3. Kapitel

 

2009, MN, St. Louis County, Moose Lake, Cedar Creek Lodge

 

Klick.

Ondragon schaute von dem winzigen Notizblock auf seinem Knie zum großen Panoramafenster seines Zimmers auf und ließ die Mine seines Kugelschreibers klicken. Es war 7.20 Uhr morgens. Draußen war beinahe überirdisch schönes Wetter. Die Sonne schmolz den Nebel auf dem See dahin und ließ die Tautropfen an den Ästen der Bäume glitzern.

Klick.

Noch zehn Minuten bis zum Frühstück. Ondragon sah wieder auf den Notizblock.

Klick.

Die Zentrifuge lief bereits auf Hochtouren. Was er bisher im Vorfeld seiner Reise über seinen Aufenthaltsort zusammengetragen hatte, war noch nicht genug.

Die Cedar Creek Lodge inmitten der einsamen Wälder im Norden Minnesotas, nur eine Autostunde von der kanadischen Grenze entfernt, war zwar ein hochmodernes Therapiezentrum, bot ihren Gästen aber zusätzlich sowohl den Komfort eines Luxushotels als auch die zuverlässige medizinische Betreuung eines privaten Krankenhauses. Von den anderen Top-Adressen unterschied sie sich allerdings dadurch, dass sie keine Suchtpatienten aufnahm. Um die „Bagatellfälle“ sollten sich offensichtlich andere Einrichtungen kümmern. Ondragon war dies nur recht. Die normalen Verrückten reichten ihm schon, da brauchte er nicht noch Alkis und Drogis um sich herum.

Auf der großzügigen Anlage der Cedar Creek Lodge konnten bis zu zwanzig Patienten in geschmackvoll eingerichteten Zimmern untergebracht werden, wobei natürlich auch Sonderwünsche berücksichtig wurden. Ein Sternekoch sorgte für das kulinarische Wohl und ein echter Chefkellner für das Ambiente eines Edelrestaurants. Es ging doch nichts über gutes Essen. Im Erdgeschoss des Westflügels fand der anspruchsvolle Gast eine Lounge, einen Spabereich mit Yacuzzi, Sauna und Fitnessraum, und im Ostflügel das Restaurant mit der Küche vor. Neben dem medizinischen Programm konnten die Gäste in der idyllischen Natur wandern gehen, picknicken, mit dem Kanu fahren, angeln, bogenschießen oder Tennis spielen und auf den wunderbar weichen Waldpfaden joggen, es gab sogar Bearwatching und einen geführten Pferdetreck; die Lodge besaß fünf Pferde mit dazugehörigem Reitlehrer. Der Aufenthalt sollte in jeder Hinsicht so angenehm wie möglich gestaltet werden und in guter Erinnerung bleiben.

Das wollen wir doch mal sehen, dachte Ondragon, zumindest wird es hier an Ruhe nicht mangeln.

Klick. Die Kugelschreibermine verschwand im Stift.

Leiter dieser Klinik war Dr. Arthur, jenseits der Fünfzig, gebürtiger Brite und anerkannter Spezialist für sämtliche Erscheinungsformen von Phobien und Angstzuständen. Darüber hinaus betrieb er als eine Art Hobby umfassende Forschungen zum Kannibalismus.

Klick.

Strange.

Die Idee für eine Spezialklinik draußen in unberührter Natur weitab von jeglichen störenden Zivilisationseinflüssen hatte Dr. Arthur schon während seines Studiums am University College in London. Nach seinen zwei Dissertationen in Psychologie und Medizin, die er in Rekordzeit mit summa cum laude abschloss, bekam er aufgrund seiner hervorragenden Leistungen eine Postdoc-Stelle an der Mayo Medical School in Rochester, Minnesota, eine der renommiertesten medizinischen Forschungseinrichtungen in den USA. Dort begann er als jüngstes Nachwuchstalent in Sachen Psychologie seine detaillierten Arbeiten an Patienten mit sozialen Phobien, für die er 1995 mit dem Award for Research von der American Psychiatric Association ausgezeichnet wurde.

Klick.

Eine steile Kariere. Der Mann hatte entweder kein Privatleben oder war ein Intelligenzmonster. Auf jeden Fall fand Dr. Arthur geneigte Investoren, die sein Klinik-Projekt unterstützten. Als geeignetes Grundstück entdeckte er schließlich den Moose Lake im Kabetogama State Forest, und siehe da, nachdem die Cedar Creek Lodge im Sommer 2000 in Betrieb genommen wurde, hatte sie bereits zwei Jahre später ihre Baukosten wieder eingebracht, was die privaten Investoren natürlich mehr als zufriedenstellte. In Windeseile hatte sich die CC Lodge, wie sie in Szenekreisen genannt wurde, zu einem wahren Magneten für Stars und Sternchen aus Politik, Wirtschaft und dem Filmbusiness entwickelt. Ein Hotspot für psychosengeplagte Millionäre.

Klick.

Die Therapie in der CC Lodge war nicht billig, aber der Erfolg gab Dr. Arthurs ungewöhnlichem Konzept recht, denn die Rückfallquote der Patienten, die sich in der abgelegenen Klinik behandeln ließen, war wesentlich niedriger als bei vergleichbaren Einrichtungen. Die Lodge war rund ums Jahr ausgebucht, die Warteliste lang, und Dr. Arthur kam nur selten dazu, seine Klinik zu verlassen.

Klick.

Soviel zu der Lodge an sich. Nun zum Personal. Ondragon hatte versucht, auch dieses einer gründlichen Durchleuchtung zu unterziehen. Leider war er dabei schnell auf steinigen Grund gestoßen. Tiefergehende Informationen zu den Angestellten hatte er nur noch über die beiden weiteren Psychotherapeuten, die Dr. Arthur in der Lodge beschäftigte, aus dem harten Fels der analogen und digitalen Datenbanken herausschürfen können. Beide besaßen natürlich einen ausgezeichneten Ruf. Dr. Pollux war eine Autorität im Bereich Depressionen und Todessehnsucht, und Dr. Zeo Expertin für Persönlichkeitsstörungen.

