18
»Das ist völlig unmöglich!« rief Danae. »Zalasta liebt meine Schwester und mich. Er würde uns nie verraten!«
»Wahrlich liebt er Eure Schwester über alle Maßen, Göttin«, bestätigte Xanetia. »Seine Gefühle für Euch jedoch sind nicht so freundlich. Er haßt Euch!«
»Ich glaube dir nicht!«
Sperber war Soldat, und Soldaten, die sich nicht sofort auf Überraschungen einstellen können, leben selten lange genug, um Veteranen zu werden.
»Du warst in Delphaeus nicht dabei, Aphrael«, erinnerte er die Kindgöttin. »Bhelliom bot uns die Gewähr, daß Xanetia gar nicht anders kann, als die Wahrheit zu sagen.«
»Das behauptet sie nur, um einen Keil zwischen uns und Zalasta zu treiben!«
»Nein, das glaube ich nicht.« Sperber fiel plötzlich einiges ein, das sich zu einem Bild zusammenfügte. »Das Bündnis ist für die Delphae zu wichtig, als daß sie es mit kleinlichen Verleumdungen gefährden würden. Und was Xanetia uns eben anvertraute, erklärt so manches, was zuvor keinen Reim machte. Lassen wir sie zu Ende reden. Falls es Zweifel an Zalastas Ehrlichkeit gibt, sollten wir jetzt besser alles darüber hören. Was genau habt Ihr in seinem Geist entdeckt, Anarae?«
»Sein Verstand ist verwirrt, Anakha«, antwortete Xanetia bedauernd. »Einst mag Zalasta aufrichtig und edel gewesen sein, nun aber taumelt er an der Schwelle des Wahnsinns dahin, verzehrt von einem Gedanken und einem Verlangen. Er liebt Eure Schwester seit frühester Kindheit, Göttin, doch seine Liebe ist nicht die brüderliche Zuneigung, für die Ihr sie gehalten habt. Dies weiß ich mit größerer Sicherheit als alles andere, da diese Liebe und Zalastas Verlangen allgegenwärtig in ihm sind. In seinen Gedanken betrachtet er Sephrenia als die ihm versprochene Braut.«
»Das ist lächerlich!« rief Danae. »Sephrenia wäre das nie in den Sinn gekommen!«
»Nein, aber ihm. Ich habe nur flüchtig in seinem Gedächtnis verweilt; deshalb weiß ich noch nicht alles. Als ich auf seinen Verrat aufmerksam wurde, verpflichtete mein Gelöbnis mich, es Anakha mitzuteilen. Gebt mir ein wenig mehr Zeit, und ich werde mehr erkennen.«
»Was hat Euch veranlaßt, seine Gedanken zu lesen, Xanetia?« fragte Sperber interessiert. »Im Gemach waren viele Menschen. Warum habt Ihr Euch mit Zalasta beschäftigt – oder lauscht Ihr allen gleichzeitig? Das käme mir sehr verwirrend vor.« Er verzog das Gesicht. »Ich glaube, jetzt zäume ich das Pferd von hinten auf. Es würde mir helfen, wenn ich wüßte, wie Eure Gabe funktioniert. Ist es so, als hätte man ein weiteres Ohrenpaar? Hört Ihr jeden Gedanken um Euch – und alle gleichzeitig?«
»Nein, Anakha.« Sie lächelte leicht. »Wie Ihr selbst sagtet – das wäre zu verwirrend. Unsere Ohren nehmen zwar jeden Laut auf, doch meine Wahrnehmung der Gedanken anderer bedarf der Einstellung auf eine bestimmte Person. Ich muß mich auf sie konzentrieren – es sei denn, die Gedanken von jemandem ganz in meiner Nähe sind so eindringlich, daß sie wie ein Schrei werden. So war es bei Zalasta. Sein Geist rief den Namen Sephrenia immer wieder aus.
