20
Kaiser Sarabians Blick wirkte seltsam abwesend, als er auf das Chaos schaute, das dereinst seine Regierung gewesen war. Einige Beamte befanden sich offenbar unter Schock; andere liefen ziellos und brabbelnd umher. Mehrere hatten sich vor die große Flügeltür gedrängt und beschworen die Ritter, sie hinauszulassen.
Oscagne näherte sich mit diplomatisch unbewegtem Gesicht dem Thronpodest. »Überraschende Wendung der Dinge«, bemerkte er, als spräche er von einem unerwarteten Sommergewitter. Er strich seinen schwarzen Umhang glatt und sah nun mehr denn je wie ein Richter aus.
»Ja«, erwiderte Sarabian, noch immer mit nachdenklichem Blick. »Aber ich glaube, das könnten wir nutzen. – Sperber, ist das Verlies im Keller bezugsfertig?«
»O ja, Majestät. Es ist richtig schön ungemütlich, und der Baumeister war in allem peinlich genau.«
»Gut.«
»Was schwebt Euch vor, Sarabian?« fragte Ehlana.
Er grinste sie mit plötzlich fast jungenhaftem Gesicht an. »Verrat' ich Euch nicht, Schätzchen«, ahmte er Caalador nach. »Ich möcht' doch die Überraschung nich' verderben.«
»Bitte, Sarabian.« Sie seufzte.
»Ihr braucht bloß aufzupassen, Königin. Ich möchte selbst einen kleinen Coup veranstalten.«
»Ihr strapaziert meine Geduld, Sarabian!«
»Liebt Ihr mich denn nicht mehr, Mutter?« Seine Stimme klang aufgeregt und begeistert zugleich.
»Männer!« Ehlana rollte die Augen himmelwärts.
»Ihr braucht Euch bloß nach mir zu richten, meine Freunde«, sagte der Kaiser. »Wollen doch mal sehen, wie gut ich meine Lektionen gelernt habe.« Er erhob sich. »Hochmeister Vanion!« rief er. »Hättet Ihr die Güte, Unsere Gäste zu ihren Plätzen zurückzugeleiten?«
»Jawohl, Majestät.« Vanion, dem Zalastas Verrat bekannt gewesen war, hatte alles unter Kontrolle. Er brüllte ein paar knappe Befehle, und die Ordensritter führten die bestürzten Beamten zu ihren Stühlen zurück.
»Was hat Zalasta getan?« flüsterte Ehlana ihrem Gemahl angespannt zu. »Warum wollte er Danae angreifen?«
Sperber hatte sich bereits eine Erklärung einfallen lassen. »Das war gar nicht seine Absicht, Liebes. Er wollte Aphrael etwas antun. Hast du sie denn nicht gesehen? Sie stand doch direkt neben Sephrenia!«
»Wirklich?«
»Ja, wirklich. Ich dachte, alle würden sie sehen, aber vielleicht konnten es nur Zalasta und ich. Warum, glaubst du, ist er so schnell verschwunden? Aphrael war nahe daran, ihm das Herz aus dem Leib zu reißen und es vor seinen Augen zu verzehren.«
Ehlana schauderte.
Kaiser Sarabian stellte sich wieder an den vorderen Rand des Podestes. »Kommen wir zur Ordnung, meine Herren«, befahl er. »Wir sind hier noch nicht fertig. Wir nehmen an, daß Euch die Aufdeckung von Zalastas wahrer Einstellung überrascht hat – einige von Euch, jedenfalls. Wir sind von Euch enttäuscht, meine Herren! Von den meisten ihrer Blindheit wegen, von den übrigen, weil sie an Unserer Fähigkeit zweifelten, Zalasta – und Euch – zu durchschauen, als wäret Ihr Glasscheiben. Einige von Euch sind Hochverräter, die anderen sind lediglich strohdumm. In Unseren Diensten können Wir weder die einen noch die anderen brauchen. Es ist Uns ein ganz besonderes Vergnügen zu verkünden, daß heute bei Sonnenaufgang die atanischen Garnisonen in ganz Tamuli ausgerückt sind und sämtliche höheren kaiserlichen Beamten durch Offiziere aus ihren eigenen Reihen ersetzt haben. Von Matherion abgesehen, ist über das gesamte Imperium der Ausnahmezustand verhängt.«
Die Beamten starrten ihn an.
»Atan Engessa!« rief Sarabian.
»Sarabian-Kaiser?«
»Wir wollen doch keine Ausnahme von der Regel, nicht wahr? Also bringt Eure Ataner in die Stadt und übernehmt Matherion.«
Engessa grinste breit. »Jawohl, Sarabian-Kaiser!«
»Seid streng, Engessa. Zeigt Unseren Untertanen Unsere stählerne Faust!«
»Wie Ihr befehlt, Sarabian-Kaiser.«
Als der riesenhafte Ataner zur Tür marschierte, murmelte Sarabian laut genug, daß die Beamten es hören konnten: »Braver Kerl.«
»Majestät!« protestierte Pondia Subat schwach und richtete sich halb auf.
Der Kaiser bedachte ihn mit einem eisigen Blick. »Wir sind jetzt beschäftigt, Subat«, wies er ihn zurecht. »Wir beide werden uns später ausführlich unterhalten. Wir sind sicher, Wir werden Euren Erklärungen aufmerksam lauschen, wie das alles vor Eurer Nase passieren konnte, ohne daß es auch nur Eure endlosen Nickerchen störte. Und jetzt setzt Euch wieder und haltet den Mund!«
Der Premierminister starrte Sarabian fassungslos an und sank auf seinen Stuhl zurück.
»Ganz Tamuli befindet sich nun im Ausnahmezustand«, wandte der Kaiser sich an seine Beamten. »Da Ihr so erbärmlich versagt habt, sahen Wir uns gezwungen, einzugreifen und das Ruder zu übernehmen. Das macht Euch überflüssig, und deshalb seid Ihr alle entlassen!«
Entsetzte Aufschreie und lautes Wimmern waren zu vernehmen. Einige Beamte – jene, die ihr Amt am längsten innehatten und am meisten von ihrem beinahe göttlichen Status überzeugt waren – protestierten sogar.