Beide Assistenten lebten neben dem medizinischen Pflegepersonal, das zum größten Teil in dem großen Wohnhaus außer Sichtweite der Lodge wohnte, ganzjährig auf dem Gelände der Lodge. Doch während der Leiter der Klinik im „Turm“ des Hauptgebäudes seine Residenz bezog, bewohnte jeder der Assistenten eine eigene kleine Blockhütte, die linkerhand des Parkplatzes unter großen Weißkiefern lagen. Ondragon setzte den Kuli auf das Papier des Notizblockes und ergänzte mit penibler Handschrift: Dr. Pollux, Reto, 49, Schweizer Staatsbürger, und Dr. Zeo, Lucy-Ang, 46, Amerikanerin mit chinesischer Abstammung. Er schrieb in Deutsch, der Sprache seines Vaters.

Klick.

Fehlten nur noch nähere Informationen über die Angestellten und die aktuellen „Insassen“. Doch Ondragon bezweifelte, dass er diese Auskünfte auf legalem Wege bekommen würde. Mit Sheila hatte er es sich dummerweise schon am ersten Tag verdorben. Sie würde ihm nicht einmal den Namen des Hundes von Frank, dem Gärtner, verraten.

Klick.

Also musste er zu anderen Mitteln greifen. Das war an und für sich kein großes Problem. Klick.

In das Büro an der Rezeption der Lodge einzubrechen, ohne dabei Spuren zu hinterlassen, stellte eine der leichteren Übungen dar. Wahrscheinlich würde es ihm sogar gelingen, den Tresor zu knacken, in dem die Autoschlüssel lagen. Er grinste.

Klick.

Falls ihm danach war, stand einer Spritztour nach Orr mit dem Mustang nichts im Wege, auch wenn die Golden Rules der Lodge das ausdrücklich untersagten. Aber Ondragon hatte noch nie viel von Verboten gehalten.

Klick, klick.

Orr war der nächstgelegene Ort und 36 Meilen entfernt - mit einem geländetauglichen Auto in etwa einer Stunde zu erreichen. Das selbsternannte Angler-und Outdoorparadies am Pelican Lake war in Wirklichkeit ein kleines, heruntergekommenes Holzfällernest mit 250 Einwohnern, wohin sich höchstens im Sommer einige Wander-und Kanufreaks verirrten. Neben viel unberührter Natur gab es dort zwei Ferienlodges, zwei General Stores, eine SPUR-Tankstelle, eine Autowerkstatt, einen Bahnübergang und immerhin eine Grundschule. Wow!

Klick.

Er klappte den Notizblock zu, der gerade mal so groß wie eine Kreditkarte war und einem Miniringblock mit flexiblen Plastikdeckeln ähnelte. Wenn er seinen Zweck erfüllt hatte, würde er ihn verbrennen. Ondragon erhob sich von seinem zerwühlten Bett und steckte sich den Block in die Tasche seiner grauen Anzughose. Dazu trug er ein maßgeschneidertes, roséfarbenes Hemd ohne Krawatte und schlichte, braune Lederschuhe. Seine Cowboystiefel blieben im Schrank, sie gehörten zum Mustang. Außerdem wollte er das Publikum dieser Einrichtung erst einer weiteren genauen Betrachtung unterziehen, bevor er sich für ein legereres Outfit entschied.

Er ging zum Schrank holte das passende Jackett heraus und warf es sich über die Schulter. Nebenbei überprüfte er mit gewohnter Routine, ob der Tresor, in dem er alle persönlichen Gegenstände und seine Waffe deponierte, auch sicher verschlossen war. Das Zimmermädchen sollte schließlich nur das zu sehen bekommen, was er vorgab zu sein: Ein Geschäftsmann. Dass er Geld hatte, brauchte er nicht zu verbergen, das war ohnehin selbstverständlich. Unter einem Einkommen von einer Million Dollar im Jahr brauchte man es in der CC Lodge gar nicht erst zu versuchen.

Ondragon warf noch einen letzten Blick in den Spiegel, strich sich das Haar aus der Stirn und verließ sein Zimmer. Er drehte den Schlüssel zweimal im Schloss um und ließ ihn dann in der Hosentasche verschwinden, wo er sich klimpernd zu seinem Talisman gesellte.

 

Das Frühstück wurde im Restaurant im Erdgeschoss serviert. Wie in einem guten Hotel konnte man vom Buffet wählen oder dem Kellner seine Wünsche mitteilen, die dann in der Küche frisch zubereitet wurden. Damit sich die Lodge gänzlich auf ihre Gäste einstellen konnte, wurden im Voraus die Gewohnheiten abgefragt, so dass niemand während seines Aufenthaltes auf einen Wunsch verzichten musste, sei er auch noch so ausgefallen. Alles wurde natürlich streng vertraulich behandelt. Das gefiel Ondragon, der oft in Hotels der gehobenen Klasse zu Hause war und die Vorzüge von exzellentem Service zu schätzen wusste.

Schon beim Abendessen am Vortag hatte ihn die Professionalität des Restaurantpersonals beeindruckt. Ganz im Gegenteil zu den Tischmanieren mancher Gäste. Wieder einmal hatte sich offenbart, dass Menschen mit Schotter und Statussymbolen nicht gleichzeitig auch eine gute Erziehung besaßen. Ondragon hatte diese zwar auch eher zwangsweise erfahren, war seinem Vater, zu dem er sonst ein sehr gespaltenes Verhältnis hegte, aber wenigstens dafür dankbar, dass er zu jeder Zeit auf tadelloses Benehmen beharrt hatte. Wenn auch verdammt oft auf schmerzhafte Weise mit dem Rohrstock. Der alte Bastard!

