6
»Er hat gut ausgesehen«, sagte Khalad mit beherrschter Stimme.
»Nimmst du das Ganze nicht ein wenig zu gleichmütig hin?« fragte Talen seinen Bruder.
»Sollte ich etwa hysterisch werden?«
»Dann hast du ihn also gesehen?«
»Offenbar.«
»Wo warst du? Ich konnte dich nirgends erblicken!«
»Hochmeister Vanion und ich standen da drüben.« Khalad deutete auf die gegenüberliegende Seite des Pfades. »Flöte sagte uns, wir sollten uns ruhig verhalten und nur zuschauen. Wir haben euch den Hang hinaufreiten sehen. – Warum bist du eigentlich von der Klippe gesprungen?«
»Ich möchte nicht darüber reden.«
Sperber achtete kaum auf die anderen. In der Schatulle, die er in der Hand hielt, konnte er Bhelliom spüren. Wie immer schien das Kleinod weder freundlich noch feindselig zu sein.
Flöte beobachtete ihn aufmerksam. »Willst du die Schatulle nicht öffnen, Anakha?«
»Warum sollte ich? Ich brauche Bhelliom jetzt doch nicht, oder?«
»Möchtest du ihn denn nicht wiedersehen?«
»Ich weiß, wie er aussieht.«
»Ruft er dich nicht?«
»Doch, aber ich achte nicht darauf. Wenn ich ihn damals herausnahm, schien alles nur komplizierter zu werden. Deshalb lasse ich ihn wo er ist, bis ich ihn wirklich brauche.« Er drehte die Schatulle, die zum größten Teil aus Gold bestand, in den Händen und betrachtete sie eingehend. Kuriks Arbeit war vorzüglich, auch wenn die Schatulle sehr schlicht war. »Wie kann ich sie überhaupt öffnen? Wenn es sein muß, meine ich. Sie hat kein Schlüsselloch.«
»Du brauchst bloß den Deckel mit einem der Ringe zu berühren.« Flöte beobachtete ihn aufmerksam.
»Mit welchem?«
»Am besten mit deinem. Im Unterschied zu Ehlanas Ring ist er an dich gewöhnt. Spürst du denn wirklich nicht eine Art …«
»Eine Art was?«
»Sehnen deine Hände sich nicht danach, Bhelliom zu berühren?«
»Nicht besonders.«
»Jetzt verstehe ich, warum alle anderen in meiner Familie dich fürchten. Du bist so ganz und gar anders als andere!«
»Ich glaube, jeder ist auf irgendeine Weise anders als andere. Was machen wir jetzt?«
»Wir können zum Schiff zurückkehren.«
»Kannst du dich mit der Mannschaft in Verbindung setzen?«
»Ja.«
»Dann bitte sie doch, den Fjord zu überqueren und uns irgendwo auf dieser Seite wieder an Bord zu nehmen. Dann brauchen wir nicht die ganze Strecke nach Jorsan zurückzureiten und gehen zudem der Gefahr aus dem Weg, auf Rebals Fanatiker zu treffen. Inzwischen könnten einige nüchtern genug sein, um zu erkennen, daß wir keine Edomer sind.«
»Was ist mit dir, Sperber? Bist du schlecht gelaunt?«
»Um ehrlich zu sein, ärgere ich mich zur Zeit ein bißchen über dich.«
»Was habe ich denn getan?«
»Wie wär's, wenn wir jetzt nicht näher darauf eingingen?«
»Liebst du mich denn nicht mehr?« Flötes Unterlippe zitterte.
»Natürlich liebe ich dich. Aber das ändert nichts daran, daß ich im Augenblick ein bißchen böse auf dich bin. Auch Menschen, die wir lieben, ärgern uns hin und wieder.«
»Es tut mir leid«, sagte sie kleinlaut.
»Schon gut. Das gibt sich wieder. Sind wir hier jetzt fertig? Können wir aufsitzen und uns auf den Rückweg machen?«
»Gleich«, erwiderte Flöte und schien sich plötzlich an irgend etwas zu erinnern. Ihre leicht zusammengekniffenen Augen funkelten bedrohlich. »Du!« sagte sie und deutete auf Talen. »Komm her!«
Der Junge seufzte und gehorchte.
»Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?« fragte sie streng.
»Ich – ich hatte Angst, daß du hinunterfällst.«
»Ich wäre nicht hinuntergefallen, du Tölpel! Daß du mir so etwas nie wieder tust!«
Talen hätte es ihr versprechen können. Es wäre die einfachste Lösung gewesen und hätte eine wortreiche Zurechtweisung vermieden. Aber er tat es nicht. »Nein, Flöte, ich fürchte, so geht das nicht. Ich werde jedesmal springen, wenn ich glaube, daß du dich in Gefahr befindest.« Er verzog das Gesicht. »Ich möchte, daß du weißt, daß ich nicht völlig vertrottelt bin. Es ist nur – ich kann nicht anders. Wenn ich sehe, daß du so etwas tust wie vorhin, handle ich, ohne darüber nachzudenken. Also tu so was nicht noch einmal, wenn ich in der Nähe bin, denn ich werde jedesmal versuchen, dich davon abzuhalten – egal, wie dumm es ist.«
»Warum?« fragte sie ihn eindringlich.
