19

Der tamulische Baumeister, der nach jahrelangem Studium elenischer Bauten die Burg in der kaiserlichen Schloßanlage errichtet hatte, war – wie so viele mit beschränktem Talent – nur fähig gewesen, große Vorbilder peinlichst genau zu kopieren, ohne dabei deren Zweck zu begreifen.

Der Thronsaal war ein Beispiel dafür. Die Bauart elenischer Burgen verfolgt zwei Absichten: für die Ewigkeit errichtet und uneinnehmbar zu sein. Also wurde Stein auf Stein getürmt, bis eine trutzige Festung dastand, deren Anblick allein schon jeden unerwünschten Besucher abschreckte. Im Laufe der Jahrhunderte bemühten sich einige Elenier, die zwangsläufig düstere Umgebung der Burg durch Zierwerk zu verschönern. Aus den inneren Schrägstützen, die verhindern sollten, daß die Mauern einstürzten – selbst unter einem Bombardement gewaltiger Felsbrocken –, gestalteten sie kunstvolles Strebwerk. Steinpfeiler, die dafür sorgten, daß die Decke blieb, wohin sie gehörte, wurden allmählich zu gewaltigen Säulen mit kunstvoll verzierten Plinthen und Kapitellen. Die gleiche bauliche Festigkeit läßt sich auch durch eine Gewölbedecke erzielen, und der Thronsaal der von Tamulern erbauten elenischen Burgnachahmung war in dieser Hinsicht einmalig. Er besaß ein massives Gewölbe und wurde von langen Reihen kannelierter Säulen gehalten und durch Schwibbögen von so filigraner Bauweise »gestützt«, daß sie nicht nur nutzlos, sondern äußerst gefährlich für jene waren, die unter ihnen standen. Außerdem war der gesamte Saal – wie alles im schimmernden Matherion – mit Perlmutt verkleidet.

Ehlana hatte die Bänder und Wimpel sorgfältig ausgewählt und die schillernden Wände prangten in schreiend bunten Farben. Die vierzig Fuß langen blauen Samtvorhänge an den schmalen Fenstern hatten weiße Satinborten erhalten, und wo die Wand von Bändern verschont geblieben war, wurde sie von überkreuzten Fahnen und Phantasie-Kriegsbannern geziert. Durch die Gänge zwischen den Bankreihen erstreckten sich leuchtend bunte Läufer, und die Säulen und Streben waren mit scharlachroter Seide umwickelt. Sperber behielt seine Meinung vorsichtshalber für sich, doch er fand, daß es hier nun aussah, als hätte ein Farbenblinder ein Volksfest ausgerichtet.

»Schreiend«, entfuhr es Ulath, während er rasch noch die schwarzen Ogerhörner mit einem weichen Tuch nachpolierte.

»Schreiend ist der richtige Ausdruck«, bestätigte Sperber. Er trug seine schwarze Paraderüstung und darüber einen ärmellosen silbernen Mantel. Der tamulische Schmied hatte die Beulen und Dellen wieder glatt gehämmert, den ganzen Panzer neu emailliert und sich – als stumme Kritik am üblichen Plattenpanzergeruch – zudem die Mühe gemacht, die Innenseite jeder einzelnen der sorgfältig geschmiedeten Platten und sämtliche Lederriemen mit zerquetschten Rosenblättern einzureiben. Die dadurch entstehende Geruchsmischung konnte nur als eigenartig bezeichnet werden.

»Wie sollen wir die vielen Leibwächter um Ehlana und Sarabian erklären?« fragte Ulath.

»Wir müssen gar nichts erklären, Ulath.« Sperber zuckte die Schultern. »Wir sind Elenier, und der Rest der Welt hält uns für Barbaren mit seltsamen, rituellen Gebräuchen, die sonst niemand versteht. Ich werde meine Gemahlin jedenfalls nicht ungeschützt auf dem Thron sitzen lassen, während sie und Sarabian den Anwesenden die Auflösung der Regierung verkünden.«

»Wohlbedacht.« Ulath blickte seinen Freund ernst an. »Sephrenia macht Schwierigkeiten, das ist dir doch klar.«

»Wir haben mehr oder weniger damit gerechnet.«

»Vielleicht würde es ihr leichter fallen, wenn sie neben Zalasta sitzen könnte.«

Sperber schüttelte den Kopf. »Zalasta ist Berater der Regierung. Er muß mit den Ministern auf der Empore sitzen. Wir werden Danae zu Sephrenia setzen. Beide ein wenig abseits.«

»Das hilft vielleicht auch. Die Anwesenheit deiner Tochter scheint Sephrenia etwas zu beruhigen. Ich würde Xanetia allerdings nicht in ihre Nähe setzen.«

»Das hatte ich auch nicht vor.«

»Ich wollte nur sichergehen. Hat Engessa die Bestätigungen seines Signals erhalten? Können wir sicher sein, daß sein Befehl alle erreicht hat?«

»Er ist jedenfalls sicher. Ich nehme an, die Ataner haben schon jahrhundertelang Signalfeuer zur Weiterleitung von Befehlen benutzt.«

»Möglich. Für mich ist es jedenfalls ungewohnt, mit Feuern auf den Bergen Botschaften zu senden, Sperber.«

»Wie dem auch sei, es ist Engessas Aufgabe. Und falls bis zum Morgen wirklich noch nicht alle Außenposten im Hinterland benachrichtigt werden konnten, ist es auch nicht so schlimm.«

»Wahrscheinlich hast du recht. Ich glaube, wir haben alles getan, was wir tun konnten. Jetzt hoffe ich nur, daß nichts schiefgeht.«

»Was könnte denn schiefgehen?«

»Das ist die Art von Überlegung, die ganze Gottesäcker füllt, Sperber. Ich gehe jetzt und befehle, die Zugbrücke herunterzulassen. Es ist Zeit, anzufangen.«

Stragen hatte die zwölf tamulischen Trompeter gut angelernt, wie auch den Rest der Musiker, und beendete nun den Unterricht mit einigen schrecklichen Drohungen und einem lehrreichen Besuch der sorgfältig wiederhergestellten Folterkammer im Keller. Die Musikanten hatten hoch und heilig geschworen, sich an die richtigen Noten zu halten und jegliche Improvisationen zu unterlassen. Der Fanfarentusch, mit dem jeder Minister einzeln begrüßt werden sollte, war Ehlanas Idee gewesen. Fanfaren sind schmeichelhaft. Sie heben das Selbstbewußtsein, schläfern möglichen Argwohn ein und locken Ahnungslose in die Falle. Ehlana war wirklich tüchtig in solchen Dingen. Das Ausmaß ihres politischen Instinkts verblüffte Sperber immer wieder.

