30
Es war eher ein Sturm als ein Windstoß. Er kam heulend aus dem Nichts, zwang die Nadelbäume, sich vor ihm zu verbeugen, und riß den Birken und Espen das letzte Laub von den Ästen. Die wirbelnden Blätter verloren sich im dichten Nebel.
Gischt krönte nun die Kämme der niedrigen Wellen, und das Wasser brandete gegen einen Küstenstreifen, der weder Sand war, noch Kies, noch Fels – nur Gras und halb überschwemmtes Gebüsch. Tausende von Männern befanden sich dort; Leibeigene in grob gewebter Kleidung plagten sich in einem Feld aus Baumstümpfen.
»Ketzerritter!« brüllte ein Mann am Ufer. Er trug eine aus völlig unterschiedlichen Einzelteilen zusammengeflickte archaische Rüstung und starrte mit offenem Mund auf den gewaltigen Trupp Berittener, der urplötzlich aus dem Nichts erschien, als der Sturm den Nebel mit sich riß.
Ulaths Horn schmetterte noch immer seinen barbarischen Ruf hinaus, und Tikumes Peloi preschten gemeinsam mit den Ordensrittern auf ihren Pferden durchs Wasser, das zu beiden Seiten hoch aufspritzte und den Angreifern das Aussehen von Wesen verlieh, denen eisige Flügel aus dem Leib wuchsen.
»Was sollen wir jetzt tun, edler Ayachin?« rief der Mann in der zusammengestückelten Rüstung einem hageren Burschen auf einem Schimmel zu. Der Berittene trug ein besseres Kampfgewand als seine Mitstreiter, schien aber mit seinem altertümlichen Plattenpanzer und dem bronzenen Kettenhemd aus einer längst vergangenen Zeit zu kommen.
»Kämpft!« donnerte er. »Vernichtet die ketzerischen Eindringlinge! Kämpft – für Astel und unseren heiligen Glauben!«
Sperber riß Farans Zügel herum und preschte, das Schwert erhoben und den Schild vor der Brust, geradewegs auf den wiedererweckten astelischen Helden zu.
Ayachins Helm besaß kein richtiges Visier; statt dessen hing ein stählerner Nasenschutz halb über sein Gesicht, das wache Intelligenz verriet – und blinden Fanatismus. Er straffte die Schultern, hob sein schweres Schwert, drückte dem Schimmel die Fersen in die Weichen und stürmte Sperber entgegen.
Die beiden Pferde prallten zusammen, und der Schimmel taumelte zurück. Faran war größer und kräftiger und hatte seine Geschicklichkeit im Nahkampf schon oft bewiesen. Er riß mit den Zähnen große Haut- und Fleischfetzen aus dem Hals des Schimmels, während er ihn mit der Schulter umzustoßen versuchte. Sperber fing den Schwerthieb des archaischen Helden mit seinem Schild ab und konterte mit einem wuchtigen Schlag von oben, der jedoch von seinem wütenden Gegner ebenfalls mit dem rasch hochgerissenen riesigen Schutzschild abgewehrt wurde.
»Ketzer!« geiferte Ayachin. »Höllenbrut! Abscheulicher Hexer!«
»Gebt auf!« schnaubte Sperber. »Ihr habt keine Chance!« Ihm wurde bewußt, daß er diesen Mann gar nicht töten wollte, der ja schließlich nur sein Vaterland und seinen Glauben vor einer brutalen Kirchenpolitik verteidigte, die man schon vor langer Zeit aufgegeben hatte.
Der Astelier brüllte ihm seine Herausforderung entgegen und schwang erneut sein Schwert. Er bewies, daß er mit dieser Waffe umgehen konnte, doch er war kein gleichwertiger Gegner für den Pandioner im schwarzen Plattenpanzer. Wieder fing Sperber den Hieb mit dem Schild ab und schmetterte die Klinge auf die Schulter des Gegners.
»Zieht Euch zurück, Ayachin!« rief er. »Ich möchte Euch nicht töten! Ein fremder Gott aus einer anderen Zeit hat Euch betrogen und Tausende von Jahren in die Zukunft versetzt! Dies ist nicht Euer Kampf. Nehmt Eure Leute und geht!«
Aber es war zu spät. Sperber sah die Besessenheit in den Augen seines Gegners. Er hatte schon zu viele Kämpfe durchgestanden, als daß er die Merkmale dieser zerstörerischen Leidenschaft nicht erkannt hätte. Er seufzte, drängte Faran wieder gegen den Schimmel und begann mit einer Folge von Schwerthieben, die er in seinem Ritterleben so oft ausgeführt hatte, daß sie fast wie von allein erfolgten, nachdem er erst einmal begonnen hatte.
Der alte, wieder zum Leben erweckte Recke kämpfte tapfer und bemühte sich wacker, die Hiebe des Gegners mit seiner unhandlichen Waffe zu erwidern, doch der Ausgang des Kampfes war unvermeidlich. Sperbers Hiebe kamen immer wuchtiger, und bei jedem seiner heftigen Schläge lösten sich Teile der archaischen Rüstung.
Im letzten Augenblick änderte Sperber die Schlagrichtung seines letzten Hiebes, um eine unnötige Verstümmelung Ayachins zu vermeiden. Statt wie gewöhnlich das Schwert von oben herabzuschmettern und den Schädel des Gegners zu spalten, stieß er die Klingenspitze knirschend durch die alte, nutzlose Rüstung in Ayachins Brust.
Das Feuer erlosch in den Augen des uralten Kriegers. Ayachin erstarrte und kippte langsam aus dem Sattel.
In einem traurigen Gruß hob Sperber den Schwertgriff ans Gesicht.
Die astelischen Leibeigenen schrien bestürzt auf, als Ayachins Armee verschwand. Am Wasserrand stand ein wohlbeleibter Asteler, brüllte unsinnige Befehle und fuchtelte mit den Armen. Berit beugte sich aus dem Sattel und schlug ihm die flache Klinge auf den Kopf, daß er wie vom Blitz gefällt zu Boden stürzte.
Nur ein paar Trupps leisteten Widerstand, jedoch halbherzig und ohne viel auszurichten. Die meisten Leibeigenen suchten ihr Heil in der Flucht vom Ort des Schreckens. Königin Betuana und ihre Ataner trieben die von Panik erfüllten Arbeiter vom Pier, während die Ritter und Peloi eine Gasse bildeten, um ihnen den Rückzug in den Wald zu ermöglichen.
Sperber stellte sich in den Steigbügeln auf und blickte nach Norden. Die Ritter von Sorgis Schiffen trieben die törichten, irregeführten Leibeigenen auf der anderen Seite des Piers zurück zwischen die Bäume.
Die Schlacht – falls man sie so nennen konnte – war zu Ende.
Auf dem bronzefarbenen Gesicht der atanischen Königin lag ein wenig Mißmut. »Das war kein richtiger Kampf, Sperber-Ritter!« beklagte sie sich.
