KAPITEL 10

Feder

Ich traute meinen Ohren kaum.

»Meines Vaters?«

Mein ganzes Leben lang war er ein Geheimnis gewesen, abgesehen von den paar Bildern bei uns zu Hause. Mit Absicht hatte ich für mich mit ihm abgeschlossen. Ich wollte meine Mutter nicht mit Fragen löchern, die ihr das Herz brechen und immer aufs Neue eine Wunde aufreißen würden, die nie richtig verheilt war. Sie hatte ihn vor langer Zeit geliebt. Ich dagegen hatte keine emotionale Bindung zu ihm. Er war ein Fremder im Nirgendwo. Nicht mal jetzt fühlte ich was für ihn.

»Alles okay?« In Garreths Augen lag Besorgnis. Er hörte nie auf, sich um mich zu kümmern.

»Warum liegt es an mir?« Ich bekam kaum noch Luft. So hatte ich mir einen Samstag mit Garreth mit Sicherheit nicht vorgestellt.

Er sah mich an, und wir machten uns auf den Rückweg. »Nur ein Mensch mit einer Blutsverwandtschaft zu einem Erzengel kann die Zerstörung rückgängig machen. Nur wer reinen Herzens ist, kann ihn aufhalten.«

»Mein Herz ist überhaupt nicht so rein. Ich hasse Brynn Hanson, denk dran!«

»Netter Versuch, Teagan.« Garreth schüttelte den Kopf und lachte. »Im Ernst, das, was von dir erwartet wird, ist sehr wichtig. Findest du denn nicht, dass du was Besonderes bist?«

Ich sah ihn von der Seite an. »Ist das eine Fangfrage? Weil ich nichts Besonderes an mir finden kann.«

Die Sonne linste nicht mehr durch die Baumkronen, sondern warf lange Schatten. Es war später Nachmittag. Ich sah abwechselnd meine Schuhe und Garreth an, in der Hoffnung, irgendwas in seinem Gesicht lesen zu können. Ich ging schneller und wollte endlich raus aus dieser grünen Welt, um den Kopf frei zu kriegen. Die ganze Verantwortung machte mich fertig.

»Ich verstehe das mit der Blutsverwandtschaft immer noch nicht«, sagte ich kopfschüttelnd.

Garreth hielt kurz an, um die richtigen Worte zu suchen. »Das Wesen, der Geist wird auf den menschlichen Schützling übertragen. Nicht Blut im Wortsinn, es gibt auch keine richtige Verwandtschaft. Stell es dir wie eine Nachfolge vor, wie ein Erbe, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.«

Ich ließ das sacken. »Er hat was damit zu tun, dass mein Vater verschwunden ist, stimmt’s?« Garreth hielt mir die Beifahrertür auf, und ich kletterte benommen auf den Sitz. »Wusste er vielleicht zu viel?«

»Dein Vater wusste mit Sicherheit, dass Engel, Licht und Dunkelheit existieren. Vielleicht reichte das schon, ihn zu einer Bedrohung werden zu lassen. Egal wie, irgendwas hat Hadrian zu dem gemacht, was er ist. Vielleicht wollte er Luzifer einfach nur seine Macht demonstrieren.«

Garreth hatte gesagt, das Wesen eines Erzengels fließe wie Blut durch meine Adern. Dass ich für die Schutzengel die einzige Hoffnung wäre. Verzweiflung packte mich. Ich war ja nicht mal in Französisch eine Leuchte. Welche Hoffnungen konnte ich schon erfüllen?

Die Lichtung war gerade groß genug zum Wenden, und wir fuhren zurück auf die Hauptstraße. Schweigen im Walde. Garreth schien zu spüren, dass ich meinen Gedanken nachhängen wollte. Er nahm meine Hand. Ich seufzte. Ich wollte mich noch nicht verabschieden, vor allem, da wir nur ein paar Tage zusammen hatten. Und ich ahnte, dass diese letzten Tage nicht gerade rosig werden würden, was es noch schlimmer machte. Tatsächlich sollten sie sich als die schrecklichsten Tage meines ganzen Lebens herausstellen.

»Ist meine Mutter auch dabei?« Vielleicht war das ja ein Familienerbe.

