KAPITEL 28

Auch bei genauester Überprüfung hatte ich im Spiegel nichts finden können, was die Alarmglocken meiner Mutter zum Schrillen gebracht hätte, also fühlte ich mich gerüstet und ging nach unten. Sie stand an der Spüle.
»Ach, Teagan. Ich hab dich gar nicht kommen hören.« Sie steckte zur Hälfte im Unterschrank und kramte nach einer neuen Mülltüte. »Hast du gut geschlafen?«
»Ja, geht so.«
Schlafen? Hatte ich geschlafen? Ach ja, als mich Garreth mit Zauberhand ausgeschaltet hatte auf dem Rückweg von … wo war ich noch gewesen?
»Ist alles in Ordnung mit dir?« Sie warf mir einen merkwürdigen Blick zu.
Oje, jetzt geht’s los.
»Mir geht’s gut, Mom. Warum? Sieht’s nicht so aus?«
»Vermutlich … na ja …« Sie ließ das Thema fallen. »Du siehst verändert aus, das ist alles. Hast du Hunger?« Meine Mutter drehte sich um und stopfte eine neue Mülltüte in den mandelfarbigen Eimer, den sie wieder unter dem Abguss verstaute.
Da bin ich erleichtert.
Ich beugte mich vor und nutzte die Seite des glänzenden Edelstahltoasters als Spiegel, sobald sie mir den Rücken zuwandte. Ich war zwar verzerrt, aber soweit ich erkennen konnte, war nichts Abnormes zu entdecken. Wenn sie wüsste, was ich durchgemacht hatte!
»Ich ess ein bisschen Müsli«, sagte ich und ging zu dem Stapel sauberer Schüsseln im Abtropfgestell.
»Ach, komm. Ich mach dir ein richtiges Frühstück. Wie wär’s mit Eiern? Und Speck?«
Bei dem Wort rümpfte ich die Nase. »Bloß keinen Speck.«
»Gut.« Ich wusste, auch sie dachte daran, wann es in dieser Küche zuletzt Speck zum Frühstück gegeben hatte. Kein schöner Anblick, wie ich erst umgekippt war und dann mit Spülwasser übergossen wurde, damit ich wieder zu mir kam.
Mein Pflichtbewusstsein meldete sich klar und deutlich.
»Wie war die Beerdigung?«
»Sehr schön, Liebes. Hab kein schlechtes Gewissen, weil du nicht da warst. Alle wussten, dass du gerne dabei gewesen wärst, und hatten Verständnis.«
Claires Tod gesühnt zu haben war ein gutes Gefühl, und nachdem Hadrian jetzt weg war, konnte ich mich endlich auf ungestörten Schlaf freuen. Allerdings wusste ich, dass er mich immer wieder heimsuchen würde, auch wenn er nicht mehr im Schatten lauerte. Er würde mich als Erinnerung an die Gefühle heimsuchen, die er am Ende, kurz bevor ich ihm das Leben nahm, in mir ausgelöst hatte. Ich machte die Augen zu und wollte den Gedanken daran vertreiben, aber merkwürdigerweise hielt ihn etwas in mir fest. Gerade erst hatte ich mit meinem himmlischen Freund rumgeknutscht, wie war es da möglich, dass ich jetzt hier unten stand und an den flüchtigen Moment dachte, als Hadrian mich beinahe verführt hatte? Was war ich bloß für ein Mensch? Ich war hier das Monster.
»Siehst du Garreth heute?« Auf Moms Gesicht blühte ein alberner Du-hast-einen-Freund-Ausdruck auf.
»Er hat eine Überraschung für mich.« Ich schob mir den Löffel in den Mund, um der Frage, die in ihren Augen lag, auszuweichen.
»Ach, das erinnert mich an was. Hier warten auch ein paar Überraschungen auf dich.«
Sie ging zur Hintertür. Zuerst dachte ich, ich soll den Müll rausbringen, aber sie holte einen mir unbekannten Schlüssel vom Haken neben der Tür. Den warf sie spielerisch von einer Hand in die andere, und ihr Gesichtsausdruck gab Rätsel auf. Freude und Sorge mischten sich wild durcheinander, ich fürchtete fast um ihren Verstand. Dann endlich schob sie mir den Schlüssel über den Tisch hinweg zu.
