16
Der dichte, verschwommene Nebel, der sie umgab, besaß das gleiche unbestimmte Grau und war keine Spur dunkler als bei jenen Gelegenheiten, da Bhelliom sie bei Tageslicht an andere Orte befördert hatte. Ob es Nacht oder Tag war, schien keine Bedeutung für ihn zu haben. Vage wurde Sperber bewußt, daß Bhelliom sie durch einen anderen Raum trug, eine farblose Leere, die an sämtliche Orte grenzte – eine Art Tor zum Überallhin.
»Ihr hattet recht, Eminenz«, sagte Kalten zu Vanion, als sie zum sternenübersäten Firmament blickten. »Es ist hier tatsächlich später.« Er blickte scharf zu Xanetia, die im Sattel schwankte. »Fühlt Ihr Euch nicht wohl, Erhabene?«
»Es ist nichts, Herr Ritter. Nur ein leichtes Schwindelgefühl.«
»Ihr werdet Euch daran gewöhnen. Die ersten paarmal ist man gehörig durcheinander, aber das gibt sich.«
Khalad hielt Sperber die Schatulle hin, und er legte Bhelliom wieder hinein. »Ich tue das in unser beider Interesse«, versicherte er dem Edelstein. »Unsere Feinde können deine Anwesenheit spüren und den Ort feststellen, solange du bar jeder schützenden Umhüllung bist. Diese Schatulle verbirgt dich vor ihrem geistigen Auge.«
Bhelliom pulsierte sein Einverständnis.
Sperber klappte den Verschluß seines Ringes zu, ließ sich von seinem Knappen die Schatulle reichen und schloß auch sie. Dann schob er sie an ihren gewohnten Platz unter seinem Kittel zurück.
Das im Fackelschein rot schimmernde Matherion lag unter ihnen, und der bleiche Lichtpfad des soeben aufgegangenen Mondes erstreckte sich vom Horizont über das Tamulische Meer auf die opalisierenden Dächer – ein weiterer der unzähligen Wege zu jener Stadt, die von den Tamulern als Mittelpunkt der Welt bezeichnet wurde.
»Seid Ihr für einen Vorschlag aufgeschlossen, Sperber?« fragte Talen.
»Du redest genau wie Tynian.«
»Ich weiß. Ich versuche ihn während seiner Abwesenheit würdig zu vertreten. Wir waren Matherion so lange fern, daß wir nicht wissen, was hier vorgeht. Was haltet Ihr davon, wenn ich mich in die Stadt stehle, mich umsehe und ein paar Fragen stelle?«
Sperber nickte. »Ist gut. Aber bleib nicht die ganze Nacht fort.«
Talen schwang sich vom Pferd und öffnete seine Satteltasche. Er nahm einen groben, mit Flicken versehenen Kittel heraus und zog ihn über seine Kleidung. Dann bückte er sich, rieb die Hand im Staub der Straße und verteilte den Schmutz beinahe kunstvoll auf seinem Gesicht. Schließlich zerzauste er sich das Haar und ließ eine Handvoll Spreu vom Straßenrand darauf rieseln. »Was meint Ihr?« fragte er Sperber.
Sperber zuckte die Schultern. »So wird es schon gehen.«
»Ihr könntet wirklich ein bißchen mehr Anerkennung zeigen!« Talen stieg wieder in den Sattel. »Khalad, komm mit. Du kannst auf mein Pferd aufpassen, während ich ein bißchen herumschnüffle.«
Khalad nickte, und die beiden ritten den Hang hinunter.
»Ist dieses Kind wirklich so begabt?« fragte Xanetia.
»Er wäre beleidigt, würde er hören, daß Ihr ihn Kind nennt, Erhabene«, antwortete Kalten. »Ich kenne niemanden, der sich besser auf die Kunst des Tarnens versteht.«
Sie zogen sich ein Stück von der Straße zurück und warteten.
Etwa eine Stunde später kehrten Talen und sein Bruder zurück.
»Seit unserer Abreise hat sich offenbar kaum etwas geändert«, meldete der Junge.
»Keine Straßenkämpfe, meinst du?« Ulath lachte.
»Noch nicht. In der Schloßanlage geht es allerdings ein wenig hektisch zu. Es hat mit irgendwelchen Dokumenten zu tun. Die ganze Regierung ist in Aufruhr. Allerdings schien niemand Genaueres zu wissen. Die Ordensritter und Ataner sind aber noch Herr der Lage; demnach wäre es unbedenklich, auf den Innenhof von Ehlanas Burg zu springen.«
Sperber schüttelte den Kopf. »Wir reiten dorthin. Gewiß halten sich noch Tamuler innerhalb der Mauern auf, und wahrscheinlich sind die Hälfte davon Spitzel. Schließlich wollen wir unser Geheimnis nicht leichtfertig preisgeben. Ist Sarabian noch in der Burg?«
Talen nickte. »Eure Gemahlin bringt ihm wahrscheinlich ein paar Kunststücke bei – ›Herumrollen‹, ›Totspielen‹, ›Stöckchen holen‹ und dergleichen mehr.«
»Talen!« rief Itagne.
»Ihr habt unsere Königin noch nicht kennengelernt, nicht wahr, Exzellenz?« Talen grinste. »Das wird eine ganz neue Erfahrung für Euch sein.«
»Es hat mit der Einrichtung eines neuen Ablagesystems zu tun, Eminenz«, antwortete der junge Pandioner an der Zugbrücke auf Vanions Frage. »Wir haben Platz zum Umordnen gebraucht, deshalb breiteten wir alle Regierungsakten auf dem Rasen aus.«
»Und wenn es regnet?«
»Würde es die Arbeit wahrscheinlich sehr erleichtern, Eminenz.«
Auf dem Innenhof saßen die Gefährten ab und stiegen die breite Freitreppe zur kunstvoll geschnitzten Eingangstür hinauf. Dort blieben sie kurz stehen und zogen weichgepolsterte Schuhe an, um die empfindlichen Perlmuttfliesen im Palast zu schonen.
