13

»Wir haben keine Wahl, Liebes«, sagte Vanion zu Sephrenia. »Trotz unseres Versuchs, umzukehren, reiten wir immer noch in dieselbe Richtung. Wir müssen Bhelliom einsetzen.« Er blickte zu der vor ihnen liegenden Klamm. Der Wildbach toste über die aus seinem Bett ragenden Felsbrocken und brach sich ein immer tieferes und breiteres Bett durch das Gestein. Die Wände der Klamm waren mit üppigem Grün bewachsen, von dem es aufgrund des wirbelnden Dunstes, der aus dem Wildwasser aufstieg, stetig tropfte.

»Nein, Vanion!« riet Sephrenia heftig ab. »Wenn wir das tun, schnappt ihre Falle über uns zu! Die Delphae wollen Bhelliom. Sobald Sperber versucht, ihn einzusetzen, werden sie uns angreifen, um ihn zu töten und ihm Bhelliom wegzunehmen.«

»Sie werden ihren Versuch bereuen!« versicherte Sperber.

»Vielleicht.« Sephrenia zuckte die Schultern. »Vielleicht aber auch nicht. Wir wissen nicht, wozu sie fähig sind. Solange ich nicht herausgefunden habe, wie es ihnen gelingt, uns in die Irre zu führen, kann ich nicht einmal Vermutungen darüber anstellen, wozu sie sonst noch imstande sind. Es gibt zu viele Unsicherheiten, als daß wir irgendwelche Wagnisse eingehen dürften.«

»Wir könnten uns in einer Sackgasse befinden«, meinte Khalad. »Wir bewegen uns nach Norden, so sehr wir uns auch bemühen, eine andere Richtung einzuschlagen. Und wir wissen nicht, was die Delphae tun werden, falls Sperber Bhelliom benutzt, um uns aus diesem Gebirge zu bringen. Warum halten wir nicht einfach an?«

»Wir müssen nach Matherion zurück«, wandte Sperber ein.

»Aber wir kommen Matherion nicht näher, Ritter Sperber, sondern den Delphae! Seit zwei Tagen irren wir jetzt schon durch diese Berge, und wir befinden uns immer noch auf dem Irrweg nach Norden. Wenn alle Richtungen lediglich zu einem Ort führen, zu dem wir nicht wollen – weshalb reiten wir dann überhaupt weiter? Suchen wir uns lieber einen schönen Lagerplatz und bleiben eine Zeitlang dort? Zwingen wir die Delphae, zu uns zu kommen, statt umgekehrt.«

»Das klingt sehr vernünftig, Hochmeister Vanion«, stimmte Itagne zu. »Solange wir auf dem Marsch sind, brauchen die Delphae nichts weiter zu tun, als uns in ihre Richtung zu treiben. Lagern wir jedoch hier irgendwo, müssen sie sich etwas anderes einfallen lassen, und das könnte der erhabenen Sephrenia vielleicht Hinweise auf ihre Fähigkeiten geben. In diplomatischen Kreisen nennt man das ›konstruktive Untätigkeit‹.«

»Aber was ist, wenn die Delphae beschließen, einfach zu warten?« gab Ulath zu bedenken. »Der Herbst ist keine gute Zeit für einen längeren Aufenthalt in den Bergen. Im Vorgebirge, durch das wir gekommen sind, als wir die Wüste verließen, war es nicht so schlimm. Aber hier oben drängt die Zeit.«

»Ich glaube nicht, daß sie lange warten, Ritter Ulath«, widersprach Itagne.

»Warum nicht? Alle Vorteile sind auf ihrer Seite.«

»Diplomatischer Instinkt. Ich hatte das Gefühl, sie sind aus irgendeinem Grund in großer Eile. Sie wollen, daß wir nach Delphaeus kommen und es ist ihnen sehr wichtig, daß es bald geschieht!«

»Wie seid Ihr zu diesem Schluß gekommen, Exzellenz?« fragte Kalten skeptisch.

