KAPITEL 27

Schweißgebadet setzte ich mich auf. Mein Herz raste gefährlich. Es war dunkel, ich brauchte einen Augenblick, um mich zu orientieren. Eine Hand streckte sich aus der Dunkelheit heraus und strich mir das Haar aus dem Gesicht.
»Garreth?« Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. »Wie lange habe ich geschlafen?«
Ich wollte auf die Uhr gucken, fand sie aber nicht, und mir fiel ein, dass in meinem Zimmer nichts mehr an seinem Platz stand. Es gab viel aufzuräumen.
»Du hast drei Stunden geschlafen.«
»Drei Stunden? Warum hast du mich nicht geweckt, sobald wir hier waren?« War ihm nicht klar, wie lang drei Stunden waren? Das ist ein Riesenbatzen verlorene Zeit, die man in wachem Zustand verbringen sollte.
Er grinste und genoss meine Verzweiflung. »Du hast gebrabbelt. Ich hab es nicht übers Herz gebracht, dich zu wecken und dich um deinen … wie nennt ihr Mädchen das? Schönheitsschlaf zu bringen.«
Oh nein. Gebrabbelt.
Ich verbarg das Gesicht in den Händen. »Was hab ich gesagt?« Ich konnte ihn nicht ansehen.
»Nun, zunächst mal hast du gesagt, dass du mich liebst, und dann kamen ein paar Dinge, die ich nicht ganz verstanden habe. Wie gesagt, du brabbelst.«
Okay, jetzt kann ich hochgucken.
»Ist es wahr, dass du mich liebst?«, flüsterte er und beugte sich zu mir.
»Ja. Das ist wahr.«
Er beugte sich noch ein Stück weiter vor, dann gab er mir den süßesten, zartesten Kuss auf den Mund, der seinen Lippen möglich war. »Ein paarmal hast du Hadrian erwähnt. Nicht oft, nur ein paarmal.«
»Und?«
Wollte ich das wirklich wissen?
Er wandte einen Moment lang den Blick ab und nahm sein Licht mit. Gleich in mehrfacher Hinsicht stand ich im Dunkeln.
Ups, was habe ich angerichtet?
»Garreth?«
Er wandte sich wieder zu mir, das matte Licht aus seiner Haut fiel auf mein Gesicht.
»Es war, wie du seinen Namen gesagt hast. Ab und zu hast du im Schlaf regelrecht panisch geklungen. Fast hätte ich dich geweckt. Ich fühle mich schuldig, weil du allein mit ihm fertig werden musstest. Und dann, als die Panik vorbeiging, hast du … ich weiß auch nicht. Du hast fast so geklungen, als sei Hadrian der, den du willst.«
Er nahm meine Hand und umschloss sie mit seiner, betrachtete mein Zeichen und wechselte das Thema. »Tut es noch weh?«
»Nein, alles in Ordnung.«
Sein Finger zog die Linien in meiner Hand nach, strich dann über die weiche Haut an meinem Handgelenk und fuhr zart über die Innenseite meines Arms. Das warme Prickeln, das er auslöste, ließ mich erbeben. Ich sah zu und war erstaunt, dass seine Berührung keine sichtbare Spur hinterließ.
Garreth hob den Kopf, das Blau seiner Augen, die sogar hier im schummrigen Zimmer leuchteten, machte mich schwach.
»Danke, dass du mich gerettet hast«, flüsterte er.
»Gern geschehen.«
»Ich habe jetzt erst begriffen, dass wir unseren gemeinsamen Kreis geschlossen haben.«
»Was meinst du damit?«
Er legte den Kopf schief und betrachtete mich. »Ich bin so daran gewöhnt, dir zu helfen, als ich dann Hilfe brauchte, war ich … Ich bin dir einfach sehr dankbar.«
Ich lächelte ihn an. Er hatte recht. Es war erstaunlich, was sich alles in den letzten paar Tagen verändert hatte. Wie er und ich uns verändert hatten.