Ein Autoschlüssel. Das schwarze Plastik am Ende zeigte die Buchstaben VW. Mir blieb fast das Herz stehen. Ich stand auf und ging langsam ans Fenster, und da, neben unserer kleinen Backsteingarage, stand Claires weißes VW Cabrio.
Bevor ich irgendwas sagen konnte, stand meine Mutter neben mir und legte mir den Arm um die Schultern. Gemeinsam starrten wir schweigend das Auto an.
»Simon geht an die Uni in Indiana, und die Meyers haben beschlossen, das Haus zu verkaufen und auch dorthinzuziehen. Ich finde es gut, dass sie einen Neuanfang machen. Sieht aus, als hättest du endlich einen Wagen.«
Außer: »Ich kann Claires Auto nicht nehmen«, brachte ich kein Wort heraus.
»Claires Mutter meint, das Auto gehört dir genauso wie Claire. Sie hat darauf bestanden, dass du es bekommst. Das Auto ist wunderbar und außerdem auch noch abbezahlt. Du musst nur die Versicherungen übernehmen.« Sie drückte mir den Schlüssel in die Hand.
»Und damit zur zweiten Überraschung. In der Bibliothek ist ein Teilzeitjob frei. Nur zehn Stunden die Woche, aber das würde für die Versicherungen und Benzinkosten reichen, und du hättest noch was übrig, um mit deinen Freunden auszugehen.«
»Welche Freunde?«, flüsterte ich der Scheibe zu.
Meine Traurigkeit ließ meine Mutter innehalten. »Nun, dann sparst du eben erst mal. Außerdem können wir dann mehr Zeit zusammen verbringen, und du kommst nicht immer in ein leeres Haus. Was sagst du?«
Ich brachte es kaum fertig, ihren hoffnungsvollen Blick zu enttäuschen.
»Vielleicht, Mom. Kann ich’s mir überlegen? Vermutlich muss ich mir jetzt wirklich einen Job suchen. Aber vielleicht nicht unbedingt in der Bibliothek.«
»Sicher, Liebes. Vielleicht solltest du dir selber einen suchen. Für dich wäre ein Neuanfang auch gut.«
Ich hatte sofort das Gefühl, sie enttäuscht zu haben, konnte aber im Moment einfach nichts versprechen.
Sie ließ mich am Fenster stehen, ich starrte wie betäubt durch die Scheibe und war entscheidungsunfähig. Was sollte ich jetzt tun? Mich für die Schule fertigmachen? Claires Eltern anrufen und mich bedanken? Meine inneren Fragen wurden von außen beantwortet.
»Mach dich jetzt fertig für die Schule. Dann ist noch genug Zeit, die Meyers anzurufen und dich zu bedanken, bevor du losmusst.«
Meine Mutter ist obercool. Wie schaffte sie es, so ruhig zu bleiben, wo ich jetzt ein Auto hatte, mit dem ich natürlich sofort fahren wollte?
Vielleicht war ich ja die in der Familie, die sich immer zu viele Sorgen machte. Nein, sie konnte das auch sehr gut. Egal wie, irgendwas lag in der Luft und hatte uns verändert, sodass wir loslassen und die Änderungen annehmen konnten, die wir uns normalerweise nie zugestanden hätten.
Ein Blick auf die Uhr, und ich raste nach oben. Ich musste noch duschen, und mir war eingefallen, dass mein Führerschein seit dem Tag meiner bestandenen Fahrprüfung in meinem alten Jeansportemonnaie im Schrank lag.
»Bist du ganz sicher, dass du keinen Speck willst?« Die Stimme meiner Mutter folgte mir die Stufen hoch.
»Ha-ha«, rief ich nach unten, rannte ins Badezimmer und sperrte ihr Kichern aus.