»Es ist eine Kombination unzähliger Kleinigkeiten, Ritter Kalten – der Tonfall, der kaum merkliche Wechsel ihres Ausdrucks, ja, sogar ihrer Haltung und ihr Atmen. Die Delphae waren keineswegs so selbstsicher, wie sie erscheinen wollten, und sie sind darauf aus, daß wir uns so schnell wie möglich nach Delphaeus begeben. Solange wir in diese Richtung reiten, haben sie keinen Grund, sich wieder mit uns in Verbindung zu setzen. Aber sobald wir uns nicht vom Fleck rühren, werden sie zu uns kommen und Zugeständnisse machen. Ich nehme es jedenfalls fest an. So etwas habe ich schon oft erlebt.«

»Dauert eine Ausbildung zum Diplomaten lange, Exzellenz?« fragte Talen nachdenklich.

»Das hängt ausschließlich von Eurer Begabung ab junger Herr.«

»Ich lerne schnell. Diplomatie würde mir viel Spaß machen.«

»Es ist die beste Unterhaltung, die es gibt.« Itagne lächelte. »Keine andere kommt ihr auch nur annähernd gleich.«

»Ziehst du wieder mal einen anderen Beruf in Erwägung, Talen?« fragte sein Bruder.

»Aus mir würde nie ein guter Ritter, Khalad. Es sei denn, Sperber benutzt den Bhelliom und macht mich viermal größer und stärker, als ich jetzt bin.«

»Ist das nicht schon der dritte Beruf, der dir in diesem Jahr bisher durch den Kopf spukt?« Sperber lächelte. »Möchtest du nicht mehr Kaiser der Unterwelt werden oder Erzprälat der Diebe?«

»Ich brauche noch keine endgültige Entscheidung zu treffen, Sperber. So alt bin ich nicht.« Plötzlich fiel Talen etwas ein. »Stimmt es, daß man Diplomaten nicht verhaften darf, Exzellenz? Die Polizei darf nicht Hand an sie legen, egal, was sie tun, nicht wahr?«

»Das ist überliefertes Gewohnheitsrecht, Talen. Werfen wir eure Diplomaten in ein Verlies, tut ihr dasselbe mit unseren. Das stellt Diplomaten mehr oder weniger über das Gesetz.«

Talen lächelte selig. »Wenn das nicht eine Überlegung wert ist!«

»Ich mag Höhlen.« Ulath zuckte die Schultern.

»Bist du sicher, daß nicht ein wenig Trollblut durch deine Adern fließt?« fragte Kalten.

»Auch Trolle und Oger können dann und wann gute Ideen haben. In einer Höhle haben wir ein Dach über dem Kopf. Das kann nicht schaden, falls das Wetter zu wünschen übrig läßt, und niemand kann sich von hinten heranschleichen. Diese Höhle hier ist ausgezeichnet. Sie wurde schon einmal bewohnt. Jedenfalls hat jemand sich viel Mühe damit gemacht, eine Wand um die Quelle dort drinnen zu bauen, so daß es genug Frischwasser gibt.«

»Was ist, wenn dieser Jemand zurückkommt und seine Höhle wieder für sich beansprucht?«

»Ich kann mir nicht vorstellen, daß es dazu kommt, Kalten.« Der hünenhafte Thalesier hob eine sichtlich mit viel Liebe angefertigte Speerspitze in die Höhe. »Er hat das hier zurückgelassen, als er ausgezogen ist. Ich würde sagen, er ist ein bißchen zu alt, als daß wir uns seinetwegen Sorgen machen müssen – bestimmt gut fünfzehn-, wenn nicht zwanzigtausend Jahre zu alt.« Vorsichtig fuhr er mit dem Daumen über die Sägeklinge. »Er hat wirklich gute Arbeit geleistet. Sogar Bilder hat er an die Wand gemalt – hauptsächlich Tiere.«

