21. Kapitel

 

2009, Moose Lake, Cedar Creek Lodge

 

Am nächsten Morgen kam ihm alles vor wie ein schlechter Traum, doch als er auf den Balkon ging, lag das Ding noch immer da. Ondragon seufzte. Nun musste er schon wieder mit Deputy Hase sprechen. Es war ihm unangenehm, weil es ihn viel zu sehr in den Focus rückte. Ohne das grausige Relikt auf dem Balkon noch einmal zu betrachten, ging Ondragon ins Bad, um zu duschen. Anschließend begab er sich nach unten an die Rezeption und bat Sheila um ein Telefonat. Das tat er äußerst ungern, aber er musste sein Handy weiterhin geheimhalten.

Nur Widerstrebend reichte Sheila ihm den Apparat über den Tresen, nachdem er ihr mehrfach versichert hatte, dass es unabdinglich sei, die Polizei anzurufen. Seufzend wählte Ondragon Hases Nummer.

„Hase!“ Der Deputy klang müde. Es war ja auch kurz vor sieben Uhr.

„Ich bin es nochmal, Paul Ondragon aus der Cedar Creek Lodge.“ Er drehte sich von der kratzbürstigen Empfangsdame weg und legte eine Hand vor die Sprechmuschel.

„Ja? Was wollen Sie?“ Gereizt.

„Ich weiß nicht, ob das mit der Leiche im Wald zusammenhängt, aber Frank, der Gärtner, hat vorgestern seinen Hund vermisst und …“

„Fassen Sie sich kurz, Sir!“ Noch gereizter. Was erlaubte sich dieser junge Schnösel?

Nun gut. Ondragon hatte nicht vor, sich mit ihm über Umgangsformen zu streiten. „Hören Sie, der Kopf des Hundes liegt auf meinem Balkon, und es sieht nicht gerade nach einem Unfall aus!“

„Was zum Teufel …“ Er hörte, wie der Deputy den Hörer vom Ohr nahm und heftig hustete. So jung und schon Raucherhusten? Dann war Hase wieder am Telefon. „Gegen 10.30 Uhr sind wir wieder in der Lodge. Bis dahin fassen Sie nichts an!“ Hase legte auf.

Aber klar doch!

 

Als er beim Frühstück eintraf, lächelte ihm Miss Wolfe schon von ihrem Tisch aus entgegen. Er setzte sich zu ihr. Nach der unerfreulichen Überraschung in der Nacht hatte er wenig Lust, sie auf ihren nächtlichen Trip anzusprechen und erst recht nicht auf ihren möglichen Appetit auf Menschenfleisch. Also unterhielten sie sich über belangloses Zeug. Den Fund auf seinem Balkon ließ Ondragon zuerst unerwähnt, weil er nicht wusste, ob er Kateri überhaupt vertrauen konnte. Er tat es dann aber doch, um sie gewissermaßen zu testen. Schließlich war sie des Nachts draußen gewesen und gehörte damit unweigerlich zum Kreise der Verdächtigen.

„Kennen Sie den Hund des Gärtners, Rumsfeld?“, fragte er unauffällig.

„Dieses riesige Wollknäul? Natürlich kenne ich ihn. Ein bisschen groß vielleicht, aber lammfromm.“

Ondragon nickte. „Er ist vorgestern verschwunden.“

„Ach, der streunt bestimmt wieder im Wald herum. Das macht er öfter.“ Kateri aß unbekümmert den Rest ihres Rühreis.

„Tja, wenn er das ohne Kopf tut, dann wäre an der Sache nichts Besonderes.“

Kateri reagierte zuerst nicht, dann runzelte sie die Stirn.

„Was meinen Sie, Paul?“ Sie sah verwirrt aus.

„Der Kopf des Hundes ist vergangene Nacht auf meinen Balkon geworfen worden!“ Als Sie draußen waren!, hätte er am liebsten noch hinzugefügt, doch er blickte Kateri nur prüfend an.

„Sein Kopf? Ich verstehe immer noch nicht.“

Tat sie das wirklich nicht? Zumindest verriet ihr Gesicht keinerlei gegenteilige Regung.