»Außerdem«, übertönte Sarabian ihre Einwände, »ist jeder einzelne von Euch seit Zalastas Verrat verdächtig. Und wenn Wir nicht allen trauen können, dann müssen Wir allen mißtrauen. Wir möchten, daß Ihr heute nacht in Euch geht, meine Herren, denn morgen werden Wir Euch befragen, und Wir wollen die Wahrheit und nichts als die Wahrheit von Euch hören. Wir haben keine Zeit für Lügen oder Ausreden oder Versuche, Euch reinzuwaschen. Wir können Euch nur empfehlen, frei herauszureden. Weitere Lügen oder Ausreden werden sehr böse Folgen nach sich ziehen.«
Ulath holte einen kleinen Schleifstein aus seinem Gürtel und zog ihn bedächtig über die Schneide seiner Axtklinge. Es verursachte jene Art von schrillem Geräusch, die einem durch Mark und Bein geht.
»Als Beweis Unseres Wohlwollens«, fuhr Sarabian fort, »haben Wir Vorsorge getroffen, Euch alle heute nacht hier unterzubringen, und zwar so, daß ein jeder die nötige Ruhe haben wird, über sein bisheriges Leben nachzudenken, um dann morgen sämtliche Fragen ausführlich zu beantworten. – Hochmeister Vanion, seid so gut und geleitet mit Euren Rittern Unsere Gäste hinunter in ihre Quartiere in den Verliesen.«
»Jawohl, Majestät.« Vanion schlug in militärischem Gruß die gerüstete Faust auf die Brust seines Plattenpanzers.
Ehlana hielt ihn kurz zurück. »Äh, Hochmeister Vanion…«
»Jawohl, meine Königin?«
»Vielleicht solltet Ihr unsere Gäste durchsuchen, ehe Ihr sie zu Bett bringt. Wir möchten doch nicht, daß sich noch weitere zufällig selbst Schmerz zufügen, wie der Finanzminister es getan hat, nicht wahr?«
»Großartiger Gedanke, Majestät«, stimmte Sarabian bei. »Nehmt ihnen ihr ganzes Spielzeug weg, Hochmeister Vanion. Sie sollen durch nichts abgelenkt werden.« Er machte eine kurze Pause. »Wir glauben, Hochmeister Vanion, daß Unsere Gäste sich ein wenig besser konzentrieren können, wenn sie etwas Greifbares um sich haben, das ihnen ihre Lage deutlich klarmacht. Uns deucht, Wir lasen einmal darüber, daß die Gefangenen in elenischen Kerkern eine Art Uniform tragen. Haben Wir da richtig gelesen?«
»Das habt Ihr, Majestät«, bestätigte Vanion mit unbewegtem Gesicht. »Es ist ein ärmelloser Kittel aus grauem Rupfen mit einem roten Streifen, der senkrecht auf den Rücken gemalt wird, damit die Betreffenden im Falle einer Flucht als entsprungene Gefangene erkannt werden.«
»Meint Ihr, es ließe sich dergleichen für Unsere Gäste finden?«
»Wenn nicht, lassen wir uns etwas einfallen, Majestät.«
»Großartig, Hochmeister Vanion. Und nehmt ihnen ihr Geschmeide ab. Gold und Edelsteine geben einem das Gefühl, jemand von Bedeutung zu sein, und Wir möchten jedem von ihnen klar zu verstehen geben, daß sie nicht mehr als Geschmeiß sind. Vielleicht solltet Ihr dennoch für ihr leibliches Wohl sorgen. Was ist die übliche Verköstigung in elenischen Verliesen?«
»Brot und Wasser, Majestät. Hin und wieder Haferschleim.«
»Das erscheint mir angemessen. Schafft sie hinaus, Vanion. Schon ihr Anblick erweckt Übelkeit in Uns.«
Wieder brüllte Vanion einige Befehle, und die Ritter schritten auf die einstigen Regierungsbeamten zu.
Jeder von ihnen erhielt eine Ehrenwache, die ihn zu den Verliesen geleitete – und in manchen Fällen eher schleppte.
»Äh, Teovin, bleibt noch einen Augenblick hier«, wandte der Kaiser sich höflich an den ehemaligen Leiter der Geheimpolizei. »War da nicht noch was, das Ihr Uns sagen wolltet?«
»Nein, Majestät«, antwortete Teovin mißmutig.
»Kommt schon, alter Junge. Seid nicht schüchtern. Wir sind doch alle Freunde hier. Falls Ihr Euch durch irgend etwas gekränkt fühlt, dann frei heraus damit! Durchlaucht Stragen wird Euch gern seinen Degen zur Verfügung stellen, dann können wir die Dinge diskutieren. Wir sind überzeugt, Ihr werdet Unsere Ausführungen sehr treffend finden.« Sarabian ließ seinen Umhang auf den Boden gleiten. Mit eisigem Lächeln zog er seinen Degen. »Nun?«
»Es wäre Hochverrat, würde ich mich Eurer Majestät mit einer Waffe nähern«, murmelte Teovin.
»Großer Gott, Teovin, weshalb sollte Euch das kümmern? Ihr begeht bereits seit einigen Jahren Hochverrat; da dürften Euch doch ein paar kleine Formfehler nichts ausmachen. Nehmt den Degen, Mann, und stellt Euch Uns ausnahmsweise einmal offen. Wir werden Euch eine Fechtstunde geben, die Ihr für den Rest Eures Lebens – der allerdings nur noch sehr, sehr kurz sein wird – nicht Vergeßt.«
»Ich werde die Hand nicht gegen meinen Kaiser erheben!« erklärte Teovin verzweifelt.
»Wie bedauerlich. Wir sind wirklich enttäuscht von Euch, alter Junge. Ihr dürft gehen!«
Vanion packte den Mann am Arm und zerrte ihn aus dem Saal.
Der Kaiser von Tamuli hob begeistert den Degen über den Kopf, stellte sich auf die Zehenspitzen und drehte sich in einer stolzen Pirouette. Dann streckte er ein Bein nach vorn, schwang den Degen zur Seite und machte einen eleganten Kratzfuß vor Ehlana. »Und so, liebe Mutter, setzt man eine Regierung ab.«
»Nein, erhabene Sephrenia«, sagte Ehlana eine halbe Stunde später unerbittlich, nachdem die Gefährten wieder im blauen Salon zu sammengekommen waren. »Ich kann Euch nicht gestatten, Euch zurückzuziehen. Ihr seid Mitglied des Königlichen Rates von Elenien, und wir brauchen Euch.«
Sephrenias bleiches, tieftrauriges Gesicht erstarrte. »Wie Ihr befehlt, Majestät.«
»Faßt Euch, Sephrenia! Das ist ein Notfall. Für persönliche Gefühle ist jetzt keine Zeit. Zalasta hat uns alle betrogen, nicht bloß Euch! Jetzt müssen wir versuchen, den Schaden so gering wie möglich zu halten.«
»Du bist nicht fair, Mutter«, sagte Danae anklagend.
