Feuer

Kai Saalfeld stand auf der Veranda vor seinem Arbeitszimmer und blickte in den dunklen Garten. Die Laternen vorn bei den Buchsbäumen waren soeben angegangen. Im Schein der hellen Lampen warfen die Bäumchen lange Schatten. Er hatte die Pflanzen gestern erst gestutzt. Auch die Rosen in dem Beet daneben waren in dem Lichtschein gut zu erkennen. Kai Saalfeld sah zur Straße. Die Linden an der Einfahrt bewegten sich sacht und würdevoll im Wind, als nickten sie dem Gast bereits zu, den er erwartete. Der Garten hat auch im Dunklen seinen Charme, dachte er und ging in sein Arbeitszimmer zurück, um sich nachzuschenken.

Bald war es so weit. Der Mann, der ihn besuchen würde, saß wahrscheinlich schon im Taxi. Vor zwei Tagen hatte ihn der Mann aus Amerika angerufen. Ein unerwarteter Anruf. Ob er ihn besuchen dürfe, hatte er gefragt. Kai Saalfeld hatte ja gesagt.

Schade, dass die Titanenwurz nicht mehr blüht, dachte er jetzt. Aber der Mann aus Amerika würde auch so staunen. Die Bezeichnung gefiel ihm: »Mann aus Amerika«. Er würde ihm natürlich das neue Tropenhaus zeigen.

Kai Saalfeld nahm sich eine zweite Whiskeyflasche. In der Bar seines Arbeitszimmers hatte er die wirklich guten Tropfen stehen. Und die waren nur für ihn. Selbst Wim Tanner musste mit der Bar des Esszimmers im Familienflügel vorliebnehmen. Heute war er allerdings ausgegangen. Gezwungenermaßen. Kai Saalfeld hatte von ihm verlangt, die Villa zumindest für ein paar Stunden zu verlassen. Niemand sollte das Wiedersehen stören. Wim Tanner hatte geflucht, sich dann aber gefügt. Die Zivilbeamten am Eingang hatten ihn nicht angehalten. Er richtete sich immer noch jeden Morgen sorgfältig als andalusischer Gärtner her, fürchtete jedoch, dass seine Verkleidung irgendwann auffliegen könnte, und hatte daher inzwischen konkrete Pläne, die Villa zu verlassen.

Wie ruhig das Haus war, dachte Kai Saalfeld. Ganz anders als früher. Innerhalb von drei Wochen hatte sich sein Leben dramatisch verändert. Es war in sich zusammengestürzt wie ein Kartenhaus. Er hatte seinen Job verloren, seine Frau, seinen Sohn. Und die genetische Mutation, die er Tag und Nacht gesucht hatte, war unauffindbar geblieben.

Aber in diesem Moment störte ihn das alles erstaunlich wenig. Er fühlte sich am Ziel, denn eine große Last war von ihm abgefallen. Der permanente Drang, immer größere Gärten bauen zu müssen, war weg. Mit dem heutigen Tag hatten die Gärten ihre Funktion erfüllt. Das alles hatte auch einen sehr praktischen Vorteil: Er würde nicht mehr so viel Geld verdienen müssen.

Das einzige Problem war eigentlich nur noch das Mädchen. Am einfachsten wäre es, sie freizulassen, überlegte er. Es war nicht klug, sich mit einem Mord zu belasten, und wäre es auch nur als Mitwisser.

Wenn Wim etwas Geld mit dem Mädchen verdient hatte, konnten sie sie an einer unbelebten Straße aus dem Auto steigen lassen. So einfach war das. Er selbst würde dann allerdings untertauchen müssen, denn sobald das Mädchen wieder da war, würde man versuchen, ihn zu verhaften. Da war er sich sicher. Der Kommissar hatte ihm bereits gesagt, dass er ihm nachweisen könne, dass er Wim Tanner bei seiner Flucht unterstützt hatte. Offenbar hatte die Polizei ein Gespräch im Auto mitgeschnitten. Aber ihn hielt hier sowieso nichts mehr, und ausreichend »Fluchtgeld« besaß er auch. Für einen ordentlichen Neuanfang würde es jedenfalls reichen.

Wie der Mann wohl aussah? Kai Saalfeld hatte sich vorgenommen, ihm keine Vorwürfe machen. Es war alles so lange her … Als er gerade erneut das Glas ansetzte, klingelte es an der Tür.

Sie saßen zu viert im Baumhaus. Jonah, Charlie, Dukie und Klara. Es war verdammt eng, denn das Baumhaus war eigentlich nur für zwei Personen ausgelegt. Jonah und Dukie hatten es einst zusammen mit Jonahs Vater gebaut. Sie hatten dafür Jonahs Lieblingsbaum ausgewählt, einen alten Apfelbaum, dessen Äpfel stets als Erste reif waren. Auch jetzt roch der ganze Baum nach Äpfeln. Jonah streckte seine Hand aus und bekam einen zu fassen. Er riss ihn ab. Es war ein ziemlich kleiner Apfel. Jonah stopfte ihn in seine Hosentasche.

»Er ist längst im Haus!«, sagte Klara ungeduldig. Dukie schwieg. Er tippte unverdrossen auf seinen Armaturen herum, die er irgendwie auch noch in dem Baumhaus untergebracht hatte. Er hatte ihnen versprochen, dass sie jedes Wort, das in der Villa fiel, mithören könnten. Aber bislang hörten sie gar nichts.

In den Zweigen raschelte es. Vielleicht ein Eichhörnchen. Dann blubberte es. Einer der Koi-Karpfen, dachte Jonah. Das Baumhaus lag direkt neben dem kleinen Teich mit den Zierfischen. Kurz darauf raschelte es in einem Busch. Ein Vogel. Ein Apfel fiel zu Boden. Wie laut die Geräusche nachts waren.

