»Da ist er nicht drin«, beharrte sie.

»Doch, ist er.«

»Nein.«

»Oh doch. Sag ihm Lebewohl, und wir gehen in die Halle zurück. Deine Eltern brauchen dich.«

Ich überließ es ihm, auf sie einzureden, und sah mir in der Zwischenzeit genau den Sarg an. Vielleicht war auch meine Oma, wie ich sie in Erinnerung hatte, bloß ein Hologramm gewesen. Ihre rosa Zuckerwattelocken. Das feine Lächeln. So schön hatte ich sie gefunden. Hatte sie in Wirklichkeit ganz anders ausgesehen?

»Ich glaube nicht, dass sie den Deckel mitverbrennen«, sagte ich. »Er ist nicht angenagelt. Hier sind bloß ein paar Scharniere und ein kleines Schloss. Es ist bestimmt zu teuer, ihn jedes Mal mit einzuäschern. Der Sarg hat dieselbe Größe wie bei meiner Oma, obwohl Phil viel kleiner ist. Vielleicht nehmen sie einfach immer denselben und programmieren für jede Feier ein neues Bild ein.« Ich tastete die Kante ab. »Hier ist eine kleine Schalttafel, unter der Klappe.«

»Er ist nicht tot«, murmelte Star vor sich hin. »Wir müssen ins Genesungshaus zurück. Er ist noch dort.«

»Sie wird erst Ruhe geben, wenn wir ihr gezeigt haben, dass sie sich irrt«, meinte Lucky. »Kriegt man diesen blöden Deckel irgendwie auf?«

»Ein elektronisches Buchstabenschloss«, sagte ich. »Wahrscheinlich braucht man ein Passwort, um es zu öffnen.« Ich gab auf gut Glück ein Wort ein: »Phil«. Fehlanzeige. Dann fiel mir ein, dass sie den Deckel für jede Beerdigung benutzten und die Angestellten der Glückshalle sich wohl kaum für den Namen der Leiche interessierten. Als Nächstes versuchte ich es mit »Glück« – auch nicht.

Lucky kam um den Sarg herum und schaute mir über die Schulter. »Wie wäre es mit Glücksstrom

Ich gab die Buchstaben ein, ein leises Klacken ertönte, und das Scharnier sprang zurück. Gemeinsam hoben wir den Deckel an. Er war schwer, und nur mit vereinten Kräften gelang es uns, ihn ein Stück hochzuschieben.

»Aber …«, sagte Star.

»Wer ist das denn?«, fragte Moon.

Ich schrie auf und sprang zurück, und Lucky ließ den Sargdeckel wieder fallen. Mit zitternden Händen brachte ich das Scharnier wieder in Position.

»Wer war das?«, wiederholte Moon.

Im Sarg lag eine Leiche, aber nicht die von Phil. Es war überhaupt kein Kind, sondern ein Mann. Ein schon etwas älterer Mann mit einem glänzenden kahlen Schädel. Ich kannte ihn nur mit einem Kranz dichter brauner Haare, aber das war offenbar ein Toupet gewesen.

»Das, äh …«, krächzte ich, aber mein Mund war plötzlich trocken und ich konnte kaum weitersprechen.

Mein Hustenanfall zog die Aufmerksamkeit der anderen auf sich, und alle starrten mich plötzlich erwartungsvoll an. Entschuldigend lächelte ich, bevor ich mich zu Lucky beugte.

»Du kennst ihn?«, fragte er.

Ich räusperte mich und fing noch mal an. »Das ist Luther. Der Arbeitskollege meines Vaters. Er hatte einen Unfall mit Morbus Fünf. Sie wollten ihn doch in die Wildnis schicken!«

»Wo ist Phil?«, jammerte Star. »Im Genesungshaus? Wir müssen nachsehen!«

»Zuerst einmal«, sagte ich und versuchte, meine wirbelnden Gedanken im Zaun zu halten, »gehst du zu deinen Eltern und hörst dir mit ihnen die Musik an. Kein Wort, verstanden? Du sagst ihnen gar nichts. Wir wissen nicht, ob Phil noch lebt oder was sie mit seiner Leiche gemacht haben, und du machst ihnen keine Hoffnung, kapiert? Geh. Jetzt. Moon, würdest du sie begleiten, bitte?«

»Komm, Star«, sagte Moon freundlich und legte dem Mädchen den Arm um die Schultern. »Lassen wir die zwei kurz mal allein, ja?«

»Was hast du vor?«, fragte Lucky, sobald wir allein waren.

