29

»Die Küste hat sich verändert, Freund Sperber«, sagte Kring. »Wenn man nahe an die Klippe kommt, ragt jetzt etwa eine Meile des ehemaligen Meeresbodens aus dem Wasser.«

»Sieht ganz so aus, als hätte Bhelliom das Land nördlich des Spalts unter den Kontinent geschoben«, meinte Khalad. »Es glitt gewissermaßen darunter, schob diese Seite des Spalts in die Höhe und bildete auf diese Weise die Klippe. Dadurch hob sich der Meeresgrund auf dieser Seite, und das Wasser flutete mehr als zwei Meilen landeinwärts. Man kann Baumwipfel aus dem Wasser ragen sehen. Dort, wo wir uns befanden, als das Beben ausbrach, war der Bruch sauber und gerade; aber hier an der Küste gab es viele Erdrutsche. Im Norden der Klippe ragten gewaltige Felsen aus dem Wasser.«

»Wo sind diese Edomer, von denen du gesprochen hast?« fragte Vanion.

»In der Nähe des oberen Klippenendes, Eminenz. Sie fällen Bäume und rollen die Stämme zum Ufer hinunter. Dort bauen sie die Flöße.« Khalad machte eine nachdenkliche Pause, ehe er mit kritischem Tonfall fortfuhr: »Es sind keine sehr guten Flöße. Wenn die Trolle versuchen, damit an Land zu kommen, kriegen sie ganz schön nasse Füße.«

Kalten lachte. »Ganz seines Vaters Sohn! Warum macht es dir etwas aus, ob die Trolle nasse Füße bekommen oder nicht, Khalad?«

»Wenn man etwas tut, soll man es ordentlich machen, Ritter Kalten. Ich hasse Pfuscharbeit!«

»Wo ist dieser Sammelplatz der Trolle?« fragte Vanion. »Wie heißt dieser Ort gleich?«

»Tzada, Vanion-Hochmeister«, antwortete Engessa. »Er liegt drüben in Atan.«

»Was tun die Trolle dort?«

»Das ist von ganz oben auf der Klippe schwer zu erkennen.«

»Wo ist die Grenze zwischen Tamuli und Atan?« fragte Tynian.

»Eine richtige Grenze gibt es nicht, Tynian-Ritter«, erklärte Königin Betuana. »Es ist nur eine Linie auf der Landkarte, und diese Linie bedeutet hier oben am Nordkap überhaupt nichts. Ein Land, wo die Sonne im Spätherbst untergeht und sich erst im Frühjahr wieder sehen läßt, wo selbst die Bäume im Winter erfrieren und unter der Schneelast zusammenbrechen, zieht nicht sehr viele Siedler an. Der westliche Teil des Kaps soll in Astel liegen, der mittlere in Atan und der östliche in Tamuli. Hier oben achtet kein Mensch auf so etwas. Das Land gehört demjenigen, der töricht genug ist, so hoch im Norden zu siedeln.«

»Es sind etwa vierhundertfünfzig Meilen nach Tzada«, sagte Engessa.

»Für einen Troll ist das ein Marsch von gut einer Woche«, meinte Ulath. »Wie weit sind die Edomer mit ihrem Pier?«

Khalad kratzte sich an der Wange. »Ich schätze, sie brauchen noch mindestens zehn Tage, ehe sie ihn fertig haben.«

»Und in zehn Tagen müßte das Packeis draußen auf dem Meer dick genug sein, die Trolle zu tragen«, schloß Ulath.

»Cyrgon wird schon dafür sorgen, daß es dick genug ist«, warf Flöte ein.

»Jemand hat den Zeitplan genau berechnet«, bemerkte Bevier. »Die Edomer werden die Piers in zehn Tagen fertiggestellt haben. Dann wird auch das Eis dick genug sein, um darauf gehen zu können. Und wenn die Trolle in drei Tagen von Tzada aufbrechen, kommen sie hier an, sobald alles fertig ist.«

»Das eröffnet uns mehrere Möglichkeiten«, sagte Vanion. »Wir könnten diesen Pier im Süden zerstören, so daß die Trolle draußen auf dem Eis festsitzen; wir könnten einfach warten und auf sie stoßen, sobald sie versuchen, an Land zu kommen; wir könnten Sorgis Schiffe nehmen und sie angreifen, während sie auf dem Pier sind, oder wir könnten…«

Königin Betuana schüttelte heftig den Kopf.

»Stimmt etwas nicht, Majestät?« fragte Vanion.

»Wir haben nicht soviel Zeit, Vanion-Hochmeister«, antwortete sie. »Wie lange ist es hier noch hell, Engessa-Atan?«

»Nicht viel mehr als fünf Stunden, Betuana-Königin.«

»In zehn Tagen wird es nicht einmal mehr so lange hell sein. Wollen wir im Dunkeln gegen Trolle kämpfen?«

»Auf keinen Fall, Majestät.« Ulath schauderte. »Im Grunde genommen wollen wir überhaupt nicht gegen sie kämpfen. Wir könnten die ganze Bautätigkeit hier an der Küste gar nicht beachten. Sorgis Schiffe könnten uns in einem Bogen um diese Arbeitstrupps weit genug nördlich der Mauer absetzen, so daß Bhelliom keine neuen Erdbeben auslöst. Dann könnten wir uns von Sorgi direkt nach Tzada bringen lassen.«

»Das ist ein guter Plan, Ulath-Ritter«, pflichtete Betuana ihm bei, »wenn da nicht das Eis wäre.«

»Aphrael«, wandte Sperber sich an die Kindgöttin, »könntest du das Eis für uns schmelzen?«

»Wenn ich unbedingt müßte. Aber es wäre unhöflich. Das Eis ist ein Teil des Winters, und der Winter gehört zur Erde, und die Erde ist Bhellioms Kind, nicht meines. Also ist es besser, du sprichst mit Bhelliom darüber.«

»Um was soll ich ihn denn bitten?«

Flöte zuckte die Schultern. »Warum überläßt du das alles nicht einfach Bhelliom? Erklär ihm, daß das Eis ein Problem für uns ist, und laß ihn entscheiden, was er dagegen unternehmen will. Du mußt noch eine Menge über die Etikette in solchen Situationen lernen, Sperber.«

»Wahrscheinlich«, gab er zu. »Aber so etwas kommt nicht jeden Tag vor. Deshalb habe ich auch keine Erfahrung damit.«

»Seht Ihr, was ich meine, Sperber?« Khalad blickte ihn an. »Diese grünen Stämme liegen so tief im Wasser, daß man nicht mal einen Esel über dieses Pier führen könnte, ohne daß das Wasser ihm bis zu den Sprunggelenken reicht.«

»Wie hättest du sie denn gebaut?«

»Aus einer doppelten Schicht Stämme – eine Lage quer über der ersten.«

Die beiden Männer lagen unter Büschen auf einer Erhebung und beobachteten die an den Flößen arbeitenden edomischen Bauern. Der erste Teil der primitiven Landungsbrücke war bereits fest verankert und reichte ungefähr eine Viertelmeile hinaus ins eisige Wasser. Weitere Flöße wurden ans äußere Ende des Piers gefügt, sobald sie fertiggestellt waren.