Königin Ehlana wußte bereits von ihrer Ankunft und erwartete sie an der Tür zum Thronsaal. Sperber klopfte das Herz bis zum Hals, als er seine liebreizende junge Gemahlin sah. »Wie freundlich von Euch, Uns aufzusuchen, Ritter Sperber«, bemerkte sie spöttisch, dann aber schlang sie ihm die Arme um den Hals.
»Tut mir leid, daß wir so lange gebraucht haben, Liebes«, entschuldigte er sich, nachdem sie sich eher förmlich geküßt hatten. Sperber war sich der sechs oder sieben anwesenden Tamuler allzu bewußt, und es entging ihm auch nicht, wie sehr sie sich bemühten, so zu tun, als würden sie nicht lauschen. »Wollen wir uns nicht hinaufbegeben, meine Königin? Wir haben uns viel zu erzählen, und ich würde gern aus diesem Kettenhemd schlüpfen, ehe es mit meiner Haut zusammenwächst.«
»Du wirst doch nicht mit diesem stinkenden Ding meine Gemächer betreten, Sperber! Soviel ich weiß, liegen die Bäder in dieser Richtung.« Sie zeigte auf eine Tür am Ende des Ganges. »Nimm deine duftenden Freunde mit. Die Damen können mit mir kommen. Ich werde den anderen Bescheid geben lassen, dann treffen wir uns in einer Stunde im großen Salon. Ich bin sicher, die Erklärung für eure Säumigkeit wird sich als ungemein faszinierend erweisen.«
Nachdem Sperber gebadet und in Wams und enges Beinkleid geschlüpft war, fühlte er sich sehr viel wohler. Er und seine Freunde stiegen die Treppe des mittleren Turms hinauf, in dem sich die königlichen Gemächer befanden.
»Ihr kommt spät, Sperber!« tadelte Mirtai, als die Gefährten ans Ende der Treppe gelangten.
»Ja. Meine Gemahlin hat mich bereits darauf aufmerksam gemacht. Kommt mit herein. Auch Ihr müßt Euch das anhören.«
Ehlana und die andern, die in Matherion geblieben waren, hatten sich in dem großen blauen Salon versammelt. Es fiel auf, daß Sephrenia und Danae fehlten.
»Endlich!« rief Kaiser Sarabian, als sie eintraten. Sperber staunte über das veränderte Aussehen des Kaisers. Sein Haar war aus der Stirn gekämmt und mit einem Band zusammengehalten, und er trug ein enges schwarzes Beinkleid und ein Leinenhemd mit bauschigen Ärmeln. Irgendwie sah er jünger aus, und er hielt einen Degen mit der Vertrautheit, die von viel Übung zeugte. »Jetzt können wir mit dem Sturz der Regierung weitermachen!«
»Was hast du ausgeheckt, Ehlana?« fragte Sperber.
Sie zuckte die Schultern. »Sarabian und ich haben unseren Horizont erweitert.«
»Wußte ich doch, daß ich nicht so lange hätte wegbleiben dürfen!«
»Ich bin froh, daß du selbst es zur Sprache bringst. Dieser Gedanke bewegt mich nämlich ebenso!«
»Erspar dir doch Zeit und Unannehmlichkeiten, Sperber«, riet Kalten. »Zeig ihr einfach, weshalb wir diesen kleinen Ausflug machen mußten.«
»Gute Idee.« Sperber langte unter sein Wams und brachte die Schatulle zum Vorschein. »Die Sache ist uns über den Kopf gewachsen. Deshalb hatten wir beschlossen, Verstärkung zu holen.«
»Ich dachte, das tut Tynian bereits.«
»Die Lage hat ein etwas wirkungsvolleres Vorgehen erfordert.« Sperber drückte seinen Ring an den Deckel der Schatulle. »Öffne dich!« sagte er. Er ließ den Deckel nur einen Spalt offen, damit man den Ring seiner Gemahlin nicht sehen konnte.
»Was hast du mit deinem Ring gemacht, Sperber?« rief Ehlana, ohne den Blick von seinen Händen zu nehmen.
»Das werde ich dir gleich erklären.« Er griff in die Schatulle und nahm Bhelliom heraus. »Deshalb mußten wir fort, mein Schatz.« Er hielt den Stein in die Höhe.
Ehlana starrte darauf und wurde noch bleicher, als sie ohnehin war. »Sperber!« stieß sie hervor.
»Was für ein wundervoller Edelstein!« rief Sarabian und streckte die Hand nach der Saphirrose aus.
