KAPITEL 32

Feder

Allmählich drehte sich das Zimmer langsamer. Ich ließ den Kopf auf die Seite rollen. Schließlich konnte ich weiße Schränke, einen einzelnen grauen Stuhl, einen Linoleumboden erkennen. Ich suchte nach der Quelle des Rauschens in meinen Ohren, irgendwo im Zimmer brummte ununterbrochen eine Maschine. Ein Klang wie fließendes Wasser, kurz malte ich mir aus, das Blut würde aus meinem Herzen heraussprudeln. Das würde auch erklären, warum ich mein Herz nicht mehr spüren konnte.

Die Lärmquelle war eine große metallene Kiste auf Beinen. Ich machte die Augen wieder zu, wollte lieber schlafen, als mich zu fragen, wie ich im Krankenhaus gelandet war. Ein Schlurfen vermischte sich mit dem Brummen, mit Mühe machte ich die Augen doch wieder auf.

»Hallo, Schatz«, meine Mutter beugte sich über mich. Sie sah aus, als hätte sie seit Wochen nicht geschlafen. »Der Arzt kommt gleich.«

Ich wollte was sagen, aber meine Lippen waren völlig ausgetrocknet und aufgerissen. Ich wollte fragen, ob man Garreth gefunden hatte. Schon der Gedanke an seinen Namen ließ wieder die Tränen fließen.

»Schsch. Nicht, Liebes, alles wird gut.« Meine Mutter warf einen Blick über ihre Schulter und trat beiseite.

»Na, wie geht es unserer Patientin?«

Vom Bett aus konnte ich sein Gesicht nicht sehen, sehr wohl aber, dass meine Mutter rote Wangen bekam. Er trat in mein Sichtfeld, lächelte kurz meine Mutter an, dann hob er meine rechte Hand hoch. Die war dick mit weißer Mullbinde bandagiert, was ich bisher noch nicht mal bemerkt hatte. Ich sah den Arzt an, dann meine Mutter, dann wieder den Arzt.

»Ich muss dir wohl nicht sagen, was du für ein Glück gehabt hast, junge Dame. Praktisch die ganze Stadt ist gestern Abend in Flammen aufgegangen, und nur deine Hand wurde verletzt. Du bist eine Heldin«, sagte er und nickte bekräftigend.

Heldin? Wieso bin ich eine Heldin?

Ich wollte ihn mit einer Trilliarde Fragen unterbrechen, aber meine Zunge schaffte es nicht, in meinem Mund Worte zu formen. Und wenn ich zu tief einatmete, fühlte es sich an, als würde mein Brustkorb explodieren.

Mom sah auf meine verbundene Hand. »Werden Narben bleiben?«

»Leider ja, aber die Verbrennung sieht fast aus wie eine Zeichnung. Deine Freunde werden beeindruckt sein von deiner Kriegswunde.«

Der Arzt ging zum Bettende und schrieb etwas auf mein Krankenblatt.

Kriegswunde. Das ist gut.

Der Arzt sah von seinen Notizen hoch. »Du kannst deine rechte Hand bald wieder benutzen. Nur noch ein paar Wochen Schule, wie? Du machst bald deinen Abschluss?«

»Noch ein Jahr«, antwortete meine Mutter für mich. Ich war der perfekte Vorwand, den Arzt in ein Gespräch zu verwickeln.

»Oberstufe? Ich habe eine Tochter in deinem Alter.«

Ich versuchte, sein Namensschild zu lesen, aber der Nachname war mir unbekannt.

Er fuhr fort. »Ich verstehe nur nicht, wie du … Ich kann nur sagen, ihr hattet beide großes Glück. Du kannst mich jederzeit rufen, wenn was ist. Gute Besserung, Teagan.«

Der Arzt tätschelte das Fußende und verließ das Zimmer, aber nicht ohne ein letztes Lächeln, das eindeutig für meine Mutter bestimmt war.

»Was ist denn da los?«, krächzte ich schließlich.

»Ich weiß auch nicht genau«, gab sie zu, aber ihr Gesicht sprach Bände.

Veränderungen ließen sich nicht länger vermeiden, und das Leben hatte noch was in petto für Mom, ob sie nun wollte oder nicht. Dieser merkwürdige gemeinsame Moment erinnerte mich an meine eigene Situation, und Hoffnungslosigkeit breitete sich in mir aus wie Helium in einem Ballon.

»So hast du dir dein erstes Date nicht vorgestellt, was?« Sie setzte sich auf die Bettkante und zupfte an der kratzigen Krankenhausdecke herum.

Ich wandte den Kopf ab, und wieder stiegen mir Tränen in die Augen. »Ist wirklich die ganze Stadt abgebrannt?«, fragte ich.

