18. Kapitel
1835, Kabetogama, im Wald 40 Meilen südöstlich von Fort Frances
Parker lag noch immer bewegungslos auf seinem Schlaflager, als Lacroix sich neben ihn niederkniete und dabei unauffällig die zehenlosen Spuren verwischte. Von wem auch immer sie stammten, von Parker oder dem Wendigo, die Soldaten durften sie auf keinen Fall sehen, sonst würde der Verdacht, die Walcotts niedergemetzelt zu haben, sofort auf sie fallen. Und je länger Parker ohne Hilfe blieb, desto schneller würde die Verwandlung vonstatten gehen, und dann waren sie geliefert. Niemand würde mehr glauben, dass sie nichts mit den Morden zu tun hatten. Aber jemand, der nicht hier im Wald lebte, konnte nicht begreifen, was geschehen war. Und der ach so aufgeklärte Lieutenant Stafford erst recht nicht. Er glaubte immer noch fest daran, dass alles mit rechten Dingen zuging und dass es eine rationale Erklärung für den schrecklichen Tod der Familie gab. Aber da irrte er sich.
Lacroix rüttelte sanft an Parkers Schulter. „Eh, Alan, es ist Zeit, du musst aufstehen!“
Der alte Trapper öffnete die blutunterlaufenen Augen und stöhnte.
„Wir müssen weiter. Im Fort wird es besser, da können wir etwas gegen deine Leiden unternehmen.“ Er dachte an Parkers geschwollene Füße und das kalte Fieber, das in ihm wütete. Hoffentlich hielt er durch. Mühsam half er Parker auf die Beine und schleppte ihn, so nah es ging, an das neu entfachte Feuer. Dort im Atem der glühenden Wärme, in der sämtliche Soldaten eng beieinander kauerten, bekamen beide Gefangenen heißen Kaffee in Blechtassen und dazu Trockenfleisch und Zwieback gereicht. Dankbar trank Lacroix zwei große Schlucke und biss von dem Trockenfleisch ab. Danach half er Parker, das Gebräu zu sich zu nehmen, doch dessen Körper rebellierte zunehmend gegen alles Warme. Immer wieder spie Parker den Kaffee in den Schnee und blickte ihn danach entschuldigend an. Er schien wieder etwas klarer im Kopf und schämte sich für seine Unpässlichkeit.
„Schon gut, mon ami.“ Lacroix klopfte seinem Freund auf den gebeugten Rücken
„Was ist mit ihm, geht es ihm schlechter?“ Lieutenant Stafford war neben sie getreten und sah mit wenig Mitgefühl auf sie hinab.
„Wenn er nicht bald in die Wärme eines Hauses kommt, dann…“ Lacroix ließ es unausgesprochen. Er wusste selbst nicht so genau, was eher kommen würde, der Tod oder die Verwandlung?
„Morgen Abend werden wir das Fort erreichen. Bis dahin sehen Sie zu, dass Sie ihren Freund am Leben halten, damit er als Zeuge vom Colonel vernommen werden kann.“
„Aha, Zeuge? Und ich fühlte mich schon wie ein verurteilter Schwerverbrecher.“ Lacroix lächelte süffisant, was dem Lieutenant nicht gefiel.
Der plusterte sich auf und sprach gewichtig weiter: „Ich appelliere an Ihre Bereitschaft, an Ihren Sinn für Ehrenhaftigkeit, der Armee Seiner Majestät, König Georg IV., zu helfen, dieses Verbrechen aufzuklären. Es ist Ihre Pflicht als…“
Lacroix hob eine Hand und unterbrach Stafford, der mit zusammengepressten Lippen sichtlich Mühe hatte, seinen Zorn zu bändigen.
