KAPITEL 19

Keine Himmelsmacht trieb die Zeiger der Uhr schneller voran, daher steckte ich im Geschichtsunterricht fest und ging ein vor Langeweile. Ms Carlson hatte ›Kriege und ihre Ursachen‹ zum Thema gemacht, was eine Diskussion auslöste, ob und wann es einen Dritten Weltkrieg geben würde, was wiederum zu den Prophezeiungen des Nostradamus führte. Hatte er tatsächlich das Schicksal der Menschheit vorhergesehen? Hatte er damals im siebzehnten Jahrhundert geahnt, dass sich am Horizont etwas Dunkles zusammenbraute, das niemand je für möglich halten würde? Ich starrte die Uhr an und gab die Hoffnung auf.
In dem Moment spürte ich einen Luftzug.
Ich drehte den Kopf nach links, mein Atem dampfte, als wäre es auf einmal zwanzig Grad kälter geworden. Der Junge am Nebentisch, Seth Robards, sah mich ausdruckslos an, seine braunen Augen glasig und leer. Sein Mund stand leicht offen, aber es kam kein Atem heraus. Jeder Atemzug, den ich machte, zeigte noch deutlicher, dass er nicht atmete. Ich wandte den Blick ab.
Im Klassenraum herrschte plötzlich Totenstille. Keine Geräusche mehr von raschelndem Papier und umgeblätterten Buchseiten. Obwohl sich alle noch bewegten und sichtbare Atemwolken ausstießen, bemerkte niemand sonst die Kälte. Ms Carlson redete nach wie vor, aber ich konnte ihre Worte nicht mehr hören. Nur die Atemwolken vor ihrem Mund nahm ich noch wahr. Im Raum schien auf einmal ein Vakuum zu herrschen. Mein siebter Sinn sprang an und stellte sich auf das einzig noch hörbare Geräusch ein. Es hallte aus allen Ecken, in Sekundenschnelle wurde die Atmosphäre im Raum erdrückend.
Ich allein schien den Horror, der sich anbahnte, zu ahnen, die anderen nicht. Als das Geräusch immer lauter anschwoll, wich mir das Blut aus dem Kopf. Ich sah in die Gesichter der anderen. Nichts. Niemand außer mir schien was zu hören.
Das Geraschel von Federn schwoll zu einem ohrenbetäubenden Donnern an, aber nur in meinen Ohren. Im Raum wurde es dunkel, als ob eine große Wolke langsam über uns hinwegziehen würde, aber das bekam auch niemand mit. Meine Gefühle waren nicht zu beschreiben. Auf jeden Fall hatte ich Angst, aber komischerweise war ich auch ein bisschen erleichtert. Erleichtert, dass jetzt kam, was kommen musste.
Na los, Hadrian. Bringen wir’s hinter uns!
Ich spürte, wie die Spannung im Raum stieg, und biss die Zähne zusammen, bis mir der Kiefer wehtat. Die Wolke senkte sich herab, ging direkt vor meinem Tisch in Stellung und wuchs bedrohlich bis zur Decke an.
Dann nahm sie Form an. Ich konnte den Umriss erkennen, raue lederartige Spitzen, eingerissen und zerfleddert, schwärzer als jedes Schwarz, das mir je im Kunstunterricht untergekommen war. Mein Mund war staubtrocken, ich konnte nicht mehr schlucken. Mein Kopf schwenkte nach oben, um die riesige Gestalt vor mir erfassen zu können. Der Schatten machte eine elegante schweifende Bewegung und landete auf meinem Tisch. Der markerschütternde Schrei aus meiner Kehle war nicht aufzuhalten.
»Teagan?« Ms. Carlson durchbrach die Stille.
Ihre Stimme klang verändert, weicher, fast ein wenig ängstlich, und ich ahnte, dass sie nicht mehr über Kriege dozierte. Wahrscheinlich war Nostradamus schon seit einiger Zeit in Vergessenheit geraten.
Ich setzte mich erschreckt auf und blickte in lauter verwirrte Gesichter.
Toll. Ich bin ein Freak.
Der Raum kam mir auf einmal völlig überhitzt vor. Ich sah auf meinen Tisch und wischte schnell eine glitzernde Spuckespur mit dem Ärmel weg.
»Darf ich zur Krankenschwester gehen?«
»Natürlich. Ich gebe dir einen Laufzettel.« Sie bemühte sich um Ruhe und Kontrolle, aber in ihrer Stimme lag Nervosität.
Meiner Vermutung nach war ich im Unterricht eingeschlafen, aber der Ausdruck auf den Gesichtern meiner Mitschüler zeigte, dass noch mehr passiert sein musste. Ich musterte Seth von der Seite, er sah benommen aus.