»Nur ein Teil. Hauptsächlich Felder. Bartlett’s Skate-Anlage ist futsch. Die Polizei ermittelt.«

Bei dem Gedanken, gestehen zu müssen, dass ich für das Feuer verantwortlich war, bekam ich hektische Flecken auf den Wangen. Vielleicht würde es was bringen, Hadrian zu erwähnen und auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren, aber das brachte ich nicht über mich.

»Die Feuerwehr glaubt, dass das Feuer durch einen Kurzschluss ausgelöst wurde.«

»Kurzschluss?«

»In dem alten Lagerhaus, wo die Jugendlichen immer rumhängen. Man hätte den alten Schuppen schon vor Jahren abreißen sollen. Alle werden froh sein, wenn das Ding endlich weg ist.« Sie streichelte meine Wange. »Hast du Durst? Ich hole schnell einen Tee aus der Cafeteria, oder vielleicht lässt sich eine Krankenschwester auftreiben.«

Meine Mutter war schon aufgesprungen und hatte den Kopf aus der Tür gesteckt, bevor ich ablehnen konnte, dann warf sie mir noch einen kurzen Blick zu. »Bin gleich wieder da. Mach die Augen zu und ruh dich aus.« Weg war sie.

Weil mir nichts Besseres einfiel, tat ich wie befohlen, bereute das aber sofort. In der sterilen Stille des Zimmers machten sich meine Gedanken selbstständig und suchten nach Spuren von Garreth. Ich hatte mich noch nie so einsam gefühlt. Ich versuchte, Flattergeräusche in den Ecken des kleinen Zimmers oder von hinter der Gardine heraufzubeschwören, aber ohne Erfolg.

Beinahe hatte ich mich schon damit abgefunden, da hörte ich was. Nur schwach, aber immerhin. Ich spürte ihn in meiner Nähe. Ich roch ihn, auch wenn es nicht rein sein Geruch war. Er mischte sich mit dem Geruch des Feuers in der Kapelle, würzig, beißend, rauchig – aber immer noch sein Geruch. Ich war versucht, die Augen aufzumachen, um nachzusehen, ob er wirklich da war. Aber ich wusste ja, dass er das nicht war. Nicht hier. Um die Illusion nicht zu zerstören, hielt ich die Augen fest geschlossen.

»Du kannst sie aufmachen, Dummerchen.« Seine Stimme klang wunderschön, heiser.

»Ich will nicht. Du bist nicht wirklich da, und wenn ich dich nicht sehe, geht’s mir furchtbar.«

»Mach sie auf«, sagte er sanft. Er hob meine verbundene Hand an und legte sie vorsichtig an meine Seite.

Ich machte die Augen auf und sah nichts als grelles Licht vor mir. Ihn sah ich nicht. Warum hatte ich auf ihn gehört? So würde es von jetzt an immer sein, bis meine Zeit kam, ihm zu folgen. Besser, ich gewöhnte mich gleich dran. Aber dann verschwand die Sonne hinter einer Wolke und nahm ihr Licht mit, und ich schüttelte ungläubig den Kopf.

»Du bist hier? Wirklich und wahrhaftig? Wie?«

Ich muss total bescheuert ausgesehen haben, wie ich da in meinem weiß-blauen Krankenhaushemd saß und über beide Ohren grinste. Dann begriff ich und war noch verblüffter. Garreth saß ebenfalls mit einem weiß-blauen Krankenhaushemd bekleidet auf meiner Bettkante, nur sah er darin im Gegensatz zu mir unglaublich gut aus. Wir fingen beide an zu lachen, und er beugte sich vor und küsste mich.

»Du bist real?« Das war mehr an mich selbst gerichtet, aber die Frage flutschte laut heraus.

»Du hast vielleicht eine Macht. Das hab nicht mal ich geahnt.«

Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste nicht, was ich sagen oder fragen sollte.

Garreth fuhr fort. »Es lief alles auf eins hinaus. Wahrheit.« Wieder hob er meine bandagierte Hand hoch. »Es ist schwer, mit sich selbst in Einklang zu sein, aber du hast es geschafft. Du hast an dem festgehalten, was dein Herz glaubt, und dich nicht davon abbringen lassen. Du hast dich nie selbst verloren. Obwohl du sogar zugibst, dass in dir eine dunkle Seite lauert, hast du nicht nachgegeben. Es war fast unmöglich, Hadrian zu durchschauen, Mathur und die anderen Schutzengel sind sehr stolz auf dich.«

»Aber wie kannst du hier bei mir sein? Ich dachte, du wärst für immer weg. Das Feuer …«

Sein Kuss beendete mein Gebrabbel. »Wie es aussieht, bleibe ich hier.«

»Du meinst …?« Ich stolperte über meine Worte. »Du bist …?«

»Nein, nicht ganz, nicht wie du. Als du mir gefolgt bist, hat mir das gezeigt, dass man Risiken eingehen muss für das, an das man glaubt, auch das Risiko zu scheitern. Verstehst du, ich muss bleiben.«

Ich traute meinen Augen und Ohren nicht. Er sah vollkommen menschlich aus, so zerzaust und erschöpft, wie er war. Und für mich hätte er gar nicht schöner sein können.

