KAPITEL 30

Feder

»Hör auf herumzutigern! Du läufst eine Furche in den Boden, und wir haben kein Geld zum Renovieren«, rief meine Mutter aus dem Wohnzimmer.

»Tut mir leid!«, rief ich zurück und sah zum tausendsten Mal aus dem Fenster. »Er ist da! Bis dann!«

»Warte! Ein wahrer Gentleman kommt an die Tür.« Neugierig erschien meine Mutter im Flur, um zu sehen, ob Garreth ihren Benimmtest bestehen würde.

Ich verdrehte die Augen. Ich wollte endlich mit ihm allein sein, aber meine Mutter erwartete, dass ich ihr Spiel mitspielte.

»Mom, wir gehen nicht auf den Abschlussball. Nur ein Date. Keine große Sache.«

»Wenn es keine große Sache ist, warum läufst du dann seit einer halben Stunde ein Loch in den Boden?« Mit einem Siegerlächeln stand sie im Flur, und ich wartete auf das Geräusch seiner Schritte.

Meine Hand schwebte dicht über der Türklinke, während ich die Zähne zusammenbiss und meine Mutter mit den Augen anflehte, sich ins Wohnzimmer zu verziehen.

»Schon gut, ich verdünnisiere mich. Viel Spaß.« Sie küsste mich auf den Kopf und ging zurück ins Wohnzimmer.

Endlich riss ich die Tür auf, davor stand ein unglaublich gutaussehendes Wesen in schwarzer Lederjacke und schwarzer Jeans. Meine Augen saugten ihn von unten bis oben auf. Ich rief meiner Mutter ein »Tschüss« zu und zog die Tür hinter mir zu.

Dann traf mich der Blitz.

Ich starrte in das wunderschöne Gesicht meines Verehrers.

Ich starrte in Hadrians Gesicht.

Ich war sprachlos.

»Hübsch siehst du aus.« Hadrian lächelte schief und ignorierte meinen Schockzustand.

Ich erwiderte nichts, wollte zurück ins Haus, ins sichere Wohnzimmer, wo meine Mutter vor den Abendnachrichten hing und gelegentlich zum Einkaufssender rüberzappte. Da tat sich natürlich ein Problem auf. Wie sollte ich meiner Mutter erklären, wer Hadrian war? Was er war?

Auf meinen Armen stellten sich die Härchen auf und kribbelten im Abendwind. Ich traute meinen Augen nicht.

Hadrian?

»Wie? Warum …?« Ich blieb stecken.

Als nichts weiter kam, machte ich den Mund einfach wieder zu und starrte ihn an. Die altbekannte Angst stieg in mir auf, aber noch viel mehr beunruhigte mich mein Verlangen, dazubleiben. Es war noch stärker als das Verlangen zu hören, warum er zurückgekommen war, wie er zurückgekommen war. Es war Begehren.

»Ich verstehe. Du bist überrascht, mich zu sehen.« Er schob sich nach vorne, und meine Füße taten das Gleiche. Ich konnte nichts dagegen machen.

Er sah heute Abend anders aus. Unbeschreiblich schön. Gefährlich. Aber anders. Ich hatte keine Ahnung, warum. Er hielt mir seine Hand hin, und wie in einem Bann gab ich ihm meine. Bei der Berührung donnerte das Blut durch meine Adern. Mein Haus, die Straße, die Nachbarschaft schienen zu verblassen, in der Luft lagen Gefahr und Verführung.

Hadrian führte mich die Stufen zur Straße hinab.

»Wohin gehen wir?«, fragte ich.

Er zog einen kleinen schwarzen Schlüsselanhänger aus der Tasche, das Geräusch einer entriegelten Autotür war zu vernehmen. Ich starrte den schwarz glänzenden Jaguar gegenüber an und drehte mich zu Hadrian um.

»Ein echt heißes Eisen«, bemerkte er. Sein Lachen und alles um uns herum vermischten sich mit der Nacht.

In dem Moment war ich überzeugt, dass mir der Verstand abhandengekommen war.

Seine Augen glänzten mit der Wachspolitur auf dem Monstergefährt um die Wette. Ganz Gentleman, öffnete er mir die Tür, machte sie hinter mir zu und ging zur Fahrerseite hinüber, während ich stumm über die Straße auf mein Zuhause starrte.

Wortlos fuhren wir in die Nacht hinein. Ich hatte keine Ahnung, wohin oder was mich erwartete. Das hier war eine ›Überraschung‹, mit der ich im Leben nicht gerechnet hatte.

Schließlich hielt ich es nicht länger aus. Ich drehte mich um und sah ihn an. »Wo fahren wir hin?«, fragte ich mit so viel Autorität, wie ich aufbringen konnte.

Ich sah, wie sein Profil unter jeder vorbeihuschenden Straßenlaterne aufleuchtete. All das schien schrecklich vertraut.

»Du hast meine Nachricht bekommen, ja?« Er wandte endlich die Augen von der Straße ab und lächelte mir zu.

»Deine Nachricht?«

»Magst du keine Überraschungen?« Seine Augen funkelten begeistert. »Meine Liebe, du solltest ja denken, dass die Nachricht von deinem Schutzengel wäre. Ich fand es angebracht, den wahren Absender nicht zu nennen.«

Mein Magen rumorte. Die Nachricht war nicht von Garreth gewesen.

Da ging mir auf, dass ich in einem fahrenden Auto neben einem Engel der Zerstörung saß, und dass mein Schutzengel heute nicht in der Schule aufgetaucht war und auch nicht danach.

Ich war ein absolut dämlicher Freak.

Ich saß wie betäubt, starrte geradeaus, versuchte herauszufinden, wo wir hinfuhren, um mich vielleicht aus diesem selbstverschuldeten blöden Schlamassel befreien zu können.