»Da ist Incetes!« Khalad zeigte auf einen wahren Giganten in einem bronzenen Kettenhemd und einem gehörnten Helm. »Er und diese vorzeitlichen Krieger, die er mitgebracht hat, haben die armen Bauern schon bis an den Rand der Erschöpfung getrieben. Rebal läuft zwar wie ein aufgescheuchtes Huhn herum und versucht, alle von seiner Wichtigkeit zu überzeugen, aber das Kommando hat ohne Zweifel Incetes. Die Bauern verstehen seinen Dialekt nicht, deshalb redet er mit den Händen zu ihnen.« Khalad kratzte sich an seinem kurzen schwarzen Bart. »Wißt Ihr, Sperber, falls wir ihn töten, verschwinden seine Krieger, und ein Sturmangriff der Ritter würde Rebal und seine Bauern bis halb nach Edom zurück treiben.«

»Keine schlechte Idee. Aber wie sollen wir nahe genug herankommen, um Incetes töten zu können?«

»Ich bin schon nahe genug, Sperber. Ich könnte ihn von hier aus töten.«

»Er ist etwa zweihundertfünfzig Schritt von uns entfernt, Khalad. Dein Vater sagte, man könne mit einer Armbrust höchstens zweihundert Schritt weit schießen – und wenn man dann auch noch treffen will, braucht man sehr viel Glück.«

»Ich bin ein besserer Schütze, als Vater es war.« Khalad hob seine Armbrust. »Ich habe die Visiereinrichtung verbessert und die Bogenarme ein bißchen verlängert. Incetes ist nahe genug, glaubt mir. Ich könnte ihm von hier aus einen Bolzen in die Nase schießen.«

»Das würde ich nur zu gern sehen! Reden wir mit Vanion.« Sie rutschten die Rückseite des Felsbuckels hinunter, schwangen sich auf ihre Pferde und ritten zu ihrem versteckten Lager. Sperber erklärte den anderen rasch den Plan seines Knappen.

»Bist du auch ganz sicher, daß du ihn aus dieser Entfernung treffen kannst, Khalad?« fragte Vanion zweifelnd.

Khalad seufzte. »Soll ich zuerst vielleicht einen Probeschuß abgeben, Eminenz?«

Vanion schüttelte den Kopf. »Nein. Wenn du sagst, du kannst ihn treffen, dann glaube ich dir.«

»Also gut. Ich kann ihn treffen, Eminenz.«

»Das genügt mir.« Vanion runzelte die Stirn. »Was, meinst du, wäre die größte Reichweite der Armbrust?« fragte er.

Khalad spreizte die Hände. »Das müßte ich erst ausprobieren, Hochmeister Vanion. Aber ich bin sicher, daß ich eine Waffe anfertigen könnte, mit der man dreitausend Fuß weit zu schießen vermag. Aber damit zu zielen wäre schwierig, und wahrscheinlich würden zwei Männer eine halbe Stunde brauchen, die Armbrust nach einem Schuß wieder zu spannen.«

»Dreitausend Fuß!« Vanion seufzte und schüttelte den Kopf. Er klopfte mit den Fingerknöcheln auf seinen Brustpanzer. »Ich glaube, wir gehören bald zum alten Eisen, meine Herren.« Dann richtete er sich auf. »Aber so weit ist es noch nicht. Und solange wir hier sind, können wir die Fertigstellung des Südpiers verhindern. Es wird uns nur einen Armbrustbolzen und einen einzigen Sturmangriff kosten. Der Schrecken, den wir damit über unsere Feinde bringen werden, ist zumindest das wert.«

Kring, Tikume und Kapitän Sorgi kamen den Hang vom Strand heraufgeritten. Sorgi war kein guter Reiter. Er saß steif auf dem Pferd, klammerte sich an den Sattelknauf und sehnte sich offensichtlich nach seinen schwankenden Schiffsplanken. »Freund Sorgi ist mit einem dieser Beiboote an Land gekommen«, erklärte Kring. »Seine großen Boote liegen noch etwa eine Meile draußen auf dem Meer.«

»Schiffe, Freund Kring!« verbesserte Sorgi ihn mit gequälter Miene. »Die kleinen sind Boote, aber die großen nennt man Schiffe!«

»Wo ist der Unterschied, Freund Sorgi?«

»Ein Schiff hat einen Kapitän. Ein Boot wird mit gegenseitigem Einverständnis vorwärts bewegt.« Sorgis Gesicht wurde sehr ernst. »Wir haben ein Problem, Meister Cluff. Das Eis bildet sich unmittelbar hinter meinen Schiffen. Ich kann sie zwar zur Küste bringen, aber ich fürchte, sie werden von keinem großen Nutzen für Euch sein. Ich habe Lotungen vorgenommen. Wir müßten ungefähr zwei Meilen segeln, um das Riff zu umrunden, das von dieser Klippe zur See verläuft. Aber wir haben keine zwei Meilen mehr. Das Eis bewegt sich sehr schnell zur Küste.«

»Du solltest wirklich so bald wie möglich mit Bhelliom reden, Sperber!« warf Aphrael ein. »Ich glaube, das habe ich dir schon heute morgen geraten!«

»Ja«, bestätigte er. »Das hast du.«

»Warum hast du es dann nicht getan?«

»Ich hatte noch so einiges andere zu bedenken.«

»Männer werden mit zunehmendem Alter leider so«, erklärte Sephrenia ihrer Schwester. »Sie werden stur und schieben mit voller Absicht Entscheidungen auf, nur weil wir sie ihnen ans Herz legten. Sie hassen es, wenn man ihnen sagt, was zu tun ist.«

»Wie läßt sich das am ehesten vermeiden?«

Sephrenia lächelte die umstehenden Männer süß an. »Ich hatte immer Erfolg damit, wenn ich ihnen riet, genau das Gegenteil von dem zu tun, was ich wirklich wollte.«

»Na gut«, murmelte die Kindgöttin zweifelnd. »Ich finde es zwar lächerlich, aber wenn es die einzige Möglichkeit ist…« Sie richtete sich hoch auf. »Sperber!« rief sie im Befehlston. »Wage es ja nicht, mit Bhelliom zu reden!«

Sperber seufzte. »Ich frage mich, ob Dolmant einen ruhigen Platz in einem Kloster für mich finden kann, wenn ich wieder zu Hause bin.«

Sperber und Vanion entfernten sich ein Stück von den anderen, um mit der Saphirrose zu sprechen. Flöte tippelte hinter ihnen her. Sperber drückte seinen Ring an den Schatullendeckel. »Öffne dich«, brummte er.

Der Deckel sprang auf.

»Blaurose«, sagte Sperber, »Winter zieht mit unziemlicher Eile ins Land, und das Gefrieren der See behindert unseren Plan. Wir möchten uns ein gutes Stück von deiner wunderbaren Mauer entfernen, damit unsere Truppenbewegungen deine Tochter nicht in ihrer Ruhe stören.«

»Du bist sehr rücksichtsvoll, Anakha«, antwortete Vanions Stimme.

