23

»Wir können sie nicht schicken, Engessa-Atan«, sagte Sarabian. »Wir brauchen sie genau dort, wo sie jetzt sind. Im Augenblick halten sie allein das Imperium zusammen.«

Engessa nickte. »Ich verstehe die Lage durchaus, Sarabian-Kaiser, aber Betuana-Königin wird nur eine begrenzte Zeit warten. Wenn die Lande der Ataner sich in Gefahr befinden, hat sie keine Wahl, als zu handeln. Sie wird die Ataner heimbeordern – trotz ihres Bündnisses mit Euch.«

»Sie wird ihre Untertanen aus dem Norden zum Rückzug auffordern müssen«, wandte Vanion sich an den hünenhaften Atan. »Sie verfügt nicht über genügend Krieger, diesen Landesteil gegen die Trolle zu schützen. Möglicherweise bleibt Betuana gar nichts anderes übrig, als ganz Nordatan eine Zeitlang sich selbst zu überlassen. Ihr vollständige Garnisonen zu Hilfe zu schicken, ist nicht möglich, aber wir können eine oder zwei Abteilungen aus jeder Garnison abziehen. Das sind insgesamt mehrere tausend Krieger. Doch weil sie so weit verstreut sind, wird es einige Zeit dauern, bis sie Atan erreicht haben. Die Königin wird wohl keine andere Wahl haben, als sich zurückzuziehen, bis wir dort sind.«

»Wir sind Ataner, Vanion-Hochmeister. Wir laufen nicht davon!«

»Das habe ich auch nicht vorgeschlagen, Engessa-Atan. Eure Königin braucht nur ihre Truppen neu zu formieren. Sie kann den Norden zur Zeit nicht halten. Schon der Versuch wäre sinnlos und würde nur unnötigerweise Menschenleben kosten. Wir sollten Betuana einige genidianische Berater und dazu cyrinische technische Hilfe schicken. Mehr können wir vorerst nicht für sie tun.«

»Doch, Freund Vanion«, warf Kring ein. »Ich werde zu meinem Freund Tikume in Mittelastel reiten. Die Peloi aus dem Osten fürchten Wälder nicht so, wie mein Volk, und Tikume liebt einen guten Kampf ebensosehr wie ich. Deshalb wird er wahrscheinlich sofort mit mehreren tausend Reitern zu Betuana eilen. Ich werde derweil ein paar hundert Bogenschützen zusammentrommeln und noch vor Tikumes Hauptmacht in Atan sein.«

»Das ist ein großzügiges Angebot, Freund Kring«, dankte Engessa.

»Es ist eine Pflicht, Engessa-Atan. Ihr habt Euch Mirtais als Vater angenommen und das macht uns zu Sippenbrüdern.« Kring strich sich abwesend über seinen barbierten Schädel. »Ich halte die Bogenschützen für sehr wichtig. Eure Ataner haben sittliche Bedenken gegen den Einsatz von Pfeil und Bogen im Kampf. Aber als wir den Trollen in Ostastel begegneten, haben wir festgestellt, daß man gar nicht wirklich gegen sie kämpfen kann, sofern man sie nicht zuvor mit Pfeilen spickt.«

»Ich wüßte noch etwas, Engessa-Atan.« Khalad hob seine Armbrust. »Wie steht's um die sittlichen Bedenken Eures Volkes gegen Armbrüste?«

Engessa spreizte die Hände. »Diese Waffe ist neu hier in Tamuli, Khalad-Knappe. Wir haben uns noch keine Meinung darüber gebildet. Einige Ataner werden sie vielleicht benutzen, andere nicht.«

»Wir müßten ja nicht alle Ataner mit Armbrüsten ausrüsten«, meinte Khalad. Er blickte Sperber an. »Könnt Ihr mich eine Zeitlang entbehren, Herr Ritter?«

»Du kannst ja versuchen, mich davon zu überzeugen, daß ich dich nicht brauche.«

»Sollen wir damit wirklich Zeit vergeuden, Sperber? Wir besitzen noch die vielen Armbrüste, die wir eingesammelt haben, als wir den Staatsstreich niederschlugen. Die meisten davon habe ich unbrauchbar gemacht; aber es dauert nicht lange, sie wieder herzurichten. Ich würde gern mit Engessa-Atan und den technischen Beratern nach Atan reiten. Engessa könnte seine Leute davon zu überzeugen versuchen, daß die Armbrust eine sittlich unbedenkliche Kriegswaffe ist. Und ich bringe ihnen bei, wie man damit umgeht.«

»Ich schließe mich euch später in Atana an«, versprach Kring. »Ich werde Tikumes Schützen zur Stadt führen müssen. Peloi verirren sich leicht im Wald.«

»Schlagt es Euch aus dem Kopf, Mirtai!« warnte Ehlana, als die Augen ihrer Leibwächterin plötzlich aufleuchteten. »Ich brauche Euch hier!«

»Mein Verlobter und mein Vater ziehen in den Krieg, Ehlana!« wandte Mirtai ein. »Ihr könnt nicht erwarten, daß ich hierbleibe!«

»O doch, das kann ich! Ihr bleibt, und das ist endgültig!«

»Entschuldigt Ihr mich?« ersuchte Mirtai steif.

»Wenn Ihr möchtet.«

Mirtai stürmte zur Tür.

»Zerstört nicht das ganze Mobiliar«, rief Ehlana ihr nach.

Es war wirklich nur eine kleine, hausgemachte Krise, aber nichtsdestoweniger eine Krise, hauptsächlich, weil die königliche Prinzessin Danae erklärte, sie würde sterben, falls man ihre verschwundene Katze nicht sofort fände. Sie wanderte tränenüberströmt im Thronsaal umher, setzte sich von einem Schoß auf den anderen, bettelte und flehte. Wieder einmal konnte Sperber die überwältigende Wirkung beobachten, die seine Tochter auf den Sachverstand von Menschen haben konnte, wenn sie auf deren Schoß saß. »Bitte helft mir, meine Katze wiederzufinden, Sarabian«, schmeichelte sie und strich mit dem Händchen über des Kaisers Kinn. Wenn es um Danae ging, hatte Sperber längst aus Erfahrung gelernt, daß die erste Regel lautete: Laß dich nie von ihr berühren! Denn tat sie es, konnte man ihr nichts abschlagen.