Kalten schauderte. »Wäre das nicht so, als würden wir in eine Gruft einziehen?«

»Ach was. Die Zeit ist ein Ganzes, Kalten. Die Vergangenheit ist stets bei uns. Die Höhle hat dem Mann, der diese Speerspitze gefertigt hat, gute Dienste geleistet. Und die Arbeit, die er zurückließ, beweist uns, daß er umsichtig war und daß man seinem Urteil vertrauen kann. Die Höhle hat alles, was wir brauchen – ein Dach und Wände, Quellwasser, reichlich Brennholz in der Nähe. Und etwa hundert Meter südlich ist die steile Wiese, die uns genug Futter für die Pferde liefern wird.«

»Und was werden wir essen? In spätestens zwei Wochen ist unser Proviant aufgebraucht. Sollen wir aus Steinen eine Brühe kochen?«

»Hier gibt es genug Wild, Ritter Kalten«, warf Khalad ein. »Unten am Fluß habe ich Rehe gesehen, und weiter oben am Hang Gemsen.«

»Gemsen?« Kalten verzog das Gesicht.

»Nahrhafter als Steinbrühe, oder nicht?«

»Ritter Ulath hat recht, Freunde«, meinte Bevier. »Die Höhle läßt sich als Festung nutzen. Soweit wir wissen, müssen die Delphae nahe genug kommen, einen zu berühren, ehe sie ihm körperlichen Schaden zufügen können. Eine Brustwehr und fest in den Boden gerammte, angespitzte Pflöcke am Steilhang zum Bach werden sie uns vom Halse halten. Falls Botschafter Itagne recht hat und die Delphae tatsächlich unter Zeitdruck stehen, müßten wir sie auf diese Weise zwingen können, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.«

»Tun wir es!« entschied Vanion. »Und beeilen wir uns. Offenbar kommen die Delphae stets nachts, woher auch immer. Deshalb sollten wir unsere Verteidigungsanlage noch vor Sonnenuntergang fertig haben.«

Die Wolkendecke, die den Himmel während der ganzen letzten Woche zu einer bedrückenden bleiernen Kuppel gemacht hatte, war am Morgen verschwunden, und die Herbstsonne, die auf das Laub des Espenwaldes auf der gegenüberliegenden Seite der Klamm fiel, erfüllte den Tag mit strahlend goldenem Licht. Alles wirkte übernatürlich klar. Die Felsbrocken unten im Bachbett waren kreideweiß, und der in der Sonne schimmernde Wildbach von tiefem Grün. Vögel zwitscherten und trillerten in der Klamm, und Eichhörnchen keckerten laut.

Die Ritter setzten ihre Arbeit an der Befestigung fort. Sie vollendeten den breiten, brusthohen Wall aus lose aufgestapelten Steinen um den Rand der halbrunden Felsplatte, die sich vorm Höhleneingang befand. Dann trieben sie die oben zugespitzten Pflöcke in den Steilhang, der zum Bach führte.

Ihre Pferde ließen sie bei Tag auf der angrenzenden Wiese weiden und brachten sie bei Sonnenuntergang in ihre behelfsmäßige Festung. Sie badeten, wuschen ihre Kleidungsstücke im Bach und jagten Damwild im Wald. Nachts hielten sie abwechselnd Wache, doch die Delphae ließen sich nicht sehen.

Sie blieben vier Nächte und wurden von Stunde zu Stunde ungeduldiger. »Wenn die Delphae schon ihre dringlichen Probleme so langsam angehen, wie reagieren sie dann erst, wenn sie es nicht so eilig haben?« sagte Talen am Morgen des vierten Tages zu Itagne. »Sie haben offenbar nicht mal einen Kundschafter, der uns beobachtet.«

»Sie sind da draußen, Talen«, versicherte Itagne ihm.