»Weil ich dich liebe, nehme ich an.« Er zuckte die Schultern.
Flöte stieß einen Freudenschrei aus und warf sich in seine Arme. »Er ist so ein netter Junge!« rief sie und überschüttete sein Gesicht mit Küssen.
Sie waren noch keine Meile weit gekommen, als Kalten plötzlich scharf am Zügel riß und gräßliche Verwünschungen ausstieß.
»Kalten!« wies Vanion ihn zurecht, »wir sind in Damengesellschaft!«
»Dreht Euch um, Hochmeister«, entgegnete der blonde Pandioner.
Es war die Wolke, tintenschwarz und unheilverkündend. Sie kroch wie klebriger Schleim über den Boden.
Vanion fluchte und griff nach seinem Schwert.
»Das hat keinen Sinn«, sagte Sperber, griff unter seinen Kittel und holte die Schatulle hervor. »Aber vielleicht hilft das.« Er klopfte mit dem Gold seines Ringes an den Deckel.
Nichts tat sich.
»Du mußt der Schatulle befehlen, sich zu öffnen, Sperber«, wies Flöte ihn an.
»Öffne dich!« befahl Sperber und drückte den Ring erneut an die Schatulle.
Der Deckel sprang auf, und Sperber sah den Bhelliom. Die Saphirrose war von vollkommener Schönheit und glühte tiefblau. Doch es schien, als würde sie sich dagegen sträuben, von Sperber berührt und hervorgeholt zu werden. »Wir alle wissen, wer wir sind«, sagte er zu dem Stein und seinen unfreiwilligen Insassen. »Ich werde nicht in der Trollsprache mit euch reden, denn ich weiß, daß ihr mich in jeder Sprache verstehen könnt. Beendet den Unsinn mit dieser Wolke – und zwar sofort! Wenn ich mich umdrehe, sollte euer kleiner Flecken privater Finsternis verschwunden sein, das rate ich euch! Es ist mir egal, wie ihr das anstellt, aber laßt diese Wolke verschwinden!«
Die Saphirrose in seiner Hand wurde plötzlich heiß und schien sich beinahe in seinen Fingern zu winden, während ein hektisches Flimmern in Rot, Grün, Orange und Violett, von weißen Streifen durchzogen, die Blütenblätter der Saphirrose aufleuchten ließen, als die darin gefangenen Trollgötter sich heftig wehrten. Bhelliom hatte sie jedoch vollkommen in der Gewalt, und das häßliche, sprunghafte Flackern wurde unterdrückt, als der Edelstein heller zu leuchten begann.
Plötzlich erfolgte ein heftiger Ruck, der Sperbers Arm bis zur Schulter durchzuckte.
»So ist's richtig!« rief Kalten und lachte.
Sperber drehte sich im Sattel und sah, daß die Wolke verschwunden war. »Was ist passiert?«
»Sie zappelte herum wie ein frischgefangener Aal…« Wieder lachte Kalten. »… Dann hat sie sich in Fetzen aufgelöst. Was hast du gesagt, Sperber? Ich konnte nichts verstehen.«
»Ich habe unserem blauen Freund und seinen Bewohnern gesagt, daß die Wolke mich geärgert hat. Und ich ließ durchblicken, daß ich sehr unangenehm werden kann, wenn ich mich ärgere.«
»Offenbar haben sie dir geglaubt.«
Flöte starrte Sperber offenen Mundes an. »Du hast alle Regeln gebrochen!« beschuldigte sie ihn.
»Das tue ich manchmal. Hin und wieder geht's schneller, wenn man die Förmlichkeiten überspringt.«
»Auf diese Weise solltest du es aber nicht tun!«
»Es hat funktioniert, oder?«
»Das ist eine Formfrage, Sperber. Genaugenommen habe ich hier das Sagen, und ich weiß nicht, was Bhelliom und die Trollgötter jetzt von mir denken werden!«
Sperber lachte und legte Bhelliom behutsam in die Schatulle zurück. »Gut gemacht«, lobte er ihn. Schließlich mußten sie zusammenarbeiten; da konnte ein kleines Lob dann und wann nicht schaden. Sperber schloß den Deckel. »Überlegen wir mal, meine Freunde«, wandte er sich an die Gefährten. »Was läßt sich aus diesem Vorfall schließen?«
»Auf jeden Fall, daß sie wissen, wo wir sind«, sagte Talen.