»Seine Höflichkeit ist nicht ohne Eigennutz, Blumenstein«, sagte Aphrael mit schelmischem Lächeln. »Wenn deine Tochter erschaudert, bringt das seinen Mageninhalt gehörig durcheinander.«

»Das hättest du wirklich nicht zu sagen brauchen, Aphrael«, rügte Sperber. »Willst du es vielleicht tun?«

»Nein, auch wenn meine Umgangsformen besser sind als deine.«

»Warum bist du eigentlich mitgekommen?«

»Weil ich mich bei Bhelliom entschuldigen möchte – und weil ich finde, daß er sich auch bei mir entschuldigen sollte.« Sie blickte in die mit Gold ausgeschlagene Schatulle, und das blaue Glühen des Steines beleuchtete ihr Gesicht. Sie redete direkt zu Bhelliom – in einer Sprache, deren verführerischer Klang Sperber seltsam vertraut schien. Während Aphrael sprach, traten immer wieder Pausen ein, in denen – wie Sperber vermutete – Bhelliom antwortete, und zwar auf eine Weise, die nur Aphrael hören und verstehen konnte. Einmal lachte sie. Es klang wie das Läuten silberner Glöckchen.

»Also gut, Sperber«, sagte sie schließlich. »Bhelliom und ich sind mit unserer gegenseitigen Entschuldigung fertig. Jetzt kannst du dein Problem vorbringen.«

»Du bist zu gütig«, brummte er.

»Sei nett!«

»Ich würde dich ja nicht mit unseren alltäglichen Sorgen belästigen, Blaurose«, sagte Sperber, »aber mir scheint, Cyrgon sorgt dafür, daß das Wintereis sich schneller ausbreitet, und unsere Macht ist nicht groß genug, dagegen einzuschreiten.«

Vanion entgegnete in strengem Tonfall: »Mich dünkt, Cyrgon benötigt eine Belehrung in gutem Benehmen, Anakha. Es ist an der Zeit, ihn einmal geziemend in seine Schranken zu verweisen. Er hat sich erdreistet, zu früh in diesem Jahre Eis zu formen. Dafür wird er büßen. Es fließen Strömungen im Meer – Cyrgon hat eine umgeleitet, um diese Küste zu seinem Zwecke in Eis erstarren zu lassen. Dafür werde ich eine andere Strömung umleiten und den heißen Atem der Tropen an diese nördliche Küste führen, um Cyrgons Eis zu verschlingen.«

Aphrael klatschte in die Hände und lachte begeistert.

»Was ist daran so lustig?« fragte Sperber.

»Cyrgon wird sich ein paar Tage lang gar nicht wohl fühlen«, antwortete sie. »Du bist über alle Maßen weise, Blumenstein!« lobte sie Bhelliom vergnügt.

»Zu gütig, Aphrael. Nur dünkt mir, dein Lob ist nicht ohne Schmeichelei.«

»Na ja«, gestand sie, »ein bißchen vielleicht. Aber überschwengliches Lob für jemanden, den wir lieben, ist doch keine Sünde, nicht wahr?«

»Hüte dein Herz gut, Anakha«, riet Bhelliom. »Die Kindgöttin wird es dir stehlen, wenn du es am wenigsten erwartest.«

»Das hat sie schon vor Jahren getan«, erwiderte Sperber.

»Ich schaffe das ganz allein, Sperber!« flüsterte Khalad. »Ich brauche keinen Aufpasser!« Die beiden lagen hinter einem Baumstamm auf der Erhebung, von wo aus sie am Tag zuvor die Edomer bei der Arbeit beobachtet hatten. Auch jetzt plagten diese Bauern sich im rauchigen Licht von Feuern ab, die mit grünem Holz geschürt wurden. Der Vollmond stand am Himmel; der Rauch schien in seinem blassen Licht beinahe zu glühen.

»Ich bin nur mitgekommen, um deinen Schuß zu bewundern, Khalad«, versicherte Sperber ihm mit Unschuldsmiene. »Außerdem muß ich Ulath das Zeichen geben, sobald du Incetes schlafen geschickt hast.« Er fröstelte. »Sind wir nicht etwas zu früh hierhergekommen? Es dauert mindestens noch eine Stunde, bis es hell wird. Inzwischen wachsen uns Eiszapfen.«

»Möchtet Ihr vielleicht den Pfeil abschießen?«

»Nein. Aus dieser Entfernung würde ich nie treffen!«

»Würdet Ihr dann den Mund halten und es mir überlassen?«

»Für einen so jungen Burschen bist du schrecklich übellaunig, Khalad. So was kommt normalerweise erst in einem etwas höheren Alter.«

»Der Umgang mit Rittern hat mich vorzeitig altern lassen.«

»Wie funktioniert eigentlich deine neue Zieleinrichtung?«

»Ihr wißt doch, daß man eine Flugbahn berechnen kann?«

»Hm. Eigentlich nicht.«

Khalad schüttelte müde den Kopf. »Vergeßt es, Sperber. Es würde bis in die Abendstunden dauern, Euch das zu erklären. Meine Berechnungen stimmen. Glaubt es mir einfach.«

»Heißt das, du rechnest es tatsächlich auf Papier aus?«

»Papier ist billiger als ein Scheffel neue Armbrustbolzen.«

»Das hört sich an, als würdest du mehr Zeit mit deinen Berechnungen und der Justierung deiner Zieleinrichtung verbringen als mit dem Schießen.«

»Das stimmt«, gab Khalad zu. »Aber wenn man es richtig macht, genügt ein einziger Schuß.«

»Warum sind wir dann schon so früh hierhergekommen?«

»Um meinen Augen genug Zeit zu geben, sich den Lichtverhältnissen anzupassen. Es wird ein ziemlich ungewöhnliches Licht herrschen, sobald ich schieße. Wenn es soweit ist, habe ich Mondschein, flackerndes Feuer und das erste Grau des kommenden Tages – und alle drei ändern ihre Stärke. Ich muß diese Veränderung beobachten und berücksichtigen. Außerdem muß ich Incetes ausmachen und im Auge behalten. Seinen Vetter zu töten würde uns nicht helfen.«

»Du denkst wohl an alles?«

»Jemand muß es ja.«

Sie warteten. Das bleiche Licht des Vollmonds ließ den Sand des neu entstandenen, meilenbreiten Strandes fast so strahlend weiß wie frischgefallenen Schnee aussehen, und die Nachtluft war beißend kalt.

»Haltet Euren Kopf tiefer, Sperber, oder hört zu atmen auf.«

»Was?«

»Euer Atem dampft. Wenn jemand hierherschaut, wird er bemerken, daß wir hier sind.«

»Die da drüben sind zweihundertfünfzig Schritte von uns entfernt, Khalad!«

»Wollen wir Wagnisse eingehen, wenn sie sich vermeiden lassen?« Khalad spähte angespannt zu den ameisengleichen Gestalten, die am Waldrand arbeiteten. »Ist Kaiserin Elysoun immer noch hinter Berit her?«

»Sie scheint sich wieder für andere Männer zu interessieren. Ich glaube allerdings, daß sie ihn ein paarmal erwischt hat.«

»Gut! Berit war früher schrecklich prüde. Ihr wißt doch, daß er Eure Gemahlin liebt, oder?«

»Ja. Wir haben uns vor ein paar Jahren darüber unterhalten.«

»Es stört Euch nicht?«

»Nein. Es ist eine dieser Verliebtheiten, die in jungen Jahren jeder hinter sich bringen muß.«

»Ich mag Berit. Er wird ein guter Ritter – sobald es mir gelungen ist, die Reste seiner hochwohlgeborenen Abstammung abzuschleifen. Adelstitel scheinen den Geist zu beeinträchtigen. Jedenfalls sind die meisten Aristokraten dumm.« Er streckte die Hand aus. »Im Osten wird es schon ein bißchen heller.«

Sperber blickte über das Eis des nordtamulischen Meeres. »Du hast recht«, bestätigte er.