Es schien eine bloße Formsache zu sein, daß Ordensritter in regelmäßigen Abständen entlang der Wände postiert waren. Auf den ersten Blick schienen die Ritter nicht viel mehr als Teil der Dekoration des Thronsaals zu sein. Doch der Schein trog. Die reglosen Männer in den stählernen Rüstungen hatten den Befehl, dafür zu sorgen, daß die Regierungsmitglieder den Saal ohne Genehmigung nicht mehr verließen, sobald sie ihn betreten hatten. Und die Zugbrücke, die wieder hochgezogen würde, sobald alle eingetroffen waren, diente als weitere Garantie, daß niemand gelangweilt davonspazierte. Sarabian hatte seinen elenischen Freunden erklärt, daß der Imperiale Rat von Tamuli im Laufe der Jahrhunderte gewachsen war. Anfangs hatte er nur aus den Ministern bestanden. Dann hatten die Minister ihre Sekretäre mitgebracht und diese schließlich auch noch ihre Untersekretäre. Inzwischen war es bereits so weit gekommen, daß die Untersekretäre ihre Assistenten dabeihatten, und diese wiederum ihre Schreiber. Der Titel »Mitglied des Imperialen Rates« war so gut wie bedeutungslos geworden. Doch daß jeder fast jeden mitbringen konnte, war beinahe eine Garantie dafür, daß sämtliche Verräter innerhalb der Regierung sich in Ehlanas Burg einfinden würden. Die Königin von Elenien war so klug, sogar die Eitelkeiten ihrer Feinde als Waffe gegen sie zu nutzen.

»Nun?« erkundigte Ehlana sich nervös, als ihr Gemahl die königlichen Gemächer betrat. Die Königin von Elenien trug ein cremefarbenes Gewand mit Goldlameborte und einen dunkelblauen, mit Hermelin verbrämten Samtumhang. Ihre Krone sah wie eine mit bunten Edelsteinen verzierte Spitzenhaube aus gehämmertem Gold aus. Doch Sperber hatte sie schon mehrmals in den Händen gehabt und wußte, daß ihr filigranes Aussehen trog: Die Spitzenhaube war fast so schwer wie die Staatskrone, die sicher in der königlichen Schatzkammer in Cimmura aufbewahrt wurde.

»Die ersten Gäste kommen bereits über die Zugbrücke«, berichtete Sperber. »Itagne begrüßt sie. Er kennt jeden von Rang und Namen in der Regierung. Deshalb kann er uns Bescheid geben, sobald alle in der Burg sind. Dann werden die Ritter die Zugbrücke wieder hochziehen.« Er blickte Kaiser Sarabian an, der vor einem Fenster stand und an einem Fingernagel kaute. »Es ist bald soweit, Majestät. Solltet Ihr Euch jetzt nicht umkleiden?«

»Der tamulische Umhang sollte dazu dienen, alle möglichen Mängel zu verbergen, also dürfte er auch meine westliche Kleidung verhüllen – und meinen Degen. Ich werde ihnen nicht unbewaffnet gegenübertreten!«

»Wir beschützen Euch, Sarabian«, versprach Ehlana.

»Das tue ich lieber selbst – Mutter.« Der Kaiser lachte plötzlich nervös. »Ein schlechter Witz vielleicht, aber es steckt viel Wahrheit darin. Ihr habt mich großgezogen, als ich noch ein politisches Wickelkind war, Ehlana. In dieser Hinsicht seid Ihr meine Mutter.«

»Solltet Ihr mich je Mami nennen, werde ich Euch keines Wortes mehr würdigen, Majestät.«

»Da würde ich mir lieber die Zunge abbeißen, Majestät.«

»Wie geht es jetzt weiter im Protokoll, Majestät?« wandte Sperber sich an Sarabian, nachdem sie durch den seitlichen Spalt des Türvorhangs in den Thronsaal gespäht hatten, der sich rasch füllte.

»Sobald alle anwesend sind, wird Subat die Versammlung für eröffnet erklären«, antwortete Sarabian. »Dann betrete ich den Saal – von Klängen begleitet, die man hier als Musik betrachtet.«

»Stragen hat dafür gesorgt, daß Euer großer Auftritt auch wirklich eindrucksvoll sein wird«, versicherte Ehlana. »Er hat den Fanfarentusch selbst komponiert.«

»Sind alle elenischen Diebe Künstler?« fragte Sarabian. »Talen malt, Stragen komponiert, und Caalador ist ein begnadeter Schauspieler.«

»Sieht tatsächlich so aus, als ziehen wir Talente nur so an.« Ehlana lächelte.

»Soll ich den Gästen erklären, weshalb sich so viele von uns auf dem Thronpodest befinden?« fragte Sarabian und warf einen Blick auf Mirtai und Engessa.

»Nein! Erklärungen werden als Schwäche betrachtet. Ich werde den Saal an Eurem Arm betreten und alle werden in Ehrfurcht erschauern.«

»Sie werden respektvoll vor Euch auf die Knie fallen, Ehlana.«

»Schon möglich.« Sie zuckte die Schultern. »Wenn sie sich erst wieder hochgeplagt haben, sitzen wir bereits auf unseren Thronen, mit unseren Leibwächtern um uns. Zu diesem Zeitpunkt übernehmt Ihr den Vorsitz. Laßt Subat gar nicht erst zu Wort kommen. Wir haben heute unsere eigene Tagesordnung und keine Zeit zuzuhören, wenn er über die Ernteaussicht auf der edomischen Ebene schwafelt. Wie fühlt Ihr Euch?«

»Nervös. Ich habe bisher noch nie eine Regierung abgesetzt.«

»Ich auch nicht. Das heißt – was ich in der Basilika von Chyrellos getan habe, als ich Dolmant zum Erzprälaten machte, kommt dem wohl ziemlich nahe.«