„Jemand hat dem armen Rumsfeld den Kopf abgerissen und ihn auf meinen Balkon geworfen. Und ich frage mich, ob das ein Zufall war, oder ob mir dieser Jemand damit etwas mitteilen will.“

Kateri hatte eine Hand vor den Mund gehoben, ihre Augen drückten echtes Erschrecken aus.

„Oder war das auch der wildgewordene Bär?“, setzte er nach.

„Letzte Nacht, sagten Sie?“ Sie ließ sich nicht anmerken, dass sie draußen gewesen war. „Das ist ja schrecklich. Weiß Frank schon davon?“

„Nein, Deputy Hase will sich zuerst alles anschauen. Ich habe den Kopf gelassen, wo er ist.“ Ondragon lächelte sarkastisch. Er hob beide Hände. „Ich für meinen Fall denke, der Deputy sollte einen Jäger darauf ansetzen und dieses Bären-Mistvieh endlich abknallen. Damit wäre mir wesentlich wohler. Eigentlich ist es unverantwortlich, noch Leute da draußen herumlaufen zu lassen, so lange dieser mordlustige Meister Petz den Wald unsicher macht.“

„Da haben Sie Recht, Paul. Ich glaube, ich werde mich vorerst nicht weiter als nötig von der Lodge entfernen.“ Reichlich unwohl dreinschauend nahm sie einen Schluck Wasser.

„Übrigens habe ich Sie gestern gesucht und auch beim Abendessen vermisst.“

Ertappt schaute Kateri auf. Eine erste Regung?

„Nun, zuerst bin ich von Deputy Hase zu der Leiche im Wald befragt wurden, so wie einige andere Gäste auch, und anschließend war ich bei Dr. Arthur. Die Sitzung dauerte etwas länger, es ging mir nicht gut. Das Abendessen habe ich mir hinterher auf mein Zimmer bringen lassen. Es tut mir Leid, dass ich unsere Verabredung nicht eingehalten habe. Verzeihen Sie mir noch einmal?“

Paul wollte eigentlich härter zu ihr sein, doch dann lächelte er. „Natürlich. Aber heute leisten Sie mir doch Gesellschaft?“

Scheu blinzelte Kateri und nickte dann. Nein, sie war ganz bestimmt keine Kannibalin. Dafür war sie viel zu … ja, was eigentlich? Er musterte sie verstohlen. Kateri Wolfe vereinte Verletzlichkeit mit einer würdevollen, geradezu königlichen Haltung. Sie wirkte selbstbewusst und zugleich verirrt wie eine Gazelle unter Hyänen. Und doch wusste sie sich zu behaupten. Das distanzierte Lächeln und die spröde Kühle in ihren Augen waren ihre Schutzhülle. Was aber war dahinter, wenn man daran kratzte, wenn man die unsichtbare Grenze, die sie umgab, übertrat? Ondragon brannte darauf, das herauszufinden. Bei allen Ereignissen, die sich hier in der Lodge abspielten und seinen Geist auf Trab hielten, lockte ihn die Vorstellung, dieser Frau einmal ganz nahe zu sein, am intensivsten. Er wagte es, seine Hand auf die ihre zu legen. Sie zog sie nicht weg, blickte ihn aber auch nicht an. Für einige Atemzüge verharrten sie so, dann nahm Ondragon seine Hand wieder zurück und erhob sich.

„Sie entschuldigen mich, ich muss noch etwas erledigen.“

Kateris Mundwinkel zuckten und dann trat ein zögerliches Lächeln auf ihre Züge. Eines, das er noch nicht kannte. Es war warm und freundschaftlich. „Kommen Sie einfach zu mir, wenn Sie fertig sind. Ich werde die Lodge so schnell nicht verlassen.“

Ondragon nickte und verließ das Restaurant, doch bevor er nach oben ging, suchte er erneut die Rezeption auf.

„Hallo, meine Beste!“, grüßte er Sheila mit honigsüßem Tonfall, die nur mit Mühe ein Gähnen unterdrückte. „Ich habe das vorhin vergessen zu fragen, ist zufällig ein Paket für mich angekommen?“

„Hmm hm.“ Sheila bückte sich und kam mit einem braunen Paket mit dem Aufdruck amazon wieder hoch. Sie reichte es ihm über den Tresen hinweg.