Es war komisch, hier zu sein. Alles an dem Ort war bedeutungsvoll. Die Nachtluft schien erfüllt mit den Gespenstern der Vergangenheit – und der Gegenwart. Zweimal war Jonah seit der Flucht aus dem Tropenhaus noch in der Villa gewesen. Beide Male, um Dukie und der Polizei beim Durchsuchen des Grundstücks zu helfen. Und jedes Mal hatte er das Gefühl gehabt, dass Jette ganz nah war. Genau wie jetzt. Er spürte ihre Existenz an diesem Ort.

»Schön hast du’s hier.« Die Stimme eines alten Mannes schallte plötzlich aus einem der Lautsprecher. Der Mann sprach mit amerikanischem Akzent.

»Hm«, antwortete Dr. Saalfeld.

Es ging los. Jonah beugte sich zu dem Lautsprecher vor.

»Wie alt … bist du, boy?« Der Mann sprach ein Mischmasch aus Deutsch und Englisch.

»Das fragt man normalerweise ein Kind«, sagte Dr. Saalfeld. Er lachte, doch es klang nicht froh.

»Entschuldige bitte«, bat der Mann.

»Sechsundvierzig Jahre«, sagte Dr. Saalfeld.

Dann war es still.

»Etwas zäh, die Unterhaltung«, sagte Charlie in die Stille hinein.

»Wie ist er denn so?«, fragte Dukie. Seine Stimme klang ungewohnt zaghaft.

»Nett …«, sagte Charlie. Sie hatte den Mann mit dem Taxi vom Flughafen abgeholt. Er sollte nicht auf die Idee kommen, noch im letzten Moment zu kneifen. Kurz vor der Villa war sie aus dem Taxi gestiegen, damit Dr. Saalfeld sie nicht sah, und dann vor wenigen Minuten zu den anderen ins Baumhaus geklettert. »Er ist alt«, sagte sie. »Siebzig oder achtzig Jahre. Und der Flug hat ihn angestrengt.«

Norbert Königssohn hatte nur drei Tage benötigt, um den Mann zu finden. Keine Frage, er wusste, wie man Vermisste sucht. Das jahrelange Untertauchen hatte ihn zu einem Experten für echte und falsche Spuren gemacht.

Dukie hatte den Mann in Amerika dann angerufen. Ihm konnte er eine Bitte am wenigsten abschlagen. Er war schließlich sein Großvater. »Du musst schnell kommen«, hatte Dukie gesagt, »und dir die Gärten zeigen lassen. Bewundere sie. Mehr ist eigentlich gar nicht nötig. Aber es ist sehr wichtig. Mein Vater hat ein Mädchen gekidnappt. Wir hoffen, dass er sie dann freilässt.« Dukie hatte einige Zeit gebraucht, um dem Mann am anderen Ende der Leitung die Zusammenhänge zu erklären. Aber dann hatte der sich tatsächlich bereit erklärt, über den Ozean zu fliegen.

»Warum bist du gekommen?«, fragte Dr. Saalfeld.

»Wie geht es deiner Mutter?«, antwortete der Mann ausweichend.

»Sie ist tot. Wieso bist du hier?«

»I read about you in the newspaper.«

»Worüber?«

»Eine Entführung.«

»So.«

»Hast du etwas damit zu tun?«

»Was geht’s dich an?«

»Nothing«, sagte der Mann. Und dann, sehr leise: »I’m sorry …«

»Du siehst anders aus, als ich dich in Erinnerung hatte.« Dr. Saalfelds Stimme.

»Älter. Like an old man.«

»Ja, alt.«

Pause.

»Warum bist du nicht wiedergekommen?« Kai Saalfelds Stimme klang tiefer als sonst.

Jonah fühlte sich auf einmal unwohl. Dr. Saalfeld war für ihn immer »der Hausherr« gewesen. Der Arbeitgeber seiner Eltern. Jetzt erlebte er ihn in einer ganz anderen Rolle. Sehr privat.

»Ich wollte immer wiederkommen.«

»Du hast nicht einmal geschrieben.«

»Ich wollte es immer. Aber ich bin kein großer Schreiber. Und irgendwann war es zu spät.«

Dr. Saalfeld lachte bitter.

Wieder Stille. Dann das Geräusch eines rückenden Stuhles.

»Ich zeig dir den Garten«, sagte Dr. Saalfeld.

»Okay«, stimmte der alte Mann zu.

Dukie tippte eilig auf seinen Tasten herum. »Sie gehen raus«, sagte Klara ungeduldig. »Hast du alle Mikrofone angeschaltet?« Dukie antwortete nicht. »Sag doch was«, drängelte Klara. Jonah grinste. Klara war auch nicht unfehlbar. Zu meinen, man könne Dukie ansprechen, während er seine Geräte justierte, war ein echter Anfängerfehler.

»Stell dich hierhin«, hörten sie Dr. Saalfeld sagen. »Hier hast du den besten Blick.«

»Sie sind auf der Veranda«, flüsterte Dukie.