»Nein. Glücklicherweise hat sie keine Ahnung von dem, was außerhalb der Menschenwelt existiert. Teagan, dein Vater war ein Held, aber du bist noch stärker. Das Erbe wird mit jeder Generation mächtiger. Du musst an dich glauben. Am Ende musste dein Vater ganz allein gegen seinen eigenen Schutzengel kämpfen, der sein Wissen über deinen Vater benutzte, um ihn zu vernichten.«

Überraschenderweise war ich traurig und wütend. Schon merkwürdig, dass mich ein so starkes Band mit jemandem verband, den ich nicht kannte, und dass meine Mutter nicht daran teilhaben konnte.

Garreth hielt am Straßenrand und wandte sich mir zu. Jetzt waren wir schon den ganzen Tag zusammen, und ich bekam bei seinem Anblick immer noch weiche Knie. Aber ich fühlte mich auch stark dabei. Was auch immer da auf mich zukam und von mir erwartet wurde, ich wusste in diesem Moment, dass ich mit allem fertig werden konnte – solange er an meiner Seite war. Ich könnte es nicht ertragen, wenn Garreth etwas zustoßen würde.

Heute hatte sich eine Tür geöffnet. Was sonst als Mythos oder übernatürliches Phänomen abgetan wurde, war auf einmal Realität, und ich stand mit großen Augen vor einer unwirklichen und unmöglichen Welt. Wenn es die gab, konnte ich dann auch das Unmögliche tun? Konnte ich, ein ganz normales Mädchen, einen schwarzen Engel besiegen? Der Gedanke, dass mein Vater, ein Erwachsener, das nicht geschafft hatte, brachte mich ins Schwitzen. Jetzt war ich an der Reihe.

»Kann ich eine blöde Frage stellen?«

»Klar, aber sie ist bestimmt nicht blöd.« Wegen der kühlen Abenddämmerung kurbelte er die Fenster hoch, und wieder wehte sein wunderbarer Geruch zu mir herüber.

»Haben Engel normalerweise Nachnamen?«

Garreth war verblüfft. »Du wechselst mal eben so von dein-Vater-gegen-das-Böse zu Nachnamen bei Engeln?«

»Ich möchte einfach verstehen. Das ist mir alles zu viel, und so gehe ich damit um, klar?«

»Ich versuch’s mal zu erklären. Das hier ist alles Neuland. Kein anderer Schutzengel hat jemals so was tun dürfen. Es ist für einen Schutzengel alles andere als einfach, als Mensch in Erscheinung zu treten. Wir sehen vielleicht so aus, aber wir sind kein bisschen wie ihr. Um mir eine menschliche Identität zu verschaffen, musste ich einen Namen annehmen, schon wegen der Schulanmeldung. Carver High hat was gegen Nachnamenlosigkeit. Das bringt die Datenbank durcheinander. Falls man nicht reich und berühmt ist, was die meisten von uns noch nicht geschafft haben.«

»Sag das bloß nicht Brynn Hanson, die flippt aus«, unterbrach ich ihn.

Sein Gelächter füllte den Innenraum des Wagens und vertrieb die Anspannung.

»Ich habe mir einen Nachnamen ausgesucht, der zu mir passt. Adam war der erste Mensch, den Gott erschaffen hat.«

»Und du bist der erste Engel, der ein Mensch wurde?«

»Nicht wirklich ein Mensch. Wir stammen nicht wie Menschen voneinander ab. Schutzengel werden ganz anders erschaffen.«

Wir rasten mit einer geradezu halsbrecherischen Geschwindigkeit nach Hause, was ich mich nie getraut hätte. Bäume und Häuser flogen regelrecht vorbei.

»He, ich dachte, euch Engeln geht’s immer um Sicherheit und das Vermeiden von Unfällen. Ist dir klar, wie schnell wir sind?«

Garreth sah mich mit neu erwachtem Schalk in den Augen an. »Ich habe die schwere Aufgabe, einen normalen Teenager darzustellen. Dann will ich wenigstens auch den Spaß haben.« Er legte den Arm um mich und zog mich zu sich heran. Mein Kopf lag an seiner Brust. Ich schloss einen Augenblick lang die Augen und wünschte, dass später nie eintreten würde.