„Vielen herzlichen Dank!“ Ondragon schenkte ihr ein herzzerreißend charmantes Lächeln, doch Sheila veränderte ihren beinharten Gesichtsausdruck nicht für eine Nanosekunde.

„Bitte“, sagte sie unterkühlt und widmete ihre Aufmerksamkeit wieder den Papieren vor ihr.

Keine Chance!

Ondragon verließ den Eingangsbereich und ging hinauf. In seinem Zimmer öffnete er das Paket. Zum Vorschein kam ein Paar nagelneuer Laufschuhe. Er küsste die Verpackung und warf sie in den Mülleimer. Endlich wieder Sport. Hoch lebe amazon!

Er holte sein iPhone hervor und schaute in die Mailbox. Na endlich! Eine Antwort von Rudee. Und auch eine von Charlize.

Er öffnete zuerst die Mail von Rudee.

 

Sawadee, Paul!

 

Es nicht einfach war, aber ich geschafft, in Rechner von Dr. A eindringen und Daten besorgen. Ich eben ein digitaler Schlüsselmeister ;-) Im Anhang du die Patientenakten finden. Wooow! In was du da bloß reingeraten! Informationen über Mitarbeiter Jeremy Bates du ebenfalls im Anhang finden. Über eine Miss Wolfe und einen Mr. Orchid ich allerdings nichts herausbekommen. Ich deshalb aber noch einen weiteren Versuch starten. Ich das Gefühl haben, nicht alle Rechner online. Falls du brauchen weitere Hilfe, tell me.

 

Napol_e.on

 

PS: Wenn stimmt, was in Patientenakten steht, dann ich an deiner Stelle diese Geisterbahn schnellstens verlassen! Und ich denken, ich ein Freak! ;-)

 

„Deine Scherze waren auch schon mal besser“, murmelte Ondragon und öffnete zuerst den Anhang über Jeremy Bates. Er wollte die Spannung noch etwas aufrechterhalten, denn er liebte das erwartungsvolle Kribbeln, kurz bevor er etwas herausfand. Er war ein Informationsjunkie.

Die Datei enthielt nicht viel.

 

Jeremy John Bates, geboren am 05.02.1969, ledig, wohnhaft in der King Road 33 in Orr, Minnesota. Eingestellt als Physiotherapeut im Spabereich am 01.07.2008, entlassen am 13.03. 2009. Grund: Verstoß gegen die Golden Rules.

 

Ondragon stieß ein trockenes Lachen aus. Die Golden Rules galten also auch für die Mitarbeiter. Das sah Dr. Arthur ähnlich!

Des Weiteren enthielt die Datei noch ein digitalisiertes Foto von Bates, seine Bewerbung auf die Stelle in der CC Lodge und ein Führungszeugnis von seiner vorherigen Anstellung im Krankenhaus von Cook, das aber nichts Schlechtes über ihn berichtete.

Ondragon schloss den Anhang und öffnete nach kurzem Zögern den nächsten. Der war wesentlich ausführlicher, denn er enthielt sämtliche Patientendaten seit der Eröffnung der Lodge im Jahre 2000. Ondragon staunte nicht schlecht. Rudee war wirklich ein Genie.

Er blätterte die Belegungspläne der Zimmer durch und gelangte zu einem Patientenregister in alphabetischer Reihenfolge. Schnell zückte er seinen Notizblock, suchte die Liste mit den aktuellen Gästen und ihren Kürzeln heraus und begann, sie abzugleichen. Dabei fühlte er sich wie ein Kind an Weihnachten. All diese Informationen über seine Mitinsassen waren ein Geschenk. Ein Geschenk, das ihm Macht über sie verlieh, ohne, dass sie davon wussten. Informationen bedeuteten Macht. Und Macht bedeutete Kontrolle. So funktionierte die Welt! Ondragon war voll in seinem Element und sein Grinsen wurde immer breiter, je mehr Namen er sich vorknüpfte.