Khalad öffnete den Lederbeutel, den er mitgebracht hatte, und nahm eine Stange Wurst heraus. »Einen Bissen zum Frühstück, mein Gebieter?« Er zog seinen Dolch aus der Scheide.

»Warum nicht?«

Der erste schwache Hauch von Helligkeit am östlichen Horizont wich wieder der Dunkelheit, als die »falsche Morgendämmerung« kam und ging. Noch niemand hatte Sperber dieses Phänomen je zu friedenstellend erklärt. Auch nicht in Rendor, wo er es während seines Exils viele Male erlebt hatte.

»Wir haben noch schätzungsweise eine Stunde«, sagte er zu seinem Knappen.

Khalad brummte irgend etwas, lehnte sich an den Stamm und schloß die Augen.

»Ich dachte, du bist hier, um zu beobachten?« erinnerte Sperber ihn. »Wie kannst du beobachten, wenn du schläfst?«

»Ich schlafe nicht, Sperber. Ich ruhe nur meine Augen ein wenig aus. Und da Ihr schon mitgekommen seid, könnt Ihr ein Weilchen beobachten.«

Die wirkliche Morgendämmerung begann erst etwa eine halbe Stunde später den östlichen Horizont zu färben. Sperber tippte Khalad auf die Schulter. »Wach auf!« sagte er leise.

Khalad riß die Augen auf. »Ich habe nicht geschlafen!«

»Warum hast du dann geschnarcht?«

»Ich hab' mich nur geräuspert, um den Hals freizukriegen!«

»Eine halbe Stunde lang?«

Khalad setzte sich ein wenig auf und spähte über den Stamm. »Wir warten, bis das Licht der Sonne diese Leute erreicht. Wenn Sonnenstrahlen auf Incetes' bronzenen Harnisch fallen, müßte er spiegeln, und ein leuchtendes Ziel ist leichter zu treffen.«

»Du bist der Schütze!«

Khalad beobachtete die schwer arbeitenden edomischen Bauern. »Ich hab' eine Idee, Sperber. Die Bauern haben bereits eine Menge von diesen Flößen gebaut. Warum sollten wir sie nicht nutzen?«

»Wie lautet dein Vorschlag?«

»Selbst wenn Bhelliom Cyrgons Eis schmilzt, wird Kapitän Sorgi gut zwei Tage brauchen, uns alle um dieses Riff herum ans andere Ufer zu bringen. Wie wär's, wenn wir diese Flöße benutzen? Sorgi kann einen großen Teil der Truppen am Strand ein paar Meilen nördlich des Piers absetzen, der an der anderen Seite der Mauer errichtet wird. Wir übrigen können an dieser Seite über die Flöße um das Riff herum laufen. Auf diese Weise können wir den Feind in die Zange nehmen.«

»Ich dachte, du hast Bedenken, was die Festigkeit der Flöße angeht?«

»Kein Problem, Sperber. Das kann ich in Ordnung bringen – nach dem Motto ›aus zwei mach eins‹. Wir brauchen immer nur zwei Flöße zu nehmen und sie übereinanderzulegen, dann haben wir ein gutes, festes Floß. Möglicherweise hat Cyrgon hier am Nordkap außer den Trollen noch andere Truppen. Ich glaube, wir sollten alle Flöße aus seiner Reichweite bringen. Meint Ihr nicht auch?«

»Wahrscheinlich hast du recht. Reden wir mit Vanion darüber.« Sperber blickte zum östlichen Horizont. »Die Sonne geht auf.«

Khalad rollte sich herum und stützte seine Armbrust auf den Stamm. Sorgfältigst überprüfte er die Einstellung der Visiereinrichtung, dann drückte er den Schaft gegen seine Schulter.

Incetes stand im vollen Licht der halb aufgegangenen Sonne auf einem Baumstumpf. Er fuchtelte mit beiden Armen und brüllte in unverständlichem Kauderwelsch auf die erschöpften Arbeiter ein.

»Sind wir bereit?« Khalad legte die Wange an den Schaft und blickte mit halb zusammengekniffenen Augen durch das Visier.

»Ich bin bereit, aber du bist der Schütze!«

»Schweigt von jetzt an. Ich muß mich konzentrieren.« Der Knappe holte tief Atem, ließ ein bißchen davon aus und hielt dann die Luft an.

Incetes, der immer noch herumbrüllte und seine Befehle gestenreich mit den Händen untermalte, glänzte nun golden in der frühen Morgensonne. Aus dieser Entfernung wirkte der Titan aus prähistorischer Zeit wie eine winzige Spielzeugfigur.

Langsam, aber fest betätigte Khalad den Abzug.

Ein Ruck ging durch die Armbrust, gefolgt von einem lauten Schwirren der seildicken Darmsehne. Sperber beobachtete, wieder Bolzen in einem Bogen aufwärtsschoß.

»Ich hab' ihn!« sagte Khalad zufrieden.

»Der Bolzen hat ihn noch nicht einmal erreicht!« widersprach Sperber.

»Aber gleich. Incetes ist schon so gut wie tot. Das Geschoß wird geradewegs durch sein Herz dringen. Gebt Ulath jetzt das Zeichen zum Sturmangriff.«

»Bist du nicht ein wenig vor…«

Ein gewaltiger Schreckensschrei erklang von der Menge am Waldrand. Incetes kippte langsam nach hinten, und die ihn umgebenden Bronzekrieger verschwammen und verschwanden bereits, während er noch fiel.

»Ihr müßt lernen, ein bißchen mehr Vertrauen zu haben, Sperber«, riet Khalad. »Wenn ich Euch sage, daß jemand so gut wie tot ist, stimmt das, auch wenn der Betreffende es noch nicht weiß. Habt Ihr die Absicht, heute noch irgendwann das Zeichen zu geben?«

»Das hätte ich jetzt wirklich fast vergessen!«

»Ihr seid ja auch nicht mehr der Jüngste.«

»Die Ministerien sind bestechlich, Ehlana. Ich bin der erste, der das zugibt. Aber wenn ich die Regierung von Grund auf neu bilden müßte, würde ich den Rest meines Lebens damit zubringen und könnte überhaupt nichts anderes mehr tun«, stellte Sarabian nachdenklich fest.

»Aber Pondia Subat ist völlig unfähig!« protestierte Ehlana.

»Eben. Ich will es gar nicht anders, meine Liebe. Ich werde die üblichen Rollen umkehren. Er wird die Galionsfigur sein, ich der Drahtzieher. Die anderen Minister sind es gewöhnt, ihm zu gehorchen, also wird es sie nicht weiter verwirren, ihn als Premierminister zu akzeptieren. Ich werde die Reden für Subat schreiben und ihn so einschüchtern, daß er kein Wort daran zu ändern wagt, ja, ich werde ihn sogar soweit verunsichern, daß er ohne meine Erlaubnis nicht einmal in andere Kleidung schlüpft oder sich rasiert. Deshalb will ich, daß er dabei ist, wenn Durchlaucht Stragen über die Vollzugsmeldungen seiner ungewöhnlichen Lösung unseres aktuellen Problems spricht. Jedesmal, wenn Subat einen eigenständigen Gedanken faßt, soll er sich vorstellen, wie es ist, wenn ein Messer tief in den Körper dringt.«

»Dürfte ich einen Vorschlag machen, Majestät?« fragte Stragen.