»Das ist mein kleines Reich«, sprach er weiter. »Es ist dunkel, aber einiges kannst du trotzdem sehen. Da vorn stehen die Buchsbäume. Ich schneide sie immer selbst. Die beiden ganz rechts sind ›Dame‹ und ›König‹ aus einem Schachspiel. Erkennst du die Figuren? Es hat lange gedauert, bis die Bäume so groß waren, wie ich sie haben wollte. Und daneben, auch noch im Licht der Laternen, sind die Rosen. Man sieht es jetzt nicht. Aber sie haben lavendelfarbene Blüten! Und duften wunderbar zart. Ich versuche, auch türkisfarbene Rosen zu züchten. Aber das ist sehr schwierig. Auf den kleinen Wegen liegt übrigens nicht einfach nur Kies. Das ist Marmorsplitt aus Verona. Pfirsichfarben. In der Morgen- und Abendsonne glänzt er wie Honig. Die Wasserlandschaft …«

»Es ist ein herrlicher Garten. Wunderschön!«, unterbrach der alte Mann den Vortrag. »Könntest du mir einen Stuhl bringen? Der Flug war lang.«

»Aber im Sitzen kannst du das alles doch gar nicht sehen«, antwortete Dr. Saalfeld und redete weiter: »Zum Beispiel das Treibhaus dahinten: Dort züchte ich Titanenwurze! Die Pflanzen haben die größten Blüten, die es überhaupt gibt. Aber das weißt du sicher. Vor ein paar Tagen hat eine geblüht. Das gelingt nur wenigen. Ich habe einen Mitarbeiter, der sich sehr gut auskennt. Wenn die Blumen blühen, dann riechen sie … nach Aas. Offen gesagt, sie stinken ganz schön. Das lockt Fliegen und anderes Kleinvieh an. Die Blume ernährt sich von dem Geschmeiß. Jeder hat eben seine eigene Methode zu überleben. Die Tiere verwechseln die Blume mit einem toten Kadaver, und schwups! rutschen sie in den Kelch hinein …«

»Kai, bitte, ich muss mich setzen«, wiederholte der alte Mann seinen Wunsch nach einem Stuhl. Er klang jetzt schwächer als noch vor ein paar Minuten.

»Was dir aber den Atem rauben wird«, dozierte Dr. Saalfeld weiter, »ist mein Tropenhaus. So etwas hast du noch nicht gesehen! Ein echtes Tropenhaus! Die Pflanzen kommen aus Borneo. Ich habe die Bäume in der Erde gelassen und das Ganze parzellenweise verschiffen lassen. Wir mussten dafür mehrere Containerschiffe chartern und haben auf den Schiffen riesige Gewächshäuser aufgestellt …«

»Kai …«, unterbrach der alte Mann ihn wieder. Dann waren zwei, drei unsichere Schritte zu hören.

»Du bleibst hier«, sagte Dr. Saalfeld scharf.

»Ich kann nicht mehr.« Noch ein Schritt. Dann gab der alte Herr ein schmerzverzerrtes »Aaah« von sich.

»Was ich sagen wollte«, erzählte Dr. Saalfeld ungerührt weiter. »Nasenaffen! Ich habe echte Nasenaffen mitgebracht …«

»Bitte, lass mich gehen!«

»Was passiert denn da?«, fragte Jonah. »Dukie, hast du ihm nicht gesagt, dass er sich den Garten zeigen lassen muss? Dafür ist er doch da.«

»Er kann nicht mehr«, antwortete Dukie besorgt. »Das hört man doch. Er ist halt alt. Hat einen Langstreckenflug hinter sich.«

»Kai, please stop«, flüsterte der alte Mann.

»Du schaust dir den Garten jetzt an!«, befahl Dr. Saalfeld. Seine Stimme klang kalt und herzlos.

»Warum machst du das?«, fragte der alte Mann.

»Du hast es doch so gewollt!«

»Was hab ich gewollt?«

»Erinnerst du dich nicht?«

»Woran?«

»›Pass mir auf den Gemüsegarten auf‹«, sagte Dr. Saalfeld, als äffe er jemanden nach. »Das hast du gesagt, als du gegangen bist. Und: ›Du kriegst das hin. Wenn ich wiederkomme, steht hier ein Prachtgarten. Dann ernten wir zusammen.‹«

»Kann sein, dass ich das gesagt habe.«

»Aber du bist nicht wiedergekommen. Ich habe die Salatköpfe in der Erde gelassen, bis sie verfault sind. Und im nächsten Jahr habe ich neu ausgesät. Und du bist wieder nicht gekommen.«

Der alte Mann sagte nichts.

»Ich dachte …« Dr. Saalfelds Stimme brach. »Ich dachte, dass ich den Garten vielleicht nicht gut genug gepflegt hätte. Ich war sieben Jahre alt. Ich wusste es nicht besser.«

»Bitte …«

»Ich habe jedes Jahr versucht, es besser zu machen. Als du noch da warst, warst du so …« Dr. Saalfeld suchte nach dem richtigen Wort. »… nett zu mir. Wir waren immer in dem Garten. Diesem Schrebergarten. Du hast mir alles gezeigt. Du hast gesagt, dass die Tomaten ein Dach brauchen, weil sie den Regen nicht mögen. Du hast mir gezeigt, wie tief man die Kartoffeln setzen muss. Und überall hattest du Blumen. Und du hast immer gelacht. Warum bist du gegangen? Wenn du mich wenigstens geschlagen hättest. Dann wäre es nicht so schlimm gewesen. Aber dass du da warst und dann gegangen bist …« Blanker Schmerz sprach aus Dr. Saalfelds Stimme. »Und irgendwann war ich erwachsen. Aber das mit den Gärten hat nicht aufgehört. Ich konnte nichts dagegen machen. Du hattest ja gesagt, dass du wiederkommst!« Dann sagte er auf einmal in einem schneidenden Tonfall: »Hier siehst du den Garten. Ich schenke ihn dir.«

»Du musst mir nichts schenken«, flüsterte der alte Mann.

»Ich habe hart dafür gearbeitet. Bin Manager geworden, habe einen Konzern geleitet, ein Mädchen entführt. Und du sagst, du willst den Garten nicht?«

»Kai …«

»Du meinst, alles war umsonst?«

»Ich bitte dich.«

Der alte Mann schrie auf. Vielleicht hatte Dr. Saalfeld ihn zu Boden gestoßen. Schritte in Richtung Haus waren zu hören. Dann blieb es erst mal still.

»Was ist denn da los?«, fragte Jonah unruhig.

