25
»Nein, Caalador.« Sperber schüttelte den Kopf. »Es wird keine drei oder vier Wochen dauern. Ich habe die Möglichkeit, schneller von Ort zu Ort zu gelangen.«
»Das nützt nichts, Sperber«, entgegnete der rotgesichtige Cammorier. »Die Leute in der Geheimregierung werden von Euch keine Befehle entgegennehmen.«
»Ich werde auch keine erteilen, Caalador, sondern Ihr!«
Caalador schluckte. »Seid Ihr sicher, daß Eure Art zu reisen auch wirklich unbedenklich ist?«
»Vertraut mir. Wie viele Personen müssen benachrichtigt werden?«
Caalador warf einen besorgten Blick auf Sarabian. »Es steht mir nicht zu, das zu verraten.«
»Bei mir ist diese Information gut aufgehoben, Caalador. Ich würde sie nie gegen Euch und Eure Freunde benutzen«, versicherte der Kaiser ihm.
»Ihr wißt das, und ich weiß es, Majestät, aber Regeln sind Regeln. Wir möchten nicht, daß auch nur ein Außenstehender erfährt, wie viele wir sind.«
»Nur ungefähr, Caalador«, bat Ehlana. »Hundert? Fünfhundert?«
»Bei weitem nicht so viele.« Er lachte. »Es gibt keinen Kuchen, der sich in so viele Stücke teilen ließe.« Ein wenig besorgt blickte er auf Stragen. »Sagen wir, es sind mehr als zwanzig und weniger als hundert, und belassen wir es dabei. Einverstanden? Ich hätte gar nicht gern, daß man mir die Kehle durchschneidet.«
Stragen lachte. »Das genügt! Ich werde dich bestimmt nicht verpfeifen, Caalador.«
»Danke.«
»Keine Ursache.«
»Dann also zwei oder drei Tage«, schätzte Sperber.
»Ehe wir alle benachrichtigen, sollten wir jedoch warten, bis die Anarae morgen ihr Netz durch Kragers Gedächtnis gezogen hat«, sagte Stragen.
»Ihr scheint diese Redewendung zu lieben, Durchlaucht Stragen.« Xanetias Stimme klang ein wenig mißbilligend.
»Es ist auf keinen Fall kränkend gemeint, Anarae. Ich versuche nur, einer Sache einen Namen zu geben, die ich mir gar nicht vorstellen kann.« Stragens Gesicht wurde düster. »Falls Krager von der geheimen Regierung weiß, hat er wahrscheinlich Leute eingeschleust. Dann gäbe es einige Personen, die wir nicht unterrichten sollten.«
»Und deren Namen wir unserer Liste anfügen werden«, sagte Caalador.
»Wie lang ist Eure Liste eigentlich, Meister Caalador?« fragte Oscagne.
»Das braucht Ihr nicht unbedingt zu wissen, Exzellenz«, antwortete Caalador in einem Tonfall, der deutlich besagte, daß er nicht weiter über dieses Thema sprechen würde. »Wir sollten einen Tag festlegen – einen, den man sich leicht merken kann. Diebe und andere Gauner verstehen sich nicht besonders gut auf das Lesen des Kalenders.«
»Wie wär's mit dem Erntedankfest?« schlug Itagne vor. »Es ist bereits in drei Wochen und wird in ganz Tamuli gefeiert.«
Caalador ließ den Blick über die anderen schweifen. »Können wir so lange warten? Es wäre in der Tat der perfekte Zeitpunkt! Unsere Meuchler hätten für ihre Arbeit drei Nächte statt einer, und der Trubel während des Erntedankfestes würde ihre Aufgabe sehr erleichtern.«
»Und es wird viel getrunken«, fügte Itagne hinzu. »Der ganze Kontinent besäuft sich.«
»Es ist also ein allgemeiner Feiertag?« erkundigte sich Bevier.
Itagne nickte. »Eigentlich ist es ein religiöser Feiertag, an dem man den Göttern für eine gute Ernte danken soll. Die meisten Leute bringen das in einer halben Minute hinter sich. Anschließend bleiben ihnen drei Tage und Nächte, Unfug zu treiben. Die Erntearbeiter erhalten kurz zuvor ihren Lohn, nehmen ihr alljährliches Bad, und machen sich dann auf den Weg in die nächste Stadt, um sich zu vergnügen.«
»Das ist für unsere Zwecke wie geschaffen«, fügte Caalador hinzu.
»Werdet Ihr in drei Wochen bereit sein, Eure Streitkräfte gegen die Trolle zu führen, Hochmeister Vanion?« fragte Sarabian.
»Mehr als bereit, Majestät. Wir beabsichtigen ohnehin, sie alle an einem Ort zu sammeln. Die Männer jeder Garnison sind jeweils nur ein Zug, und ein Zug kommt schneller voran als ein Bataillon. Sie alle sind bereits auf dem Marsch zu Auffangstellungen entlang der atanischen Grenze.«
»Werden wir alle gleichzeitig zuschlagen?« fragte Kalten.
»Wir haben drei Möglichkeiten«, antwortete Sperber. »Wir können zuerst die Trolle angreifen und Zalastas Aufmerksamkeit auf diese Weise auf Nordatan lenken. Wir könnten aber auch als erstes die Verschwörer umbringen. Dann wird Zalasta voller Panik quer durch den ganzen Kontinent hetzen und versuchen zu retten, was von den Trümmern seiner Organisation noch zu retten ist. Oder wir gehen gleichzeitig gegen die Trolle und die Verschwörer vor. Dann werden wir sehen, ob er zur gleichen Zeit an hundert Orten sein kann.«
»Das können wir uns immer noch überlegen«, meinte Sarabian. »Geben wir als erstes unseren Meuchlern Bescheid. Sie sollen sich während des Erntedankfestes an die Arbeit machen. Der militärische Eingriff ist nicht unbedingt an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden.«
»Und laßt uns jetzt Säbel, Parok und Rebal endgültig ins Jenseits befördern«, sagte Stragen zu Caalador. »Ganz offensichtlich sind sie den Atanern beim letzten Großreinemachen entwischt. Die elenischen Königreiche in Westtamuli befinden sich zwischen Ritter Tynian und Matherion, und solange diese drei Unruhestifter leben, werden sie ihm Steine in den Weg legen. – Besteht irgendeine Möglichkeit, daß wir auch Scarpa erwischen?«
Caalador schüttelte den Kopf. »Er hat sich in Natayo verschanzt. Die Stadt ist zu einer Festung ausgebaut und von Fanatikern geradezu überschwemmt. Ich könnte einem Meuchler gar nicht so viel bezahlen, daß er auch nur versuchen würde, Scarpa zu töten. Die vielleicht einzige Möglichkeit, an ihn heranzukommen, wäre ein militärischer Sturmangriff.«
»Wie bedauerlich«, murmelte Sephrenia. »Der Tod seines einzigen Sohnes wäre ein ungeheurer Schlag für Zalasta.«
»Barbarin!« zog Vanion sie liebevoll auf.