Ondragon wandte sich dem in vornehmem Schwarz gekleideten Chefkellner zu, der mit einem freundlichen Lächeln grüßte und ihn zu seinem Tisch geleitete. Es war derselbe Tisch wie am Abend zuvor. Er stand in einer gemütlichen Ecke neben zwei großen Zierpflanzen und bot die perfekte Sicht über das ganze Restaurant inklusive der Gäste. Das war sein ausdrücklicher Wunsch gewesen und Ondragon vermutete, dass der Tisch extra für ihn an diese Stelle gerückt worden war.

„Guten Morgen, Mr. Ondragon. Was hätten Sie gerne zu trinken?“

Erfreut über die richtige Aussprache erwiderte Ondragon: „Guten Morgen, Carlos. Einen dreifachen Espresso mit Rohrzucker, schön heiß, bitte. Dazu einen frisch gepressten Orangensaft.“

Der Chefkellner nickte höflich. „Wie darf ich Ihnen Ihren Porridge zubereiten lassen?“

„Ungesüßt mit viel Milch und einem Schuss Sahne, auf gute schwedische Art.“ Ondragon lächelte, während der Kellner sich entfernte, um seine Bestellung weiterzugeben. Er war in Schweden geboren und mit der unvermeidlichen Havregröt großgezogen worden. Das Zeug sah zwar wenig appetitlich aus, machte aber zuverlässig satt. Außerdem hielt er nicht viel davon, sich gleich zu früher Stunde den Bauch vollzuschlagen, das lähmte die grauen Zellen und machte obendrein noch fett. Er aß zwar gerne und gut, aber die kontrollierte Nahrungsaufnahme stand dabei immer im Vordergrund.

Der Espresso und der Orangensaft kamen. Ondragon tat einen gehäuften Löffel braunen Rohrzucker in die dampfende, schwarze Flüssigkeit und bevor er den ersten Schluck nahm, sog er das verführerische Aroma ein.

Espresso: Kaffee in seiner konzentriertesten Form war sein geheimer Treibstoff, der statt Blut durch seine Adern floss. Ohne Kaffee war er ein sehr unausgeglichener Mensch. Und schlechter Kaffee war eine Katastrophe. Allem voran der amerikanische Kaffee. Grauenvoll! Nur die Espresso-Shots bei Starbucks konnte man trinken, ohne gleich blind zu werden.

„Bitte sehr, Ihr Porridge.“ Der Kellner stellte die Schüssel mit dem grauen Brei vor ihm auf das Tischset. Ondragon dankte ihm und zückte den Löffel. Er probierte und nickte dem Kellner zufrieden zu. Porridge und Espresso waren nach seinem Geschmack. Mit einer dezenten Verbeugung zog der Kellner sich zurück.

Während Ondragon sein Frühstück aß, beobachtete er unauffällig die anderen Gäste. Es war halb acht, und längst saßen nicht alle anderen Patienten zu dieser frühen Stunde schon beim Frühstück. Das hatte Ondragon vermutet, schließlich war nicht jeder ein Frühaufsteher wie er. Außerdem hatte er die Uhrzeit bewusst gewählt, so hatte er die gesamte Frühstückszeit im Blick und würde die meisten Gäste zu Gesicht bekommen. Seine Hand tastete nach dem Notizblock. Er würde penibel festhalten, welche Gestalten sich hier aufhielten, und vielleicht sogar herausbekommen, warum sie hier waren. Im Gegenzug würde er nichts von sich selbst preisgeben. So war es immer, und das war auch besser so.

Sein Blick scannte routinemäßig die Tische ab, an denen jeweils höchstens drei Personen saßen. Die meisten Patienten nahmen ihr Frühstück allerdings alleine ein, ein paar davon kannte er bereits vom Vorabend. Ondragon zählte insgesamt neun der insgesamt zwanzig Gäste. Einige von ihnen vertilgten mehr oder weniger appetitlich ihr Essen, das vom zartgerösteten Toast mit Salatblättern garniert bis hin zum fetttriefenden Hamburger reichte, und die anderen nippten an Tee-oder Kaffeetassen und blätterte in Magazinen und Zeitungen. Keiner las ein Buch. Ondragons Hand verkrampfte sich unwillkürlich um den Notizblock in seiner Hosentasche. Er dache an seinen Termin mit Dr. Arthur um zehn Uhr. Konnte der Mann sein Problem beheben? Unbewusst konzentrierte er sich wieder auf die Gäste und nutzte seine gut trainierte Menschenkenntnis. Um nicht aufzufallen, machte er sich vorerst Notizen im Geiste. Später wollte er sie in den Notizblock eintragen und mit den Daten abgleichen, die er sich heute Nacht an der Rezeption besorgen würde; voraussichtlich ohne die Erlaubnis der kratzbürstigen Sheila. Er begann seine Beobachtung an einem der zwei doppelt besetzten Tische direkt vor der großen Fensterfront, durch die man einen herrlichen Blick auf den See hatte. Dort saßen drei flachbrüstige, avantgardistisch aufgetakelte Teenager mit freudlosen Gesichtern. Geziert stocherten sie in ihrem Rührei herum, das sie mehr zermatschten als aßen. Ondragon tippte auf Models. An dem Nebentisch saß eine stark übergewichtige und überschminkte Dame Anfang sechzig zusammen mit einem noch älteren Herren mit Glatze und goldener Anstecknadel am Revers seines karierten Jacketts - eine alternde Filmdiva und ein republikanischer Politiker. Beide Milieus hatten bekanntermaßen eine Vorliebe für das jeweils andere.