»Warum haben wir sie dann nicht bemerkt? Sie dürften des Nachts doch kaum zu übersehen sein?«

»Das ist nicht gesagt«, widersprach Kalten. »Ich glaube nicht, daß sie ständig leuchten. Als sie uns das erste Mal aufgesucht haben, sahen wir sie im Nebel. Aber beim zweitenmal waren sie keine zwanzig Meter entfernt, ehe sie aufgeleuchtet haben. Offenbar können sie dieses Leuchten beeinflussen – je nach Lage der Dinge.«

»Sie sind da draußen!« wiederholte Itagne. »Und je länger sie warten, desto besser.«

»Das verstehe ich nicht ganz«, gestand Talen.

»Inzwischen ist ihnen klar, daß wir nicht die Absicht haben, schnell von hier weiterzuziehen. Also werden die Delphae untereinander aushandeln, was sie uns anbieten sollen. Einige werden bessere Vorschläge machen als andere. Je länger wir hierblieben, desto uneiniger werden sie, und das kann nur von Vorteil für uns sein!«

»Seid Ihr plötzlich zum Hellseher geworden, Itagne?« fragte Sephrenia.

»Nein, Erhabene, das sagt mir meine Erfahrung. Diese langwierige Vorgehensweise ist bei Verhandlungen gang und gäbe. Ich bewege mich jetzt auf vertrautem Boden. Wir haben die richtige Strategie gewählt.«

»Was können wir sonst noch tun?« fragte Kalten.

»Nichts, Herr Ritter. Jetzt sind die Delphae am Zug.«

Sie kam am helllichten Tag vom Bach her und stieg mühelos den steilen Hang hinauf. Sie trug einen grauen Kapuzenumhang und leichte Sandalen. Ihre Züge waren tamulisch, besaßen jedoch nicht die charakteristische goldene Tönung ihrer Rasse. Sie wirkte eher farblos als bleich. Ihre Augen, aus denen große Weisheit sprach, waren grau, und ihr langes Haar war weiß, obwohl sie ansonsten wie ein junges Mädchen aussah.

Sperber und die anderen beobachteten die Frau, als sie im strahlenden Sonnenschein den Hang heraufkam. Sie überquerte die steile Wiese, auf der die Pferde weideten. Ch'iel, Sephrenias zutraulicher Schimmelzelter, näherte sich der farblosen Frau neugierig, und sie strich mit schlanker Hand sanft über den Kopf der Stute.

»Das dürfte nahe genug sein«, sagte Vanion; dann rief er der Frau zu: »Was wollt Ihr?«

»Ich bin Xanetia«, antwortete sie. Ihre Stimme war sanft, hatte jedoch ein leicht hallendes Timbre, das sie sofort als eine Delphae auswies. »Ich soll Eure Geisel sein, Hochmeister Vanion.«

»Ihr kennt mich?«

»Wir kennen Euch, Hochmeister Vanion – und jeden Eurer Gefährten. Es widerstrebt Euch, nach Delphaeus zu kommen, weil Ihr befürchtet, daß wir Böses gegen Euch im Sinn haben. Mein Leben soll Euch als Unterpfand unseres guten Willens dienen.«

»Hör nicht auf sie, Vanion!« sagte Sephrenia hart.

»Habt Ihr Angst, Priesterin?« fragte Xanetia ruhig. »Eure Göttin teilt Eure Furcht nicht. Nun erkenne ich, daß es Euer Haß ist, der sich dem, was geschehen muß, in den Weg stellt. Deshalb werde ich mein Leben in Eure Hände legen. Tut, was Ihr wollt. Solltet Ihr mich töten müssen, um Euren Haß zu stillen, möge es so sein.«

Sephrenias Gesicht wurde totenbleich. »Ihr wißt, daß ich so etwas niemals tun würde, Xanetia!«