 

Bloom, Charlie: paranoide Persönlichkeitsstörung verursacht durch Drogenmissbrauch, momentan clean, Patient glaubt, alle wollen ihm sein „Geheimnis“ stehlen - Beurteilung: therapierbar

Bright, Harold alias „Hatchet“ (kein Wunder, bei diesem langweiligen Namen hätte er sich auch einen neuen gegeben): Ochlophopie, Angst vor Menschenmassen aufgrund eines traumatischen Unfalls - Beurteilung: erfolgreich therapiert!

Burlwood, Lydia: Essstörung, Kompensation von Misserfolgen durch extrem erhöhte Aufnahme von Nahrung, strenge Diät! - Beurteilung: nur bedingt therapierbar - kommt gerne in die CC Lodge, weil es chic ist!

Crane, Wilbur: pädophil (oh, oh!) - Beurteilung: bedingt therapierbar - aber nur weil Patient gewillt ist, sich zu ändern (hui, brisant!)

Norrfoss, Johan: (jetzt wird‘s interessant!) spiel-und sexsüchtig, bisexuell, (da schau her) - Beurteilung: kaum therapierbar, da Patient sich vollkommen verweigert

Ondragon, Paul Eckbert: Phobie vor Büchern, ausgelöst durch ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit - Beurteilung: therapierbar (na, da ist der Doc aber zuversichtlicher als ich!)

Shamgood, Tommy: sadistisch veranlagter Stalker, homosexuell, Anzeige wegen Stalking von einem seiner männlichen Models, Opfer droht mit Anzeige (jetzt ein kleines Freudentänzchen zu „I got the Power“ von Snap! Ich habe dich bei den Eiern, Schleimer!) - Bewertung: bedingt therapierbar, da Patient zusätzlich noch narzisstisch veranlagt (auch das ist nicht zu übersehen!)

Stuart, Terry M.: Phobie vor Knöpfen (ja, das ist vielleicht mal blöd, erklärt aber die komischen Hemden und Anzüge, die er immer trägt) - Beurteilung: therapierbar

Victory, Thomasz: Phobie vor Keimen mit stark neurotischen Zügen, (ah, da haben wir ja einen Vertreter der Keim-Fraktion) verursacht durch seine Reisetätigkeit als Tennisprofi - Beurteilung: therapierbar …

 

… um nur die bekanntesten Insassen zu nennen. Leider fehlten nicht nur Miss Wolfe und Oliver Orchid, sondern auch Harvey Lyme, Enrique Souza und Dr. Michail Petrowsk in diesem Register. Aber warum? Hatten sie alle etwas gemeinsam, das noch geheimer war, als diese Patienteninformationen? Ondragon blätterte in dem Ordner, fand aber keine weitere Liste. Hm. Rudee hatte ja angedeutet, dass er noch etwas tiefer graben wollte. Also musste er noch etwas Geduld haben. Ondragon öffnete die Mail von Charlize.

 

Hey Chef,

1.) In Orr gibt es keinen Einwohner namens Jeremy Bates, und es gab auch vorher nie jemanden dort, der so hieß.

2.) Im Zeitraum November 2008 bis März 2009 ist kein Mord in Orr verzeichnet und auch kein Fund einer Leiche, aber dafür eine vermisste Frau: Dana Straub, 55, lebte allein, Alkoholikerin, war verwirrt, sie wurde am 07.03.2009 von ihren Nachbarn als vermisst gemeldet, die Polizei hat mehrere Tage erfolglos nach ihr gesucht. Sie wurde kurz darauf für tot erklärt. Im Bericht des zuständigen Deputy steht: Wahrscheinlich unter Alkoholeinfluss im Wald verirrt und erfroren, Leiche von Dana Straub konnte nicht gefunden werden - eine tragische Verkettung von unglücklichen Umständen.

3.) Die Artikel über Kannibalismus von Dr. Arthur findest du im Anhang.

 

Das ist bisher alles, was ich via Telefon und Internet herausfinden konnte. Habe mich als Mitarbeiterin der Polizeidienststelle in Pasadena ausgegeben. Die haben nichts gemerkt. Über die Familie Parker habe ich noch nichts herausfinden können, da das zuständige Archiv gestern schon geschlossen hatte. Ich melde mich wieder, sobald ich etwas habe.