»Zalasta hat meine Familie umgebracht, Vanion«, entgegnete sie. »Ich möchte nur Gleiches mit Gleichem vergelten.«
»Das verstehe ich«, erwiderte er ernst.
»Ich bin nach wie vor strikt dagegen!« erklärte Stragen mit Nachdruck, als er, Sperber und Ulath sich kurze Zeit später auf dem Korridor trafen.
»Seid doch vernünftig, Stragen! Es kann schließlich nicht schaden, wenigstens zu hören, was sie sagen. Ich habe nicht vor, sie ohne Vorbehalte einfach freizulassen«, redete Ulath ihm gut zu.
»Sie werden sich mit allem einverstanden erklären, nur um wieder frei zu kommen, Ulath. Sie werden vielleicht gar versprechen, die Trolle aus Atan abzuziehen – ja, uns gegen Zalasta und Cyrgon zu helfen! Aber sobald sie wieder in Thalesien sind, werden sie nicht mehr daran denken, irgendwelche Versprechungen zu halten. Wir sind ja nicht einmal von derselben Rasse wie ihre Anbeter. In ihren Augen sind wir Tiere. Würdet Ihr Euch an eine Zusage gebunden fühlen, die Ihr einem Bären gegeben habt?«
»Ich glaube, das würde von dem Bären abhängen.«
»Uns gegenüber würden die Trollgötter möglicherweise ihr Wort brechen. Aber sie haben es Bhelliom gegeben, und er kann sie wieder gefangensetzen, falls sie irgendwelche Tricks versuchen.«
»Hm«, murmelte Stragen zweifelnd. »Also gut. Es gefällt mir zwar nicht, aber hören wir uns an, was sie zu sagen haben.«
»Versteht Ihr denn Trollisch?« fragte Ulath.
Stragen schauderte. »Natürlich nicht!«
»Dann dürftet Ihr einige Schwierigkeiten haben, dem Gespräch zu folgen, meint Ihr nicht auch?«
»Sephrenia kann es für mich übersetzen.«
»Seid Ihr denn sicher, daß Ihr Sephrenia traut?«
»Wie könnt Ihr nur so etwas sagen!«
»Na ja, ich dachte, ich frage vorsichtshalber mal. – Wann soll es denn losgehen, Sperber?«
»Wir wollen nichts überstürzen. Ich muß erst noch mit Caalador zu seinen Freunden, damit er mit ihnen reden kann. Wir werden uns zuerst darum kümmern und uns vergewissern, daß die von Vanion gerufenen Ataner an ihren Sammelstellen sind, ehe wir mit den Trollgöttern sprechen. Wir wollen sie ja nicht in Aufregung versetzen, ehe wir sie brauchen.«
»Wir sollten uns irgendwo auf dem Land mit ihnen unterhalten, fernab von allem«, meinte Ulath. »Denn wenn die Trollgötter erfahren, daß Cyrgon ihnen ihre Anbeter weggenommen hat, könnten ihre Empörungsschreie sämtliche Muscheln an den Mauern Matherions zerschellen lassen.«
»Sein Verstand ist noch sehr vom Wein benebelt«, erklärte Xanetia am nächsten Vormittag, als sie und Berit von ihrer Beobachtung der cynesganischen Botschaft zurückgekehrt waren. »Deshalb ist es schwierig, ihm logische Gedanken zu entnehmen.«
»Hat er überhaupt einen Verdacht, Anarae?« erkundigte sich Stragen mit besorgter Miene.
»Er weiß, daß Ihr ihn früher von Dieben und Bettlern überwachen ließet, Durchlaucht Stragen«, antwortete sie. »Aber er denkt, daß Ihr – oder Talen – eine solche Vereinbarung in jeder Stadt erst aufs neue treffen und euch zu diesem Zweck zu jedem betreffenden Unterweltkönig begeben müßt.«
»Er weiß nichts über die geheime Regierung?« vergewisserte sich Caalador.
»Er weiß nicht viel über eure Gesellschaftsschicht, Meister Caalador. Eine Zusammenarbeit dieses Ausmaßes ist unvorstellbar für ihn, da er selbst nicht dazu imstande wäre. Er folgt stets nur seinem Eigennutz.«
»Was für ein großartiger Trunkenbold!« rief Stragen erfreut. »Laßt uns alle beten, daß er nie nüchtern wird!«
»Amen!« sagte Caalador fast inbrünstig. »Und jetzt, Sperber, wollen wir über unsere Reise quer durch Tamuli reden. Es gibt viel zu tun, und wir sollten es anpacken!«
Die ersten paarmal, als Bhelliom ihn über den halben Kontinent versetzt hatte, war Caalador zum Nervenbündel geworden. Allmählich aber gewöhnte er sich soweit daran, daß außer einer leichten Benommenheit keine Folgen zu bemerken waren.
Für gewöhnlich brauchte er eine halbe Stunde, seine Anweisungen an die verschiedenen Unterweltkönige von Tamuli weiterzugeben, und Sperber vermutete, daß Caalador bei jeder dieser Gelegenheiten seine Nerven mit Schnaps oder ähnlichem stärkte. Sicher war er nicht, da er von diesen Besprechungen strikt ausgeschlossen wurde.