»Es könnte wieder an den Ringen liegen«, meinte Sephrenia. »So war es beim letzten Mal. Die Wolken – und die Schatten – haben sich von Anfang an auf Sperber und Ehlana konzentriert, weil sie die Ringe hatten.«
»Bhelliom ist in der Schatulle eingesperrt«, gab Sperber zu bedenken, »und die Trollgötter ebenfalls.«
»Befinden sie sich immer noch in dem Stein?« fragte Ulath.
Sperber nickte. »O ja! Ich konnte sie genau spüren, als ich Bhelliom herausnahm.« Er schaute Aphrael an und formulierte seine nächste Frage vorsichtig. Es gab immer noch einige Dinge, die nicht bekannt werden durften. »Ich habe gehört, daß eine Gottheit sich an mehreren Orten gleichzeitig aufhalten kann.« Er ließ den Satz als Frage enden.
»Das stimmt«, antwortete Aphrael.
»Trifft das auch auf die Trollgötter zu?«
Sie überlegte angestrengt. »Das weiß ich nicht mit Sicherheit«, gestand sie. »Es ist sehr kompliziert, und die Trollgötter sind ziemlich beschränkt.«
»Hält diese Schatulle sie auf dieselbe Weise gefangen wie damals in Zemoch der Beutel aus Kettengliedern?«
Aphrael schüttelte den Kopf. »Nein. Wenn sie in Gold gehüllt sind wie jetzt, wissen sie nicht, wo sie sich befinden.«
»Spielt das eine Rolle?«
»Ehe man woanders hin will, muß man erst wissen, wo man sich befindet.«
»Ich verlasse mich da auf dich.« Sperber verzog das Gesicht. »Es wäre möglich, daß wir wieder einen Fehler gemacht haben.«
»Inwiefern?« fragte Bevier.
»Weil wir keine schlüssigen Beweise haben, daß die Trollgötter mit dem Feind zusammenarbeiten. Wenn sie wirklich mit Bhelliom in dieser Schatulle gefangen sind und nicht hinaus können, wäre das unmöglich.«
»Aber es war doch Ghworg, den wir in den Bergen von Atan gesehen haben, oder nicht?« sagte Ulath. »Also ist zumindest er heraußen und kann sich frei bewegen.«
»Bist du sicher, Ulath? Diese Bauern am Feuer waren genauso überzeugt, daß der Riese in der antiken Rüstung Incetes war, wie du sicher noch weißt.«
»Alles deutet darauf hin, Sperber! Alles, was wir diesmal gesehen haben, ist genau wie beim letzten Mal – und damals waren es die Trollgötter!«
»Selbst da bin ich mir gar nicht mehr so sicher.«
»Aber irgend etwas muß soviel Macht über die Trolle gehabt haben, daß sie Thalesien verließen und zur Nordküste von Atan auswanderten.«
»Wie klug ist ein Troll eigentlich? Ich will nicht sagen, daß es so plump war wieder Schwindel, den Rebal mit diesen Bauern abzog, aber…« Sperber überließ es jedem selbst, den Satz zu beenden.
»Das wäre ein ziemlich kompliziertes Täuschungsmanöver, Lieber«, meinte Sephrenia.
»Aber nicht unmöglich, kleine Mutter. Ich werde diesen Gedankengang gern aufgeben, wenn Ihr mir versichert, daß meine Vermutung nicht zutreffen kann.«
»Gebt den Gedanken noch nicht auf«, murmelte die zierliche Styrikerin mit besorgtem Gesicht.
»Aphrael«, fragte Sperber, »wird die Schatulle verhindern, daß unser Freund da draußen Bhelliom aufspürt?«
Sie nickte. »Das Gold schirmt ihn ab. Er kann ihn nicht hören oder fühlen, deshalb kann er sich auch nicht nach dem Klang oder der Ausstrahlung des Bhelliom richten.«
»Und wenn ich Ehlanas Ring ebenfalls in die Schatulle lege? Würde sie den Stein auch abschirmen?«
»Ja. Aber dein eigener Ring ist unbeschirmt, und deshalb kann man feststellen, wo der sich befindet.«
»Eins nach dem anderen.« Sperber berührte mit seinem Ring den Schatullendeckel. »Öffnen!« befahl er.
Die Verriegelung klickte, und der Deckel hob sich leicht.
Sperber zog Ehlanas Ring vom Finger und legte ihn in die Schatulle. »Kümmere du dich eine Zeitlang um ihn«, wies er den Bhelliom an.
Vanion verzog das Gesicht. »Bitte, tu das nicht, Sperber!«
»Was?«
»So mit ihm reden. Das hört sich so an, als wäre der Stein ein lebendes Wesen.«
»Tut mir leid, Vanion. Es hilft mir ein bißchen, wenn ich Bhelliom mir so vorstelle. Er hat zweifellos seine eigene Persönlichkeit.« Er schloß die Schatulle und spürte, wie die Verriegelung einrastete.
