KAPITEL 26

Hadrian streckte die Hand aus, um mein Gesicht zu streicheln, um mich bei sich zu halten. Mir kam sein Zeichen in den Sinn, mein Blick suchte seinen Stern. Hadrians Oktagramm bestand aus zwei schräg übereinanderliegenden Quadraten. Die vier Eckpunkte der beiden Quadrate bildeten die acht Zacken des Sterns. Gebannt folgte ich mit dem Blick den Linien in seiner Hand, bis die beiden Quadrate sich voneinander lösten und jedes für sich stand.
Da begriff ich.
Das untere Quadrat stand für das Licht, für den Schutzengel, der er gewesen war. Das obere Quadrat für die Dunkelheit, zu der er geworden war.
Eins über dem anderen.
Die Dunkelheit über dem Licht, aber das Licht bleibt sichtbar, will sich befreien.
Ich dachte an meine Computerrecherche und die eigenartige Bedeutung von Hadrians Zeichen, die auf einmal nicht mehr eigenartig war.
Konflikt … Trennung.
Als wir wieder nach unten schwebten, sah ich vor mir, wie ein Schlag seiner Hand Garreth quer durchs Zimmer geschleudert hatte. Hadrians Hand zerstörte, meine Hand hielt das, was das Licht vom Dunkel trennen konnte. Mehr noch, auf meiner anderen Hand war mein eigenes Zeichen. Das nicht besetzt oder beeinflusst werden konnte, das die Macht hatte, Gerechtigkeit zu schaffen. Ich war das Zünglein an der Waage im Gleichgewicht zwischen den beiden Welten. Ich war die Lichtquelle, die die Dunkelheit zerstören und die Welt der Engel mit der der Menschen vereinen konnte.
Hadrians schwarze Augen blitzten mich nun wieder bösartig an. »Das würdest du nicht tun.« Er schob mich von sich weg.
»Und ob. Du hast doch gesagt, dass ich mich selber nicht unterschätzen sollte.«
»Sieh in dich hinein, Teagan, dann erkennst du den wahren Grund, warum du hier bist. Nicht, um deinen Schutzengel zu suchen. Sondern um mich zu finden.« Hadrians Stimme klang jetzt ganz zärtlich.
In seinen Augen sah ich das, was gerade zwischen uns passiert war, wie eine Filmrolle langsam rückwärtslaufen. Ich war ihm für einen Moment erlegen. Der sanfte Wind seiner Flügel, die piekenden Federn, unsere ineinander verschlungenen Arme. Er streckte den Arm nach mir aus, ich konnte seine Gedanken lesen.
»Nimm … nimm mich.«
Und genauso schnell kam ich wieder zur Besinnung.
»Nein. Ich liebe Garreth. Und ich werde weder zulassen, dass du ihn vernichtest, noch einen der anderen Schutzengel!«
Meine Finger schlossen sich fester um den Dolch. Jetzt würde das Licht zurückerobern, was im Dunkeln lag; ich hob den Arm und zielte auf den Ursprung von Hadrians Macht. Er war darauf vorbereitet, schlug donnernd mit seinen weit gespreizten Flügeln, ein Grollen wie aus den dunklen Nachtwolken. Abwehrend hob er seine Hand, sein Oktagramm glühte rot vor Wut.
»Denk daran, in dir fließt mein Blut. Du kannst mich nicht vernichten. Wir sind eins.« Die Stimme des schwarzen Engels hallte laut von den Steinwänden wider.
Da fuhr die Dolchspitze zielgenau in seine offene Handfläche hinein und riss die überlappenden Quadrate mit einem einzigen Schnitt in zwei Teile. Das Leid in seiner Stimme klang schrill, sein Wutschrei löste die Steine aus ihrer Verankerung, die Wände brachen um mich herum ein. Ich wollte mich schützen, um nicht erschlagen zu werden, aber um mich herum fiel nichts als sanfte graue Stille, als Tausende von Federn zu Boden schwebten.