»Ihr braucht nicht zu wissen, wer diese Leute sind, Sperber«, meinte Caalador, »Außerdem würde Eure Anwesenheit sie nur nervös machen.«
Vanions kleine atanische Einheiten strömten aus ganz Tamuli zu den Sammelstellen entlang der atanischen Grenze. Tikume hatte zu den dreihundert Bogenschützen, die Kring nach Atana mitgenommen hatte, mehrere tausend Ostpeloi versprochen. Bhelliom brachte Sperber und Vanion in die atanische Hauptstadt, damit sie Betuana versichern konnten, daß wirklich Unterstützung unterwegs sei, und um ihr zu erklären, weshalb sie den größten Teil der Truppen an der Grenze sammelten.
»Die Trolle würden den Grund für diese Verstärkung nicht verstehen, Betuana-Königin«, sagte Vanion, »doch Cyrgon ist sehr bewandert in Strategie und Taktik. Der Gott würde sofort durchschauen, was da vor sich geht. Wir möchten ihm nicht den geringsten Hinweis auf unser Vorhaben geben, ehe wir nicht zum Angriff bereit sind.«
»Glaubt Ihr wirklich, Ihr könnt einen Gott überraschen, VanionHochmeister?« Betuana trug eine atanische Rüstung, und ihr Gesicht verriet, daß sie seit Wochen mit wenig Schlaf hatte auskommen müs sen.
»Ich werde es auf jeden Fall versuchen, Betuana-Königin«, erwiderte Vanion mit flüchtigem Lächeln. »Ich könnte mir vorstellen, daß Cyrgon seit zwanzigtausend Jahren keinen neuen Einfall mehr hatte. Während dieser Zeit haben sich militärische Strategie und Taktik beachtlich geändert; deshalb wird er wahrscheinlich nicht so recht verstehen, was wir vorhaben.« Er verzog das Gesicht. »Jedenfalls hoffe ich es.«
Und dann war es soweit. Es ließ sich nicht länger herausschieben. Keiner von ihnen fühlte sich wohl bei dem Gedanken an eine Unterhaltung mit den Trollgöttern, doch nun war es höchste Zeit festzustellen, ob Ulaths Vorschlag etwas taugte.
Etwa eine Stunde vor Morgengrauen an jenem Tag, vor dem es die Gefährten so lange gegraut hatte, begaben sich Sperber und Vanion zu Sephrenias Gemach, um mit ihr, Xanetia und Danae zu reden. Das Gespräch führte fast augenblicklich zu einem Problem.
»Ich muß dabeisein, Sperber!« beharrte Danae.
»Unmöglich! Ulath und Stragen kommen mit. Sie dürfen auf keinen Fall erfahren, wer du wirklich bist!«
»Das werden sie auch nicht, Vater!« betonte sie mit übertriebener Geduld. »Es wird nicht Danae sein, die mitkommt!«
»Oh! Das ist etwas anderes.«
»Wie wird die ganze Sache vor sich gehen, Sperber?« fragte Vanion. »Müßt Ihr die Trollgötter denn nicht freisetzen, um mit ihnen reden zu können?«
Sperber schüttelte den Kopf. »Bhelliom sagt, das sei nicht nötig. Die Trollgötter selbst bleiben in seinem Innern eingesperrt. Ihr Geist konnte sich immer frei bewegen; es sei denn, Bhelliom war von Gold oder Stahl umgeben. In diesem Zustand haben sie gewisse beschränkte Kräfte, nehme ich an, aber ihre wirkliche Macht ist mit ihnen in Bhelliom eingeschlossen.«
»Wäre es nicht ungefährlicher, wenn wir zulassen, daß die Trollgötter diese beschränkten Kräfte einsetzen, statt sie freizugeben, so daß sie sich ihrer ganzen Macht bedienen können?« meinte Vanion.
»Das würde uns nichts nutzen, Liebes«, sagte Sephrenia. »Die Trollgötter könnten Cyrgon begegnen, und dann brauchen sie ihre ganze Macht.«
»Außerdem«, fügte Xanetia hinzu, »bin ich sicher, daß sie unsere mißliche Lage spüren und harte Verhandlungspartner sein werden.«
»Werdet Ihr mit ihnen reden, Sperber?« fragte Vanion.
Sperber schüttelte den Kopf. »Ulath kennt die Trolle – und die Trollgötter – besser als ich und spricht auch besser Trollisch. Ich werde Bhelliom in der Hand halten und die Trollgötter rufen; dann überlasse ich das Reden ihm.« Er blickte aus dem Fenster. »Die Sonne geht bald auf. Wir sollten aufbrechen. Ulath und Stragen warten im Burghof auf uns.«
»Dreht euch alle um!« befahl Danae.
»Warum?« fragte ihr Vater.
»Dreh dich einfach um, Sperber! Du brauchst nicht zuzuschauen.«
»Eine ihrer kleinen Marotten«, erklärte Sephrenia. »Sie möchte nicht, daß irgend jemand sie so erblickt, wie sie wirklich aussieht.«
»Ich kenne Flöte doch schon lange!«
»Es gibt ein Zwischenstadium, Sperber. Sie wird nicht geradewegs von Danae zu Flöte. Sie nimmt flüchtig ihre wahre Gestalt an, wenn sie sich von einem kleinen Mädchen zum anderen verwandelt.«
Sperber seufzte. »Aus wie vielen Persönlichkeiten besteht sie denn?«
»Aus Tausenden, vermutlich.«
»Das ist niederschmetternd. Ich habe eine Tochter, die ich gar nicht richtig kenne.«
»Natürlich kennst du mich!« warf Danae ein.
»Nur eine von dir. Nicht mal den tausendsten Teil deines wahren Ichs!« Er seufzte und drehte sich um.
»Es ist kein so winziger Teil, Vater.« Danaes Stimme veränderte sich, während sie sprach. Es war nun nicht mehr die Stimme eines Kindes, sondern die einer Frau.