»Alles in Ordnung, Dukie?« Das war Charlie.

»Könnt ihr irgendwas sehen?«, fragte Jonah.

»Was willst du mit dem Kanister?«, rief plötzlich der alte Mann. Er klang erschrocken. »Stop it! No gasoline!«

Sie kletterten in Windeseile das Baumhaus hinunter. Jonah als Letzter.

»Das dahinten ist doch Feuer!«, stieß Klara entgeistert hervor.

Dann Charlies alarmierte Stimme: »Ja, die Pflanzen auf der Terrasse brennen. Verdammt, der Vorhang von der Terrassentür: Der bauscht sich nach draußen … Der hat Feuer gefangen!«

»Los!«, rief Dukie und rannte zur Villa. Charlie lief ihm hinterher.

Klara zog ihr Handy aus der Hosentasche und rief die Feuerwehr an. »Fünfzehn Minuten?«, schrie sie. »Geht das nicht schneller? Ein Großeinsatz am anderen Ende der Stadt?«

»Sag ihnen, dass Menschen in der Villa sind!«, schrie Jonah.

Als Klara aufgelegt hatte, sagte sie: »Du gehst zur Einfahrt und wartest dort auf uns, okay? Ich helf löschen.« Sie wollte losrennen, aber Jonah hielt sie am Arm fest.

»Jette ist da drin«, sagte er.

»Jonah«, antwortete sie, »wir haben alles abgesucht.« Es sollte überzeugend klingen, aber er konnte ihre Angst spüren. Dann war auch sie fort.

Jonah blieb unschlüssig stehen und drückte auf die Zeitansage seiner Uhr. Es war 22.44 Uhr. Vor elf war mit der Feuerwehr nicht zu rechnen. Die Villa würde wie Zunder brennen, wenn sich das Feuer erst einmal ausgebreitet hatte. Diese verdammten Louis-quinze-Möbel. Trockeneres Holz gab es wahrscheinlich gar nicht. Dann das Holzparkett in den Zimmern sowie die vertäfelte Eingangshalle. Und Klara sagte ihm, er solle zum Tor gehen und dort warten! Sie hatte sie ja wohl nicht mehr alle. Er überquerte den Rasen, erreichte den Zufahrtsweg zur Villa – und lief, so schnell er konnte, auf das Haus zu.

Im nächsten Moment roch er dann den Rauch. Es war, als hätte ihm jemand einen Schlag versetzt. Es brannte wirklich. Seitdem er blind war, blieben die Dinge, die er nicht sehen konnte, bisweilen mit einer merkwürdigen Unwirklichkeit behaftet. Aber jetzt war auch ihm klar, dass es tatsächlich brannte. Scheiße, Königssohn, dachte Jonah. Dein Plan hat’s ja voll gebracht. Benzingeruch stieg ihm in die Nase, Dr. Saalfeld versuchte offenbar, große Teile des Gartens abzufackeln. Und auch das Haus hatte schon Feuer gefangen.

Jonah riss seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche und steckte ihn ins Schloss. Auch in der Villa roch es bereits nach Rauch. Hastig durchquerte er die Halle und öffnete die Tür zu dem kleinen Flur, an dessen Ende Dr. Saalfelds Arbeitszimmer lag. Hier war der Rauch noch deutlicher zu riechen. Jonah betrat den Flur. Die Tür zur Halle fiel laut hinter ihm zu. Es war eine selbst schließende Tür. Dr. Saalfeld hatte sie vor ewiger Zeit einbauen lassen, weil das Personal die Tür nach seinem Geschmack zu häufig offen stehen ließ. Jonah ging schnell zum Arbeitszimmer durch. Auch diese Tür war geschlossen. Als er seine Hand an die Türplatte legte, merkte er, dass sie warm war. Dahinter knisterte und knackte es. Das Feuer schien sich im Zimmer ausgebreitet zu haben. Er hörte die Rufe der anderen. Sie versuchten zu löschen. Wenn sie den Schlauch von der Veranda genommen hatten, dann konnten sie es auch gleich sein lassen. Auf dem hatte es noch nie richtig Druck gegeben.

Er tastete sich eilig zurück in die Eingangshalle und rief laut: »Jette?!« Statt einer Antwort klingelte sein Handy. Er zog es aus der Hosentasche. Es war Benno Krawtschik.

»Hab keine Zeit«, sagte Jonah.

»Ich muss dir was sagen.«

»Später.« Er legte auf.

»Jette?«, fragte Jonah wieder in die Stille hinein. Er ging ein paar Stufen die breite Wendeltreppe hinauf, dann blieb er stehen. Wo hatten sie noch nicht gesucht? Was hatten sie übersehen?

Das Handy klingelte wieder. Entnervt ging Jonah dran.

»Bist du in der Villa?«, fragte Benno, noch bevor Jonah ihn wieder wegdrücken konnte.

»Ja.«

»Brennt es?«

»Woher weißt du das?«

»Polizeifunk. Ist die Feuerwehr schon da?«

»Nein.«

»Jonah, wenn sie kommt, musst du den Leuten sagen, dass sie unbedingt im Heizungskeller nachschauen müssen! Hast du verstanden? Im Heizungskeller! Vielleicht haben sie deine Freundin dort versteckt.«

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte Jonah. Er versuchte, ruhig zu bleiben. Er durfte jetzt keine Zeit mit falschen Fährten verlieren.

»Carmen ist bei mir …«, sagte Benno vorsichtig.

Jonah schwieg.

»Sie hat sich die ganze Zeit über den Kopf zermartert, wo deine Freundin sein könnte. Und ihr ist etwas Seltsames aufgefallen. Am letzten Tag, als sie noch in der Villa war, ist ein Heizkessel geliefert worden. Die Leute haben bei ihr in der Küche noch einen Kaffee getrunken, und da hat Carmen mitbekommen, wie sie sich darüber gewundert haben, dass sie den neuen Heizkessel nicht anschließen sollten. Und dass es überhaupt keinen Grund gab, einen neuen zu liefern. Denn der alte, der im Keller stand, war noch tipptopp.«

»Dafür kann es viele Erklärungen geben«, sagte Jonah.