»Ich versuche auch gar nicht, fair zu sein. Du wirst eines Tages Königin, Danae. Setz dich, halt den Mund und lerne!«
Danae blinzelte erstaunt. Dann schob sie das Kinn vor und machte einen Knicks. »Jawohl, Majestät.«
»So ist es besser. Ich werde schon noch eine Königin aus dir machen. – Ritter Bevier!«
»Jawohl, Majestät.«
»Weist Eure Cyriniker an, die Katapulte zu bemannen. Vanion, schickt die übrigen Ritter auf die Brustwehr und laßt sie Pech sieden. Zalasta ist irgendwo da draußen. Er hat seine Selbstbeherrschung völlig verloren, und wir wissen nicht, über welche Kräfte er verfügt. In seinem derzeitigen Zustand ist er zu allem fähig – also seid bereit, vorsichtshalber!«
»Ihr hört Euch an wie ein Feldmarschall, Ehlana«, sagte Sarabian.
»Ich bin Feldmarschall«, antwortete sie abwesend. »Es ist einer meiner Titel. – Sperber, vermag Bhelliom alle Zauber unwirksam zu machen, die Zalasta gegen uns einsetzen könnte?«
»Mühelos, meine Königin. Ich glaube aber nicht, daß Zalasta versuchen wird, etwas gegen uns zu unternehmen. Du hast selbst gesehen, was mit ihm geschah, als Bhelliom seine magische Wolke auflöste. Es ist äußerst schmerzhaft für den Magier, wenn einer seiner Zauber gebrochen wird. Sephrenia kennt Zalasta besser als ich. Sie kann dir sagen, ob er verzweifelt genug ist, noch einmal ein solches Risiko einzugehen.«
»Nun, Sephrenia?« fragte Ehlana.
»Das weiß ich wirklich nicht, Majestät«, antwortete Sephrenia nach kurzem Überlegen. »Das ist eine Seite, die ich nie zuvor an ihm bemerkt habe. Ich fürchte jedoch, er ist nicht mehr er selbst. Er könnte zu allem fähig sein!«
»Dann sollten wir lieber gegen alle Überraschungen gefeit sein. – Mirtai, bittet Kalten und Ulath, daß sie Kolata hierherbringen. Wir wollen herausfinden, wie weit diese Verschwörung reicht.«
Sperber zog Sephrenia zur Seite. »Wie hat Zalasta das über Danae herausgefunden? Er weiß offensichtlich, wer sie wirklich ist. Habt Ihr es ihm gesagt?«
»Nein. Sie hat mich gebeten, es nicht zu tun.«
»Das ist merkwürdig. Ich werde später mit ihr reden und sie nach dem Grund fragen. Vielleicht hatte sie irgendeinen Verdacht – oder es war eine ihrer Ahnungen.« Er überlegte kurz. »Könnte Zalasta versucht haben, Euch zu töten? Es hatte zwar den Anschein, als würde er die Feuerkugel nach Danae werfen, aber vielleicht wart in Wirklichkeit Ihr sein Ziel.«
»Das kann ich einfach nicht glauben, Sperber.«
»Zur Zeit wäre ich bereit, fast alles zu glauben.« Er zögerte. »Ihr müßt wissen, daß Xanetia ihn von Anfang an durchschaute. Sie hat uns schon früher darauf aufmerksam gemacht.«
»Warum habt Ihr mich dann nicht gewarnt?« fragte sie bestürzt.
»Weil Ihr Xanetia nicht geglaubt hättet. Ihr seid nicht bereit, Ihr zu trauen, Sephrenia. Ihr habt Zalastas Verrat selbst erleben müssen. Ach, übrigens, Xanetia hat Euch das Leben gerettet, nicht wahr? Vielleicht sollte Euch das ein wenig zu denken geben.«
»Bitte, scheltet mich nicht, Sperber«, sagte sie mit schwachem Lächeln. »Es ist auch so schwierig genug für mich.«
»Ich weiß. Und ich fürchte, niemand kann es Euch leichter machen.«
Kolata erwies sich als sehr mitteilsam. Die Wochen der Gefangenschaft und Zalastas Angriffe gegen ihn hatten auch den letzten Rest einstmals vorhandener Ergebenheit gelöscht. »Ich weiß es wirklich nicht«, erwiderte er auf Oscagnes Frage. »Teovin, vielleicht. Er war es, der ursprünglich mit Zalastas Vorschlag an mich herangetreten ist.«
»Dann wart Ihr nicht schon seit Eurer Bestallung in diese Sache verwickelt?«
»Ich glaube nicht, daß es ›diese Sache‹, wie Ihr es nennt, schon so lange gibt. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich habe den Eindruck gewonnen, daß alles vor etwa fünf, sechs Jahren begann.«
»Ihr habt aber schon viel länger Anhänger rekrutiert.«
»Das war ganz gewöhnliche politische Taktik, Oscagne. Nachdem ich mein Amt angetreten hatte, erkannte ich rasch, was für ein Schwachkopf der Premierminister war. Ihr wart mein einziger ernstzunehmender Gegner. Ich habe Leute rekrutiert, um Euch immer einen Schritt voraus zu sein – und von dem absurden Gedanken abzubringen, daß die untergebenen Königreiche von Daresien ausländische Nationen und keine festen Bestandteile des Weltreiches Tamuli sind.«
»Darüber können wir uns ein andermal unterhalten, Kolata. Dann war also Teovin Euer Verbindungsmann zum Feind?«
Kolata nickte. »Teovin und ein berüchtigter Säufer namens Krager. Krager ist Eosier und hatte, soviel ich weiß, früher schon einmal mit Prinz Sperber zu tun. Jeder in unserer Gruppe kannte Krager; deshalb ist er der perfekte Mittelsmann – sofern er nicht sinnlos besoffen ist.«
»Das kann nur Krager sein«, bestätigte Kalten.
»Was, genau, hat Zalasta Euch versprochen, Kolata?« fragte Oscagne.
»Macht, Reichtum – das übliche. Ihr seid selbst Minister, Oscagne. Ihr kennt das Spiel und den Einsatz, um den wir spielen. Wir alle dachten, der Kaiser wäre nichts weiter als eine Galionsfigur, wohlmeinend, stets ein wenig geistesabwesend und unwissend. Verzeiht, Majestät, aber das dachten wir alle.«
»Danke«, brummte Sarabian. »Das solltet ihr ja auch denken.