Auf der anderen Seite des Gemachs stand ein Spiegel, eine Scheibe aus poliertem Messing. Sperber blickte darauf und sah das verschwimmende Spiegelbild einer Gestalt. Rasch wandte er den Blick ab.
»Schau ruhig hin, Sperber. Der Spiegel taugt nicht viel. Du wirst kaum etwas erkennen.«
Er hob die Augen und starrte auf die glänzende Messingscheibe. Das Spiegelbild war verzerrt. Das einzige, das er wirklich sehen konnte, waren Größe und Figur der Gestalt. Aphrael überragte Sephrenia um ein kleines Stück. Ihr Haar war lang und sehr dunkel, und ihre Haut blaß. Ihr Gesicht war kaum mehr als ein verschwommener Fleck, doch aus irgendeinem Grund vermochte Sperber ihre Augen ganz deutlich zu sehen. Ewige Weisheit sprach aus ihnen – und ebenso ein Ausdruck grenzenloser Freude und Liebe. »Ich würde das nicht für irgendeinen anderen tun, Sperber«, sagte die Frauenstimme. »Aber du bist der beste Vater, den ich je hatte; deshalb ändere ich die Regeln für dich.«
»Trägst du denn überhaupt keine Kleidung?« fragte er.
»Warum sollte ich? Mir wird nicht kalt.«
»Ich rede vom Schamgefühl, Aphrael. Schließlich bin ich dein Vater, und es ist meine Pflicht, mich um so etwas zu kümmern!«
Sie lachte und streckte die Arme aus, um sein Gesicht zu streicheln. Es war nicht die Hand eines kleinen Mädchens, die seine Wange berührte. Sperber roch den schwachen Duft von frischem Gras, doch der vertraute Duft, der sowohl Danae wie Flöte anhaftete, war auf kaum merkliche Weise anders. Die Person, die hinter ihm stand, war ohne Zweifel kein kleines Mädchen.
»Zeigst du dich deinen anderen Familienangehörigen in dieser Gestalt?« fragte er.
»Nicht sehr oft. Ich ziehe es vor, daß sie mich für ein Kind halten. Dann sind sie viel nachsichtiger, und ich kann meinen Willen leichter durchsetzen. Und ich werde viel öfter geküßt.«
»Daß du deinen Willen durchsetzt, ist dir wohl sehr wichtig, nicht wahr, Aphrael?«
»Natürlich. Das ist für uns alle wichtig, oder? Ich bin nur viel geschickter darin als die meisten anderen.« Sie lachte melodisch. »Wahrscheinlich kann niemand sonst seinen Willen so gut durchsetzen wie ich.«
»Das ist mir nicht entgangen«, sagte er trocken.
»Tja, ich würde zwar gern ausführlicher mit dir darüber reden, aber ich glaube, wir sollten Ulath und Stragen nicht warten lassen.« Ihr Spiegelbild verschwamm und schrumpfte wieder zu Kindergröße. »Also gut«, sagte nun Flötes vertraute Stimme, »reden wir mit den Trollgöttern.«
Der Wind trieb an diesem Morgen schmutzgraue Wolken vom Tamulischen Meer herbei. Es waren nur wenige Menschen in der schimmernden Stadt Matherion unterwegs, als Sperber und seine Gefährten aus dem Schloßkomplex und über die lange, breite Straße zum Westtor ritten.
Sie verließen die Stadt und trotteten den Hang hinauf zu der Kuppe, von der sie die schimmernde Stadt zum erstenmal erblickt hatten. »Wie willst du es anfangen?« fragte Stragen Ulath, als sie die Kuppe erreichten.
»Vorsichtig«, brummte Ulath. »Ich möchte nicht gern gefressen werden. Ich rede nicht zum erstenmal mit ihnen. Deshalb erinnern sie sich vielleicht an mich. Und daß Sperber Bhelliom in der Hand hält, zügelt vielleicht ihre Gier, mich auf der Stelle zu verschlingen.«
»Schwebt Euch irgendein bestimmter Platz vor?« fragte Vanion.
»Eine übersichtliche Wiese – aber nicht zu übersichtlich. Ich möchte Bäume in der Nähe haben, damit ich auf einen hinaufklettern kann, falls die Dinge eine unerfreuliche Wendung nehmen.« Ulath ließ den Blick über die Gefährten schweifen. »Eine kleine Warnung!« fügte er hinzu. »Daß sich ja keiner zwischen mich und den nächsten Baum stellt, sobald ich angefangen habe!«
»Da drüben vielleicht?« Sperber zeigte auf eine Viehweide, die an einen Nadelwald grenzte.
Ulath blinzelte. »Laubbäume wären mir lieber gewesen. Aber was Besseres finden wir hier wohl nicht. Bringen wir's hinter uns. Ich weiß auch nicht warum, aber ich bin heute ziemlich nervös.«
Sie ritten auf die Weide hinaus und saßen ab. »Möchtest du mir noch etwas sagen, ehe wir anfangen?« fragte Sperber.
»Ihr seid auf euch allein gestellt, Sperber«, antwortete Flöte. »Alles hängt nun von dir und Ulath ab. Wir sind hier nur die Beobachter.«
»Danke!« sagte er trocken.
Sie machte einen Knicks. »O bitte, nichts zu danken.«
Sperber holte die Schatulle unter seinem Kittel hervor und berührte sie mit seinem Ring. »Öffne dich«, befahl er.
Der Deckel sprang auf.
»Blaurose«, sagte Sperber auf elenisch.
»Ich höre dich, Anakha.« Auch diesmal kam die Stimme aus Vanions Mund.