Am ersten Einzeltisch direkt neben dem Empfangspult des Chefkellners saß ein südländisch aussehender Typ mit glänzender Elvistolle. Er trug ein schwarzes Hemd von Ed Hardy mit abgerissenen Ärmeln, eine enge Jeans und war geschätzte dreißig Jahre alt. Wahrscheinlich irgend so eine Kunstfigur aus der Musikbranche. Einen Tisch weiter hockte in grauem Hemd und orangefarbenem Pollunder aus Kaschmir ein Mann wie ein Angelhaken; dürre Gliedmaßen und ein nichtsagendes Gesicht mit randloser Brille. Sein schütteres, dunkelbraun gefärbtes Haar war streng zur Seite gekämmt. Eigentlich sah er aus wie der klassische Jurastudent, doch sein Alter widersprach diesem Klischee. Er war mindestens um die vierzig und trug zusätzlich noch einen schweren Siegelring an der linken Hand. Ondragon stufte ihn schließlich in die überflüssigste und nutzloseste aller Berufsgruppen ein: Die der Makler.

Am dritten Tisch wenige Schritte neben dem Makler aß ein junger Mann aus einer Schale ebenfalls Porridge. Er sah aus wie das Elitekind schlechthin. Blondes, leicht gewelltes Haar, das ihm trendy ins Gesicht hing, und graue Augen, gerahmt von auffällig blonden Wimpern. Sein Teint war blass und seine Statur schlaksig. Er trug ein mintgrünes Poloshirt von Ralph Lauren mit hochgeschlagenem Kragen, dazu eine modische, weiße Jeans und Segeltuchschuhe mit Gummisohle. Auf seinem Kopf saß eine Ray Ban-Sonnenbrille wie das Krönchen einer Schönheitsprinzessin. Ein Preppy wie aus dem Modekatalog. Im Grunde genommen war Ondragon mit diesen Spießerklamotten groß geworden, zwischen Schuluniformen und Barbour-Jacken, und wahrscheinlich verachtete er diesen Modestil deshalb auch so. In Harvard war es besonders schwer gewesen, sich dagegen zu wehren. Dass er damals von der inoffiziellen Kleiderordnung abgewichen war, hatte ihn nicht zum ersten Mal zum Außenseiter abgestempelt. Das Bübchen dort drüben war mit Sicherheit zur Stromlinienförmigkeit gedrillt. Mr. Ray Ban war wahrscheinlich der Sohn eines reichen Industriellen oder eines Vorstandsmitgliedes einer großen Firma, auf jeden Fall aber Europäer, das erkannte man an der Jeansmarke und dem Porridge.

Ondragon wandte sich dem vierten Tisch zu. Dort blätterte der erste sympathisch aussehende Typ mit entspannter Miene in einer In-Touch. Ondragon musste grinsen, wenn ein Mann jenseits der Pubertät sich mit dieser Zeitschrift befasste, konnte das nur bedeuten, dass dieser entweder ein Paparazzo war und sehen wollte, welche Skandale seiner Linse entgangen waren, oder er gehörte zu den Opfern jener fotografierenden Meute. In der Tat erkannte Ondragon das Gesicht des Mannes. Er hieß Charlie Bloom und war ein beliebter Seriendarsteller einer Sitcom. Offensichtlich hatte er ganz andere Probleme als seine angebliche Alkoholsucht!

Der fünfte Tisch war von einem finster dreinblickenden, langhaarigen Anarchotypen besetzt. Er hatte dem Panoramafenster, durch das helles Sonnenlicht fiel, den Rücken zugekehrt. Auf seinem schwarzen, ärmellosen T-Shirt war eine Doppelaxt abgebildet, die gerade einen diabolisch zähnefletschenden Schädel spaltete, darüber stand in blutigen Lettern „Hatchet“ – Hackebeil! Auf seinen volltätowierten Armen war der Schriftzug gleich mehrmals zu erkennen. Er trug eine dunkle Sonnenbrille und wirkte wie ein Geschöpf der Dunkelheit, das man brutal ans Tageslicht gezerrt hatte. Mit grimmiger Entschlossenheit mampfte er seinen Burger, säbelte an ihm herum, als sei er Freddy Krüger höchstpersönlich. Ondragon kannte sich in der Death-Sezene nicht so gut aus, aber er schätzte, der Typ gehörte einer Band an, deren Name vermutlich „Hatchet“ war.

Das war etwas, das er später nachforschen konnte. Über sein iPhone würde er sich Informationen zu „Hatchet“ aus dem Internet beschaffen, vorausgesetzt es gab hier eine Verbindung. Er nahm den letzten Schluck von seinem Espresso, bevor er seine Aufmerksamkeit zu der attraktiven Frau am sechsten Tisch lenkte. Sie las in einer Zeitung. Ihr schwarzes Haar fiel in glatten Kaskaden über die eine Hälfte ihres Gesichtes. Trotzdem konnte Ondragon ihre exotisch herben Züge erkennen: Hohe Wangenknochen, dunkle, etwas schrägstehende Augen und fein geschwungene Lippen. Vielleicht Asiatin?

Genau sein Typ.

Er schätzte sie auf Anfang dreißig. Sie wirkte seltsam fehl am Platze, was möglicherweise an ihrem angenehm ungekünstelten Erscheinungsbild lag, denn sie trug lediglich einen schlichten, dunkelgrünen Pullover mit V-Ausschnitt und eine schwarze Hose, dazu eine Silberkette mit einem Anhänger. Ondragon mochte Understatement. Nichts an ihr roch nach Geltungssucht oder zu viel Dollars. Darin unterschied sie sich deutlich von allen anderen Anwesenden, inklusive ihm selbst.

Die Frau schien seinen unauffälligen Blick zu spüren, denn sie sah plötzlich auf.

Hätte er sofort weggesehen, wäre das verdächtig gewesen, deshalb hielt Ondragon ihrem Blick stand und nickte ihr höflich zu. Es war schließlich nichts dabei, jemanden am Morgen beim Frühstück zu grüßen. Sie nickte zurück, lächelte aber nicht, und wandte sich wieder ihrer Zeitung zu. Das Papier raschelte leise.