»Es tut mir leid, Majestät«, entschuldigte er sich. »Ich habe mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln mein Bestes getan. Das nächste Mal werde ich versuchen, mehr daraus zu machen.«
Plötzlich grinste sie ihn an. »Es war nur ein kleiner Scherz, Sperber-Ritter. Gute Planung verringert die Notwendigkeit des Kampfes, und Ihr habt gut geplant.«
»Zu gütig, Majestät.«
»Wie lange wird dieser cammorische Seemann brauchen, den Rest unserer Armee auf diese Seite der Mauer überzusetzen?«
»Noch den ganzen heutigen und den größten Teil des morgigen Tages, schätze ich.«
»Können wir es riskieren, so lange zu warten? Wir sollten Tzada erreichen, ehe die Trollbestien sich in Marsch setzen.«
»Ich werde mit Aphrael und Bhelliom reden, Majestät«, versprach Sperber. »Sie werden uns sagen können, was die Trolle tun – und sie aufhalten, falls nötig.«
Khalad kam herbeigeritten. »Keine Spur von Elron, Sperber«, meldete er. »Wir haben ein paar von diesen Leibeigenen gefangengenommen. Sie haben uns versichert, daß Elron gar nicht hier war.«
»Wer war dann der Anführer?«
»Offenbar hat der fette Kerl, den Berit mit der flachen Klinge in den Schlaf schickte, die Befehle erteilt.«
»Dann weckt ihn auf und seht zu, was ihr aus ihm herausbringen könnt. Wenn er beschließt, stur zu spielen, warten wir eben, bis Xanetia hier ist. Sie wird alles von ihm erfahren, ohne ihm ein Härchen zu krümmen.«
»Jawohl, Herr Ritter.« Khalad wendete sein Pferd und hielt Ausschau nach Berit.
»Für einen Krieger seid Ihr ziemlich weichherzig, Sperber-Ritter«, bemerkte Betuana.
»Die Leibeigenen sind nicht unsere eigentlichen Feinde, BetuanaKönigin. Ich werde Euch die andere Seite meines Wesens zeigen, sobald Zalasta uns endlich in die Hände gefallen ist.«
»Er heißt Torbik«, berichtete Khalad, als er sich den anderen im Pavillon anschloß, den sie für die Damen errichtet hatten. »Einer von Säbels führenden Anhängern. Ich glaube, er steht in Baron Kotyks Diensten. Er hat es zwar nicht zugegeben, aber ich bin ziemlich sicher, Torbik weiß, daß Elron und Säbel ein und dieselbe Person sind.«
»Weiß er auch, weshalb Elron ihn hierhergeschickt hat, statt selbst zu kommen?« fragte Tynian.
»Er hat keine Ahnung – behauptet er jedenfalls«, antwortete Khalad. »Anarae Xanetia kann in seinen Kopf blicken und es mit Gewißheit feststellen.« Khalad machte eine Pause. »Verzeiht, Anarae aber wir wissen immer noch nicht so recht, wie wir es beschreiben sollen, wenn Ihr den Gedanken anderer lauscht. Wahrscheinlich würdet Ihr unsere Formulierung weniger kränkend empfinden, wenn Ihr uns sagt, welches die richtigen Worte sind.«
Xanetia, die mit Sephrenia, Talen und Flöte gleich beim ersten Übersetzen um das Riff mit Sorgis Schiff gekommen war, lächelte. »Ich habe mich schon gefragt, wer von euch als erster davon sprechen würde. Mir dünkt, ich hätte wissen müssen, daß Ihr es sein würdet, junger Herr, denn Ihr seid von allen hier am praktischsten veranlagt. Wir Delphae nennen unsere Gabe teilen. Wir saugen die Gedanken anderer nicht aus, noch schöpfen wir sie wie zappelnde Elritzen aus dem dunklen Gewässer des Bewußtseins – wir teilen sie einfach.«
»Würdet ihr es als Kränkung empfinden, meine Herren Ritter, wenn ich darauf hinweise, daß Fragen leichter ist, als sich durch vier Sprachen einen Weg nach dem richtigen Ausdruck zu ertasten?« Khalad bemühte sich um eine Unschuldsmiene.
»Es würde uns allerdings kränken!« entgegnete Vanion.
»Gut, Eminenz. Dann werde ich nicht darauf hinweisen.« Es gelang Khalad sogar, eine ernste Miene beizubehalten. »Nun, wie dem auch sei – Torbiks Hauptauftrag war, dafür zu sorgen, daß die astelischen Leibeigenen nicht mehr als nötig mit Ayachins Kriegern sprachen. Offenbar hätte es in dieser Lage zu einem folgenschweren Durcheinander kommen können, und Elron wollte nicht, daß die beiden Erfahrungen austauschen.«
»Weiß dieser Torbik wo Elron sich zur Zeit aufhält?« fragte Kalten.
»Er weiß nicht einmal, wo er selbst ist. Elron erwähnte lediglich etwas von Ostastel und beließ es dabei. Und Torbik führte nicht wirklich das Kommando hier – ebensowenig wie Ayachin. Sie hatten einen Styriker dabei, der alle Befehle erteilte. Wahrscheinlich war er einer der ersten, der in den Wald floh, als wir hier eintrafen.«
Bevier wandte sich an Sephrenia. »Könnte das Djarian gewesen sein? Zalastas Nekromant? Irgend jemand muß Ayachin ja aus dem neunten Jahrhundert geholt haben.«
»Möglich«, antwortete Sephrenia zweifelnd. »Wahrscheinlicher ist, daß es einer von Djarians Schülern war. Lediglich der Zauber, der die Menschen aus der Vergangenheit hierherbringt, ist schwierig. Sobald sie erst mit Erfolg herbeigerufen wurden, genügt ein einfacher Zauber, sie wieder zurückzuschicken. Ich bin sicher, daß sich auch südlich der Mauer ein Styriker befand, der Incetes und dessen Männer herbeirief. Zalasta und Ogerajin können auf sehr viele Geächtete zurückgreifen.«
»Darf ich eintreten?« bat Kapitän Sorgi, der außerhalb des Pavillons stand.
»Selbstverständlich, Käpt'n«, rief Vanion.
Der silberhaarige Seemann kam herein. »Gegen morgen mittag haben wir auch den letzten eurer Männer hier an dieser Küste abgesetzt, meine Herren Ritter«, versicherte er. »Ihr möchtet doch, daß wir hier warten, nicht wahr?«
»Ja«, antwortete Sperber. »Wenn alles gut geht, müssen wir um das Riff herum zurück, sobald wir in Tzada fertig sind.«
»Wird das Wasser warm bleiben? Ich hätte es gar nicht gern, hier im Eis festzusitzen.«
»Wir kümmern uns darum, Käpt'n Sorgi«, versprach Sperber.
Sorgi schüttelte den Kopf. »Ihr seid ein seltsamer Mensch, Meister Cluff. Ihr könnt Dinge tun wie kein anderer, dem ich je begegnet bin.« Plötzlich lächelte er. »Aber seltsam oder nicht, Ihr habt mir zu guten Geschäften verholfen, seit Ihr zum erstenmal vor dieser häßlichen reichen Erbin davongelaufen seid.« Er blickte auf die anderen. »Aber ich störe Euch gewiß bei etwas Wichtigem. Wäre es möglich, kurz mit Euch allein zu reden, Meister Cluff?«
»Aber natürlich.« Sperber erhob sich und folgte dem Seemann aus dem Pavillon.
