49. Kapitel
2009, Moose Lake, irgendwo im Wald
Als er aus der Betäubung erwachte, stellte er fest, dass ihn noch immer Schwärze umfing. Doch es war nicht die Schwärze, welche ihm die chemische Substanz beschert hatte, die Kateri in seinen Körper injiziert hatte. Ondragon versuchte, sich aufzusetzen und stieß dabei hart mit dem Kopf gegen eine Wand, kaum zwei Fuß über seinem Gesicht. Es klang dumpf, metallisch. Mit dröhnendem Schädel lag er da und checkte seine Lage. Er war mit den Händen auf den Rücken gefesselt, wahrscheinlich mit Kabelbindern, denn das dünne Material schnitt in seine Handgelenke. Die Stellen fühlten sich feucht an. Auch seine Füße waren zusammengebunden, die Cowboystiefel hatte man ihm ausgezogen, wobei man sicher das Einhandmesser im Schaft gefunden hatte. Seine Sig Sauer war nicht mehr im Halfter, und über seinem Mund klebte eine dicke Schicht Panzerband.
So gut es ging tastete Ondragon seine finstere Umgebung mit seinen verschnürten Gliedmaßen ab, obwohl er bereits ahnte, wo er sich befand, denn der Geruch war ihm vertraut. Als er mit den Fußhacken zuerst an etwas Weiches und dann etwas Hartes stieß, war klar, dass er sich im Kofferraum seines eigenen Wagens befand. Saubere Arbeit.
Er war wirklich ein Hornochse! Hatte sich von Kateri reinlegen lassen und lag nun in seinem Kofferraum wie vergessenes Gepäckstück am Flughafen. Vergessen war dabei vermutlich der beabsichtige Zustand. Er sollte für immer von der Bildfläche verschwinden und in seinem Auto vergammeln. Ondragon verlagerte sein Gewicht, weil sein linker Arm eingeschlafen war. Wenn er doch nur an den Metallkoffer herankäme, der neben seiner Reisetasche stand. Er wand und krümmte sich, doch seine Haltung veränderte sich kaum, stattdessen verstärkten sich die Schmerzen. Er war zur Bewegungslosigkeit verdammt. Dabei lag die Rettung keine Handbreit von seinen Füßen entfernt. In dem Koffer befanden sich nämlich sein Präzisionsgewehr und eine exklusive Auswahl an verschiedenen Hieb-und Stichwaffen. Alles, was ein Mann in seiner Lage brauchen, aber leider nicht erreichen konnte.
Erschöpft ließ Ondragon den Kopf sinken und dachte schwitzend nach. Zum Glück besaß der Kofferraum des Mustangs genug Volumen. Die Luft würde ihm erst in ein paar Stunden ausgehen. Wieder erfasste ihn Wut. Diese verdammte Schlampe! Sie hatte seine Schwäche, seine Gefühle für sie ausgenutzt! Dabei war sie nichts weiter als eine läufige Hündin, die ihren Kannibalen-Guru anhimmelte. Es war schon beeindruckend, wie gut Dr. Arthur seine Jünger im Griff hatte. Nie hätte er geglaubt, das Kateri für ihn so etwas tun würde.
Noch während er dies dachte, hörte er plötzlich ein Geräusch von draußen. Jemand hatte etwas an das Auto gestellt und machte sich nun am Kofferraumschloss zu schaffen. Ondragon spannte sich an, um hochzuschnellen, wenn sich der Deckel öffnete. Leider musste er seine Augen gegen das jähe Licht zukneifen, das kurz darauf in sein Gefängnis fiel. Er fluchte in sich hinein und trat blind zu.
„Fuck!“, hörte er eine Stimme.
Er öffnete seine Augen und sah hinauf in den hellen Ausschnitt der Öffnung. Dort stand Kateri. Die Braut aus der Hölle!