Ondragon spürte unvermittelt, wie er seinerseits angestarrt wurde. Er tat so, als widmete er sich ganz dem Genuss seines Orangensaftes und schaute wenig später wie beiläufig in die Richtung. Verstimmt stellte er fest, dass Mr. Shamgood den Raum betreten hatte und von dem Chefkellner am Tisch direkt neben ihm platziert worden war. Das babyglattrasierte Gesicht des Mannes war ihm zugewandt, und seine unnatürlich blauen Kontaktlinsenaugen glotzten ihn unverhohlen an. Die sonnenstudiogegrillte Haut stand im grotesken Kontrast zu seinem wasserstoffblonden Haar. Mr. Shamgood trug wieder seinen unmöglichen Freizeitanzug, den er vermutlich für totschick hielt. Für Ondragons Geschmack saß der schillernde Stoff allerdings etwas zu eng und betonte die scheinbar gut bestückten private parts des Herren, was mit Sicherheit auch so beabsichtigt war. Eine Wolke penetranten Aftershaves waberte zu ihm herüber und legte sich, alle anderen Frühstücksgerüche erstickend, in seine Nase.

„Guten Morgen, Mr. Ondragon! Richtig?“

„Mr. Shamgood“, nickte Ondragon unterkühlt zurück und wandte sich wieder seinem Porridge zu.

„Manager?“

Ondragon fühlte, wie der Blick des anderen über seine Kleidung kroch.

„So ähnlich. Unternehmensberater.“ Das war die Rolle, in die er schlüpfte, wenn er aufdringlichen Fragen ausgesetzt war. Für ganz harte Fälle hatte er sogar immer ein paar gefälschte Visitenkarten dabei.

Shamgood wedelte entzückt mit einer Hand. „Ach, auch einer von der ganz gestressten Sorte. Damit kenne ich mich aus. Ich bin nämlich Modedesigner, das Label Tommy Shamgood sagt Ihnen mit Sicherheit etwas. Richtig?“

Das tat es durchaus und bestätigte Ondragons Vermutungen, die er bereits tags zuvor über Mr. Shamgood angestellt hatte. Das Modelabel des Selfmade-Designers war in den letzten zehn Jahren sehr erfolgreich gewesen, und es hieß, dass Shamgood seine Anteile für eine Milliarde Dollar verkauft hätte. Der Kerl musste in Geld schwimmen. Ondragon fragte sich, welche Art von synaptischer Fehlverknüpfung ihn wohl hierher geführt hatte.

„Ich trage selten Markenklamotten“, antwortete er bewusst gleichgültig und aß den letzten Löffel Porridge. „Ich lasse mir vieles maßschneidern.“ Mit einem Wink an den Kellner bestellte er sich noch einen weiteren Triple-Espresso, in der Hoffnung, mit dem Kaffeeduft die aufdringlich parfümierte Aura des Modedesigners zu vertreiben.

„Wo kommen Sie denn her?“

Ondragon rollte innerlich mit den Augen, der Kerl ließ nicht locker.

„Aus L.A.“

„Wirklich, und ich dachte, sie kommen aus Schweden. Ihr Akzent verrät Sie.“ Shamgood zwinkerte ihm anzüglich zu.

Der Typ hatte ein gutes Gehör, das musste man ihm lassen, dachte Ondragon. Er hatte dem Modefuzzi gegenüber absichtlich mit einem starken schwedischen Akzent gesprochen, er liebte es, die Menschen zu verwirren.

„Meine Mutter ist Schwedin“, antwortete er schlicht. Das stimmte zwar, täuschte jedoch über die Tastsache hinweg, dass er wie sein Vater eigentlich die deutsche Staatsbürgerschaft besaß.

„Die Schweden! Ein sehr freizügiges Völkchen. Richtig? Sind Sie auch so freizügig?“ Ondragon ließ pikiert den Löffel sinken, während Shamgood schäbig grinsend die Brauen über den falschen blauen Augen tanzen ließ.

„Ich weiß nicht, was Sie damit meinen. Ich denke, ich bin wie jeder andere normale Mensch.“

Mr. Shamgood kicherte impulsiv los. „Das ist gut! Das ist wirklich gut!“ Er holte tief Luft und wedelte sich mit einer Hand vor dem Gesicht herum, als sei ihm zu heiß. „Hach, normal! Wie das klingt. Als ob es direkt wahr sein könnte. Aber wir beide wissen, dass es nicht so ist, richtig?“ Er zwinkerte Ondragon verschwörerisch zu. „Mal ehrlich, wenn wir normal wären, dann wären wir beide doch nicht hier. Jedoch allein die Vorstellung, normal zu sein, ist überaus reizvoll. Darf ich fragen, welch kleine Unpässlichkeit Sie hierherführt?“

„Dürfen Sie nicht!“ Ondragon hatte genug von dieser aufgezwungenen Konversation. Er wandte sich ab und versuchte das beleidigte Murren des Modedesigners zu ignorieren. Zu seiner großen Erleichterung stellte er fest, dass mittlerweile fünf weitere Gäste zum Frühstück platzgenommen hatten. Leider war die interessante Frau mit der Zeitung verschwunden. Er fluchte innerlich, weil er sich von Mr. Shamgood hatte ablenken lassen. Aber er würde der rätselhaften Dame sicherlich bald wieder begegnen. Dank des Autoschlüsseldepots konnte hier ja niemand weg, und spätestens heute Nacht würde er wissen, wie sie hieß und woher sie kam.