Mich verwundert allerdings, daß niemand an die völlige Loyalität der Ataner mir gegenüber gedacht hat. Habt ihr das denn nicht einmal in Erwägung gezogen?«
»Wir haben Euch unterschätzt, Majestät. Wir haben nicht damit gerechnet, daß Euch bewußt war, wie gering wir Euch schätzten, und welche Bedeutung dies haben könnte. Hätten wir auch nur einen Moment geglaubt, daß Euch wirklich bewußt war, über wieviel Macht Ihr verfügt, hätten wir Euch getötet.«
»Das hatte ich befürchtet. Deshalb spielte ich ja den Einfältigen.«
»Hat Zalasta Euch gesagt, wer wirklich hinter dieser Sache steckt?« fragte Oscagne.
»Er hat vorzutäuschen versucht, daß er für Cyrgon sprach«, antwortete Kolata. »Das haben wir natürlich nicht ernstgenommen. Styriker sind merkwürdige Leute. Stets möchten sie uns glauben machen, daß sie irgendeine höhere Macht vertreten. Offenbar wollen sie nie selbst die volle Verantwortung übernehmen. Aber soweit ich weiß, war es Zalasta, der alles ausgeheckt hat.«
»Dann wäre es vielleicht an der Zeit, es von Zalasta selbst zu hören.«
»Habt Ihr ihn irgendwo im Ärmel versteckt, Vanion?« fragte Ehlana.
»Gewissermaßen, ja, Majestät. Kalten bringt den Innenminister in sein Gemach zurück. Er sieht ein wenig müde aus, unser Freund Kolata.«
»Ich habe noch ein paar Fragen an ihn, Hochmeister Vanion!« wandte Oscagne ein.
»Du wirst deine Antworten bekommen, alter Junge«, versprach Itagne. »Schneller und ausführlicher. Du quälst dich zu lange mit Einzelheiten herum, Oscagne, das ist einer deiner Fehler. Wir treiben die Dinge voran!«
Vanion wartete, bis Kalten und Ulath den Innenminister aus dem Saal gebracht hatten. »Wir haben euch allen gegenüber erwähnt, daß Xanetia weiß, was andere denken. Ihre Fähigkeit beschränkt sich aber nicht bloß auf eine vage Auslegung von Gefühlen oder Stimmungen. Wenn sie möchte, kann sie die Gedanken anderer Wort für Wort wiedergeben. Die meisten von euch werden das wahrscheinlich nicht recht glauben. Um Zeit zu sparen, ist es deshalb wohl das beste, wenn Xanetia uns jetzt zeigt, wie das vor sich geht. Hättet Ihr die Güte, Anarae, uns zu sagen, was Königin Ehlana in diesem Augenblick denkt?«
»Wie Ihr wünscht, Hochmeister Vanion. Ihre Majestät ist momentan sehr zufrieden mit sich. Eure Unterbrechung gefällt ihr jedoch weniger. Sie freut sich über Kaiser Sarabians Fortschritte und meint, daß von nun an zumindest ein wenig Kompetenz von ihm zu erwarten ist. Außerdem hat sie gewisse Pläne intimer Art mit ihrem Gemahl, denn besondere politische Aktivitäten erregen sie immer ganz besonders.«
Ehlanas Gesicht glühte. »Hört sofort damit auf!« rief sie heftig.
»Es tut mir leid, Majestät«, entschuldigte sich Vanion. »Mit letzterem hatte ich nicht gerechnet. Aber hat Xanetia Eure Gedanken richtig gelesen?«
»Ihr wißt, daß ich das nicht beantworten werde, Vanion.« Das Gesicht der Königin war immer noch flammend rot.
»Würdet Ihr wenigstens einräumen, daß sie Zugang zu den Gedanken anderer hat?«
»Ich habe ja schon davon gehört«, murmelte Sarabian nachdenklich. »Aber bisher hielt ich es nur für eine weitere der verrückten Mären über die Leuchtenden.«
»Bhelliom kann es bestätigen, Kaiser Sarabian«, versicherte Sperber. »Xanetia liest in den Gedanken anderer wie in einem offenen Buch. Ich könnte mir vorstellen, daß sie Zalasta gewissermaßen von der ersten bis zur letzten Seite gelesen hat. Vermutlich kann sie uns alles sagen, was wir über ihn und von ihm wissen wollen.« Er blickte Xanetia an. »Könntet Ihr uns eine Zusammenfassung von Zalastas Leben geben, Anarae?« fragte er. »Seit er im Thronsaal sein wahres Ich zeigte, ist Sephrenia sehr bedrückt. Vielleicht fällt es ihr leichter, seine Beweggründe zu verstehen, wenn sie die Ursachen kennt.«
»Ich kann für mich selbst reden, Sperber!« wies Sephrenia ihn scharf zurecht.
»Daran habe ich nie gezweifelt, kleine Mutter. Ich bin nur als Verbindungsmann aufgetreten. Ihr und Xanetia versteht Euch ja nicht besonders gut.«
»Warum nicht?« fragte Sarabian interessiert.
»Eine alte Feindschaft, Majestät«, erklärte Xanetia. »So alt, daß kein Lebender mehr den Grund dafür kennt.«
»Ich kenne ihn«, knirschte Sephrenia, »und so alt ist er gar nicht.«
»Hört Euch erst einmal an, was ich in Zalastas Geist gelesen habe, und urteilt dann, Sephrenia von Ylara.«
Kalten und Ulath kehrten zurück und nahmen wortlos ihre alten Plätze ein.
»Zalasta wurde vor einigen Jahrhunderten in der styrischen Ortschaft Ylara geboren, die in dem Wald nahe Cenae in Nordastel lag«, begann Xanetia. »Als er sein siebentes Lebensjahr erreichte, wurde in derselben Ortschaft jene geboren, die wir als Sephrenia kennen. Sie ist eine der tausend styrischen Lehrerinnen und Lehrer. Sephrenia unterwies pandionische Ritter in den Geheimnissen von Styrikum; sie ist die Ratgeberin von Elenien und wird von Hochmeister Vanion über alles geliebt.«
»Das ist vorbei«, warf Sephrenia schroff ein.