»Äh – Flöte?« sagte Khalad ein wenig zögernd.
»Ja?«
»Ist es die Schatulle, die Bhelliom verbirgt? Oder liegt es daran, daß sie mit Gold ausgekleidet ist?«
»Es ist das Gold, Khalad. Gold besitzt irgend etwas, das Bhellioms Kraft schwächt und ihn verbirgt.«
»Und es übt dieselbe Wirkung auf Königin Ehlanas Ring aus?«
Sie nickte. »Ich kann weder etwas hören noch fühlen.« Sie streckte die Handfläche der Schatulle entgegen, die Sperber hielt. »Gar nichts«, bestätigte sie. »Seinen Ring dagegen kann ich spüren.«
»Er soll einen goldenen Handschuh darüber streifen«, schlug Kalten schulterzuckend vor.
»Wieviel Geld habt Ihr dabei, Ritter Kalten?« fragte Khalad. »Gold ist teuer, wißt Ihr.« Er kniff die Augen leicht zusammen und betrachtete Sperbers Ring. »Es muß nicht seine ganze Hand bedecken«, überlegte er laut, »nur den Ring selbst.«
»Ich muß schnell an ihn herankommen können, Khalad!« warnte Sperber.
»Laßt mich nur machen. Hat jemand einen Goldflorin dabei? Der hätte in etwa die richtige Größe.«
Alle öffneten ihre Beutel.
Kalten schaute sich hoffnungsvoll um; dann seufzte er und griff in seinen Beutel. »Du schuldest mir einen Goldflorin, Sperber!« Er reichte Khalad die Münze.
Sperber lächelte. »Ich stehe in deiner Schuld, Kalten.«
»Allerdings, und zwar um einen goldenen Florin. Und jetzt laß uns weiterreiten. Es wird ziemlich kühl hier draußen.«
Wind war aufgekommen. Anfangs wehte er böig, dann gleichmäßig heftig. Sie folgten dem Pfad den Hang hinunter, bis sie am oberen Rand eines langen Sandstrandes ritten, wo der Wind ihnen heulend ins Gesicht peitschte und ihre Wangen unter der salzigen Gischt brannten.
»Das ist kein gewöhnlicher Sturm!« brüllte Ulath über das Heulen des Windes. »Ich glaube, da braut sich ein Wirbelsturm zusammen.«
»Ist es nicht zu früh im Jahr für Wirbelstürme?« rief Kalten.
»In Eosien schon, aber nicht hier«, brüllte Ulath zurück.
Das Kreischen des Windes wurde lauter, und die Gefährten zogen ihre Umhänge straffer, während sie weiterritten.
»Wir sollten zusehen, daß wir Schutz vor dem Wirbelsturm finden«, rief Vanion. »Da vorn ist ein verfallener Bauernhof.« Er blinzelte durch die peitschende Gischt. »Er hat Mauern aus Stein, also dürfte er uns wenigstens ein bißchen Schutz vor dem Sturm bieten.«
Sie trieben ihre Pferde zum Galopp und erreichten die Ruine nach wenigen Minuten. Die zerfallenen Bauten waren zum großen Teil von Unkraut überwuchert, und die Fenster der dachlosen Gemäuer schienen wie blinde Augen auf sie herabzustarren. Das Wohnhaus war völlig zerfallen; deshalb saßen Sperber und die anderen auf dem Hof ab und führten ihre nervösen Pferde in eine Ruine, die offenbar einmal die Scheune gewesen war. Der Boden war mit den verrottenden Überresten des Daches übersät, und in den Ecken sammelte sich Vogelkot.
»Wie lange dauert ein Wirbelsturm normalerweise?« wollte Vanion wissen.
»Ein oder zwei Tage.« Ulath zuckte die Schultern. »Im Höchstfall drei.«
»Bei diesem würde ich nicht darauf wetten«, wandte Bevier ein. »Für meinen Geschmack kam er etwas zu schnell, und er zwingt uns, genau hier Schutz zu suchen. Wir sitzen hier in der Falle, ist euch das klar?«
»Er hat recht«, bestätigte Berit. »Müssen wir nicht davon ausgehen, daß jemand diesen Sturm beschworen hat, um uns aufzuhalten?«
Kalten blickte ihn unfreundlich an, was Sperber zeigte, daß Kalten noch immer mißtrauisch war, was den jungen Mann und Königin Ehlanas Kammermaid betraf.
»Ich glaube nicht, daß wir etwas zu befürchten haben«, meinte Ulath. »Sobald wir wieder an Bord des Schiffes sind, könnten wir dem Wirbelsturm entkommen.«
Aphrael schüttelte den Kopf.