Wenn Hatchet wüsste, wie Recht er mit dieser Titelvergabe gehabt hatte. Ondragon brachte ein empörtes Schnauben hervor. Kateri richtete die Sig Sauer auf seinen Kopf, beugte sie sich vor und riss ihm mit einem Ruck das Panzerband von den Lippen.
„Scheiße! Was soll das?“, schrie Ondragon.
„Schnauze! Oder ich kleb dir dein Maul gleich wieder zu! Und wag es nicht, noch einmal nach mir zu treten. Ich werde dir jetzt die Füße losbinden und dann steigst du ganz langsam aus dem Kofferraum. Aber ich warne dich, schreien hat keinen Zweck. Wir sind meilenweit von der Lodge entfernt. Und versuch auch keinen anderen Blödsinn, sonst probiere ich die Pistole gleich mal an dir aus.“
Ondragon sah, dass die Waffe entsichert war und nickte. Was hatte sie vor?
Kateri zerschnitt seine Fußfesseln mit dem Einhandmesser aus seinem Stiefel. „Los!“, befahl sie und zuckte mit dem Lauf der Sig Sauer.
Nachdem er mit Mühe aus dem Kofferraum geklettert war, stand er auf Socken im feuchten Gras und sah sich um. Es musste stark geregnet haben, denn alles war nass und nur wenig Licht drang durch das dichte Blätterdach über ihren Köpfen, von dem es immer noch beständig auf sie herabtropfte. Es schien, als würde es ohnehin demnächst dunkel werden, aber dennoch konnte er die gedrungenen Silhouetten gut erkennen, die zu seiner Linken im dichten Unterholz hockten, als brüteten sie etwas aus. Es waren zwei weitere Fahrzeuge, die seinem Ford Mustang auf diesem idyllischen Autofriedhof Gesellschaft leisteten: ein fast neuer Dodge Ram Pickup mit zersplitterter Frontscheibe und ein alter Nissan, der schon deutliche Rostspuren aufwies. Bei allen Autos waren die Nummernschilder entfernt worden. Ondragon warf einen traurigen Blick auf seinen Wagen. So zu enden, hatte sein Baby nicht verdient. Er biss sich auf die Lippen. Auch er wollte nicht so enden, in diesem Scheißwald!
„Der Dodge ist von Oliver Orchid, nicht wahr? Und der Nissan von Bates alias Simon Ricks, dem Detektiv. Hübscher kleiner Schrottplatz, auf dem ihr die Autos eurer Opfer entsorgt. Und? Warst du es, der Bates getötet hat?“ Er drehte sich zu Kateri um und blickte direkt in die Mündung seiner Waffe.
„Ich sagte, Schnauze halten! Und jetzt beweg deinen Arsch. Da lang!“ Sie ruckte den Kopf in die Richtung. „Du gehst voran.“
Ondragon tat wie ihm geheißen und betrat den kleinen Trampelpfad, der sie immer tiefer in den durchfeuchteten Wald hineinführte. Während sie gingen, schwand allmählich das Licht und dünne Nebelschwaden zogen herauf. Schwerelos wie Spinnenweben schwebten sie vom feuchten Gras zu den schwarzen Baumstämmen auf. Ondragon hatte keine Orientierung mehr. Er wusste weder, wie spät es war, noch in welche Richtung sie sich bewegten. Mit schmerzenden Gliedern schleppte er sich den Pfad entlang und spürte, wie seine aufgequollenen Füße jedes Mal aufheulten, wenn sich etwas Spitzes in seine Fußsohlen bohrte. Schließlich hatte er die Schnauze voll vom Schweigen seiner grimmigen Kidnapperin und versuchte, ein Gespräch anzuleiern. Vielleicht ließ sich ja noch etwas aus Kateri herausbekommen. „Warum lässt du dich von Dr. Arthur instrumentalisieren? Warum riskierst du es, im Gefängnis zu landen? Denk doch an deine Karriere an der Universität, an deine Forschung. Ist das nicht das Leben, das du führen wolltest?“, fragte er, wagte es aber nicht, sich nach Kateri umzudrehen.