»Am besten, ich komme gleich zur Sache«, sagte Sorgi. »Habt Ihr noch etwas mit den Flößen vor, nachdem Ihr und Eure Gefährten damit um das Riff herum zurückzugekehrt seid?«
»Nein, eigentlich nicht.«
»Hättet Ihr dann etwas dagegen, wenn ich ein paar von meinen Leuten am Strand südlich des Riffs ließe, während ich Euch und Eure Freunde nach Matherion zurückbringe?«
»Nein, ich habe nichts dagegen, Käpt'n. Warum fragt Ihr?«
»Die Flöße sind aus sehr guten Stämmen gefertigt, Meister Cluff. Nachdem Eure Armee sie benutzt hat, wieder um das Riff zu gelangen, würden sie dort nur herumliegen. Es wäre wirklich eine Schande, sie verkommen zu lassen. Da dachte ich mir, ich lasse sie von den Männern, die hierbleiben, mit Tauen zusammenbinden. Sobald ich Euch dann in Matherion abgesetzt habe, kehre ich hierher zurück, und wir schaffen die Flöße im Schlepptau zum Holzmarkt in Etalon – oder vielleicht gleich nach Matherion. Sie dürften einen guten Preis bringen.«
Sperber lachte. »Guter alter Sorgi.« Er legte dem Kapitän freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. »Ihr laßt Euch keine gewinnversprechende Gelegenheit entgehen, nicht wahr? Also nehmt die Stämme – mit meinem Segen!«
»Ihr seid sehr großzügig, Meister Cluff.«
»Ihr seid mein Freund, Käpt'n Sorgi, und für meine Freunde tue ich gern etwas.«
»Ihr seid auch mein Freund, Meister Cluff. Wenn Ihr wieder einmal ein Schiff braucht, dann wendet Euch an mich. Ich bringe Euch überallhin, wohin Ihr auch wollt.« Als hätte er zuviel gesagt, machte Sorgi mit leicht erschrockener Miene eine Pause. »Zum halben Preis«, fügte er hinzu.
Die Ortschaft Tzada war bereits vor mehreren Jahren aufgegeben worden, und die umherstreifenden Trolle hatten die meisten Häuser zerstört. Tzada lag am Rand einer riesigen Sumpfwiese; Bhellioms Mauer ragte weit im Süden der Wiese empor. Soeben erschien die Sonne am südöstlichen Horizont, und das froststarre Gras glitzerte in den schräg einfallenden Lichtstrahlen.
»Wie groß ist diese Wiese, Majestät?« fragte Vanion die atanische Königin.
»Etwa sechs Meilen breit und mehr als zwanzig Meilen lang. Sie wird ein gutes Schlachtfeld abgeben.«
»Wir hoffen, eine Schlacht zu vermeiden, Majestät«, erinnerte Vanion.
Engessa befahl seinen Kundschaftern, genau festzustellen, wo die Trolle sich aufhielten. »Wir konnten sie von der Mauerkrone aus sehen«, erklärte er Vanion. »Seit ein paar Wochen haben sie sich tagtäglich in der Mitte der Wiese versammelt. Leider waren sie zu weit entfernt, als daß wir hätten sehen können, was sie dort trieben. Die Kundschafter werden sie für uns finden.«
»Wie sieht unser Plan aus, Freund Sperber?« erkundigte sich Kring und spielte mit seinem Säbelgriff. »Marschieren wir gegen sie und geben dann im letzten Moment ihre Götter frei?«
»Ich möchte zuvor mit den Trollgöttern reden«, warf Aphrael ein. »Wir müssen uns unbedingt noch einmal versichern, daß sie alle Bedingungen verstanden haben, die mit ihrer Freilassung verbunden sind.«
Vanion rieb sich die Wange. »Ich glaube, es wäre besser, die Trolle kommen zu uns, statt umgekehrt. Was meint Ihr, Sperber?«
»Auf jeden Fall. Wir müssen uns ein Täuschungsmanöver ausdenken, um sie hervorzulocken.« Sperber überlegte kurz. »Wie wär's, wenn wir etwa eine Meile in die Wiese vordringen, damit sie uns sehen können? Dann formieren wir uns auf die bewährte Weise: die Ritter in der Mitte, die Ataner zu beiden Seiten, und die Peloi an den Flanken. Cyrgon hat einen militärischen Verstand, und diese Formation ist älter als die Geschichte. Er wird glauben, wir treten zum Angriff an. Die Cyrgai sind ein aggressives Volk und würden uns ihrerseits zuerst angreifen wollen. Zwar befehligt Cyrgon diesmal Trolle und nicht seine eigenen Leute, aber ich glaube, wir können trotzdem damit rechnen, daß er das Übliche tut.«
»Das ist in diesem Fall auch angebracht.« Ulath zuckte die Schultern. »Die Trolle werden uns angreifen, sobald sie uns sehen – egal, was Cyrgon ihnen befiehlt. Der Gedanke, sich zu verteidigen, kommt ihnen überhaupt nicht in den Sinn. Sie betrachten uns als Futter, und ein Troll, der sich nicht von der Stelle rührt und darauf wartet, daß das Abendessen zu ihm kommt, geht für gewöhnlich hungrig zu Bett.«
»Ausgezeichnet!« sagte Vanion erfreut. »Wir bleiben in Formation und lassen sie bis auf etwa dreißig Fuß an uns herankommen. Dann geben wir die Trollgötter frei, und Cyrgon steht ganz allein dort draußen, mitten auf der Wiese!«
»Vielleicht nicht ganz allein«, wandte Sephrenia ein. »Zalasta könnte bei ihm sein. Ich hoffe es jedenfalls!«
»Grausames Geschöpf!« sagte Vanion liebevoll zu ihr.
»Lassen wir die Armee hier und spazieren zur hinteren Seite des Dorfes«, schlug Sperber vor. »Wenn wir mit den Trollgöttern sprechen, sollten wir es lieber nicht vor aller Augen tun.« Er wendete Faran und führte die Gefährten um die Häuserruinen herum zu einer kleineren Lichtung etwa eine Viertelmeile östlich.
Sperber hatte mit voller Absicht die Schatulle nicht geschlossen, nachdem Bhelliom sie nach Tzada versetzt hatte. Diesmal wollte er, daß seine Feinde ihn orteten.
»Blaurose«, sagte er höflich, »findest du irgend etwas falsch an unserem Plan?«
»Mir erscheint er gut, Anakha«, antwortete der Stein durch Vanions Lippen. »Es wäre jedoch ratsam, die Trollgötter zu warnen, daß Cyrgon ins Altertum zurückgreifen könnte, um Verstärkung zu holen, sobald er erkennt, daß die Trolle sich nicht mehr von ihm täuschen lassen.«
»Du bist sehr weise, mein Freund«, lobte Sperber. »Wir werden es ihnen kundtun.« Er blickte Aphrael an. »Fang jetzt lieber keinen Streit an«, mahnte er. »Wir wollen versuchen, mit unseren Verbündeten auszukommen – zumindest, bis die Schlacht geschlagen ist.«
»Verlaß dich auf mich«, entgegnete sie.