»Was ist los?« fragte Ulath.
»Dieses Schiff ist nicht so gebaut, daß es einem Wirbelsturm trotzen könnte. Um ehrlich zu sein – ich habe es bereits nach Hause geschickt.«
»Ohne es uns zu sagen?« beschwerte sich Vanion.
»Es ist meine Entscheidung, Vanion! Bei einem solchen Wetter nutzt uns das Schiff nichts. Wir hätten nur die Besatzung unnötigerweise in Gefahr gebracht.«
»Mir kam das Schiff stark und fest vor«, wandte Ulath ein. »Seine Erbauer müssen auch stürmischen Wind in Betracht gezogen haben, als sie es entwarfen.«
Flöte schüttelte den Kopf. »Wo das Schiff herkam, gibt es keine Stürme.«
»Stürme gibt es überall, Flöte«, widersprach Ulath. »Du wirst kein Fleckchen auf dieser Erde finden, wo der Wind nicht wenigstens hin und wieder heftig bläst und…« Er hielt inne und starrte sie an. »Von wo kommt das Schiff?«
»Das geht dich wirklich nichts an, Herr Ritter. Ich kann das Schiff zurückrufen, sobald der Sturm vorüber ist.«
»Falls er vorübergeht!« fügte Kalten hinzu. »Und es würde mich kein bißchen wundern, wenn dieser ehemalige Bauernhof von Tausenden bewaffneter Eiferer umlagert ist, sobald der Sturm wirklich aufhört.«
Alle blickten einander an.
»Ich glaube, wir sollten lieber weiterziehen, Sturm oder nicht«, riet Vanion. Er schaute Flöte an. »Kannst du immer noch …? Ich meine, wird dieser Wind dich behindern?«
»Er wird es mir nicht leichter machen«, gestand sie düster.
»Ich möchte nicht, daß du dich überanstrengst«, sagte Sephrenia rasch.
Flöte bewegte die Hand, als würde sie etwas zur Seite streifen. »Mach dir meinetwegen keine Sorgen, Sephrenia.«
»Versuch nicht, etwas vor mir zu verbergen junge Dame!« warnte Sephrenia. »Ich weiß genau, was dieser Wind mit dir anstellen wird!«
»Und ich weiß genau, was er unserem geheimnisvollen Freund da draußen antut, wenn er ihn mit sich herumschleppen muß. Einen Wirbelsturm huckepack zu tragen, wird ihn viel mehr ermüden als mich, zehn Leute auf Pferden zu befördern. Außerdem bin ich schneller als er. Man nennt mich nicht ohne Grund die flinke Göttin. Wenn ich muß, kann ich sogar schneller laufen als Talen! Wohin möchtest du, Vanion?«
Der Hochmeister blickte die anderen fragend an. »Zurück nach Jorsan?«
»Bei einem solchen Wirbelsturm ist Jorsan wahrscheinlich so gut wie jeder andere Ort«, meinte Kalten. »Und zumindest sind dort die Betten trocken.«
Ulath lächelte. »Und das Bier naß.«
»Daran habe ich allerdings auch gedacht«, gestand Kalten.
Der Wind heulte um die Hausecken, doch der Gasthof war ein festes, steinernes Gebäude, und die Fenster hatten dichte Läden. Sperber machte die Zeitverschiebung ziemlich zu schaffen, aber sie ließ sich nicht vermeiden.
Gleich nach ihrer Rückkehr ins Gasthaus hatte Sephrenia Flöte ins Bett gesteckt und ließ kein Auge von dem kleinen Mädchen.
»Sephrenia ist wirklich sehr besorgt«, berichtete Vanion. »Es gibt offenbar doch Grenzen. Flöte versucht zwar, die ganze Sache als harmlos abzutun, aber ich erkenne Erschöpfung, wenn ich sie sehe.«
»Sie wird doch nicht sterben?« fragte Talen erschrocken.
»Sie kann nicht sterben, Talen!« erwiderte Vanion. »Sie kann vernichtet werden, aber sie kann nicht sterben.«
»Wo ist da der Unterschied?«
»Das weiß ich auch nicht so genau«, gestand Vanion. »Ich weiß nur, daß Flöte sehr erschöpft ist. Wir hätten ihr das nicht aufbürden dürfen.« Er schaute sich auf dem Korridor vor dem Zimmer um, in dem Sephrenia sich um die müde kleine Göttin kümmerte. »Wo ist Kalten?«
»Er und Ulath sitzen unten in der Schankstube, Eminenz«, antwortete Bevier.
»Das hätte ich mir eigentlich denken können. Einer von euch sollte sie warnen. Falls sie einen Brummschädel haben, wenn wir aufbrechen, kenne ich kein Erbarmen.«
Sperber blieb vor der Zimmertür, während sich alle anderen hinunter begaben. Der Sturm schien noch stärker zu werden.