»Wir brauchen sowieso alle ein bißchen frische Luft«, wandte Sarabian sich an die Anwesenden. »Wir sitzen schon seit über einer Woche hier herum. Verschieben wir unsere Diskussionen und suchen wir Prinzessin Danaes Katze. Ich glaube anschließend werden wir uns alle frischer fühlen.«

Sperber lächelte. Dieser Punkt ging an Danae.

»Wißt ihr was«, fuhr Sarabian fort. »Es ist ein so schöner Vormittag. Nutzen wir ihn zu einem Ausflug. Ich lasse in der Küche Bescheid geben; dann machen wir zu Mittag ein Picknick auf einem der Rasen.« Er lächelte zu Danae hinunter, die ihn um den kleinen Finger wickeln konnte. »Wir werden die Rückkehr Murrs zu ihrer niedlichen Herrin feiern.«

»Was für eine wundervolle Idee!« Danae klatschte begeistert in die Hände. »Du bist so klug, Sarabian!«

Alle lächelten nachsichtig und erhoben sich. Insgeheim mußte Sperber zugeben, daß der Kaiser wahrscheinlich sogar recht hatte. Nach den tagelangen Besprechungen brauchten sie jetzt alle wieder einen klaren Kopf. Sperber ging zu seiner Tochter und hob sie auf die Arme.

»Ich kann gehen, Vater«, wehrte sie ab.

»Ich weiß, aber ich kann es schneller, denn meine Beine sind länger. Wir wollen Murr doch so rasch wie möglich finden, nicht wahr?«

Danae funkelte ihn an.

»Du hast Macht über alle«, murmelte er leise, daß nur sie es hören konnte. »Du brauchst die anderen nicht auch noch wie Schafe herumzutreiben. Was soll das Ganze überhaupt? Du kannst Murr heimrufen, wann immer dir danach ist. Was führst du wirklich im Schilde?«

»Es gibt Dinge, die ich erledigt haben möchte, ehe wir zu beschäftigt sind, Sperber. Aber solange wir wie eine gackernde Hühnerschar in diesem Saal herumhocken, kann ich nichts tun. Ich muß euch alle von hier weghaben, damit ich die Dinge in Ordnung bringen kann.«

»Ist Murr wirklich verschwunden?«

»Natürlich nicht. Ich weiß genau, wo sie ist. Ich hab' ihr nur gesagt, sie soll eine Zeitlang Grashüpfer jagen.«

»Welche Dinge meinst du eigentlich? Was willst du in Ordnung bringen?«

»Sieh zu, Sperber, dann erfährst du es.«

»Es geht nicht, Kalten«, sagte Alean mit trauriger, resignierter Stimme, während sie über die Zugbrücke spazierten, Sperber und Danae folgten ihnen in einigem Abstand.

»Was meinst du mit, ›es geht nicht‹?«

»Du bist Ritter, und ich nur ein Bauernmädchen. Warum können wir die Dinge nicht einfach so lassen, wie sie sind?«

»Weil ich dich heiraten will!«

Sie strich ihm zärtlich über die Wange. »Und ich gäbe alles darum, dich heiraten zu können, aber es geht nicht.«

»Und warum nicht?«

»Das habe ich dir doch schon gesagt! Wegen der Standesunterschiede. Eine Bauernmaid kann keinen Ritter heiraten! Die Leute würden uns auslachen und gemeine Dinge über mich sagen.«

»Wenn ich so was nur ein einziges Mal zu Ohren bekomme!« Er ballte die Faust.

»Du kannst nicht gegen die ganze Welt kämpfen, mein Liebling.« Alean seufzte.

»Und ob ich das kann! Vor allem, wenn die Welt, von der wir sprechen, aus diesen speichelleckenden Schranzen am Hof in Cimmura besteht. Ich könnte noch vor dem Mittagessen ein halbes Dutzend von ihnen umbringen.«

»Nein!« wies sie ihn scharf zurecht. »Du wirst niemanden umbringen! Was glaubst du denn, wohin das führt? Die Leute würden mich hassen. Wir hätten keine Freunde mehr. Dich mag das vielleicht nicht stören, denn du wirst irgendwo sein, wohin Prinz Sperber oder Hochmeister Vanion dich schicken, aber ich werde ganz allein sein. Das könnte ich nicht ertragen!«

»Ich will dich heiraten!« Er rief es beinahe.

»Es würde auch mein Leben vollkommen machen, Liebling.« Alean seufzte. »Aber es ist unmöglich.«

»Ich möchte, daß du das in Ordnung bringst, Sperber!« sagte Danae laut.

»Pst! Sie können uns hören!«

»Können sie nicht, Sperber – auch nicht sehen!«

»Du hast einen Zauber gewirkt, vermute ich?«

»Natürlich. Es ist ein sehr nützlicher, kleiner Zauber. Er sorgt dafür, daß die Leute uns nicht beachten. Sie wissen zwar, daß wir da sind, aber ihr Verstand beachtet uns nicht.«

»Ich verstehe. Und unser Verstand schleicht sich auf Zehenspitzen um das sittliche Bedenken, andere zu belauschen, habe ich recht?«

»Wovon, in aller Welt, redest du da, Sperber? Ich habe keine sittlichen Bedenken dabei. Ich lausche immer! Wie sollte ich sonst auf dem laufenden bleiben, was die Menschen tun? Sag Mutter, sie soll Alean irgendeinen Adelstitel verleihen, damit sie und Kalten heiraten können. Ich würde es selbst tun, aber ich bin zu beschäftigt. Kümmere du dich darum!«

»Ist das eines der Dinge, die du in Ordnung bringen willst?«

»Natürlich. Vergeude keine Zeit mit diesen dummen Fragen, Sperber! Wir haben heute noch eine Menge zu tun.«

»Ich liebe dich wirklich, Berit-Ritter«, versicherte Elysoun ein wenig traurig. »Aber ihn liebe ich auch.«

»Wie viele andere liebst du denn sonst noch, Elysoun?« fragte Berit ätzend.