„Was weißt du schon von meinem Leben! Nichts! Du bist auch bloß so ein affektierter Yuppie mit einem kleinen Pseudoproblemchen. Du hast nicht die geringste Ahnung, wie das ist, wirklich Probleme zu haben! Jede Nacht quälen mich Alpträume. Jede Nacht sehe ich meine Eltern, wie sie anklagend ihre Finger gegen mich erheben. Ist das etwa lebenswert? Diese Schuld, die mich überallhin verfolgt und die mir niemand nehmen kann?“
Ondragon schüttelte den Kopf. „Und warum machst du es dann noch schlimmer, indem du für Dr. Arthur Morde begehst? Du bist eine intelligente Frau, Kateri, denk doch mal nach. Dr. Arthur benutzt dich nur. Du könntest für ihn in den Knast wandern, und der feine Herr würde nichts anderes tun, als sich ins Fäustchen zu lachen, dass du so dumm warst.“
„Es wäre nicht mein erster Mord.“
Ondragon schwieg. Diese Frau war eiskalt. Sie war eine Verrückte, eine Kannibalin, die sich einfach nahm, wonach es ihr gelüstete.
„Weißt du, dass meine Mutter noch gelebt hat nach dem Absturz?“, sprach Kateri mit gedämpfter Stimme weiter. „Leider waren ihre Beine zwischen den Armaturen und dem Sitz zerquetscht worden, der abgebrochene Steuerknüppel hatte sich in ihren Unterleib gebohrt.“ Sie machte eine Pause, in der Ondragon meinte, ein heftiges Einatmen zu hören. „Sie hat mich angefleht, sie zu töten. Zuerst habe ich mich geweigert, ich war ein dreizehnjähriges Mädchen! Wie kann man so etwas von mir verlangen? Doch unsere Stammesregeln besagen, dass ein Kind niemals den Wunsch seiner Eltern missachten darf. Also habe ich meiner Mutter Mund und Nase zugehalten, bis sie sich nicht mehr gewehrt hat. Ich habe ihren Wunsch erfüllt, und war danach ganz allein - und ohne Essen. Unser Flugzeug hatte keine Lebensmittel geladen, weil wir auf dem Rückweg vom Camp in die Zivilisation waren, da nahm man keinen Proviant mit. Ich fand nur eine Tüte mit Schokoriegeln. Unsere Stammesregeln sagen auch, dass man keine Menschen essen soll. Und ich wollte auf keinen Fall zum Wendigo werden, das war ein schrecklicher Gedanke für mich. Zuerst teilte ich mir die restlichen Schokoriegel ein, doch die waren nach drei Tagen alle. Danach aß ich nichts mehr außer Schnee, doch der Hunger ist unerbittlich. Er zerfleischt einen von innen her. Es hat nochmal vier Tage gedauert, bis ich eine Entscheidung traf. Ich wollte nicht sterben. Und meine Eltern boten mir diesen Ausweg, obwohl sie längst tot waren. Danach habe ich meinen Vater aus dem Flugzeug in den Schnee gezogen und begonnen, ihn zu zerlegen. Später attestierte man mir, dass ich unter Schock gestanden habe. Und dieser Schock hätte es mir ermöglicht, diese entsetzlichen Dinge zu tun.“
Ondragon konnte ihren kalten Zorn spüren, der sich gegen seinen Rücken richtete. Als ob er etwas für diesen tragischen Unfall könnte. Arme, verrückte Kateri, aus ihr würde nie wieder ein normaler Mensch werden. „Dafür mache ich dir keinen Vorwurf, Kateri“, sagte er beschwichtigend. „Wer weiß, vielleicht hätte ich in deiner Situation dasselbe getan. Dass du dich aber von Dr. Arthur für seine schmutzigen Spielchen benutzen lässt, das ist unverzeihlich.“
„Wir tun hier nichts Unrechtes. Wir versuchen bloß, mit unserem Schicksal umzugehen. Einem Schicksal, das normale Menschen wie du niemals verstehen werden. Jonathan ist ein großartiger Mensch, er hilft uns, wo andere uns im Stich gelassen haben. Er hat diesen Ort hier geschaffen, die Cedar Creek Lodge. Sie ist unsere Zufluchtsstätte, eine Oase inmitten der Ablehnung der Welt da draußen. Hier fühlen wir uns wohl.“
„Wie überaus romantisch.“
„Alles war in Ordnung, bis dieser Jeremy Bates kam. Er wollte alles zerstören! Er wollte Jonathan erpressen. Doch Jonathan hat nichts Schlimmes getan, außer sich unser anzunehmen. Ist das ein Verbrechen? Dieser Bates ist an allem schuld, mit ihm hat das Unheil angefangen.“
„Unheil?“, fragte Ondragon.