 

Kurz nach neun verließ Ondragon den Frühstücksraum und machte einen kurzen Rundgang durch das Erdgeschoss des Westflügels. Bis auf einen Patienten hatte er alle beim Frühstück gesehen und seine Personenliste vervollständigt. Nur Nummer Zwanzig hatte offensichtlich kein Bedürfnis nach einer morgendlichen Mahlzeit oder bekam es in seinem Zimmer serviert. Auch das würde er überprüfen, sobald er die Zimmernummern den Personen zuordnen konnte. Mit einer kleinen mentalen Übung, die er sich über die Jahre mühevoll antrainiert hatte, gelang es ihm, die Zentrifuge zu stoppen. Vorläufig.

Bleib locker. Das hier ist bloß ein spielerischer Zeitvertreib, mahnte er sich selbst. Kein wirkliches Problem, das es zu lösen gilt. Schließlich bin ich nicht hier, um zu arbeiten. Er sah auf seine Armbanduhr. Noch zwölf Minuten bis zum Termin mit Dr. Arthur.

Ondragon machte im Eingang des Spabereiches kehrt, der aus rustikalem Holz und Naturstein gestaltetet war, durchmaß den Flur, von dem es linkerhand zum Restaurant und zur Terrasse abging, bis er den Nabel der Lodge erreichte: Die Rezeption.

Sheila wandte ihm den Rücken zu. Sie durchsuchte gerade eine Kartei. Ihre grünlackierten Fingernägel klickten über die Karten. Ondragon nutzte diesen Moment, um einen Blick durch die offene Bürotür zu werfen. Er konnte geschlossene Aktenschränke erkennen und einen Arbeitstisch mit einem bläulich leuchtenden Computerbildschirm darauf.

Er räusperte sich laut vernehmlich, und Sheila fuhr herum.

„Oh, guten Morgen. Kann ich etwas für Sie tun?“, fragte sie, etwas atemlos durch den Schreck, aber ihr Lächeln wirkte echt. Der falsche Brilli auf ihrem Eckzahn blinkte im Licht der Halogenstrahler, die über dem Tresen hingen. Irgendetwas an ihr reizte Ondragon.

„Vielleicht wollte ich nur mal nachschauen, ob mein Auto noch da ist.“

„Und?“ Sheila legte keck den Kopf schief. Sie schien besser drauf zu sein als gestern.

„Moment.“ Er hob bedeutungsvoll eine Hand, ging rückwärts zum Eingang, öffnete eine der Glastüren und spähte hinunter zum Parkplatz. Da stand er in voller Pracht, der Mustang.

„Noch da!“ Ondragon stieß übertrieben erleichtert Luft aus und ging zurück zum Empfangstresen. „Jetzt würde mich noch interessieren, ob auch der Schlüssel noch an seinem Platz ist.“

„Natürlich!“

„Dürfte ich ihn sehen? Ich bin da etwas eigen.“

„Na gut, wenn es denn sein muss. Bitte, kommen Sie.“ Sie drehte sich um und verschwand im Büro. Er folgte ihr in den viel zu kleinen Raum, in dem man schon als einzige Person Platzangst bekam. Der Tresor war in die Rückwand eigemauert und stand offen. Ein kleines Modell von Sentry Inc.. Außerdem gab es in dem Raum keine Überwachungskameras.

„So, hier ist er.“ Sheila nahm den Autoschlüssel aus einem kleinen Kästchen im Tresor und hielt ihn Ondragon vor die Nase. „Beruhigt?“

Er nickte und schenkte ihr ein Lächeln aus der Kategorie ‚Netter Kollege‘. Sheila tat den Schlüssel zurück und schloss die Tresortür, verdrehte aber das Zahlenschloss nicht. Ondragon sah die letzte Ziffer der Viererkombination. Es war eine Sieben.

Sie verließen den beengenden Raum, und Sheila wirkte sichtlich erleichtert, als sie wieder den Tresen zwischen sich hatten.

Ondragon wagte einen Vorstoß. „Ich darf nicht zufällig mal einen Blick in Ihre Kartei werfen? Mich würde furchtbar interessieren, wer hier noch …“

„Diese Daten sind streng vertraulich!“ Sheila legte schützend eine Hand auf den Karteikasten und blitzte ihn an. Also waren die Informationen über die Gäste dort drinnen.

„Klar, dachte ich mir.“ Gespielt verlegen trat er von einem Fuß auf den anderen. „Ähm, ich hätte da noch ein Anliegen.“

„Ja?“ Ihre Stimme klang misstrauisch und ihre Haltung war sichtlich angespannt.

„An wen wende ich mich, wenn ich einen neuen Frühstückstisch haben möchte?“

„Sind Sie nicht zufrieden?“ Die Brauen über ihren geschminkten Girlie-Augen zogen sich gereizt zusammen. Er spürte, wie ihre Laune endgültig umschlug. Kurz fiel sein Blick auf ihre Fingernägel. Mit ihr würde er offenbar nie grün werden.

„Doch, doch, der Tisch ist perfekt, nur der Nachbar nicht. Ich will keine Namen nennen, aber ich hätte gerne etwas mehr Privatsphäre beim Essen. Das verstehen Sie doch sicher.“

„Selbstverständlich, Mr. Ondragon. Ich werde Ihren Wunsch sofort an den Restaurantchef weiterleiten.“ Sie sah auf die kleine Uhr auf dem Tresen. „Es ist drei Minuten vor Zehn. Sie haben gleich ihren Termin.“

Nun, das war nicht nett. Damit zog sie eine klare Linie zwischen sich und ihm, dem Verrückten. Diese Linie besagte: Mein Kopf braucht keinen Klempner, Ihrer dafür schon.

Ondragon schürzte die Lippen. Kleines Biest!

„Und wo beschwere ich mich, wenn ich mit dem Personal nicht zufrieden bin?“

„Bei mir!“

War ja klar.