Schließlich klopfte Sperber leise an die Tür. »Dürfte ich kurz mit Flöte reden, kleine Mutter?« bat er, als seine ehemalige Lehrerin aus der Tür blickte.
»Auf gar keinen Fall!« wisperte sie. »Sie ist endlich eingeschlafen.« Sephrenia trat auf den Gang, schloß die Tür und lehnte sich schützend dagegen.
»Ich tue ihr doch nichts, Sephrenia.«
»Weder Ihr noch sonst jemand, dafür sorge ich schon!« entgegnete sie heftig. »Was wolltet Ihr sie denn fragen?«
»Ob ich Bhelliom gegen den Sturm einsetzen könnte.«
»Wahrscheinlich.«
»Soll ich's denn versuchen?«
»Wollt Ihr Jorsan zerstören und alle töten, die sich in der Stadt aufhalten?«
Sperber starrte sie an.
»Ihr wißt wohl nicht viel darüber, welche Kräfte beim Wetter im Spiel sind, oder, Sperber?«
»Doch. Glaube ich jedenfalls.«
»Da bin ich aber ganz anderer Meinung, Lieber. Wer immer diesen Wirbelsturm beschworen hat, ist sehr mächtig und weiß, was er tut. Dennoch ist dieser Sturm eine Naturgewalt. Gewiß könntet Ihr Bhelliom benutzen, ihn zu beenden; aber dann setzt Ihr die gesamte aufgestaute Kraft zur selben Zeit und am gleichen Ort frei. Nachdem der Staub sich gelegt hat, würdet Ihr nicht einmal mehr Trümmer von Jorsan finden.«
»Dann sollte ich diesen Gedanken wohl schleunigst aufgeben.«
»Allerdings. So, und jetzt geht wieder. Ich muß über Aphrael wachen.«
Sperber kam sich wie ein kleiner Junge vor, der auf sein Zimmer geschickt worden war.
Ulath kam gerade die Treppe herauf. »Hast du einen Augenblick Zeit für mich, Sperber?«
»Sicher.«
»Ich glaube, du solltest auf Kalten aufpassen.«
»Ach?«
»Er würde Berit am liebsten umbringen.«
»Ist es schlimmer geworden?«
»Du hast davon gewußt, was Kalten für die Kammermaid deiner Gemahlin empfindet?«
Sperber nickte.
»Je mehr er säuft, desto schlimmer wird es, weißt du – und während dieses Sturms kann man nichts anderes tun als trinken, essen oder schlafen. Hat Kalten mit seiner Vermutung denn recht?«
»Ach, was. Er hat sich das alles nur aus den Fingern gesogen. Das Mädchen mag ihn sehr.«
»Das hab' ich mir fast gedacht. Berit hatte schon genug Schwierigkeiten mit des Kaisers Gemahlin. Er kann keine weiteren gebrauchen. – Paßt eigentlich gar nicht zu Kalten, sich unsterblich zu verlieben.«
»Soweit ich weiß, ist es auch das erste Mal. Bisher hat er sich seine Liebchen genommen, wo sich die Gelegenheit bot.«
»Das ist am ungefährlichsten.« Ulath nickte. »Aber diesmal hat's ihn wirklich erwischt. Wir sollten tun, was wir können, um ihn und Berit voneinander fernzuhalten, bis wir wieder in Matherion sind. Dann hat Alean die Gelegenheit, die Sache in Ordnung zu bringen.«
Khalad kam den Korridor entlang auf sie zu. Er wirkte leicht verärgert.
»So geht es nicht, Sperber.« Er hielt Kaltens Goldflorin in die Höhe. »Ich könnte den Stein natürlich mühelos damit umkleiden, aber Ihr würdet vermutlich eine halbe Stunde brauchen, ihn wieder frei zu bekommen, damit Ihr den Ring benutzen könnt. Ich muß mir etwas anderes einfallen lassen. Am besten, Ihr gebt mir den Ring. Ich werde mich mit einem Goldschmied beraten müssen und brauche die genauen Maße.«
Es widerstrebte Sperber zutiefst, sich von dem Ring zu trennen. »Könntest du nicht einfach …?«
Khalad schüttelte den Kopf. »Wofür der Goldschmied und ich uns auch entscheiden mögen – es muß auf jeden Fall angepaßt werden. Jetzt hängt es wohl davon ab, wie weit Ihr mir in dieser Beziehung traut, stimmt's?«
Sperber seufzte. »Du mußtest natürlich gerade jetzt damit kommen, nicht wahr, Khalad?«
»Je schneller, desto besser, Herr Ritter.« Sperber zog den Ring vom Finger und legte ihn in Khalads ausgestreckte Hand. »Danke.« Khalad lächelte. »Euer Vertrauen ehrt mich.«
»Gut gesagt«, murmelte Ulath.
