41. Kapitel
2009, Moose Lake, Cedar Creek Lodge
Nachdem er am Nachmittag im verwaisten Restaurant ein verspätetes Mittagessen zu sich genommen hatte, machte Ondragon sich daran, seinen Abgang vorzubereiten. Bei Sheila fragte er nach Kateri. Er wollte Miss Wolfe noch einmal zur Rede stellen, bevor er zum Finale schritt. Doch Sheila blickte ihn nur feindselig an und behauptete, sie wüsste nicht, wo Kateri stecke. Ondragon lehnte sich über den Tresen, ganz nah an die Rezeptionistin heran, und sah sie an. „Hören Sie mal, Sheila“, flüsterte er mit bedrohlichem Unterton, „Ihre Abneigung gegen mich beruht ganz auf Gegenseitigkeit. Ich kann Sie nämlich auch nicht leiden. Aber ich weiß, dass Sie mit Kateri befreundet sind und sehr wohl wissen, wo sie sich im Moment aufhält. Vergessen Sie also für einen Augenblick mal Ihre Eifersucht und Ihren Hass gegen Männer und verraten Sie mir, wo ich sie finden kann, ich habe ihr nämlich etwas Wichtiges mitzuteilen. Danach können Sie wieder über mich denken, was Sie wollen. Und wissen Sie was? Sie haben sogar Glück, ich bin heute ausgesprochen großzügig. Ich gebe Ihnen auch noch mein Versprechen obendrauf, Ihr geheimes Techtelmechtel mit Ihrer Herzdame nicht auffliegen zu lassen! Nun, was halten Sie von diesem kleinen Geschäft, Sweetheart?“ Er fixierte ihre abweisend blauen Augen mit einem seiner Ultraschallblicke, mit denen er schon so manchen meterdicken Schutzwall zum Einsturz gebracht hatte. Er würde Kratzbürste Sheila nicht eher von der Leine lassen, bis er die Information hatte. Dass sie lesbisch war und mit Kateri ganz offensichtlich ein Verhältnis hatte, interessierte ihn dabei nur soviel, dass er es gegen sie benutzen würde, wenn sie nicht kooperativ war. Begriffen hatte er die ganze Sache heute Morgen, als er die beiden Frauen so vertraut miteinander gesehen hatte. Mit einem Mal war ihm alles klar gewesen: Sheilas Feindseligkeit vom ersten Tage an und Kateris sprödes Verhalten innerhalb der Lodge. Erst draußen im Wald, weit weg von Sheilas Blicken, hatte sie es gewagt, sich an ihn ranzuschmeißen. Aus welchem Grund auch immer, aber vielleicht stand sie auf Frauen und auf Männer, nur dass Sheila das nicht mitbekommen sollte.
Auf eine Antwort wartend zog Ondragon seine Augenbrauen hoch, ohne jedoch einen Millimeter von Sheila abzurücken. Seine Nähe schien ihr allmählich unangenehm zu sein, denn sie zog sich zurück, vorgebend etwas in dem Karteikasten nachzusehen. Erste Anzeichen von Nervosität?
Ihren aufdringlichen Widersacher ignorierend strich sie sich die Haare glatt und begann geschäftig in dem Gästeverzeichnis zu blättern. Klack, klack, klack. Einen kaum merklichen Hauch zu schnell huschten die grünen Fingernägel durch die Karten. Auf Ondragons Gesicht erschien ein zufriedenes Lächeln. Gleich würde sie einknicken. Es ging doch nichts über treffende Argumente!
Nach geschlagenen fünf Minuten, in denen Sheila die Kartei von hinten nach vorne und wieder zurück durchgegangen war, und Ondragon sie unverblümt angestarrt hatte, gab die Rezeptionistin schließlich klein bei. Sie war ein erstaunlich harter Gegner, dachte er, wahrlich beachtlich, wie lange sie gegen ihn standgehalten hatte. Sheila besaß ausgezeichnete Instinkte, das hatte sie schon von Anfang an bewiesen. Intuitiv hatte sie gespürt, dass er eine Gefahr für sie und ihre geheime Beziehung zu Kateri darstellte, noch bevor er es selbst gewusst hatte. Aber am Ende unterlagen sie ihm alle. Immer! Deswegen war er auch so gut in dem, was er tat!
„Bootshaus!“ Es war nur ein Wort, aber es bestätigte seinen Sieg dafür umso deutlicher.