»Tut das lieber nicht, Majestät!« warnte Itagne. »Das ist der Bhelliom. Er duldet Sperber, aber für jeden anderen könnte er sich als gefährlich erweisen.«
»Bhelliom ist ein Märchen, Itagne.«
»Ich habe in letzter Zeit meine Meinung über verschiedene Märchen geändert, Majestät. Sperber hat Azash mit Hilfe Bhellioms vernichtet – nur, indem er Azash mit dem Stein berührte. Ich würde an Eurer Stelle nicht danach greifen, mein Kaiser. Euer Verhalten in den letzten Monaten hat zu einiger Hoffnung Anlaß gegeben, und wir würden Euch gerade jetzt nicht gern verlieren.«
»Itagne!« wies Oscagne ihn scharf zurecht. »Was redest du!«
»Wir sind hier, um den Kaiser zu beraten, Bruderherz, nicht, um ihm zu schmeicheln. Ach, übrigens, Oscagne, als du mich nach Cynestra sandtest, hast du mir Generalvollmacht erteilt, nicht wahr? Wenn du möchtest, können wir meine Bestallung ja noch einmal durchgehen; aber ich bin ziemlich sicher, daß ich diese Vollmacht hatte – wie üblich. Nun, ich hoffe, es macht dir nichts aus, alter Junge, aber ich habe unterwegs Bündnisse geschlossen.« Er hielt inne und fuhr nach kurzer Pause fort: »Nun, Sperber hat die eigentliche Arbeit getan; aber durch meine Stellung konnte ich der Sache so etwas wie Rechtmäßigkeit verleihen.«
»Du hättest zuvor in Matherion nachfragen müssen, Itagne!« Oscagne bekam einen tiefroten Kopf.
»Sei vernünftig, Oscagne! Ich habe bloß einige Gelegenheiten beim Schopf gefaßt, die sich boten. Außerdem befand ich mich wohl kaum in der Position, Sperber zu sagen, was er tun dürfe und was nicht, oder? In Cynestra hatte ich die Dinge mehr oder weniger im Griff, als Sperber und seine Freunde auftauchten. Wir verließen Cynestra und …«
»Einzelheiten, Itagne! Was hast du in Cynestra getan?«
Itagne seufzte. »Du kannst manchmal wirklich anstrengend sein, Oscagne. Ich habe herausgefunden, daß Botschafter Taubel und Kanzad, der dortige Vertreter des Innenministers, unter einer Decke steckten. König Jaluah tanzte nach ihrer Pfeife.«
Oscagnes Gesicht wurde düster. »Taubel ist zum Innenministerium übergelaufen?«
»So ist es. Vielleicht solltest du auch deine anderen Botschaften unter die Lupe nehmen. Innenminister Kolata war sehr rührig. Ach ja, ich habe Taubel und Kanzad – sowie die gesamten dortigen Polizeikräfte und den größten Teil des Botschaftspersonals – in ein Verlies werfen lassen, den Ausnahmezustand erklärt und der atanischen Garnison die Verantwortung übertragen.«
»Du hast was?«
»Irgendwann einmal werde ich dir einen Bericht darüber schreiben. Du kennst mich gut genug um zu wissen, daß ich einen guten Grund dafür hatte.«
»Du hast deine Vollmachten überschritten, Itagne!«
»Du hast mir unbeschränkte Vollmacht gegeben, alter Junge. Also hatte ich freie Hand! Du hast nur gesagt, ich solle mich umsehen und das Erforderliche tun. Und das habe ich getan!«
»Wie hast du es geschafft, die Ataner ohne schriftliche Vollmacht zum Mitmachen zu überreden?«
Itagne zuckte die Schultern. »Befehlshaberin der atanischen Garnison ist eine sehr gutaussehende, recht muskulöse, ziemlich junge Dame. Ich habe sie verführt, was sie mit großer Begeisterung aufnahm. Glaub mir, Oscagne, sie würde alles, einfach alles für mich tun. Du könntest eine entsprechende Eintragung in meine Personalakte machen – über meine Bereitwilligkeit, für das Kaiserreich Opfer zu bringen. Das liebe Kind wollte mir als Zeichen seiner Zuneigung die Köpfe von Taubel und Kanzad schenken. Ich hab's abgelehnt. Meine Zimmer in der Universität sind so schon viel zu voll. Ich habe an den Wänden keinen Platz mehr für ausgestopfte Trophäen. Also sagte ich ihr, sie solle die beiden statt dessen einsperren und gut auf König Jaluah aufpassen, bis Taubels Nachfolger eintrifft. Du brauchst dich mit seiner Ernennung aber nicht zu beeilen. Ich habe vollstes Vertrauen zu meiner atanischen Freundin.«
»Du hast die Beziehungen zu Cynesga um zwanzig Jahre zurückgeworfen, Itagne!«
»Welche Beziehungen?« schnaubte Itagne. »Die Cynesganer reagieren nur auf rohe Gewalt, und die habe ich bei ihnen angewandt.«
»Ihr habt Bündnisse erwähnt, Itagne«, warf Sarabian ein und schnippte mit der Spitze seines Degens. »Wem habt Ihr denn mein unendliches Vertrauen und meine Zuneigung geschenkt?«
»Ich wollte gerade darauf kommen, Majestät. Nachdem wir Cynesga verlassen hatten, begaben wir uns nach Delpheus. Wir sprachen mit dem Oberhaupt der Delphae, dem Anari – ein sehr alter Mann namens Cedon –, und er bot uns seine Unterstützung an. Sperber kümmert sich um unseren Teil der Abmachung; es entstehen also keine Kosten für das Imperium.«
Oscagne schüttelte den Kopf. »Das muß er von der mütterlichen Seite unserer Familie haben, Majestät«, entschuldigte er sich. »Es gab da einen ziemlich merkwürdigen Onkel…«
»Wovon redet Ihr, Oscagne?«
»Vom offenkundigen Irrsinn meines Bruders, Majestät. Ich habe gehört, daß so etwas erblich ist. Glücklicherweise schlage ich nach der väterlichen Seite. Sag mal, Itagne, hörst du auch Stimmen? Erscheinen dir purpurrote Giraffen?«
»Manchmal bist du wirklich schwer von Begriff, Oscagne.«
»Würdet Ihr uns vielleicht erzählen, was vorgefallen ist, Sperber?« bat Sarabian.