»Oh, ich kann sie mir nicht alle merken.« Die barbusige Kaiserin zuckte die Schultern. »Es stört Sarabian nicht. Warum stört es dich?«

»Dann ist es also aus? Du willst mich nicht mehr sehen?«

»Sei nicht dumm, Berit-Ritter. Natürlich will ich dich wiedersehen – so oft ich nur kann. Aber es wird Zeiten geben, da ich damit beschäftigt bin, ihn zu sehen. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig, weißt du, aber du bist so nett, daß ich nicht hinter deinem Rücken…« Sie suchte nach einem Wort.

»Untreu sein möchtest?« fragte er brüsk.

»Ich bin nie untreu!« entgegnete sie entrüstet. »Nimm dieses Wort sofort zurück! Ich bin die treueste Dame des ganzen Hofes! Ich bin mindestens einem Dutzend junger Männer zugleich treu!«

Unwillkürlich mußte Berit lachen.

»Was ist denn so lustig?«

»Nichts, Elysoun«, versicherte er ihr voller ehrlicher Zuneigung. »Du bist so entzückend, daß ich nicht anders konnte.«

Sie seufzte. »Das Leben wäre viel einfacher für mich, würdet ihr Männer diese Dinge nicht so todernst nehmen. Liebe soll Freude bereiten. Aber ihr macht bitterböse Gesichter und fuchtelt mit den Armen herum. Geh, liebe eine Zeitlang jemand anders. Ich habe nichts dagegen. Solange jeder glücklich ist – was spielt es da für eine Rolle, wer wen glücklich macht?«

Berit lächelte.

»Du liebst mich doch noch, nicht wahr, Berit-Ritter?«

»Aber natürlich, Elysoun.«

»Dann ist ja alles gut, nicht wahr?«

»Was soll das?« fragte Sperber seine Tochter. Sie standen ganz in der Nähe von Berit und Elysoun – jedenfalls so nahe, daß es Sperber ein wenig verlegen machte.

»Berit war dabei, die Liebschaft mit dem halbnackten Mädchen etwas zu ernst zu nehmen«, erklärte Danae. »Er hat gelernt, was er von ihr lernen konnte. Jetzt ist es an der Zeit, daß ihre Beziehung sich etwas beruhigt. Ich habe andere Pläne mit ihm.«

»Hast du je daran gedacht, ihn seine eigenen Pläne machen zu lassen?«

»Lächerlich, Sperber! Das hätte schreckliche Folgen! Ich kümmere mich immer um so etwas. Das kann ich am besten! Aber jetzt müssen wir uns beeilen. Ich muß nach Kring und Mirtai sehen. Kring wird ihr etwas sagen, das ihr nicht sehr gefallen wird, und ich möchte mögliche Ausbrüche verhindern.«

Sie fanden Kring und Mirtai auf dem Rasen unter einem großen, in sämtlichen Herbstfarben leuchtenden Laubbaum. Mirtai öffnete den Korb, den man in der Küche gefüllt hatte, und schaute hinein. »Irgendein toter Vogel.«

Kring verzog das Gesicht. »So etwas ißt man wohl bei Picknicks in der überzivilisierten Welt.« Er versuchte, sich seinen Ekel nicht allzu deutlich anmerken zu lassen.

»Wir beide sind Krieger, mein Verlobter.« Auch Mirtai wirkte keineswegs erfreut über den Inhalt des Korbes. »Wir sollten rohes Fleisch essen!«

»Stragen hat mir erzählt, daß du mal einen Wolf gegessen hast.« Kring hatte sich plötzlich wieder an diese Geschichte erinnert.

»Ja«, bestätigte Mirtai.

»Das hast du wirklich!« Kring war wie benommen. »Ich hatte gedacht, Stragen wollte mir nur einen Bären aufbinden.«

»Ich war sehr hungrig …«, sie zuckte die Schultern, »… und ich konnte keine Rast einlegen. Der Wolf schmeckte nicht besonders, aber er war ja auch roh. Vielleicht hätte er besser gemundet, wenn ich ihn hätte kochen können.«

»Du bist eine ungewöhnliche Frau, Geliebte.«

»Deshalb liebst du mich ja, oder?«

»Nun – es ist einer der Gründe. Bist du sicher, daß wir nicht über unser Problem sprechen können?« Offenbar kam Kring auf ein Thema zurück, das sie wahrscheinlich schon viele Male diskutiert hatten.

»Darüber gibt es nichts zu reden. Wir müssen zweimal vermählt werden – einmal in Atana und einmal, wenn wir zurück in Pelosien sind. Wir sind erst richtig verheiratet, wenn wir beide Zeremonien hinter uns haben.«

»Aber seit der Zeremonie in Atana sind wir doch halb verheiratet, nicht wahr?«

»Halb verheiratet genügt nicht, Kring. Ich bin Jungfrau. Ich habe zu viele Männer getötet, um meine Unberührtheit zu schützen, als daß ich mich mit ›halb verheiratet‹ zufriedengäbe! Du mußt eben warten!«

Er seufzte. »Es wird sehr lange dauern, weißt du«, sagte er düster.

»So weit ist es nicht von Atana zu deinem Land. Ich renne mit dir um die Wette dorthin.«

»Es ist ja nicht die Reise, die so lange dauern wird, Mirtai. Es sind die zwei Monate, die du vor der Hochzeit im Zelt meiner Mutter verbringen mußt, um unsere Sitten und Gebräuche zu lernen.«

Sie blickte ihn lange und durchdringend an. »Was sagtest du, muß ich tun?« Es klang alles andere als freundlich.

»Das ist so Sitte. Jede Peloibraut lebt vor der Zeremonie zwei Monate bei der Mutter des Bräutigams.«

»Warum?«

»Um alles über ihn zu erfahren.«

»Ich weiß bereits alles über dich!«

»Ja. Wahrscheinlich. Aber es ist nun mal so Brauch.«

»Das ist lächerlich!«

»Gebräuche sind oft lächerlich. Aber ich bin schließlich der Domi; deshalb muß ich mit gutem Beispiel vorangehen. Und du wirst Doma. Die Peloifrauen hätten keine Achtung vor dir, wenn du nicht tust, was man von dir erwartet.«

»Ich werde sie Achtung lehren!« Mirtais Augen wirkten hart wie Stahl.

