KAPITEL 31

Feder

Wie aus einem Albtraum schreckte ich auf. Ich lag auf dem Boden und sah Lichtstrahlen, die sich in farbigen Glasdreiecken brachen. Ich rollte mich auf die Seite. Hadrian zündete eine rote Kerze an, er stand mit dem Rücken zu mir. Von draußen vor der Kapelle war steter Regen zu hören, aber durch das offene Dach fielen keine Tropfen. Ich sah hoch in die Dunkelheit und rechnete mit Wasser auf meinem Gesicht. Ich dachte an den Turm, der hier mal gestanden, sich gen Himmel erhoben hatte, den Turm, in dem Hadrian und ich nach oben geschwebt waren … schwebend … in Spiralen … Einen Moment lang schloss ich die Augen und sah zwei Gesichter: Hadrian und Garreth. Ich hatte wieder das Gefühl, mich zu drehen, benommen zu sein. Zustimmend seufzte ich. Mein Leben lief im Schleudergang ab.

»Du müsstest eigentlich tot sein.« In meiner Brust röchelte die zu schnell eingeatmete Luft.

Beim Klang meiner Stimme drehte sich Hadrian blitzschnell um und kam langsam auf mich zu. Unmittelbar bevor ich ihn als zu nah empfand, hielt er an.

»Der Tod ist ein Anfang, hast du das nicht gelernt? Außerdem, wie gesagt, was nicht lebendig ist, kann man nicht töten.« Er kniete nieder, nahm sanft meine Hand und sah sich mein Zeichen an. »Du hast große Macht und weißt noch immer nicht, was das bedeutet.«

Er war jetzt ganz anders, nicht mehr bedrohlich wie noch im Auto. Natürlich spielte meine eigene Angst eine große Rolle darin, wie er auf mich wirkte. Seine Stimme klang zärtlich, in seinen Augen lag Wärme, aber auch … Missverständnisse und Verletzungen. Ich war zu müde, um ihn zu bekämpfen oder auch nur zu fürchten. Meine Hand lag offen, das Zeichen sichtbar. Die Linien waren tiefer und deutlicher geworden. Jeden Tag wurde es mehr Teil von mir.

»Ich kenne dich dein ganzes Leben, Teagan.« Sanft zog er die Konturen des Zeichens mit dem Finger nach. »Mach die Augen zu, dann kannst du es verschwinden lassen.«

»Das kann ich nicht! Du willst nur, dass es verschwindet und ich meine Macht verliere …«

»Versuch’s einfach. Du kontrollierst dein Zeichen.«

Er lächelte mir zu, ich musste es probieren. Ich schloss und öffnete meine Hand. Es war verschwunden! Wieder und wieder machte ich die Hand auf und zu, aber es blieb verschwunden.

Ich sah auf zu Hadrian, Wut brodelte in mir. »Ich will es zurück.«

»Dann wünsch dir das.«

Ich hatte ja gedacht, er würde behaupten, es sei zu spät und das Zeichen für immer verschwunden. Dass er mir möglicherweise nur etwas beibrachte, verwirrte mich. Inbrünstig wünschte ich mir das Zeichen zurück, und sobald ich die Hand aufmachte, war es wieder da. Ich war so erleichtert, ich hätte heulen können.

Mein Herz hämmerte. »Das versteh ich nicht.«

»Du hast die Macht, Dinge geschehen zu lassen.« Er nahm mein Kinn und drehte meinen Kopf zum Kerzenlicht. »Ich war auf einem Weg, den ich nicht länger gehen möchte, aber der Weg lässt sich nicht ungeschehen machen, und ich werde ewig für meine Taten büßen. Du hast das Oktagramm in zwei Hälften zerschnitten und mich damit geteilt. Schon sehr lange hatte ich nicht mehr sehen können, wer ich bin, weil immer etwas im Weg war, und auch ich habe gefürchtet, was ich nicht sehen konnte. Das hast du aufgebrochen. Verstehst du nicht, Teagan? Das ist deine Macht. Du bist der Schlüssel zur Wahrheit. Die Wahrheit, die in jedem von uns liegt.«

Sein Gesichtsausdruck wirkte so ernsthaft und ehrlich. Wollte er sich wirklich ändern? Fühlte ich mich deshalb zu ihm hingezogen, weil ich das Gute sehen konnte, das in ihm verblieben war? Konnte ich ihn heilen?

»Ja, das kannst du. Du kannst mir helfen.«

»Woher weißt du, was ich denke?«, fragte ich, ohne wirklich überrascht zu sein.