Im gleichen Maße rief sein Geist Euren Namen, Göttin, und diese Schreie sind voll des Hasses auf Euch. Für ihn seid Ihr eine Diebin, die ihm seine ganze Hoffnung auf Glück gestohlen hat.«
»Eine Diebin? Ich? Er war es doch, der mein Eigen zu stehlen versuchte! Ich brachte meine Schwester hierher auf diese Welt. Sie ist mein! Sie war immer mein! Wie kann er es wagen?« empörte sich Danae und ihre schwarzen Augen blitzten.
»Das ist nicht gerade eine deiner anziehenden Seiten, Göttin«, rügte Sperber. »Wir betrachten andere Menschen nicht als Eigentum!«
»Ich bin kein Mensch, Sperber. Mir gehört, was ich besitzen will!«
»Du reitest dich nur noch tiefer hinein! Ich würde damit aufhören!«
»Aber ich nicht, Vater! Ich habe Sephrenia Hunderte von Jahren gewidmet, und die ganze Zeit fiel mir Zalasta in den Rücken und hat versucht, sie mir zu stehlen!«
»Aphrael«, ermahnte Sperber sie sanft, »in dieser Inkarnation bist du Elenierin, also mußt du aufhören, wie eine Styrikerin zu denken. Es gibt bestimmte Dinge, die anständige Elenier nicht tun, aber das willst du offenbar nicht wahrhaben. Sephrenia gehört nur sich selbst – nicht dir, nicht Zalasta, nicht einmal Vanion. Ihre Seele ist ihr Eigen!«
»Aber ich liebe sie!« Es war beinahe ein Wimmern.
»Ich bin einfach nicht dafür geeignet«, murmelte Sperber kaum hörbar. »Wie kann irgendein Mensch hoffen, einer Göttin Vater sein zu können?«
»Liebst du mich denn nicht mehr, Vater?« fragte Danae kleinlaut.
»Natürlich liebe ich dich.«
»Dann gehörst auch du mir! Warum willst du dich mit mir darüber streiten?«
»Du führst dich wie eine Wilde auf.«
»Natürlich. Wir sollen Wilde sein. All die Jahre hat Zalasta so getan, als ob er mich liebt – hat mich angelächelt, mich geküßt, hat mich in den Armen gehalten, während ich schlief. Dieser Schuft! Dieser verlogene Schurke! Ich werde sein Herz zum Abendessen verspeisen!«
»O nein, das wirst du nicht! Ich ziehe doch keine Kannibalin groß.
Du ißt kein Schweinefleisch, also fang nicht an, Gefallen an Menschenfleisch zu entwickeln!«
»Tut mir leid«, murmelte sie zerknirscht. »Mein Zorn hat mich übermannt.«
»Außerdem bin ich der Meinung, daß Vanion eher ein Recht hat, auf Zalasta wütend zu sein.«
»O je. Ich habe gar nicht an Vanion gedacht. Der arme, arme Mann!« Zwei Tränen kullerten aus ihren Augen. »Ich werde ihn den Rest seines Lebens liebevoll trösten.«
»Wie wär's, wenn wir diese Aufgabe Sephrenia überließen? Schlichte du nur den Streit zwischen ihnen. Das ist das einzige, was Vanion sich wirklich wünscht.« Plötzlich fiel Sperber noch etwas ein. »Es paßt nicht zusammen, Xanetia. Zalasta mag Sephrenia durchaus lieben, aber er ist nicht zu Cyrgon übergelaufen. Als wir auf die Trolle im atanischen Gebirge stießen, war es Zalasta, der uns vor ihnen gerettet hat. Und die Trolle waren dort nicht einmal das Schlimmste.«
»Die Trolle spielen keine große Rolle in Cyrgons Plan, Anakha, deshalb war es auch völlig bedeutungslos, daß einhundert von ihnen getötet wurden. Alles andere war Täuschung – Trugbilder, die Zalasta schuf, um den Verdacht zu zerstreuen, den einige Eurer Gefährten hegten. Er wollte ihr Vertrauen gewinnen, indem er die von ihm selbst geschaffenen Schatten vernichtete.«
»Ja, so könnte es gewesen sein«, gab Sperber besorgt zu. »Würden die Damen mich bitte kurz entschuldigen? Ich finde, auch Vanion sollte eingeweiht werden. Es betrifft ihn ebenso, und ich würde gern seinen Rat hören, ehe ich Entscheidungen treffe.« Er hielt inne. »Werdet ihr zwei hier zurechtkommen – zusammen, meine ich? Ohne daß jemand darauf aufpaßt, daß ihr euch gegenseitig an die Gurgel fahrt?«
»Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen, Anakha«, versicherte Xanetia ihm. »Die Göttin Aphrael und ich haben etwas zu besprechen.«
»Na gut. Aber keine Handgreiflichkeiten – und fangt nicht an, euch gegenseitig anzuschreien. Ihr würdet die ganze Burg aufwecken.« Er überquerte den Wehrgang zur Tür und stieg die Treppe hinunter.