„Lieutenant“, sagte Lacroix ruhig, „mein Freund und ich leben seit einem halben Menschenleben hier im Wald, und der einzigen Macht, der wir uns verpflichtet fühlen, ist die der Freundschaft. Ich würde für meinen Kameraden hier sterben, nicht aber für ein dämliches Verhör von Seiner Majestät Armee! Außerdem bin ich Franzose, ich habe nichts mit euren englischen Gesetzen zu schaffen!“
Stafford blinzelte indigniert und räusperte sich. „Passen Sie auf, was Sie sagen. Ich habe noch ganz andere Befugnisse!“
„Ihre Befugnisse sind mir gleich.“
„Ich wollte Sie lediglich darauf hinweisen, Monsieur Lacroix, dass Sie zu Ihrem eigenen Wohl daran interessiert sein sollten, uns zu helfen. Ein schlimmes Verbrechen an unschuldigen Menschen ist begangen worden, an Ihren Freunden!“
Dieser Hund!, dachte Lacroix. Er wusste genau, wie sehr ihm das mit den Walcotts an die Nieren ging, und das nutzte er aus. „Wenn meinem Freund Parker etwas zustoßen sollte, während er seiner Pflicht als Ehrenmann nachgeht, dann mache ich Sie dafür verantwortlich, Lieutenant Stafford “, knurrte er ärgerlich. „Es ist durch nichts zu rechtfertigen, einen kranken Mann durch die verschneite Wildnis zu schleppen, egal, wie dringend seine Anwesenheit als Zeuge an irgendeinem Ort dieser Welt erforderlich sein mag! Diese brave Familie da draußen ist tot, und es waren unsere Freunde! Warum sollten wir sie also umbringen? Natürlich wollen wir helfen, den zu finden, der sie auf dem Gewissen hat, aber ob das heute ist oder in einem Monat, macht sie auch nicht wieder lebendig!“
Lacroix sah aus den Augenwinkeln, wie immer mehr der Soldaten sich ihnen interessiert zuwandten. Auch Lieutenant Stafford bemerkte, dass die Stimmung gegen ihn zu kippen drohte. Er schob seine Brust vor und versuchte souverän zu wirken, leider hatte er seine linke Faust nicht unter Kontrolle. Sie öffnete und schloss sich unentwegt um den Griff seines polierten Säbels.
Die Soldaten hatten das Gespräch mitgehört, aus dem er als ihr Vorgesetzter nicht gerade als glänzender Sieger hervorgegangen war. Wahrscheinlich fragten auch sie sich längst, warum sie hier draußen in der elenden Kälte herumlaufen und es riskieren mussten, von einem wahnsinnigen Mörder abgeschlachtet zu werden. Lacroix sah deutlich den Missmut in ihren Augen.
Um vor den Soldaten sein Gesicht zu wahren und wohl auch, um das letzte Wort zu behalten, zischte der Lieutenant: „Wir sprechen uns später noch, Monsieur Lacroix!“ Dann wandte er sich mit wutbleichem Gesicht an Sergeant Hancock, dem er lautstark Anweisung gab, das Lager aufzulösen und endlich aufzubrechen.
Lacroix spuckte in den Schnee und machte sich daran, auch seine Sache zu packen. Er holte eine seiner Trinkflaschen hervor und füllte sie mit heißem Wasser. Anschließend band er sie Parker um die Brust und half ihm auf sein Pferd. Sorgfältig wickelte er ihn in mehrere Lagen Jacken und Decken, und stieg dann auf sein eigenes Pferd. Wenig später setzte sich der Trupp in Bewegung.
Mit jedem mühsamem Schritt, mit dem sie sich Meile um Meile dem Fort näherten, spürte Lacroix die dunkle Präsenz des Wesens hinter sich im Wald anwachsen. Es war wie ein unsichtbares, entseeltes Pulsieren, das kalte Wellen gegen sie aussandte. Sein genauer Ursprung war nicht auszumachen, aber es war da.
Er zwang sich, weiter nach vorn zu sehen und sich nicht umzuwenden, denn er verspürte immer eindringlicher Angst vor dem, was da hinter ihnen durch das kalte Unterholz kroch. Schon meinte er, im Wind den Hauch jenes Gestankes wahrzunehmen, der das Haus der Walcotts verpestet hatte. Doch so schnell, wie die Ahnung gekommen war, war sie auch schon wieder mit dem Wind weitergezogen. Scharf sog Lacroix Luft ein und witterte.
Nichts. Nur klare, eisige Kälte, unterlegt mit einem feinen Duft von nassen, moosigen Stämmen.
Trotzdem blieb sein Unbehagen wie ein klebriger Schatten an ihm haften.
Diese Nacht würde düsterer werden als die davor.