»Wie gesagt, ich kenne dich sehr gut, Teagan.« Er beugte sich zu mir, legte seine Hand in meine, die Hand fühlte sich jetzt warm an. »Ich fürchte, ich habe hier in deiner Welt sehr viel Unheil angerichtet. Wenn mir der Himmel eine zweite Chance gibt …« Hadrian wandte den Blick ab und sprach nicht weiter.

Als er mir wieder das Gesicht zudrehte, fing sich das Licht in seinen Augen. Zum ersten Mal nahm ich eine Spur von Grün in der Ebenholzfarbe wahr.

Die Dunkelheit löste sich auf, sodass das Licht, das einst seins gewesen war, durchschimmern und das, was ihn so lange gefangen gehalten hatte, vertreiben konnte. Seine Schönheit und Helligkeit wurden sichtbar, und bald würde er wieder ganz sein. Er würde sein, was ihm vor langer Zeit bestimmt worden war. Ein Engel. Ich konnte ihm helfen. Das wusste ich. Darin lag meine Macht. Heilen. Die Wahrheit ans Licht bringen.

Seine Lippen waren eine Handbreit von meinen entfernt. Ich atmete ihn ein. Ich wollte, dass er blieb … Ich wollte …

Unter mir vernahm ich ein schabendes Geräusch. Aus dem Augenwinkel sah ich farbige Lichtstrahlen über den Boden huschen. Die farbigen Dreiecke aus Glas trafen aufeinander und formten ein Zeichen.

Als hätte der Boden ein Eigenleben entwickelt, bildeten die Steine um uns herum einen Kreis, und die scharfen roten Lichtpunkte wurden die Zacken eines Achtersterns. Plötzlich kippten die Kerzen um, das flüssige Wachs verschwamm mit den Linien. Die winzigen Flammen schlugen von Sekunde zu Sekunde höher. Wir waren im Kreis gefangen, im Herzen des Oktagramms, umringt von einer beeindruckenden Macht.

»Teagan!« Jemand rief meinen Namen.

Ich wurde aus meinem Traum herausgesogen und wehrte mich dagegen. Hier war es so schön warm. Ich wollte bleiben. Aber ich wurde gepackt und nach oben gezogen. Erst als ich auf dem kalten Steinfußboden aufkam, erkannte ich, was passiert war.

Im Zentrum des Oktagramms standen sich Garreth und Hadrian gegenüber. Die Flammen züngelten an ihnen hoch, drohten den einen wie den anderen zu verbrennen. Zwei Engel. Der eine Licht, der andere Dunkelheit. Beide wunderschön. Beide mächtig. Einer Liebe, der andere Zerstörung. Und hier stand ich, außerhalb, und wollte sie beide.

Wäre Garreth nicht aufgetaucht, ich wäre überzeugt gewesen, Hadrian ändern zu können. Aber hatte ich wirklich die Macht, ihn zu dem zu machen, als den Gott ihn gewollt hatte – und ihn für mich zu behalten? In dem Moment begriff ich, dass alles seinen Preis hat. Wie weit wäre ich gegangen, bis ich das verstanden hätte? Ich würde alles tun, um Garreths unsichtbare und bedingungslose Liebe bei mir zu behalten, und dann ließ ich zu, dass Hadrian seinen Platz in der Menschenwelt einnahm.

Garreth stand aufrecht da, während sich die Flammen bedrohlich in den Kreis hineinfraßen. Er erwiderte Hadrians grimmigen Blick, bereit zu allem und auf ewig mein Beschützer. »Sie scheint etwas in dir zu sehen, von dem ich nicht glaube, dass es existiert.«

»Lass dich von ihrer Unschuld nicht täuschen. Sie hat eine dunkle Seite.«

»Glaubst du nicht, dass ich sie gut genug kenne, um das zu wissen?«, gab Garreth zurück.

Hadrians Gelächter lief mir kalt über den Rücken. Ich konnte es nicht leugnen, Hadrian hatte etwas, das ich brauchte. Das ich wollte. Aber Garreth bedeutete mir mehr, und ich hoffte bloß, dass er mir das glauben würde.

Ich überlegte panisch, was ich tun könnte. Welchen Preis sollte man bereit sein zu zahlen für den, den man liebt? Ich wusste die Antwort, ohne Zweifel, weil ich es jeden Tag erlebte. Man musste Opfer bringen.

