12. Kapitel
1835, Kabetogama, die einsame Blockhütte der Pelzjäger
Ein lautes Klopfen weckte die Fallensteller.
Lacroix wickelte sich aus seiner Felldecke und ging durch den dunklen Raum zur Tür. Er legte das Ohr an das Holz. Und schreckte zurück, als es erneut laut dagegen pochte.
„Wer ist da?“, rief er.
„Armee Seiner Majestät, König George IV., Lieutenant Stafford!“
Verwundert steckte Lacroix seine Pistolen weg und schob den Tisch beiseite. Als er die Tür öffnete, fiel grelles Tageslicht herein und blendete ihn.
„Lieutenant? Was machen Sie denn hier? Haben Sie den Mörder?“, fragte er die dunkle Silhouette, die draußen im Schnee stand. Er schirmte seine Augen mit einer Hand ab, um besser sehen zu können.
„Nein, leider nicht. Aber genau deswegen bin ich hier! Darf ich eintreten?“
Lacroix hatte die zwölf berittenen Soldaten bemerkt, die in einigem Abstand hinter Stafford standen und warteten. Er warf einen kurzen Blick über seine Schulter in die Hütte und sah, dass Parker mit dem Kopf schüttelte. Doch was sollte er tun? Er konnte einem englischen Lieutenant nicht den Eintritt verwehren. Gegen Parkers Willen trat er einen Schritt zurück und öffnete die Tür ganz.
„Bitte“, sagte er, und der Lieutenant trat dankend ein.
Lacroix bemerkte, wie der Offizier sich im stickigen Innenraum mit gerümpfter Nase umsah.
„Dies ist eine einfache Hütte. Sie genügt uns. Darf ich Ihnen einen heißen Kaffee anbieten?“
„Gerne.“ Der Lieutenant zog seine Lederhandschuhe aus und klemmte sie sich in den Gürtel.
Lacroix machte sich an der Feuerstelle zu schaffen. Kurz darauf brannte das Feuer wieder und eine angeschlagene Emaillekanne stand darauf.
„Was ist mit ihm?“, fragte Stafford und wies auf Parker, der noch keinen Ton gesagt hatte.
„Er ist krank“, gab Lacroix schlicht zurück, während er gemahlenen Kaffee in zwei Tassen gab.
„Krank?“
„Fieber.“
„Aha.“ Der Lieutenant blieb auf Abstand, beäugte Parker aber weiter.
„Wo ist der Indianer?“
„Fort.“
„Das sehe ich auch. Wo ist er hin?“
„Warum wollen Sie das wissen?“ Das Wasser in der Kanne kochte, und Lacroix goss es in die beiden Becher. Sofort erfüllte beruhigender Kaffeeduft die Hütte. Er reichte Stafford einen Becher.
„Ich habe Befehl, Sie alle mitzunehmen nach Fort Frances. Dort sollen Sie erneut einer Befragung unterzogen werden.“ Der Lieutenant nippte an der heißen, starken Flüssigkeit.
„Warum in Fort Frances? Das können Sie doch auch hier. Wollen Sie uns etwa verhaften?“
„Nennen wir es eher‚ einladen auf Kosten des Empires! Außerdem möchten der Colonel und der Gouverneur Sie kennenlernen.“
Lacroix schwieg. Natürlich waren sie verhaftet! Wozu sonst die Soldaten? Er blickte auf die Tür. Gegen zwölf Mann war er machtlos. Außerdem war Parker außer Gefecht gesetzt, und er konnte ihn nicht alleine lassen. War nur zu hoffen, dass Two-Elk den Engländern nicht in die Fänge ging. Der Chippewa würde schon kapieren, was mit ihnen geschehen war, und ihnen zu Hilfe kommen. Einen Versuch gab es noch.
„Mein Freund ist zu krank zum Reisen. Er darf nicht raus in die Kälte!“
„Er sieht doch ganz fidel aus. Auf einem Pferd wird er ja wohl sitzen können, oder nicht? Und frische Luft wirkt manchmal Wunder.“ Der Lieutenant klang freundlich, aber hinter den Worten verbarg sich ein ausdrücklicher Befehl.
„Es ist Ihre Verantwortung, wenn er es nicht schafft!“
Stafford tippte sich spöttisch gegen seinen Hut. „Nun, Gentlemen, packen Sie Ihre Sachen und kommen Sie mit!“
Siedend heiß fielen Lacroix Parkers Füße ein. Wie sollte er erklären, was damit los war? Sie zu verbergen, war nicht gerade einfach. Er stellte seinen Becher auf den Tisch. Und die Spuren von letzter Nacht draußen im Schnee? Da waren bestimmt welche. Würden sie dem Lieutenant auffallen? Lacroix fluchte leise in sich hinein, dass er so lange geschlafen hatte und sie nicht mehr hatte verwischen können wie am Morgen zuvor. Er musste Stafford davon ablenken.
Und der Wendigo?
Würde er sie verfolgen?
Im Wald waren sie ihm schutzlos ausgeliefert.
„Ich muss Parker erst richtig anziehen. Das dauert einen Moment. Sonst holt er sich draußen den Tod!“ Als Lacroix die Buchstäblichkeit seiner Worte erkannte, biss er sich auf die Lippen.
Doch der Lieutenant hatte nichts bemerkt. „Verstehe“, sagte er, „ich warte draußen. Aber ich möchte keine Waffen im Gepäck sehen!“ Stafford stellte seinen Becher auf den Tisch und verließ die Hütte. Er hatte es zwar nicht ausgesprochen, aber sein Tonfall hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass ein Fluchtversuch sinnlos war.
Lacroix begann, Parker aus den Decken zu wickeln.
„Lass mich hier! Da draußen sind wir verloren. Rette wenigstens dich selbst“, flüsterte Alan.
„Das kann ich nicht. Wir haben keine andere Wahl. Besser wir gehen freiwillig mit, als dass sie uns in Ketten legen. Two-Elk wird uns schon finden und uns helfen.“ Er nahm die Felle von Parkers Füßen, ignorierte die teigig geschwollene Masse, in der die Zehen kaum noch zu erkennen waren und schnitt das weiche Leder in Streifen. Diese wand er hernach um die Füße seines Freundes und zog sie fest zusammen. Parker stöhnte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.
„Halt durch, mein Freund“, redete er ihm gut zu und zog ihm mehrere Lagen Hemden an, darüber seine Lederjacke und zwei Mäntel.
Schnell nahm er einen Sack aus Öltuch und packte ein paar Dinge ein: zwei kleine Messer, die er in seine Stiefel steckte, Kleidung, zwei Decken, Tabak, Pemmikan und Kaffee.
Zum Schluss schnitzte er noch hastig einen kleinen Säbel in die Tischplatte - für Two-Elk der Hinweis, dass Soldaten sie mitgenommen hatten -, und löschte das Feuer. Dann schulterte er das Gepäck, griff den dick eingemummten Parker unter den Achseln und schleppte ihn nach draußen ins trügerische Sonnenlicht.