Die Besprechung im königlichen Salon war auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden, und Sperber fand seinen Freund in einem Gemach weit entfernt von dem, das er früher mit Sephrenia geteilt hatte.
»Ich brauche Hilfe, mein Freund«, sagte Sperber. »Ich muß Euch etwas mitteilen, und dann müssen wir in dieser Sache eine rasche Entscheidung treffen.«
Vanion hob das von Leid gezeichnete Gesicht. »Noch mehr Unannehmlichkeiten?«
»Sieht so aus. Xanetia hat mir eben erzählt – aber es ist besser, sie sagt es Euch selbst. Sie und Danae sind oben auf dem Turm. Ich glaube, wir sollten es geheimhalten. Jedenfalls so lange bis wir entschieden haben, was wir unternehmen.«
Vanion nickte und erhob sich. Sie gingen auf den Korridor und stiegen die Treppe hinauf. »Wo ist Zalasta?« fragte Sperber.
»Bei Sephrenia. Sie braucht ihn jetzt.«
Sperber nickte nur; er befürchtete, sich zu verraten, falls er etwas sagte.
Xanetia und Danae blickten zwischen den Zinnen hindurch über die Stadt. Die Sonne sank allmählich den tiefblauen Herbsthimmel hinab zum zerklüfteten Horizont im Westen, und der sanfte Wind, der vom Tamulischen Meer kam, trug den mit Salzgeruch vermischten reifen Duft des Herbstes mit sich. »Hier ist er, Anarae, weiht ihn ein«, bat Sperber, »dann können wir beschließen, wie es weitergehen soll.«
Zu Sperbers Erstaunen vergeudete Vanion keine Zeit damit, Ungläubigkeit und Bestürzung zu zeigen. »Seid Ihr sicher, Anarae?« fragte er nur, nachdem Xanetia ihm von Zalastas Doppelspiel berichtet hatte.
Sie nickte. »Ich habe in seinen Gedanken und seinem Herzen gelesen, Eminenz. Zalasta hat euch heimtückisch hintergangen.«
»Ihr scheint nicht sehr überrascht zu sein, Vanion«, sagte Sperber erstaunt.
»Ich bin es auch nicht. Ich hatte immer das Gefühl, daß Zalasta nicht ganz offen war. Auch hatte er Schwierigkeiten, sich nichts anmerken zu lassen, als Sephrenia mit mir nach Sarsos zurückkehrte und mich in ihrem Haus aufnahm. Er hat versucht, seinen Unwillen zu verbergen, aber mir entging nicht, daß es ihm gar nicht gefiel. Ich konnte spüren, daß seine Mißbilligung mehr war als nur die übliche moralische Entrüstung über unorthodoxe Verbindungen.«
»Das ist eine sehr vorsichtige Formulierung«, stellte Danae fest. »Wir Götter haben nie verstanden, warum ihr Menschen so ein Getue darum macht. Wenn zwei Menschen einander lieben, sollen sie zusammenleben, so es ihnen gefällt!«
»Üblicherweise gibt es zuvor nun mal gewisse Formalitäten und Zeremonien«, erklärte Sperber trocken.