»Ich spüre die Trollgötter in dir. Können sie meine Worte verstehen, wenn ich in dieser Zunge spreche?«
»Nein, Anakha.«
»Cyrgon hat die Trolle mit List und Tücke nach Daresien gelockt und hetzt sie jetzt gegen unsere Verbündeten, die Ataner. Wir würden gern versuchen, die Trollgötter zu bewegen, ihre Kreaturen in ihren Machtbereich zurückzuholen. Meinst du, daß sie bereit wären, auf mich zu hören?«
»Jeder Gott lauscht aufmerksam den Worten, die seine Anbeter betreffen, Anakha.«
»Das habe ich vermutet. Bist du meiner Meinung, daß es sie in Wut versetzt, wenn sie erfahren, daß Cyrgon ihre Trolle gestohlen hat?«
»Es wird sie über alle Maßen erzürnen, Anakha.«
»Wie könnten wir uns am besten mit ihnen verständigen?«
»Berichte ihnen mit einfachen Worten, was sich zugetragen hat. Sprich nicht zu schnell und nicht zu bedeutungsschwer, denn Trolle sind in ihrem Denken sehr langsam.«
»Das habe ich bei früheren Gesprächen mit ihnen bemerkt.«
»Du willst mit ihnen reden? Das soll keine Kritik sein, aber dein Trollisch ist plump und unbeholfen.«
»Kam das jetzt von Euch, Vanion?« fragte Sperber anklagend.
Vanion blinzelte, und sein Gesichtsausdruck änderte sich kaum merklich, als Bhelliom ihn kurz freigab. »Ich habe das nie behauptet!« beteuerte Vanion seine Unschuld. »Ich könnte gutes Trollisch nicht von schlechtem unterscheiden.«
»Verzeih meine Unbeholfenheit, Blaurose. Meine Lehrerin war in großer Eile, als sie meine Zunge in der Sprache der Trolle unterwies.«
»Sperber!« protestierte Sephrenia.
»Stimmt das etwa nicht?« Er wandte sich wieder an den Stein. »Mein Kamerad, Ritter Ulath, hat größere Erfahrung mit Trollen und ihrer Sprache. Er wird den Trollgöttern berichten, daß Cyrgon ihre Anhänger gestohlen hat.«
»Ich werde den Geist der Trollgötter rufen, auf das dein Kamerad zu ihnen sprechen kann.« Der Stein pulsierte in Sperbers Hand, und die riesigen Wesen, deren Gegenwart Sperber in Azashs Tempel gespürt hatte, erschienen. Diesmal jedoch befanden sie sich vor ihm, so daß er sie sehen konnte. Allerdings wünschte Sperber sich inbrünstig, er könnte es nicht. Da ihr innerstes Sein im Bhelliom eingeschlossen war, schimmerten die Geistgestalten der Trollgötter in bläulichem Licht. Sie ragten in gewaltiger Masse vor Sperber auf. Ihre viehischen Fratzen waren wutverzerrt, und nur Bhellioms Macht hielt ihren Zorn in Schach.
»Also gut, Ulath«, sagte Sperber. »Du weißt, die Lage ist gefährlich. Tu dein Bestes – und überzeuge sie.«
Der hünenhafte Genidianer schluckte und trat näher. »Ich bin Ulath-von-Thalesien«, sagte er auf trollisch. »Ich spreche für Anakha, Bhellioms Kind. Ich habe Neuigkeiten von euren Kindern. Werdet ihr mich anhören?«
»Sprich, Ulath-von-Thalesien.« Dem Donnern und Prasseln nach, das diese ohrenbetäubende Stimme begleitete, nahm Sperber an, daß der Sprecher Khwaj war, der Trollgott des Feuers.
Ulaths Gesicht nahm einen leicht tadelnden Ausdruck an. »Was ihr getan habt, verwundert uns«, sagte er. »Warum habt ihr eure Kinder Cyrgon geschenkt?«
»Was?« donnerte Khwaj.
Ulath täuschte Erstaunen vor. »Wir dachten, ihr habt es so gewollt. Habt ihr nicht euren Kindern befohlen, ihre Heimat zu verlassen und viele Schlafzeiten lang über das Eis-das-nie-schmilzt zu diesem fremden Land zu wandern?«
Khwaj heulte und hämmerte mit den affenähnlichen Fäusten auf den Boden, daß eine Wolke aus Staub und Rauch aufstieg.
»Wann ist das geschehen?« warf eine andere, geifernd und gierig schmatzende Stimme heftig ein.
»Zwei volle Drehungen der Jahreszeiten, Ghnomb«, antwortete Ulath dem Gott des Fressens. »Wir dachten, ihr wüßtet das. Blaurose rief euch herbei, damit wir euch fragen können, warum ihr das getan habt. Unsere Götter wollen wissen, warum ihr den Pakt gebrochen habt.«
»Pakt?« fragte Stragen, nachdem Sephrenia übersetzt hatte.
»Wir wollten die Trolle nicht ausrotten«, erklärte Flöte. »Deshalb haben wir mit den Trollgöttern vereinbart, daß wir ihre Kinder in Ruhe lassen, solange sie im thalesischen Gebirge bleiben.«
»Wann war das?«
»Oh, vor etwa fünfundzwanzigtausend Jahren.«
Stragen schluckte.
»Warum gehorchen eure Kinder Cyrgon, wenn ihr es ihnen nicht befohlen habt?« fragte Ulath.
Eine der gigantischen Gestalten streckte einen überlangen Arm aus, und die Hand tauchte in eine Leere, wo sie verschwand wie ein Stock, den man in einen Waldsee steckte. Als die Hand wieder zum Vorschein kam, hielt sie einen sich mit Händen und Füßen wehrenden Troll. Der ungeheuerliche Gott schrie heftig auf ihn ein. Das Knurren und Brüllen war zweifellos Trollisch; dennoch war Ulath verblüfft.
»Also, das ist interessant«, murmelte er. »Offenbar hat sich sogar Trollisch im Lauf der Zeit verändert.«
»Was sagt er denn?« fragte Sperber.
Ulath zuckte mit den Schultern. »Es ist so archaisch, daß ich kaum ein Wort verstehe. Jedenfalls verlangt Zoka einige Antworten.«
»Zoka?«
»Der Gott der Paarung.« Ulath lauschte angespannt.