»Itagne hat es bereits richtig gesagt, Majestät. Täusche ich mich, daß ihr Tamuler Bedenken gegenüber den Leuchtenden habt?«
»Nein«, entgegnete Oscagne. »Bedenken würde ich es nicht nennen, Hoheit. Wie könnten wir Bedenken wegen eines Volkes haben, das nicht existiert?«
»Darüber könnten wir die ganze Nacht diskutieren, ohne zu einem Ergebnis zu kommen«, warf Kalten ein. »Erhabene«, wandte er sich an Xanetia, die mit leicht gesenktem Kopf neben ihm saß, »würde es Euch etwas ausmachen, diesen Leuten zu zeigen, wer Ihr seid? Andernfalls werden sie sich tagelang streiten.«
»Wenn es Euer Wunsch ist, Herr Ritter«, antwortete sie.
»So förmlich, meine Liebe?« Sarabian lächelte. »Hier in Matherion bedienen wir uns nur bei Hochzeiten, Beerdigungen, Krönungen und anderen beklagenswerten Anlässen dieser Redeweise.«
»Wir lebten seit langer Zeit völlig abgeschieden, Kaiser Sarabi an«, sagte Xanetia, »völlig unberührt vom Wind der Neuerungen und den wechselhaften Gezeiten des Sprachgebrauchs. Ich versichere Euch – was Euch als gezwungene Förmlichkeit erscheint, kommt ungebeten über unsere Lippen und ist unsere übliche Redeweise bei den seltenen Gelegenheiten, wenn Sprache uns zur Verständigung als erforderlich erscheint.«
Die hintere Tür des Salons schwang auf, und Prinzessin Danae, die Rollo hinter sich her zog, trat ein, dicht gefolgt von Alean.
Xanetia blickte erstaunt und voller Ehrfurcht auf das kleine Mädchen.
»Sie ist eingeschlafen«, erklärte die Prinzessin ihrer Mutter.
»Sie ist doch nicht etwa krank?« fragte Ehlana.
»Die edle Sephrenia war offenbar sehr müde, Majestät«, erwiderte Alean. »Sie hat ein Bad genommen und sich anschließend zu Bett begeben. Ich konnte sie nicht einmal dazu bewegen, einen leichten Imbiß zu sich zu nehmen.«
»Wahrscheinlich ist es das beste, sie erst einmal ausschlafen zu lassen«, meinte Ehlana. »Ich werde gleich nach ihr sehen.«
Kaiser Sarabian hatte die kurze Unterbrechung genutzt, um sich ein paar gestelzte Redewendungen auszudenken. »Wahrlich«, wandte er sich an Xanetia, »Eure Art zu sprechen, erfreut Unser Ohr. Doch schmerzt es Uns, daß Ihr Uns mit Eurer Anwesenheit nicht schon eher beehrt habt, denn Eure Lieblichkeit und elegante Sprache hätten Unseren Hof verschönt. Eure strahlenden Augen und Euer sanftes Wesen wären ein ununterbrochener Quell der Freude für uns gewesen.«
»Eure Worte sind süß wie Honig, Majestät.« Xanetia neigte höflich den Kopf, »und es entgeht mir nicht, daß Ihr ein meisterhafter Schmeichler seid.«
»Sagt das nicht!« protestierte er. »Wir versichern Euch, daß Unsere Worte aus dem Herzen kommen.« Offensichtlich genoß Sarabian das Spielchen.
Xanetia seufzte. »Ich fürchte, Eure Meinung über mich wird sich ändern, wenn Ihr seht, wie ich wirklich bin. Ich habe mein Äußeres verändert, um Eure Untertanen nicht zu erschrecken. Würden sie mich in meiner wahren Gestalt erblicken, würden sie vor Furcht schreiend fliehen, wie ich zu meinem großen Leidwesen zugeben muß.«
»Könnt Ihr wirklich solche Furcht erregen, liebliche Maid?« Sarabian lächelte. »Wir können Euren Worten keinen Glauben schenken. Vielmehr scheint es Uns, daß Unsere Untertanen vor Freude schreien würden, wenn Ihr über die Straßen Unseres vielgerühmten Matherion schreitet.«
»Das müßt Ihr selbst beurteilen, Majestät.«
»Äh – ehe es soweit ist, dürfte ich mich nach dem Gesundheitszustand Eurer Majestät erkundigen?« fragte Itagne vorsichtshalber.
»Ich befinde mich bei bester Gesundheit, Itagne.«
»Keine Kurzatmigkeit? Kein Druck oder Ziehen in Eurer Majestät Brust?«
»Ich habe bereits gesagt, daß ich gesund bin, Itagne!« schnaubte Sarabian.
»Ich kann es nur hoffen, Majestät! Darf ich Euch dann die erhabene Xanetia, Anarae der Delphae vorstellen?«
»Ich glaube, Euer Bruder hat recht, Itagne. Auch ich fürchte, daß Euer Verstand – großer Gott!« Sarabian starrte voller Entsetzen auf Xanetia. Wie Farbe aus einem billigen Stoff schwand die Farbe aus ihrer Haut und ihrem Haar, und ihr natürliches Glühen, das sie bislang unterdrückt hatte, kam wieder zum Vorschein. Sie erhob sich, und Kalten stand neben ihr auf.