Zum Abschied warf Sheila ihm einen Blick zu, der besagte, dass sie ihn das nächste Mal zerfleischen würde. Nun gut, das stand auf einem völlig anderen Blatt. Schließlich wusste niemand, wie es das nächste Mal ausgehen würde. Ondragon tippte sich mit ironischer Geste an die Stirn und machte sich auf den Weg.
Am Bootshaus sondierte er zuerst die Lage. Niemand war zu sehen oder zu hören, auch Frank, der Gärtner, übte sich in Abwesenheit. Er wollte gerade an die angelehnte Tür zum Bootshaus klopfen, da hörte er jemanden seinen Namen rufen.
„Mr. On Drägn!“
Ondragon ließ die Schultern hängen. Pete! Den konnte er im Moment überhaupt nicht gebrauchen. Einen Moment überlegte er, den Kofferjungen einfach zu ignorieren, doch dann drehte er sich zu ihm um. Der junge Hillbilly kam in einem ulkigen Schweinsgalopp auf ihn zugelaufen, hob eine Hand und rief erneut. „Mr. On Drägn, warten Sie!“ Als Pete schließlich atemlos bei ihm ankam, lächelte er erleichtert. „Gut, dass ich Sie gefunden habe.“ Auffällig nervös schaute er sich um, als wolle er sich vergewissern, dass sie alleine waren.
„Worum geht es?“, wollte Ondragon wissen.
„Also, ich …“, wieder sah er sich um. „Wegen gestern, es tut mir leid, wie der Deputy Sie behandelt hat.“
Ondragon war leicht überrascht. „Das muss dir doch nicht leid tun. Ist doch nicht deine Schuld gewesen.“
„Jaaa … alsoooo“, druckste Pete herum und scharrte mit einem Fuß im Staub des Weges. „Ich glaube, Mr. On Drägn, das ist nicht ganz richtig.“
Ondragon kapierte, dass der Kofferjunge ihm etwas Wichtiges mitteilen wollte. Vorsichtshalber trat er einige Schritte von der Tür des Bootshauses weg. Wenn Kateri da drinnen war, musste sie nicht unbedingt mithören, was Pete ihm zu erzählen gedachte.
Der schlaksige Junge rückte seine Baseballkappe zurecht und sah ihn unsicher an. „Mr. On Drägn, versprechen Sie mir, es für sich zu behalten?“
Ondragon hob eine Hand. „Ich schwöre es!“
„Bei Ihrer Mutter?“
„Bei meiner Mutter!“, sagte er feierlich und dachte: gut, dass Pete nicht verlangt hat, auf den Namen meines Vaters zu schwören.
„Okay. Ich werde Ihnen jetzt verraten, warum ich das Indianer-Netz vom Tatort entfernt habe. Danach werden Sie vielleicht verstehen.“ Er warf einen nervösen Blick über die Schulter. „Das Netz ist von den Ojibway, die hier leben. Ist so ein Abwehrdings.“
„Abwehrmedizin. Das weiß ich bereits. Aber gegen wen oder was soll es helfen?“
Pete leckte sich über die Lippen und flüsterte dann: „Gegen den Wendigo! Und glauben Sie mir, das ist kein Scherz.“
„Und warum hast du es weggenommen?“ Insgeheim hegte Ondragon schon länger eine bestimmte Vermutung, aber er wollte, dass Pete es aussprach.
Der Hillbilly legte eine Hand an den Mund und flüsterte: „Weil ich den Wendigo kenne und ich wollte nicht, dass der Verdacht auf ihn fällt.“
Ondragon nahm Pete beim Oberarm und führte ihn noch weiter vom Bootsahaus weg. Dann sah er dem Jungen fest in die Augen und fragte: „Es ist einer von Dr. Arthurs Patienten, nicht wahr? Und du hast versucht, den Doc zu decken, weil er so freundlich ist und deinen Bruder behandelt und dich hier arbeiten lässt?“
Pete schüttelte langsam den Kopf.
Ondragon war erstaunt. „Ist es einer von den Angestellten?“
Immer noch Kopfschütteln. Zum Teufel, das war ja wie bei einer Quizshow!