»Der Troll ist völlig verwirrt«, berichtete er. »Er sagt, sie alle hätten geglaubt, daß sie ihren Göttern gehorchten. Cyrgon muß sich ein täuschend ähnliches Aussehen zugelegt haben. Die Trolle sind ihren Göttern sehr nahe und wären wahrscheinlich auf einen plumpen Versuch, sie zu täuschen, kaum hereingefallen.«
Zoka brüllte und schleuderte den schreienden Troll zurück in die Leere.
»Anakha!« rief ein anderer der ungeheuren Götter.
»Welcher ist das?« murmelte Sperber.
»Ghworg«, antwortete Ulath leise. »Der Gott des Tötens. Sei besonders vorsichtig mit ihm. Er ist unberechenbar!«
»Ja, Ghworg?« antwortete Sperber.
»Laß uns aus dem Griff deines Vaters frei. Laß uns gehen. Wir müssen unsere Kinder zurückholen!« Blut troff von den Fängen dieses Trollgottes. Sperber wollte lieber nicht darüber nachdenken, wessen Blut das sein mochte.
»Laß mich wieder reden«, flüsterte Ulath. Er hob die Stimme. »Das übersteigt Anakhas Macht, Ghworg«, erwiderte er. »Es war Ghwerigs Zauber, der euch einschloß. Es ist ein trollischer Zauber. Anakha versteht nichts davon.«
»Wir lehren ihn den Zauber.«
»Nein!« warf Flöte ein. Sie gab es auf, nur Zuschauerin zu spielen. »Das sind meine Kinder. Ich lasse es nicht zu, daß ihr sie mit trollischem Zauber verderbt!«
»Wir flehen dich an, Kindgöttin! Setz uns frei! Unsere Kinder haben uns verlassen!«
»Darauf wird meine Familie sich nie einlassen! Eure Kinder betrachten unsere Kinder als Futter! Wenn Anakha euch befreit, werden eure Kinder die unseren fressen. Das darf nicht sein!«
»Ghnomb!« donnerte Khwaj. »Versichere ihr, daß sie es nicht mehr tun werden!«
Der Trollgott des Essens verzog das Gesicht zu einer gequälten, widerlichen Fratze. »Das kann ich nicht!« wimmerte er. »Es würde mich schwächen! Unsere Kinder müssen fressen! Alles, was lebt, muß Futter sein!«
»Unsere Kinder sind verloren, wenn du es nicht tust!« Das Gras um die Füße des Feuergottes begann zu rauchen.
»Ich glaube, ich sehe da einen Ansatzpunkt«, sagte Ulath auf elenisch. Dann sprach er wieder Trollisch. »Ghnomb hat nicht ganz unrecht. Warum sollte nur er allein darunter leiden? Jeder von euch muß ebenfalls ein Schwinden der Kraft hinnehmen. Sonst wird Ghnomb sich nicht bereit erklären.«
»Er spricht wahr!« heulte der Trollgott. »Ich lasse mich nicht schwächen, wenn sich nicht alle schwächen lassen!«
Die anderen vier Trollgötter wanden sich, und ihre Fratzen verrieten die gleiche Qual wie zuvor Ghnombs greuliche Grimasse.
»Womit würdet ihr euch zufriedengeben?« meldete sich der Trollgott zu Wort, der bisher nur stumm zugehört hatte. Seine Stimme ließ an verheerende Schneestürme denken.
»Schlee, der Gott des Eises«, erklärte Ulath.
»Seid bereit, auf einen Teil eurer Kräfte zu verzichten!« forderte Ghnomb hartnäckig. »Wenn ihr's nicht tut, tu' ich's auch nicht!«
»Trolle!« Aphrael seufzte und verdrehte die Augen. »Erlaubt ihr, daß ich vermittle?« fragte sie die ungeheuerlichen Gottheiten.
»Wir werden deine Worte anhören, Aphrael«, antwortete Ghworg argwöhnisch.
»Wir haben ein gemeinsames Ziel«, begann die Kindgöttin.
Sperber ächzte.
»Was ist?« fragte Ulath besorgt.
»Sie wird eine Rede halten – ausgerechnet jetzt!«
»Sei still, Sperber!« fauchte die Kindgöttin. »Ich weiß, was ich tue!« Sie wandte sich wieder den Trollgöttern zu. »Cyrgon hat eure Kinder getäuscht«, fuhr sie fort. »Er holte sie über das Eis-das-nieschmilzt hierher, damit sie gegen meine Kinder Krieg führen. Cyrgon muß bestraft werden!«
Die Trollgötter brüllten beifällig.
»Wollt ihr euch mir und meinen Freunden anschließen, Cyrgon für seine Untat zu strafen?«
»Wir werden ihn selbst bestrafen, Aphrael«, knurrte Ghworg.
»Und wie viele von euren Kindern werden dabei den Tod finden? Meine Kinder können Cyrgons Kinder in die Lande der Sonne verfolgen, wo eure Kinder sterben würden. Sollten wir uns nicht lieber zusammentun, damit Cyrgon mehr leiden muß?«
»In ihren Worten ist Weisheit«, sagte Schlee zu seinen Mitgöttern. Sein Atem dampfte in der Luft, obwohl sie nicht kalt war, und glitzernde Schneeflocken schwebten aus dem Nichts auf seine gewaltigen Schultern.
»Ghnomb muß versprechen, daß eure Kinder nie mehr die meinen fressen werden!« sagte Aphrael unerbittlich. »Wenn er es nicht tut, wird Anakha euch nicht aus dem Griff seines Vaters freisetzen.«
Ghnomb stöhnte.
»Ghnomb muß es tun!« beharrte sie. »Wenn nicht, gestatte ich nicht, daß Anakha euch befreit – und dann wird Cyrgon eure Kinder behalten. Ghnomb wird sich nicht dazu bereiterklären, wenn nicht jeder von euch sich damit abfindet, daß seine Kräfte geschwächt werden. Ghworg! Du wirst deine Kinder nicht mehr aufhetzen, die meinen zu töten!«
Ghworg schwang beide Arme in die Luft und heulte.