Von oben schien ein helles, weißes Licht auf mich. Ich hob den Kopf und spürte ein weißes, sanftes Rieseln auf meinem Gesicht, das mir über Wangen und Augen strich. Es fühlte sich wie weiße, weiche Federn an, aber das Weiß schmolz auf meiner warmen Haut. Es schneite. Weiße Flocken fielen durch das riesige Loch im Dach, wo einst der Turm gestanden hatte, und vertrieben die Dunkelheit. Ich wurde müde und wollte mich hinlegen und träumen, aber die weichen Flocken kitzelten auf meiner Haut und hielten mich wach. Hinter mir waren Schritte zu hören, ich drehte mich um – Hadrian war verschwunden. Angstvoll sah ich mich um, was war mit ihm geschehen, was war mit Garreth geschehen, aber der schneebedeckte weiße Boden war leer. Ich war allein.
Schritte näherten sich, und ich bemerkte einen gewölbten Tunnel, der von einem warmen Leuchten erfüllt war, das größer wurde und mit dem Besucher näher kam. Mein Herz schlug wild in der Hoffnung, dass es Garreth wäre, aber als das Wesen die Überreste der Steinkammer betrat, wurde ich enttäuscht. Hatte Hadrian doch die Wahrheit gesagt?
Vor mir stand ein Schutzengel, uralt und majestätisch, seine weißen Flügel waren golden gefärbt und seitlich angelegt. Mit einer Geste forderte er mich auf, nach rechts zu schauen. Die Reste der Steinwand lösten sich vor meinen Augen wie durch Zauberhand auf, ich blickte auf ein Meer aus dicht an dicht stehenden Engeln, deren vielfarbige Flügel wie eine Wolke aus Farben wirkten.
Der Engel sprach mit heiserer Stimme voller Weisheit. »Das sind Tausende von Schutzengeln, einer für jeden Menschen, manchmal auch zwei oder mehr. Du hast das Außerordentliche vollbracht. Du hast den Fortbestand unserer Gesellschaft gesichert, und damit hast du den ersten Schritt getan, um die Art zu retten, zu der du selbst gehörst. Die Schutzengel sind frei, aber der Schaden, den Hadrian angerichtet hat, kann nicht ungeschehen gemacht werden, bis die Menschen ihre Schutzengel wiederhaben wollen. Erst dann ist das Gleichgewicht der Welten wiederhergestellt.«
Seine hellblauen Augen schimmerten fast weiß. Nicht in dem unheimlichen, kreidigen Weiß, das ich bei Brynn and Claire gesehen hatte, sondern wie das Weiß in einem endlosen Himmel aus Blau. Diese Augen hatten schon viel gesehen. Es war eine Ehre, dass sie jetzt auf mein verwirrtes Gesicht blickten.
»Aber wie soll sich ein Mensch seinen Schutzengel zurückwünschen, wenn er nicht mal weiß, dass er weg ist?«
»Du bist ein Beispiel für das, was möglich ist. Die Stimme der Vernunft ist nicht nur die Stimme eines Schutzengels. Sie ist auch deine eigene. Du kannst sehr stolz auf dich sein. Ich spreche im Namen aller Schutzengel, du hast Großes vollbracht.«
»Darf ich eine Frage stellen?«, sagte ich schüchtern.
»Bitte, ich heiße Mathur, du kannst mich alles fragen.«
»Ich bin hier, weil ich jemanden suche. Ist er …? Ich muss wissen, ob er …« Ich verlor allmählich die Fassung. Wenn ich jetzt seinen Namen sagen würde, wäre sie komplett weg.
»Es geht ihm gut. Mach dir keine Sorgen, mein Kind. Du wirst ihn bald sehen«, beruhigte mich der Engel.
Darüber war ich erleichtert, aber mein Wissensdurst nicht gestillt. Wo war er? War er verletzt? Wie lange noch, bis ich ihn sehen konnte? Ich musste einfach Bescheid wissen, auch wenn ich sowieso nicht zufrieden sein würde, bis ich ihn in die Arme schließen und seinen Geruch einatmen konnte.
»Dein Leben sah vor ein paar Tagen noch ganz anders aus, nicht wahr?« Mathur faltete seine Hände.
Ich sah ihn an, lächelte und fühlte mich etwas wohler. Er erinnerte an einen Großvater, warmherzig und weise.
