KAPITEL 21

Meine Mutter fragte nicht, warum ich so früh schon wieder zu Hause war. Sie sah mich nur ab und zu leicht besorgt an, als wir nach einem schweigsamen Abendessen den Küchentisch abräumten. Garreth hatte natürlich recht gehabt. Genau zehn Minuten, nachdem ich durch die Tür gekommen war, hatte die Konrektorin angerufen und gefragt, ob ich gut nach Hause gekommen wäre. Sie teilte mir auch mit, dass ich morgen selbstverständlich vom Unterricht befreit wäre, damit ich zu Claires Beerdigung gehen konnte. Genau fünf Minuten vor ihrem Anruf hatte ich beschlossen, dort nicht hinzugehen. Aber das behielt ich für mich.
Natürlich war das falsch. Meine Mutter und die anderen Erwachsenen würden mich sicher beschwören, dass ich nur so einen Schlussstrich ziehen konnte. Wahrscheinlich hatten sie recht, und tief in meinem Inneren stimmte ich auch zu. Damit wenigstens eine von uns die Kleinstfamilie vertreten konnte, würde meine Mutter erst nach der Beerdigung zur Arbeit fahren. Das verschaffte mir etwas Zeit, um mich vorzubereiten und nach einem schwarzen Engel Ausschau zu halten. Wenn das überhaupt möglich war. Ich hatte keine Ahnung, wie und wo ich anfangen sollte.
Inzwischen war es mir ein persönliches Anliegen, Hadrian aufzuspüren und den mir bestimmten Weg zu gehen – wegen Claire, und um nicht den Verstand zu verlieren. Niemand wusste, wie viel Zeit noch blieb. Niemand wusste, wer Hadrians nächstes Opfer sein würde. Niemand wusste, wann er bei mir auftauchen würde.
Zum Glück war das Haus leer gewesen, als ich dort ankam. So konnte ich unbeobachtet den verzierten Dolch unter meinem Bett verstecken, eingewickelt in ein dickes Handtuch und unter einem Stapel Zeitschriften begraben. Mir war angst und bange bei dem Gedanken an dieses Ding in meinem Zimmer. Ich kam mir vor, als hätte ich ein unschätzbar wertvolles Kunststück aus einem Museum geklaut. Sobald ich an den glänzenden Goldgriff und die silberne Klinge im Handtuch auch nur dachte, wurde mir schummerig, und es überlief mich heiß und kalt. Auf der Stirn meiner Mutter hatte sich deshalb bis zum Abend eine neue Falte gebildet.
»Schatz, geht es dir gut?«
»Alles in Ordnung, Mom«, antwortete ich hastig. Durch meinen Kopf schwirrten lauter Gedanken, die ich ihr unmöglich mitteilen konnte.
»Vielleicht hätten wir mit dir zum Arzt fahren sollen, als du gestern umgekippt bist. Ich mache mir Sorgen, dass du eine Gehirnerschütterung haben könntest.«
»Wirklich, Mom. Alles okay.«
Dieses Mal legte ich mehr Gefühl in meine Antwort, in der Hoffnung, sie damit zu beruhigen. Aber sie biss nicht an, was ich auch nicht wirklich erwartet hatte. Meine Mutter machte sich aus Prinzip immer Sorgen. Wenn ich richtig darüber nachdachte, konnte ich mir das jedoch auch zunutze machen.
»Weißt du was, Mom, ich bin müde. Ich geh besser ins Bett.«
»Sicher, Liebes.«
Volltreffer. Noch ein besorgter Blick in meine Richtung. Ihre Mutterinstinkte liefen auf Hochtouren. Zum Glück war ich wirklich müde, sodass ich wahrscheinlich nicht mitbekommen würde, wenn sie in der Nacht nach mir sah.