»Selbstverständlich. Laßt hören.« Sarabian lächelte. »Mit dem umwerfenden Erfolg Eures ungeheuerlichen Planes habt Ihr Euch mehr als nur mein geneigtes kaiserliches Ohr verdient.«

Stragen lächelte und begann, tief in Gedanken versunken, auf und ab zu schreiten und abwesend eine Goldmünze in der Hand zu wägen. Ehlana fragte sich, wie Stragen zu dieser wunderlichen Angewohnheit gekommen sein mochte. »In der Gesellschaft der Unterwelt gibt es keine Stände, Majestät«, begann er. »Für uns zählt der Adel der Begabung, und Begabung ist an den seltsamsten Orten zu finden. Vielleicht könntet Ihr Euch mit dem Gedanken anfreunden, Personen in Eure Regierung aufzunehmen, die keine Tamuler sind. Daß Spitzenposten stets mit eigenen Leuten besetzt werden, mag hin und wieder ganz gut sein, aber wenn jeder höhere Regierungsbeamte in jedem Vasallenreich ein Tamuler ist, führt es zu jener Art von verstecktem Mißmut, den Zalasta und seine Mitverschwörer ausgenützt haben. Eine weltoffenere Einstellung könnte diesen Groll vielleicht dämpfen. Wenn ein Ehrgeiziger eine Aufstiegschance sieht, neigt er bestimmt viel weniger dazu, das Joch der gottlosen gelben Teufel abstreifen zu wollen.«

»Nennen sie uns immer noch so?« murmelte Sarabian. Er lehnte sich zurück. »Es ist eine interessante Vorstellung, Stragen. Zuerst schlage ich skrupellos die Rebellion nieder, dann setze ich die Rebellen in Regierungsämter ein. Das sollte sie zumindest verwirren, wenn es schon keine andere Wirkung hat.«

Mirtai öffnete die Tür, um Caalador einzulassen.

Ehlana blickte ihm entgegen. »Was tut sich?«

»Unsere Freunde in der cynesganischen Botschaft sind sehr emsig, Majestät«, berichtete Caalador. »Offenbar hat es sie nervös gemacht, auf welch ungewöhnliche Art und Weise wir das Erntedankfest gefeiert haben. Sie schaffen Vorräte heran und befestigen das Tor. Sieht so aus, als würden sie mit Schwierigkeiten rechnen und sich auf eine Belagerung vorbereiten.«

»Sollen sie.« Sarabian zuckte die Schultern. »Wenn sie sich selbst einsperren wollen, nehmen sie mir diese Arbeit ab.«

»Ist Krager noch in der Botschaft?« fragte Ehlana.

Caalador nickte. »Ich habe ihn heute morgen selbst den Innenhof überqueren sehen.«

»Haltet ein Auge auf ihn, Caalador«, bat sie.

»Das werd' ich, Schätzchen.« Er grinste. »Und ob ich das werd'.«

Vanion führte die Truppen über den Strand. Die Ritter und Peloi trieben die Pferde an und stürmten mit donnernden Hufen zu den erschrockenen Arbeitern hinunter, während Engessas Ataner den Rand des Wassers entlang zum Fuß des behelfsmäßigen Piers rannten, um jene an der Flucht zu hindern, die sich abrackerten, den Pier weiter hinaus ins eisige Wasser des tamulischen Meeres zu verlängern.

Der Seidenhändler Amador stand auf dem Pier und kreischte Befehle, doch niemand achtete auf ihn. Einige Arbeiter, die noch beim Fällen gewesen waren, leisteten schwachen Widerstand; die meisten aber suchten ihr Heil in einer Flucht in den Wald. Jene, die Widerstand leisteten, erkannten schon nach wenigen Minuten, wie unklug ihre Entscheidung gewesen war. Sie warfen ihre Waffen zu Boden und hoben die Hände.

Die Ritter, die man gelehrt hatte, Feinden gegenüber Gnade walten zu lassen, waren froh, daß die Männer sich ergaben; Tikumes Peloi hätten lieber weitergekämpft, fanden sich jedoch damit ab, daß der Feind die Waffen streckte. Die Ataner auf dem Pier dagegen kannten kein Erbarmen. Betuana und Engessa an der Spitze, marschierten sie unerbittlich den Pier hinaus. Sie töteten jeden, der Widerstand leistete und warfen die übrigen, auch wenn sie noch so sehr um Gnade flehten, zu beiden Seiten ins eisige Wasser. Die Triefnassen wateten und schwammen, so gut es ging, an Land, wo die Soldaten der kaiserlichen Garnison von Matherion sie zusammentrieben.

Die Teilnahme dieser Soldaten war nicht mehr als eine Geste, da es sich bei ihnen um Truppen handelte, die üblicherweise nur bei zeremoniellen Anlässen eingesetzt wurden; diese Männer eigneten sich weder vom Wesen her für den Kampf, noch waren sie dafür ausgebildet. Doch beim Zusammentreiben der bibbernden Arbeiter, die blau vor Kälte aus dem eisigen Wasser krochen, machten sie sich sehr gut.

»Ich fürchte, Bhellioms warme Strömung ist noch nicht angekommen«, stellte Khalad fest.

»Sieht nicht so aus«, pflichtete Sperber ihm bei. »Steigen wir hinunter. Die Tage sind jetzt schon sehr kurz, und ich möchte den Nordpier gern vor Sonnenuntergang eingenommen haben.«

»Falls es überhaupt einen Nordpier gibt«, brummte Khalad.

»Es muß einen geben, Khalad.«

»Es macht Euch doch nichts aus, wenn ich zum Rand der Klippe laufe und mich umsehe, oder? Logik ist ja schön und gut, aber sich zu vergewissern, kann nie schaden.«

Sie stapften den Abhang hinunter und ritten zu ihren Freunden zurück.

»Das war kein richtiger Kampf!« beschwerte sich Kalten und blickte abfällig auf die Meute zu Tode verängstigter Gefangener.

»Das sind die besten«, versicherte Tynian ihm. »Sorgi kommt!« Ulath deutete auf die Flotte, die sich dem Strand näherte. »Sobald Betuana und Engessa den Pier geräumt haben, können wir aufbrechen.«

Die Ataner waren nun etwa auf halbem Weg zum Ende des Piers angelangt, und die von panischer Furcht erfaßten Edomer wurden durch die Anrückenden immer dichter zusammengedrängt.