Kring lehnte sich auf die Ellbogen zurück. »Ich hatte schon befürchtet, daß du es so siehst.« Er seufzte.

»Hast du es deshalb noch nie erwähnt?«

»Ich wollte auf eine günstige Gelegenheit warten. Ist Wein in dem Korb? Es wäre vermutlich leichter für uns, würden wir uns beide entspannen.«

»Laß uns lieber damit warten. Wir können uns entspannen, nachdem du mir alles erzählt hast. Also, worum geht es bei diesem Unsinn?«

»Mal sehen, ob ich es erklären kann.« Kring rieb sich den Kopf. »Wenn mein Volk sagt, daß die Braut ›alles über ihren Bräutigam erfährt‹, bedeutet das nicht, daß sie dann weiß, was er gern zum Frühstück ißt oder dergleichen. Es geht dabei um den Besitz, der mit der Heirat verbunden ist.«

»Ich habe keinen Besitz, Kring! Ich bin eine Sklavin.«

»Nicht, nachdem du mich geheiratet hast. Dann bist du eine sehr reiche Frau!«

»Wovon redest du eigentlich?«

»Den Männern der Peloi gehören nur ihre Waffen und ihre Pferde. Alles ist Besitz der Frauen. Alles, was ich bisher gestohlen habe – Rinder, zumeist –, habe ich meiner Mutter gegeben. Sie hält mein Vermögen zusammen, bis ich heirate. Ein Teil davon steht ihr zu. Darum geht es bei den zwei Monaten. Es soll euch beiden Zeit geben, euch über die Aufteilung des Besitzes zu einigen.«

»Dazu dürften wir keine zwei Monate brauchen!«

»Wahrscheinlich nicht, zumal meine Mutter eine sehr vernünftige Frau ist. Aber ihr beide müßt außerdem Ehemänner für meine Schwestern finden. Und das ist nicht so einfach, weil ich so viele Schwestern habe.«

»Wie viele?« Nun klang auch Mirtais Stimme hart wie Stahl.

»Äh – acht.«

»Acht?«

»Mein Vater war sehr vital und ausdauernd.«

»Deine Mutter offenbar auch. Sind deine Schwestern ansehnlich?«

»Mehr oder weniger. Natürlich ist keine so schön wie du, Schatz – aber das ist ja auch unmöglich.«

»Darüber können wir später reden. Es gibt da ein Problem mit deinen Schwestern, nicht wahr?«

Kring wand sich. »Woher weißt du das?«

»Ich kenne dich, Kring. Du hast bis zum letzten Moment damit gewartet, sie zu erwähnen. Das bedeutet, daß du nicht über sie reden willst – und das wiederum läßt auf ein Problem schließen. Was ist es?«

»Meine Schwestern halten sich für sehr reich. Das macht sie überheblich.«

»Das ist alles?«

»Sie sind sehr hochnäsig, Mirtai.«

»Ich werde sie Bescheidenheit lehren!« Sie zuckte die Schultern. »Da es nur acht sind, dürfte ich es ihnen allen gleichzeitig beibringen können. Ich werde sie nur für ungefähr eine Stunde zur nächsten Weide bringen. Wenn wir zurückkehren, werden sie sehr bescheiden sein – und sehr bereitwillig jeden Mann heiraten, den ihre Mutter und ich für sie auswählen. Ich sorge dafür, daß sie mit Freuden alles tun werden, um nicht in meiner Nähe zu sein. Deine Mutter und ich dürften die Besitzaufteilung am Vormittag geklärt haben; deinen Schwestern bringe ich am Nachmittag bei, was nötig ist. Dann können du und ich am Abend heiraten.«

»So wird es nicht gemacht, Liebling!«

»Diesmal schon! Die Wartezeit macht mir ebensowenig Spaß wie dir. Wie wär's, wenn du ein bißchen näher rückst und mich küßt? Jetzt, da alles geklärt ist, sollten wir diese Gelegenheit nutzen.«

Er grinste sie an. »Da bin ich ganz deiner Meinung, Schatz.« Er nahm sie in die Arme und küßte sie. Der Kuß war anfangs sehr sanft, doch es dauerte nicht lange, und die Sache wurde etwas leidenschaftlicher.

»Das wird großartig«, sagte Danae selbstzufrieden. »Ich war nicht sicher, wie Mirtai es aufnehmen würde, mit Krings Mutter zu leben. Aber jetzt hat sie alles in der Hand.«

»Sie wird die Peloi ganz schön aus der Fassung bringen, weißt du«, bemerkte Sperber.

»Sie werden es überleben.« Die Prinzessin zuckte die Schultern. »Sie sind viel zu sehr mit ihren Traditionen verwachsen. Sie brauchen jemanden wie Mirtai, die ihnen die Augen für die moderne Welt öffnet. – Aber wir müssen weiter, Sperber. Wir sind noch lange nicht fertig.«

»Wie lange geht das schon so?« fragte Stragen und schluckte.

»Oh, schon ziemlich lange«, antwortete Melidere. »Mein Vater stach die Prägeplatten, als ich etwa sieben war.«

»Ist Euch überhaupt bewußt, was Ihr getan habt, Baroneß?«

»Ich dachte, über solche Kleinigkeiten brauchten wir nicht mehr zu reden, Durchlaucht Stragen.« Sie lächelte ihn an.