Ich rappelte mich auf und trat in den Kreis. Die Flammen schnappten nach mir, aber starke Hitze empfand ich nur in meiner rechten Hand. Ich trat zwischen die beiden Engel und streckte Hadrian meine offene Hand entgegen, ließ die Hitze des Feuers in die Linien auf meiner Hand dringen und die Macht meines Schutzengels entfachen, die in mir lag.

Hadrians Gesicht wurde faltig, unschuldig sah er mich an. Ich zitterte innerlich, eine Sekunde lang dachte ich an das, was hätte sein können. Dann legten sich zwei starke Hände auf meine Schultern, und ich wusste, dass ich das Richtige tat. Garreths milder Geruch gab mir Kraft, und Hadrians perfekte Illusion zerbarst.

Hinter der Fassade lag die Wahrheit. Mehr war Hadrian nicht. Eine Fassade.

Die Welt kippte kopfüber, der schwarze Himmel über dem zerfallenen Turm lag jetzt zu unseren Füßen, drehte sich und wirbelte unter uns, ein großes böses Loch, das alles in sich hineinsog, was es aus unserer Welt erhaschen konnte. Der Raum schien von tausend Feuern erleuchtet, als bunte Glasscherben an uns vorbei in den dunklen Wirbel sausten. Meine Hand brannte furchtbar, ich stützte sie mit der anderen ab, und die volle und letzte Kraft des Lichts, das Garreth mir gegeben hatte, schoss hervor und schlug mitten in Hadrians Brust ein. Mir war schlecht, ich wollte mich abwenden, aber Garreths Griff gab mir Stärke und Sicherheit.

Hadrian verlor den Halt, verzweifelt griff er nach meiner Hand, klammerte sich an ihre Kraft. Unsere Blicke trafen sich, seine Augen schimmerten grünlich im Widerschein der Flammen, er flehte mich um Hilfe an. Ich schloss die Augen und ließ das Zeichen von meiner Hand verschwinden.

Jetzt wusste ich, welche Macht ich ausüben konnte.

Ich machte die Augen auf. Die Rettungsleine, an die sich Hadrian geklammert hatte, war gekappt, und er fiel in die Dunkelheit. Aber der Boden bot keinen Halt mehr, und Garreth schubste mich gerade noch auf die Steine außerhalb des Kreises, bevor das Glasoktagramm zersplitterte und in Scherben in den Abgrund fiel. Wir sahen die Farben hinter Hadrian verschwinden.

Dann umschloss uns oranges Licht. Die Flammen schlugen hoch. Im Nu war die ganze Kapelle mit dickem, grauem Rauch gefüllt, der mir die Haut aus der Kehle zu ätzen schien. Innerhalb von Sekunden hatten Garreth und ich einander verloren.

»Garreth«, schrie ich. Meine Stimme gellte suchend durch den ganzen Raum. »Garreth!«

Ich fiel auf die Knie und versuchte verzweifelt, nicht die Asche einzuatmen, die geisterhaft um mich herum tanzte. Ich kroch drauflos, ohne zu wissen, wohin. Mit den Händen tastete ich nach etwas Festem, aber die Wand gab nach und brach ein. Hektisch kletterte ich über die Steine und riss mir dabei die Haut an den Fingern in Fetzen. Endlich schaffte ich es auf die andere Seite und atmete tief die frische Luft ein, aber auch der Wald war voller Rauch, Ascheschatten flogen auf und hängten sich an die Äste der Bäume. Winzige Funken stoben aus dem Inferno hervor und schwebten still in der Luft, als ob sie überlegten, wo sie landen wollten, bevor sie elegant niedergingen und kleine Feuer im trockenen Unterholz legten.

Garreth war nirgends zu sehen, Panik fuhr mir in die Knochen.

Das Feuer breitete sich aus. Ich sah, dass die Flammen über die Lichtung auf die Straße zurasten. Sirenen heulten, es war, als stünde die ganze Stadt in Flammen. Ich presste den Kopf an den glatten Stamm unseres alten Baumes und begann hemmungslos zu schluchzen. Müdigkeit breitete sich bleiern in meinen Gliedern aus. Mein einziger Gedanke galt Garreth, und plötzlich riss die Angst mir ein Loch ins Herz. Hadrian war für alle Zeiten weg, wie es schien, aber jetzt fürchtete ich, dass das auch für Garreth galt.

Rauch hüllte mich ein und vernebelte mir die Sinne. Zum Ton der Sirenen schloss ich die Augen und weinte um meinen Schutzengel.