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder den Fernsehnachrichten zu und sagte mit einem Kopfschütteln: »Es ist so traurig, Teagan. Überall nur Zerstörung und Elend. Und man könnte selbst als Nächste dran sein, das macht einem wirklich Angst.«
Ich dachte an Claire. Zerstörung und Elend waren bereits in unser Leben eingedrungen. Ich schluckte einen Kloß im Hals runter. Wer hätte gedacht, dass Claire als Nächste dran sein würde, als wir über Madame Woo lachten, oder als sie meine Chips auffutterte? Unerwartet oder nicht, sie hatte es einfach nicht verdient, dass ein bösartiges schwarzes Monster mit Riesenflügeln und einem Symbol in der Hand ihrem jungen Leben ein Ende gesetzt hatte.
Meine arme Mutter. Sie hatte die Aufgabe, mich vor der Welt zu beschützen. Und keine Ahnung, was da in den nächsten ein, zwei Tagen auf uns zukommen würde. Wenn sie wüsste, was unter meinem Bett versteckt lag …
Ich starrte den Fernseher an. Überflutungen, Feuersbrünste, Mord, Hass … und so weiter und so fort. Luzifers Hölle. Ich stapfte die Treppe zu meinem Schlafzimmer hoch und wollte diesen Tag einfach nur noch hinter mir lassen. Zwar war ich total erschöpft, aber unter meinem Bett lag eine Waffe, und ich wusste, was ich damit zu tun hatte – ob ich überhaupt schlafen konnte? Aber kaum in der Waagerechten, war ich eingeschlafen … und träumte von der Beerdigung, zu der ich morgen nicht gehen würde.
Als ich die Augen aufmachte, war es dunkel. Ich lag ganz still und starrte an die Decke. Ein leises Rascheln hatte mich geweckt, ganz sicher. Meine Gedanken kehrten zurück zu der Beerdigung in meinem Traum, ich hatte mich selber an einem offenen Grab stehen sehen. Ich war als Einzige noch auf dem Friedhof, alle anderen waren gegangen. Alleine stand ich vor dem dunklen Loch, in das man Claire legen würde, sobald ich auch weg war. Ich bereute, ihr beim Rave nicht nachgegangen zu sein. Ich vermisste sie schrecklich.
Ein flatterndes Geräusch. Mir stellten sich die Nackenhaare auf.
Hadrian. Der Name hallte in meinem ganzen Körper wider.
Hinter mir balancierte eine Krähe auf einem Ast und ließ mich nicht aus den Augen. Ich steckte meine Hand in die Tasche und fühlte kühle Steine und Draht in meinen Fingern. Der Rosenkranz aus Garreths Auto lag tief unten in meiner Manteltasche. Der Kranz gehörte jetzt mir, er war das Abschiedsgeschenk für meine Freundin, ein ewiges Symbol, dass sie für immer in meine Gebete einschloss. Ich wollte gerade den Rosenkranz auf den Sarg werfen, da wurde ich durch meinen eigenen erstaunten Aufschrei erschreckt.
»Ich wusste, dass du kommen würdest.« Claire lächelte mir zu.
Ihr Atem stank nach altem, verfaultem Holz. Ich riss mich zusammen. Es war nicht leicht, meiner Freundin nicht in das graublaue Gesicht zu schreien, unmittelbar vor meinem.
Sie schwebte, ein schauerlicher Geist, der sein eigenes Grab bewachte. Ich sah in das Grabloch zu meinen Füßen, das endlos tief zu sein schien, viel, viel tiefer als den Meter fünfzig, den ein Grab normalerweise hat. Langsam bewegte ich mich von der Kante weg und wischte mir heiße Tränen aus den Augen. So wollte ich mich nicht an sie erinnern.
Ihre Stimme änderte plötzlich den Klang. »Warum, Teagan? Warum hast du mich mit ihm zurückgelassen?« Sie zischte mich aus ihrem vermoderten Mund an.
Ich starrte sie an. Wieso sah sie so kurz nach ihrem Tod schon so verfault aus? Im wirklichen Leben war sie noch nicht mal beerdigt.
»Du bist mit Ryan und Brynn und den anderen abgezogen.« Ein Erklärungsversuch, aber ich wusste, wen sie meinte.