Er beachtete es nicht. »Ihr habt der Wirtschaft eines jeden Königreichs in Eosien einen gezielten Schlag versetzt! Das ist ungeheuerlich!«

»Also wirklich, Stragen!«

»Ihr habt den Münzwert gemindert!«

»Ich nicht. Aber weshalb regt Euch das so auf?«

»Weil ich ein Dieb bin. Ihr habt den Wert von allem gemindert, was ich je gestohlen habe.«

»Das stimmt nicht! Im Grunde hat der Wert der Münzen nichts mit ihrem wahren Gewicht zu tun. Es ist eine Sache des Vertrauens. Die Bürger mögen zwar ihre Regierung nicht gerade lieben, aber sie trauen ihr. Wenn die Regierung sagt, daß eine Münze eine halbe Krone wert ist, dann ist sie auch genau soviel wert. Ihr Preis beruht auf einem Abkommen, nicht auf irgendeinem Gewicht. Wenn die Münze einen geriffelten Rand hat, hat sie auch den auf ihrer Vorderseite geprägten Wert. Wir haben nicht wirklich etwas gestohlen!«

»Ihr seid eine Verbrecherin, Melidere!«

»Wie kann ich eine Verbrecherin sein, wenn ich nichts gestohlen habe?«

»Und wenn man herausfindet, was Ihr getan habt?«

»Na und? Man kann nichts dagegen tun. Wenn die Leute irgend etwas sagen oder versuchen, mir etwas anzutun, erzähle ich einfach die ganze Geschichte. Dann wird jede Regierung in Eosien zusammenbrechen, weil niemand mehr ihrer Münzwährung trauen kann.« Sie strich zärtlich über seine Wange. »Ihr seid naiv, Stragen. Ich glaube, deshalb mag ich Euch so. Ihr tut, als wärt Ihr ruchlos, in Wahrheit aber seid Ihr wie ein kleiner Junge.«

»Warum habt Ihr mir das überhaupt erzählt?«

»Weil ich einen Partner brauche. In Eosien kann ich diese Geschäfte zwar selber führen, aber auch noch Tamuli zu übernehmen, dürfte sich als etwas schwierig erweisen. Ihr habt hier Gewährsleute, ich nicht. Ich werde Euch in diesem Geschäft anlernen und Euch Tamuli dann verpachten. Außerdem werde ich Euch einen Titel kaufen und alles in die Wege leiten, damit Ihr gleich anfangen könnt.«

Er kniff die Augen zusammen. »Warum?« fragte er scharf. »Weshalb seid Ihr so großzügig?«

»Das bin ich gar nicht, Stragen. Ihr müßt jeden Monat Eure Pacht bezahlen. Dafür kann ich sorgen. Und Ihr werdet nicht in Münzen bezahlen. Ich will Barren, Stragen – schöne, massive Goldbarren, die ich wiegen kann. Und versucht ja nicht, Kupfer darunterzumischen! Ich würde Euch die Kehle durchschneiden lassen, wenn Ihr es probiert!«

»Ihr seid die härteste Frau, die mir je begegnet ist, Melidere.« Es hörte sich fast so an, als hätte er Angst vor ihr.

»Nur ein Teil von mir, Stragen«, versicherte sie ihm kokett. »Der Rest ist sanft und nachgiebig. Ach, das erinnert mich daran, daß wir heiraten werden.«

»Was?«

»Partnerschaften werden nicht im Himmel geschlossen, Durchlaucht, Ehen schon. Durch Heirat werde ich mehr Recht auf Euch haben.«

»Was ist, wenn ich nicht heiraten will?« Es klang beinahe schon ein wenig verzweifelt.

»Das wäre natürlich zu dumm, Stragen. Denn ob es Euch gefällt oder nicht, Ihr werdet mich heiraten.«

»Und wenn ich es nicht tue, laßt Ihr mich töten, nehme ich an.«

»Selbstverständlich. Ich kann Euch mit diesem Wissen über mich doch nicht frei herumlaufen lassen! Ihr werdet Euch an den Gedanken gewöhnen, Durchlaucht. Ich kann Euch wahnsinnig glücklich machen – und sagenhaft reich obendrein! Wann hattet Ihr je ein besseres Angebot?«

Stragens Blick verriet helle Panik.

»Also, das hatte ich nicht erwartet«, gestand Danae, als sie mit Sperber über den Rasen ging.

Sperber war zu schockiert, um zu antworten. »Du wußtest nichts von Melideres kleinem Steckenpferd?«

»Natürlich wußte ich davon, Sperber. Melidere hat sich vor mehreren Jahren in Mutters Hof eingekauft.«

»Eingekauft?«

»Sie hat eine alte Gräfin bezahlt, für sie Platz zu machen. Nein – was ich nicht erwartet hatte, war die Offenheit, mit der Melidere Stragen gegenübertrat. Ich dachte, sie würde nicht so direkt vorgehen, aber es war rein geschäftsmäßig! Sie hat ihn überrumpelt und ihm nicht die geringste Chance gelassen. Ich glaube, ich habe sie falsch eingeschätzt.«

»Nein, du hast Stragen falsch eingeschätzt. Melidere setzte die einzig erfolgsversprechende Taktik ein. Stragen windet sich einem durch die Finger wie ein Aal. Man muß ihn erst mit der Gabel auf dem Teller aufspießen, ehe man ihn sich vornimmt. Einen normalen Heiratsantrag hätte er sich wahrscheinlich nicht einmal angehört, also mußte Melidere ausschließlich Geschäftsinteressen vortäuschen und die Heirat nur so nebenbei erwähnen.«

»Für sie ist es aber keine Nebensache!«

»Ich weiß. Du darfst mir glauben, sie hat es genau richtig gemacht. Aber ich werde deiner Mutter davon berichten müssen, das ist dir doch klar?«

»Nein, mußt du nicht. Du hast Melidere gehört. Mutter würde absolut nichts dagegen tun können. Es würde ihr nur Sorgen machen.«

»Sie stehlen Millionen, Aphrael!«

»Sie stehlen gar nichts, Sperber! Was sie tun, verändert den Geldwert nicht im geringsten. Wenn man es näher betrachtet, schaffen sie sogar Reichtum. Es wird der ganzen Welt guttun.«

»Diese Logik verstehe ich nicht so ganz.«

»Das mußt du auch nicht, Vater«, entgegnete sie süß. »Es genügt, wenn du mir glaubst.« Sie wies mit der Hand. »Als nächstes müssen wir dort hinüber.«

»Dort hinüber« war neben dem Burggraben, wo Sephrenia und Vanion Seite an Seite am grasbewachsenen Ufer entlangspazierten. Sperber hatte sich inzwischen an seine Unsichtbarkeit gewöhnt, fand es jedoch immer noch recht eigenartig, wenn einer seiner Freunde ihn direkt anblickte, ohne auf seine Anwesenheit zu reagieren.