Wir hielten vor unserem Haus. Zum Glück stand das Auto meiner Mutter noch nicht dort. Ich kletterte vom Sitz und auf den Gehweg, wo Garreth schon auf mich wartete. Er führte mich an der Hand die Stufen hoch bis vor die Tür, verdeckt vor neugierigen Nachbarn. Es war dunkel, intim, der Moment gehörte uns allein. Er hielt meinen Kopf in seinen Händen, und ich fühlte etwas an meiner Wange kitzeln. Erstaunt zog ich den Kopf weg und sah, dass das Oktagramm in seiner Hand schwach leuchtete. Blitzartig fing es hell an zu glühen, viel heller als in der Nacht, als Garreth in meinem Zimmer aufgetaucht war. Er hielt seine Hand hoch über mich. Das zauberhafte Blau seiner Augen glitzerte silbern im Widerschein, und das Licht fiel wie ein Schutzmantel um mich herum, sank in mich ein, seine Wärme lief wie weißes Blut durch meine Arme und Beine bis in die Füße. Ich konnte sehen, wie es durch mich durchfloss, es leuchtete unter meiner Haut, umhüllte mich, bis es tiefer in meinem Inneren schwächer wurde und verschwand.

»Dein Name bedeutet Licht. Das ist fast, als würdest du in mich hineinfließen.« Ich betrachtete verblüfft meine Arme.

»Ich gebe dir, was ich kann, aber möglicherweise reicht das nicht aus. Im Lauf der nächsten Tage wird das Licht in mir schwächer werden. Du brauchst es im Moment mehr als ich.« Er zog mich an sich und küsste mich auf den Kopf, seine Lippen verfingen sich in meinem Haar. Ich legte die Arme um ihn und lehnte mich an seine Brust.

»Was heißt das, dein Licht wird schwächer? Versteh ich nicht.«

Da war wieder dieser Blick in seinen Augen. Er drückte tiefes Verlangen aus nach etwas Verlorenem, das gefunden war, aber irgendwas war jetzt anders.

»Ich habe nur acht Tage. Vielleicht reicht das nicht aus, bis ich zurückkehren muss.«

Und was wäre da so schlimm dran?

»Aber dann könntest du bei mir bleiben. Das wäre doch gut, oder?«

Er schüttelte den Kopf. »Dann wäre ich nicht mehr dein Schutzengel. Ich würde auf der Erde festsitzen.«

»Aber wir wären zusammen.« Meine Stimme quietschte fast vor Aufregung.

»Teagan, ich hätte dann keine Macht mehr, um dich wie bisher zu beschützen. Soll ich jetzt nach der ganzen langen Zeit einfach aufhören? Und der Kampf mit Hadrian steht bevor, das ist sicher.«

Warum diskutierte er mit mir?

»Dann bekämpfen wir ihn gemeinsam, wie du gesagt hast.«

»Und wenn ich versage?«

Ich musste schlucken. Undenkbar. »Du hast gesagt, ich wäre wahrscheinlich stärker als du. Du brauchst mich.«

»Ich bin für dich verantwortlich. Nicht umgekehrt.«

Erzengelblut hin oder her, so schnell würde Garreth seinen Job nicht an den Nagel hängen.

»Teagan, Hadrian ist mehr hinter dir her als hinter mir. Ich bin bloß ein Hindernis in seinem Spiel.«

»Warum gibst du mir dann dein Licht?«

»Weil ich dein Schutzengel bin. Ich tue alles, um dein Leben auf der Erde zu verlängern. Ich gebe mein Leben für deins.«

Was sollte ich dazu sagen?

Garreth sah über meine Schulter hinweg in die Dunkelheit. Ich rückte noch eine Winzigkeit näher an ihn ran. Mein Herz maulte bei dem Gedanken an den bevorstehenden Abschied.

»Aber was wirst du …«

»Pssst. Ich komme heute Nacht wieder, versprochen.«

Ich hatte immer noch Angst, aber mein neu entdeckter Mut hielt mich davon ab, klein beizugeben. Unsere Finger berührten sich, glitten auseinander, dann sah ich ihm nach, wie er zum Wagen ging und einstieg.

Die Wolken zogen sich durch das dämmernde Tageslicht wie elegante Finger, die sich zusammenbiegen und das Abendglühen auslöschen. Über den Bäumen breitete sich Dunkelheit wie ein pechschwarzer Tintenfleck am Himmel aus. Ich warf einen letzten Blick auf diesen Fleck, der schnell zu einer schwarzen Wolke heranwuchs, die lebte, lauerte, wartete. Dann rannte ich rein und schlug die Tür zu.