»Habe ich eine andere Wahl?«
»Nein, hast du nicht. Bring jetzt die Trollgötter herbei, Sperber. Gehen wir es an! Der Tag dauert nicht ewig.«
Er murmelte irgend etwas vor sich hin.
»Ich hab' dich nicht verstanden!«
»Solltest du auch nicht!« Er hob den glühenden Edelstein. »Bitte bring sie jetzt herbei, mein Freund«, bat er. »Die Kindgöttin wird ungeduldig.«
»Das ist mir nicht entgangen, Anakha.«
Und dann standen die riesigen, blauschimmernden Erscheinungen der Trollgötter vor ihnen.
»Es ist soweit«, sagte Sperber auf trollisch. »Dies ist der Ort, an den Cyrgon eure Kinder geschafft hat. Laßt uns zusammen gegen Cyrgon vorgehen und ihm unendliche Qualen bereiten.«
»Ja!« brüllte Ghworg begeistert.
»Denkt an die Bedingungen unseres Pakts«, sagte Aphrael. »Ihr habt euch damit einverstanden erklärt, und ich nehme euch beim Wort!«
»Wir werden uns daran halten, Aphrael«, versicherte Ghworg ihr mürrisch.
»Dann wollen wir die Bedingungen wiederholen!« forderte sie die Trollgötter auf. »In Eile gegebene Versprechen vergißt man leicht. Eure Kinder werden die meinen nicht mehr fressen! Habe ich euer Wort darauf?«
»Ja«, schluchzte Ghnomb.
»Khwaj wird seine Feuer dämmen und Schlee sein Eis. Ghworg wird seinen Kindern verbieten, die meinen zu töten, und Zoka wird keiner Trollin gestatten, mehr als zwei Junge zu gebären. Bestätigt ihr euer Wort?«
»Ja, wir bestätigen es«, sagte Ghworg ungeduldig. »Und jetzt gib uns frei!«
»Einen Moment noch. Haben wir auch euer Wort, daß eure Kinder sterblich werden? Daß sie altern und sterben wie die meinen?«
Die Trollgötter heulten wütend auf. Offenbar hatten sie darauf gehofft, Aphrael hätte dieses Versprechen vergessen.
»Habe ich euer Wort?« bohrte sie mit unverkennbarer Drohung nach.
»Wir versprechen es«, sagte Schlee widerstrebend.
»Dann laß sie frei, Sperber.«
»Gleich.« Er sprach nun selbst zu den Trollgöttern. »Wir wollen Cyrgon Schmerz zufügen. Er soll schon den süßen Geschmack des Triumphes kosten, ehe wir ihm den Sieg entreißen. Dann ist die Niederlage sehr viel bitterer, und er wird viel stärker leiden.«
»Er spricht gut«, wandte Schlee sich an seine Mitgötter. »Laßt uns seine Worte anhören. Laßt uns erfahren, wie Cyrgon sich in Schmerzen winden wird.«
Sperber erklärte ihnen in raschen, groben Zügen den Schlachtplan. »Wenn sich eure Kinder also zehn Schritt von Aphraels Kindern entfernt befinden und Cyrgon triumphiert, erscheint ihr und entreißt ihm eure Kinder, die er euch gestohlen hat. Möge er dann voller Schmerz und Qual seine eigenen Kinder aus der dunklen Vergangenheit rufen, um sich auf uns zu stürzen. Ich werde ein gutes Wort bei der Kindgöttin einlegen, auf das sie dieses eine Mal gestattet, daß eure Kinder sich an denen Cyrgons gütlich tun. Ja, Cyrgon selbst wird ihre Zähne spüren, während sie das Fleisch seiner Kinder reißen und beißen!«
»Eure Worte sind gut, Anakha«, lobte Schlee. »Beinahe wärt Ihr würdig, ein Troll zu sein.«
»Ich danke euch für eure hohe Meinung«, erwiderte Sperber nach einigem Zögern.
Die Armee rückte in gleichmäßigem Trott vor. Die schräg einfallenden Strahlen der frühen Morgensonne schimmerten auf den Rüstungen der Ordensritter, die Wimpel an ihren Lanzen flatterten und die Hufe ihrer noch nicht ganz ausgebildeten Streitrosse zermalmten das kniehohe Gras der Wiese. Die Ataner stürmten zu beiden Seiten neben ihnen her, und Tikumes Peloi – wahrscheinlich die beste leichte Reiterei der Welt – bildeten die Flügel der Streitmacht. Trotz Vanions heftigem Protest hatten sich Sephrenia und Xanetia den Rittern angeschlossen, während Flöte, aus irgendeinem undurchschaubaren Grund, diesmal mit Talen ritt.
Sie waren etwa zwei Meilen hinaus auf die bereifte Wiese getrottet, als Vanion die Hand zum Halt hob. Ulath blies einen langen, durchdringenden Ton auf seinem Ogerhorn und gab auf diese Weise den Befehl weiter.
Engessa, Betuana und Kring schlossen sich den Gefährten an. »Wir kennen jetzt weitere Einzelheiten«, erklärte Betuana. »Einige unserer Kundschafter haben sich im hohen Gras versteckt und die Trolle beobachtet. Cyrgon redet eindringlich auf die Menschbestien ein. Er wird von einigen Styrikern begleitet. Meine Männer beherrschen die Sprache dieser Ungeheuer nicht und konnten deshalb nicht verstehen, was Cyrgon sagte.«
»Das ist nicht schwer zu erraten«, meinte Tynian. »Wir sind eine beachtliche Armee, und wir haben in der traditionellen Schlachtordnung Aufstellung genommen. Cyrgon glaubt, daß wir die Trolle anzugreifen beabsichtigen. Er bereitet sie auf den Kampf vor.«
»Konnten Eure Kundschafter einen oder mehrere von den Styrikern erkennen, Betuana?« fragte Sephrenia mit grimmigem Gesicht.
Die atanische Königin schüttelte den Kopf. »So nahe sind sie nicht herangekommen.«
»Zalasta ist dort, Sephrenia«, sagte Xanetia. »Ich spüre die Anwesenheit seines Geistes.«
»Könnt Ihr seine Gedanken hören, Anarae?« erkundigte sich Bevier.
»Nicht deutlich, Herr Ritter. Er ist noch nicht nahe genug.«
Vanion runzelte die Stirn. »Ich wünschte, wir hätten Gewißheit, daß unsere List Erfolg haben wird. Die Sache könnte eine böse Wendung nehmen, falls Zalasta durch Zufall unsere wahren Absichten erfährt. Haben Eure Kundschafter in etwa feststellen können, wie viele Trolle sich dort draußen befinden, Majestät?«
»Etwa fünfzehnhundert, Vanion-Hochmeister«, antwortete Betuana.