»Ich sprach von Hochmeister Vanions Gefühlen für Euch, Sephrenia, nicht von Euren für ihn. – Die Familien Zalastas und Sephrenias waren befreundet und beschlossen, daß beide vermählt werden sollten, sobald sie das richtige Alter dafür erreicht hatten.«
»Das hatte ich ganz vergessen«, sagte Sephrenia plötzlich. »Von dieser Warte aus habe ich Zalasta noch nie betrachtet.«
»Für ihn war es das Wichtigste im Leben, das dürft Ihr mir glauben. In Eurem neunten Lebensjahr gebar Eure Mutter ein Kind, das in Wirklichkeit die Kindgöttin Aphrael von Styrien war. Und vom Augenblick ihrer Geburt an zerfielen Zalastas Hoffnungen und Träume zu Staub und Asche, denn Ihr hattet Euer Leben Eurer kleinen Schwester gewidmet. Zalastas Zorn war grenzenlos. Er versteckte sich im Wald, denn er fürchtete, sein Gesicht könnte ungewollt seine tiefsten Gedanken verraten. Er reiste viel und suchte die mächtigsten Magier von Styrikum auf – und trotz der Gefahr für seine Seele auch die ausgestoßenen und verfluchten Hexer. Seine Suche hatte nur ein Ziel: eine Möglichkeit zu finden, wie ein Mensch eine Gottheit stürzen und vernichten kann. Denn seine Verzweiflung trieb Zalasta in einen blinden Haß auf die Kindgöttin, und mehr als alles andere wollte er ihren Tod.«
Prinzessin Danae holte tief Atem und ließ einen überraschten Aufschrei hören.
»Du sollst zuhören!« rügte Ehlana.
»Ich war erschrocken, Mutter.«
»Das darfst du nie zeigen! Du mußt deine Gefühle unter Kontrolle halten.«
»Ja, Mutter.«
»Es war im sechsten Lebensjahr der Kindgöttin – in dieser Inkarnation –, daß Zalasta in einer durch Enttäuschung hervorgerufenen Besessenheit zu direkteren Mitteln griff, denn alle, mit denen er gesprochen hatte, versicherten ihm, daß ein Mensch dieses Vorhaben nie erfolgreich verwirklichen könne. Vielleicht hatte er gehofft, die Kindgöttin könne in jungen Jahren überwältigt werden, oder sie verfüge in dieser Inkarnation noch nicht über ihre vollen Kräfte. Jedenfalls schmiedete Zalasta einen wahnsinnigen Plan: Da die Göttin selbst unsterblich ist, wollte er alle ihre Inkarnationen töten, so daß sie gezwungen sein würde, sich einen anderen Körper für ihre Bewußtheit zu suchen.«
»Wäre das machbar?« fragte Kalten seinen Freund.
»Woher soll ich das wissen?« Sperber warf einen heimlichen Blick auf seine Tochter.
Danae schüttelte fast unmerklich den Kopf.
»Um seinen überstürzten und ruchlosen Plan rasch in die Tat umzusetzen, verkleidete Zalasta sich als elenischer Priester. Er besuchte die armseligen Dörfer und Heimstätten der Leibeigenen jener Gegend und erzählte Lügen über die Styriker seines eigenen Heimatortes. Er beschrieb sie als Götzendiener und Dämonenanbeter und behauptete, sie opferten in ihren Schwarzen Messen elenische Jungfrauen. So sehr wiegelte er sie mit seinen Lügen auf, daß die unwissenden Leibeigenen sich eines Tages zusammenrotteten, die arglosen Ylarer überfielen, ihre Häuser in Schutt und Asche legten und alle niedermetzelten.«
»Aber das war doch auch Sephrenias Zuhause!« rief Ehlana. »Wie konnte Zalasta wissen, daß sie verschont blieb?«
»Zu diesem Zeitpunkt nahm er keine Rücksicht mehr darauf, Königin von Elenien. Er hätte Sephrenia lieber tot als in Gesellschaft Aphraels gesehen. Besser ein Leid, das verging, als endloses ungestilltes Verlangen. Doch wie es sich ergab, hatte die Kindgöttin ihre Schwester an jenem Morgen gebeten, mit ihr in den Wald zu gehen, um Blumen zu pflücken. Deshalb waren die beiden nicht in Ylara, als die Leibeigenen den Ort überfielen.«
»Zalasta hat mir die Geschichte einmal erzählt«, warf Sperber ein. »Er sagte allerdings, er wäre mit Sephrenia und Aphrael im Wald gewesen.«
»Nein, Anakha. Er war in Ylara und leitete die Suche nach den beiden.«
»Warum hat er die Geschichte, die er mir erzählte, dann überhaupt erfunden?«
»Vielleicht, weil er sich selbst belügt. Seine Taten an jenem Tag waren ungeheuerlich, und es liegt im Wesen des Menschen, so etwas vor sich selbst zu verschleiern.«
»Das wäre eine Erklärung.«
»Ihr könnt die Tiefe von Zalastas Haß und seine Verzweiflung leichter ermessen, wenn ihr wißt, daß seine eigene Familie dort den Tod fand«, fuhr Xanetia fort. »Sein Vater, seine Mutter und seine drei Schwestern fielen vor seinen Augen unter den Stöcken und Sensen der Bestien, die er aufgehetzt hatte.«
»Das glaube ich nicht!« rief Sephrenia.
»Bhelliom kann die Wahrheit bestätigen, Sephrenia«, entgegnete Xanetia ruhig. »Und falls ich mein Wort durch Lügen gebrochen habe, ist Ritter Kalten bereit, mir das Leben zu nehmen. Fragt mich, Schwester, und Ihr werdet hören, daß ich die Wahrheit spreche.«
»Zalasta sagte uns, daß Euer Volk, die Delphae, die Leibeigenen gegen uns aufgewiegelt hatten!«
»Er hat Euch belogen, Sephrenia. Sein Verdruß war groß, als er erfuhr, daß Aphrael – und Ihr – noch am Leben wart. Er griff nach dem ersten Gedanken wie nach einem rettenden Strohhalm und schob seine Schuld auf mein Volk; denn er wußte, daß Ihr gewiß das Schlimmste über jene glauben würdet, die zu hassen Ihr ohnehin geneigt wart. Zalasta hat Euch seit Eurer Kindheit getäuscht, Sephrenia von Ylara, und er würde Euch weiterhin täuschen, hätte Anakha ihn nicht gezwungen, sein wahres Selbst zu offenbaren.«
»Deshalb haßt Ihr die Delphae so sehr, nicht wahr, Sephrenia?« fragte Ehlana. »Ihr habt gedacht, sie wären für den Mord an Euren Eltern verantwortlich.«
»Und Zalasta, der sich stets bemühte, seine Schuld zu verbergen, nutzte jede Gelegenheit, Sephrenia an diese Lüge zu erinnern«, fuhr Xanetia fort. »Wahrlich, er hat in all den Jahrhunderten ihr Herz mit Haß gegen die Delphae gefüllt, damit sie nie auch nur auf den Gedanken käme, ihm unliebsame Fragen zu stellen.«
Sephrenias Gesicht zuckte. Sie senkte den Kopf, bedeckte es mit den Händen und begann zu weinen.