»Das hat sie doch nicht wirklich, Sperber, oder?«

»O doch, Majestät. Ganz ohne Hilfe! Sie war großartig!«

»Redet einfach unbeirrt drauflos, Majestät«, riet Ehlana ihm. »Falls Euch jemand unterbrechen will, brüllt ihn nieder. Versucht gar nicht erst, höflich zu sein. Das ist Eure Schau. Laßt Euch nicht zu Beschwichtigungen oder Wortgefechten hinreißen. Zeigt kalte Wut! Seid Ihr ein guter Redner?«

»Wahrscheinlich nicht. Man läßt mich nur selten öffentlich sprechen – bei den Abschlußfeiern an der Universität, zum Beispiel.«

»Sprecht langsam. Ihr redet gern zu schnell. Der Erfolg einer Rede hängt zur Hälfte vom Tonfall ab. Legt Pausen ein. Wechselt die Lautstärke von Schreien zu Flüstern. Seid dramatisch. Bietet ihnen eine gute Schau.«

Sarabian lachte. »Ihr seid eine Meisterin der Spiegelfechterei.«

»Gewiß. Darum geht's bei Politik doch – Schwindel, Betrug, Spiegelfechterei.«

»Das ist ja schrecklich!«

»Natürlich. Deshalb macht die Politik ja so viel Spaß.«

Der metallische Tusch der Fanfaren bei der Begrüßung jedes einzelnen Ministers hallte vom Gewölbe wider und erzielte die erwünschte Wirkung. Die Staatsbeamten in ihren seidenen Umhängen schienen von ihrer solcherart bestätigten, überragenden Gewichtigkeit sichtlich beeindruckt. Gemessenen, ja majestätischen Schrittes begaben sie sich mit ernster, selbstgefälliger Miene an ihre Plätze. Vor allem Pondia Subat, der Premierminister, war von sich selbst hellauf begeistert. Er saß würdevoll in einem nur für ihn aufgestellten, rotgepolsterten Sessel neben dem Thronpodest und blickte erhaben auf die übrigen Beamten hinunter, die sich ihre Plätze zu beiden Seiten des breiten Mittelgangs selbst ausgesucht hatten.

Finanzminister Gashon saß neben Teovin, dem Leiter der Geheimpolizei, inmitten einiger anderer Minister. Ein aufgeregtes Flüstern ging durch diese Reihe.

»Das ist wohl die Opposition«, bemerkte Ehlana. »Daß Teovin dazu gehört, wissen wir, und die anderen stecken bestimmt mehr oder weniger mit drin.« Sie drehte sich zu Talen um, der in seiner Pagenlivree mit Kniehose direkt hinter ihr stand. »Behalte besonders diese Gruppe ständig im Auge«, wies sie ihn an. »Ich möchte genau wissen, wie die einzelnen reagieren. Dann sollten wir das Maß ihrer Schuld zumindest in etwa abschätzen können.«

»Ja, meine Königin.«

Dann zeigte Itagne sich flüchtig an der schweren Flügeltür des Thronsaals und gab Ulath ein Zeichen, daß alle wichtigen Beamten eingetroffen waren.

Ulath, der neben dem Thronpodest stand, nickte und hob seine Ogerhorntrompete an die Lippen.

Als der barbarische tiefe, schmetternde Schall des Ogerhorns von den schimmernden Wänden widerhallte, schien der Saal plötzlich in entsetzter Stille einzufrieren. Die riesige Flügeltür schlug krachend zu, und zwei Ritter in Plattenpanzer – ein Cyriniker ganz in Weiß und ein Pandioner völlig in Schwarz – stellten sich davor.

Der Premierminister erhob sich.

Ulath schlug mit dem Kolben seiner mächtigen Axt dreimal auf den Boden und gebot Stillschweigen.

Der Kaiser zuckte zusammen.

»Was habt Ihr, Sarabian?« fragte Mirtai.

»Ritter Ulath hat soeben mehrere Fliesen zerbrochen.«

»Wir können sie mit Knochenstückchen ersetzen«, beruhigte Mirtai ihn. »Bis der Tag zu Ende ist, werden hier genügend davon herumliegen.«

»Dürfte ich den Rat bitten, zur Ordnung zu kommen!« rief Pondia Subat.

Wieder schlug Ulath auf den Boden.

Sperber schaute sich im Thronsaal um. Alle saßen auf ihren Plätzen. Sephrenia, in ihrer weißen styrischen Robe, saß mit Prinzessin Danae und Caalador an einer Seite des Thronsaals, Xanetia, ebenfalls in Weiß, hatte mit Kalten und Berit auf der anderen Seite Platz genommen, und Melidere saß mit den neun Kaisergemahlinnen auf einer kleinen Galerie. Die kluge Baroneß hatte behutsam freundschaftliche Bande zu Cieronna geknüpft, Sarabians erster Gemahlin, die aus einer der angesehensten Familien Tamulis stammte und Mutter des Kronprinzen war. Diese Freundschaft war inzwischen so tief, daß Melidere in Begleitung der Kaiserinnen zu allen offiziellen Anlässen eingeladen wurde.

Diesmal diente ihre Anwesenheit jedoch einem ernsten Zweck. Sarabian hatte aus jedem der neun Königreiche eine Gemahlin, und es war durchaus möglich, daß einige von ihnen mit den Verschwörern gemeinsame Sache machten. Doch Sperber war fast sicher, daß die barbusige Valesianerin, Elysoun, keine politischen Interessen verfolgte, schon deshalb, weil sie gar keine Zeit dafür hatte. Gahenas, die teganische Gemahlin, eine durch und durch puritanische Dame, war vollkommen von ihrer persönlichen Tugend und ihrem standhaften Republikanismus erfüllt, so daß die Verschwörer vermutlich nie ihr Glück bei Gahenas versucht hatten. Torellia von Arjuna und Chacole von Cynesga dagegen kamen Sperber sehr verdächtig vor. Beide hatten gewissermaßen einen »persönlichen Hof« um sich geschart, zu dem viele Edle aus ihrer Heimat gehörten. Melidere hatte den Auftrag, auf diese beiden besonders zu achten, vor allem auf ungewöhnliche Reaktionen bei der Aufdeckung von Zalastas Doppelspiel.

Sperber seufzte. Es war alles so kompliziert! Freunde und Feinde sahen gleich aus. Auf längere Sicht betrachtet, würde Xanetias ungewöhnliche Gabe sich vermutlich als wertvoller erweisen als das Beistandsangebot einer ganzen Armee.