Doch Kateri hörte ihm gar nicht zu. Ihre Stimme klang entrückt. „Dies wird wieder ein schöner Ort werden. Und dafür werde ich sorgen.“
„Was habt ihr mit Bates gemacht?“
„Nichts, was er nicht verdient hätte!“, fauchte Kateri. „Dummerweise ist seine Leiche wieder aufgetaucht. Deshalb spreche ich ja von Unheil. Wenn er einfach in seinem Sumpfgrab geblieben wäre, dann hätte niemand jemals etwas gemerkt. Aber irgend so ein Scheißbär musste ihn ja wieder da rausziehen und ihn anknabbern.“
„Und was ist mit Oliver Orchid?“, hakte Ondragon nach. Er wollte Kateris mitteilsame Stimmung ausnutzen. Solange sie redete, würde sie ihn nicht erschießen, und er konnte überlegen, welche Möglichkeiten er hätte, ihr zu entkommen. „Was hat Orchid getan, dass er sterben musste? Er war doch einer von euch, ein Hilfesuchender am Hof des edlen King Arthurs.“
„Deinen Sarkasmus kannst du dir sparen! Oliver Orchid war ein beschissenes Arschloch. Auch er hätte beinahe alles kaputt gemacht. Zum Glück taten er und Bates uns den Gefallen und begingen ihre Dummheiten zum selben Zeitpunkt. Es war also ein Abwasch.“
„Was ist geschehen?“
„Oliver Orchid war ein überheblicher und selbstverliebter Wichser. Er wollte einfach nicht auf Jonathan hören. Er dachte, er hätte sich unter Kontrolle, doch eigentlich kam er nicht mit dem klar, was er in Afrika erlebt hat.“
„Das mit dem Kannibalendorf im Sudan?“ Ondragon blieb stehen und drehte sich um.
„Ja. Ich sehe, du bist gut informiert. Meinen Respekt. Was du alles mit Hilfe dieses kleinen Gerätes herausgefunden hast, ist wirklich erstaunlich. Jonathan tut gut daran, die Dinger in der Lodge zu verbieten.“ Sie zog sein iPhone aus ihrer Hosentasche und warf es ins Gras. Eine Sekunde lang schwebte ihr Fuß darüber, und dann zersplitterte das Display knirschend unter ihrem Absatz. „Brauchst du eh nicht mehr“, sagte sie lapidar und wies ihn an, weiterzugehen. Ondragon wollte ihr zunächst nicht gehorchen, doch das schwarze Auge der Pistolenmündung starrte ihn beunruhigend zitternd an und überredete ihn schließlich. Mit finsterer Miene stapfte er weiter durch das nasse Dickicht.