Ich sammelte meine Sachen zusammen und ignorierte das lauter werdende Gekicher um mich herum, das Ms Carlson mit einem lauten Räuspern beendete. Garreth hatte recht, ich musste hier raus. Meine Beine trugen mich nur schwerfällig in Richtung Tür, als ob ich durch Pudding liefe, aber zum Glück schaffte ich es bis zum Lehrerpult. Ich nahm den Zettel, lächelte entschuldigend und ging aus dem Zimmer.
Davor stand bereits Garreth und wartete auf mich. In seinen blauen Augen lagen Verzweiflung und eine unaussprechliche Angst. »Wir müssen gehen. JETZT.«
Er gab mir seinen gelben Papierstreifen, auf dem »Entschuldigt« stand. Ich hatte ihn noch nie so voller Angst erlebt und wurde sofort selbst panisch. Hatte ich was damit zu tun? Ich wusste noch, dass ich im Traum jemanden herausgefordert hatte, denn jetzt war mir klar, dass es nur ein Traum gewesen sein konnte. Oder nicht?
»Woher wusstest du, dass ich aus dem Raum kommen würde?«
»Dafür ist jetzt keine Zeit, wir müssen weg.«
»Aber ich hatte so einen Traum, und …«
Garreth hielt kurz inne und legte seine beruhigenden Hände auf meine zitternden Schultern.
»Ich erklär’s dir, wenn wir im Auto sitzen. Vertrau mir, alles wird gut.« Er legte schützend seinen Arm um mich und schob mich aufs Sekretariat zu. »Lass mich reden.« Er öffnete die schwere Tür, ich folgte widerstrebend.
Ich stand neben ihm und verhielt mich so still wie möglich, während er mit den Fingern auf den langen Holztresen trommelte, bis eine verärgerte Sekretärin zu uns rüberkam. Sie nahm von Garreth die zwei Laufzettel entgegen und warf uns einen langen, misstrauischen Blick zu, bevor sie unterschrieb und sie zurückgab. Ich vermied den Blickkontakt mit ihr, in der Hoffnung, dass sie dies als Zeichen tiefer Trauer deuten und Mitleid haben würde, was unsere Flucht aus der Schule zumindest teilweise gerechtfertigt hätte.
So schnell die Schulregeln es zuließen, liefen wir zum Parkplatz. Ich saß schweigend im Jeep und wartete darauf, dass Garreths nächste Worte etwas Licht in das Ganze bringen würden, aber er blieb stumm. Er hielt das Lenkrad fest umklammert, als er vom Parkplatz auf die Hauptstraße abbog.
»Sagst du mir bitte, was los ist?«, fragte ich zu guter Letzt.
Seine Augen fixierten die Straße, als hätte er nur eins im Sinn, uns möglichst weit wegzubringen. Erst als eine vertraut aussehende Baumgruppe in Sicht kam, atmete er auf und war wieder der alte Garreth.
»Ich wusste, dass Hadrian näher kommen würde, und zwar bald, aber das hatte ich nicht erwartet.«
»Wovon redest du?«
»Je näher er kommt, desto mehr zapft er meine Kraft an, ich kann ihn dann nicht mehr spüren. Du schon. Dein Traum war kein Traum. Er war im Klassenzimmer.«
Okay, das machte mir nicht wenig Angst, das machte mir eine Heidenangst.
»Aber wenn du Hadrian nicht spüren kannst, wieso hast du dann vor dem Klassenzimmer gestanden?«
»Mal abgesehen davon, dass du geschrien hast wie am Spieß, spüre ich immer noch, wenn du mich brauchst. Du hast die Schule in ihren Grundfesten erschüttert.«
Super, noch ein Grund, die Schule zu wechseln.
Wir bogen scharf links in den schmalen Weg zwischen den Bäumen ab. Ich konnte es kaum erwarten, die kleine Steinkapelle wiederzusehen und alldem, was auf uns hereinprasselte, wenigstens für kurze Zeit zu entfliehen.
Wie beim ersten Mal war ich beim Anblick der schlichten Schönheit der Kapelle sprachlos: die alten Steine, die Holztür und die zerbrochenen bunten Glasfenster, umwuchert von Wurzeln und Unterholz, aus der Zeit gefallen. Irgendwas war anders, ich wusste nicht gleich, was, hatte aber den Eindruck, dass jemand auf der Lauer läge. Ich schüttelte das Gefühl ab. Nach der Nummer gerade im Geschichtsunterricht war es ja kein Wunder, dass meine Nerven blank lagen.