 

Charlize

 

PS: Ist auch wirklich alles in Ordnung?

 

Ondragon überlegte und brachte die neuen Informationen in eine Reihe, ließ die Zentrifuge ihre Arbeit tun. Dass es keinen Jeremy Bates in Orr gab, war äußerst seltsam. Vielleicht hatte er dort unter falschem Namen gewohnt. Aber das mit der vermissten Frau könnte zu Vernons Gruselgeschichte passen - zumindest der Arm der Frau. Er musste Deputy Hase unbedingt fragen, ob die Leiche im Wald männlich oder weiblich war. Er schrieb eine Antwort an Charlize.

 

Vielen Dank, Charlize, gute Arbeit!

 

Da wären allerdings noch ein paar Fragen zu klären: Zu 1.) Ich habe herausgefunden, dass „Jeremy Bates“ in der King Road 33 in Orr gewohnt haben soll. Ruf doch bei der Adresse oder bei den Nachbarn mal an, und frag nach, ob er dort unter dem oder einem anderen Namen abgestiegen ist. Im Anhang findest du ein Foto von Bates und noch einige andere Informationen. Zu 2.) Wie hieß der Deputy, der den Bericht unterzeichnet hat?

 

Gruß, Paul

 

PS: Das Ganze hier ist ein Alptraum: Absolute Langeweile und es ist alles verboten, was Spaß macht, zu allem Überdruss läuft draußen im Wald noch ein verrücktgewordener Bär rum, der Menschen frisst. Du siehst also, es ist alles in bester Ordnung.

 

Nachdem er die Mail abgeschickt hatte, sah Ondragon auf die Uhr. Es war noch genug Zeit, bis Deputy Hase hier eintreffen würde. Also öffnete er den ersten Artikel von Dr. Arthur über Kannibalismus und begann zu lesen.

Um kurz vor halb elf schloss er die Datei, steckte das Telefon in die Hosentasche und sann über die schockierenden Berichte nach, die er soeben gelesen hatte. Wahrlich schwere Kost! Demnach wurde Kannibalismus, auch Antropophagie genannt, in der Psychiatrie als eine nur schwer therapierbare psychische Störung angesehen, die vorwiegend bei Männern auftrat. Dabei wurde der religiöse Kannibalismus primitiver Völker außer Acht gelassen und auch der medizinische Aspekt, Menschenfleisch zu essen, den es in Europa vom Mittelalter bis in die Neuzeit gegeben hat. Hierfür wurden Leichenteile zu heilenden Pülverchen zermahlen und gegen alle möglichen Krankheiten und Gebrechen eingenommen.

Hmm, lecker, dachte Ondragon, an was man damals alles geglaubt hat. Aber mit so etwas beschäftigte sich Dr. Arthur hier in der CC Lodge hoffentlich nicht. Leichenpulver gegen Geisteskrankheiten - selbst das war im Laufe der Geschichte der Menschheit schon ausprobiert worden.

Laut der Unterlagen, die Ondragon vorliegen hatte, umfasste Dr. Arthurs Spezialgebiet offiziell den Kannibalismus in Extremsituationen, wie zum Beispiel in Hungersnöten oder bei Flugzeugabstürzen in unwirtlichen Regionen, und dem kriminellen Kannibalismus, der in vier Gruppen unterteilt wurde:

 

1) Sexueller Kannibalismus: beim Essen von Menschenfleisch werden sexuelle Fantasien beflügelt

2) Aggressions-Kannibalismus: die am häufigsten auftretende Form, bei der es vorwiegend um Ausübung von Kontrolle und Macht geht, aber auch um Rache und Hass

3) Spiritueller und ritueller Kannibalismus: wird z. B. in Sektenkreisen und satanischen Kulten praktiziert

4) Geschmacks-und Ernährungs-Kannibalismus: Menschenfleisch wird aufgrund des Geschmacks oder Nährwertes gegessen

 

Was es nicht alles gab! Der Mensch war ein wahres Wunder an „Vielseitigkeit“.