Vanion, der sich unauffällig zu den Rittern entlang der Wände gestellt hatte, griff nach seinem Visier, senkte es und hob es rasch wieder: Es war das Signal, daß alle ihre Mannen an Ort und Stelle waren. Stragen, der mit seinen Trompetern hinter dem Thronpodest stand, nickte bestätigend.

Dann beobachtete Sperber unauffällig Zalasta, den ahnungslosen Ehrengast. Der Styriker, dessen Augen verstört dreinblickten, saß unter den Ministern. Seine weiße Robe wirkte inmitten all der farbigen Seidenumhänge beinahe fehl am Platze. Ganz offensichtlich wußte Zalasta, daß etwas im Busch war; doch es war ebenso offensichtlich, daß er keine Ahnung hatte, um was es sich handelte. Das war doch wenigstens schon etwas. Zumindest schien niemand im inneren Kreis von den Verschwörern aufgestachelt worden zu sein. Verärgert schüttelte Sperber diesen Gedanken ab. Unter den gegebenen Umständen waren Wachsamkeit und ein bißchen Argwohn ganz normal – aber zuviel davon konnte in Verfolgungswahn ausarten. Sperber verzog das Gesicht. Noch ein solcher Tag, und er würde anfangen, sich selbst zu mißtrauen.

»Der Rat wird nun zur Ordnung gerufen!« erklärte Subat erneut.

Ulath zerschmetterte erneut ein paar Fliesen.

»Auf Befehl seiner Majestät, Kaiser Sarabian, wird der Rat zur Ordnung gerufen!«

»Großer Gott, Subat!« sagte Sarabian stöhnend und mehr zu sich selbst. »Soll Euretwegen der ganze Fußboden dran glauben?«

»Geehrte Anwesende – seine kaiserliche Majestät, Sarabian von Tamuli!«

Eine einzelne Fanfare schmetterte einen klaren Klang majestätisch anschwellender Töne. Dann stimmte eine zweite ein, die diesen Klang eine Oktave höher wiederholte, danach eine dritte eine weitere Oktave höher. Schließlich, in einem gewaltigen Crescendo, schlossen sich alle Musiker an und erfüllten den Saal mit klingendem Widerhall.

»Beeindruckend«, murmelte Sarabian. »Gehen wir jetzt rein?«

»Noch nicht«, hielt Ehlana ihn zurück. »Erst wenn die Musik sich ändert. Achtet auf meine Hand auf Eurem Arm. Laßt mich die Schrittfolge bestimmen. Und erschreckt nicht, wenn wir zu den Thronen kommen. Stragen hat eine ganze Blaskapelle verstreut im Saal versteckt. Der Höhepunkt wird ohrenbetäubend. Richtet Euch hoch auf, strafft die Schultern und blickt majestätisch drein. Versucht, wie ein Gott auszusehen!«

»Das macht Euch wohl großen Spaß, Ehlana?«

Sie grinste verschmitzt und zwinkerte ihm zu. »Ah!« sagte sie, »die Flöten hinten im Saal haben das Thema aufgenommen. Das ist unser Signal. – Viel Glück, mein Freund!« Sie hauchte ihm einen Kuß auf die Wange; dann legte sie ihm die Hand auf den Arm. Sie lauschte angespannt. »Eins!« murmelte sie. »Zwei.« Sie holte tief Atem. »Jetzt!«

Der Kaiser von Tamuli und die Königin von Elenien traten durch den Türbogen und schritten – während die Flöten am hinteren Saalende Stragens Hauptthema begleiteten, jetzt in Moll – majestätisch zu den goldenen Thronen, dicht gefolgt von Sperber, Mirtai, Engessa und Bevier. Talen, Alean und Itagne, der von seinem Lauf durch die Korridore noch ein wenig schnaufte, bildeten den Schluß.

Als die kaiserliche Gesellschaft die Throne erreichte, dirigierte Stragen, der seinen Degen als Taktstock benutzte, seinen verborgenen Musikern eine Wiederholung des Hauptthemas, diesmal in Fortissimo. Die Wirkung war überwältigend. Es war schwer zu sagen, ob die Ratsmitglieder sich aus Gewohnheit mit dem Gesicht zu Boden warfen oder ob dieser ungeheure Musikschwall sie niederschmetterte. Stragen schlug seinen Degen scharf zur Seite, und die Musik verstummte wie abgeschnitten. Nur noch das Echo hallte gespenstisch von den Wänden wider.

Pondia Subat erhob sich. »Möchte Eure Majestät ein paar Worte an die Anwesenden richten, ehe wir die Sitzung beginnen?« fragte er in fast beleidigend hochnäsigem Tonfall. Diese Frage war reine Formalität, ja, beinahe rituell.

»O ja, Wir glauben, das möchten Wir, Pondia Subat«, antwortete Sarabian und erhob sich wieder. »Wie freundlich von Euch, Uns zu ersuchen, alter Junge.«

Subat starrte ihn offenen Mundes ungläubig an. »Aber…«

»Wolltet Ihr noch etwas sagen, Subat?«

»Das ist äußerst ungewöhnlich, Majestät!«

»Das wissen Wir. Aber es belebt die Sache, findet Ihr nicht? Wir haben heute noch einiges vor, Subat, also, fangen wir an!«

»Majestät hat sich nicht mit mir beraten. Wir können die Tagesordnungspunkte nicht besprechen, wenn ich sie nicht kenne…«

»Setzt Euch, Subat!« befahl Sarabian scharf. »Ihr werdet den Mund halten, solange Wir Euch nicht zu reden erlauben!«

»Ihr könnt doch nicht…«

»Wir sagten, SETZT EUCH!«

Jetzt schien Subat doch irgend etwas zu ahnen. Vor Angst zitternd, sank er auf seinen Platz.

»Euer Kopf sitzt nicht mehr sehr fest auf Euren Schultern, Herr Premierminister«, sagte Sarabian ominös, »und falls Ihr Uns anblickt und besagten Kopf auf falsche Weise schüttelt, könnte er leicht abfallen. Ihr habt Euch dicht am Rande des Hochverrats bewegt, Pondia Subat, und Wir sind mehr als nur ein wenig ergrimmt über Euch!«

Das Gesicht des Premierministers wurde kreidebleich.