»Das ist fast die gesamte Herde«, bemerkte Ulath. »Es gibt nicht sehr viele Trolle.« Er verzog das Gesicht. »Ist auch nicht nötig. Schon ein einziger Troll wiegt bei einem Kampf eine ganze Schar von Männern auf.«
»Wären unsere Truppen überhaupt stark genug, würden wir tatsächlich eine Schlacht beabsichtigen?« fragte Tynian.
Ulath zuckte unsicher mit den Schultern. »Es wäre ausgesprochen knapp. Wir haben lediglich zwölftausend Mann. Mit so wenigen Kriegern fünfzehnhundert Trolle anzugreifen käme schon einer Verzweiflungstat gleich.«
Der Hochmeister nickte. »Unsere List ist also durchaus glaubhaft. Cyrgon und Zalasta dürften demnach keinen Grund haben, Verdacht zu schöpfen.«
Sie warteten. Die Pferde der Ritter wurden unruhig und waren von Minute zu Minute schwieriger unter Kontrolle zu halten.
Plötzlich kam eine Atanerin über die weißglitzernde Wiese herbeigelaufen. »Sie rücken vor, Betuana-Königin!« schrie sie bereits aus einer Entfernung von mindestens dreihundert Fuß.
»Dann sind sie darauf hereingefallen!« freute sich Talen.
»Wir werden sehen«, brummte Khalad. »Wir sollten den Tag nicht vor dem Abend loben.«
Die Kundschafterin erreichte die Gefährten.
»Was hast du gesehen?« fragte Betuana.
»Die Menschbestien kommen auf uns zu, Betuana-Königin«, antwortete die Frau. »Sie laufen jede für sich. Einige sind weit voraus, andere bleiben weit zurück.«
»Trolle können sich gar nicht vorstellen, als geschlossene Einheit zu kämpfen«, erklärte Ulath. »Das ist ihnen viel zu kompliziert.«
»Wer befehligt sie?« fragte Betuana.
»Etwas, das sehr groß und häßlich ist, Betuana-Königin«, berichtete die Kundschafterin. »Die Menschbestien um dieses schreckliche Wesen herum sind viel größer als jeder Ataner, aber diesem Ungeheuer reichen sie nicht einmal bis zur Körpermitte. Auch Styriker sind dabei – acht habe ich gezählt.«
»Hat einer davon Silberhaar und -bart?« fragte Sephrenia angespannt.
»Zwei. Einer ist dünn, der andere fett. Der Dünne ist ganz nahe bei der häßlichen Kreatur.«
»Das ist Zalasta«, sagte Sephrenia düster.
»Ich werde dir jetzt ein Versprechen abnehmen, Sephrenia«, sagte Vanion mit fester Stimme.
»Du kannst dir deine Ermahnungen an den Helm stecken, Vanion«, entgegnete sie finster, wobei sie die Hände auf seltsame Weise öffnete und schloß.
Engessa lächelte schwach. »Ihr hattet recht, Sperber-Ritter. Als wir letztes Jahr Sarsos erreichten, sagtet Ihr, Sephrenia sei zweihundert Fuß groß. Sie scheint wahrhaftig zu wachsen, wenn man sie näher kennenlernt, nicht wahr? Ich möchte jetzt nicht in Zalastas Schuhen stecken.«
»Ich auch nicht«, gestand Sperber.
»Würdest du mir wenigstens versprechen, alles genau zu überlegen, bevor du zur Tat schreitest und über Zalasta herfällst?« flehte Vanion. »Um meinetwillen? Mein Herz hört zu schlagen auf, wenn du in Gefahr bist.«
Sie lächelte ihn an. »Wie lieb du das sagst, Vanion. Aber ich bin nicht die einzige, die sich jetzt in Gefahr befindet!«
Und dann hörten sie es: ein dumpfes, rhythmisches Stampfen, wie vom Aufschlagen nackter Fersen von Hunderten von Fußpaaren, die sich im Gleichschritt vorwärtsbewegten, begleitet von einem viehischen Grunzen und kehligen Bellen. Dann brachen das Stampfen und Grunzen plötzlich ab, und ein grauenvoll klingendes, schrilles Geheul durchschnitt die kalte Luft.
»Kring!« rief Ulath. »Sehen wir nach!« Sofort galoppierten die beiden hinaus auf die eisige Wiese.
»Was ist das?« fragte Vanion.
»Etwas sehr, sehr Böses«, antwortete Kalten angespannt. »Wir hören dieses Heulen nicht zum erstenmal. Als wir nach Zemoch unterwegs waren, stießen wir auf einige Kreaturen, die Sephrenia die Urmenschen nannte. Verglichen mit ihnen sind die Trolle zahme Hündchen.«
»Und die Trollgötter haben keine Macht über sie«, fügte Sephrenia hinzu. »Vielleicht müssen wir uns zurückziehen.«
»Niemals!« Betuana brüllte es beinahe heraus. »Ich werde nicht mehr weglaufen – vor gar nichts! Keine noch so schrecklichen Ungeheuer werden mich dazu zwingen! Meine Ataner und ich werden hier sterben, wenn es sein muß!«
Ulath und Kring kamen mit verblüfften Gesichtern zurück. »Es sind ganz gewöhnliche Trolle!« berichtete Ulath. »Aber sie stampfen und grunzen und heulen auf dieselbe Weise wie damals diese Menschen aus der Urzeit.«
Flöte lachte plötzlich hell auf.
»Was ist so komisch?« fragte Talen.
»Cyrgon«, antwortete sie immer noch lachend. »Ich wußte ja, daß er dumm ist. Aber daß er so dumm ist, hätte ich nicht erwartet. Er kennt den Unterschied zwischen Trollen und Urmenschen nicht! Er zwingt die Trolle, sich so zu benehmen, wie es ihre Vorfahren getan haben. Aber das läßt sich mit Trollen nicht machen. Dadurch verwirrt Cyrgon sie nur. Reiten wir ihnen entgegen, Sperber. Ich möchte sehen, wie Cyrgon die Augen aus dem Kopf fallen.« Sie stieß ihre Füßchen mit den Grasflecken in die Weichen von Talens Pferd und zwang die anderen, ihr und Sperber zu folgen.
Als sie die Kuppe eines niedrigen Hügels erreichten, zügelten sie ihre Pferde. Die Trolle kamen in einer fast eine Meile breiten Front schlurfend, mit den Fersen aufstampfend und wie im Chor grunzend näher.
Eine gewaltige Gestalt, die Ghworg, dem Gott des Tötens, sehr ähnlich sah, bewegte sich mit schweren Schritten in ihrer Mitte und hieb mit einer riesigen, eisenbeschlagenen Keule auf den gefrorenen Boden.
Die monströse Gestalt war dicht von einer Gruppe weißgewandeter Styriker umgeben. Ganz deutlich konnte Sperber Zalasta zu Cyrgons Rechter sehen.
»Cyrgon!« rief Aphrael. Ihre Stimme war durchdringend, und sie benutzte eine Ausdrucksweise, aus der nur vereinzeltes Styrisch klang und die mit elenischen und tamulischen Redewendungen sowie mit Worten aus einem halben Dutzend anderer, unbekannter Sprachen durchsetzt war.
»Was ist das für eine Sprache?« fragte Betuana.