Sheila schob das Kinn vor. „Ihr Termin!“

Ondragon hob kapitulierend beide Hände. „Bin schon unterwegs. Auf bald!“

 

Mit säuerlicher Verärgerung im Bauch stieg er die Treppe zum zweiten Stock des „Turmes“ hinauf, wo sich Büros und Sprechzimmer befanden. Vor der Tür mit einem großen, polierten Messingschild blieb Ondragon stehen.

„Jonathan A. Arthur, Ph. D., M. D.“, las er und versuchte das aufsteigende Panikgefühl in seiner Brust zu ignorieren. Er straffte seine Gestalt und klopfte an.

Nach einem freundlichen „Herein“, öffnete er die Tür und sah sich dem Mann gegenüber, in den er all seine Hoffnungen legte.

Dr. Arthur erhob sich von seinem bequemen Drehstuhl hinter dem alten Schreibtisch und trat, eine Hand ausgestreckt, einige Schritte auf Ondragon zu, der sich aus Gewohnheit schnell in dem Raum umschaute. Nirgendwo waren überfüllte Bücherregale, staubige Stapel von gebundenem Papier oder eine überbordende Fachbibliothek zu sehen. Nur verschlossene, antike Schränke mit Wurzelfurnier und Schelllackpolitur, ein archaisch anmutender Kamin mit einem Sims aus Feldsteinen, ein alter Karteischrank, auf dem eine Gipsplastik von Diana stand, der griechischen Göttin der Jagd mit Pfeil und Bogen. Ölbilder hingen an den Wänden neben dem großen Fenster, das nach hinten auf den See zeigte. Ondragon roch Politur und gewachstes Nadelholz und entspannte sich ein wenig. Er ging Dr. Arthur auf dem handgeknüpften, persischen Teppich entgegen und schüttelte dessen Hand. Der Mann reichte ihm gerademal bis zum Kinn, aber sein Händedruck war fest.

„Willkommen, Mr. Ondragon. Es freut mich, Sie kennen zu lernen. Bitte nehmen Sie doch Platz.“ Dr. Arthur wies auf einen steril wirkenden Stuhl aus Edelstahl, der ganz und gar nicht zu dem Rest der Einrichtung passte.

„Ich weiß, der Stuhl ist etwas unansehnlich. Er ist sozusagen das hässliche Entlein in meiner Einrichtung“, erklärte er mit seinem Very-british-Akzent. „Aber wissen Sie, ich behandle hier auch viele Menschen mit einer Phobie gegen Keime und Infektionen. Solche Personen vermeiden es, sich auf Polster oder ähnlich geartete Oberflächen zu setzen, sie bevorzugen neutrale Gegenstände. Sie würden mir auch niemals die Hand geben wie Sie, Mr. Ondragon.“

Ondragon sah unwillkürlich auf seine Handfläche.

„Aber das ist nicht Ihr Problem, wie ich weiß.“ Dr. Arthur lächelte milde.

Ondragon nickte und setzte sich auf den Stuhl vor den wuchtigen Eichen-Schreibtisch, auf dem eine klassische, grüne Bibliothekslampe brannte. Er spürte ein leichtes Kribbeln in seinem Nacken.

„Ich hoffe, es ist bisher alles zu Ihrer Zufriedenheit?“ Dr. Arthur setzte sich ebenfalls.

Der Mann überraschte Ondragon nicht nur wegen seiner jovialen Art zu sprechen, auch sein Äußeres war verblüffend. Er hatte einen verknöcherten Psychiater alter Schule nach freudschem Vorbild mit Fliege und Nickelbrille erwartet. Stattdessen trug der zweifach promovierte Psychotherapeut und Arzt seine grauen, gelockten Haare lässig zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und ein modisches Musketierbärtchen. Zwar hatte er den obligatorischen weißen Kittel an und darunter eine Weste mit Krawatte ganz im englischen Stil, aber ein einziger Blick in die hellbraunen, ja, fast gelben Augen offenbarte, dass dieser Dr. Arthur alles andere als Normalmaß war.

„Danke, ich fühle mich hier ganz wohl. Die Lodge ist wirklich komfortabel eingerichtet“, entgegnete er und behielt seinen Ärger über Sheila, Mr. Shamgood und die unverschämten Golden Rules vorerst für sich.

„Das freut mich zu hören. Nun, dieses erste Gespräch zwischen uns soll lediglich dazu dienen, uns miteinander bekannt zu machen. Ich lege viel Wert auf eine entspannte Atmosphäre, wie man an diesem Haus erkennen kann.“ Er lächelte. „Deshalb würde ich die Förmlichkeit auch gerne auf ein Mindestmaß reduzieren und Sie Paul nennen, wenn Sie erlauben.“

„In Ordnung, sofern ich vorerst bei Dr. Arthur bleiben darf?“

Dr. Arthur nickte zustimmend und fuhr fort: „In der Cedar Creek Lodge sollen alle negativen Einflüsse des Alltags ausgeschaltet werden, das ist Teil der Therapie, wenn Sie so wollen. Für mich als Therapeut ist erst der Mensch hinter den ritualisierten Verhaltensweisen interessant, die uns das Leben da draußen in der Gesellschaft aufzwingt. Sie, Paul, sind ein Krieger, ein moderner Ritter des Fortschritts. Sie sind gut, in dem, was Sie tun, das steht außer Zweifel, aber das, was wir brauchen, ist Ihr rohes, ungeschütztes Inneres, wenn Sie verstehen, was ich meine. Zuerst müssen Sie Ihren Alltagspanzer ablegen und wieder zu Adam werden, unverdorben und rein, bevor wir zu Ihrem wahren Ich vordringen und Sie von Ihren Ängsten befreien können. Darauf beruht meine Behandlungsmethode. Ich mache Sie wieder zu einem freien Menschen ohne Ängste und das ganz ohne langwierige klinische Testverfahren und die in meinen Augen brutale Methode der Konfrontationstherapie. Ich verspreche Ihnen, der Gegenstand Ihrer Ängste wird nicht eher in Ihre Nähe gelangen, bevor Sie es nicht wollen. Nicht einmal das Wort wird über meine Lippen kommen, falls das nicht Ihr ausdrücklicher Wunsch ist. Als alleiniges probates Hilfsmittel werde ich die Hypnose benutzen. Sie hilft bei allzu tief verschütteten Erinnerungen. Sind Sie damit einverstanden?“

Ondragon nickte.