»Jetzt ist der Stoff, aus dem Eure Alpträume sind, zu Fleisch geworden, Sarabian«, sagte Xanetia traurig. »Dies ist, wer und was ich bin. Euer Diener Itagne hat Euch gut und wahrheitsgetreu berichtet, was im sagenhaften Delphaeus vor sich gegangen ist. Ich würde Euch gern auf die eine Weise begrüßen, wie sie Euch als Kaiser gebührt, doch wie alle Delphae bin ich eine Ausgestoßene und gehöre deshalb nicht zu Euren Untertanen. Ich bin hier, um jene Dienste zu leisten, zu denen mein Volk sich auf Grund unseres Bündnisses mit Anakha bereiterklärt hat, den Ihr Sperber von Elenien nennt. Fürchtet mich nicht, Sarabian, denn ich bin hier, um zu dienen und nicht, um zu vernichten.«
Mirtai, die kreidebleich geworden war, stellte sich entschlossen vor ihre Herrin und zog ihr Schwert. »Lauft, Ehlana!« sagte sie grimmig. »Ich werde sie aufhalten.«
»Das ist nicht nötig, Mirtai von Atan«, versicherte Xanetia ihr. »Wie ich schon sagte, wird niemand in diesem Raum Schaden durch mich nehmen. Steckt Euer Schwert ein.«
»Verfluchte, ich werde Euer abscheuliches Herz als Scheide dafür benutzen!« Mirtai hob die Klinge – und schien im selben Augenblick von einem gewaltigen Hieb getroffen zu werden. Sie taumelte rückwärts und stürzte zu Boden.
Kring und Engessa sprangen sofort herbei und langten nach ihren Waffen.
»Ich will ihnen nicht weh tun, Anakha«, warnte Xanetia, »aber ich muß mich schützen, damit ich die Bedingungen des Bündnisses zwischen Euch und meinem Volk erfüllen kann.«
»Laßt die Klingen stecken!« befahl Vanion heftig. »Die Dame ist auf unserer Seite!«
»Aber…«, protestierte Kring.
»Ich sagte, laßt die Klingen stecken!« brüllte Vanion mit Donnerstimme, und Kring sowie Engessa hielten mitten im Schritt inne.
Doch Sperber bemerkte eine weitere Gefahr. Danae näherte sich der Delphae mit finsterem Blick und hartem Gesicht. »Ah, da bist du ja, Danae«, sagte er und bewegte sich schneller, als sein gleichmütiger Tonfall hätte vermuten lassen. Er fing die rachsüchtige kleine Prinzessin ab. »Willst du deinem armen alten Vater nicht einen Kuß geben?« Er riß sie auf die Arme und erstickte ihren beabsichtigten empörten Wortschwall, indem er seine Lippen fest auf die ihren drückte.
Sie stieß seinen Kopf zurück. »Laß mich runter, Sperber!« rief sie laut.
»Nicht, ehe du dein Temperament gezügelt hast«, entgegnete er.
»Sie hat Mirtai weh getan!«
»Das hat sie nicht! Mirtai versteht zu fallen, ohne daß es ihr Schmerz bereitet. Stell hier nichts Törichtes an! Du hast gewußt, daß so etwas passieren würde. Es kann nichts geschehen, also reg dich nicht unnötig auf! Und sieh um Himmels willen zu, daß deine Mutter nicht herausfindet, wer du wirklich bist!«
»Er spricht gar nicht selbst!« unterbrach Ehlana Sperbers Bericht über Delphaeus und alles, was vorgefallen war.
»Nicht selbst, nein. Er hat durch Kalten – na ja, gesprochen, jedenfalls beim erstenmal.«
»Warum gerade Kalten?«
»Ich habe keine Ahnung warum. Jedenfalls spricht Bhelliom Altelenisch, ziemlich umständlich und gespreizt – eigentlich nicht viel anders als Xanetia. Er möchte, daß ich auf ähnliche Weise mit ihm spreche. Offenbar ist die Redeweise wichtig für ihn.« Sperber rieb sich die frisch rasierte Wange. »Es war sehr merkwürdig. Sobald ich angefangen hatte, auf Altelenisch zu reden – und zu denken –, schien sich etwas in mir zu öffnen. Zum erstenmal erkannte ich, daß ich Anakha bin, und ich wußte, daß Bhelliom und ich auf eine tiefe, persönliche Weise miteinander verbunden sind.« Er verzog das Gesicht. »Hat ganz den Anschein, als wärst du jetzt mit zwei Männern verheiratet, Schatz. Ich hoffe, du magst Anakha. Er scheint ganz annehmbar zu sein – wenn man sich erst an seine Redeweise gewöhnt hat.«
»Vielleicht sollte ich mich lieber gleich in den Wahnsinn flüchten. Das wäre vermutlich einfacher als das, was hier vor sich geht – wie viele andere Fremde möchtest du heute nacht noch mit in mein Bett nehmen?«
Sperber blickte zu Vanion. »Soll ich ihnen von Sephrenia erzählen?«
»Warum nicht?« Vanion seufzte. »Sie werden es sowieso bald bemerken.«
Sperber nahm Ehlanas Hände in die seinen und blickte ihr in die grauen Augen. »Du wirst sehr behutsam vorgehen müssen, wenn du mit Sephrenia sprichst, Liebes. Zwischen den Delphae und den Styrikern besteht eine uralte Feindschaft, und wenn Delphae zugegen sind, reagiert Sephrenia völlig unvernünftig. Xanetia hat ähnliche Probleme mit Styrikern, aber sie hat sich besser in der Gewalt als Sephrenia.«
»Habt Ihr wirklich diesen Eindruck, Anakha?« fragte Xanetia, die ihre Tarnfarbe wieder angenommen hatte. Sicher mehr zur Beruhigung der anderen, dachte Sperber, nicht, weil es wirklich nötig ist. Mirtai saß wachsam unweit von ihr, ohne die Hand vom Schwertgriff zu nehmen.