Plötzlich dämmerte es ihm und er hätte sich am liebsten selbst in den Nacken gebissen. Wie hatte er nur so blind sein können? Seine Performance ließ allmählich ganz schön zu wünschen übrig. „Es ist Momo“, sagte er, und Pete nickte unglücklich. Verstohlen fuhr der Hillbilly sich über die Augen und wischte eine Träne fort. Dass er sein Geheimnis nun verraten hatte, schien ihn zu erleichtern aber gleichzeitig auch zutiefst zu bekümmern. Kein Wunder, ging es doch um seinen innig geliebten Bruder.
„Willst du damit sagen, dass Momo den Mann im Wald umgebracht hat?“
Pete schüttelte nachdrücklich mit dem Kopf. „Nein das war er nicht! Ganz bestimmt nicht!“
„Nicht? Wer dann? Und was ist mit Rumsfeld?“
Pete zuckte mit den Achseln. „Ich weiß nicht. Aber das mit Rumsfeld war Momo auch nicht. Momo liebt Tiere. Er könnte ihnen nie etwas antun.“
„So? Und was ist jetzt mit Momo? Warum hast du das Netz entfernt, wenn er den Mann nicht umgebracht hat?“
Pete holte tief Luft, als schnüre ihm das schlechte Gewissen den Hals ab. Schließlich flüsterte er so leise, dass Ondragon es kaum verstehen konnte: „Momo … ist der Wendigo.“
„Der Wendigo?“, wiederholte Ondragon ungläubig. Er schüttelte den Kopf. Langsam ging ihm der Hokuspokus dieses Hillbillys mächtig auf die Eier! So kamen sie nicht weiter. Er legte dem aufgelösten Jungen eine Hand auf die Schulter und fragte: „Und woher weißt du, dass er der Wendigo ist?“
„Weil Momo … unsere … na, er hat unsere Eltern getötet!“
Ondragon sah überrascht auf. „Aber das FBI hat den Fall doch untersucht und ein Psychologe hat euch sogar befragt.“
„Wir haben sie beschwindelt.“
Und das hatte offensichtlich funktioniert, ob man es glauben wollte oder nicht. Das FBI war auch nicht mehr das, was es mal war. Ondragon fühlte in seiner Hosentasche nach seinem iPhone. Er wollte Pete die Zeitungsausschnitte zu den Parker-Morden zeigen und ihn dazu befragen, doch seine Finger fanden nur seinen Talisman und eine Packung Kaugummis. Das Handy musste noch immer im Nachtisch liegen, was bedeutete, dass er seit über einen Tag nicht mehr draufgesehen hatte. Plötzlich fiel ihm Charlize ein. Sie hatte doch in Orr nach einer Spur von Jeremy Bates suchen sollen.
„Sie müssen mir helfen, Mr. On Drägn“, flehte Pete indes. „Mein Bruder kann nichts dafür. Der Wendigo hat ihn sich geholt.“
„Wenn dein Bruder eure Eltern umgebracht hat, dann muss er zur Polizei! Pete, da kann ich nicht viel tun.“
„Bitte, gehen Sie nicht zur Polizei, Mr. On Drägn. Es ist nicht seine Schuld. Bitte, helfen Sie uns.“
„Wie soll ich euch denn dabei helfen?“ Ondragon hob beide Hände. Die Sache war eindeutig: Wenn Momo der Mörder seiner Eltern war, dann musste er hinter Schloss und Riegel. Das FBI würde sich zwar freuen, diesen Fall nach so vielen Jahren ad acta legen zu können, aber es gab nichts, was Momo vor dem Gefängnis schützen konnte. Außerdem war das nach zwölf Jahren kalter Kaffee. Vielmehr musste er sich um Dr. Arthur kümmern, der ein weitaus monströseres Spiel betrieb als der zurückgebliebene Momo, der aus Affekt oder was auch immer seine Eltern gekillt hatte.
