10. Kapitel
1835, Kabetogama, die einsame Blockhütte der Pelzjäger
„Merde!“ Lacroix war blass geworden, seine Stimme nur noch ein Flüstern. „Merde, merde!“
Zusammen mit dem Frankokanadier starrte Parker auf seine Füße hinunter.
Sie waren zu einer unförmigen grauen Masse angeschwollen und so groß wie zwei Kürbisse! Die Haut um seine Knöchel war so prall und durchscheinend, als sei sie kurz vorm Aufplatzen. Er versuchte, sie zu bewegen, doch die Schmerzen hielten ihn davon ab. Wie sollte er bloß je wieder gehen können? Mit diesen monströsen Füßen war das unmöglich. Entsetzt heulte Parker auf und biss sich in seine Faust.
Lacroix fand als erster die Beherrschung wieder. Er bückte sich und wickelte weiche Felle um die zehenlosen Stümpfe. Beide Männer dachten dasselbe.
Die Spuren im Schnee! Sie hatten genauso ausgesehen.
„Ich sollte meine Füße draußen ins Eis stecken, dann schwellen sie vielleicht ab.“
„Nein, Two-Elk hat gesagt, egal was passiert, keine Kälte! Du musst unbedingt im Warmen bleiben.“
Resigniert ließ Parker sein Kinn auf die Brust sinken. Wahrscheinlich würde er eh hier drinnen verrecken … oder er kommt zurück und holt mich!
„So, dann sehe ich mir jetzt mal deine Wunde an.“ Vorsichtig löste Lacroix den verkrusteten Verband, und Parker machte sich auf den nächsten Aufschrei von Seiten seines Freundes gefasst, doch nichts dergleichen geschah.
Stattdessen wusch Lacroix mit geübten Handgriffen die Wunde mit heißem Wasser aus und salbte sie ein. Parker drehte sein Kinn und wagte einen Blick. Der Biss sah gar nicht so schlimm aus. Es war nicht mehr der blutige, entzündete Krater, der vor sich hin schwärte. Seine Ränder waren mittlerweile abgeschwollen und heilten erstaunlich sauber. Auch roch die Wunde nicht mehr nach Eiter. Trotzdem, Parker gönnte sich keine Erleichterung. Er wusste, es war in ihm, und nichts auf der Welt konnte es wieder aus seinem Körper vertreiben. Er versuchte nicht daran zu denken, was passieren würde, wenn es erst richtig losging.
An Lacroix‘ düsterer Miene erkannte Parker, dass seinem Freund scheinbar Ähnliches durch den Sinn ging, und er legte ihm eine zittrige Hand auf den Arm.
„Du wirst gehen, wenn es soweit ist, ja?“
Lacroix blickte ihn nicht an, sondern legte ihm geschäftig einen frischen Verband an. Als er fertig war, schaute er auf und sagte: „Ich gehe nicht eher, bis du wieder gesund bist!“
Alter unverbesserlicher Sturkopf, dachte Parker und lächelte geschwächt. Es tat ihm gut, zu wissen, dass sein Freund bei ihm bleiben würde.
Als es Abend wurde, ging Lacroix nach draußen, sah im angrenzenden Stall nach dem Rechten und verbarrikadierte die Fenster. In der Luft lag ein Hauch von Frühling und am Himmel zogen Wolkenfetzen rasch dahin. Tagsüber hatte die Sonne den Schnee angetaut, der in der Nacht nun wieder anfrieren würde. Lacroix warf einen Blick in den Wald hinter der Hütte. Dort zwischen den Baumstämmen hatte er eine Bewegung wahrgenommen. Er kniff die Augen zusammen. Wenn er in der Stadt leben würde, hätte er sich das zugelegt, was die Leute Brille nannten, denn mit seiner Sehkraft ging es allmählich bergab. Er war alt geworden.
Schließlich entdeckte er einen dunklen Punkt im Schnee. Lacroix griff zu seiner Pistole. Es war ein einzelner Wolf. Er stand da und sah ihn an. Weiter nichts.
Lacroix wartete.
Bist du ein Bote? Ein guter Geist, der uns warnen will?
Der Wolf schien unschlüssig, doch dann wandte er sich ab und trottete davon. Lacroix entspannte sich. Ein einzelner Wolf war nicht gefährlich. Außerdem trauten sie sich nur selten an menschliche Behausungen heran. Wahrscheinlich war er nur neugierig gewesen.