»Dann legt das Werkzeug des Todes in die Hände eines anderen. So könnt Ihr meinen Tod befehlen, ohne die eigenen Hände zu besudeln. Ist das bei Eurer Rasse nicht so üblich, Styrikerin? Ihr werdet unbefleckt bleiben, während Euer Durst nach Blut gestillt wird. Ihr könnt Eurer Göttin makellos vors Angesicht treten und ihr Eure Unschuld beteuern; denn Ihr werdet untadelig sein. Mein Blut wird an den Händen Eurer Elenier kleben, und elenische Seelen sind billig, nicht wahr?« Sie griff unter ihren Umhang und zog einen juwelengleichen Dolch hervor, der aussah, als wäre er aus Glas gefertigt. »Damit könnt Ihr mir den Tod geben, Sephrenia. Die Klinge ist aus Obsidian, damit Ihr Eure Hände – oder Eure Seele – nicht mit dem Euch verhaßten Stahl befleckt, wenn Ihr mir den tödlichen Stoß versetzt.« Xanetias Stimme war sanft, doch ihre Worte schnitten wie der harte, scharfe Stahl, von dem sie sprach, in Sephrenias Inneres.

»Ich höre mir das nicht an!« brauste die zierliche Styrikerin auf.

Xanetia lächelte. »Oh, Ihr tut es trotzdem, Sephrenia«, sagte sie, noch immer völlig ruhig. »Ich kenne Euch gut, Styrikerin, und ich weiß, daß meine Worte sich tief in Eure Seele gebrannt haben. Stets werdet Ihr sie hören. In der Stille der Nacht werden sie wiederkehren und jedesmal tiefer brennen. Wahrlich, Ihr werdet mir zuhören, denn meine Worte sind die der Wahrheit, und sie werden jeden Tag Eures Lebens in Eurer Seele widerhallen.«

Sephrenias Gesicht wurde von einem plötzlichen Ausdruck inneren Schmerzes überschattet, und mit einem Aufschrei flüchtete sie in die Höhle.

Itagne kehrte mit ernstem Gesicht von der Wiese auf den freien Platz vor der Höhle zurück. »Sie ist sehr überzeugend«, erklärte er den andern. »Ich glaube, daß sie es ehrlich meint!«

»Wahrscheinlich weiß sie nicht genug über die wahren Motive der Führer ihres Volkes, um falsche Gefühle zu heucheln«, meinte Bevier zweifelnd. »Vielleicht ist sie nicht mehr als ein Bauer in einem Schachspiel.«

»Xanetia ist eine der Führerinnen ihres Volkes, Ritter Bevier«, erwiderte ihm Itagne. »Sie ist so etwas wie die Kronprinzessin der Delphae. Nach dem Tod des Anari wird sie die Anarae.«

»Ist das ein Name oder ein Titel?« wollte Ulath wissen.

»Ein Titel. Der Anari – in Xanetias Fall die Anarae – ist sowohl der weltliche wie der geistliche Führer der Delphae. Der Name des derzeitigen Anari ist Cedon.«

»Ist das nicht bloß eine Mär, die sie sich ausgedacht hat?« fragte Talen. »Sie könnte nur vortäuschen, daß sie Kronprinzessin ist, damit wir sie für eine wichtige Persönlichkeit halten. In Wahrheit ist sie vielleicht Schäferin oder irgend jemandes Hausmagd.«

»Da bin ich anderer Meinung«, entgegnete Itagne. »Es mag sich überheblich anhören, aber ich glaube nicht, daß mich jemand so leicht belügen kann. Xanetia sagt, sie würde dereinst Anarae werden, und ich glaube ihr. Diese Vorgehensweise entspricht diplomatischen Gepflogenheiten. Geiseln müssen bedeutende Persönlichkeiten sein. Und es gibt noch einen Hinweis darauf, daß diese Angelegenheit für die Delphae sehr wichtig ist. Wenn es stimmt, was Xanetia sagt, ist sie das Wertvollste, das die Delphae besitzen.« Er verzog das Gesicht. »Es widerspricht zwar allem, was ich über die Leuchtenden weiß und was mich darüber gelehrt wurde, aber ich glaube, diesmal müssen wir ihnen trauen.«

Sperber und Vanion blickten sich an. »Was meint Ihr?« fragte Vanion.