„Mr. On Drägn, ich weiß, dass Sie das nicht wollen, aber nur Sie können uns helfen!“ Mit tränenverschleiertem Dackelblick sah der Hillbilly ihn an. Wirklich herzerweichend, dachte Ondragon abfällig, doch mit einem Mal spürte er irgendwo tief in seinem verhärmten Innern einen winzigen Funken Mitleid aufflammen. Es war wie eine schallende Ohrfeige! Überrascht über seine eigene Reaktion zog sich sein Brustkorb jäh zusammen, was seine Rippe dazu brachte, trotz des Aspirinpegels empört aufzukreischen. Und noch während Ondragon zu begreifen versuchte, wie es dazu kommen konnte, dass das, was er all die vorangegangenen Jahre so geflissentlich zu verbergen versucht hatte, nun doch an die Oberfläche drang, wusste er, dass er dem Hillbilly helfen würde. Ganz entgegen seiner gestrengen Maxime, niemals etwas für andere zu tun. Denn im Kampf ums Überleben war man sich selbst immer der Nächste. Das hatte die Natur schon ganz richtig so eingefädelt. Und Ondragon schätzte diesen Selbsterhaltungstrieb ganz besonders. Seine Seele war eine polare Eiswüste - sie musste es sein! Sie war ein Kühlschrank, in dem nichts anderes existieren durfte als professionelle Kälte.
Pete zog derweil ein schmutziges Stofftaschentuch aus der Hosentasche und schnaubte lautstark hinein, dass es von den Bäumen widerhallte. Dann ließ er die Arme hängen und sah traurig in den Wald. Ondragon konnte nur erahnen, wie einsam und klein sich der Junge in diesem Moment fühlte. Niemand wollte etwas mit einem einfältigen Dorfdeppen wie ihm zu tun haben. Aber gerade das war es, was Ondragon schließlich einen Ruck gab. Es war die Tatsache, dass der Junge den vollkommenen Gegensatz zu ihm selbst verkörperte. Peter Parker war ein herzensguter Mensch, wenn auch etwas unterbelichtet und mit dem Gemüt eines Riesenschafs, harmlos und unschuldig. Ganz anders als er selbst, der den meisten Menschen, mit denen er beruflich zu tun hatte, ausnahmslos Schlechtes zukommen ließ und alles andere als unschuldig war! Er hob dem Kofferjungen eine Hand entgegen. „Wenn es denn so sein soll! Dann schieß mal los.“
Verwundert schielte Pete auf die ausgestreckte Hand. Er hatte wohl nicht mehr damit gerechnet, dass er von dieser Seite Hilfe bekam.
„Echt jetzt, Mr. On Drägn?“ Seine Miene hellte sich auf.
Ondragon nickte, und Pete schlug ein. „Super, Mr. On Drägn! Cool von Ihnen. Alles, was ich will, ist, Momo helfen.“ Mit gesenkter Stimme berichtete der Kofferjunge daraufhin, was er vorhatte, um Momo zu heilen. Es gäbe da ein sehr altes Buch, das sich in Dr. Arthurs Besitz befand. Eigentlich hatte es einmal der Familie Parker gehört, doch Pete hatte es dem Psychotherapeuten gegeben, weil dieser sich doch so für alte Schriften interessierte und weil sein Onkel Joel ihm einmal erzählt hatte, dass es darin um den Wendigo ging. Er hoffte, in dem Buch könnte etwas stehen, dass Momo heilen könnte. Ondragon hörte dem Hillbilly geduldig zu, fürchtete insgeheim aber schon das Ziel dieses aberwitzigen Plans.
„Sie müssen mir dieses Buch besorgen, Mr. On Drägn!“
War klar! Scheiße!
„Wo ist es denn?“ Er wollte es zumindest versuchen. Dem Jungen zuliebe, der sich so rührend um seinen Bruder sorgte … und wegen dieses verdammten weichgespülten Gefühls in seiner Brust! Das würde er noch fürchterlich bereuen, dachte er.
„In Dr. Arthurs Büro“, antwortete Pete, „in der Schreibtischschublade.“
Ondragon wurde unwohl. Er wollte Dr. Arthur zwar wegen seiner unappetitlichen Machenschaften drankriegen, aber einbrechen wollte er bei ihm nicht. Er hatte bereits alles, was er brauchte, um ihn zur Rede zu stellen. „Und warum fragst du den Doc nicht einfach, ob er es dir zurückgibt?“
„Das habe ich schon. Aber er sagt, er sei noch nicht fertig mit Lesen.“
„Pete, ich kann doch nicht einfach in sein Büro eindringen.“
„Können Sie wohl. Ich habe Sie doch gesehen.“
„Wobei?“
„Gleich in der ersten Nacht sind Sie in Sheilas Büro eingebrochen!“
Woher wusste der kleine Schleicher das?