Was fühlte ich? Ich war immer noch ich. Ich war dasselbe Mädchen wie früher, aber etwas in mir hatte sich drastisch verändert. Im Kopf ging ich alles durch, was ich in den letzten paar Tagen erlebt hatte. Ich hatte meine beste Freundin verloren, Brynn die Stirn geboten, mich verliebt und war von einem schwarzen Engel in Versuchung geführt worden, der alles Gute, das ich je gekannt hatte, zerstören wollte. Ich hatte erfahren, was mit meinem Vater geschehen war, und Mitleid mit ihm gehabt wegen dem, was Hadrian ihm angetan hatte. Ohne meinen Vater würde es mich nicht geben, und ohne mich wäre Hadrians Plan vielleicht aufgegangen. Und ich hätte nie herausgefunden, wie ich wirklich bin, hätte Garreth nicht das Risiko auf sich genommen, menschlich zu werden und mich zu finden.
Ich sah in Mathurs Gesicht, die Falten waren wir eine Linie durch die Zeiten. Ich fragte mich insgeheim, wie alt er wohl war, da fing er an zu kichern.
»Ich bin älter als die Zeit, mein Kind. Aber du hast in acht Tagen mehr gelernt als in einem Leben möglich. Sag, gefällt dir, was in dir ist?«
»Ja.«
»Dann ist dein Richterspruch vollendet.«
»Vollendet? Das verstehe ich nicht. Muss ich nicht vor irgendwem erscheinen, einer Jury oder so? Muss ich nicht vor Gott erscheinen?«
»Kind, das bist du schon. Dein Richterspruch hängt von dir ab, und wenn du in dein Innerstes sehen kannst und dir gefällt, was da ist, dann hast du selbst über dich Gericht gesprochen. Du bist Seine Schöpfung, und wenn du darüber hinauswachsen kannst, nur Sein Wille zu sein, dann hat sich dein Schicksal erfüllt.«
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich dachte, das Schwierigste stünde mir noch bevor, aber ich hatte den Großteil der Herausforderungen schon hinter mir.
»Du siehst traurig aus, mein Kind. Was wünschst du dir?«
Mathur lächelte sanft. Er wusste, was ich mir wünschte, aber ich musste selber danach fragen, sonst zählte es nicht.
»Ich möchte bitte Garreth sehen.«
Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, nahm ich eine Veränderung in der Luft war, ein warmer Wind kündigte sein Kommen an. Ich machte die Augen zu, genoss den würzigen Geruch, der mir in der Nase kitzelte, und auf meinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Als ich die Augen wieder aufmachte, stand er vor mir und war schöner als je zuvor: Sein sandfarbenes Haar hing ihm in die strahlend blauen Augen, sein Lächeln, sein Kinn, sein ganzes Wesen, das nur für mich gemacht war. Ich warf mich in seine Arme, er hob mich in die Luft. Seine Umarmung war stark und zärtlich zugleich. Wir sagten nichts, weil keine Worte dem gerecht werden konnten, was wir in diesem Moment fühlten.
Seine warmen Hände streichelten mein Gesicht, strichen darüber, als wollten sie sich jede Linie für die Ewigkeit einprägen. »Geht es dir gut?«, fragte er schließlich.
Ich nickte, und er lächelte mich an. Plötzlich zwitscherten Vögel, und als ich mich umdrehte, entdeckte ich zwischen den Bäumen eine vertraute Schaukel.
»Wie sind wir …?«
»Der Himmel ist hier, denk dran.« Garreth küsste meine Stirn.
Ich nahm seine Hände, fühlte erneut ihre Wärme und hielt sie fest. Ich wollte nie wieder loslassen.
»Du hast geblutet.« Einen Moment lang hielt er mich von sich weg und untersuchte meine Hände, wo sie von Hadrians Federn zerstochen worden waren.
»Du hast – uns gesehen?«
Ein unerwünschter schwarzer Schatten huschte durch mich hindurch, als ich mich bruchstückhaft an Dinge erinnerte, die ich am liebsten vergessen wollte. Mir war übel, nicht weil Hadrian mich in seinen Bann gezogen hatte, sondern weil ein Teil von mir genau das genossen hatte, ein sehr kleiner Teil, den ich gerne zerkrümeln und verbrennen würde, wenn das ginge. Garreth hob meinen Kopf an, hielt mich immer noch fest, wollte mich nicht mehr gehen lassen.