Nein, falsch. Nicht das Schlamassel war blöd, ich war es.

Mit jedem Baum und jedem Straßenschild, die am Fenster vorbeiflogen, quälte mich das altbekannte, unbehagliche Gefühl mehr. Hier lief gerade alles falsch. Mein Herz klopfte laut, bestimmt konnte er es hören. Das Pochen hallte in meiner Brust und meinen Ohren wider. Ich sah aus dem Fenster, aber es war auf einmal so dunkel geworden, dass ich nur die Spiegelung meines eigenen besorgten Gesichtes erkennen konnte. Ich senkte den Blick auf die ruhig in meinem Schoß liegenden Hände und sehnte mich nach denen von Garreth.

Vielleicht, wenn ich …

Ich legte meine linke Hand auf seine, woraufhin er das Steuer losließ. Seine dunklen Augen glitzerten überrascht, fest nahm er meine Hand, ein dunkler Schatten lief durch mich hindurch.

Seine Hand war wie Eis.

»Deine Hand ist eiskalt.« Das war das Erste, was aus meinem Mund kam. Mein Herz schlug jetzt heftig und unkontrollierbar.

Ich streckte die Hand aus, um die Heizung hochzudrehen und etwas Normalität herzustellen, stattdessen verwirrte mich der Blick auf die Ansammlung von Knöpfen und Schaltern noch mehr. So fremd mir das Auto selbst auch war, die Anordnung des Armaturenbretts kannte ich. Bei genauem Hinsehen war alles wie bei der Stereoanlage in Claires – in meinem Auto.

Meine Gefühle waren völlig ineinander verknotet. Ich hatte Angst, weil ich war, wo ich war, weil ich bei Hadrian war, Angst davor, was mit Garreth geschehen war, was aus mir werden würde … Doch außerdem regte sich auch ein wildfremder Teil von mir, der bleiben wollte. Ich musste bleiben.

Die Zögerlichkeit in meiner Stimme ließ sich nicht verleugnen. »Wow, was für eine Anlage. Deshalb sind solche Autos so teuer.« Wenn ich mich ganz normal benahm, würde ich vielleicht davonkommen.

»Eigentlich war eine andere eingebaut, aber ich hab sie ausgetauscht«, sagte er.

»Ausgetauscht? Warum?«

»Ist das nicht egal? Ich wollte was anderes.«

Ich sah ihn hart an.

»Was ist? Magst du die Anlage nicht?«, fragte Hadrian, der mein kleines Spiel mitspielte.

»Sie ist, äh …« Das Wort lag mir auf der Zunge. »Etwas zu … protzig.«

»So mag ich es. Protzig.« Seine glatte, kalte Hand deutete auf das Elektromonster.

Der Wagen hielt an, ich sah, dass wir auf einer verlassenen Straße neben einem dichten Wald parkten. Hadrian wandte sich mir zu, das Licht des Armaturenbretts fiel so auf sein Gesicht, dass ich einzig seinen intensiven dunklen Blick sehen konnte.

»Willst du nicht auch manchmal was anderes? Etwas, das nicht ganz deinen Gewohnheiten entspricht, das du nach deinem Willen formen kannst?« Er beugte sich zu mir. Nah genug, dass ich ihn riechen konnte.

Er roch nach Gefahr, nach Macht, gemischt mit einem Geruch von Erde und Kiefern, als ob die Bäume draußen direkt im Auto wachsen würden.

»Hier geht’s jetzt nicht mehr um die Anlage, stimmt’s?«, flüsterte ich und erzitterte unter seinem Blick.

Mein Inneres wurde zu Wackelpudding, meine Beine waren mit dem schwarzen Ledersitz verwachsen und unbeweglich. Auto, Straße und Bäume existierten nicht mehr, nur noch seine auf mich fixierten unergründlichen Augen. Ich spürte, wie er mich einsog, und ohne nachzudenken, beugte ich mich hinüber zu ihm, wie angezogen.

»Ich will dich, Teagan.« Ich spürte die Kraft seiner geflüsterten Worte bis unter die Haut. »Du bringst die Waagschale zum Kippen, wenn du bei mir bist. Weil es dich gibt, ist jetzt all das bedeutungslos, was mir früher etwas bedeutet hat.« Sein Atem strich mir über den Hals, seine Lippen verschlangen meine Haut.

Ein Trommeln auf dem Autodach. Regen. Weißes Licht zuckte über meine Augenlider, die unwillkürlich flatterten. Ein Blitz. Schon zerriss der nächste die Dunkelheit, ich öffnete die Augen, als er nach meinem Handgelenk griff. Das Licht streifte seine Augen, die schwärzer als die Nacht waren und vor Überzeugung glänzten. Er war genauso faszinierend wie beim ersten Mal, aber ich rappelte mich wieder auf.

»Nein!« Ich zog die Hand weg, aber er hielt fest. Angstvoll erkannte ich, dass ein Teil von mir bleiben wollte, und mein Verlangen nach ihm widerte mich an.

»Dank dir bin ich echt.«

»Aber ich habe dich getötet.«

»Verwandelt trifft es besser. Man kann einen Schutzengel nicht töten, nur verändern.«

Ich schüttelte den Kopf. Das konnte nicht wahr sein. Unmöglich. Die Wirklichkeit traf mich wie ein Schock. Ich musste hier weg, aber Hadrians Hand hielt mich gefangen.

»Bevor du mich verurteilst, hör mir bitte zu.«

Ich zitterte, Zentimeter von meinem ärgsten Feind entfernt, und die Dunkelheit draußen setzte sich langsam in meinem Kopf fest. Ich war benommen, benebelt, aber ich hatte keine Wahl. Ich musste bleiben.