»Ich glaube nicht, daß wir überhaupt eine Wahl haben. Wir können schlecht den ganzen Winter hier verbringen. Und egal, welche Richtung wir einschlagen – unser Weg führt immer nach Delphaeus. Daß Xanetia hier ist, ist von ihrer Seite zumindest so etwas wie ein Vertrauensbeweis.«

»Aber genügt er?«

»Wahrscheinlich wird er genügen müssen, Sperber. Ich kann mir nicht vorstellen, daß wir etwas Besseres geboten bekommen.«

»Kalten!« rief Sephrenia bestürzt. »Nein!«

»Jemand muß es tun«, entgegnete der blonde Ritter hartnäckig. »Vertrauen muß beidseitig sein!« Er blickte Xanetia fest an. »Wollt Ihr mir irgend etwas sagen, ehe ich Euch auf das Pferd helfe?« fragte er. »Eine Warnung, vielleicht?«

»Ihr seid mutig, Ritter Kalten«, erwiderte sie.

»Dafür werde ich bezahlt.« Er zuckte die Schultern. »Werde ich mich auflösen, wenn ich Euch berühre?«

»Nein.«

»Also gut. Ihr habt noch nie ein Pferd geritten, oder?«

»Wir halten keine Pferde. Da wir unser Tal nur selten verlassen, hätten wir gar keine Verwendung dafür.«

»Es sind ziemlich brave Tiere. Aber dem Pferd, das Ritter Sperber trägt, solltet Ihr lieber nicht zu nahe kommen. Es beißt gern. Dieses Tier hier ist ein Lastpferd. Es ist ziemlich alt und ruhig und wird seine Kraft nicht damit vergeuden, herumzutollen wie ein Füllen. Um die Zügel braucht Ihr Euch nicht zu kümmern. Das Pferd ist daran gewöhnt, den anderen zu folgen. Ihr braucht es also nicht einmal zu lenken. Aber wenn Ihr wollt, daß es ein bißchen schneller geht, dann stupst es ganz leicht mit Euren Absätzen. Soll es langsamer gehen, zieht ein wenig an den Zügeln. Und wenn es stehenbleiben soll, müßt Ihr an den Zügeln rucken. Der Packsattel ist nicht sehr bequem, also laßt es uns wissen, falls Ihr steif oder wund werdet. Dann halten wir an und gehen ein Stück zu Fuß. Nach ein paar Tagen habt Ihr Euch daran gewöhnt – falls wir noch so lange reisen müssen.«

Sie streckte die Hände aus und verschränkte die Arme an den Handgelenken. »Wollt Ihr mich fesseln, Herr Ritter?«

»Wieso? Wozu?«

»Ich bin Eure Gefangene.«

»Unsinn! Ihr würdet Euch mit gefesselten Händen nicht einmal festhalten können.« Kalten schob entschlossen das Kinn vor, streckte die Hände aus und faßte Xanetia um die Taille. Dann hob er sie beinahe mühelos auf das Lastpferd. Schließlich betrachtete er seine Hände. »So weit, so gut. Jedenfalls sind meine Fingernägel nicht abgefallen. – Ich werde neben Euch reiten. Wenn Ihr das Gefühl habt, Ihr rutscht aus dem Sattel, sagt es mir sofort.«

»Wir haben ihn immer unterschätzt«, murmelte Vanion Sperber zu. »Es steckt viel mehr in ihm, als es den Anschein hat.«

»Kalten? O ja! Kalten ist nicht immer leicht zu durchschauen.«

Sie ritten fort von ihrer befestigten Höhle und folgten der Klamm, die der Fluß durch den Fels geschnitten hatte. Sperber und Vanion ritten voraus, Kalten mit ihrer Geisel dicht hinter ihnen. Sephrenia, mit immer noch verkniffenem Gesicht, bildete mit Berit den Schluß.