»Khwaj!« fuhr Aphrael unerbittlich fort. »Du mußt die Feuer in Zaum halten, die jedes Jahr, wenn die Sonne in die Lande des Nordens zurückkehrt, aufs neue durch die Wälder Thalesiens tosen.«
Khwaj unterdrückte ein Schluchzen.
»Schlee!« befahl Aphrael. »Du mußt die Flüsse aus Eis zurückhalten, welche die Berghänge hinunterkriechen. Laß sie schmelzen, wenn sie die Täler erreichen!«
»Nein!« plärrte Schlee.
»Dann habt ihr eure Kinder für immer verloren! Halte das Eis zurück, oder du wirst für alle Zeiten allein in der Eisöde des Nordens heulen! Zoka, keine Trollin darf in Zukunft mehr denn zwei Junge gebären!«
»Nein!« brüllte Zoka. »Meine Kinder müssen sich paaren!«
»Deine Kinder gehören jetzt Cyrgon. Willst du auch noch zu Cyrgons Stärke beitragen?«
Aphrael machte eine Pause und kniff die Augen zusammen. »Eine letzte Bedingung noch, auf die ihr alle eingehen müßt, wenn Anakha euch befreien soll.«
»Was ist das für eine Bedingung, Aphrael?« fragte Schlee mit frostklirrender Stimme.
»Eure Kinder sind unsterblich. Meine nicht. Eure Kinder müssen ebenfalls sterben – jedes zur angemessenen Zeit!«
Die Trolle heulten auf. Ihre Wut schien jetzt keine Grenzen mehr zu kennen.
»Schaff sie in ihr Gefängnis zurück, Anakha«, befahl Aphrael. »Sie gehen nicht auf die Bedingungen ein. Die Unterhandlung ist beendet.« Sie sprach auf trollisch; also galten ihre Worte eigentlich den Trollgöttern.
»Warte!« brüllte Khwaj. »Warte!«
»Weshalb?«
»Laß uns allein, damit wir über diese ungeheuerliche Forderung sprechen können.«
»Aber beeilt euch! Ich bin nicht sehr geduldig.«
Die fünf riesigen Trollgötter zogen sich auf die Wiese zurück.
»Bist du nicht ein bißchen zu weit gegangen?« rügte Sephrenia. »Deine letzte Bedingung könnte uns jede Chance rauben, zu einer Einigung zu kommen.«
»Das glaube ich nicht«, erwiderte Aphrael. »Die Trollgötter können nicht so weit in die Zukunft blicken. Sie leben für das Jetzt. Und jetzt ist das Wichtigste für sie, Cyrgon ihre Kreaturen wieder wegzunehmen.« Sie seufzte. »Die letzte Bedingung ist eigentlich die wichtigste. Menschen und Trolle können nicht auf derselben Welt leben. Der eine oder der andere muß gehen. Mir ist lieber, daß es die Trolle sind. Dir nicht?«
»Du bist sehr grausam, Aphrael! Du zwingst die Trollgötter, bei der Ausrottung ihrer eigenen Anbeter zu helfen.«
»Die Trolle sind ohnehin zum Untergang verurteilt.« Die Kindgöttin seufzte. »Es gibt ganz einfach zu viele Lebewesen auf der Welt. Wenn die Trolle plötzlich sterblich werden, verschwinden sie nach und nach. Doch müßtet ihr Menschen sie töten, würde die Hälfte von euch mit ihnen sterben. Mein sittliches Empfinden ist nicht weniger ausgeprägt als das der anderen Götter. Ich liebe meine Kinder und möchte nicht, daß ein Großteil von ihnen in einem Vernichtungskampf mit den Trollen in den Bergen Thalesiens getötet und gefressen wird.«
Stragen fiel etwas ein. »Sperber! Als wir durch Pelosien nach Zemoch ritten, hat Khwaj da nicht irgend etwas getan, das es Euch möglich machte, Martel zu beobachten und zu belauschen?«
Sperber nickte.
»Kann Aphrael das auch?«
»Hier bin ich, Stragen«, sagte Flöte. »Warum fragst du nicht mich?«
»Wir wurden einander noch nicht richtig vorgestellt, erhabene Göttin.« Er machte einen höfischen Kratzfuß. »Könnt Ihr es? Ich meine, mit jemandem auf der anderen Seite der Welt reden?«
»Ja. Aber das tue ich nicht gern«, antwortete sie. »Wenn ich mit jemandem spreche, möchte ich, daß er in meiner Nähe ist.«
»Meine Göttin legt großen Wert auf Tuchfühlung, Stragen«, erklärte Sephrenia.
»Oh. Ich verstehe. Also gut. Wenn die Trollgötter zurückkommen und sich mit unseren ungeheuerlichen Bedingungen einverstanden erklären, dann möchte ich gern, daß Sperber oder Ulath Khwaj bittet, mir einen Gefallen zu tun. Ich muß mit Platime in Cimmura reden!«
»Sie kommen zurück!« sagte Xanetia.
Alle wandten sich den gigantischen Wesenheiten zu, die über die herbstliche Wiese zurückkehrten.
»Du hast uns keine Wahl gelassen, Aphrael«, sagte Khwaj mit aufgewühlter Stimme. »Es bleibt uns nichts übrig, als auf deine grausamen Bedingungen einzugehen. Wir müssen unsere Kinder vor Cyrgon retten.«
»Ihr werdet meine Kinder nicht mehr töten und fressen?«
»Nein«, versprachen Ghnomb und Ghworg.
»Ihr werdet die Wälder von Thalesien nicht mehr niederbrennen?«
Khwaj stöhnte und nickte.
»Ihr werdet die Täler nicht mehr mit Gletschereis füllen?«
Schlee versicherte es schluchzend.
»Ihr werdet Trolle nicht mehr wie Kaninchen züchten?«
»Nein«, wimmerte Zoka.
»Eure Kinder werden altern und sterben wie alle anderen Geschöpfe?«
»Ja.« Khwaj schlug die Hände vors Gesicht und weinte.