»Ich fühle mich fast – menschlich.«
»Ist das so schlimm?«
»Nein, überhaupt nicht. Da du ja jetzt ganz gut alleine klarkommst, ist es vielleicht nicht mehr so undenkbar, ein Mensch zu werden.«
»Aber dann könntest du mich nicht mehr retten.«
»Aah, da irrst du dich, meine Liebe.« Er küsste mich erneut auf den Mund. »Ich kann dich vor dem mitreißenden schwarzen Engel in deinen Träumen retten.«
»Bist du eifersüchtig – auf einen Traum?«
»Und wie«, sagte er.
Ohne Vorwarnung umfasste er mit den Händen mein Gesicht, dann lagen seine Lippen auf meinen, aber diesmal waren seine Küsse hart, drängend, menschlich und wild. Seine Hände glitten auf meine Schultern hinab, mit den Daumen zog er mir das Shirt von der Haut. Ich riss an seinen Hemdknöpfen, aber er hielt meine Hände fest und stoppte mich. Er ließ gerade lange genug los, um eine Locke glattzustreichen, die auf meinem Hals lag. Sein warmer Atem, als er die entblößte Haut über meinem Schlüsselbein küsste, ließ mir eine Gänsehaut über den Rücken laufen.
Meine Hände wühlten durch sein Haar, im Mondlicht, das durch das Fenster fiel, war zu sehen, dass es völlig verwuschelt war. Sein Hemd war ihm so gut wie vom Oberkörper gerissen und entblößte seine glatte Haut. Seine blauen Augen blickten wild, es tat fast weh, ihn anzugucken. Er war makellos. Das würde ich nie sein, erst recht nicht nach dem, was ich mir mit Hadrian erlaubt hatte. Trotzdem hatte ich es gerade hingekriegt, dass Garreth nach Luft schnappte. Vielleicht hatte ich ja doch etwas Macht.
»Was war denn das?«, fragte Garreth.
Während sich mein eigener Atem beruhigte, stellte ich erfreut fest, dass Garreth immer noch nach Luft rang.
»Wow. Ich schaffe das bei dir auch?« Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.
»Was meinst du?«
War er denn blind?
»Deinetwegen fühle ich mich die ganze Zeit so«, gab ich leise zu. Es wurde einfacher, ihm zu sagen, was ich fühlte.
»Willst du damit sagen, dass du meinetwegen die ganze Zeit über das Gefühl hast, dir bleibt die Luft weg?« Er lächelte und rückte näher an mich ran.
»Mh-hmm.«
»Und willst du damit sagen, dass dein Herz ein winziges bisschen schneller schlägt, wenn meine Lippen – sagen wir hier sind?« Seine Lippen berührten wieder meinen Hals. Er genoss das Spiel ohne Ende. Und ich? Ich fühlte mich so schwach und flatterig, als hätte ich jetzt Flügel, die mich gerade noch aufrecht hielten, während der Rest von mir dahinschmolz.
Sein Mund strich über meine Schulter. »Mmm, du bist so verführerisch.«
»Dann bleib.«
»Bin ich doch. Die Sonne geht auf.«
Widerwillig nahm ich den schwachen Lichtstrahl wahr, der über den Boden kroch.
»Es wäre höchst unangenehm, deiner Mutter die Lage erklären zu müssen, aber ich habe jetzt eine Überraschung für dich, und eine später.«
Er sah meine enttäuschte Miene, als er mich auf die Beine zog. Ich warf meine Arme um seinen Hals, als ob ihn das am Gehen hindern könnte. In dem Moment bemerkte ich meine Uhr, die genau dort auf dem wieder aufrecht stehenden Nachttisch stand, wo sie hingehörte. Ungläubig sah ich mich im Zimmer um. Es sah aus, als wäre nie was gewesen.
»Wann ist …?«
Auf der Suche nach einer Antwort drehte ich mich zu Garreth um, aber er war schon verschwunden.