»Das würde ganz davon abhängen, welche Art von Fischen es in der Gegend gibt«, erklärte Vanion. Sperber erkannte, daß Vanion wieder einmal etwas erklärte; denn er benutzte seine »Erklärstimme«, die seiner »Predigtstimme« ziemlich ähnelte. Vanion hatte ganze Generationen pandionischer Novizen in den Schlaf geredet – sowohl im Unterrichtssaal wie in der Kapelle.

»Warum redet er so merkwürdig?« fragte Danae.

»Weil er Angst hat.« Sperber seufzte.

»Vor Sephrenia? Vanion hat vor nichts Angst – am wenigsten vor Sephrenia. Er liebt sie.«

»Deshalb hat er ja Angst. Er weiß nicht, was er sagen soll. Er möchte sie nicht kränken. Falls er etwas Falsches sagt, könnte sie sich wieder von ihm zurückziehen.«

»Es gibt Warmwasserfische und Kaltwasserfische«, fuhr Vanion mit seiner Lektion fort. »Karpfen mögen warmes Wasser, Forellen haben es lieber ein bißchen kälter.«

Sephrenias Miene zeigte leichte Verzweiflung.

»Das Wasser im Burggraben ist stehendes Wasser, und er ist schon eine ziemliche Weile gefüllt. Deshalb kämen Forellen nicht als Bewohner in Frage, oder was meinst du?«

»Du hast sicher recht.« Sie seufzte.

»Aber das bedeutet nicht, daß man keine anderen Fische darin aussetzen kann. Ein wirklich guter Koch kann mit Karpfen wahre Wunder vollbringen – und sie helfen obendrein, das Wasser sauberzuhalten. Es geht nichts über ein Gewimmel von Karpfen, um stehendes Wasser in Bewegung zu halten.«

»Nein.« Sie seufzte. »Bestimmt nicht.«

»Was, in aller Welt macht er?« brauste Danae auf.

»Man nennt so etwas, ›auf Eierschalen gehen‹«, erklärte Sperber. »Vermutlich redet er auch viel übers Wetter.«

»Sie werden nie mehr zusammenkommen, wenn er nicht offen über das mit ihr spricht, was wirklich wichtig ist.«

»Das wird er wahrscheinlich nicht tun, Aphrael. Ich fürchte, Sephrenia wird den ersten Schritt machen müssen.«

»Ich hab' sie gefunden!« brüllte Talen über den Rasen. »Sie ist hoch oben in diesem Baum!«

»O je!« murmelte Danae verärgert. »Er hätte sie noch nicht finden dürfen! Und was macht sie überhaupt auf dem Baum?«

»Wir sollten auch hinübergehen«, riet Sperber. »Alle sind schon in dieser Richtung unterwegs. Lös den Zauber jetzt lieber auf.«

»Und was ist mit Vanion und Sephrenia?«

»Was ist, wenn wir es ihnen selbst überlassen, wieder miteinander klarzukommen?«

»Dann würde Vanion noch zehn Jahre über Fische reden!«

»Sephrenia wird sich das mit den Fischen nicht allzu lange anhören, Danae, dann wird sie zur Sache kommen. Vanion redet im Grunde gar nicht über Fische. Er will ihr nur sagen, daß er bereit ist, Frieden zu schließen, wenn sie es auch ist.«

»Davon hat er aber nichts gesagt. Er war gerade dabei, ihr Rezepte für gedünsteten Karpfen zu geben.«

»Das hast du ihn sagen hören. Aber du hast nicht gehört, was er wirklich sagte. Du mußt lernen, mit beiden Ohren zuzuhören, Danae.«

»Elenier!« Sie rollte die Augen himmelwärts.

Da hörten sie Kalten aufgeregt brüllen: »Paß auf!«

Sperber blickte angespannt zu den anderen, die inzwischen alle um einen hohen Ahorn standen. Talen befand sich zwischen den obersten Ästen und tastete sich vorsichtig einen sehr dünnen Ast entlang auf die sichtlich verängstigte Murr zu. Das sah gar nicht gut aus. Der Ast konnte Murr zwar mühelos tragen, nicht jedoch Talen, und er bog sich bedrohlich, bis ein erschreckendes Knacken von jener Stelle zu hören war, wo der Ast aus dem Stamm wuchs.

»Talen!« brüllte Kalten. »Klettere zurück!«

Doch es war zu spät. Der Ast brach zwar nicht vom Stamm ab, sondern spaltete sich und hing in Stammnähe in die Tiefe. Talen griff verzweifelt zu, bekam die verwirrte Katze mit einer Hand zu fassen, und stürzte kopfüber durch die unteren Äste.

Die Lage war jedoch nicht hoffnungslos. Die Ordensritter kannten die unterschiedlichsten Zaubersprüche, Sephrenia war dort, und Aphrael ritt auf Sperbers Schultern. Als Problem erwies sich allerdings, daß niemand Talen wirklich sehen konnte. Der Ahorn hatte große Blätter, und der Junge fiel durchs Geäst hinunter und war deshalb ganz vom Laub verdeckt. Die anderen konnten nur hören, wie er im Fallen plumpsend und krachend auf Zweige prallte und hin und wieder schmerzhaft aufschrie. Dann tauchte er aus den unteren Ästen auf, fiel schlaff zu Boden und schlug – Murr immer noch locker in einer Hand – im Gras unter dem Baum auf. Er rührte sich nicht.

»Talen!« schrie Danae entsetzt.

Sephrenia war derselben Meinung wie Sarabians Ärzte: Talen hatte sich glücklicherweise keine ernsten Verletzungen zugezogen. Er war grün und blau und hatte von einer zu heftigen Begegnung mit einem unnachgiebigen Ast eine große, häßliche Beule auf der Stirn. Doch Sephrenia beruhigte die anderen, daß sein Sturz keine schlimmen Folgen haben würde, von stechenden, aber vorübergehenden Kopfschmerzen abgesehen.

Prinzessin Danae war jedoch nicht in Stimmung, sich zu beruhigen. Sie wich nicht von Talens Krankenbett und schrie bei der geringsten Bewegung oder dem leisesten Laut des Bewußtlosen jedesmal erschrocken auf.