»Dann werden wir uns mit euch zusammentun und Krieg gegen Cyrgon führen. Für kurze Zeit werdet ihr ins Herz Bhellioms zurückkehren. Anakha wird euch zu dem Ort bringen, wo eure Kinder unter Cyrgons Herrschaft schmachten. Dort wird er euch freilassen, und dort werdet ihr eure Kinder Cyrgons schändlichem Griff entreißen. Und dort werden wir uns euch anschließen und Cyrgon bestrafen. Der Schmerz, den wir ihm zufügen, wird wieder von Azash sein.«
»JAAA!« heulten die Trollgötter einstimmig.
»So sei es denn!« erklärte Aphrael mit hallender Stimme. »Noch einen Gefallen erbitte ich von dir, Khwaj, als Vertrauensbeweis unseres neuen Bündnisses. Dieses, mein Kind, möchte mit einem anderen in Cimmura im fernen Elenien sprechen, das als Platime bekannt ist. Mach, daß er es kann!«
»Das werde ich, Aphrael.« Khwaj hob seine gewaltige Pranke.
Aus seinen Fingerspitzen floß Feuer und bildete eine unbewegte Wand.
Hinter dieser durchsichtigen Feuerwand war eine Schlafkammer zu sehen, in der eine sehr gewichtige Person in einem übergroßen Bett lag und schnarchte.
»Wach auf, Platime!« sagte Stragen scharf.
»Feuer!« kreischte Platime und plagte sich hoch.
»Ach, sei still!« wies Stragen ihn zurecht. »Es brennt nirgends. Das ist Magie!«
»Stragen? Bist du das? Wo steckst du?«
»Hinter dem Feuer. Wahrscheinlich kannst du mich nicht sehen.«
»Soll das etwa heißen, du lernst Magie?«
»Nur so zum Spaß«, tat Stragen bescheiden. »Hör mir gut zu! Ich weiß nicht, wie lange der Zauber anhält. Setz dich sofort mit Arnag in Khadach in Verbindung. Sag ihm, er soll Graf Gerrich töten. Ich hab' jetzt keine Zeit für Erklärungen. Es ist wichtig, Platime! Es gehört zu den Aufgaben, die wir hier in Tamuli erledigen.«
»Gerrich?« sagte Platime unschlüssig. »Das würde sehr teuer kommen, Stragen.«
»Laß dir das Geld von Lenda geben. Sag ihm, Ehlana hat es genehmigt.«
»Hat sie das wirklich?«
»Na ja – sie würde es, wenn sie Bescheid wüßte. Ich hole mir ihre Erlaubnis, sobald ich sie wiedersehe. Spitz die Ohren, jetzt kommt das Wichtigste! Gerrich muß genau in fünfzehn Tagen von heute an getötet werden – nicht in vierzehn, nicht in sechzehn! Hältst du den Zeitpunkt nicht ein, ist alles umsonst!«
»Na gut. Ich kümmere mich darum. Sag Ehlana, daß Gerrich in genau fünfzehn Tagen sterben wird. Gibt es sonst noch etwas? Dein magisches Feuer macht mich ziemlich nervös.«
»Sieh zu, ob du herausfinden kannst, wer alles mit Gerrich unter einer Decke steckt, und schick diese Leute ebenfalls ins Jenseits – auf jeden Fall die pelosischen Barone, die sich mit ihm verbündet haben, und auch die Leute in den anderen Königreichen, die sich mit ihm zusammengetan haben. Du weißt schon, was für Leute ich damit meine – solche wie den Grafen von Belton, zum Beispiel.«
»Du willst, daß sie alle zur selben Zeit getötet werden?«
»Nur in etwa, so gut es eben möglich ist. Der wirklich Wichtige ist Gerrich.« Stragen schürzte nachdenklich die Lippen. »Wenn du schon dabei bist, könntest du vorsichtshalber auch Avin Wargunsson verschwinden lassen.«
»Er ist schon so gut wie tot, Stragen.«
»Du bist ein wahrer Freund.«
»Freund? Von wegen! Du wirst den üblichen Preis bezahlen, Stragen.«
Stragen seufzte. »Schon gut«, sagte er enttäuscht.
»Wie sehr hängst du an deinem elenischen Gott, Stragen?« fragte Aphrael auf dem Rückweg nach Matherion.
»Ich bin Agnostiker, erhabene Göttin.«
»Möchtet Ihr diesen letzten Satz nicht überdenken, was seine logische Folgerichtigkeit angeht, Stragen?« fragte Vanion leicht belustigt.
»So etwas überlasse ich einfältigen Gemütern, Eminenz«, entgegnete Stragen ein wenig von oben herab. »Warum fragt Ihr, Aphrael?«
»Dann gehörst du also zu keinem Gott, oder?«
»Nein, eigentlich nicht.«
Sephrenia wollte etwas sagen, doch Aphrael hielt sie davon ab. »Vielleicht solltest du dich mit den Vorteilen vertraut machen, die du haben würdest, wenn du mir dienst«, riet sie ihm. »Ich kann allerlei Wundervolles für dich tun.«
»Aphrael, das darfst du nicht!« wies Sephrenia sie zurecht.
»Sei still, Sephrenia. Das ist eine Sache zwischen Stragen und mir. Es ist vielleicht an der Zeit für mich, meinen Horizont zu erweitern. Styriker sind sehr, sehr nett; aber manchmal hat man mit Eleniern mehr Spaß. Außerdem sind sowohl Stragen wie ich Diebe. Wir haben viel gemein.« Sie lächelte den blonden Mann an. »Überleg es dir, Durchlaucht. Mir zu dienen ist einfach. Ein paar Küsse und hin und wieder ein Blumenstrauß, und schon bin ich glücklich.«
»Sie belügt Euch«, warnte Sperber. »In die Dienste Aphraels zu treten, ist so, als würde man sich freiwillig in die schlimmste Sklaverei begeben, die man sich nur vorstellen kann.«
»Na ja«, sagte die Kindgöttin mißbilligend, »wenn man es recht betrachtet, mag das stimmen. Aber was macht es schon aus, solange wir alle unseren Spaß dabei haben?«