Später, nachdem Sperber und Ulath Kalten die Treppe hinaufgeschleppt und ins Bett gelegt hatten, trafen die Gefährten sich in der Gaststube zum Abendessen. Sperber hatte den Wirt gebeten, Sephrenia das Essen aufs Zimmer zu bringen.
Bevier schaute sich um. »Wo ist Talen?«
»Er sagte, er wolle ein bißchen frische Luft schnappen«, antwortete Berit.
»Während eines Wirbelsturms?«
»Ich glaube, er kann bloß nicht mehr stillsitzen.«
»Oder er will etwas stehlen«, meinte Ulath.
In diesem Moment knallte die Tür zurück, und der Wind wehte Talen herein. Unter seinem Umhang trug er Wams und enges Beinkleid, und an der Hüfte einen Degen. Die Waffe schienen ihn nicht sonderlich zu behindern. Er drückte den Rücken gegen die Tür und mühte sich, sie ganz zu schließen. Er war naß bis auf die Haut, und Wasser strömte ihm übers Gesicht. Mit breitem Grinsen erklärte er: »Ich habe gerade ein Geheimnis gelüftet!« Lachend setzte er sich zu den anderen an den Tisch.
»Ach?« sagte Ulath.
»Wieviel wäre es euch wert, Rebals wahre Identität zu erfahren, meine Herren?«
»Wie ist dir das gelungen?« fragte Berit.
»Pures Glück. Ich wollte mich draußen nur ein wenig umsehen. Der Sturm wehte mich durch eine enge Sackgasse und drückte mich gegen eine Ladentür an ihrem Ende. Ich hielt es für das beste, hineinzugehen, um zu Atem zu kommen. Und was sehe ich als erstes? Ein bekanntes Gesicht! Unser geheimnisvoller Rebal ist ein geachteter Ladenbesitzer hier in Jorsan. Das hat er mir selber gesagt. Er sieht gar nicht so beeindruckend aus, wenn er eine Schürze trägt.«
»Ein Ladenbesitzer?« fragte Bevier ungläubig.
»Ja, wirklich, Herr Ritter – eine Stütze der Gemeinde, wenn man seinen Worten glauben darf. Er ist sogar im Stadtrat.«
»Konntest du seinen Namen erfahren?« erkundigte sich Vanion.
»Natürlich, Eminenz. Er hat sich mir vorgestellt, kaum daß der Wind mich durch die Tür geblasen hatte. Er heißt Amador. Ich habe sogar etwas bei ihm gekauft, nur damit er nicht zu reden aufhörte.«
»Womit handelt er denn?« fragte Berit.
Talen langte unter sein Wams und zog einen schmalen, ein wenig nassen und zerknitterten Stoffstreifen in kräftigem Rosa hervor. »Ist es nicht hübsch? Ich glaube, ich werde es Flöte schenken.«
»Ist das dein Ernst?« Vanion lachte. »Er handelt tatsächlich mit Seidenbändern?«
»Und ob es mein Ernst ist, Eminenz. Der Mann hier in Edom, der alle Tamuler erzittern läßt, ist Verkäufer von Seidenbändern. Könnt ihr euch das vorstellen?« fragte er die Runde. Dann lachte er schallend.
»Wie funktioniert es?« erkundigte sich Sperber tags darauf. Er drehte den Ring um und blickte auf die Unterseite.
»Es ist die Fassung eines Ringes, wie Leute sie benutzen, wenn sie Gift in Speisen oder Getränke geben wollen«, erklärte Khalad. »Ich hab' den Goldschmied gebeten, die Fassung vom Originalring zu entfernen und an Eurem zu befestigen, so, daß sie den Rubin umrahmt. Da ist eine winzige Angel an dieser Seite der Einfassung, und eine Verriegelung an der anderen. Ihr braucht bloß die Angel zu berühren – genau hier.« Er deutete auf einen winzigen Hebel, der unter der massiven Goldverzierung kaum zu sehen war. »Die Angel hat eine kleine Feder, und wenn Ihr auf den Hebel drückt, springt dieser goldene Verschluß auf.« Er berührte den Hebel, und der kleine, kuppelförmige Deckel sprang zurück und gab den Edelstein frei. »Seid Ihr sicher, daß es auch wirklich funktioniert, wenn Ihr Bhelliom nur mit dem Reif berührt? Wenn dieser Deckel im Weg ist, dürfte es etwas schwierig werden, mit dem Stein überhaupt irgendwas zu berühren.«
»Ja, der Reif genügt«, erwiderte Sperber. »Das ist sehr geschickt angefertigt, Khalad.«
»Danke. Ich hab' dafür gesorgt, daß der Goldschmied das Gift erst auswusch, bevor wir Euren Ring mit dem Überzug versahen.«