»Zum Beispiel, dass der neue Kessel nicht zum Heizen da ist, sondern etwas verdecken soll«, sprach Benno weiter. »Vielleicht eine Tür. Heizkessel sind sauschwer. Man kann sie nicht einfach wegschieben.«

»Gibt es denn da unten eine Tür?«

»Carmen kann sich an keine Tür erinnern. Aber das muss nichts heißen.«

»Die Polizei hat das Haus durchsucht.«

»Die Feuerwehr sollte trotzdem …«

»Ich geh jetzt selber nachsehen.«

»Du?«, fragte Benno entsetzt. »Jonah, mach das nicht. Du kannst den Kessel sowieso nicht allein bewegen. Warte wenigstens auf uns. Wir sind auf dem Weg.«

Jetzt erst bemerkte Jonah das Motorengeräusch im Hintergrund. »Benno, ich leg jetzt auf.«

»Warte!«, brüllte Benno ihm ins Ohr. »Wo genau brennt es denn?«

»Im Arbeitszimmer.«

»Ist die Tür zum Arbeitszimmer zu?«

»Ja.«

»Hol schnell ein paar Eimer Wasser und schütte sie gegen die Tür. Dann hält sie länger. Und leg nasse Handtücher auf den Boden an den Türspalt, damit der Rauch nicht durchkommt. Der Rauch ist das Gefährliche! Du darfst ihn nicht einatmen. Ich meine diese dicken schwarzen Brandwolken. Verstehst du? Da ist alles Mögliche drin. Verbranntes Plastik, verdampfte Lösungsmittel, Kohlenmonoxid. Alles hochtoxisch. Die Wolken sind tödlich. Ein paar Atemzüge reichen. Zur Not krabbelst du unter dem Rauch durch. Der Rauch ist oben. Manchmal hat man unten noch Luft …«

»Benno, ich leg jetzt auf.«

»Halt!«, schrie Benno ihm ins Ohr. »Du hast ab jetzt drei Minuten. Maximal vier. Versprich mir, dass du dann wieder draußen bist! Wenn du Pech hast, brennt die ganze Villa in null Komma nichts. Was? Augenblick … Carmen sagt, du sollst nicht allein in den Keller gehen. Er liegt direkt unter dem Arbeitszimmer. Ganz nah dran am Feuer. Die Kellertür ist in dem kleinen Flur. Kannst du jemanden mitnehmen?«

»Ja«, sagte Jonah, um das Gespräch endlich zu beenden.

»Scheiße!!«, brüllte Benno ihm noch ins Ohr. »Das ist ja ein Gas-Kessel! Hab ich gar nicht dran gedacht. Junge, der kann dir um die Ohren fliegen …«

Jonah drückte die Auflegentaste.

Er rannte wieder los. Jeder Meter in der Villa war ihm vertraut. In der Küche füllte er in Windeseile einen Topf mit Wasser, trug ihn durch die große Eingangshalle, öffnete die Tür zum kleinen Flur und schüttete das Wasser gegen die Tür des brennenden Zimmers. Dann lief er zurück, griff sich einen Stapel Geschirrtücher und hielt sie unter den laufenden Wasserhahn. Zwei nasse Tücher band er sich um die Oberschenkel. Vielleicht würde er sie noch brauchen. Mit den anderen in der Hand rannte er wieder los und legte sie an den Türspalt.

Er öffnete die Kellertür. Da war der Lichtschalter. Er machte ihn an. Licht für Jette. Er lief die Treppe hinunter und drückte dabei auf seine Uhr. 22.49 Uhr. Noch mindestens zehn Minuten, bis die Feuerwehr da sein würde.

»Jette?«, rief er laut in den Heizungskeller hinein. Seine Stimme hallte dumpf nach. Aber außer dem leisen Brummen des Kessels war nichts zu hören. Jonah tastete sich voran. Da war der alte Kessel, der noch arbeitete und das Geräusch machte. Der neue stand direkt daneben. Jonah ließ seine Hand über die glatte Oberfläche gleiten. Sie war leicht gewölbt und aus kühlem Stahl. Es gab ein paar Regler, mehrere Knöpfe und eine spielkartengroße Öffnung ins Innere. Wahrscheinlich brannte an dieser Stelle die Gasflamme, wenn man den Kessel in Betrieb nahm. Jonah presste seinen Mund an die Öffnung und fragte: »Jette?« Der Schall wurde im Innern des zylindrischen Körpers hin und her geworfen. Jonah klopfte mit den Fingerknöcheln an die Oberfläche. Es hallte nach. Der Kessel schien leer zu sein.

Das Gerät lehnte nicht direkt an der Wand. Es war genug Platz, um die Mauer dahinter abzutasten. Eilig fuhr Jonah mit seiner Hand über die Steinziegel. Er prüfte erst den oberen Bereich, dann den unteren. Aber er konnte nichts Auffälliges entdecken. Dann klopfte er die Wand ab. Das Geräusch erstarb auf der Oberfläche. Die Mauer schien massiv zu sein.

Er blieb ratlos vor dem Kessel stehen. Aus einem Impuls heraus wollte er sich wieder die Zeit ansagen lassen. Aber dann fragte er sich, warum. Verzweiflung packte ihn. Jette!, schrie sein Herz. Er sah sie vor sich, wie sie von einer großen Welle weggerissen wurde, und er konnte sie nicht festhalten, konnte sie nicht retten. Erschöpft sank er auf den Boden und blieb dort sitzen.