»Du meinst, so ähnlich wie bei den Pfauen, wenn er zuerst herumstolziert und sein Rad schlägt, ehe sie gemeinsam beginnen, ein Nest zu bauen?«
»Na ja, so was Ähnliches.« Vanion seufzte. »Leider hat es ganz den Anschein, daß Sephrenia meine Federn nicht mehr gefallen.«
»Das stimmt nicht, Hochmeister Vanion«, widersprach Xanetia. »Sie liebt Euch immer noch aus tiefster Seele, und ihr Herz ist wegen der Trennung von Euch voller Schmerz.«
»Und Zalasta ist jetzt bei ihr und tut, was er kann, um diese Trennung dauerhaft zu machen«, fügte Sperber düster hinzu. »Was meint Ihr, Vanion? Wie sollen wir vorgehen? Ihr seid am tiefsten betroffen. Keiner von uns hat die Möglichkeit, Sephrenia zu überzeugen, daß Zalasta ein Verräter ist.«
Vanion nickte. »Sie muß es selbst erkennen«, bestätigte er. »Wie tief konntet Ihr in seinen Geist eindringen, Anarae?«
»Seine derzeitigen Gedanken liegen offen vor mir, seine Erinnerungen weniger. Unmittelbarere Nähe und ein wenig Zeit dürften mir die Gelegenheit verschaffen, tiefer in seinen Geist einzudringen.«
»Gut«, murmelte Vanion. »Ehlana und Sarabian würden die Regierung am liebsten sofort auflösen. Sobald Sarabian damit beginnt, stellt Zalastas Anwesenheit hier im inneren Kreis eine Gefahr dar. Er wird alles erfahren, was wir planen.«
Danae rümpfte die Nase. »Soll er doch! Es wird ihm nicht mehr viel nützen, wenn ich erst mein Abendessen verzehrt habe.«
»Wie bitte?« fragte Vanion verwundert.
»Unsere kleine Wilde möchte Zalastas Herz verspeisen«, erklärte Sperber.
»Während er dabei zusieht«, fügte die Kindgöttin hinzu. »Das ist nämlich der Kern der Sache – ihn zu zwingen, genau zuzuschauen, während ich es esse.«
»Könnte sie das?« fragte Vanion.
»Wahrscheinlich«, antwortete Sperber. »Aber ich werde es nicht zulassen!«
»Ich habe dich nicht um Erlaubnis gefragt, Vater!«
»Hätte dir auch nichts genutzt. Ich sagte nein. Dabei bleibt's.«
Vanion wandte sich an Xanetia. »Wann hat Zalasta diese Vereinbarung mit Cyrgon getroffen, Anarae?«
»Das konnte ich noch nicht feststellen, Eminenz, aber ich werde mich bemühen, es in Erfahrung zu bringen. Was ich seinem Gedächtnis entnahm, läßt jedoch darauf schließen, daß ihr Bündnis schon vor mehreren Jahren geschlossen wurde, und daß es irgendwie mit Bhelliom zu tun hat.«
Sperber überlegte. »Zalasta war tatsächlich sehr bestürzt, als er erfuhr, daß wir Bhelliom im Meer versenkt hatten«, erinnerte er sich. »Ich könnte jetzt natürlich Vermutungen anstellen, aber es bringt uns bestimmt weiter, wenn wir warten, was Xanetia herausfindet. Im Moment halte ich es für das Klügste, wir konzentrieren uns darauf, Ehlana und Sarabian zurückzuhalten, bis uns eine Möglichkeit einfällt, wie wir Zalasta dazu bringen können, sich selbst zu entlarven. Wir müssen versuchen, Sephrenia seinem Einfluß zu entziehen. Sie würde uns nie glauben, daß er ein Verräter ist. Also muß er sich selbst durch eine Unbedachtheit verraten.«
Vanion tat sein Einverständnis mit einem Nicken kund.
»Ich halte es für angebracht, daß die Sache unter uns vieren bleibt«, fuhr Sperber fort. »Zalasta ist sehr schlau, und Sephrenia kennt uns alle besser als wir selbst. Wenn die anderen nur eine Ahnung von dieser Sache hätten, würden sie sich unbewußt verraten, und dann würde Sephrenia sofort wissen, um was es geht – und Zalasta fünf Minuten nach ihr!«
»Ich fürchte, da habt Ihr recht«, pflichtete Vanion ihm bei.