»Versteh mich nicht falsch, ich finde schon noch Wege, dich zu beschützen.« Er kicherte. »Vielleicht bitte ich dich auch ab und an um Schutz. Deinetwegen werde ich noch arbeitslos.«

Ich hatte keine Ahnung, was er meinte.

»Du hast mich vor dem Feuer gerettet.« Seine blauen Augen ließen mich dahinschmelzen.

»Ich hab dich gerettet? Wie denn?«

Hatte der Arzt das gemeint?

»Du hast mich im Wald gefunden. Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, aber du hast mich da rausgeschleppt. An der Straße hast du dann ein Auto angehalten. Jetzt sind wir hier.«

Er lächelte und küsste mich wieder. Ich schloss die Augen, stellte mir das Ganze bildlich vor und fand es surreal.

Nur ihn nicht. Er war real. Er war hier, und ich würde ihn nie wieder verlieren.

Dann zog ein kalter Hauch durch mich hindurch. Die Wahrheit. Ich hatte die Wahrheit freigesetzt.

Hadrian.

Ich zog Garreth fester an mich und wollte um alles in der Welt die Fragen vertreiben, die mir durch den Kopf schwirrten. Aber ich war es ihm schuldig, aufrichtig und ehrlich zu sein, wenn er schon hierblieb.

Wegen des Verbandes vorsichtig, nahm ich seine Hand in meine. »Du hast zu Hadrian gesagt, dass ich in ihm etwas sehen würde, wovon du nicht glaubst, dass es existiert. Wenn ein Teil von mir das immer noch sieht, immer noch glaubt, dass es in ihm ist …« Ich kam selbst durcheinander.

Garreth legte mir einen Finger auf den Mund.

»Deine Macht ist die Wahrheit, Teagan. Wenn du glaubst, dass es bei Hadrian so ist, dann kann ich dich nicht vom Gegenteil überzeugen. Dann hast du ein Wissen, das mir fehlt und das ich nicht beurteilen kann. Du hast hinter die Fassade gesehen, die er so mühevoll aufrechterhalten wollte. Vielleicht gibt es dahinter keine Fassade mehr.«

»Aber was, wenn ich nur sehe, was ich sehen will? Was, wenn ich dazu beitrage, die Fassade aufrechtzuerhalten?«

Sein Blick wurde weich. »Nein. Ich glaube, du siehst die Wahrheit. Die Dunkelheit kann sehr überzeugend wirken. Andererseits war ich vielleicht zu sehr darauf aus, ihn untergehen zu sehen, weil du mir so viel bedeutest. Ich konnte nicht zulassen, dich an ihn zu verlieren.« Er schüttelte heftig den Kopf. »Du sagst, ein Teil von dir spürt immer noch das Gute in Hadrian. Wenn das so ist, dann existiert er noch. Und wenn du die Einzige bist, die das spürt, dann existiert er nur für dich. Genau wie ich.«

Da wusste ich, dass ich Garreth nie von meinen gemischten Gefühlen erzählen konnte. Er gab so viel auf, um hierzubleiben. Auch wenn ich der glücklichste Mensch auf Erden war, weil ich ihn nicht mehr verlieren würde, weil ich ihn für immer lieben konnte, blieb der Gedanke hängen, dass Hadrian immer noch da war und auf mich wartete. Dass er, wie Garreth, nur meinetwegen existierte. Es beunruhigte mich, dass ich die Dunkelheit so aufregend fand, dass etwas tief in meiner Seele nach dieser Aufregung verlangte. Aber ich liebte Garreth. Er gehörte zu mir, und ich würde alles tun, um meine Gefühle für Hadrian zu unterdrücken und meinem Engel treu zu sein. Hatte ich dieses Geschenk überhaupt verdient? Der Himmel hatte mir Garreth aus einem guten Grund geschickt, aber ging es dabei darum, dass Schicksal zu erfüllen, oder war das so was wie ein Test?

Ich dachte an Mathurs Worte, dass ein Mensch mehr als einen Schutzengel haben konnte. War das bei mir der Fall? Hatte ich für beide Seiten in mir je einen Schutzengel? Für die helle und die dunkle?

Ich küsste Garreth, gab ihm zu verstehen, was er mir bedeutete, er war atemlos gefangen in dem Bann, den ich um ihn legte. Aber ich erschauerte, als ich die Augen schloss und Hadrian sah. Vielleicht machte ich mir was vor, um mich selbst zu beruhigen. Hadrian war mir unter die Haut gegangen, das war sicher.