Das Handy klingelte schon wieder. Benno wollte wissen, wo er sei. Jonah hatte noch nie einen Menschen so fluchen hören. Dann wurde die Verbindung unterbrochen. Erstaunlich, dass man hier überhaupt telefonieren konnte, dachte Jonah. Und jetzt? Er hatte keine Idee mehr. »Du hast verloren, Alter«, sagte er leise. Er stand auf, schleppte sich die Treppe hoch und öffnete die Kellertür.

Sofort warf er sie wieder zu und hustete. Der Rauch hatte den Flur erreicht. Aber mit einem nassen Tuch vor dem Gesicht würde er wohl noch durchkommen. Heiß war es nicht gewesen. Das Feuer schien sich noch nicht durch die Tür des Arbeitszimmers gefressen zu haben.

Andererseits konnte ihn niemand zwingen hinauszulaufen. Das war das Gute im Leben. Bestimmte Entscheidungen konnte man selbst treffen. Er lief die Treppe wieder hinunter. Jetzt, beim zweiten Mal, erschien ihm das Kellergewölbe wie eine Gruft, in der man die Toten beerdigt. Er betrat wieder den Raum mit den Heizkesseln und stellte sich vor den neuen. Er umfasste den Kessel mit beiden Händen, als wolle er ihn umarmen. Wie eine stählerne Geliebte.

Erneut strich er mit den Händen über die glatte Oberfläche, legte sein heißes Gesicht an den kühlen Stahl, fuhr mit den Fingern in die kleine Öffnung hinein und bekam im Innern einen Hebel zu fassen. Er drückte das Ding nach oben. Dann nach unten. Mit einem leisen Pling schwang der Kessel auf. Seine Vorderseite öffnete sich wie eine Tür. Jonah streckte seine Hände ins Innere. Es war leer. Er tastete sich weiter und kam sich vor wie in einer Rakete. Fehlte nur noch, dass man ihn ins Weltall schoss. Auf dem Boden lag etwas. Eine Strickleiter. Er schob sie beiseite und tastete sich weiter. Der Kessel hatte keinen eigenen Boden. Jemand musste ihn herausgenommen haben. Unter ihm war der Kellerboden – mit einer Luke. Sie war durch ein Vorhängeschloss gesichert. Jonah tastete die Innenwände des Kessels ab. Da war der Haken mit dem Schlüssel. Er sperrte die Luke auf.

»Jette?«, fragte er in die Tiefe.

Keine Antwort.

Aber sie war da.

Er hörte sie atmen.

Es gab zwei Haken, an denen man die Strickleiter aufhängen konnte. Jonah arbeitete schnell und konzentriert. Die Zeit lief wieder. Vorsichtig stieg er hinunter.

»Jette?«, fragte er.

»Ja?«

Sie lag auf einer Matratze.

Er setzte sich neben sie und legte seine Hand auf ihr Gesicht. Sie war heiß und verschwitzt. Ihr Atem ging schnell.

»Wir müssen gehen.«

»Ja.«

Er nahm ihre Hand. Sie war voller Pusteln. »Ich helfe dir.«

Aber sie konnte nicht aufstehen.

Er zog sie hoch und stellte sie an die Wand. Sie taumelte. »Ich trage dich«, sagte er. »Halt dich an meinem Rücken fest. Schnell.« Er bückte sich und stand mit ihr auf dem Rücken wieder auf. Sie trug immer noch den Hosenrock und klammerte sich an ihm fest wie ein Affenbaby. »Nicht am Hals«, sagte Jonah röchelnd. Er kletterte mit ihr zusammen die Leiter hoch. Sie riss nicht. Aber die Öffnung oben war zu klein, um gemeinsam hindurchzuklettern.

»Du zuerst«, sagte Jonah, doch sie rührte sich nicht. »Du musst allein weiterklettern. Über mich drüber, beeil dich«, befahl er. Aber Jette reagierte nicht. »Was brauchst du, damit du durch die Luke klettern kannst?«, fragte er.

»Brausebonbons«, sagte sie schwach.

Jonah griff in seine Jackentasche, zog zwei Brausebonbons hervor und gab sie ihr. Es war nicht einfach, mit ihr auf dem Rücken.

»Woher hast du die?«, wimmerte sie. Dann kamen langsam und umständlich mehrere Sätze auf einmal. »Ich hab nicht gedacht, dass du Brausebonbons dabeihast, denn dann hätte ich etwas anderes gesagt. Ich kann nämlich nicht klettern. Ich hab keine Kraft mehr.« Und mit diesen Worten ließ sie Jonah los und hievte sich durch die Luke auf den Boden über ihr. Er musste sie noch von der Öffnung wegstoßen. Kurz darauf hatte auch er es geschafft.

Sie kauerte ihm gegenüber auf dem Boden.

»Ich hab dich gesucht«, sagte er leise.

»Und gefunden«, sagte sie. Es klang matt und elend.

Jonah war zum Heulen zumute. Was hatten sie mit ihr gemacht? Er traute sich nicht zu fragen.

»Es geht mir gut«, sagte sie, als hätte sie seine Gedanken erraten.

»Das merkt man«, versuchte er zu scherzen.

»Nein, wirklich«, sagte sie schwach. »Es ist nichts passiert. Ich hab Windpocken bekommen. Deshalb konnten sie mich nicht operieren.«

»Er hat nicht …?«

»Nein.«

»Und du hast was? Windpocken?«

»Kennst du das nicht? Das mit den Pusteln. Die so jucken.«

»Windpocken!«, jubelte Jonah. »Natürlich! Man musste im richtigen Augenblick Windpocken bekommen. Das war es!« Am liebsten hätte er vor Freude getanzt. Aber dann erinnerte er sich an das Feuer über ihnen. »Das Arbeitszimmer brennt«, erklärte er. »Wir müssen hier raus.«

Er schob sie die Kellertreppe hoch. Sie kamen nur langsam voran. Jede Stufe schien sie anzustrengen. Der Rauch war jetzt auch schon hier unten zu riechen. »Nicht aufmachen«, sagte er, als sie vor der Kellertür standen. Er legte seine Hand an die Tür. Die Temperatur war normal. Ob es im Flur schon brannte? Qualm biss in seinen Augen. Jette zog ihn von der Tür weg. »Durch das Schlüsselloch kommt Rauch«, sagte sie.