»Wie kalt ist das Wasser?« fragte Talen. »Ich meine, hat es sich wenigstens schon ein bißchen erwärmt?«

»Jedenfalls nicht merklich«, antwortete Ulath. »Ich habe soeben noch einen Fisch im Pelzmantel vorbeischwimmen sehen.«

»Glaubt Ihr, jemand könnte vom Ende des Piers zum Strand zurückschwimmen?«

»Alles ist möglich.« Ulath zuckte die Schultern. »Aber ich würde kein Geld darauf wetten.«

Rebal befand sich inzwischen am hinteren Ende des Piers, und seine Schreie wurden immer schriller, doch die Ataner hielten in ihrem unerbittlichen Vormarsch nicht inne. Sie machten sich nicht einmal mehr die Mühe, die Edomer zu töten. Sie stießen ungerührt jeden ins eiskalte Wasser. Eine ganze Schar dicht aneinandergedrängter Arbeiter stürzten vom hinteren Ende des Piers. Jeder versuchte, sich am Vordermann festzuklammern, wodurch natürlich auch dieser mit ins Wasser gezerrt wurde. Die Ataner reihten sich an den Seiten und am Ende des Piers auf und sorgten mit den Speeren dafür, daß keiner zurückklettern oder sich ans Ufer retten konnte. Dies ging zwar weit über die Grenzen zivilisierter Kriegsführung hinaus, doch Sperber wußte nicht, wie er bei Königin Betuana auf diplomatische Weise dagegen protestieren sollte. Deshalb mußte er die Zähne zusammenbeißen und das grausame Treiben erdulden.

Anfangs war im Wasser ein lautes Platschen zu hören, doch es hielt nicht lange an. Die Bauern gaben einzeln und in Gruppen auf und versanken in den eigenen Wellen. Ein paar sportlichere Männer schwammen außer Reichweite der Speere in seichteres Wasser, doch nicht mehr als eine Handvoll erreichte die zweifelhafte Sicherheit des Strandes.

Wie Sperber bemerkte, zählte Amador nicht zu den wenigen Überlebenden, die von den tamulischen Soldaten am Rand des Wassers zusammengetrieben wurden.

Sorgis Schiffe waren inzwischen unweit des Strandes verankert, und die am vergangenen Abend ausgearbeiteten Pläne ließen sich jetzt problemlos in die Tat umsetzen.

Eines hatten sie dabei jedoch nicht bedacht. Khalad war zum Rand der Klippe geritten, um in Richtung Norden Ausschau zu halten. Er kehrte mit besorgter Miene zu den anderen zurück.

»Nun?« fragte Sperber.

»Es befindet sich tatsächlich ein Pier nördlich der Mauer«, berichtete Khalad, während er absaß. »Aber aus dem Süden nähert sich ein Problem. Bhellioms warme Strömung trifft ein.«

»Na und?«

»Wißt ihr, was entsteht, wenn man kochendes Wasser auf Eis gießt, Sperber?«

»Dampf, nehme ich an.«

»Richtig. Bhelliom schmilzt zwar das Eis da draußen, aber dabei entstehen riesige Dampfwolken. Wißt Ihr ein anderes Wort für Dampf, Herr Ritter?«

»Bitte, benimm dich, Khalad. Es ist ausgesprochen kränkend, wenn du andauernd meine Allgemeinbildung in Zweifel ziehst. Also, wie groß ist diese Nebelbank genau?«

»Ich konnte ihr Ende nicht sehen.«

»Es handelt sich wohl um eine sehr dichte Nebelmasse?«

»Man könnte wahrscheinlich darauf gehen.«

»Wäre es möglich, schnell vorzurücken und die Nebelbank hinter uns zu lassen?«

Khalad deutete aufs Meer. »Das bezweifle ich. Sieht ganz so aus, als wäre sie schon hier.«

Der Nebel wallte wie eine dicke graue Decke über das Wasser. Sein vorderer Rand glich einer festen Mauer, die alles hinter sich verbarg.

Sperber fing zu fluchen an.

»Ihr scheint mir melancholischer Stimmung zu sein, meine Königin«, stellte Alean fest, als die Damen unter sich waren.

Ehlana seufzte. »Ich mag es gar nicht, wenn Sperber nicht bei mir ist«, gestand sie. »Ich war viel zu viele Jahre von ihm getrennt, als er sich im Exil befand.«

»Ihr liebt ihn schon sehr lange, nicht wahr, Majestät?«

»Seit meiner Geburt. Das ist übrigens sehr zweckmäßig. Man vergeudet keine Zeit damit, sich Gedanken über andere mögliche Ehemänner zu machen. Man kann seine ganze Aufmerksamkeit dem einen widmen, den man einmal heiraten wird, und dafür sorgen, daß ihm keine Fluchtwege bleiben.«

Jemand klopfte an die Tür. Mirtai erhob sich und legte die Hand um den Griff ihres Schwertes, ehe sie öffnete.

Stragen trat ein. Er trug einfache Arbeitskleidung.

»Was, in aller Welt, habt Ihr gemacht, Durchlaucht?« fragte Melidere.

»Eine Schubkarre geschoben, Baroneß.« Er zuckte die Schultern. »Ich bin mir nicht sicher, ob es viel genützt hat, mich derart zu verkleiden, aber es schadet nicht, einfache Arbeiten zu verrichten. Ich habe mich als Tagelöhner des Ministeriums für staatliche Bauvorhaben ausgegeben und die Straße vor der cynesganischen Botschaft ausgebessert. Caalador und ich haben geknobelt, wer hier welche Arbeit tut. Er darf die Botschaft jetzt vom Dach aus beobachten. Ich dagegen muß Schubkarren voller Kopfsteine zu den Pflasterern befördern.«

»Ich schließe daraus, daß sich in der Botschaft allerhand tut«, meinte Ehlana.

»O ja, meine Königin. Bedauerlicherweise läßt sich schwer sagen, was da vor sich geht. Aus allen Schornsteinen qualmt Rauch, der nicht wie Holzrauch aussieht. Ich glaube, sie verbrennen Schriftstücke. So etwas ist normalerweise ein Zeichen bevorstehender Flucht.«

»Wissen diese Leute denn nicht, daß sie gar keine Chance haben, die Stadt zu verlassen?« wunderte sich Mirtai.

»Offenbar wollen sie es trotzdem versuchen. Ich vermute es zwar nur, aber ich würde sagen, die Leute beabsichtigen etwas, das die Obrigkeit derart in Rage bringen wird, daß sie sich dann nur noch durch Flucht retten können.« Er blickte Ehlana an. »Ich glaube, wir sollten unsere Sicherheitsvorkehrungen verstärken, Majestät. Diese Vorbereitungen lassen auf etwas wirklich Ernstzunehmendes schließen, und wir wollen doch nicht unangenehm überrascht werden.«

»Ich werde mit Sarabian reden«, beschloß Ehlana. »Es war recht nützlich, daß die Botschaft weiterbestand, solange Xanetia hier war, um zu lauschen. Doch jetzt, da sie mit Sperber und den anderen fort ist, betrachte ich die Botschaft nur noch als Ärgernis. Ich halte es für an der Zeit, einige Ataner hinzuschicken und sie aufzulösen.«

»Es ist eine Botschaft, Majestät«, wandte Melidere ein. »Wir können nicht einfach hineinmarschieren und alle zusammentreiben. Das verstößt nicht nur gegen die diplomatische Immunität, sondern auch gegen alle Regeln zivilisierten Benehmens.«

»Na und?«

»Wir haben keine Wahl, Meister Cluff«, sagte Sorgi ernst. »Wenn ein solcher Nebel aufkommt, solange man sich in tiefem Gewässer befindet, bleibt einem nichts anderes übrig, als den Treibanker auszuwerfen und zu hoffen, daß man nicht an einer Insel aufläuft. Mit diesen Flößen wird es euch nie im Leben gelingen um das Ende dieses Riffs zu kommen. Und ich würde den Rumpf von mindestens der Hälfte aller Schiffe der Flotte aufreißen, sollte ich versuchen, zwischen dem Riff und dem Eis hindurchzumanövrieren. Wir müssen warten, bis diese Erbsensuppe sich auflöst – oder wenigstens nicht mehr ganz so dicht ist.«

»Und wie lange kann das dauern?« fragte Sperber.