»Habt Ihr einen Plan, Anakha?« erkundigte sich Xanetia.
»In etwa … Aber ich muß die Einzelheiten erst ausarbeiten. Er ist ein wenig kompliziert.«
Danae rollte die Augen himmelwärts. »Elenier!« seufzte sie.
»Kommt überhaupt nicht in Frage!« wehrte Ehlana entschieden ab. »Er ist zu wertvoll. Wir dürfen es nicht riskieren.« Sie saß vor dem Fenster, und die einfallenden Strahlen der Morgensonne vergoldeten ihr aschblondes Haar.
»Es besteht nicht das geringste Risiko, Liebes«, versicherte Sperber ihr. »Wir sind sowohl die Wolke wie den Schatten los. Dafür haben Bhelliom und ich ein für allemal gesorgt!« Das war der heikle Punkt, denn Sperber war sich da gar nicht so sicher.
»Er hat recht, Majestät«, fiel Kalten ein. »Er hat die Wolke in kleine Fetzen zerrissen und den Schatten wie Salz in siedendem Wasser aufgelöst!«
»Ich würde Kolata wirklich gern etwas fragen, Ehlana«, sagte Sarabian. »Es ist doch sinnlos, ihn weiterhin durchzufüttern, wenn er von keinem Nutzen mehr für uns ist. Darauf haben wir schließlich gewartet, meine Liebe – auf die Gewißheit, daß die Wolke ihn nicht in Stücke reißen kann, sobald er den Mund aufmacht.«
»Bist du ganz sicher, Sperber?« vergewisserte sich Ehlana.
»Vertrau mir.« Sperber langte unter sein Wams und zog die Schatulle hervor. »Mein blauer Freund kann dafür sorgen, daß Kolata kein Haar gekrümmt wird – egal, welche Fragen wir ihm stellen.« Er blickte Zalasta an. »Ich möchte Euch um einen Gefallen bitten, Weiser.« Er bemühte sich, seine Stimme so gleichmütig wie möglich klingen zu lassen. »Ich finde, Sephrenia sollte dabei sein. Ich weiß, daß sie uns lieber überhaupt nicht mehr sehen möchte, aber wenn sie Kolatas Geständnis mit anhört, erwacht vielleicht ihr Interesse wieder – an allem, was um sie herum vor sich geht. Und genau das würde sie aus ihrer Trauer und ihrem Schmerz reißen.«
Zalasta wirkte besorgt, obwohl er sich offensichtlich sehr um Fassung bemühte. »Ich glaube, Ihr ahnt nicht einmal, wie tief sie das alles schmerzt, Prinz Sperber. Ich kann Euch nur abraten, sie zu veranlassen, an Kolatas Befragung teilzunehmen. Es würde die Kluft zwischen ihr und ihren einstigen Freunden nur vergrößern.«
»Nein, Zalasta, damit finde ich mich nicht ab!« sagte Ehlana entschieden. »Sephrenia ist Mitglied des königlichen Rates von Elenien! Ich selbst habe sie bei meiner Thronbesteigung eingesetzt. Ihre persönlichen Probleme sind ihre Sache; aber jetzt und hier brauche ich sie in ihrer offiziellen Eigenschaft. Falls nötig, ordne ich es an und schicke Kalten und Ulath, ihr den Befehl zu übermitteln und dafür zu sorgen, daß sie ihn befolgt.«
Ehlanas Entschluß und ihre Befehle waren durchaus berechtigt, und so sehr Zalasta es auch versuchen mochte, er fand keinen Grund, sich dagegen aufzulehnen. Kolatas Aussage würde zweifellos zum Verhängnis für den ersten Bürger Styrikums werden, doch Zalastas konnte diese Aussage unmöglich verhindern, ohne sich als Verräter zu entlarven. Er erhob sich und verbeugte sich vor Ehlana. »Ich werde mich bemühen, Sephrenia zu überzeugen, Majestät.« Er drehte sich um und verließ in gebeugter Haltung den blauen Salon.
