16. Kapitel

 

1835, Kabetogama, im Wald 40 Meilen südöstlich von Fort Frances

 

Vincent Lacroix erwachte mit einem Ruck aus seinem unruhigen Schlaf. Es war stockdunkel und eisig kalt. Das Feuer, das die Soldaten für das Nachtlager entzündet hatten, war ausgegangen. Wahrscheinlich schlummerte der wachhabende Soldat tief und fest und hatte es nicht bemerkt.

Aber das war nicht seine Aufgabe, dachte Lacroix und versuchte sich umständlich wieder in seine dicke Wolldecke zu wickeln. Die Tannenzweige, die ihm als Schlaflager dienten, knirschten leise unter ihm. Nasse Kälte zog vom Boden hoch bis in seine Knochen.

Merde, wir sollten nicht hier draußen sein!, fluchte er stumm in sich hinein. Ein verdammter Scheißdreck war das! Mitten im Wald zu übernachten, bei klirrender Kälte. Hoffentlich würde Two-Elk ihren Hinweis in der Hütte bald finden und etwas unternehmen, um sie aus der Gewalt der Soldaten zu befreien. Und hoffentlich hatte er bei seinen Stammesbrüdern etwas gegen den Biss der Bestie bekommen, die Parker mit ihrem unheilvollen Fluch infiziert hatte. Lacroix machte sich Sorgen um seinen alten Freund. Er rollte sich auf seinem Lager herum, um zu sehen, wie es ihm ging. Der Trapper lag auf der Seite und starrte zurück. Das Weiße in seinen Augen leuchtete unheimlich in der Dunkelheit.

Erschrocken stieß Lacroix Luft aus.

„Eh, mon ami, wie geht es dir?“, fragte er schließlich.

Parker antwortete nicht gleich, und Lacroix fürchtete schon, sein Freund wäre in die ewigen Jagdgründe eingegangen, da hörte er einen lallenden Laut.

„Alan? Was ist, kannst du nicht sprechen?“

Wieder ein Lallen, so als sei der andere besoffen.

Lacroix stützte sich auf einen Ellenbogen und stieß Parker sanft an. Das Lallen wurde zu einem Zischen und dann hört er ein Wort.

„Wendigo.“

Lacroix gerann das Blut in den Adern.

„Wo, Alan, wo ist er? Ist er hier?“ Angsterfüllt sah er sich um und tastete mit seiner linken Hand nach dem Messer in seinem Stiefel. Ohne seine Pistolen fühlte er sich nackt und schutzlos. Wenn der Wendigo jetzt kam, dann würden sie alle gemeinsam in die Hölle fahren!

Doch er konnte nichts Ungewöhnliches im Dunklen entdecken. Der Schnee reflektierte genug Licht vom bewölkten Himmel, um die schlafenden Soldaten als dunkle Haufen rund um das erloschene Lagerfeuer erkennen zu lassen. Im Hintergrund standen die Pferde, abgesattelt und angebunden an die weißleuchtenden Birkenstämme. Die Tiere waren ruhig.

Lacroix entspannte sich wieder. Die Pferde würden es als erstes wittern, wenn sich ein wildes Geschöpf nähern würde. Parker musste also etwas anderes gesehen haben. Vielleicht ein Trugbild aus seinen Fieberträumen. Er wandte sich wieder an seinen Freund. Der lag jetzt mit geschlossenen Lidern da und atmete schwer. Lacroix fühlte seine Stirn. Sie war kalt. Two-Elk hatte erzählt, dass das Fieber des Wendigo nicht wie ein normales Fieber brannte. Es ließ einen Menschen langsam zu Eis werden. Der Betroffene litt fürchterliche Hitze, während sein Inneres allmählich gefror und für äußere Kälte unempfindlich wurde. Parker brauchte also dringend Wärme, wenn er jemals dieser düstereren Verdammnis entkommen wollte, die ihn zu einem Geschöpf des Waldes machen wollte. Lacroix hoffte, dass die Soldaten im Fort ordentlich einheizten, sonst wäre sein Freund verloren. Sorgsam zog er Parker die Decke über den Kopf und legte sich selbst wieder schlafen.

 

Am nächsten Morgen wurde Lacroix von lautem Gebrüll aus dem Schlaf gerissen. Es war der verdiente Anranzer, den der wachhabende Soldat von Lieutenant Stafford erhielt, weil er eingeschlafen war und das Feuer hatte ausgehen lassen. Mühsam erhob sich Lacroix und ging zum Pinkeln ein paar Schritte in den Wald hinaus.

Als er seinen Hosenbund wieder schloss, fiel sein Blick auf eine frische Fährte, die ein paar Schritte weiter durch den Schnee verlief. Er erstarrte.

Die Spur war ihm nur allzu bekannt!

Tabernac!

Lacroix wandte sich um und verfolgte die Fährte. Sie führte direkt zu Parkers Lager.

 

 

Anette Strohmeyer - Ondragon 01 - Menschenhunger
titlepage.xhtml
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_000.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_001.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_002.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_003.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_004.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_005.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_006.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_007.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_008.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_009.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_010.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_011.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_012.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_013.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_014.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_015.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_016.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_017.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_018.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_019.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_020.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_021.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_022.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_023.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_024.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_025.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_026.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_027.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_028.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_029.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_030.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_031.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_032.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_033.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_034.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_035.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_036.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_037.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_038.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_039.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_040.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_041.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_042.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_043.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_044.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_045.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_046.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_047.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_048.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_049.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_050.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_051.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_052.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_053.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_054.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_055.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_056.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_057.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_058.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_059.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_060.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_061.html