Xanetia seufzte. »Die Wahrheit hat Sephrenias Leid und ihre Trauer zurückgebracht. Sie weint um ihre seit vielen Jahrhunderten toten Eltern.« Sie wandte sich an Alean. »Bringt sie irgendwohin, wo Ihr allein mit ihr seid, sanfte Maid, und tröstet sie. Sie braucht jetzt das Mitgefühl anderer Frauen. Die Flut ihrer Tränen wird bald versiegen – und dann wehe Zalasta, sollte er ihr je in die Hände fallen!«
»Oder mir«, fügte Vanion düster hinzu.
»Siedendes Öl ist gut, Eminenz«, meinte Kalten. »Kocht ihn bei lebendigem Leib.«
»Widerhaken sind auch nicht schlecht«, warf Ulath ein. »Lange, spitze Widerhaken.«
»Muß das sein?« Sarabian schauderte.
»Zalasta hat Sephrenia sehr weh getan, Majestät«, sagte Kalten. »Es gibt fünfundzwanzigtausend Pandioner – und eine ganze Menge Ritter anderer Orden –, die das sehr persönlich nehmen werden. Zalasta mag sich ganze Gebirgszüge über den Kopf ziehen, wir werden ihn trotzdem finden! In einem solchen Fall kennen wir Ritter keine Gnade. Wenn jemand unseren Lieben weh tut, vergessen wir unsere gute Erziehung.«
»Das stimmt«, murmelte Sperber.
»Wir entfernen uns vom eigentlichen Thema, meine Herren«, erinnerte Ehlana. »Zalastas Strafe beschließen wir, wenn wir ihn haben. – Wann wurde er in diese Sache verwickelt, Xanetia? Ist er wirklich mit Cyrgon verbündet?«
»Das Bündnis wurde durch Zalasta herbeigeführt, Königin von Elenien. Sein Versagen im Wald von Astel und sein Schuldbewußtsein führten zu tiefster Verzweiflung und Schwermut. Er wanderte durch die Welt, gab sich manchmal den furchtbarsten Ausschweifungen hin und hauste dazwischen immer wieder, manchmal jahrzehntelang, als Einsiedler in dieser und jener Wildnis. Er suchte jeden namhaften styrischen Magier auf – ob von gutem oder schlechtem Ruf – und eignete sich alle ihre Geheimnisse an. So wurde Zalasta zum herausragendsten aller Styriker in den vierzig Äonen ihrer Geschichte. Doch Wissen allein vermochte ihn nicht zu trösten. Aphrael lebte immer noch, und Sephrenia war nach wie vor an sie gebunden. Doch Zalastas schier grenzenloses Wissen ließ ihn eine Möglichkeit erkennen, das Band zwischen Aphrael und Sephrenia zu zerreißen. Zu Anbeginn der Zeit hatte der Trollzwerg Ghwerig im fernen Thalesien Bhelliom geschmiedet, und Zalasta wußte, daß sein Herzenswunsch sich mit Bhellioms Hilfe vielleicht erfüllen ließe.
Dann kam es zur Geburt Anakhas, die darauf hindeutete, daß Bhelliom selbst bald an jenem Ort auftauchen würde, an dem er versteckt gewesen war. Ausgestoßene Styriker sahen durch Zeichen, Orakel und auf verschiedene andere Weise diese Geburt voraus. Sie rieten Zalasta, geradenwegs nach Eosien zu reisen und Anakha in seiner Kindheit und Jugend zu beobachten, um ihn gut kennenzulernen. Zalasta hoffte, Anakha den Stein zu jener Stunde, da er ihn ans Tageslicht brachte, entreißen zu können und dadurch die Macht über die Kindgöttin zu erringen. Doch als der Ring dann in Anakhas Besitz gelangte, erkannte Zalasta seinen Fehler. Schlau waren die Trollgötter, als sie Ghwerig anwiesen, die Saphirrose zu schneiden und ihr eine andere Form zu geben. Der Mensch ist launenhaft und unbeständig, und Habgier lauert in seinem Herzen, und Trolle sind nur das Spiegelbild des Bösen im Menschen. So machten die Trollgötter die Ringe zu Bhellioms Schlüssel, auf daß niemand Macht über den Edelstein habe, ohne die Ringe zu besitzen. Aphrael jedoch stahl die Ringe und beraubte Ghwerig der Macht über den Stein, dem fortan kein Sterblicher mehr befehlen konnte. Da die Trollgötter sich für allmächtig hielten, hatten sie kein Interesse an der Saphirrose, und weil sie einander nicht trauten, belegte ein jeder den Stein mit einem Zauber, um sicherzugehen, daß keiner von ihnen allein Bhelliom beherrschen könne, sondern nur sie alle gemeinsam. Und sie erdachten es so, daß nur sie, als Vereinigung der Götter, Bhelliom ohne die Ringe zu befehlen vermochten.« Xanetia machte eine Pause und dachte über die Eigenheiten der Trollgötter nach, wie Sperber vermutete.
»Wahrlich«, fuhr sie fort, »sind die Trollgötter Elementargeister. Jeder ist so beschränkt, daß sein Verstand nicht als vollständig erachtet werden kann. Nur vereint – was selten vorkommt – können sie durch einen Zusammenschluß jene Ganzheit erreichen, die selbst dem dümmsten menschlichen Kind zu eigen ist. Doch bei den anderen Göttern ist es nicht so. Der Verstand Azashs war trotz seiner Verstümmelung vollständig, und er hatte die Macht, Bhelliom auch ohne die Ringe zu beherrschen. Das war die Gefahr, Anakha, der ihr Euch gegenübergesehen habt, als Ihr nach Zemoch gereist wart, um Azash zu stellen. Wäre es ihm gelungen, Euch Bhelliom zu entreißen, hätte er ihn zu zwingen vermocht, seinen Willen und seine Macht mit der des Steines zu vereinen.«
»Das hätte ziemlich unangenehm werden können«, bemerkte Kalten.