„Gut, wir halten uns hier nicht lange mit Kleinigkeiten auf, die Angaben zu Ihrer Herkunft, Kindheit und Jugend habe ich bereits durchgesehen und vorläufig ausgewertet. Das Ergebnis ist interessant, da Sie einen recht außergewöhnlichen Lebenslauf haben. Und ich muss gestehen, dass ich neugierig darauf bin, mehr von Ihnen zu erfahren. Aber es wird sich erst im Laufe der Therapie herausstellen, ob ich richtig liege mit den ursächlichen Gründen für Ihre Phobie.“ Dr. Arthur griff nach einem silbernen Kugelschreiber. „Bevor ich Ihnen den Therapieplan erkläre, erlauben Sie mir eine einzige Frage zu Ihrer Person?“

Ondragon nickte erneut.

„Bitte antworten Sie so spontan wie möglich.“ Er machte eine Pause. „Paul, welche Farbe hat Ihre Angst?“

Ondragon stutzte. Damit hatte er nicht gerechnet. Er musste überlegen.

Die gelben Augen sahen ihn erwartungsvoll an.

„Tja.“ Er begann zu schwitzen. „Ich … ich denke es ist, tja, ehrlich gesagt … habe ich keine Ahnung.“ Er zuckte hilflos mit den Schultern. Ihm war unangenehm heiß und er spürte Schweiß auf seiner Stirn. Aus Verlegenheit blickte er aus dem Fenster. Das konnte ja heiter werden, wenn er sich bei solch einer lächerlich abstrakten Frage schon in die Ecke getrieben fühlte. Wie würde sich dann erst der echte Seelenstriptease auf ihn auswirken? War er dafür überhaupt bereit? Er blickte auf seine Hände und plötzlich erschien die Farbe in seinem Geiste. Warum ausgerechnet…?

Er schüttelte den Kopf. „Wissen Sie was“, sagte er aus irgendeinem Grund belustigt darüber, „es ist Grün!“

„Welche Schattierung?“

Ondragon hatte sich vorgenommen, nicht mehr verwundert zu sein und antwortete diesmal ohne zu zögern: „Dunkelgrün, so ein Tannengrün.“ Genau wie das Grün, das der Pullover der rätselhaften Frau gehabt hatte, dachte er.

„Hmm, Tannengrün, wirklich sonderbar. Vielen Dank, Paul.“ Dr. Arthur notierte sich etwas auf einen Block, der auf dem Schreibtisch lag. Dann sah er auf und grinste schief. Dabei wirkte er wie eine Inkarnation des Buffalo Bill. „Sie können ganz beruhigt sein, Paul. Dies ist kein Psychotest oder Ähnliches. Meine Methoden beruhen ausschließlich auf meinen eigenen Studien. Ich habe ein unabhängiges Bewertungssystem entwickelt, das sich von allen bekannten Arbeitsweisen unterscheidet. Sozusagen mein ‚Geheimrezept‘. Einer der Gründe, warum die Cedar Creek Lodge so erfolgreich ist. Und nun zum Therapieablauf.“ Er nahm ein bedrucktes Blatt von der obersten Ablage auf seinem Schreibtisch und schob es zu Ondragon hinüber.

„Heute Nachmittag erwartet Sie Dr. Zeo. Sie wird Sie vorweg auf etwaige dissoziative Persönlichkeitsstörungen untersuchen. Das ist essentiell für unser Vorgehen, denn wir müssen alle abgespaltenen Persönlichkeitsbilder ausschließen, zu denen Sie Zuflucht nehmen könnten. Liegt das Ergebnis vor, werden alle anschließenden Sitzungen unter meiner Aufsicht durchgeführt.“

Ondragon las den Plan und sah, dass nicht mehr als zwei Stunden am Tag angesetzt waren. Das erschien ihm etwas wenig und er erkundigte sich danach.

„Die Therapie wird Schritt für Schritt intensiviert. Aber die erste Woche ist zur Eingewöhnung. Entspannen Sie sich, Paul, genießen Sie die Ruhe. Sie werden Kraft brauchen im Kampf gegen Ihre Angst.“

Ondragon faltete den Plan zweimal zusammen, steckte ihn in die Innentasche seines Jacketts und sah geradewegs in die bizarr gelben Augen seines Gegenübers.

„Darf ich Sie auch etwas fragen, Dr. Arthur?“

„Natürlich, nur zu.“ Der grauhaarige Psychotherapeut lehnte sich vor und faltete die Hände auf dem Tisch.

Auch Ondragon neigte sich vor und packte beide Armlehnen.

„Wer hat diese dämlichen Golden Rules erfunden?“

 

 

Anette Strohmeyer - Ondragon 01 - Menschenhunger
titlepage.xhtml
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_000.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_001.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_002.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_003.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_004.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_005.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_006.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_007.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_008.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_009.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_010.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_011.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_012.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_013.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_014.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_015.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_016.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_017.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_018.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_019.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_020.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_021.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_022.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_023.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_024.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_025.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_026.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_027.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_028.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_029.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_030.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_031.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_032.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_033.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_034.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_035.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_036.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_037.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_038.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_039.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_040.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_041.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_042.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_043.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_044.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_045.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_046.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_047.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_048.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_049.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_050.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_051.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_052.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_053.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_054.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_055.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_056.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_057.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_058.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_059.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_060.html
Ondragon_01_-_Menschenhunger_split_061.html