Sollten sie warten, bis die Feuerwehr kam? Es war 22.59 Uhr. Eigentlich müsste sie jeden Moment eintreffen, und Benno hatte der Leitstelle mit Sicherheit gesagt, wo sie waren. Die Feuerwehr würde sie hier rausholen. Aber hatten sie noch so lange Zeit?

»Jo«, sagte Jette, »da oben kommt auch Rauch rein. Durch den Spalt über der Tür. Schwarzer Rauch. Er sammelt sich an der Decke.«

»Mach mal kurz die Tür auf«, sagte Jonah. »Aber nur kurz. Und schau, ob wir noch durchkommen. Rechts ist das Arbeitszimmer. Dort brennt es. Wir müssen nach links. Da ist die Tür zur Eingangshalle.«

Jette öffnete die Tür. Jonah merkte, wie er automatisch die Luft anhielt. Sie warf die Tür schnell wieder zu.

»Ich glaube, es geht noch«, sagte sie zögernd und hustete. Jonah spürte den Rauch, der hereingekommen war. Er brannte in der Kehle. »An der Decke hängen schwarze Rauchschwaden. Es ist warm, aber nicht heiß. Feuer hab ich keins gesehen.«

Jonah knotete die feuchten Lappen ab, die an seinen Beinen befestigt waren, und gab ihr einen. »Nichts wie raus hier!«, sagte er. »Halt den Lappen vors Gesicht. Und atme bloß nicht den schwarzen Rauch ein! Das ist Gift. Davon stirbt man. Du führst uns, okay? Lauf schnell! Nach links. Die Tür zur großen Halle ist wahrscheinlich zu. Die schließt immer von selbst. Du musst sie aufmachen. Dann haben wir es geschafft. Es sind nur ein paar Meter.«

Jette öffnete die Tür und nahm seine Hand. Sofort begannen seine Augen zu brennen. Er drückte das feuchte Tuch fest auf sein Gesicht und versuchte, möglichst flach zu atmen. Der Rauch reizte trotzdem seinen Hals. Er musste husten. Inzwischen konnte man das Feuer im Arbeitszimmer hören. Es knackte und prasselte. Irgendetwas fiel zu Boden.

»Schneller«, sagte Jonah hinter seinem Tuch. Jette wirkte unsicher. Sie ging langsam. Einmal wankte sie kurz. Nach den ersten Schritten rief sie auf einmal bestürzt: »Jonah, ich hab was vergessen! Warte kurz!« Und dann lief sie zurück.

Das darf doch nicht wahr sein, dachte Jonah. Er riss sich das Tuch vom Gesicht und brüllte: »Jette!« Sofort musste er stark husten und drückte sich den Stoff wieder aufs Gesicht. Jette öffnete die Kellertür. Er hörte, wie sie die Treppe hinunterlief. Was wollte sie da unten bloß noch? »Jette!«, schrie er unter seinem Tuch. Und hustete.

Er war allein. Wut stieg in ihm hoch. Was sollte das? Was war das für eine bescheuerte Aktion? Jette Lindner hatte eindeutig nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wo gab es denn so was? In Lebensgefahr noch irgendetwas erledigen! Und einen Blinden allein im Flur zurücklassen! Nicht mal sagen, was man vorhatte. Jonah Mint, befahl er sich, bleib ruhig. Aber es war zu spät. Er fing an zu heulen.

Das Feuer wurde jetzt sekündlich lauter. Wieder fiel etwas mit einem dumpfen Schlag zu Boden. Dann ein plötzlicher Knall. Jonah fuhr erschrocken zusammen. Scherben klirrten. Es knisterte und zischte. Dann eine kleine Verpuffung. Und es wurde warm. Das bildete er sich nicht ein. Es wurde sogar heiß. Das Feuer kam näher.

Er musste allein weitergehen. Mit jedem weiteren Moment, der verging, konnte es zu spät sein. Der Rauch schnürte ihm bereits die Kehle zu. Das Haus wirkte fremd. Es war zu einem bedrohlichen Wesen mutiert. Wo waren die geschäftigen Schritte der Menschen, die hier normalerweise lebten? Das Klappern des Geschirrs? Das Lachen und Scherzen der Angestellten? Er durfte nicht länger warten. Und doch rührte er sich nicht vom Fleck.

Und dann kam der Rauch. Eine warme Wolke, die von oben auf ihn herabsank. Ein furchtbarer Hustenanfall packte ihn. Er würgte und rang nach Luft. Er sank zu Boden. Hustete. Wartete, dass er sich übergab. Hustete immer weiter. Und merkte, dass die Luft am Boden noch einigermaßen gut war. Das war es, was Benno gemeint hatte. Kriechen, hatte er gesagt. Da ging die Kellertür auf.

»Auf den Boden!«, rief Jonah. »Hock dich hin!«

»Hab ich schon«, antwortete Jette mit klarer Stimme.

»Was hast du gemacht?«, fragte er wütend.