Welche Erlebnisse und Faktoren diese schwere psychische Störung bei einem Menschen allerdings auslösten, war in Fachkreisen noch nicht geklärt. Einige vermuteten, dass Kannibalismus ein Symptom der Schizophrenie sei, also womöglich genetisch vererbbar, denn bei vielen Tätern wurde gleichzeitig eine solche Geisteskrankheit festgestellt. Andere behaupteten wiederum, Kannibalismus sei ein Aspekt von sexueller Perversion, die jeder Mensch entwickeln konnte, wenn er bestimmten Einflüssen ausgesetzt sei. Die meisten Wissenschaftler waren sich jedoch in dem Punkt einig, dass der Grundstein für Kannibalismus in der Kindheit bzw. Jugend eines Menschen gelegt wurde, zum Beispiel durch erlebte Gewalt in der Familie, asoziale Verhältnisse, zu enge Bindung an die Mutter oder ein anders geartetes Trauma.

Harter Tobak! Ondragon griff sich an die Stirn. Wie konnte man sich bloß freiwillig in diesen stinkenden Sumpf der Menschheit begeben? Ein absolutes Rätsel. Ondragon wusste nicht, ob er Dr. Arthur für dessen Arbeit bewundern oder bemitleiden sollte. Aber immerhin hatte sich der Arzt diese Aufgabe wirklich freiwillig gewählt. Dr. Arthur selbst nannte in einem seiner Artikel sein Ziel: Der therapeutische Sieg über das unerklärliche Phänomen des Kannibalismus (worin er der erste wäre, dem dies gelänge) und die Erstellung des weltweilt umfassendsten Verzeichnisses über Menschen mit kannibalistischen Neigungen, als ein Grundlagenwerk für künftige Heilverfahren.

Soviel zur aktuellen Forschung.

Eines jedoch ließ Ondragon an der ganzen Sache rund um den Kannibalismus nicht los. Und das waren nicht etwa die tiefen psychischen Abgründe, in denen sich die Betroffenen befanden, oder die abstoßenden Bluttaten, sondern, wie die Justiz einen solchen Fall behandelte. In sämtlichen Industrieländern gab es nämlich keinerlei Gesetze dafür, wie ein Straftäter rechtlich zu belangen sei, der eine menschenkonsumierende Handlung begangen hatte. In Deutschland, wo die aktuellsten Fälle nur ein paar Jahre zurücklagen, fehlte bis heute ein Strafgesetz gegen Kannibalismus. Bisher hat man die Täter nur unter Zuhilfenahme anderer Paragraphen wie z.B. Mord, Verstoß gegen das Bestattungsgesetz, Nekrophilie oder Leichenschändung verurteilen können. In den USA und Großbritannien verhielt es sich sogar noch perfider. Hier galt Kannibalismus nicht einmal als Bestand einer Straftat, sondern war lediglich eine gesellschaftlich geächtete Handlung, ein ultimatives Tabu - und trotzdem geschah es immer wieder. Unweigerlich hatte Ondragon das Bild einer verfallenen Hütte tief im Wald vor Augen, darin ein debiler Hillbilly, der statt Hirsche, Menschen - vornehmlich Jugendliche auf Zelttour - schoss und verzehrte. Der Stoff für diverse Hollywood-Gruselstreifen.

Plötzlich klopfte es, und das Bild von der Hütte verschwand. Ondragon stand auf und öffnete die Tür.

„Morgen“, grüßte Deputy Hase mit rekordverdächtig gerötetem Gesicht, seine Laune schien seit dem Telefonat nicht besser geworden zu sein. Bei ihm war Dr. Schuyler, der wahrscheinlich die traurigen Überreste Rumsfelds für die forensische Untersuchung einsammeln sollte.

„Wo ist der Kopf?“, fragte dieser sogleich und sah sich neugierig im Zimmer um.

Ondragon führte die beiden Männer auf den Balkon. Im warmen Sonnenlicht wirkte die Szene noch bedrohlicher als in der Nacht. Der Kopf lag auf der Seite, das struppige Fell war blutverkrustet.