Kalten schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, warum du nicht willst, daß wir es ihm sagen, Sperber. Schließlich ist er ein Freund.«
»Aber auch ein Styriker«, warf Vanion diplomatisch ein. »Wir kennen seine wahren Gefühle für die Delphae nicht. Es könnte ihn völlig aus dem Gleichgewicht bringen, wenn er plötzlich erfährt, daß Xanetia so mühelos seine Gedanken lesen kann, wie Talen jemandem die Taschen leert.«
»Sephrenia hat ihm wahrscheinlich schon davon erzählt, Hochmeister Vanion«, gab Bevier zu bedenken.
Sperber warf Xanetia einen fragenden Blick zu und formulierte die Frage in Gedanken.
Sie schüttelte den Kopf. Aus irgendeinem Grund hatte Sephrenia Zalasta noch nicht auf die ungewöhnliche Fähigkeit der Delphae aufmerksam gemacht.
»Ich glaube nicht, Bevier«, entgegnete Vanion. »Er hat noch in keinster Weise gezaudert, in Xanetias Beisein an Besprechungen teilzunehmen. Ich würde sagen, daraus läßt sich mit einiger Sicherheit schließen, daß er es nicht weiß. Also: Wer soll Kolata befragen? Ich glaube, wir sollten es auf einen von uns beschränken. Wenn wir alle ihn mit Fragen bombardieren, werden seine Gedanken so verwirrt sein, daß Xanetia große Mühe haben würde, einen Sinn darin zu erkennen.«
»Itagne ist außerordentlich geschickt im Diskutieren und Disputieren«, meinte Oscagne. »Akademiker verbringen Stunden mit Haarspaltereien!«
»Wir ziehen vor, es ›äußerste Detailgenauigkeit‹ zu nennen, alter Junge«, berichtigte Itagne seinen Bruder. »Kolata ist Minister.«
»Nicht mehr«, berichtigte Sarabian jetzt ihn.
»Nun, er war es jedenfalls. Deshalb schlage ich vor, daß Oscagne die Vernehmung leitet. Er hat den gleichen Rang wie Kolata, deshalb kann er sich ihm als Gleichgestellter nähern.«
»Dürfte ich einen Vorschlag machen?« fragte Stragen.
»Selbstverständlich, Durchlaucht Stragen«, sagte der Kaiser.
»Teovin schleicht herum und tut, was er kann, die anderen Ministerien der Regierung Eurer Majestät zu untergraben. Wäre es nicht ein kluger Schachzug, diese Vernehmung zu einem offiziellen Vorgang zu machen? Wenn alle Minister und Staatssekretäre bei Kolatas Befragung anwesend sind, wird Teovin keine Gelegenheit haben, sich glaubhafte Ausreden auszudenken und sich damit aus der Affäre zu ziehen.«
»Ein interessanter Einfall, meint Ihr nicht auch, Ehlana?« sagte Sarabian nachdenklich.
»Sehr interessant«, pflichtete sie ihm bei. »Aber dann werden wir das Verhör verschieben müssen.«
»Ach?«
»Wir wollen Euren atanischen Überläufern doch einen Vorsprung geben.« Sie blickte ihn ernst an. »Darum geht es, Sarabian. Bis jetzt waren es nur Überlegungen. Sobald Kolata jedoch vor der Regierung die Wahrheit sagt, seid Ihr zum Einschreiten gezwungen. Seid Ihr wirklich schon bereit, so weit zu gehen?«
Der Kaiser holte tief Atem. »Ja, Ehlana, ich glaube schon.« Seine Stimme war leise, aber fest.
»Dann erteilt den Befehl. Erklärt den Ausnahmezustand. Laßt die Ataner von der Leine!«
Sarabian schluckte.
»Seid Ihr sicher, daß Euer Plan funktioniert, Engessa?« fragte er den riesenhaften Krieger.
»So war es bis jetzt noch immer«, beruhigte Engessa ihn. »Die Signalfeuer sind vorbereitet. Die Kunde wird sich binnen einer Nacht in ganz Tamuli verbreiten, und die Ataner werden am folgenden Morgen aus ihren Garnisonen ausrücken.«
Sarabian blickte zu Boden. Als er die Augen schließlich wieder hob, sagte er: »Tut es!«
Das Problem bestand darin, Sarabian und Ehlana zu überzeugen, den Plan Zalasta gegenüber nicht zu erwähnen. »Es ist besser, wenn er es nicht weiß«, erklärte Sperber geduldig.