»Ein Kästchen geholt«, antwortete sie mit einem Lächeln in der Stimme. Sie kroch auf ihn zu. In der Hand hielt sie irgendetwas, das beim Krabbeln hart auf den Boden aufsetzte. »Jetzt müssen wir aber wirklich raus«, sagte sie. »Der Rauch senkt sich immer mehr nach unten.«

Sie war bei ihm angelangt und berührte leicht seine Hand. Ihre Stimmung stand in einem merkwürdigen Gegensatz zu der Situation, in der sie sich befanden. Woher nahm sie plötzlich diese Energie? Gerade war sie noch halbtot gewesen. Wie schön es war, sie neben sich zu spüren, dachte er.

»Hast du jetzt alles?«, fragte Jonah.

Er krabbelte voran. Das nasse Tuch hielt er verkrampft in seiner Faust. Sein Herz schlug hart und schnell. Er schwitzte. Das Feuer machte richtigen Lärm. Ein Monster, das bereits ein Zimmer verwüstet hatte und sich jetzt dem Flur zuwandte. »Wie tief ist der Rauch?«, fragte Jonah nach hinten.

»Bleib so, wie du bist«, sagte Jette. »Nur ein paar Zentimeter über deinem Kopf.«

Wie langsam man auf allen vieren vorankam! Jonah krabbelte dicht an der Wand entlang. Hinter ihm setzte Jette unregelmäßig ihre Knie auf. Wieso hatte er nicht daran gedacht, die Tür zur Halle offen zu halten! Er hätte nur eine Vase in den Türrahmen stellen brauchen. Dann hätte der Rauch abziehen können, und sie müssten jetzt nicht durch diese Giftsuppe krabbeln. Da war die Tür. Endlich. Diese beschissene Tür. Er würde aufstehen müssen, um sie zu öffnen. Und seinen Kopf in die giftige Wolke stecken. »Bleib hier unten«, sagte er zu Jette und schob sie etwas zurück. Ihr Gesicht war für einen Augenblick sehr nah. Er holte tief Luft, richtete sich auf und strich mit der Hand an der Tür entlang.

Er konnte die Wolke spüren. Wie ihre giftige Wärme ihn umfing. Seine Augen fingen sofort an, stark zu brennen. Ein Feuerfunke legte sich auf seine Haut. Er drückte ihn mit der Hand aus. Da war die Klinke, er versuchte sie herunterzudrücken. Und dann ging alles ganz schnell. Die Tür wurde hart nach innen aufgestoßen. Sie knallte voll gegen ihn. Jonah bemühte sich, das Gleichgewicht zu halten, aber die Wucht war zu groß. Er wurde zurück in den Raum geschleudert und fiel zu Boden. Wo war Jette? Er hatte keine Luft mehr in seinen Lungen. Und es war so heiß. Das Feuer. Es war längst im Flur. Brüllendes, heißes Feuer. Er musste atmen, probierte es ein bisschen. Aber die Luft war zu heiß, sie brannte in seinen Lungen, ohne dass er einen richtigen Atemzug gemacht hätte. Er hatte keinen Sauerstoff mehr. Ich will nicht sterben, dachte er. Er musste an einen Pinguin aus Pappmaché denken, den er seinem Vater einmal zum Geburtstag geschenkt hatte. Er war etwa kniehoch und hatte eine grüne, aufgemalte Brille. Er sah lustig aus. Wieso kam ihm jetzt dieser Pinguin in den Sinn? Er versuchte, an seinen Vater zu denken, an seine Mutter, an Jette. Wo war Jette? Aber immer schob sich dieser Pinguin in den Vordergrund. Er musste atmen. Neben sich hörte er schwere Schritte. Jemand hob ihn hoch, legte ihn sich über die Schulter und stürmte hinaus.

In der Halle war es nicht ganz so warm. Jonah machte einen Atemzug. Und noch einen. »Jette!?«, rief er. Dann hörte er ihre Stimme. »Puh, das war knapp«, sagte sie. »Haben Sie etwas zu trinken? Nein, das Kästchen trage ich selber.«

Die Luft im Garten war wunderbar kühl und frisch. Jonah wurde auf eine Liege gelegt und weggetragen. Ein Sanitäter fühlte seinen Puls. Sie passierten eine Absperrung. Ein Notarzt tauchte auf, und Jonah musste in ein Röhrchen blasen. »Ist okay«, sagte der Arzt. »Glück gehabt. Keine Vergiftung.«

Danach war Jette dran. Auch bei ihr sah es gut aus. Ein Sanitäter brachte ihnen Wasser. Dann waren sie einen Augenblick lang allein.

Jonah rutschte neben Jette. »Wie geht’s dir?«, fragte er.

»Mir ging’s noch nie so gut wie jetzt«, antwortete sie und lachte.

Er erinnerte sich auf einmal an den Apfel in seiner Hosentasche. Er hatte ihn die ganze Zeit dabeigehabt.

»Willst du?«, fragte er und hielt ihn ihr hin.

»Ja«, sagte sie und lachte wieder.

Es krachte laut.

»Das Dach stürzt ein«, sagte Jette.

Dann gab es einen dumpfen Knall wie aus einer alten Kanone. »Die Villa brennt!«, rief Jette fassungslos.

»Tut sie doch die ganze Zeit schon.«

»Aber jetzt überall. Ganz plötzlich. Aus allen Fenstern kommen Flammen. Hohe Flammen. Und Rauch.«

Dann zersprang mit einem lauten Klirren Glas. Jonah hörte, wie die Scherben auf den Kies prasselten.

»Hoffentlich ist niemand mehr drin«, sagte Jette leise.

In der Ferne hörten sie die Rufe von Klara und Charlie.

»Sie suchen mich«, sagte Jette und stand auf. »Ich geh ihnen entgegen.«

Ein Sanitäter tauchte auf und versuchte, sie zurückzuhalten. Es folgte ein kurzes Wortgefecht, aus dem Jette als Siegerin hervorging. Ihre Schritte entfernten sich. Jonah hätte ihr gern nachgesehen. Dann hörte er, wie Benno nach ihm rief.