Lacroix ging zurück in die Hütte, wo Parker auf seinem Stuhl eingenickt war.
Er verriegelte die Tür und schob vorsichtshalber noch den Tisch davor. Das sollte halten. Erschöpft von der Anspannung, die ihn begleitete, seit sie die Walcotts gefunden hatten, setzte er sich an die Feuerstelle und legte frische Scheite auf.
Parker regte sich unter seinen Decken und murmelte vor sich hin. Er träumte.
Lacroix betrachtete besorgt seinen Freund. Sie kannten sich seit über zwanzig Jahren. Als junge coureurs de bois, als Waldläufer, waren sie sich begegnet. Damals hatten sie im Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 für die Engländer gearbeitet. Nach dem Krieg waren sie nach Westen gegangen, um sich als Fallensteller in den Wäldern zu versuchen. Dort hatte sich ihnen Two-Elk angeschlossen, der verloren umhergeirrt war auf der Suche nach seinem durch die Amerikaner in alle Himmelsrichtungen zerstreuten Volk - einer der vielen Indianer ohne Heimat und Zukunft, vertrieben aus dem Land seiner Vorväter.
Fernab vom Lärm der Welt und den Eitelkeiten der Mächtigen hatten sie sich gemeinsam dieses Blockhaus gebaut und von dem gelebt, was der Wald ihnen zum Leben gab. Und das war mehr als genug. Lacroix liebte dieses Leben, und um nichts in der Welt hätte er es gegen ein vermeintlich bequemeres in einer der Städte eingetauscht! Und er wusste, dass es Parker genauso ging.
Versonnen blickte Lacroix in die warmen Flammen des Feuers.
Ein Stöhnen ließ ihn aufhorchen und er sah zu Parker hinüber.
Der alte Freund blickte ihn mit glänzenden Augen an. Ein befremdlich rötlicher Schimmer lag in seinen Pupillen.
„Wie geht es dir?“, fragte Lacroix, erfreut darüber, dass sein Freund wieder wach war.
Doch Parker antwortete nicht, sondern starrte ihn unentwegt an. Lacroix konnte sich nicht helfen, aber er machte ihm Angst. Ein ungewollter Schauer lief ihm über den Nacken und er schämte sich dafür. Rasch senkte er seinen Blick.
Da ertönte draußen erneut das unheimliche Stöhnen, und mit einem Schlag fuhr Lacroix von seinem Stuhl hoch.
Seine Hände legten sich um die Griffe seiner Pistolen.
„Er … ist … zurück“, lallte Parker, als wäre seine Zunge totes Fleisch.
Lacroix nickte, verharrte aber wie zur Salzsäule erstarrt.
Er ist da draußen! Der Wendigo!
Beide Männer lauschten. Die Nerven zum Zerreißen gespannt.
Zuerst war nichts als Stille. Doch dann hörten sie dumpfe Schritte und ein Schaben an der Hauswand.
Das beinahe körperlose, heisere Seufzen setzte wieder ein.
Kalt wie Eiswasser tröpfelte es durch die Holzritzen der Blockhauswand und legte sich wie eine Zange um ihre Brust.
Lacroix schmeckte metallische Furcht auf seiner Zunge.
„Verschwinde, du gottverdammte Bestie!“, schrie er der Tür entgegen, weil er nicht wusste, was er sonst hätte tun können. Two-Elk, der vielleicht gewusst hätte, wie sie sich verhalten sollten, war nicht hier. „Es gibt hier nichts zu holen! Mach, dass du fortkommst. Geh zurück in deine Geisterwelt!“
„Er will mich! Ich weiß es“, wimmerte Parker währenddessen. „Er will mich. Miiiiich!“ Seine Stimme schwoll an zu einem schrillen Heulen. „Miiiiiiich!“ Er war vollkommen von Sinnen, ruckte mit zurückgeworfenem Kopf auf seinem Stuhl hin und her. Sein Gesicht war gerötet und mit einer glänzenden Schweißschicht bedeckt.
„Sei still, Alan! Damit lockst du ihn nur in die Hütte!“ Lacroix gab Parker eine schallende Ohrfeige. Abrupt wurde der alte Trapper ruhig und ließ sein Kinn auf die Brust sinken. Leise vor sich hin weinend bewegte er seine Lippen, als bete er.
Seigneur Dieu!, dachte Lacroix. Steh uns bei!
Dann donnerte etwas Schweres gegen die Tür.