Zuerst machte Dr. Schuyler Fotos, dann streifte er sich ein Paar Latexhandschuhe über und hob den Kopf hoch. Er gab ein ekelerregendes Schmatzen von sich, als sich das Fell von der angetrockneten Blutlache löste. Schuyler betrachtete den durchtrennten Hals. Die knorpelige weißlich rosa Luftröhre und Muskelfetzen hingen herunter.

„Hmm, Genaues kann ich noch nicht sagen, aber es war kein scharfes Messer, mit dem das gemacht worden ist.“ Mit ungerührter Miene stopfte er den Kopf des Hundes in einen Plastikbeutel.

„Könnte es auch ein Bär gewesen sein?“, fragte Ondragon.

Schuyler sah ihn nachdenklich an. „Meinen Sie etwa, das hier hängt mit der Leiche im Wald zusammen?“

„Wieso nicht? Ich finde es jedenfalls seltsam, dass das Ding ausgerechnet auf meinem Balkon gelandet ist. Ich bin schließlich auch in die Leiche getreten.“

„Wohl eher ein Zufall“, wiegelte Hase ab.

„Hm.“ Schuyler hielt den Plastikbeutel vor seine Augen. „Ein Bär könnte es schon gewesen sein, der Kopf wurde ja förmlich abgerissen.“ Er grinste. „Das wird Dr. Layton nicht gefallen! Wenn es nach ihr ginge, so lägen die niedlichen Teddybärchen den ganzen Tag auf der Wiese und pflückten Gänseblümchen. Pah!“

„Haben Sie denn mittlerweile herausgefunden, wer oder was den Mann getötet hat? Und war es überhaupt ein Mann?“ Ondragon sah vom Deputy zum Medical Examiner, der sich die Handschuhe auszog und mit in den Beutel stopfte.

„Es war ein Mann, ca. vierzig Jahre alt, dunkelhaarig, etwa 5,7 Fuß groß. Wir haben ihn aber leider noch immer nicht identifiziert. Und es waren eindeutig Fangzähne, die ihn verletzt haben. Dr. Layton denkt allerdings immer noch, dass es kein Bär gewesen ist. Etwas ist an diesen Wunden ist in der Tat seltsam, ich …“

„Es reicht, Dr. Schuyler! Mr. Ondragon hier muss nicht alles wissen!“, fuhr der Deputy den älteren Pathologen an. „Ich denke, wir sind hier fertig.“ Er wandte sich zum Gehen.

„Egal ob Bär oder Mann“, rief Ondragon ihm hinterher, „wäre es nicht vielleicht angebracht, eine Ausgangssperre für sämtliche Gäste und Mitarbeiter der Lodge zu verhängen? Irgendetwas läuft da draußen rum und reißt Menschen und Hunden Kopf ab!“

„Wissen Sie was, Mr. Ondragon“, Hase hatte sich umgedreht und seine Daumen in den Gürtel gehakt, „wie wäre es, wenn Sie uns unsere Arbeit machen lassen und sich um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern! Ich denke, wir können die Gefahr schon ganz gut einschätzen.“

„Wo ist eigentlich Dr. Layton?“, interessierte sich Ondragon.

„Am Tatort. Wie Dr. Schuyler schon gesagt hat, glaubt sie noch immer nicht, dass es ein Bär gewesen ist, und sucht nach weiteren Hinweisen.“

„Und was glauben Sie?“ Ondragon ging das blasierte Verhalten dieses Möchtegern-Hilfssheriffs auf die Eier.

„Ich habe meine Vermutungen, aber die werde ich ganz bestimmt nicht mit einem Laien diskutieren.“

Laie - wenn du Würstchen wüsstest!

Hase gab Schuyler ein Zeichen, und beide verließen das Zimmer. Ondragon sah auf die Blutlache. Toll! Die konnte dann wohl jemand anders wegputzen!

Noch während er auf das zähflüssige Rot starrte, kam ihm ein Gedanke. Dr. Layton war am Tatort. Vielleicht war sie gesprächiger, als der miesgelaunte Deputy. Er würde sich einfach seine neuen Laufschuhe schnappen, eine kleine Joggingrunde einlegen und dabei ganz zufällig auf die Verhaltensforscherin stoßen.

 

 

Anette Strohmeyer - Ondragon 01 - Menschenhunger
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