»Das weiß niemand!«

»Die Luft ist kälter als das Wasser, Sperber«, erklärte Khalad. »Dadurch hat dieser Nebel sich gebildet. Ich glaube nicht, daß er sich auflöst, ehe sich die Luft nicht erwärmt hat. Vor morgen werden wir jedenfalls nicht von hier wegkommen. Wir müssen diese Flöße wenigstens ein Stück aus dem Wasser heben, bevor wir Männer und Pferde darauf verladen. Wollten wir sie so benutzen, wie sie jetzt sind, müßten wir versuchen, sie halb untergetaucht zu bewegen.«

»Wie wär's, wenn du dich sofort darum kümmerst, Khalad«, schlug Vanion vor. »Sperber und ich werden uns mit Sephrenia und Aphrael unterhalten. Möglicherweise könnte ein wenig göttliche Hilfe nicht schaden. Kommt Ihr, Sperber?«

Die beiden gingen zurück zum Strand, wo Kalten ein Feuer für die Damen entfacht hatte.

»Nun?« fragte Sephrenia. Sie saß auf einem Treibgutstamm und hielt ihre Schwester auf dem Schoß.

»Der Nebel verursacht einige Probleme«, antwortete Vanion. »Ehe er sich nicht aufgelöst hat, kommen wir nicht um das Ende des Riffs herum. Aber die Zeit wird knapp! Wir wären gern in Tzada, ehe die Trolle sich in Marsch setzen. Irgendwelche Vorschläge?«

»Ein paar«, erwiderte Aphrael. »Aber zuerst muß ich mit Bhelliom reden. Es geht um Schicklichkeit und Höflichkeit, du verstehst?«

»Nein«, entgegnete Sperber. »Ich verstehe es nicht. Aber wenn du es sagst, wird's wohl stimmen. Ich vertraue dir.«

»Oh, danke, Sperber.« Ein Hauch von Spott schwang in ihrer Stimme mit. »Ich finde, Bhelliom und ich sollten die Sache unter uns besprechen. Öffne die Schatulle und gib sie mir.«

»Wie du meinst.« Sperber holte die Schatulle hervor und drückte seinen Ring dagegen. »Öffne dich«, befahl er. Dann reichte er sie der Kindgöttin.

Sie rutschte von Sephrenias Schoß und entfernte sich ein Stück den Strand entlang.

Nach etwa zehn Minuten kehrte sie zurück und gab Sperber die Schatulle. »Alles erledigt«, erklärte sie gleichmütig. »Wann wollt ihr aufbrechen?«

Sperber blickte Vanion fragend an. »Morgen früh?«

Vanion nickte. »Das dürfte Khalad Zeit genug geben, sich mit den Flößen zu beschäftigen, und wir können bis dahin die Ritter und ihre Pferde auf Sorgis Schiffe verfrachten.«

»Gut.« Aphrael nickte. »Also, dann morgen. – Sucht doch gleich mal Ulath und fragt ihn, wer mit dem Kochen an der Reihe ist. Ich bin am Verhungern.«

Der schwachen Brise gelang es nicht, den Nebel völlig zu vertreiben, aber zumindest konnten sie jetzt ihren Weg einigermaßen sehen und die restlichen Nebelfetzen würden ihnen ein wenig Deckung bieten, nachdem sie um die Spitze des Riffs herumgekommen waren.

Khalad hatte gemeint, daß es am einfachsten sei und am schnellsten gehen müsse, die Flöße zu verstärken, indem man immer zwei aufeinanderlegte. Die dieserart erhöhte Schwimmfähigkeit verlieh den Flößen zwar bessere Tragkraft, machte sie allerdings schwerfälliger, so daß sie sich nur mühsam steuern ließen und geradezu aufreizend langsam am Riff entlangfuhren.

Das Beiboot dagegen, das sie lotste, schnitt geschmeidig durch das Wasser vor der Flottille und verschwand in den Resten der Nebelbank. Khalad und Berit hatten beschlossen, voraus zu rudern, um zu kundschaften.

Nach etwa einer Stunde kehrte das Beiboot zurück. »Wir haben die Fahrrinne markiert«, erklärte Khalad. »Die siedendheiße Strömung hat das Eis tatsächlich aufgelöst. Jetzt gibt's genügend offenes Wasser, die Flöße um die Riffspitze zu kriegen.«

»Wir haben Kapitän Sorgis Schiff vorbeiziehen sehen«, berichtete Berit. »Offenbar hat er sich nicht ganz auf die Segel verlassen. Diese Brise ist doch ziemlich unberechenbar…« Er zögerte. »Aber ihr braucht Aphrael gegenüber nicht zu erwähnen, daß ich das gesagt habe. Wie dem auch sei, Sorgi hat die Ritter wieder an die Riemen gesetzt. Sie dürften den Strand nördlich des Piers längst erreicht haben, bevor wir an der Küste eintreffen.«

»Werden uns die aus dem Wasser ragenden Bäume Probleme machen?« fragte Kalten.

»Nicht, wenn wir uns dicht an die Klippenwand halten, Ritter Kalten«, versicherte Khalad. »Das Erdbeben, das Bhelliom auslöste, hat alle Bäume bis über dreißig Fuß vor der Wand entwurzelt. Die weiter entfernten Bäume werden uns zusätzlichen Sichtschutz geben. Außerdem wallen immer noch die Nebelfetzen. Da kann ich mir nicht vorstellen, daß jemand an der Küste uns kommen sehen wird.«

»Dann läuft ja alles ziemlich gut«, ächzte Ulath, während er mit der zwanzig Fuß langen Stange über den Meeresboden stakte. »Abgesehen von dieser Plackerei, natürlich.«

»Wir könnten auch schwimmen«, meinte Tynian.

»Ist schon gut, Tynian«, sagte Ulath hastig. »So viel macht mir das Staken auch wieder nicht aus.«

Als sie die Spitze des Riffs erreichten, teilte sich die aus Flößen bestehende Flotte in zwei getrennte Geschwader. Königin Betuana und Engessa nahmen mit den Atanern den Weg um den äußeren Rand des halb unter Wasser stehenden Waldes zum Pier, der vom Strand hinausführte, während Sperber und seine Gefährten mit den Peloi und den Rittern, für die kein Platz mehr auf Sorgis Schiffen gewesen war, der Route entlang der Klippe folgten. Da nicht einmal Sorgis hundert Schiffe und die vielen Flöße ausgereicht hatten, sämtliche Streitkräfte zu befördern, war ihnen nichts anderes übriggeblieben, als einen beachtlichen Teil ihrer Armee mit Sephrenia, Talen, Flöte und Xanetia am südlichen Strand zurückzulassen.