„Du wolltest doch wissen, was mit Oliver Orchid war“, fuhr Kateri wenig später im besten Plauderton fort. Es schien sie mächtig zu amüsieren, dass sie ihm die ganze Geschichte brühwarm auftischen konnte wie in einem schlechten Gangsterfilm, wo am Ende die Bösen immer ein herzerweichendes Abschlussplädoyer hielten, anstatt einfach gleich zu schießen. Deshalb verloren die Bösen ja auch immer.
„Orchid, der Penner, ist heimlich nach Orr gefahren, mit seinem Pickup, den Bates ihm unbemerkt hierhergebracht hatte. Dort hat er mehrere Tage lang ein Opfer ausgescoutet, eine ältere Dame, die in einem abgelegenen Haus am Stadtrand lebte. Eine vereinsamte Alkoholikerin.“
„Dana Straub.“
„Keine Ahnung, wie die hieß. Die Polizei hat jedenfalls eine Weile nach ihr gesucht und auch hier in der Lodge herumgeschnüffelt. Das gefiel Jonathan natürlich überhaupt nicht, und er sah sich gezwungen, zu handeln. Orchid hat die Frau verschleppt und zerstückelt, um sie zu essen. Er ist ein Psychopath! “
Ach, und ihr seid ein französischer Gourmetclub! Kateri merkte gar nicht, wie absurd sie daherredete. „Wo ist Orchids Leiche? Habt ihr ihn auch verschwinden lassen wie Lyme?“ Neben dem Fieber kochte in Ondragon nun auch die Wut hoch. Wofür hielt sich dieser selbsternannte Wohltätigkeitsverein? Wenn er eines besonders hasste, dann diese Art von arroganter Selbstüberschätzung, die nur Amateure haben konnten.
„Lyme war etwas anderes. Er wollte sterben. Jonathan hat ihm diesen Wunsch erfüllt. Dass du ihn gefunden hast, war ein dummer Zufall.“
„Und du hast bis vor Kurzem von alledem nichts gewusst, stimmt‘s? Dr. Arthur hat es dir erzählen müssen, nachdem ich Lymes Leiche gefunden hatte. Er hatte keine andere Wahl, als dich einzuweihen. Doch dich hat es erschreckt, was mit Lyme und den anderen geschehen ist, nicht wahr. Und du warst von deinem tollen Freund zutiefst enttäuscht. Aber jetzt tust du so, als hättest du es von Anfang an gewusst und gutgeheißen.“
Kateri schwieg. Ondragon konnte die Wolke aus Hass förmlich spüren, die ihn von hinten traf, doch trotz der drohenden Gefahr konnte er nicht aufhören zu sticheln. „Dein Jonathan hat dich die ganze Zeit über belogen! Aber an jenem Abend hat er dir die Sache mit Lyme, Bates und Co gebeichtet. Er wusste, dass ich keine Ruhe geben würde, es ihm nachzuweisen, und deshalb hat Dr. Arthur dich davon überzeugt, bei seinem Plan mitzuhelfen, um mich loszuwerden. Du hast ihm gehorcht, weil du Angst hattest, dein kleines Paradies hier könnte zerstört werden. Kateri, hör mal, noch hast du nichts Schwerwiegendes getan, noch kannst du umkehren. Denk darüber nach, noch würde nur Dr. Arthur für seine Verbrechen ins Gefängnis gehen.“
Der Schlag mit dem Griff der Waffe traf ihn unvorbereitet am Hinterkopf und ließ ihn Sterne sehen. „Hey, nicht so grob!“, protestierte er. „Das, was du mit Rumsfeld gemacht hast, ist nicht so schlimm, falls du das denkst. Ist doch nur ein Hund! Sachbeschädigung sozusagen.“
Auf den zweiten Schlag war er vorbereitet, aber er biss sich trotzdem schmerzhaft auf die Zunge. Verdammtes Biest!
