32. Kapitel
1835, Fort Frances
Sie bereiteten den Exorzismus gründlich vor. Two-Elk erklärte die Vorgehensweise und Lacroix legte alle Gegenstände zurecht, die sie brauchen würden. Colonel Richards und Gouverneur Simpson hatten das Zimmer längst verlassen. Wenn sie gewusst hätten, welch heidnischen Kult der Indianer hier zu praktizieren gedachte, hätten sie es auf jeden Fall missbilligt. Sie hatten Lieutenant Stafford zurückgelassen, um das Geschehen zu beobachten und notfalls auch einzugreifen. Er saß auf einem Stuhl und schrieb fleißig mit. Er notierte jedes Wort und jeden Handschlag. Amüsiert blickte Lacroix zu ihm hinüber. Für ihn war das alles bloß Zeitverschwendung. Wer zum Teufel würde dieses Gekritzel schon lesen? Niemand.
Er spürte, wie Two-Elk ihm eine Hand auf den Arm legte. Die dunklen Augen des Chippewa sprachen eine deutliche Sprache. Auch er spürte Furcht vor dem, was sie bei der Geisteraustreibung entfesseln könnten.
„Geist von Wendigo ist mächtig, er Teil von großem Universum. Aber wir müssen ihn aus Alan vertreiben! Kitchie Manitou, der Große Geist, wird uns dabei helfen“, sagte er mit gedämpfter Stimme.
„Gut, dann beginnen wir mit dem Ritual“, flüsterte Lacroix und wandte sich Parker zu, der auf dem Boden zwischen ihnen lag. Die verschiedensten Utensilien waren um ihn herum arrangiert, darunter Fetische aus Federn und Knochen, ein mumifizierter Habicht, ein Traumfänger, Lederschnüre, Säckchen mit Pülverchen und Räucherwerk, ein Wampumgürtel, ein Messer, ein Kohlebecken, ein Kupfertopf, eine weißemaillierte Kelle und rundliche Barren aus Bienenwachs.
„Kann ich auch etwas tun?“, fragte Stafford. Sein Gesicht glänzte vor Aufregung.
„Nein, Bleichgesichter dürfen nicht an der Zeremonie teilnehmen“, entgegnete Two-Elk entschieden.
„Aber er ist doch auch ein Bleichgesicht!“ Stafford deutete auf Lacroix.
„Vincent ist mein Bruder!“ Damit wandte der Chippewa sich wieder Parker zu.
Lacroix sah, wie der Lieutenant beleidigt die Lippen zusammenpresste, dann aber mit gezücktem Bleistift der Dinge harrte, die demnächst geschehen würden.
„Beginnen wir …“ Two-Elk nahm ein Säckchen und schüttete den Inhalt auf das glühende Kohlebecken, sofort stieg starker, nach Stechapfel riechender Rauch auf und erfüllte den ganzen Raum. Danach tauchte der Indianer seinen angefeuchteten Finger in einen der anderen Säcke. Mit einem roten Pulver zog er je eine waagerechte Linie auf Parkers, Lacroix‘ und seine eigene Stirn und legte anschließend die Lederschnüre zu einem Netz rund um Parker aus.
„Das wird den bösen Geist des Wendigo herausziehen, und das hier“, er zeigte auf den Traumfänger, „wird ihn auffangen und festhalten, bis wir ihn verbrennen.“ Auf Parkers Brust platzierte er die Habichtmumie und drapierte die Federn und Knochen in dessen Haar. Auf seinen Bauch legte er den Wampumgürtel aus schwarzen und weißen Muschelperlen.
Lacroix beobachtete den Chippewa dabei, wie er indianische Beschwörungsformeln vor sich hinmurmelte und jede Bewegung mit Bedacht ausführte. Allmählich spürte er die bewusstseinserweiternde Wirkung des Wysoccan-Rauches und sah, dass es Stafford nicht anders erging. Der Lieutenant schrieb nur noch träge in sein Buch und stierte zwischendurch immer wieder mit schweren Lidern in die Glut des Kohlebeckens.
Indes nahm Two-Elk den Kupfertopf, stellte ihn auf die heißen Kohlen, tat zuerst getrocknete Kräuter aus einem der Beutel und anschließend die Wachsbarren hinein. Sie schmolzen recht schnell, und der Duft von Bienenwachs gesellte sich zu den schweren Stechapfelschwaden.
Als Two-Elk einen dunklen, rituellen Gesang anstimmte und mit dem Oberkörper zu schaukeln begann, wusste Lacroix, dass sein indianischer Freund sich in Trance brachte, um seinen Geist zu reinigen und seine Handlungen heilig zu machen. Die Luft in dem Raum wurde immer schwerer von den Gerüchen, und vor Lacroix‘ Augen tauchten bunte Trugbilder auf. Zuerst schwebten Gesichter oder Masken über ihre Köpfe hinweg, dann schossen Schatten von Bäumen aus dem Boden empor und bläuliche Lichtblitze vom der Decke.