Sarabian schritt mit finsterem Gesicht auf dem Podest auf und ab.

»Lieber Gott, mach, daß er stehenbleibt« flüsterte Ehlana. »Solange er wie eine Gazelle auf der Flucht herumläuft, kann er keine wirkungsvolle Rede halten!«

Da blieb der Kaiser vorn auf dem nicht sehr hohen Thronpodest stehen. »Wir haben nicht vor, Unsere Zeit mit Nichtigkeiten zu vergeuden, meine Herren«, erklärte er seiner Regierung brüsk. »Wir hatten eine Krise, und Wir verließen Uns darauf, daß Ihr sie meistert. Ihr habt versagt – wahrscheinlich, weil Ihr zu sehr mit Euren üblichen politischen Spielchen beschäftigt wart. Das Imperium hat Riesen gebraucht, was Geist und Charakter angeht, doch Wir hatten nur Zwerge zu Unseren Diensten. Dies erforderte, daß Wir Uns selbst mit der Krise befaßten. Und das, meine Herren, haben Wir während der vergangenen Monate getan. Ihr seid nicht mehr von Nutzen. Jetzt sind Wir die Regierung!«

Entrüstete Ausrufe erklangen aus den Reihen der Minister und ihrer Untergebenen.

»Er macht zu schnell!« flüsterte Ehlana. »Er hätte es viel spannender machen und langsam bis zum Höhepunkt darauf hin arbeiten sollen!«

»Sei nicht so kritisch«, rügte Sperber. »Schließlich ist es kein Theaterstück, sondern eine Rede. Laß sie ihn auf seine Weise halten!«

»Schweigt!« brüllte Sarabian in den Saal.

Die Ratsmitglieder achteten nicht darauf und brabbelten aufgeregt weiter. Da warf der Kaiser seinen Umhang zurück, und seine elenische Kleidung wurde sichtbar. Er zog seinen Degen. »Wir haben Schweigen geboten!« donnerte er.

Vollkommene Stille setzte ein.

»Den nächsten, der Uns unterbricht, heften Wir wie einen Schmetterling an die Wand!« warnte Sarabian und schwang seinen Degen durch die Luft. Das Sirren der Waffe klang bedrohlich. Er blickte seine eingeschüchterten Beamten an. »So ist es schon besser. Bleibt so!« Er setzte die Degenspitze leicht auf den Boden und verschränkte die Hände auf dem Knauf. »Unsere Familie hat sich Jahrhunderte darauf verlassen, daß die Ministerien sich der täglichen Regierungsgeschäfte annehmen. Unser Vertrauen wurde offensichtlich mißbraucht. In Friedenszeiten habt Ihr Euer ohnehin geringes Arbeitspensum – gerade noch – bewältigt, aber sobald sich eine Krise ergab, seid Ihr herumgerannt wie Ameisen und wart mehr darauf bedacht, Euer Vermögen und Eure persönlichen Privilegien zu schützen, und Ihr habt Eure kleinlichen Rivalitäten innerhalb der Regierung ausgetragen, statt Euch um das Wohl des Imperiums zu sorgen – und das, meine Herren, scheint Ihr alle vergessen zu haben! Es ist Unser Imperium. Unsere Familie hat dieser Tatsache nicht viel Gewicht beigemessen, aber Wir finden, es ist an der Zeit, Euch daran zu erinnern! Ihr dient Uns! Ihr habt Uns zu achten und nicht auf persönlichen Vorteil.«

Alle Beamten starrten den Mann an, den sie stets als harmlosen Exzentriker betrachtet hatten. Sperber bemerkte eine Bewegung nahe der Mitte des Thronsaals. Er ließ den Blick zurück zur vorderen Reihe schweifen und stellte fest, daß Teovins Platz auffallend leer war. Der Leiter der Geheimpolizei war klüger und viel schneller als seine Kollegen und scherte sich in diesem Fall auch nicht um seine Würde: auf allen vieren kroch er hastig zum nächsten Ausgang. Finanzminister Gashon, der dürr, kreidebleich und mit aufgestellten Haaren neben Teovins leerem Stuhl saß, starrte Sarabian in panischer Angst an.

Sperber blickte rasch zu Vanion. Der Hochmeister nickte. Auch er hatte den kriechenden Geheimpolizisten bemerkt.

»Als Wir erkannten, daß Wir derart beschränkte Männer für die Verwaltung Unseres Imperiums gewählt hatten«, fuhr Sarabian fort, »wandten Wir Uns ratsuchend an Zalasta von Styrikum. Wenn es jemanden gibt, der für übernatürliche Dinge zuständig ist, dann ein Styriker. Zalasta riet, Uns mit der Bitte um Unterstützung an Erzprälat Dolmant von der Kirche von Chyrellos zu wenden und um direkte Hilfe durch Prinz Sperber zu ersuchen. Wir Tamuler sind stolz auf unseren Scharfsinn und unser hohes geistiges Niveau, aber Wir können Euch versichern, daß wir im Vergleich mit den Eleniern Kinder sind. Der Staatsbesuch Unserer teuren Schwester Ehlana diente der Verschleierung der Tatsache, daß wir ihren Gemahl, Ritter Sperber, hier benötigten. Königin Ehlana und Wir amüsierten uns damit, Euch zu täuschen – und wahrlich, Ihr wart leicht zu täuschen! –, während Prinz Sperber und seine Gefährten die Wurzeln des Aufruhrs hier in Tamuli suchten. Wie erwartet, reagierten unsere Feinde darauf.«

An einer der Seitentüren kam es zu einer flüchtigen, kaum wahrnehmbaren Störung. Vanion und Khalad hinderten den Leiter der Geheimpolizei mit großer Entschiedenheit daran, den Saal zu verlassen.

»Habt Ihr irgendwo eine dringende Verabredung, Teovin?« fragte Sarabian spöttisch.

Teovin starrte seinen Kaiser wütend und mit unverhohlenem Haß an.

»Solltet Ihr unzufrieden mit Uns sein, Teovin, sind Wir nur zu gern bereit, Euch Satisfaktion zu geben.« Sarabian schwang unmißverständlich seinen Degen. »Bitte kehrt auf Euren Platz zurück. Unsere Sekundanten werden sich nach Beendigung dieser Sitzung an Euch wenden.«

Vanion faßte den Leiter der Geheimpolizei unsanft am Arm und deutete auf den leeren Platz, dann setzte er ihn mit einem derben Stoß in Bewegung.