»Ich möchte niemanden beleidigen, Anarae«, entschuldigte er sich. »Ich versuche nur die Situation zu verdeutlichen, damit die andern verstehen, falls Ihr und Sephrenia versuchen solltet, einander die Augen auszukratzen.«
»Ich bin sicher, daß Euch der betörende Charme meines Gemahls nicht entgangen ist, Anarae«, sagte Ehlana lächelnd. »Manchmal überwältigt er uns schier damit.«
Zum erstenmal lachte Xanetia, dann blickte sie Itagne an. »Die Elenier sind sehr komplizierte Leute, nicht wahr? Einerseits geben sie sich ziemlich unverblümt, andererseits bemerke ich eine erstaunliche Behendigkeit ihrer Gedanken sowie Feinheiten, wie ich sie von einem Volk, das Stahl zu Kleidungsstücken schneidert, nicht erwartet hätte.«
Sperber lehnte sich im Sessel zurück. »Ich habe noch gar nicht genau erzählt, was geschehen ist, aber für heute genügt dieser kurze Überblick. Einzelheiten können wir auch morgen noch einfügen. Was hat sich hier getan?«
»Politik, natürlich.« Ehlana zuckte die Schultern.
»Wirst du der Politik denn nie müde?«
»Lachhaft, Sperber! Durchlaucht Stragen, würdet Ihr so nett sein und berichten? Es schockiert ihn, wenn ich all die schmutzigen kleinen Einzelteile erwähne.«
Stragen trug wieder sein Lieblingswams aus weißem Satin. Der blonde Unterweltkönig saß tief in einem Sessel versunken, die Füße auf einem Tisch. »Durch den Umsturzversuch wurden wir darauf aufmerksam, daß weitaus mehr höchst irdische Zeitgenossen in diese Sache verwickelt waren als irgendwelche Kobolde und Sagenhelden aus alter Zeit«, begann er. »Wir wußten zum Beispiel, daß Krager mit der Sache zu tun hatte – und Innenminister Kolata –, und das machte es zu einer ganz alltäglichen politischen Angelegenheit. Weil wir aber nicht wußten, wo Krager sich zur Zeit aufhält, haben wir uns erst einmal aufs Innenministerium konzentriert, um herauszufinden, wie tief dessen Mitarbeiter in die Geschichte verstrickt sind. Wie jedermann weiß, sind alle Beamten überall auf der Welt auf Papierkram geradezu versessen. Deshalb gelangten wir zu dem Schluß, daß sich irgendwo in diesem Labyrinth von Gebäude Akten befinden mußten, in denen all diese Burschen aufgeführt sind, die wir uns vorknöpfen wollen. Das Problem war, daß wir nicht einfach das Ministerium betreten und Einsicht in die Akten verlangen konnten; dann nämlich hätte man unsere Pläne durchschaut und wäre darauf aufmerksam geworden, daß Kolata unser Gefangener ist und kein Gast. Baroneß Melidere kam auf die Idee, ein neues Ablagesystem einzuführen. Das verschaffte uns Zugang zu allen Akten des Ministeriums.«
»Es war schrecklich.« Oscagne schauderte. »Wir mußten die gesamten Regierungsgeschäfte unterbrechen, nur um zu verheimlichen, daß wir lediglich an den Akten des Innenministeriums interessiert waren. Durchlaucht Stragen und die Baroneß steckten die Köpfe zusammen und dachten sich ein System aus. Es ist vollkommen vernunftwidrig und der bisherigen Methode völlig entgegengesetzt; trotzdem funktioniert es überraschend gut. Ich selbst kann jedes bestimmte Schriftstück binnen einer Stunde finden.«
»Jedenfalls«, fuhr Stragen fuhr, »durchstöberten wir eine volle Woche lang die Akten des Innenministeriums. Aber die Leute dort schlichen sich des Nachts wieder ins Haus und versuchten alles mögliche, damit wir jeden Morgen wieder von vorn anfangen mußten. Daraufhin beschlossen wir, unsere Arbeit auf dem Rasen fortzusetzen. Wir ließen alle Akten aus den Gebäuden schaffen und im Gras ausbreiten. Es war sehr ärgerlich für die übrigen Regierungsbeamten, doch das Innenministerium trieb immer noch seine Spielchen mit uns. Die Mitarbeiter versteckten die gesuchten Akten. Da wir ja Erfahrung in solchen Dingen haben, stiegen Caalador und ich des Nachts ins Gebäude ein. Wir wurden von Mirtai begleitet. Ich nehme an, die Königin gab sie uns mit, damit sie uns daran erinnerte, daß wir bestimmte Akten suchen sollten und nicht irgendwelche Wertsachen. Wir brauchten ein paar Nächte, aber schließlich fanden wir die Geheimkammer, in der die gesuchten Papiere versteckt waren.«
»Wurden sie denn am nächsten Tag nicht vermißt?« fragte Bevier.
»Wir haben sie nicht mitgenommen, Herr Ritter«, erwiderte Caalador. »Die Königin zog einen jungen Pandioner hinzu, der sich eines styrischen Zaubers bediente, um die Informationen in die Burg mitzunehmen, ohne die Dokumente zu entfernen.« Er grinste. »Wir haben alles belastende Material, und die Gegenseite ahnt es nicht einmal. Wir haben die Informationen gestohlen, nicht aber die Akten.«
»Und wir wissen nun den Namen jedes Spions, jedes Spitzels, jedes Geheimpolizisten und jedes Verschwörers in jedweder Stellung, die das Innenministerium über ganz Tamuli verteilt hat.« Sarabian grinste triumphierend. »Wir haben nur auf eure Heimkehr gewartet, damit wir die nötigen Schritte unternehmen können. Ich werde das Innenministerium auflösen, alle diese Leute verhaften lassen und den Ausnahmezustand ausrufen. Betuana und ich stehen in engem Kontakt und wir haben unsere Pläne sorgfältig ausgearbeitet. Sobald ich das Zeichen gebe, greifen die Ataner ein. Dann werde ich wirklich Kaiser sein, nicht mehr nur ein bloßes Aushängeschild.«
»Ihr wart offenbar alle sehr fleißig«, bemerkte Vanion.