Parker regte sich nicht, doch hatte er Augen und Mund weit geöffnet und starrte angstvoll in die Rauchschwaden. Seine Zunge war schwarz und geschwollen und sein Atem ging pfeifend.
In dem Topf neben Lacroix begann das Wachs zu kochen. Feine Bläschen stiegen in der klaren Flüssigkeit auf, die kurz davor stand, Feuer zu fangen. Die Lichtblitze vor Lacroix‘ Augen verwandelten sich in rote Punkte, und die Punkte in glühende Pupillen. Ein großer dünner Schatten erschien. Der Wendigo!
Die Kreatur beugte sich zu ihnen hinab und öffnete sein Maul, als wolle er sie alle verschlingen. Kaum wusste Lacroix noch, was Wirklichkeit und was Trugbild war, so täuschend echt manifestierte sich das Wesen direkt vor seinem Gesicht. Der böse Waldgeist schien so nah zu sein, dass man meinen konnte, sein zottiges, stinkendes Fell zu berühren, wenn man nur seine Hand ausstreckte. Wie ein Gesandter der Hölle stand der Wendigo über ihnen, bereit seinen neuen Gefährten Parker zu sich zu holen.
Unwillkürlich zog Lacroix den Kopf ein. Er hörte wie Stafford ein entsetztes Stöhnen entfuhr und Two-Elk mit dem Gesang innehielt. Unbeeindruckt vom drohenden Schatten des Wendigo lehnte der Chippewa sich über Parker und raunte ein „Kitchie Manitou“ in dessen Mund, dann griff er nach der Kelle und tauchte sie in das Wachs.
Wie zuvor besprochen, hielt Lacroix Parkers Kopf mit beiden Händen fest und zwischen seinen eigenen Zähnen den Traumfänger. Sein Blick folgte der Kelle mit dem brodelnden Inhalt, die sich Parkers geöffneten Mund näherte.
Mit einer raschen Bewegung kippte Two-Elk das flüssige Wachs in Parkers Rachen. Es dampfte und zischte, und ein eigenartiger Geruch nach heißem Speichel und verbrannten Haaren stieg auf.
Der alte Trapper schrie mit einer hohen, fremdartigen Stimme, wollte sich aufrichten und um sich schlagen, doch starke Hände hielten ihn fest auf den Boden gedrückt. Two-Elk goss eine zweite Kelle in Parkers Mund, bis dessen Schreien in einem Gurgeln endete.
Der große Schatten über ihnen jedoch tobte und schrie weiter. Er ließ seine Krallen auf seine Angreifer niedersausen, doch sie fuhren durch sie hindurch, als seien sie Luft. Wieder schlug der Wendigo nach Lacroix, dann nach Two-Elk und schließlich sogar nach Stafford, der angstvoll zurückzuckte. Aber sie alle blieben unversehrt, denn ein starker Zauber schützte sie. Ein Zauber, der mächtiger war als der des Waldgeistes.
Wütend heulte der Wendigo auf und stampfte mit seinen baumstammartigen Beinen auf die Erde, dass sie bebte. Kalt wie sein eisiger Fluch schoss ihm der Zorn durch seinen ausgehungerten Körper. Er wollte nach Parker greifen, ihn mit sich zerren bis in die Tiefen des Waldes hinein, so dass sie ihn nie wiederfinden würden! Doch die Medizin des Indianers hielt ihn an Ort und Stelle fest wie in einem unsichtbaren Netz. Der Wendigo brüllte enttäuscht auf, zäher Geifer troff aus seinem Maul und verdampfte zischend im Topf mit dem flüssigen Wachs. Nur langsam drang die Erkenntnis durch die beißenden Dünste seiner Wut: Er war geschlagen. Er hatte den Kampf um seinen neuen Gefährten verloren. Er würde ohne ihn in die Wälder zurückkehren müssen. Allein!
Der Wendigo richtete sich auf, stieß einen letzten schrillen Schrei gegen die Decke, wehte schließlich wie eine Staubwolke im Wind durch den bitteren Rauch des Stechapfels und verschwand im Netz des Traumfängers. Schnell riss Two-Elk ihn aus Lacroix‘ Zähnen und warf ihn in die Glut des Kohlebeckens, wo der Traumfänger in einer kleinen Stichflamme verbrannte. Was blieb, war die stickige Stille, die sich über die vier Personen in dem kleinen Raum senkte und etwas, das Stafford später als die schillernde Aura des Großen Geistes beschrieb.
Kitchie Manitou.