»Die Zunge der Götter«, antwortete Vanion in demselben, ein wenig hölzernen Tonfall, den seine Stimme stets annahm, wenn Bhelliom durch ihn sprach. »Die Kindgöttin verspottet Cyrgon.« Vanion fuhr ein wenig zusammen. »Es war vielleicht unklug von dir, zuzulassen, daß deine Göttin immer nur von Eleniern umgeben war, Sephrenia«, meinte Bhelliom. »Die Worte, die sie wählt, um ihre Verwünschungen und Beleidigungen auszudrücken, erscheinen mir unziemlich für sie, die doch so jung an Jahren ist.«
»Aphrael ist alles andere als jung, Blaurose!« antwortete Sephrenia.
Ein Lächeln huschte über Vanions Lippen. »Es mag dir so erscheinen, doch es kommt immer darauf an, von wo und wann man eine Sache betrachtet. Für mich ist eure scheinbar uralte Göttin kaum älter als ein Wickelkind.«
»Sei nett«, murmelte Aphrael. Dann setzte sie ihre Schimpftirade auf den inzwischen wütenden Cyrgon fort.
»Könnt Ihr jetzt Zalastas Gedanken hören, Anarae?« fragte Kalten.
»Klar und deutlich, Herr Ritter.«
»Vermutet er, daß wir etwas Unerwartetes tun werden?«
»Nein. Er vermeint, den Sieg bereits in der Hand zu haben.«
Aphrael hielt mitten in einer Verwünschung inne. »Dann wollen wir ihm diesen Triumph rauben. – Laß jetzt die Trollgötter frei, Sperber.«
»Wenn du die Güte hättest, Blaurose«, sagte Sperber höflich, »wirf deine unerwünschten Bewohner jetzt hinaus.«
»Nur zu gern, Anakha«, versicherte Bhelliom mit hörbarer Erleichterung.
Diesmal waren die Trollgötter von keiner blauen Aura umgeben. Sie erschienen abrupt und überdeutlich in all ihrer erschreckenden Häßlichkeit. Sperber unterdrückte seinen Abscheu.
»Geh zu deinen Kindern, Ghworg!« befahl Aphrael auf trollisch. »Dein Äußeres wurde von Cyrgon gestohlen. Also ist es dein Recht, ihn dafür zu bestrafen.«
Ghworg pflichtete ihr brüllend bei und tobte den Hügel hinunter, dicht gefolgt von anderen Trollgöttern.
Der falsche Ghworg starrte den Hang hinauf auf die grauenvolle Wirklichkeit, die da auf ihn herabstürmte. Und plötzlich stieß er einen furchtbaren Schmerzensschrei aus.
»Das ist Cyrgon, nicht wahr?« rief Kalten »Passiert das sogar Göttern?« fragte Talen Flöte. »Bereitet es ihnen ebensoviel Schmerzen wie einem Menschen, wenn einer ihrer Zauber gebrochen wird?«
Flöte schnurrte beinahe. »Viel größere Schmerzen. Cyrgons Gehirn steht jetzt in Flammen.«
Auch die Trolle starrten auf ihre so plötzlich erschienenen Götter. Ein Riese von Troll, der unweit des sich vor Schmerzen windenden Gottes der Cyrgai stand, streckte beinahe abwesend einen Arm aus, hob einen kreischenden Styriker in die Höhe und riß ihm den Kopf ab. Dann warf er den Schädel zur Seite und begann, den noch zuckenden Körper zu verschlingen.
Die Trollgötter brüllten irgend etwas im Chor, und die Trolle warfen sich mit dem Gesicht zu Boden.
Cyrgon wand sich immer noch. Er kreischte, und die sieben übrigen Styriker brachen wie vom Blitz gefällt zusammen. Der falsche Ghworg löste sich bebend in Nichts auf, und Cyrgon erschien plötzlich als formloser Klumpen bleichen und dennoch eindringlichen Lichtes.
»Das also ist Cyrgon«, sagte Aphrael höhnisch. »Angeblich ist er sehr stolz auf seine Fähigkeit, menschliche Gestalt annehmen zu können. Aber ich glaube, dazu ist er viel zu ungeschickt. Würde er es versuchen, dann würde er den Kopf wahrscheinlich verkehrt herum aufsetzen oder beide Arme aus einer Seite des Körpers wachsen lassen, dieser hirnrissige Trampel.« Triumphierend rief sie noch einige weitere Beleidigungen.
»Aphrael!« Sephrenia schien ehrlich schockiert zu sein.
»Ich habe mir diese Schmähungen für diese besondere Gelegenheit aufgehoben«, entschuldigte sich die Kindgöttin. »Es war nicht beabsichtigt, daß du sie hörst.«
Cyrgons Feuer flackerte nun wild. Es loderte grell auf und schien gleich darauf beinahe zu erlöschen, um im nächsten Augenblick wieder zuckend emporzuflammen – als sichtbarer Beweis seiner zunehmenden Qual.
»Was fühlt Zalasta jetzt?« fragte Sephrenia begierig die Anarae.
»Sein Schmerz ist bereits so schrecklich, daß ich ihn nicht mehr zu beschreiben vermag«, antwortete Xanetia.
»Liebe, liebe Schwester«, jubelte Sephrenia. »Ihr macht mich glücklicher, als Ihr Euch vorstellen könnt!«
»Werdet Ihr sie je wieder bändigen können?« fragte Sperber Vanion.
»Das dürfte einige Zeit dauern«, antwortete Vanion in besorgtem Tonfall.
Die sich windende, unfertig wirkende Gestalt des flammenden Cyrgon richtete sich halb auf und fuchtelte mit einem riesigen, feurigen Arm. Etwa eine halbe Meile hinter den Trollen war plötzlich ein überwältigendes Funkeln und Glitzern zu sehen.
»Er hat seine Cyrgai gerufen!« rief Khalad. »Wir müssen etwas tun!«
»Ghworg! Schlee!« donnerte Vanion mit Bhellioms gewaltiger Stimme. »Cyrgon hat seine Kinder gerufen! Nun dürfen eure Kinder futtern!«
Die Trollgötter schwollen noch weiter an und erteilten ihren demütig auf dem Bauch liegenden Anhängern brüllend Befehle. Die Trolle plagten sich auf die Füße und stierten hungrig auf die näher kommenden, aus uralter Zeit beschworenen Cyrgai. Dann stürzten sie sich mit ohrenbetäubendem Brüllen auf das Festmahl, das Cyrgon ihnen so großzügig bescherte.
Ehlana war müde. Es war einer dieser anstrengenden Tage gewesen, an denen es so viel zu tun gab, daß man nichts richtig zu Ende führen konnte, ehe nicht bereits die nächste dringende Angelegenheit zu erledigen war. Ehlana hatte sich mit Mirtai, Alean und Melidere zurückgezogen, um sich zu Bett zu begeben. Danae, die Rollo an einem Bein hinter sich her zerrte, folgte ihnen und gähnte herzhaft.
»Der Kaiser war heute abend ziemlich eigenartiger Laune«, bemerkte Melidere und schloß die Tür hinter ihnen.