»Ich verstehe es nicht ganz«, gestand Talen. »Als Sperber Bhelliom die letzten paar Male eingesetzt hat, benutzte er die Ringe gar nicht. Bedeutet das, Sperber ist ein Gott?«
»Nein, junger Herr.« Xanetia lächelte. »Anakha entstand aus Bhellioms Willen und ist von daher in gewisser Weise ein Teil von Bhelliom – wie auch die Ringe. Deshalb benötigt Anakha die Ringe nicht. Und das hat Zalasta erkannt. Als Anakha Ghwerig tötete und Bhelliom an sich nahm, verstärkte Zalasta seine Überwachung. Er benutzte die Ringe, ähnlich einem Leuchtfeuer, um sich von ihnen leiten zu lassen. So vermochte er Anakhas Wege zu verfolgen – und auf dieselbe Weise auch die von Anakhas Gefährtin.«
»Heraus mit der Sprache, Sperber!« sagte Ehlana drohend. »Wie bist du zu meinem Ring gekommen? Und was ist das?« Sie streckte die Hand aus und zeigte auf den Rubinring an ihrem Finger. »Ist das ein billiges Stück Glas?«
Sperber seufzte. »Aphrael hat deinen Ring für mich entwendet und den Ersatz besorgt. Ich bezweifle, daß sie Glas dafür genommen hat.«
Ehlana riß den Ring vom Finger und schleuderte ihn durchs Gemach. »Gib ihn zurück. Gib mir meinen Ring zurück, du Dieb!«
»Ich habe ihn nicht gestohlen, Ehlana«, wehrte er sich. »Aphrael hat ihn von dir ausgeliehen.«
»Aber du hast ihn an dich genommen, als sie ihn dir gab, nicht wahr? Das macht dich zum Helfershelfer. Gib mir meinen Ring zurück!«
»Selbstverständlich, Liebes«, sagte er verlegen. »Das wollte ich längst, aber irgendwie habe ich es dann doch vergessen.« Er holte die Schatulle hervor. »Öffne dich!« befahl er. Sperber drückte seinen Ring nicht an den Deckel, denn er wollte erfahren, ob die Schatulle sich nur auf seinen Befehl hin öffnete.
So war es. Sperber nahm den Ring seiner Gemahlin heraus und hielt ihn ihr entgegen.
»Steck ihn zurück, wohin er gehört!« wies Ehlana ihn an.
»Also gut. Dann halte das mal.« Er reichte ihr die Schatulle, nahm Ehlanas Hand und steckte ihr den Ring an den Finger. Dann griff er nach der Schatulle.
»Noch nicht!« Ehlana hielt die Schatulle aus seiner Reichweite und blickte auf den Saphir. »Weiß er, wer ich bin?«
»Ich glaube schon. Frag ihn doch. Nenne ihn Blaurose. So hat Ghwerig ihn genannt. Er ist mit diesem Namen vertraut.«
»Blaurose«, sagte Ehlana, »kennst du mich?«
Stille setzte ein, als Bhelliom pulsierte, wobei sein blaues Glühen zuerst schwächer, dann wieder stärker wurde.
»Anakha«, sagte Talen hölzern, »ist es dein Wunsch, daß ich die Fragen deiner Gefährtin beantworte?«
»Ja, Blaurose«, erwiderte Sperber. »Sie und ich sind derart miteinander verflochten, daß ihre Gedanken meine sind und meine Gedanken die ihren. Ob wir wollen oder nicht, wir sind jetzt zu dritt. Und ihr zwei solltet einander kennenlernen.«
»Das war nicht mein Plan, Anakha.« Talens Stimme klang anklagend.
»Die Welt ist fortwährender Veränderung unterworfen, Blaurose«, sagte Ehlana. »Kein Plan kann so vollkommen sein, daß er sich nicht verbessern ließe.« Genau wie Sperber bediente sie sich einer bedeutungsschweren Redeweise. »Es gibt jene, die fürchten, ich würde mein Leben gefährden, wenn ich dich berühre. Sag, besteht diese Gefahr?«
Talens hölzerne Miene wich finsterer Entschlossenheit. »So ist es, Gefährtin Anakhas.« Seine Stimme war nun hart und kalt wie Stahl. »Einmal ließ ich es zu, ein einziges Mal. Nachdem ich unzählige Äonen im Gestein gefangen war, gestattete ich Ghwerig, mich zu befreien. Meine jetzige Gestalt, die Euer Auge so erfreut, war die Folge. Mit grausamen Werkzeugen aus Brillanten und verfluchtem roten Eisen schnitt und verstümmelte der Trollzwerg mich lebendigen Leibes und gab mir diese groteske Form. Ich muß mich der Berührung eines Gottes unterwerfen; und ich bin bereit, der Berührung durch Anakha stattzugeben in der sicheren Hoffnung, daß er mich aus dieser Form befreien wird, die zu meinem Gefängnis geworden ist. Für jeden anderen jedoch bringt die Berührung den Tod.«
»Könntest du nicht …?«
»Nein!« Es war von eisiger Endgültigkeit. »Ich habe keinen Grund, den Kreaturen dieser Welt zu trauen. Daß meine Berührung den Tod bringt, bleibt bestehen, wie auch die Verlockung, daß es alle, die mich erblicken, danach verlangt, mich zu berühren. Wer mich sieht, will mich berühren. Er wird gierig die Hand nach mir ausstrecken – und sterben! Die Toten kennen kein Verlangen, mich zu versklaven. Den Lebenden ist nicht zu trauen.«
Ehlana seufzte. »Du bist hart, Blaurose.«
»Nicht ohne Grund, Gefährtin Anakhas.«
»Eines Tages werden wir vielleicht lernen, einander zu vertrauen.«
»Unnötig! Das Erreichen unseres Zieles hängt nicht davon ab.«
Wieder seufzte Ehlana und gab ihrem Gemahl die Schatulle zurück. »Bitte, fahrt fort, Xanetia. Dieser Schatten, der Sperber und mir keine Ruhe ließ, war also Zalasta. Anfangs dachten wir, es wäre Azash. Später hielten wir den Schatten für die Trollgötter.«
»Der Schatten war Zalastas Geist, Königin von Elenien«, erklärte Xanetia. »Ein styrischer Zauber, der nur sehr wenigen bekannt ist, hat es Zalasta ermöglicht, auf diese Weise unsichtbar zuzusehen und mitzuhören.«
»Unsichtbar würde ich es kaum nennen. Jedesmal sah ich diesen Schatten aus den Augenwinkeln. Es ist ein sehr plumper Zauber.«