»Dadurch vergeht die Zeit schneller, Eminenz.« Caalador zuckte die Schultern. »Wir sind sogar noch ein Stückchen weitergegangen. Krager wußte anscheinend, daß wir die Gesetzesbrecher von Matherion als Spitzel eingesetzt hatten, aber wir waren nicht sicher, ob er etwas über unsere im Untergrund arbeitende geheime Regierung weiß. Wenn er glaubt, daß unsere Organisation ortsgebunden ist, wäre das kein großes Problem. Aber die Sache sähe ganz anders aus, wenn er wüßte, daß ich hier in Matherion Befehle erteilen kann, auf die hin jemand in Chyrellos stirbt.«
»Wieviel konntet ihr herausfinden?« fragte Ulath.
Caalador spreizte eine Hand und drehte sie nachdenklich. »Schwer zu sagen«, gestand er. »Es gibt Gegenden, in denen unsere Leute sich so unauffällig bewegen können wie Frösche in einem schlammigen Tümpel, und andere, wo das nicht möglich ist.« Er verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich hat es mit angeborenem Talent zu tun. Einige sind begabt, andere nicht. Jedenfalls haben wir Fortschritte gemacht, was die Identität von einigen dieser fanatischen Nationalisten in den verschiedenen Teilen Tamulis betrifft – na ja, zumindest glauben wir, daß wir jetzt ein bißchen mehr Durchblick haben.«
»Falls Krager wirklich weiß, was wir tun, könnte er uns leicht falsche Information zuspielen. Wir wollten auf eure Rückkehr warten, ehe wir eine Probe mit der vorhandenen Information machen.«
»Eine Probe? Wie macht man denn so was?« fragte Bevier.
»Wir übermitteln den Befehl, jemandem den Hals durchzuschneiden. Dann warten wir, ob man versucht, den Betreffenden zu schützen«, antwortete Stragen. »Irgendeinen Polizeichef, zum Beispiel, oder einen dieser nationalistischen Führer wie Elron. Ach ja, Sperber? Elron ist der geheimnisvolle Säbel. Ist das nicht erstaunlich?«
Sperber täuschte Verwunderung vor. »Höchst erstaunlich.«
»Caalador möchte den Burschen töten, der sich Scarpa nennt«, fuhr Stragen fort. »Ich ziehe Elron vor – obgleich das möglicherweise als literarische Kritik ausgelegt werden könnte. Elron verdient den Tod eher für seine grauenvollen Verse als für seine politische Einstellung.«
»Die Welt verträgt durchaus noch einige weitere schlechte Gedichte«, versicherte Caalador seinem Freund. »Scarpa ist der wirklich gefährliche Bursche! Ich wünschte, ich könnte den wahren Namen Rebals herausfinden, aber damit hatten wir bisher noch kein Glück.«
»Er ist in Wirklichkeit Amador«, klärte Talen ihn auf, »und verkauft Seidenbänder in Jorsan an der Westküste von Edom.«
»Wie hast du das denn herausbekommen?« staunte Caalador.
»Purer Zufall, um ehrlich zu sein. Wir sahen, wie Rebal im Wald vor einer Schar Bauern eine Rede hielt. Als wir dann kurz darauf in Jorsan waren, blies ein Sturmwind mich regelrecht in Rebals Laden. Seinetwegen muß man sich wirklich keine ernsten Sorgen machen. Er ist ein Gaukler und bedient sich billiger Jahrmarkttricks, um die Bauern glauben zu machen, daß er Incetes Geist herbeibeschwört. Sephrenia ist der Meinung, daß unsere Feinde dünn gesät sind. Sie haben nicht genügend echte Magier, all diese Erscheinungen zu bewerkstelligen, deshalb müssen sie sich Betrügereien bedienen.«
»Was habt ihr in Edom gemacht, Sperber?« fragte Ehlana.
»Es lag auf dem Weg zu Bhelliom.«
»Wie seid ihr so schnell dorthin und zurück gekommen?«
»Aphrael hat uns geholfen. Sie ist sehr hilfreich – meistens jedenfalls.« Sperber vermied es, seine Tochter anzuschauen. Er stand auf. »Wir alle sind heute ziemlich müde, und ich fürchte, es wird eine ganze Weile dauern, auf alle Einzelheiten einzugehen. Wie wär's, wenn wir jetzt schlafen gehen? Dann können wir am Morgen weitererzählen, nachdem wir uns ausgeruht haben.«
»Gute Idee«, stimmte Ehlana zu und erhob sich ebenfalls. »Außerdem verzehrt mich die Neugier.«
»Ach?«
»Nun, wenn ich schon mit ihm schlafen werde, sollte ich diesen Anakha wenigstens ein bißchen kennenlernen, meinst du nicht? Mit Wildfremden ins Bett zu gehen, schadet dem Ruf eines Mädchens, weißt du.«
»Sie schläft noch«, sagte Danae und schloß leise die Tür von Sephrenias Gemach.
»Geht es ihr gut?« fragte Sperber.