»Ich will ihn mir noch mal ansehen«, sagte ich. »Warum ist er tot? Sie wollten ihn aus Neustadt rauswerfen.«

»Ich würde das Ding besser nicht nochmal aufmachen. Wenn er krank war, stecken wir uns an.«

»Morbus Fünf wirkt nicht so schnell! Der Unfall war erst vor kurzem. Er hätte draußen in der Wildnis sterben sollen, bei den anderen Kranken, nicht hier. Mach auf.«

Lucky schüttelte den Kopf. »Was, wenn du dich irrst? Wahrscheinlich war es gar nicht Morbus Fünf. Das hier wirkt offenbar viel schneller.«

»Mach endlich auf.« Ich versuchte, den Deckel selbst anzuheben – ein Ding der Unmöglichkeit. »Wenn es so extrem ansteckend ist, sind wir sowieso verloren.«

Lucky ließ sich nicht überzeugen. Ich hatte die falsche Person weggeschickt. Moon, die den Tod nicht schlimm fand, hätte mir vermutlich einfach geholfen.

»Er ist tot, und basta.« Lucky interessierte sich nicht so für die Feinheiten von Luthers Ableben. »Die Frage ist, was machen wir jetzt mit Star? Ich will auf keinen Fall noch mal ins Genesungshaus. Wir kriegen garantiert Ärger.«

Ich vermutete, dass der Ärger noch größer sein würde, wenn wir es nicht taten, dann fiel mir noch etwas anderes ein. Etwas viel Schlimmeres.

»Orion«, sagte ich.

»Was? Wie kommst du jetzt auf den?« Lucky musterte mich irritiert, und da war ein merkwürdiger Ausdruck in seinen Augen, den ich nicht deuten konnte. »Beim Spiel vorhin hast du die Augen ja schon kaum von ihm lassen können.«

»Orion gehört tatsächlich zu uns. Er will abhauen, und er denkt, das Tor würde wegen Luther geöffnet! Heute kurz vor Sonnenuntergang. Er ist unterwegs zum Südtor!«

Hinter Luckys Stirn arbeitete es. »Im Ernst? Er will abhauen? In die Wildnis?«

»Was machen wir jetzt bloß? Wenn er am Tor scheitert, werden sie ihn verhaften. Was ist, wenn sie Verdacht schöpfen, dass an unserer Schule etwas schiefgelaufen ist? Am Ende reißt er uns alle mit rein.«

Lucky dachte darüber nach. »Wir müssen ihn aufhalten. Bevor er sich und uns alle unglücklich macht.«

»Ja«, sagte ich, erleichtert, weil ich ihn nicht überreden musste. »Das sollten wir.«

Auch wenn sie Orion nicht in die Wildnis schicken würden, weil er für sein Team wichtig war – ob sie mit uns genauso gnädig verfahren würden, dafür gab es keine Garantie.

Wir kehrten in die Glückshalle zurück. Die Familienmitglieder der Lichtls hatten inzwischen eine Reihe Cocktails intus, wie die zahlreichen leeren Gläser bewiesen, und unterhielten sich angeregt. Moon und Star saßen nebeneinander auf einem der plüschigen Sofas – Star kleinmädchenhaft in ihrem rosa Kleidchen, meine Freundin ein Hingucker in ihrem mintfarbenen Ballonrock und dem strassbesetzten Top. Um den Hals trug sie einen kühlenden Schal aus unzähligen Seidenschneeflocken, von denen keine der anderen glich. Ihr dunkles Haar floss darüber; ein paar künstliche Schneekristalle glitzerten darin. Einem der Onkel war ihre außergewöhnliche Schönheit bereits aufgefallen, und er hatte seinen Sessel nähergerückt, doch Moons Aufmerksamkeit gehörte Star, die finster vor sich hinstarrte. Wenn sie so wütend war, wie sie aussah, würde es gleich eine Explosion geben.

Der Onkel blinzelte enttäuscht, als Lucky Moon zu sich winkte. Unser Aufbruch störte die gelöste Stimmung ein wenig, doch gleich darauf wandten sich alle wieder ihren Drinks zu.

»Es war gerade so nett«, sagte Moon. »Und ich habe meinen Cocktail nicht ausgetrunken. Können wir nicht noch ein wenig bleiben?«

»Wir brauchen dein Auto«, forderte Lucky schroff.

»Fahrt ihr ins Genesungshaus?«, rief Star uns nach.

»Nein«, beruhigte ich sie rasch. »Das machen wir ein anderes Mal. Kümmere dich jetzt um deine Eltern, Star. Sie brauchen dich.« Eine Lüge und doch die Wahrheit. Als könnte Stars Trauer die fehlenden Gefühle ihrer Familie ersetzen.

»Bitte sag ja«, wandte ich mich an Moon. »Es geht um Orion, und es ist wirklich wichtig.«

Moons Lächeln überstrahlte alle unsere Sorgen. »Du und Orion? Oh Pi, das ist ja fantastisch! Natürlich fahre ich dich zu ihm. Irina steht gleich da drüben.«