»Diese langatmige Einführung beginnt Uns zu langweilen«, erklärte Sarabian. »Also möchten Wir zur Sache kommen. Der versuchte Staatsstreich hier in Matherion war die unmittelbare Reaktion auf Ritter Sperbers Ankunft. Die verschiedenen Unruhen, welche die Ataner in den vergangenen Jahren von einem Ende des Kontinents zum anderen hetzten, hatten eine einzige Ursache. Wir haben einen ganz persönlichen Feind, und er hat eine gewaltige Verschwörung angezettelt mit dem Zweck, die Regierung zu stürzen und Uns den Thron zu entreißen. Und er fand unter Unseren angeblich so treuen Dienern viele bereitwillige Helfer.«

Einige Würdenträger rissen erstaunt den Mund auf, andere wirkten schuldbewußt.

»Hört gut zu, meine Herren«, wies Sarabian sie an. »Nun wird es interessant. Viele von Euch haben sich über das lange Fortbleiben von Innenminister Kolata gewundert. Wir sind überzeugt, Ihr werdet erfreut sein zu hören, daß Kolata jetzt wieder bei uns ist.«

Sarabian drehte sich zu Ulath um. »Hättet Ihr die Güte, Herr Ritter, den Innenminister nun hereinzubitten?«

Ulath verbeugte sich, und Kalten erhob sich von seinem Platz, um ihn zu begleiten.

»Als Dienstherr der Polizeikräfte des gesamten Imperiums weiß Minister Kolata einiges über diese Machenschaften«, erklärte der Kaiser. »Wir sind überzeugt, seine Analyse wird uns manche Aufschlüsse über die derzeitige Lage geben.«

Kalten und Ulath kehrten mit dem aschfahlen Innenminister in ihrer Mitte zurück. Doch nicht der bejammernswerte Zustand Kolatas war der Grund für die bestürzten Aufschreie der anderen Beamten, sondern die Tatsache, daß der Leiter der Polizei sich in Ketten dahinschleppte.

Kaiser Sarabian blieb ungerührt, während die Regierungsbeamten laut protestierten. »Na, wie mache ich mich, Ehlana?« fragte er kaum hörbar aus den Mundwinkeln.

»Ich wäre es anders angegangen«, antwortete sie, »aber das ist eine Sache des persönlichen Stils. Ich gebe Euch eine vollständige Kritik, wenn alles vorbei ist.« Sie blickte auf die Beamten, die allesamt aufgesprungen waren und erregt durcheinanderriefen. »Duldet das nicht zu lange. Erinnert sie, wer hier das Sagen hat. Und mit allem Nachdruck!«

»Jawohl, Mutter.« Er lächelte. Dann blickte er auf seine Regierung und holte tief Luft. »Ruhe!« brüllte er schallend.

Alle verstummten erschrocken.

»Wir dulden keine weitere Störung!« warnte Sarabian. »Die Regeln haben sich geändert, meine Herren! Wir werden keine feine Lebensart mehr vortäuschen. Wir befehlen Euch, was Ihr zu tun habt, und Ihr werdet es tun! Wir wollen Euch nur daran erinnern, daß Ihr nicht nur nach Unserem Belieben dient, sondern auch nur nach Unserem Belieben am Leben bleiben werdet. Der Innenminister hat sich des Hochverrats schuldig gemacht. Ihr werdet bemerkt haben, daß es keine Verhandlung gab. Kolata ist schuldig, weil Wir sagen, daß er schuldig ist!« Sarabian machte eine Pause, als ihm neuerlich etwas bewußt wurde. »Unsere Macht in Tamuli ist uneingeschränkt. Wir sind die Regierung, und Wir sind das Gesetz. Wir werden Kolata nun eingehend befragen. Achtet auf seine Antworten, meine Herren. Eure Stellung in der Regierung – ja, Euer Leben – mag von seiner Aussage abhängen. Außenminister Oscagne wird nun Kolata vernehmen. Nicht, was seine Schuld betrifft – sie ist bereits bewiesen –, sondern wer in die Verschwörung verwickelt ist und inwieweit. Wir werden dieser Sache ein für allemal auf den Grund gehen. Ihr dürft beginnen, Oscagne.«

»Jawohl, Majestät.« Oscagne erhob sich und blieb einen Augenblick tief in Gedanken versunken, während Sarabian sich wieder setzte. Oscagne trug einen schwarzen Seidenumhang; die Farbe hatte er mit voller Absicht gewählt. Zwar waren schwarze Umhänge selten, aber nicht völlig ungewohnt. Richter und Staatsanwälte trugen immer Schwarz. Die düstere Farbe betonte das ohnehin schon blasse Gesicht des Außenministers. Dadurch wirkte seine Miene noch grimmiger.

Khalad brachte einen schlichten hölzernen Hocker herbei und stellte ihn vor das Thronpodest. Kalten und Ulath führten den Innenminister heran und setzten ihn ohne Umstände auf den Hocker.

»Versteht Ihr, worum es hier geht?« fragte Oscagne den Strafgefangenen.

»Ihr habt kein Recht, mich zu befragen, Oscagne!« entgegnete Kolata schnell.

»Brich ihm die Finger, Khalad!« befahl Sperber, der unmittelbar hinter Ehlanas Thron stand.

»Jawohl, Hoheit. Wie viele?«

»Zuerst einen oder zwei. Dann jedesmal einen, wenn er über Oscagnes Rechte – oder seine – zu reden beginnt.«

»Jawohl, Hoheit.« Khalad packte nach dem Handgelenk des Innenministers.

»Aufhören! Aufhören!!« quiekte Kolata voller Angst. »Laßt es nicht zu!«

»Kalten, Ulath«, befahl Sperber nun, »tötet den ersten, der sich zu rühren wagt!«

Kalten zog sein Schwert, Ulath hob seine Axt.

»Da seht Ihr, wie es ist, alter Junge«, sagte Oscagne zu dem Zitternden auf dem Hocker. »Besonders beliebt wart Ihr nie, und Prinz Sperbers Befehl hat auch den letzten Funken Zuneigung gelöscht, den möglicherweise jemand hier für Euch empfunden haben mochte. Ihr werdet reden, Kolata. Früher oder später werdet Ihr reden. Ihr könnt Euch die Schmerzen ersparen, wenn Ihr meine Fragen gleich beantwortet – denn beantworten werdet Ihr sie, so oder so.« Oscagnes Miene war unerbittlich.