Ehlana setzte sich an ihre Frisierkommode. »Sarabians Nerven werden zur Zeit stark belastet. Die Zukunft des gesamten Imperiums hängt davon ab, was Sperber und die anderen bei ihren Untersuchungen im Norden erreichen. Ehe sie nicht zurück sind, weiß Sarabian nichts über den derzeitigen Stand der Dinge, und das macht ihn begreiflicherweise ziemlich nervös.«
Danae gähnte wieder und kuschelte sich in einem Sessel zusammen.
»Wo ist deine Katze?« fragte Ehlana.
»Irgendwo«, antwortete Danae schläfrig.
»Seht in meinem Bett nach, Mirtai«, bat Ehlana. »Pelzige Überraschungen mitten in der Nacht mag ich nicht besonders.«
Mirtai strich suchend über die Bettdecke; dann ließ sie sich auf die Knie nieder und blickte unter alle Möbelstücke. »Sie ist nicht zu sehen, Ehlana«, meldete sie.
»Dann such sie lieber, Danae«, wies die Königin ihre Tochter an.
»Ich bin so müde, Mutter«, wehrte Danae ab.
»Je schneller du deine Katze gefunden hast, desto eher kannst du dich schlafen legen. Wir wollen sie diesmal erwischen, bevor sie sich aus der Burg stiehlt. Begleitet sie, Mirtai. Nachdem ihr die Katze gefunden habt, bringt Danae zu Bett. Dann seht nach, ob Ihr Stragen oder Caalador finden könnt. Einer der beiden sollte mir noch einen Bericht über die Vorgänge in der cynesganischen Botschaft heute abend bringen. Ich hätte das gern erledigt, ehe ich mich niederlege, denn ich möchte nicht, daß sie mitten in der Nacht an meine Tür hämmern.«
Mirtai nickte. »Komm mit, Danae!«
Die Prinzessin seufzte. Sie kletterte aus dem Sessel, küßte ihre Mutter und folgte der bronzefarbenen Riesin aus dem Gemach.
Alean machte sich daran, der Königin das Haar zu bürsten. Ehlana mochte das. Es entspannte sie und bereitete ihr ein angenehmes Gefühl beinahe sinnlicher Trägheit. Sie war sehr stolz auf ihr Haar. Es war dicht und schwer und von seidigem Aschblond – eine erstaunliche blasse Farbe für die dunkelhaarigen Tamuler. Ehlana wußte, daß aller Augen sich bewundernd auf sie richteten, wann immer sie einen Raum betrat.
Die drei Frauen unterhielten sich gerade über irgend etwas Belangloses, als ein zaghaftes Klopfen an der Tür zu vernehmen war.
»O je«, murmelte Ehlana. »Seht doch bitte nach, wer es ist, Melidere.«
»Jawohl, Majestät.« Die Baroneß erhob sich, durchquerte das Schlafgemach, öffnete die Tür und sprach kurz mit den Leuten, die draußen standen. »Es sind vier Peloi, Majestät«, sagte sie. »Sie haben Neuigkeiten aus dem Norden.«
»Laßt sie ein, Melidere.« Ehlana drehte sich zur Tür um.
Der erste, der hereinkam, trug typische Peloikleidung, eng anliegend, zum Großteil aus Leder, und einen Säbel an der Seite. Das Gesicht des Burschen war sonnengebräunt; der nach Sitte der männlichen Peloi kahlgeschorene Schädel jedoch war bleich wie ein Fischbauch.
Der Mann hinter ihm hatte einen gepflegten schwarzen Bart. Sein blasses Gesicht kam Ehlana irgendwie bekannt vor.
Die letzten beiden trugen ebenfalls Peloikleidung und hatten rasierte Schädel, aber sie waren zweifellos keine Peloi. Bei dem ersten handelte es sich um Elron, den unreifen astelischen Poeten; der zweite – mit dicken Tränensäcken und sichtlich leicht betrunken – war Krager.
»Ah«, sagte er mit alkoholschwerer Zunge, »wie schön, Euch wiederzusehen, Majestät.«
»Wie seid Ihr hier hereingekommen, Krager?« fragte Ehlana ungehalten.
»Nichts leichter als das, Ehlana.« Er verzog das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. »Ihr hättet einige von Sperbers Rittern als Wache hierbehalten sollen. Ordensritter sind aufmerksamer als tamulische Soldaten. Wir haben uns als Peloi verkleidet und uns die Köpfe kahlgeschoren – und schon hat uns niemand auch nur einen zweiten Blick gegönnt. Elron hat sich das Gesicht mit seinem Umhang verhüllt, als die Baroneß die Tür öffnete – nur als Vorsichtsmaßnahme. Aber es war fast zu leicht, bis zu Euch vorzudringen. Ihr kennt Elron doch, nicht wahr?«
»Ich kann mich schwach an ihn erinnern. Ihr auch, Melidere?«
»Ich glaube schon, Majestät«, antwortete das blonde Mädchen. »War er nicht dieser literarische Stümper, den wir in Astel kennenlernten?«
Elrons Gesicht wurde plötzlich weiß vor Zorn.
»Ich bin kein Sachverständiger, wenn es um Poesie geht, meine Damen.« Krager zuckte die Schultern. »Wenn Elron sagt, daß er ein Poet ist, glaube ich ihm. Darf ich den Damen Baron Parok vorstellen?« Er deutete auf den Mann, der als erster eingetreten war.
Parok machte einen Kratzfuß. Sein Gesicht war mit den durchscheinenden roten Äderchen eines Trinkers durchzogen, und seine Augen lagen hinter aufgedunsenen Tränensäcken.
Ehlana beachtete ihn nicht. »Ihr werdet hier nicht lebend davonkommen, Krager. Das ist Euch doch klar, nicht wahr?«
»Ich komme immer lebend davon, Ehlana.« Er grinste unverschämt. »Ich lasse bei meinen Vorbereitungen stets größte Sorgfalt walten. Jetzt möchte ich Euch mit unserem Führer bekannt machen. Das ist Scarpa.« Er wies auf den Bärtigen. »Ich bin sicher, Ihr habt von ihm gehört. Er konnte es kaum erwarten, Eure Bekanntschaft zu machen.«
»Er wird sich nicht lange daran erfreuen können. Ruft die Wachen, Melidere.«
Scarpa versperrte der Baroneß den Weg. »Eure gut gespielte Tapferkeit ist völlig fehl am Platze«, sagte er kalt und voller Verachtung zu Ehlana. »Ihr bildet Euch viel zuviel ein. All diese Kratzfüße und Verbeugungen und Majestät hier und meine Königin da sind Euch zu Kopf gestiegen und haben Euch vergessen lassen, daß Ihr nur eine Frau seid.«
»Ich glaube nicht, daß ich vom Bastardsohn einer Hure eine Lektion in Anstandsregeln brauche«, entgegnete sie.
Flüchtiger Zorn huschte über Scarpas Gesicht. »Wir vergeuden Zeit.« Seine Stimme war tief und weittragend – die Stimme eines Bühnenkünstlers –, und seine Bewegungen wirkten einstudiert. Offenbar hatte er viel Zeit vor einem großen Publikum verbracht. »Wir müssen vor dem Morgengrauen noch viele Meilen zurücklegen.«
»Ich begebe mich nirgendwohin!« erklärte Ehlana.