»Es wird seichter«, stellte Ulath nach etwa einer halben Stunde fest. »Ich glaube, wir nähern uns der Küste.«

»Es ragen auch viel mehr Bäume aus dem Wasser«, fügte Kalten hinzu. »Ich kann euch gar nicht sagen, wie froh ich sein werde, von diesem Floß runterzukommen. Es mag ja ein recht gutes Floß sein; aber das Ding mit einer zwanzig Fuß langen Stange durchs Wasser zu schieben ist beinahe so, als wolle man mit bloßen Händen ein Haus umkippen.«

Das Beiboot glitt aus dem Nebel zurück. »Ihr solltet lieber etwas leiser sein, meine Herren!« rief Khalad mit heiserem Wispern. »Wir sind schon ziemlich nahe.« Er streckte eine Hand aus, um das Beiboot im Gleichgewicht zu halten. »Aber wir haben Glück. Es gab früher eine Straße, die parallel zum Strand verlief. Sie könnte uns eine freie Fahrrinne durch den Wald verschaffen. Außerdem würden die Bäume zwischen uns und dem Strand verhindern, daß die Arbeiter uns sehen.«

»Und wahrscheinlich verhindern diese Bäume auch, daß wir an Land kommen«, fügte Tynian hinzu.

»Nein«, widersprach Berit. »Etwa eine Meile von der Stelle, wo sich jetzt die Klippe befindet, gab es eine Wiese, und dort ist jetzt der Pier. Wir brauchen nur dieser Straße zu folgen. Sie bringt uns fast direkt an die Arbeiterkolonnen heran.«

»Habt ihr sie hören können?« fragte Vanion.

»O ja«, erwiderte Khalad. »Beinahe so, als wären sie nur zehn Fuß entfernt gewesen. In wenigen Minuten werdet Ihr selbst den Lärm ihrer Äxte vernehmen.« Er und Berit kletterten auf das Floß.

»War ihr Akzent zu erkennen? Handelt es sich um weitere von diesen Edomern, auf die wir am Südpier gestoßen sind?«

»Nein, Eminenz. Die Männer, die hier arbeiten, sind Asteler. Wir konnten den Strand zwar nicht sehen, aber ich vermute, daß die Gruppenführer, welche die Befehle erteilen, von Ayachins Armee sind, nicht von Incetes' Leuten.«

»Sehen wir zu, daß wir weiterkommen«, brummte Kalten.

»Sind wir bereit?« fragte Sperber und blickte auf die endlos erscheinende Reihe von Flößen.

»Wozu müssen wir uns bereitmachen, Sperber?« fragte Kalten. »Falls das überhaupt möglich ist, werden die astelischen Leibeigenen noch heftiger vor Angst zittern als die edomischen Bauern. Um sie alle in den Wald zurückzujagen, würde es wahrscheinlich schon genügen, wenn Ulath sich dort zwischen die letzten Nebelschwaden stellt und in sein Ogerhorn bläst.«

»Also«, murmelte Sperber. Dann sandte er seine Gedanken aus: Aphraelhörst du mich?

Natürlich höre ich dich, Sperber!

Er versuchte es nun auf andere Weise und formulierte seine Bitte in gehobenem Styrisch. Göttin Aphrael, erhöre mein Flehen und hilf uns!

Ist dir nicht gut? Selbst in ihrer Gedankensprache klang leichter Argwohn mit.

Meine Sorge gilt, dich meiner unsagbaren Achtung und Ehrerbietung zu versichern, Göttin.
Machst du dich über mich lustig?
Nein! Natürlich nicht! Mir wurde soeben nur bewußt, daß ich es dir in letzter Zeit an der nötigen Hochachtung habe mangeln lassen. Wir sind jetzt in Stellung. Wir werden die Flöße langsam zur Küste staken. Sobald wir die Leute am Strand deutlich sehen können, wird Ulath das Signal für den Angriff geben. Es wäre nicht schlecht, wenn in diesem Augenblick ein heftiger Windstoß käme, falls es dir nicht zu viele Umstände macht…
Na ja, ich werde darüber nachdenken.
Wirst du Ulaths Horn vernehmen können? Oder ist es dir lieber, wenn ich dir Bescheid gebe, sobald wir den Wind benötigen?
Sperber! Ich kann eine Spinne in zehn Meilen Entfernung über die Zimmerdecke eines Hauses kriechen hören. Ich werde den Wind zum Blasen bringen, sobald Ulath mit seinem Horn dasselbe tut. Das ist eine eigenwillige Formulierung.
Sieh jetzt lieber zu, daß du weiterkommst. Sonst gerätst du in die Dunkelheit.

Jawohl, erhabene Göttin. Sperbers Blick wanderte über die Gefährten. »Gehen wir's an. Die Göttin holt tief Luft, ich glaube, sie beabsichtigt, den Nebel bis zum Nordpol zu pusten.«

Die Flöße bewegten sich sehr behutsam voran, und die Männer, die am Ruder standen, bemühten sich angespannt, sie in einer geraden Linie zu halten, damit keines vor den anderen aus dem Nebel tauchte.

Inzwischen waren die Elenisch sprechenden Stimmen deutlich vom Küstenstreifen her zu hören, auch wenn sie mitunter von den Wellen übertönt wurden, die über die Luftwurzeln der Bäume schwappten.

»Sechs Fuß«, meldete Kalten wispernd, als er die Lotstange aus dem Wasser hob. »Wir können mit dem berittenen Sturmangriff beginnen, sobald wir auf vier Fuß sind.«

»Falls der Nebel so lange durchhält«, gab Bevier zu bedenken.

Und während sie sich langsam dem Küstenstreifen näherten, wurde das Wasser unter den Flößen Zoll um Zoll seichter.

Ein lauter Schlag war zu vernehmen, und Verwünschungen in archaischem Elenisch erklangen.

»Das ist einer von Ayachins Männern«, flüsterte Khalad.

»Ayachin wird doch nicht selbst hier sein, oder?« fragte Berit leise.

»Incetes war hier. Also würde ich diese Möglichkeit nicht ausschließen.«

»Falls Ayachin wirklich hier ist, dann haltet ihr, Berit und Khalad, nach Elron Ausschau«, wies Sperber sie an. »Amador haben wir verloren, aber von Ayachin könnte Xanetia in etwa die gleiche Auskunft erhalten. Also laßt ihn ja nicht entkommen – auch nicht durch den Tod!«

»Drei Fuß!« flüsterte Kalten triumphierend. »Wir können sie angreifen, sobald wir sie sehen.«

Die Flöße näherten sich stetig den nun immer lauter vernehmbaren Stimmen.

»Da vorn bewegt sich was!« sagte Khalad plötzlich leise, aber eindringlich.

»Wie weit entfernt?« fragte Sperber und spähte in die weiße Leere des Nebels.

»Etwa dreißig Schritt.«

Da sah Sperber dunkle Umrisse durch den Nebel und hörte das Waten schwerer Männer durch seichtes Wasser.

»Aufsitzen!« befahl er leise. »Und gebt den anderen Flößen Zeichen!«

Leise stemmten sie sich in ihre Sättel und bemühten sich dabei, trotz ihrer Rüstung kein Geräusch zu verursachen.

»Es ist soweit, Ulath!« sagte Sperber nun laut. »Laß alle wissen, daß der Angriff beginnt!«

Grinsend setzte Ulath sein Ogerhorn an die Lippen.