Schließlich nahm Sperber sie in die Arme, und trug sie aus dem Gemach. Es hielten sich Personen darin auf, die besser nicht Zeugen von Wundern werden sollten.

»Es ist dir aus den Händen geglitten, nicht wahr, Aphrael?« sagte er zu der völlig verstörten Kindgöttin.

»Wovon redest du?«

»Du mußtest dich ja überall einmischen! Du hast versucht, Angelegenheiten nach deinem Gutdünken in Ordnung zu bringen, die ganz von selbst in Ordnung gekommen wären, hättest du die Finger davon gelassen. Und nun hättest du beinahe Talen umgebracht!«

»Es war nicht meine Schuld, daß er vom Baum gefallen ist!«

»Wessen denn?« Sperber wußte, daß er sich, logisch betrachtet, unfair verhielt. Aber er fand, daß es an der Zeit war, die kleine Göttin zu zügeln, die sich in alles einmischte. »Du steckst deine Nase in Dinge, die dich nichts angehen, Aphrael!« rügte er. »Die Menschen müssen die Chance haben, ihr eigenes Leben zu führen und ihre eigenen Fehler zu machen. Wir können unsere Fehler normalerweise selbst wieder in Ordnung bringen, wenn du uns die Chance läßt. Du mußt bedenken, daß du es nicht jedesmal etwas tun solltest, nur, weil du etwas tun kannst. Laß dir das mal durch den Kopf gehen!«

Sie starrte ihn lange an; dann brach sie plötzlich in Tränen aus.

»Tikumes Schützen werden helfen«, versicherte Vanion Sperber, als die beiden ein wenig später an den Zinnen standen. »Ulath hat recht, was die Trolle anbelangt. Man muß sie unbedingt eine Zeitlang hinhalten, ehe man gegen sie kämpft.«

»Und Khalads Einfall mit den Armbrüsten ist auch nicht so schlecht!«

»Stimmt. Nur gut, daß du ihn mitgenommen hast.« Der Hochmeister spitzte die Lippen. »Ich möchte, daß du persönlich Khalads Ausbildung übernimmst, wenn ihr wieder in Cimmura seid, Sperber. Sorg dafür, daß er in Politik, Diplomatie und im Kirchengesetz ebenso unterrichtet wird wie in der Kriegskunst. Ich glaube, daß er es in unserem Orden weit bringen wird, und ich möchte sichergehen, daß er später jeden Posten einnehmen kann.«

»Selbst Euren?«

»Es hat schon Ungewöhnlicheres gegeben.«

Sperber erinnerte sich an Vanions vormittägliche Lektion über Fische. »Kommt Ihr mit Sephrenia weiter?« erkundigte er sich.

»Wir reden wieder miteinander, falls Ihr das meint.«

»Nein, das meinte ich nicht. Wie wär's, wenn Ihr Euch mit Sephrenia zusammensetzt und vernünftige Gespräche führt? Über bedeutsamere Dinge als das Wetter, oder wie viele Vögel auf einem Ast hocken können, oder welche Fischarten man im Burggraben aussetzen kann.«

Vanion blickte ihn durchdringend an. »Wie wär's, wenn Ihr Euch um Eure eigenen Angelegenheiten kümmert?«

»Es ist meine Angelegenheit, Vanion! Mit Sephrenia ist nicht viel anzufangen, solange ihr entzweit bleibt – und mit Euch ebensowenig! Ich brauche euch beide, aber ich kann mich nicht wirklich auf euch verlassen, ehe ihr euch nicht versöhnt habt!«

»Ich gehe so schnell vor, wie ich es nur wagen kann, Sperber. Ein falscher Zug könnte alles zunichte machen.«

»Das gleiche kann der Fall sein, wenn ihr keinen Zug macht. Sie wartet darauf, daß Ihr den ersten Schritt tut. Laßt sie nicht zu lange darauf warten!«

Stragen trat auf den Wehrgang. »Talen ist jetzt wach!« berichtete er. »Er ist zwar noch benommen, aber das wird sich geben. Eure Tochter macht ein ziemliches Getue seinetwegen, Sperber.«

»Sie mag ihn.« Sperber zuckte die Schultern. »Sie erzählt jedem, daß sie ihn heiraten wird, wenn sie groß ist.«

»Kleine Mädchen sind seltsam, nicht wahr?«

»O ja, und Danae ist noch seltsamer als die meisten anderen.«

»Ich bin froh, daß ich euch zwei hier allein antreffe. Es gibt da etwas, das ich erst mit euch besprechen möchte, ehe ich es den anderen gegenüber erwähne.« Stragen spielte abwesend mit zwei elenischen Goldhalbkronen, die er in der Rechten hielt. Er fuhr mit einer Fingerspitze über die geriffelten Ränder und hob sie, als versuche er, ihr Gewicht abzuschätzen. Baroneß Melideres Geständnis schien ihn ziemlich aus der Fassung gebracht zu haben. »Zalastas Wutanfall war nicht so unüberlegt, wie wir dachten. Die Trolle auf den Norden Atans zu hetzen, war das schlimmste Störmanöver, das Zalasta für uns parat hatte. Natürlich müssen wir etwas dagegen unternehmen; aber ich glaube, wir sollten zugleich damit anfangen, uns gegen seinen nächsten Zug zu wappnen. Trolle brauchen nicht viel Führung, wenn sie erst einmal die gewünschte Richtung eingeschlagen haben. Das bedeutet, daß Zalasta sich um etwas anderes kümmern kann. Meint ihr nicht auch?«

»Vermutlich.« Sperber nickte.

»Ich könnte mich natürlich irren…«

»Aber das glaubt Ihr nicht«, warf Vanion ironisch ein.

»Er ist heute ziemlich reizbar, nicht wahr?« wandte Stragen sich an Sperber.

»Er hat so seine Sorgen.«

»Also, ich vermute, daß Zalastas nächster Schritt sich mit den Verschwörern beschäftigt, die Sarabian und Ehlana in Ermangelung von genügend Kerkerplatz nicht festgenommen haben.«

»Er könnte sich genausogut mit den Armeen beschäftigen, die Parok, Amador und Elron in Westtamuli aufgestellt haben«, widersprach Vanion.