»Du mißtraust ihm doch nicht etwa, Sperber?« erregte sich Ehlana. »Er hat seine Loyalität oft genug bewiesen.«
»Natürlich. Aber er ist Styriker, und euer unerwarteter Schritt wird ganz Tamuli auf den Kopf stellen. Es wird zu einem völligen Durcheinander kommen. Zalasta könnte versuchen, die styrischen Orte im Lande irgendwie zu warnen. Das wäre vollkommen verständlich. Aber wir dürfen nicht riskieren, daß auch nur eine Silbe nach außen dringt. Die einzige Erfolgsgarantie für euren Plan ist die Überrumpelungstaktik. Es gibt solche Styriker und solche.«
»Sagt, was meint Ihr damit«, forderte Sarabian ihn gereizt auf.
»Der Begriff ›abtrünniger Styriker‹ bedeutet hier in Tamuli dasselbe wie in Eosien, Majestät. Man kann nicht von der Hand weisen, daß es sich in ganz Styrikum herumspricht, wenn wir Zalasta einweihen, nicht wahr? Wir kennen Zalasta, aber nicht die anderen Styriker auf dem Kontinent. In Sarsos gibt es einige, die ihre Seele dem Leibhaftigen verschreiben würden, wenn sie dadurch die Chance bekämen, es den Eleniern heimzuzahlen.«
»Dir ist doch klar, daß es ihn sehr kränken wird?« gab Ehlana zu bedenken.
»Er wird darüber hinwegkommen. Wir haben nur eine einzige Chance auf Erfolg und dürfen deshalb nicht das geringste Risiko eingehen!«
Ein höfliches Klopfen ertönte an der Tür, und Mirtai betrat das Gemach, in dem die drei sich berieten. »Oscagne und dieser andere sind zurück«, meldete sie.
»Bitte sie einzutreten, Atana«, wies Sarabian sie an.
So sehr er dieses Gefühl auch zu unterdrücken versuchte, es gelang dem Außenminister nicht, seine Begeisterung zu verbergen, als er mit seinem Bruder hereinkam. Itagnes Miene unterschied sich kaum von der Oscagnes.
»Ihr zwei seht wie Katzen aus, die das Sahnetöpfchen leergeschleckt haben«, stellte Sarabian fest.
»Wenn diese Ausdrucksweise auch in der Politik erlaubt ist: Wir drehen das größte Ding des Jahrzehnts, Majestät«, erwiderte Itagne.
»Des Jahrhunderts!« verbesserte Oscagne ihn. »Alles ist vorbereitet, Majestät. Wir haben es etwas vage als ›Generalversammlung des Imperialen Rates‹ bezeichnet. Itagne ließ durchsickern, daß Majestät mit dem Gedanken spielt, Euren Geburtstag zum Nationalfeiertag zu erklären. Das ist einer von den törichten Einfällen, für die Euer Majestät Familie berüchtigt ist.«
»Seid nett.« Sarabian hatte sich diesen typisch elenischen Ausdruck während seines Aufenthalts in Ehlanas Burg angewöhnt.
»Verzeiht, Majestät«, entschuldigte sich Oscagne. »Wir haben die ganze Sache als eine der üblichen, bedeutungslosen Sitzungen des Rates hingestellt – viel Formalität und wenig dahinter.«
»Würdet Ihr mir zu diesem Anlaß Euren Thronsaal überlassen, Ehlana?« bat Sarabian.