»Ist es sehr weit?« fragte Kalten die blasse Frau neben ihm. »Ich meine, wie viele Tage werden wir brauchen, ehe wir am Ziel sind?«

»Die Entfernung ist ebenso bedeutungslos wie die Zeit, Ritter Kalten«, erwiderte Xanetia. »Die Delphae sind Ausgestoßene und Verfemte. Es wäre sehr unklug von uns, bekanntzugeben, wo sich das Tal von Delphaeus befindet.«

»Wir sind das Reisen gewöhnt, Edle«, entgegnete Kalten, »und wir achten stets auf bestimmte Punkte in der Landschaft, um uns zu orientieren. Wenn Ihr uns nach Delphaeus führt, werden wir imstande sein, es allein wiederzufinden. Wir müssen nur zur Höhle zurückkehren und von dort aus noch einmal losreiten.«

»Das ist der Fehler in Eurem Plan, Herr Ritter«, erwiderte sie sanft. »Ihr könntet Euer ganzes Leben mit der vergeblichen Suche nach dieser Höhle verbringen. Wir ziehen es vor, alle Zugänge nach Delphaeus zu verbergen, statt Delphaeus selbst.«

»Ist es nicht ziemlich schwierig, eine ganze Gebirgskette zu verbergen?«

»Das haben auch wir erkannt, Ritter Kalten«, erwiderte sie, ohne eine Miene zu verziehen, »deshalb verbergen wir statt dessen den Himmel. Ohne die Sonne als Wegweiser, verirrt man sich unweigerlich!«

»Könntest du das auch, Sperber?« Kalten hob die Stimme. »Könntest du den ganzen Himmel mit Wolken überziehen?«

»Könnten wir das?« wandte Sperber sich an Vanion.

»Ich nicht. Möglicherweise wäre Sephrenia dazu fähig. Doch in Anbetracht ihrer derzeitigen Stimmung wäre es vermutlich keine gute Idee, sie zu fragen. Außerdem verstößt es gegen die Regeln. Wir dürfen nicht ins Wettergeschehen eingreifen.«

»Wir verschleiern nicht den Himmel, Hochmeister Vanion«, versicherte Xanetia ihm, »sondern eure Augen. Wenn wir es für ratsam halten, können wir andere sehen lassen, was wir möchten.«

»Bitte, Anarae«, sagte Ulath mit gequältem Gesicht, »verliert Euch nicht zu sehr in Einzelheiten. Das führt nur zu weitschweifigen Debatten über Illusion und Wirklichkeit – und die kann ich nicht ausstehen.«

Sie ritten weiter, und nun zeigte die Sonne ihnen unverhüllt, daß sie sich in ungefährer nordöstlicher Richtung bewegten.

Kalten behielt Xanetia im Auge und legte öfter als üblich eine Rast ein. Wann immer sie anhielten, half er dem blassen Mädchen vom Pferd. Als sie absaßen und die Tiere führten, ging er neben ihr her.

»Seid Ihr nicht übertrieben fürsorglich, Ritter Kalten?« tadelte sie ihn sanft.

»Oh, das tue ich nicht für Euch, meine Dame«, log er. »Der Weg ist hier ziemlich steil und wir wollen die Pferde nicht überanstrengen.«

»Es steckt wirklich mehr in Kalten, als ich ahnte«, flüsterte Vanion Sperber zu.

»Man kann einen Menschen sein Leben lang beobachten und doch nicht alles über ihn erfahren.«

»Welch erstaunliche Erkenntnis«, sagte Vanion trocken.

»Seid nett«, brummte Sperber.