Gestank waberte aus dem Loch empor, begleitet von eiskalter Luft. Die Claire, die vor mir schwebte, krümmte sich vor Schmerzen. Ihr Gesicht war zu einer grässlichen Fratze aus Brynn und all den anderen atemlosen Gesichtern, die mir begegnet waren, zusammengeflossen. Seine Opfer. Seine Armee.
»Claire! Bitte!«, schluchzte ich, aber es war zu spät.
Ich verlor das Gleichgewicht und fiel in die modrige Dunkelheit. Da griff eine Hand nach mir, die ich kannte, die Hand meines Vaters von dem Bild auf meiner Kommode, und zog mich aus dem leeren Grab. Als er nach mir griff, bemerkte ich auf der Innenfläche seiner Hand eine Narbe, ein Wirbelmuster, kaum erkennbar, weil es mit den normalen Handlinien verwoben war. Auf dem Foto war es kaum zu sehen, zu klein, um aufzufallen … bis jetzt.
Hellwach schoss ich hoch, und mir war alles klar. Das Oktagramm in meinem Computer stand deutlich vor meinen Augen.
Aufgewühlt ging ich auf Zehenspitzen aus meinem Zimmer leise den Gang entlang bis zur Wäschekammer am anderen Ende. Es war schrecklich, Claire so zu sehen … aber das war nicht Claire, nicht meine Claire. Das war nur ein Traum. Sie hatte sich verändert, ebenso wie ich. Ich war nicht länger das stille, unscheinbare Mädchen von früher. Im Verlauf weniger Tage war ich eine andere geworden. Ich schlüpfte in die Kammer, wie damals als Kind, und zog an der dünnen Kette über meinem Kopf.
Ich wusste noch, dass ich mich hier früher versteckt hatte, aber nicht mehr, warum. Versteckt vor jemandem, vor etwas. Ich erinnerte mich an meine Träume als Kind, wie meine Mutter in mein Zimmer gekommen und bei mir geblieben war, bis ich wieder schlief. Und ich erinnerte mich jetzt auch deutlich an Garreth, meinen Engel, der mich beschützte, wenn meine Mutter wieder in ihr Zimmer gegangen war. Er blieb die ganze Nacht bei mir, beschützte mich vor meinen Träumen, vor den Monstern in meinem Zimmer.
Auch damals war es Hadrian gewesen, vor dem ich mich in der Kammer versteckt hatte.
Ich langte nach oben, nahm den verstaubten Karton mit Familienfotos vom Regal und zog wieder an der Kette. Dunkelheit umgab mich. Ich machte die Tür auf, tapste leise zurück in mein Zimmer, setzte den Karton auf dem Bett ab und öffnete ihn. Vorsichtig kramte ich von unten die Umschläge mit meinen Babyfotos hervor.
Nur zwei Fotos existierten von mir mit dem Mann, von dem meine Mutter sagte, dass er mein Vater sei. Eins stand in einem Silberrahmen auf meiner Kommode. Das andere sah ich mir jetzt aufs Neue an, untersuchte jede Einzelheit auf dem verblichenen Papier, das in der Mitte gefaltet worden war, als hätte man es vor langer Zeit davor bewahren wollen, zerrissen zu werden. Darauf abgebildet waren wir beide, in ganz ähnlichen Posen wie auf dem gerahmten Foto, aber trotzdem war dieses Bild anders. Er war anders.
Er sah aus wie sonst. Das gleiche gut geschnittene Gesicht, der gleiche Körperbau, aber in seinen Augen glitzerte ein merkwürdiger Widerschein. Ich betrachtete das Foto aus verschiedenen Winkeln, ich war sicher, dass seine Augenfarbe verändert aussah. Die Augen waren dunkler … schwarz … seine eine Hand wurde von meinen Babyknien halb verdeckt. Die Kamera hatte einen Teil seiner Handfläche genau im richtigen Winkel getroffen: eine merkwürdige Tätowierung aus sich überschneidenden Linien, die man leicht für die Faltlinie im Foto hätte halten können. Das war nicht das Symbol aus dem Traum. Obwohl es schwer zu erkennen war, war ich mir sicher. Zacken. Wie ein halbes Quadrat.
Sein Zeichen.
Hadrian.