»Das verdankt Ihr Bhelliom. Er hat versucht, Anakha vor Zalastas Anwesenheit zu warnen, indem er dessen Schatten teilweise sichtbar machte. Da Ihr ebenfalls einen der Ringe trugt, vermochtet auch Ihr ihn zu sehen.« Xanetia machte eine Pause. »Zalasta hatte Angst. Azashs Knechte hatten die Absicht, Anakha mit Bhelliom nach Zemoch zu locken, wo Azash ihm den Stein fortnehmen könnte. Und dies hätte Zalastas Hoffnung, Aphrael zu vernichten und Sephrenia zu besitzen, völlig zunichte gemacht. Alle Hindernisse auf Eurem Weg nach Zemoch hatte Zalasta Euch gelegt, Anakha.«
»Ich habe viel darüber nachgegrübelt«, gestand Sperber. »Für Martel war es zu umständlich; so etwas sah ihm nicht ähnlich. Mein Bruder war für gewöhnlich so unbeirrbar und zielstrebig wie eine Lawine. Wir dachten jedoch, es wären die Trollgötter. Sie hätten Grund genug gehabt, Bhelliom nicht in Azashs Hände fallen zu lassen.«
»Das wollte Zalasta Euch glauben machen, Anakha. Es war eine weitere Möglichkeit, sein Doppelspiel vor Sephrenia zu verbergen und ihre gute Meinung von ihm war für Zalasta von größter Wichtigkeit. Trotzdem ist es Euch gelungen, nach Zemoch vorzudringen und Azash dort zu vernichten – mit einigen anderen.«
»Das haben wir«, murmelte Ulath. »Ganze Gruppen von einigen anderen.«
»Danach wuchs Zalastas Besorgnis«, fuhr Xanetia fort, »denn Anakha war sich seiner Macht über Bhelliom voll bewußt geworden, und damit war Anakha nun so gefährlich wie ein Gott. Zalasta konnte ihm jetzt ebensowenig anhaben wie Aphrael. Um seine finsteren Ziele weiterzuverfolgen, entfernte Zalasta sich von allen anderen Menschen und scharte eine Gruppe Verfemter um sich. Das Ende Azashs hatte ihre Vermutung bestätigt: Bhelliom konnte selbst Götter vernichten. Das Mittel Aphrael zu töten, war also vorhanden, Zalasta mußte es jedoch in seinen Besitz bringen. Leider befand es sich aber in der Hand des gefährlichsten Menschen der Welt. Wollte Zalasta sein Ziel weiterverfolgen, mußte er sich mit einem Gott verbünden.«
»Cyrgon«, murmelte Kalten.
»So ist es, mein Beschützer. Die Älteren Götter von Styrikum, wie ihr selbst bemerkt habt, waren machtlos, da sie keine Anhänger mehr hatten. Die Trollgötter waren gefangen, und der elenische Gott war unerreichbar geworden, ebenso Edaemus der Delphaer. Die tamulischen Götter waren zu frivol, und der Gott der Ataner zu uninteressiert seine eigenen Kinder zu retten. Blieb nur Cyrgon. Zalasta und seine Berater entdeckten sogleich eine Möglichkeit, eine Abmachung mit dem Gott der Cyrgai zu schließen. Mit Bhelliom wäre Cyrgon imstande, den styrischen Fluch zu brechen, der seine Kinder gefangenhielt; dann könnte er sie auf die Welt loslassen. Als Gegenleistung – glaubte Zalasta – würde Cyrgon ihm gestatten, Bhelliom zur Vernichtung Aphraels zu benutzen, oder den Stein zumindest selbst mit göttlicher Hand gegen Aphrael einsetzen.«
»Das wäre eine vernünftige Gesprächsgrundlage gewesen«, mußte Oscagne zugeben. »In diesem Fall würde ich mich unbesorgt an den Verhandlungstisch setzen und könnte zumindest mit einer Anhörung rechnen.«
»Vielleicht«, warf Itagne ein, »aber du müßtest erst mal lange genug leben, den Tisch überhaupt zu erreichen. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, daß der Besuch eines Styrikers in Cyrga die Bevölkerung zu stürmischen Willkommensgrüßen hinreißen würde.«
»Es war in der Tat ein gefährliches Unternehmen, Itagne von Matherion. Irgendwie ist es Zalasta geglückt, in Cyrgons Tempel im Herzen der verborgenen Stadt zu gelangen. Dort stellte er sich dem feurigen Geist Cyrgons und hielt die rächende Hand des Gottes mit dem Angebot zurück, die Cyrgai zu befreien. Dank ihres gemeinsamen Wunsches wurden die Feinde sogleich zu Verbündeten, und sie faßten den Entschluß, Anakha nach Daresien zu locken; denn sie durften auf keinen Fall eine Auseinandersetzung mit dem Gott der Elenier wagen, dessen Macht seiner unzähligen Anbeter wegen gewaltig ist. So schmiedeten sie den Plan, den Frieden in Tamuli durch Aufstände und Erscheinungen zu stören, auf daß die Imperiumsregierung um Hilfe ersuchen müsse. Zalastas Vertrauensstellung würde es ihm leichtmachen, die Aufmerksamkeit der Regierung auf Anakha zu lenken und eine Übereinkunft mit der Kirche von Chyrellos vorzuschlagen. Die Beschwörung der Erscheinungen war ein Kinderspiel für Zalasta und seine geächteten Kameraden. Auch der Gott der Cyrgai hatte keine Mühe, den Trollen einzureden, daß ihre Götter von ihnen verlangten, über das Polareis zur Nordküste von Tamuli zu marschieren. Am wichtigsten für ihre Pläne jedoch waren die Aufstände, die Tamuli in den letzten Jahren erschüttert haben. Damit Aufstände erfolgversprechend sind, müssen sie mit fester Hand geplant und durchgeführt werden. Spontane Rebellionen lohnen die Mühe nicht. Zalasta hatte aus der Geschichte gelernt und wußte, daß für den Erfolg ihres Planes nur eines von grundlegender Bedeutung war: Es mußte jemand gefunden werden, der alle Völker der Königreiche des Tamulischen Imperiums anzustacheln und aufzuwiegeln vermochte. Zalasta brauchte nicht lange zu suchen. Gleich nachdem er Cyrga verlassen hatte, reiste er nach Arjuna und trat mit dem Plan an einen Mann heran, der als Scarpa bekannt ist.«
»Einen Augenblick!« wandte Stragen ein. »Zalastas Plan war schon für sich allein Hochverrat. Wahrscheinlich gehörten Verbrechen und Untaten dazu, die noch gar keinen Namen haben, wie bei spielsweise ›Verschwörung mit den Mächten der Finsternis‹ und dergleichen. Wie sollte er wissen, daß er Scarpa trauen konnte?«
»Er hatte jeden Grund dazu, Stragen von Emsat«, erklärte Xanetia. »Zalasta wußte, daß er Scarpa trauen konnte wie niemandem sonst auf der Welt. Scarpa, müßt Ihr wissen, ist Zalastas Sohn.«