Sperber war beunruhigt. Xanetia konnte kaum solche Fähigkeiten haben wie Aphrael; aber es bestand kein Zweifel, daß auch sie, genau wie die Kindgöttin, Zeit und Entfernung beeinflußte. Hätte Xanetia die Täuschung des bedeckten Himmels aufrechterhalten, wäre es Sperber vielleicht gar nicht aufgefallen, doch die Stellung der Sonne verriet ihm, daß sein Wahrnehmungsvermögen beeinträchtigt wurde: Die Sonne schien über den Himmel gesprungen zu sein. Die Fähigkeit, Ort und Zeit zu beeinflussen, war also nicht nur den Göttern vorbehalten, wie Sperber bisher angenommen hatte. Es war eine beunruhigende Erkenntnis. Was Itagne vom Hörensagen über die Delphae berichtet hatte, schien sich nun in mancher Beziehung zu bewahrheiten. Es gab tatsächlich so etwas wie »delphaeische Magie«, und soweit Sperber sehen konnte, umfaßte sie Bereiche, in die Styriker nicht eindringen konnten – oder es nicht wagten.

Er hielt die Augen offen, doch er vermied es, die Gefährten auf seine Beobachtungen aufmerksam zu machen.

Und dann, an einem schönen Herbstabend, als die Vögel schläfrig auf den Bäumen zwitscherten und gurrten und der Sonnenuntergang die Berge rot färbte, ritten sie einen schmalen Pfad hinauf, der sich um mächtige Felsblöcke herum einem V-förmigen Gebirgseinschnitt hoch über ihnen entgegenwand. Xanetia hatte darauf bestanden, nicht anzuhalten, um das Nachtlager aufzuschlagen, und war mit Kalten vorausgeritten. Ihr sonst so unbewegtes Gesicht schien vor Erwartung zu strahlen.

Als sie und ihr Beschützer die Anhöhe erreicht hatten, hielten sie an und hoben sich auf ihren Pferden in scharfen Umrissen vom letzten Glühen des Sonnenuntergangs ab.

»Großer Gott!« hauchte Kalten. »Sperber!« rief er. »Komm herauf, und sieh dir das an!«

Sperber und Vanion ritten zu ihnen hinauf.

Unter ihnen lag ein Tal, ein Gebirgskessel mit steilen, bewaldeten Hängen. Häuser schmiegten sich dort unten aneinander, Kerzenschein fiel aus den Fenstern, und blaßblauer Rauch stieg aus unzähligen Schornsteinen gerade in den Himmel. Daß es hier, inmitten dieser unzugänglichen Berge, eine richtige Stadt gab, war schon überraschend genug, doch Sperber und die anderen beachteten sie kaum. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt einem kleinen See, der in der Mitte des Tals lag.

Natürlich war diese Tatsache als solche nicht ungewöhnlich. In allen Gebirgen der Welt gibt es Seen. Die Schneeschmelze sammelt sich in Tälern und Kesseln, wenn das Gelände ringsum höher ist und es keine Kanäle und Bäche gibt, die das Wasser in Flüsse und Ströme führen. Nein, nicht die Tatsache, daß es hier einen See gab, war überraschend. Was die Gefährten in Staunen versetzte und mit abergläubischer Scheu erfüllte, war die Beobachtung, daß dieser See im schwindenden Zwielicht leuchtete. Es war nicht das fahle, grünliche Phosphoreszieren, das manchmal von verrottenden Pflanzenteilen ausgeht, sondern ein klares, unveränderliches Weiß. Wie ein verlorener Mond glühte der See und erwiderte das Licht seines soeben aufgehenden Bruders am östlichen Horizont.

»Das ist Delphaeus«, sagte Xanetia schlicht. Und als die Gefährten auf sie blickten, sahen sie, daß auch Xanetia in einem klaren weißen Licht leuchtete, das aus ihrem Innern zu kommen und durch ihre Kleidung, ja, ihre Haut zu strahlen schien, so als käme dieses bleiche, unveränderliche Licht geradewegs aus ihrer Seele.