»Aber gewiß.« Sie lächelte. »Formelle Kleidung, nehme ich an?«
»Selbstverständlich. Wir werden unsere Kronen und Staatsroben tragen. Ihr zieht Euer hübschestes Kleid an, und ich meines.«
»Majestät!« rief Oscagne. »Die tamulische Robe ist doch kein Kleid!«
»Ein langer Rock ist ein langer Rock, Oscagne. Um ehrlich zu sein, ziehe ich Wams und Beinkleid vor, und unter den gegebenen Umständen würde ich mir auch meinen Degen umschnallen. Stragen hat schon recht. Hat man sich erst daran gewöhnt, kommt man sich ohne die Waffe geradezu nackt vor.«
»Wenn schon formelle Kleidung vorgeschrieben ist, Sperber, solltet ihr alle Paraderüstung tragen.«
»Großartige Idee, Ehlana!« lobte Sarabian. »Auf diese Weise sind sie gewappnet, falls es zu Unannehmlichkeiten kommt.«
Den Rest des Tages verbrachten sie damit, die Umgestaltung des Thronsaals zu beaufsichtigen. Die Königin von Elenien tat des Guten fast ein wenig zuviel, wie es mitunter bei ihr vorkam. »Bänder und Wimpel, Ehlana?« sagte Sperber kopfschüttelnd.
»Wir wollen doch, daß es festlich aussieht, Sperber!« erklärte sie ein wenig von oben herab. »Ja, ich weiß«, gestand sie dann aber ein, »es ist frivol, vielleicht sogar ein bißchen närrisch; aber eine solche Dekoration und das Fanfarenschmettern, das jeden Minister einzeln ankündet, werden die Anwesenden ziemlich beeindrucken. Wir wollen doch, daß alles so formell wie möglich wirkt, und daß die Regierungsbeamten gar nicht auf den Gedanken kommen, daß etwas Ernsthaftes geschehen könnte. Wir stellen eine Falle, Liebster, und festliche Dekoration gehört als Köder dazu. Die Feinheiten, Sperber, die Feinheiten! Gut vorbereitete Komplotte erfordern jede Menge gut durchdachter Feinheiten.«
»Dir macht die Sache Spaß, nicht wahr?«
»Und wie! Ist die Zugbrücke hochgezogen?«
Sperber nickte.
»Gut. Sorg dafür, daß sie es auch bleibt! Wir möchten doch nicht, daß irgend jemand sich aus der Burg schleicht und irgendwas verrät, nicht wahr? Morgen werden wir die Minister feierlich ins Gebäude geleiten. Dann ziehen wir die Zugbrücke wieder hoch. Wir wollen ja nicht, daß die Situation auch nur einen Augenblick außer Kontrolle gerät, stimmt's?«
»Stimmt, Liebes.«
»Mach dich nicht über mich lustig, Sperber!« warnte sie.
»Lieber würde ich sterben.«
Die Sonne war bereits untergegangen, als Zalasta in den Thronsaal kam und Sperber zur Seite zog. »Ich muß Euch für ein paar Stunden verlassen, Prinz Sperber«, sagte er beinahe verzweifelt. »Es ist äußerst dringend!«
»Mir sind die Hände gebunden, Zalasta«, bedauerte Sperber. »Ihr kennt meine Gemahlin. Wenn sie erst einmal anfängt, im Pluralis majestatis zu sprechen, kann man nicht mehr vernünftig mit ihr reden.«
»Aber es geht um Dinge, die ich ins Rollen bringen muß, Hoheit! Dinge, die unbedingt erforderlich sind, soll des Kaisers Plan von Erfolg gekrönt werden.«
»Ich werde versuchen, Ehlana zu überzeugen, aber viel Hoffnung habe ich nicht. Es läuft ohnehin alles wie geplant. Die Ataner wissen, was sie außerhalb der Burgmauern zu tun haben, und meine Ordensritter sorgen im Innern für Ordnung. Ihr dürft nicht vergessen, daß es Minister und andere hohe Regierungsbeamte gibt, deren Treue und Ergebenheit sehr fraglich sind. Wir wissen nicht genau, was die Befragung des Innenministers an den Tag bringt, aber wir werden alle diese Leute in Reichweite haben. Da wollen wir ihnen nicht die Gelegenheit geben, davonzulaufen und noch mehr Unheil anzurichten.«
»Ihr versteht nicht, Sperber.« Zalastas Verzweiflung war nun unverkennbar.
»Ich werde tun, was ich kann, Zalasta, aber versprechen kann ich Euch nichts.«