Er nahm meine Hand, langsam gingen wir auf die kleine Steinkapelle zu. Ab und zu sahen wir uns um, ob vielleicht jemand zwischen den Bäumen versteckt war. Alles sah aus wie beim letzten Mal, nichts war verändert, warum fühlte sich also alles so falsch an? Dann meldete sich wieder mein siebter Sinn und warnte mich davor, in die Kapelle zu gehen. Ich hatte keine Ahnung, ob Garreth die Warnung auch empfing. Ich wusste nicht, wie viel Engelsspürsinn er noch hatte, und fand es mehr als verwirrend, dass ich jetzt die mit den übersinnlichen Wahrnehmungskräften war, nicht er. Eigentlich war er ja mein Beschützer, nicht umgekehrt.
Wie zuvor setzten wir uns auf einen umgestürzten Baum. Er nahm meine Hand, die, die brannte, und untersuchte sie so interessiert wie ein Arzt eine Laune der Natur – die dann wohl ich wäre.
»Alles formt sich, wie es soll.«
Ich starrte ihn an. »Was?«
»Als dein Schutzengel habe ich nicht nur die Aufgabe, dich zu beschützen, sondern bin auch dein Zeuge.«
»Und jetzt mal im Klartext.«
»Du erreichst jetzt die Phase des Richterspruchs, in der deine Bestimmung enthüllt wird.«
»Aber – hast du das nicht schon getan? Ich soll doch Hadrian besiegen.«
Er nahm mein Gesicht zwischen seine Hände und wärmte meine Haut mit dem letzten bisschen weißen Licht, das ihm geblieben war. Es schien immer noch in ihm. Ich fühlte es durch seine Adern fließen, gegen meine Haut pulsieren. Er schloss die Augen, und ich merkte, wie er mich beruhigte und meinen Pulsschlag auf seinen abstimmte. Ich spürte den Drang, mich vorzulehnen, meinen Mund auf seinen zu drücken und für immer so zu bleiben. Aber zu viel stand auf dem Spiel. Ich war nicht sicher, wie viel mehr ich noch aushalten konnte. Hadrian … Engel … Warum konnten er und ich nicht einfach weglaufen und zusammen sein?
Garreth öffnete die Augen und berührte meine Hand mit den Lippen, was wenigstens einen meiner Wünsche erfüllte. Diese Berührung schloss eine innere Verbindung zwischen uns.
Nicht nur das Lebenslicht oder die emotionale Ruhe verbanden uns, sondern viel mehr. Ich fühlte hundertprozentig, dass er und ich das hier unbeschadet überstehen würden.
Wir rückten ein wenig auseinander, dann drückte er plötzlich ohne jede Erklärung seine Handfläche gegen meine. Die Hitze des Oktagramms brannte sich in meine Hand ein, erstaunt dachte ich, ob er so die Vergiftung heilen wollte.
Die Hitze ließ nach, und als ich meine Hand wiederbekam, starrte ich fassungslos darauf und schnappte nach Luft.
»Meine Hand. Da ist …«
»Das nennt sich Kreis der Einheit. Er steht für den immerwährenden Kreislauf aus Leben, Tod und Wiedergeburt.«
Ich hielt mir die Hand dicht vor die Augen, um das Zeichen genau untersuchen zu können. Es war wunderschön und gehörte mir. Ich war versucht, die Linie mit dem Finger nachzuziehen, traute mich aber nicht. Ob das wehtun würde? Ob das Zeichen verschwinden würde? Eine zarte Kurve zog sich über meine Handfläche wie ein verlängertes S und wiederholte sich dahinter noch einmal. Ein sehr feminines Symbol, das gut zu mir passte. Es gab mir Macht und kribbelte auf meiner Haut, als ob es vor magischer Kraft vibrieren würde.
Jetzt war ich also keine hilflose Jungfer mehr, sondern Garreth und Hadrian ebenbürtig. Ich gehörte dazu, war in eine göttliche Gemeinschaft aufgenommen … das war zu viel des Guten. Ich war völlig überwältigt, als ob ich ein viel zu teures Geschenk bekommen hätte. Gebe ich es zurück und sage, ich kann es nicht annehmen? Was, wenn ich den Erwartungen an mich nicht gerecht werde? Aber dadurch wurde die Aufgabe, die vor mir lag, nur noch bedeutender. Ich musste die Kraft finden und daran glauben, dass ich es schaffen konnte.
Ich begann zu zittern, meine innere Kraft schwand, zurück blieb die schüchterne siebzehnjährige Teagan, die mir so vertraut war.