»Er ist sehr …«, hob ich an.
»Mitreißend?«
»Ist er weg? Bitte sag, dass er weg ist.«
»Ja, er ist weg.« Seine Stimme klang beruhigend, aber ich war sicher, dass seine Augen irgendwas verbargen. Ich schob den Gedanken beiseite. So mitgenommen wie ich war, war zu erwarten, dass ich zu viel in alles reinlas.
Hadrian hatte mich einmal getäuscht, aber er war weg, und vor mir stand mein perfekter Engel. Ich dachte daran, wie der Dolch Hadrians Hand zerschnitten hatte. Fast hätte ich auf sein Herz gezielt. Wer hätte gedacht, dass sein Herz in seiner Hand lag: sein Oktagramm, der Ursprung seiner Macht, wie bei jedem echten Schutzengel.
Hadrians Stern war anders als der von Garreth, in seinem kämpften seine helle und seine dunkle Seite um die Vormacht. Offensichtlich konnte keine gewinnen. Ich seufzte tief. Hadrian war weg. Warum konnte ich dieses blöde Gefühl nicht abschütteln?
Ich wandte mich wieder Garreth zu. Ich wollte die Augen nicht von ihm lassen, so groß war meine Angst, ihn wieder zu verlieren.
»Zeit, dich nach Hause zu bringen«, sagte er.
Ich nickte. »Aber du kommst mit, oder?« Die Anspannung in meiner Stimme ließ sich nicht verbergen. Ich ertrug es nicht, wieder von ihm getrennt zu werden, nicht eine Sekunde.
»Du weißt, dass ich nicht lange bleiben kann, Teagan.« In seinen Augen lag Schmerz. »Denk daran, dass ich nicht in deine Welt gehöre.«
»Du hast noch zwei Tage, gib mir wenigstens die.«
Garreth lächelte mich an. Trotz der Wunden, die Hadrian ihm zugefügt hatte, sah er wie ein perfekter Engel aus. Aber sie ließen ihn menschlicher erscheinen, und ich konnte das Bild von ihm in seinem Blut liegend nicht wegwischen, auch wenn die Wunden schneller heilen würden als bei einem Menschen. Wäre er ein normaler Mensch, dann wäre er jetzt tot.
»Bald bist du zu Hause. Schlaf jetzt.«
»Ich will nicht schlafen. Ich will mit dir wach bleiben.«
»Teagan.« Wieder das großartige Lächeln, das ich so liebte. »Mit Vernunft braucht man dir wohl nicht zu kommen, wie?«
»Nein.« Ich unterdrückte ein Riesengähnen.
»Du bist unmöglich. Erstens bist du total erschöpft. Nach allem, was du durchgemacht hast, müsstest du eigentlich unter Schock stehen. Zweitens darfst du jetzt auch nicht wach bleiben. Das ist gegen die Regeln.«
»Ich bin gar nicht so müde.« Was überzeugen sollte, klang flehend. »Außerdem hab ich ja schon ziemlich viel mitbekommen, das gegen die Regeln ist, oder?«
»Habe ich dir schon gesagt, dass du so todmüde einfach wunderbar bist?« Er lachte. »Und außerdem brabbelst du.«
Ich sah ihn scharf an. Heute Nacht sollte ich es unter allen Umständen vermeiden, im Schlaf zu reden, am Ende rutschte mir noch was über Hadrian raus. Aber wem wollte ich was vormachen? Garreth war mein Engel, mein Leben war ein offenes Buch für ihn.
»Ich brabbele keineswegs.«
Er zog wortlos die Augenbrauen hoch, in den Mundwinkeln erschien ein leichtes Lächeln.
»Ich habe Angst, dass du verschwindest, wenn ich die Augen zumache.« Nur ein Flüstern sickerte aus mir heraus, er nahm mich in die Arme und erwiderte nichts auf meine Angst.
Ich drückte mein Gesicht an seine Brust. Sein Herz schlug gleichmäßig, und meine Augenlider entwickelten ein Eigenleben, gegen das ich nicht ankam. Ich fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.