»Sein ursprünglicher Ring war bereits benutzt worden?«
»O ja. Ein Erbe der edomischen Edelfrau, der er gehört hatte, verkaufte ihn nach ihrem Tod an den Goldschmied. Ich vermute, daß sie viele Feinde hatte. Anfangs zumindest.« Khalad lachte. »Ich habe den Goldschmied sehr enttäuscht, fürchte ich. Er wollte unbedingt eine Zeitlang mit Eurem Ring allein sein. Der Rubin ist sehr kostbar, und da ich sicher war, daß Bhelliom nicht auf ein Stück rotes Glas ansprechen würde, ließ ich ihn keinen Moment aus den Augen. Trotzdem kann es nicht schaden, wenn Ihr Euch vergewissert, daß der Ring die Schatulle wirklich noch öffnet. Wenn nicht, gehe ich zu dem Goldschmied zurück und werde ihm einen Finger nach dem anderen absäbeln. Nachdem er erst zwei oder drei verloren hat, wird er sich bestimmt erinnern, wo er den echten Rubin versteckt hat. Es ist nämlich schwierig, so feine Arbeiten zu bewerkstelligen, wenn man nicht alle zehn Finger hat. Aber ich habe ihn von Anfang an darauf aufmerksam gemacht. Deshalb können wir vermutlich mit seiner Ehrlichkeit rechnen.«
»Du bist ein ganz schön harter Bursche!«
»Ich wollte lediglich Mißverständnisse vermeiden. Sobald wir uns vergewissert haben, daß der Ring die Schatulle noch öffnet, solltet Ihr damit zu Flöte gehen und herausfinden, ob das Gold dick genug ist, den Rubin abzuschirmen. Wenn nicht, bringe ich ihn zum Goldschmied zurück und lasse ihn so lange Gold auf den Deckel auftragen, bis der Überzug seinen Zweck erfüllt.«
»Du bist wirklich ein praktisch veranlagter Mensch, Khalad.«
»Jemand in unserer Gruppe muß es schließlich sein.«
»Was hast du mit Kaltens Florin gemacht?«
»Den Goldschmied bezahlt. Aber der Florin hat die Kosten bei weitem nicht gedeckt. Ihr schuldet mir noch den Rest.«
»Bis wir nach Hause kommen, werde ich wohl in jedermanns Schuld stehen.«
»Das macht nichts, Sperber.« Khalad grinste. »Wir wissen ja, daß Ihr Eure Schulden bezahlt.«
»Das reicht!« rief Sperber verärgert, nachdem er zwei Tage später, ehe er sich zum Frühstück setzte, einen raschen Blick aus der Tür der Gaststube geworfen hatte. »Macht euch zum Aufbruch bereit.«
»Ich kann das Schiff bei diesem Sturm nicht zurückholen, Sperber«, erklärte ihm Flöte. Sie sah noch erschöpft aus, schien sich jedoch langsam zu erholen.
»Dann müssen wir den Landweg nehmen. Wir sitzen hier wie auf dem Präsentierteller und warten nur darauf, daß unser Freund da draußen seine Streitkräfte sammelt. Wir müssen los!«
»Auf dem Landweg werden wir Monate bis Matherion brauchen«, gab Khalad zu bedenken. »Flöte ist noch nicht soweit bei Kräften, daß sie unsere Reise beschleunigen könnte.«
»So schwach bin ich nun auch wieder nicht, Khalad«, versicherte Flöte. »Ich bin bloß ein wenig müde, das ist alles.«
»Mußt du es denn allein machen?« fragte Sperber.
»Ich verstehe dich nicht ganz.«
»Wenn einer deiner Anverwandten zufällig des Weges käme, könnte er dir dann nicht helfen?«
Aphrael runzelte die Stirn.
»Sagen wir, du triffst die Entscheidungen, und er hilft dir nur mit Muskelkraft?«
»Die Idee ist nicht schlecht, Sperber«, warf Sephrenia ein, »aber es kommt nicht zufällig einer ihrer Anverwandten des Weges.«
»Das nicht, aber wir haben Bhelliom.«
»Das habe ich befürchtet!« Bevier stöhnte. »Der verfluchte Stein hat ihm den Verstand verwirrt! Jetzt hält er sich schon für einen Gott!«
»Nein, Bevier.« Sperber lächelte. »Ich bin kein Gott, aber ich habe Zugriff zu einer Kraft, die zumindest einen gottähnlichen Zustand herstellt. Wenn ich die Ringe benutze, muß Bhelliom tun, was ich ihm befehle. Das ist nicht genauso, als wäre man ein Gott, aber es kommt dem ziemlich nahe. Frühstücken wir, dann könnt ihr anderen eure Sachen zusammensuchen und sie den Pferden aufpacken. Aphrael und ich werden die Einzelheiten ausarbeiten, wie es zu schaffen ist.«