„Ich war draußen an der Tür und habe Sie erkannt, als Sie durch die Eingangshalle geschlichen sind. Vorher habe ich das Licht Ihrer Taschenlampe in dem Büro gesehen.“
Also war es Pete gewesen, der damals die Geräusche vor der Tür der Lodge gemacht hatte. Zumindest das hätte sich schon mal geklärt. „Was hast du denn da draußen gemacht?“, fragte er zurück.
„Ich habe nach Momo gesucht. Er war schon den ganzen Tag ausgerissen.“
Ondragon gab sich mit dieser Antwort zufrieden. Er schätzte Pete ohnehin nicht so ein, dass er ihn belügen würde. Zurück zu dem Buch! „Nun gut, ich könnte in Dr. Arthurs Büro einbrechen und das Ding holen. Und was soll ich dann tun?“
„Dann kommen Sie damit zu mir nach Hause. Sie müssen mir helfen, es zu lesen.“
Ondragon sah Pete an.
„Nun, ja“, sagte dieser verlegen „wissen Sie, ich kann nämlich nicht besonders gut lesen.“
„Ich dachte, du wärst als Kind in die Schule gegangen?“
„Bin ich auch, aber Lesen und Schreiben habe ich da nicht so richtig gelernt.“ Somit fiel Pete als potentieller Drohbriefschreiber schon mal aus.
„Okay, Pete. Ich mach‘ es. Für dich!“
„Versprochen?“
„Ja!“ Ondragon fuhr sich über die Oberlippe. Ich fass‘ es nicht, ich helfe einem Hillbilly im Kampf gegen ein Fabelwesen! „Aber ich tue es erst heute Nacht. Ich komme dann zu eurem Haus. Sieh zu, dass der Köter ruhig bleibt!“
„Klar, Mr. On Drägn. Und vielen Dank!“
„Dank mir erst, wenn’s vorbei ist!“, flüsterte er und schickte den Hillbilly fort. Nachdem er eine Weile abgewartet hatte, ging er wieder zu der Tür des Bootshauses. Er horchte und klopfte dann. Keine Antwort. Er öffnete die Tür und trat in das dunkle Holzgebäude. „Kateri?“
Etwas Licht fiel durch eine der Türen auf der gegenüberliegenden Seite, durch welche die Boote direkt auf den See hinausgelassen wurden. Aber niemand war zu sehen. Ondragon trat an die Öffnung und schaute auf den See hinaus. Ihm bot sich ein zauberhafter Ausblick über das Wasser und die darin verstreut liegenden Inseln. Doch diese trügerische Idylle konnte nicht länger darüber hinwegtäuschen, dass sich dieser Ort zum Set eines Horrorfilms verwandelt hatte. Irgendwo da draußen lauerte noch immer der Killer und wartete auf sein nächstes Opfer. Dass Lyme diesem Verrückten zu nahe gekommen war, bezweifelte er längst nicht mehr, auch wenn er heute Vormittag noch geglaubt hatte, dass seine Wahrnehmung ihn im Stich ließ. Lymes Leiche war verschwunden, das stimmte, aber sein Instinkt - vom Fieber gedämpft oder nicht - sagte ihm, dass an den Ereignissen auf der Lichtung der Anschein einer Inszenierung klebte. Eine Inszenierung, die nur dafür gemacht war, ihn zu täuschen. Um ihn von seinem Weg abzubringen. Doch das würde ihnen nicht gelingen. Sein Kurs stand fest, unerschütterlich auf Kollision mit dem obersten Felsen der Lodge: Dr. Arthur!
Sein Blick blieb an einem länglichen schwarzen Fleck hängen, der sich in beträchtlicher Entfernung gemächlich über das Wasser schob. Nach genauerem Hinsehen, stellte er fest, dass es sich dabei um ein Kanu handelte, in dem ein Mensch saß. Vermutlich Kateri. Sie hatte sich auf den See geflüchtet, um dem Trubel zu entkommen - und um ihm zu entkommen?
Ondragon wandte sich von der trügerischen Traumkulisse ab und machte sich daran, zur Lodge zurückzukehren. Er würde später mit Kateri reden müssen. Vorher wollte er sich einen doppelten Espresso gegen seine Müdigkeit einverleiben und dann unauffällig die Gegebenheiten rund um Dr. Arthurs Büro sondieren. Dann würde er sich etwas überlegen müssen, wie er dieses verdammte Buch zu Pete bringen sollte!