26. Kapitel

 

1835, Fort Frances, britischer Stützpunkt und Handelsposten

 

Als sie das Fort erreichten, war es bereits dunkel, und alle waren froh, endlich hinter den stabilen Holzpalisaden in Sicherheit zu sein. Das Fort war nicht groß, umfasste einen schlammigen Innenhof von hundertzwanzig Yards. An die Palisaden lehnten sich ein langgestreckter Pferdestall und weitere Blockhäuser, wovon das größte die Unterkunft der Offiziere war.

Lacroix kannte das Fort, mehr aber noch den kleinen Ort, der sich rund um den britischen Handelsstützpunkt gebildet hatte. Kamen sie doch immer hierher, um ihre Felle und Häute zu verkaufen. Mindestens zwei Dutzend windschiefe Hütten und Häuser duckten sich gegen die arktische Kälte in die Schatten der Palisaden wie abgemagerte Straßenköter. Doch der erste heruntergekommene Eindruck von Fort Frances täuschte, hinter den Türen der Blockhütten herrschte pralles Leben. Hier gab es alles, wonach sich das Fallenstellerherz sehnte, wenn man nach einer langen Saison wieder unter Leute kam: Schnaps, Gin, Neuigkeiten und der warme Schoß einer Hure, bei der auch die Schminke nicht mehr verbergen konnte, dass ihre besten Zeiten vorbei waren. Egal, nach sechs Monaten Wildnis war die runzeligste Möse ein blühender Garten Eden.

Lacroix sah, wie das Tor des Forts hinter ihnen geschlossen wurde und wie Stafford und seine Männer von ihren Pferden stiegen, während Sergeant Hancock irgendwelche Befehle brüllte. Ein eisiger Windhauch fegte am düsteren Himmel über sie hinweg. Der Gedanke, der Wendigo könnte ihnen bis hierher gefolgt sein, beunruhigte Lacroix. Er sah zu den Palisaden hinauf. Würden sie ein Hindernis für die Kreatur sein? Sein Blick wanderte zu seinem Freund. Alan Parker hing auf seinem Pferd wie ein nasser Sack Mehl. Lacroix ging zu ihm und half ihm, abzusteigen. Danach sah er sich fragend um.

„Eh, Lieutenant!“, rief er Stafford schließlich zu, der gerade mit zwei Männern sprach, einem fetten und einem noch höher dekorierten. „Mein Freund braucht dringend Wärme und Ruhe. Wo soll ich ihn hinbringen?“

Stafford und die beiden Männer kamen auf ihn zu. „Das ist Colonel Richards, der oberste Befehlshaber diese Forts. Und das Gouverneur Simpson, er ist sehr an der Aufklärung der Fälle interessiert“, stellte der Lieutenant den Dekorierten und den Fetten vor.

Messieurs“, nickte Lacroix den kritisch dreinblickenden Männern entgegen. Er wusste, was sie von ihm hielten, und musste sich zusammenreißen, nicht vor ihnen in den Schlamm zu spucken. „Was ist nun mit meinem Freund?“

„Bringen Sie ihn in die Offiziersbaracke. Dort ist ein kleiner Raum, wo Sie Ihr Lager aufschlagen können. Ich betone noch einmal, dass Sie keine Gefangenen sind, sondern lediglich Zeugen. Trotzdem ersuche ich Sie, das Fort nicht ohne meine Erlaubnis zu verlassen. Und ich untersage es Ihnen, mit meinen Soldaten über die Morde zu sprechen. Ich will hier keine Panik, verstanden? “

Also doch Gefangene, dachte Lacroix düster.

Er verfrachtete seinen kranken Freund in das kleine Zimmer und bettete ihn zur Ruhe. Parker schwitzte noch immer wie ein Bär und seine Füße waren kaum noch als solche zu erkennen. Fingerdicke, bläuliche Adern überzogen die aufgequollenen Fußrücken und Knöchel, die mittlerweile eine gelblichgraue Farbe angenommen hatten und sich hart wie Stein anfühlten. Auch hatte sich das Weiße in seinen Augen in Rot verwandelt, und eitriger Schleim floss aus den Augenwinkeln, und verklebte seinen Bart. Parker musste unter schrecklichen Qualen leiden.

Lacroix verriegelte von innen die Tür, zum Einen, weil er verhindern wollte, dass Parker nach draußen entfliehen konnte, und zum Anderen, weil er nicht wollte, dass die Soldaten seinen Freund so sahen. Denn immer wieder schüttelten ihn fürchterliche Krämpfe, bei denen er unkontrolliert zuckte und sich wie ein kleines Kind einnässte. Lacroix musste ihm ein Beißholz zwischen die Zähne schieben, damit er sich nicht selbst die Zunge abbiss. Zudem fürchtete er, Parker könnte ihm im Schlaf an die Kehle fallen. Seit sie den toten Wachsoldaten und die Spuren gefunden hatten, war sich Lacroix nämlich nicht mehr so sicher, dass Parker nichts damit zu tun hatte. Die reißende Bestie war in ihm und verpestete allmählich sein Blut. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann sie endgültig aus ihm herausbräche. Und Lacroix hatte wenig Lust, das nächste Opfer zu sein.

Sorgfältig wickelte er Parker, der wild mit den geröteten Augen rollte und seine Zähne fletschte, in dicke Decken, dass er sich nicht mehr rühren konnte. Danach feuerte er den Ofen in dem Raum noch einmal gründlich an. Den kalten Fluch des Wendigo würde er mit der Wärme solange wie möglich im Schach halten. Das Messer griffbereit, legte er sich auf sein Lager und versuchte schließlich selbst etwas Schlaf zu finden.

Zuerst war es still, und Lacroix fielen schnell die Augen zu.

Doch dann begann Parker in seiner Deckenrolle zu knurren. Das Knurren ging schon bald in ein leises langgezogenes Wimmern über. Es klang nicht wie der klare Ruf eines Wolfes, mehr wie ein kehliges Gurgeln, das aus dem ganzen Körper zu kommen schien. Starr hielt Lacroix den Blick auf seinen Freund gerichtet, der die Augen geschlossen hatte, so als lausche er konzentriert.

Eine eisige Gänsehaut legte sich wie eine tote Hand auf seinen Nacken, als Lacroix einen weiteren Laut hörte, der von draußen kam, von jenseits der Palisaden.

Es war ein Heulen, ganz ähnlich wie das hohle Heulen des Windes. Und es antwortete auf Parkers Rufe. Vorsichtig spannte Lacroix den Hahn seiner Pistole.

Hoffentlich beeilte sich Two-Elk.

 

 

Anette Strohmeyer - Ondragon 01 - Menschenhunger
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