»Sie werden mich töten, Oscagne!« rief Kolata mit flehender Stimme. »Sie werden mich töten, wenn ich rede!«

»Dann befindet Ihr Euch in einer schwierigen Lage, Kolata, denn wenn Ihr nicht redet, werden wir Euch töten. Ihr bekommt Eure Befehle von Cyrgon, nicht wahr?«

»Cyrgon? Lächerlich! Cyrgon ist nur ein Mythos!«

»Ach, wirklich?« Oscagne musterte ihn voll Verachtung. »Spielt nicht den Dummen, Kolata. Soviel Geduld habe ich nicht. Ihr habt Eure Anweisungen von der cynesganischen Botschaft bekommen, stimmt's? Und meist hat ein Mann namens Krager sie übermittelt.«

Kolata starrte ihn mit offenem Mund an.

»Macht den Mund zu, Kolata, denn so seht Ihr aus wie ein Schwachsinniger! Wir wissen bereits sehr viel über Euren Hochverrat. Jetzt möchten wir nur noch ein paar Einzelheiten von Euch hören. Es begann damit, daß jemand sich an Euch wandte, dem Euer volles Vertrauen galt und für den Ihr wahrscheinlich große Hochachtung empfunden habt. Das schließt Cynesganer aus. Tamuler empfinden für Cynesganer ausschließlich Verachtung. Wenn wir nach unserem charakteristischen Selbstwertgefühl gehen, schließt das auch Arjuner oder jedwede Elenier von einem der westlichen Reiche aus. Es kommen also lediglich ein weiterer Tamuler oder möglicherweise ein Ataner in Frage – oder…« Oscagnes Augen weiteten sich plötzlich und er wirkte wie vom Donner gerührt. »Oder ein Styriker!«

»Lächerlich!« protestierte Kolata schwach. Doch seine Blicke schossen wild dahin und dorthin, wie die eines Mannes, der verzweifelt ein Versteck sucht.

Sperber warf einen prüfenden Blick auf Zalasta. Das Gesicht des Magiers war totenbleich, doch seine Augen verrieten, daß er sich noch in der Gewalt hatte. Es gehörte ein wenig mehr dazu, ihn vollends aus der Fassung zu bringen. Der große Pandioner legte die Linke um seinen Schwertgriff und gab Oscagne auf diese Weise das vereinbarte Zeichen.

»Sieht so aus, als kämen wir nicht weiter, alter Junge.« Oscagne tat, als erholte er sich von seiner Überraschung. »Ich fürchte, Ihr braucht ein bißchen Nachhilfe.« Er drehte sich um und blickte Xanetia an. »Hättet Ihr die Güte, Anarae? Unser geschätzter Innenminister möchte sein Wissen nicht mit uns teilen. Könntet Ihr wohl seine Meinung ändern? Was meint Ihr?«

»Ich kann es versuchen, Oscagne von Matherion.« Xanetia erhob sich, durchquerte den Saal und näherte sich dem Gefangenen aus irgendeinem Grund von jener Seite, auf der Sephrenia saß, statt von der, auf der sie selbst gesessen hatte. »Ihr habt Angst, Kolata von Matherion«, sagte sie ernst, »und Eure Furcht macht Euch tapfer. Denn Ihr seid der Meinung, daß jene, die Euren Körper gefangenhalten, Euch vielleicht großen Schmerz zufügen werden – doch jener, der Eure Seele in Ketten hält, noch viel größeren. Jetzt aber werdet Ihr mit noch schlimmerer Furcht ringen müssen. Seht mich an, Kolata von Matherion, und erzittert! Denn nun werdet Ihr von der größten Angst erfüllt, die Ihr je empfunden habt. Werdet Ihr reden, offen und ehrlich?«

»Ich kann nicht!« wimmerte Kolata.

»Dann seid Ihr verloren. Schaut mich in meiner wahren Gestalt und überlegt Eure Entscheidung gut! Denn ich bin der Tod, Kolata von Matherion, der Tod, wie Ihr ihn Euch in den quälendsten Alpträumen nicht schlimmer vorstellen könntet.« Allmählich, ganz langsam, wich die Farbe von ihr. Das Leuchten aus ihrem Innern war anfangs nur schwach, doch es wurde heller und heller, während sie ihn mit tiefer Trauer in den Augen anblickte.

Kolata schrie.

Die anderen Beamten taumelten mit entsetzten Mienen auf die Beine und ihre brabbelnden Stimmen klangen schrill.

»Setzt euch!« brüllte Sarabian sie an, »und haltet den Mund!«

Einige gehorchten eingeschüchtert. Die Angst der meisten war jedoch zu groß. Sie wichen immer weiter vor Xanetia zurück und schrien gellend.

»Hochmeister Vanion«, rief Sarabian über den Lärm hinweg, »würdet Ihr die Güte haben, wieder Ordnung herzustellen?«

»Wie Ihr befehlt, Majestät.« Vanion klappte sein Visier zu, zog sein Schwert aus der Scheide und hob den Schild. »Zieht das Schwert!« befahl er mit gewaltiger Stimme. Ein stählernes Scharren war zu hören, als die Ordensritter den Befehl befolgten. »Vorwärts!« befahl Vanion.

Die entlang den Wänden postierten Ritter marschierten mit gezückten Schwertern rasselnd vorwärts, auf die zutiefst verängstigten Beamten zu. Vanion streckte den gerüsteten Arm aus und tippte die Schwertspitze auf die Kehle des Premierministers. »Der Kaiser hat Euch befohlen, Euch zu setzen, Pondia Subat. Also tut es! SOFORT!«

Der Premierminister sackte auf seinen Stuhl und hatte plötzlich mehr Angst vor Vanion als vor Xanetia.