»Natürlich nicht! Was hast du erwartet, Sperber? Ihr Herz ist gebrochen!«
»Komm mit. Wir müssen reden.«
»Ich glaube nicht, daß ich mich zur Zeit mit dir unterhalten möchte, Vater. Ich bin nicht gerade zufrieden mit dir.«
»Damit kann ich leben.«
»Sei dir da nicht zu sicher.«
»Komm schon!« Er nahm sie bei der Hand und führte sie eine lange Treppe hinauf bis an die Zinnen des Turms. Vorsichtshalber schloß und verriegelte er die Tür hinter ihnen. »Du hast einen Fehler gemacht, Aphrael!« rügte er.
Sie schob das Kinn vor und bedachte Sperber mit einem eisigen Blick.
»Komm mir nicht so, junge Dame! Du hättest Sephrenia nie nach Delphaeus reisen lassen dürfen!«
»Sie mußte dorthin. Und sie wird noch mehr durchstehen müssen. Es ist so etwas wie ihre Bestimmung!«
»Das schafft sie nicht. Es ist mehr, als sie ertragen kann.«
»Sie ist stärker, als sie aussieht!«
»Hast du denn kein Herz? Siehst du denn nicht, wie sie leidet?«
»Natürlich sehe ich es, und es schmerzt mich viel mehr als dich, Vater.«
»Du bringst Vanion ebenfalls um, ist dir das klar?«
»Auch er ist stärker, als er aussieht! Warum habt ihr euch in Delphaeus alle gegen Sephrenia gewandt? Ein paar freundliche Worte Xanetias genügten, daß ihr dreihundert Jahre Liebe und Hingabe vergessen habt! Dankt ihr Elenier es euren Freunden immer auf diese Weise?«
»Sephrenia wollte eine Entscheidung erzwingen, Aphrael. Sie hat ein Ultimatum gestellt. Ich glaube nicht, daß du auch nur ahnst, wie stark ihr Haß auf die Delphae ist. Sie war so unvernünftig, wie ich es noch nie erlebt habe. Was steckt eigentlich dahinter?«
»Das geht dich nichts an!«
»Ich glaube doch! Was ist während der Cyrgai-Kriege wirklich passiert?«
»Das sage ich nicht!«
»Habt Ihr Angst zu sprechen, Göttin?« fragte eine Stimme.
Sperber wirbelte herum und stieß vor Erstaunen eine Verwünschung aus, als er Xanetia sah, die – nun wieder glühend – unweit von ihnen stand.
»Es hat nichts mit Euch zu tun, Xanetia«, entgegnete Aphrael kalt.
»Ich muß Euer Herz kennen, Göttin. Die Feindschaft Eurer Schwester ist nicht von Bedeutung. Eure dagegen würde uns große Sorgen machen. Seid Ihr mir übelgesinnt?«
»Warum lest Ihr nicht in meinen Gedanken? Dann erfahrt Ihr es auf diese Weise!«
»Ihr wißt, daß ich das nicht kann, Aphrael. Eure Gedanken und Gefühle sind mir verschlossen.«
»Freut mich, daß Ihr das bemerkt habt.«
»Benimm dich!« tadelte Sperber seine Tochter streng.
»Halt dich da raus, Sperber!«
»O nein, Danae, das werde ich nicht! Bist du für Sephrenias unmögliches Benehmen in Delphaeus verantwortlich?«
»Lächerlich! Ich habe sie nach Delphaeus geschickt, um sie von diesem Unsinn zu kurieren!«
»Bist du da ganz sicher, Aphrael? Dein Benehmen läßt zur Zeit sehr zu wünschen übrig.«
»Ich mag Edaemus nicht, und sein Volk mag ich auch nicht. Ich will Sephrenia nur aus Liebe zu ihr kurieren, nicht aus Zuneigung zu den Delphae.«
»Aber Ihr habt Euch gegen Euresgleichen gestellt, als dies alles begann, Göttin!« erinnerte Xanetia sie.
»Auch das habe ich nicht aus Liebe zu Eurer Rasse getan, Xanetia. Meine Familie war im Unrecht, und ich habe mich aus Prinzip gegen sie gestellt. Doch das könnt Ihr nicht verstehen, nicht wahr? Es hatte mit Liebe zu tun, und ihr Delphae seid dem entwachsen, nicht wahr?«
»Wie wenig Ihr uns kennt, Göttin«, sagte Xanetia traurig.
»Da wir alle so offen reden, sollte ich vielleicht erwähnen, daß mir bei Euren Bemerkungen ein gewisses Vorurteil gegen die Styriker nicht entging, Anarae«, warf Sperber ein.
»Ich habe meine Gründe dafür, Anakha – viele Gründe.«
»Das bezweifle ich nicht. Aber ich bin sicher, daß auch Sephrenia ihre Gründe hat. Doch ob ihr euch mögt oder nicht, ist für unsere Sache ohne Bedeutung. Ich werde das alles in Ordnung bringen. Ich habe zu arbeiten und das kann ich nicht, wenn ihr euch in meiner Gegenwart wie zerstrittene dumme Kinder benehmt. Ich werde dafür sorgen, daß ihr Frieden schließt – und wenn ich dafür den Bhelliom benutzen muß!«
»Sperber!« rief Danae bestürzt.
»Niemand will mir sagen, was während der Cyrgai-Kriege tatsächlich passiert ist. Also gut. Meinetwegen. Anfangs war ich neugierig, aber das ist vorbei. Um ehrlich zu sein, meine Damen, ist mir egal, was passiert ist. So, wie ihr euch benommen habt, verrät mir, daß keiner wirklich schuldlos war. Ich möchte nur, daß dieser gehässige Zank endlich aufhört! Ihr benehmt euch wirklich wie Kinder, und das bin ich allmählich leid!«