»Ihr geht, wohin ich es sage, und unterwegs werde ich Euch beibringen, wo Euer Platz ist!«
»Was versprecht Ihr Euch von all dem?« fragte Melidere heftig.
»Den Sieg und das Imperium.« Scarpa zuckte die Schultern. »Wir nehmen die Königin von Elenien als Geisel. Bei seiner Dummheit vergißt ihr Gemahl, daß die Welt voller Frauen ist, und eine ist nicht viel anders als die nächste. Doch törichterweise hängt er so sehr an ihr, daß er alles für ihre unbeschadete Rückkehr geben wird.«
»Seid Ihr wirklich ein solcher Idiot, daß Ihr tatsächlich glaubt, mein Gemahl würde Euch Bhelliom für mich geben?« höhnte Ehlana. »Sperber ist Anakha, Ihr Narr, und er hat Bhelliom in der Hand. Das macht ihn zu einem Gott. Er hat Azash getötet, er wird Cyrgon töten, und ganz gewiß wird er Euch töten! Betet zu den Göttern, daß er es schnell tut, Scarpa. Es steht in seiner Macht, Euch eine Million Jahre lang sterben zu lassen, wenn es ihm gefällt.«
»Ich bete nicht. Nur Schwächlinge verlassen sich auf Götter!«
»Ich glaube, Ihr unterschätzt Ritter Sperbers Hingabe an Euch, Ehlana«, warf Krager ein. »Er wird alles geben, damit er Euch sicher zurückbekommt.«
»Das braucht er nicht!« sagte Ehlana scharf. »Mit euch vieren werde ich selbst fertig. Bildet ihr euch wirklich ein, ihr kommt hier wieder heraus, wenn auf ein Wort von mir die gesamte Garnison heranstürmt?«
»Leider werdet Ihr kaum Gelegenheit haben, dieses Wort auszusprechen!« höhnte Scarpa. »Ihr seid ein wenig zu überheblich, Weib! Ich glaube, Ihr müßt erst die volle Bedeutung Eurer Lage erkennen.« Er drehte sich um und zeigte auf Baroneß Melidere. »Tötet sie!« befahl er auf elenisch.
»Aber …«, protestierte der stümperhafte Poet mit dem teigigen Gesicht.
»Tötet sie!« schnaubte Scarpa. »Tut Ihr es nicht, töte ich Euch!«
Elron zog mit zitternder Hand seinen Degen und näherte sich der Baroneß, die ihn herausfordernd anblickte.
»Das ist keine Stricknadel, Tölpel«, verspottete Melidere ihn. »Ihr könnt den Degen ja nicht einmal richtig halten! Bleibt bei Eurem Leisten und schändet die Sprache, Elron. Ihr habt weder die Geschicklichkeit noch den Mumm, einen Menschen zu töten. Aber Ihr könnt auch Eure sogenannte Dichtkunst als Waffe einsetzen und die Leute damit zu Tode langweilen.«
»Wie könnt Ihr es wagen!« schrie Elron, und sein Gesicht lief tiefrot an.
»Wie kommt Ihr mit Eurer Ode an Blau voran, Elron?« höhnte Melidere. »Ihr könntet ein Vermögen damit machen, wenn Ihr sie als Brechmittel verkauft. Noch ehe Ihr Euren ersten Vers vorgetragen hattet, konnte ich den Brechreiz kaum noch unterdrücken.«
Elron heulte, rasend vor Wut, und versuchte, ihr seinen Degen in den Leib zu stoßen.
Ehlana hatte Sarabian oft genug beim Fechtunterricht zugeschaut, um nun zu erkennen, daß Elrons Stoß sein Ziel verfehlen würde. Die unerschrockene Baroneß lenkte den Stich mit den Händen ab, die sie in einer Geste scheinbar hilfloser Verteidigung hob, und Elrons Klinge glitt durch ihre Schulter.
Melidere keuchte und gab schmerzerfüllte Laute von sich. Sie umklammerte die Klinge mit beiden Händen und verbarg auf diese Weise die Stelle, wo sie eingedrungen war. Dann taumelte sie zurück, wodurch sie sich von der Klinge befreite. Sie krallte nach der Wunde und verteilte das herausspritzende Blut über das Mieder ihres Nachtgewands. Dann erst ließ sie sich fallen.
»Ihr Mörder!« schrillte Ehlana und eilte zu ihrer am Boden liegenden Freundin. Sie warf sich über die reglose Melidere und weinte und schluchzte in scheinbarer Trauer. »Könnt Ihr den Schmerz ertragen?« murmelte sie in einer kurzen Pause zwischen zwei Schluchzern.
»Es ist nur ein Kratzer«, log Melidere wispernd.
»Richtet Sperber aus, daß mir nichts fehlt«, wies die Königin sie flüsternd an, zog den Ring vom Finger und versteckte ihn unter Melideres Mieder. »Und ich verbiete ihm, Bhelliom herzugeben – egal, was die Kerle mir antun wollen.« Tränenüberströmt erhob sie sich. »Dafür werdet Ihr hängen, Elron!« versprach sie mit tödlich kalter Stimme. »Vielleicht lasse ich Euch auch auf dem Scheiterhaufen verbrennen – bei ganz kleinem Feuer!« Sie riß eine Decke vom Bett und zog sie über Melidere, um eine nähere Untersuchung der ›Toten‹ zu vermeiden.
»Wir gehen jetzt«, bestimmte Scarpa ungerührt. »Die andere ist ebenfalls Eure Freundin, glaube ich.« Er deutete auf die kreidebleiche Alean. »Wir nehmen sie mit. Wenn Ihr auch nur einen Mucks von Euch gebt, schneide ich ihr persönlich die Kehle durch.«
»Denkt an die Botschaft, Graf Scarpa«, erinnerte Krager ihn und zog ein zusammengefaltetes Papier aus seiner ledernen Peloijacke. »Wir müssen für Sperber ein paar nette Zeilen hinterlassen – nur damit er weiß, daß wir hier waren, um unsere Aufwartung zu machen.« Dann nahm er ein kleines Messer in die Hand. »Verzeiht, Königin Ehlana…« Er grinste und blies ihr seinen abscheulichen Weinatem ins Gesicht. »Ich brauche einen Beweis für Sperber, daß wir Euch als Geisel halten.« Er packte eine Strähne von Ehlanas Haar und säbelte sie mit dem kleinen Messer ab. »Wir werden diese Strähne zusammen mit der Nachricht hierlassen, damit Sperber sie mit späteren Botschaften vergleichen und sich vergewissern kann, daß es sich tatsächlich um Euer Haar handelt.« Sein Grinsen wurde noch niederträchtiger. »Sollte Euch das plötzliche Bedürfnis übermannen, um Hilfe zu rufen, Ehlana, dann denkt daran, daß wir im Grunde genommen nur Euren Kopf benötigen. Wir können Haare davon ernten und brauchen den Rest gar nicht mitzunehmen, solltet Ihr uns zu große Mühe machen.«