Zwei Mitglieder des Rates mußten erst gefangen und mit Gewalt an ihre Plätzen zurückgebracht werden. Einer, ein ziemlich sportlicher Bursche – der Minister für staatliche Bauvorhaben, glaubte Sperber –, war nur durch die Drohung mit Khalads Armbrust zu bewegen, vom Vorhang herunterzukommen, den er in seiner Panik hinaufgeklettert war. Die Ordnung wurde wiederhergestellt. Als die Ratsmitglieder an ihre Plätze zurückgekehrt waren – oder vielmehr zurückgebracht worden waren –, wurde der Finanzminister zusammengekrümmt auf dem Boden entdeckt. Seine Augen blickten tot und leer, und aus seinem leicht geöffneten Mund trat gelblicher Schaum. Vanion untersuchte die Leiche nur oberflächlich. »Gift«, stellte er fest. »Er scheint es selbst genommen zu haben.«

Ehlana lief ein Schauder über den Rücken.

»Habt die Güte, Anarae«, sagte Sarabian zu Xanetia, »Eure Befragung fortzusetzen.«

»Wie Ihr wünscht, Majestät«, antwortete sie mit ihrer seltsam hallenden Stimme und wandte sich wieder Kolata zu. »Werdet Ihr nun offen und ehrlich sprechen, Kolata von Matherion?«

Von Grauen gepackt, wich er vor ihr zurück.

»So sei es denn.« Sie streckte eine Hand aus und ging auf ihn zu. »Ich bin vom Fluch Edaemus' gezeichnet«, warnte sie. »Er wird sich auf Euch übertragen. Vielleicht werdet Ihr Euer Schweigen bedauern, wenn Euer Fleisch zu verwesen und wie Wachs von Euren Knochen zu schmelzen beginnt. Noch habt Ihr die Wahl, Kolata von Matherion. Redet oder sterbt. Wer war es, der Euch die Treue zu Eurem Kaiser gestohlen hat?« Ihre Hand, die gewiß tödlicher war als Vanions Schwert, befand sich bereits dicht vor Kolatas aschgrauem Gesicht.

»Nein!« schrillte er. »Aufhören! Ich sage es Euch!«

Die Wolke erschien urplötzlich in der Luft über dem zitternden Minister, doch Sperber war bereit. Halb versteckt hinter Ehlanas Thron, hatte er seinen stählernen Handschuh abgenommen und verstohlen die Saphirrose aus ihrer Schatulle geholt. »Blaurose!« sagte er scharf. »Vernichte die Wolke!«

Bhelliom erbebte in seiner Hand, und der dichte, beinahe feststofflich wirkende Fleck tiefster Finsternis zerriß. Die Fetzen peitschten wie ein Banner am Flaggenmast im Wirbelsturm. Dann flatterten sie davon und waren nicht mehr zu sehen.

Als der Zauber brach, schmetterte die Gewalt Zalasta auf seinem Stuhl zurück. Halb kam er wieder hoch, fiel jedoch sofort erneut zurück. Er wand sich, krümmte sich und stöhnte, als die spitzen Scherben seines zerbrochenen Zaubers nach ihm krallten. Sein Stuhl kippte um, und er zuckte auf dem Boden wie bei einem schrecklichen Anfall von Fallsucht.

»Er war es!« kreischte Kolata und zeigte mit zitternder Hand auf Zalasta. »Er hat mich dazu gezwungen!«

Sephrenia hatte zwar versucht, ihren Aufschrei zu unterdrücken, doch er war trotzdem zu hören. Sie war auf ihrem Stuhl zusammengesunken, beinahe so mitgenommen wie Zalasta selbst. Ihre Augen verrieten Unglauben und Entsetzen. Danae redete auf sie ein und nahm das Gesicht ihrer Schwester fest in die kleinen Hände.

»Seid verflucht, Sperber!« Die Worte quälten sich wie ein raspelndes Krächzen über die Lippen Zalastas, der sich mit Hilfe seines Stabes auf die Füße plagte. Sein Gesicht war verzerrt vor Haß und Wut. »Du bist mein, Sephrenia! Mein!« heulte er. »Seit einer Ewigkeit verlangt es mich nach dir, doch ich mußte zusehen, wie deine diebische Gossengöttin dich mir wegnahm! Aber damit ist Schluß! Für immer verbanne ich nun die Kindgöttin und ihre Macht über dich!« Sein tödlicher Stab wirbelte herum und zeigte auf Aphrael. »Stirb!« kreischte er.

Ohne zu überlegen schlang Sephrenia die Arme um Sperbers Tochter und drehte sich rasch auf dem Stuhl. So schirmte sie das kleine Mädchen mit ihrem Körper ab, bereit sich für sie zu opfern.

Sperbers Herz erstarrte, als ein Feuerball aus der Stabspitze schoß.

»Nein!« brüllte Vanion und wollte herbeizustürzen.

Doch Xanetia war bereits zur Stelle. Ihr Entschluß, sich Kolata von Sephrenias Seite her zu nähern, war offenbar von den Gedanken beeinflußt gewesen, die sie in Zalastas Geist gelesen hatte. Xanetia hatte sich mit voller Absicht so gestellt, daß sie ihre Feindin beschützen konnte. Furchtlos stellte sie sich dem besessenen Styriker. Die knisternde Feuerkugel, angefüllt mit Zalastas seit Jahrhunderten aufgestautem Haß, zischte durch den jetzt totenstillen Thronsaal.

Xanetia streckte einen Arm aus, und die flammende Kugel ließ sich auf ihrem Handteller nieder wie ein heimkehrender, zahmer Vogel. Mit dem Hauch eines Lächelns auf den Lippen schlossen sich die Finger der Delphae um Zalastas geballten Haß. Einen Herzschlag lang züngelten weißglühende Flammen zwischen den bleichen Fingern hervor, dann nahm Xanetia diesen feurigen Todesboten in sich auf, und das Licht in ihrem Innern verzehrte ihn völlig. »Was nun, Zalasta von Styrikum?« fragte sie den vor Wut rasenden Magier. »Was wollt Ihr jetzt tun? Wollt Ihr mich zum Streit fordern? Oder wollt Ihr wie der elende Hund, der Ihr seid, den Schwanz einziehen und vor meinem Zorn fliehen? Denn ich kenne Euch! Eure giftige Zunge war es, die meiner Schwester Herz gegen mich wandte. Erfüllt Sephrenias Ohren nicht mehr mit Euren abscheulichen Verleumdungen. Geht! Ich banne Euch!«

Zalasta heulte, und aus diesem Heulen sprach ein lebenslanges, ungestilltes Verlangen und tiefste Verzweiflung.

Dann verschwand er.