„Du willst wohl, dass ich dich wieder knebele?“, schnaubte Kateri wütend. „Das mit Rumsfeld war ich nicht! Das war Julian. Der Drohbrief stammt auch von ihm, er war eifersüchtig. Warum musstest du deine Nase auch in Angelegenheiten stecken, die dich nichts angehen! Hättest du nicht einfach nur ein normaler Patient sein können? Dann wären wir sicher gute Freunde geworden.“ Sie klang beinahe, als bedauere sie es, ihn beseitigen zu müssen.
„Meine Assistentin wird zur Polizei gehen, wenn du mich tötest“, erinnerte Ondragon sie an seine Absicherung, die er glücklicherweise zuvor eingefädelt hatte.
„Ach was, deine Assistentin ist längst tot! Julian hat ihr in Orr einen kleinen Besuch abgestattet, du hast mir ja indirekt verraten, wo ich sie finden kann.“
Ondragon blieb wie vom Donner gerührt stehen. Charlize tot? Die wunderbare Charlize, ermordet von einem Amateur? Langsam drehte er sich zu Kateri um und setzte sein bestes Raptoren-Lächeln auf. „Kateri, wenn ich dich jemals in die Finger kriege, dann wirst du dir wünschen, mir niemals begegnet zu sein!“
„Wenn du meinst“, sagte sie unbekümmert. Sie sah sich um. „Der Baum da drüben sieht gut aus. Los, stell dich mit dem Rücken dagegen.“
Kurz überlegte Ondragon, was er für Chancen hatte, wenn er sich mit gefesselten Händen auf sie warf? Das Überraschungsmoment war relativ, denn bestimmt rechnete sie damit. Außerdem stand sie zu weit von ihm weg, als dass er sie mit einem Krav-Maga-Fußtritt erreichen könnte, und zu nah dran, um ihn mit einer Kugel nicht zu verfehlen. Es war aussichtslos. Also stellte er sich an den Baumstamm, wie sie es verlangte, und hoffte, sie würde einen winzigen Augenblick unaufmerksam sein.
Kateri holte eine Rolle Panzerband aus der ledernen Patronentasche, die sie am Gürtel trug, und befahl ihm, stillzuhalten. „Wenn du auch nur mit den Wimpern zuckst, dann durchlöchere ich dir deinen schicken Anzug!“
Der ist eh hinüber, dachte Ondragon und ließ die Frau gewähren.
Ohne ihn aus den Augen zu lassen, fesselte Kateri ihn mit dem Panzerband an den Stamm. Dabei lief sie immer wieder im Kreis um den Baum, in einer Hand das Tape, in der anderen die Waffe. Das Geräusch des rasch von der Rolle gezogenen Bandes, klang dabei wie poppendes Popcorn und unterstrich dieses alberne Cowboy-und Indianerspiel noch. Es war absolut unwürdig. „Was soll das Kateri? Du kannst mich doch auch so erschießen, ohne dieses Fesselspielchen. Oder törnt dich das an?“
„Wart’s ab, Paul. Du wirst noch sehen, wofür es gut ist.“ Lächelnd ging sie noch ein paar Runden, wobei ihr Haar hinter ihr her wehte, als tanze sie zu Mittsommer um die Stangår.
Heiß pochte der Zorn in Ondragons fiebriger Blutbahn. Er hatte es schon mit einigen weiblichen Auftragskillern zu tun gehabt. Mal hatten sie auf seiner Seite gestanden, mal nicht, und von jeder hätte er sich lieber erledigen lassen als von dieser Amateurschlampe!
Kateri blieb stehen und durchtrennte das Band. Sie hatte fast die ganze Rolle verbraucht.
„So“, sagte sie und riss ein weiteres kleines Stück ab.
„Wirst du mich jetzt endlich töten?“, fragte Ondragon, bevor sie ihm den Mund zuklebte.
„Nein. Nicht ich. Darum wird er sich kümmern.“
„Hmmmmmm?“
Ein entrücktes Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Der Wendigo.“ Sie tätschelte ihm die Wange und verschwand dann im dunklen Wald.