Stragen schüttelte den Kopf. »Diese Armeen sollen den Ordensrittern den Zugang zum Kontinent verwehren, Hochmeister Vanion, und ihre Aufstellung wurde von Cyrgon persönlich befohlen. Würde Zalasta sie jetzt in Gefahr bringen, müßte er sich vor Cyrgon verantworten, und ich glaube nicht, daß er bereits den Mut dazu hat.«

»Vielleicht habt Ihr recht«, gestand Vanion. »Also gut, nehmen wir an, er will tatsächlich diese zweitrangigen Verschwörer ins Spiel bringen. Sarabian und Ehlana sind schon dabei, sie verhaften zu lassen.«

»Warum sich überhaupt diese Mühe mit ihnen machen, Eminenz?«

»Nun, erstens einmal, um sie aus dem Verkehr zu ziehen. Außerdem darf nicht vergessen werden, daß sie des Hochverrats schuldig sind. Man muß ihnen den Prozeß machen und sie bestrafen.«

»Warum?«

»Um ein Exempel zu statuieren, Idiot!« brauste Vanion auf.

»Ich stimme zu, daß es wichtig ist, diese Kerle aus dem Verkehr zu ziehen, Hochmeister Vanion, aber es gibt wirkungsvollere Methoden, mit bestimmten Personen ein Exempel zu statuieren – nicht nur wirkungsvollere, sondern auch gewiß entsetzlichere. Schickt man Polizisten aus, jemanden zu verhaften, geht das meist recht laut zu, und für gewöhnlich hören es andere und können die Flucht ergreifen. Außerdem sind Gerichtsverhandlungen sehr langwierig und teuer und zeigen nicht immer die gewünschte Wirkung.«

»Ich vermute, daß Ihr mit einer Alternative aufwarten könnt«, sagte Sperber.

»Natürlich. Warum nicht die Hinrichtungen zuerst vornehmen und dann die Prozesse führen?«

Sie starrten ihn an.

»Ich greife da auf die Idee zurück, die ich vor ein paar Tagen hatte, und weite sie ein wenig aus«, erklärte Stragen. »Caalador und ich stehen mit einer größeren Zahl Profis in Verbindung, die nicht gerade mit Skrupeln behaftet sind. Sie könnten die Hinrichtungen persönlich in die Hand nehmen.«

»Ihr redet von Mord, Stragen!« entrüstete sich Vanion.

»O ja, Hochmeister Vanion. Ich glaube, manche Leute nennen es tatsächlich so. Die ganze Idee, die hinter diesem ›Exempel statuieren‹ steht, ist doch die, anderen eine solche Angst einzujagen, daß sie Abstand davon nehmen, das gleiche Verbrechen zu begehen. Aber es funktioniert nicht, weil Verbrecher wissen, daß die Chance sehr gering ist, sie zu erwischen und zu verurteilen.« Er zuckte die Schultern. »Es ist lediglich ein Risiko, und Risiken gibt es in jedem Geschäft. Wir berufsmäßigen Gauner brechen ständig die Gesetze, unsere eigenen Gesetze brechen wir jedoch nicht. Angehörige unseres Berufsstandes, die es dennoch tun, können nicht mit Anhörungen und Prozessen rechnen. Sie werden schlicht und einfach auf unsere Art hingerichtet. Keine Freisprüche, keine Gnadengesuche, keine Ausbrüche in letzter Minute. Sie werden getötet. Ende. Fall abgeschlossen. Die staatliche Justiz ist langwierig und unsicher. Unsere ist das genaue Gegenteil. Wenn ihr die Leute mit Terror auf dem Pfad der Tugend halten wollt, dann setzt echten Terror ein!«

»Es wäre eine Möglichkeit, Vanion«, sagte Sperber nachdenklich.

»Ihr zieht das doch nicht ernsthaft in Betracht, oder? Es handelt sich um Tausende dieser zweitrangigen Verschwörer! Ihr redet vom größten Massenmord in der Geschichte!«

»Es wäre eine Möglichkeit, meinen Namen im Buch der Rekorde zu verewigen.« Stragen zuckte die Schultern. »Caalador und ich werden es wahrscheinlich so oder so tun. Wir sind beide nicht sehr geduldig. Ich hätte euch gar nicht damit belästigt; aber mich hat eure Meinung dazu interessiert. Sollen wir Sarabian und Ehlana einweihen? Oder sollen wir sie gar nicht erst damit behelligen? Diskussionen über Sittlichkeit – oder wie man sie auslegt, sind höchst unergiebig, findet ihr nicht? Es geht darum, daß wir etwas unternehmen müssen, das Zalasta noch mehr den Verstand raubt, und ich bin der Meinung, daß unser Plan genau das Richtige wäre. Wenn er in nächster Zeit eines Morgens aufwacht und erkennt, daß er völlig allein ist, denkt er vielleicht noch einmal ausführlich über die Klugheit seines Planes nach. Ach ja, übrigens, ich habe Berit und Xanetia ausgeliehen. Sie machen einen Spaziergang in der Nähe der cynesganischen Botschaft, damit Xanetia ihr Fangnetz durch das Gedächtnis der Leute dort ziehen kann. Wir haben zwar eine ganze Menge Namen, aber ich bin sicher, daß es noch weitere gibt.«

»Muß Xanetia denn nicht im selben Zimmer sein, um die Gedanken von jemandem belauschen zu können?« fragte Vanion.

»Da ist sie sich selbst nicht so sicher. Sie hatte noch nie Gelegenheit, die Grenzen ihrer Gabe festzustellen. Ihr heutiger Ausflug ist eine Art Experiment. Wir hoffen, daß sie durch die Wände greifen und die Namen der Leute im Innern herausziehen kann. Wenn das nicht möglich ist, werde ich schon eine Möglichkeit finden, Xanetia ins Gebäude zu bringen, damit sie herausfischen kann, was wir brauchen. Caalador und ich wollen so viele Informationen und Namen wie nur möglich. Den größten Massenmord der Geschichte gewissenhaft vorzubereiten ist eine sehr komplizierte Angelegenheit, und wir möchten es wirklich nicht zweimal machen müssen.«