KAPITEL 23

Der Morgen hätte mich von meinem Albtraum befreien sollen, aber es kam kein Licht. Keine Sonne wärmte meine Haut, und das Dunkel der Nacht vertiefte sich noch durch den immer heftiger tobenden Sturm vor meinem Fenster. Der Schock setzte sich in meinem Körper fest, trotzdem warf ich Kleidungsstücke und Decken über die zertrümmerten Möbel. Ob mein Ich jemals wieder heilen würde?
Um wenigstens das zusammenzuhalten, was noch von mir übrig war, wickelte ich mich fest in meine Bettdecke. Dann rollte ich mich an der Stelle auf dem Boden zusammen, wo Garreth gelegen hatte, machte die Augen zu und stellte mir sein warmes, weißes Licht vor, konnte aber nur den kalten, harten Boden fühlen.
Die Stille war tröstlich, sie umhüllte mich wie beruhigendes Flüstern. Ich ließ mich fallen und war endlich in der Lage, darüber nachzudenken, was passiert war, aber die Erinnerungen fegten mich um. Je tiefer ich darin versank, desto größer wurde die Wut in mir.
Diese Wut war kein bösartiger Ärger. Sie gab mir Kraft. Der Spieß war umgedreht. Damit Garreth überleben konnte, musste ich Hadrian folgen. Lautes Donnern ließ mich zusammenzucken, ich zog die Decke noch fester um mich, als ein Blitz den Himmel erleuchtete und die Dunkelheit zerriss. Obwohl früher Morgen, war es dunkel wie mitten in der Nacht, und ich musste die Dunkelheit beenden.
Ich musste mein Licht retten.
Ich musste Garreth retten.
Das Zeichen auf meiner Hand glühte sanft und hoffnungsvoll. Ich wusste, was zu tun war. Ich nahm den zierlichen Dolch in die Hand, sein Gewicht bestärkte meine Entschlossenheit. Garreth hatte ihn mir gegeben, um damit gegen Hadrian anzutreten, was eben nicht möglich gewesen war. Hadrian war mächtiger, als wir uns hatten vorstellen können, aber ich wusste, wie ich ihn besiegen konnte. Ich würde seinen Wunsch erfüllen und ihm eine Herausforderung sein.
Der Plan nahm in meinem Kopf Gestalt an, jetzt musste ich schnell handeln. Kein Aufschub war möglich, auch wenn ich wusste, was ich damit meiner Mom antat, die am Morgen in mein Zimmer kommen würde, bevor sie losmusste. Aber ich konnte nicht riskieren, kalte Füße zu bekommen, dafür war mir Garreth viel zu wichtig.
Mit dem Daumen rieb ich über das winzige Oktagramm, das sich leicht von den anderen Gravierungen auf dem Goldgriff abhob. Es war etwa so groß wie mein Daumennagel und erinnerte entfernt an eine Sonne, weil es glänzte, als würde die Zauberkraft darin durchscheinen. Es stand für meinen Engel, der nach mir rief, meine Sonne, mein Licht. Das Funkeln sagte mir, dass er noch am Leben war, jedoch nicht mehr lange. Hadrian hatte Garreth aus einem einzigen Grund mitgenommen.
Der Grund war ich.
Ich konnte ein Zittern nicht unterdrücken, aber der Gedanke an Garreth reichte, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Ich betete inständig, dass der Donner nicht meine Mutter wecken würde. Ich betete, dass Gott mir vergeben möge. Mein Plan verstieß gegen alles, was ich als Kind gelernt hatte, aber es gab keinen anderen Weg. Ich wusste nur sehr wenig über das Oktagramm, nur was Garreth mir damals in der Kapelle erzählt hatte, an dem Tag, als ich erfuhr, dass er mein Schutzengel war. Ich betrachtete den wunderschönen kleinen Stern und staunte, wie ein so einfaches Symbol ein so bedeutender Übergang zwischen zwei verschiedenen Welten sein konnte.
Wenn es einem Engel möglich war, in die Menschenwelt überzuwechseln, warum sollte dann nicht ein Mensch in die Welt der Engel gelangen können? Durch die gleiche Pforte? Ich dachte an Garreth, aber Hadrians Worte drängten sich dazwischen und hallten in mir wider.
Der Himmel würde wie ein Traum verblassen im Vergleich zu der Welt, die du und ich erschaffen könnten.
War das nicht jetzt schon eine neue Welt? In der Menschen und Engel voneinander wussten und nebeneinander existierten? Garreth hatte gesagt, dass der Himmel in uns liegt, solange ich glaube und glücklich bin, gibt es ihn.
Und das tat ich! Es gab ihn. Es gab Garreth noch, und niemand, vor allem nicht Hadrian, würde mir das nehmen.
Ich nahm den Dolch. Seine glänzende Klinge reflektierte das wenige Licht, das durch das Fenster fiel, und zeigte mir mein Spiegelbild. Mein Blick flackerte vor Angst, aber hinter der Ungewissheit lag Hoffnung, und die Hoffnung gab mir mehr Stärke als alles andere.
Die leise Stimme in meinem Kopf riet mir, der Hoffnung zu vertrauen. Das allerdings hielt mein Herz nicht davon ab, sich schmerzhaft zusammenzukrampfen, als ich daran dachte, dass Garreth versuchte, aus einer anderen Welt mein Unterbewusstsein zu erreichen.
Im Zimmer war es kalt. In meinem Kopf rauschten schwarze Flügel wie verächtliches Gelächter.
Ich hatte keine Zeit zu verlieren.
Mit einem schnellen Stoß rammte ich mir den Dolch in die Brust. Mit Leichtigkeit durchschnitt er die Haut, mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. Zu diesem Zeitpunkt war ich zweifellos schon halb weggetreten, kurz brachte mich der kalte Stahl wieder zur Besinnung. Als die glatte Klinge in mich eindrang, verdunkelte sich der Himmel, und heftiger Regen setzte ein. Die einzelnen Tropfen fielen, küssten den Boden im Moment ihres Todes und rauschten in meinen Ohren.
Meine Sinne versuchten, den Nebel zu durchdringen, der meinen Kopf zu füllen begann. Angstvoll streckte ich die Arme aus. Ich hörte eine merkwürdige Stimme, anscheinend mein eigenes Wispern: »Bitte, hilf mir!« Die Gardine glitt mir durch die Finger, fiel dann um mich herum zu Boden. Ich spürte ein Kribbeln, wurde müde, und vor mir tauchten zwei Gesichter auf, von denen ich wusste, dass sie nicht wirklich da waren.
In dem einen Gesicht funkelten furchterregend pechschwarze Augen, in dem anderen schimmerten die unglaublich hellblauen des Jungen, den ich an einem Morgen auf dem Schulhof kennengelernt hatte. Der Rest verschwand, als ich in die Dunkelheit fiel.