Kapitel 18

 

Als wir in den Wald vordrangen, veränderte sich mein Sehvermögen – plötzlich erkannte ich alles so deutlich, als trüge ich ein Nachtsichtgerät. Vor lauter Überraschung stolperte ich, und Camille, die direkt hinter mir ging, fing mich auf.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie mit gedämpfter Stimme.

Ich blinzelte. Tatsächlich, ich konnte fast so deutlich sehen wie bei Tag, aber auf eine seltsam farblose Art. »Ich weiß nicht«, sagte ich und schilderte ihr knapp, was mit meiner visuellen Wahrnehmung passiert war. »Was immer es auch ist, es scheint zumindest vorteilhaft für mich zu sein. Wo ist Menolly?«, fragte ich und blickte mich um.

»Schau, da oben. Siehst du sie?« Camille zeigte auf eine tief fliegende Fledermaus. Menolly lernte langsam, aber sicher, ihre Fähigkeiten zur Gestaltwandlung einzusetzen, aber sie konnte sich noch nicht lange in der Luft halten.

»Wow, allmählich hat sie den Dreh raus, was?«, entgegnete ich. »Aber sie wird nicht lange da oben bleiben können. Ich glaube, sie hat die Verwandlung noch nie länger als zehn Minuten gehalten.«

»Na ja, zumindest versucht sie es, und das hier ist ein guter Platz dafür. Vielleicht könnte sie sich in einem Baum verstecken, wenn wir die Höhle erreichen. Als Überraschungsmoment.« Camille gab sich Mühe, unbekümmert zu klingen, aber ihre Miene verriet mir, wie es wirklich in ihr aussah. Sie wusste genauso gut wie ich, wie viel davon abhing, was in den nächsten paar Stunden geschehen würde.

Wir marschierten den aufsteigenden Pfad entlang und kamen auf die kleine Lichtung am Rand der Schlucht. Genau wie in meinem Traum. Camille und ich lugten über den Rand und betrachteten das tosende Wasser, das seinen Kanal entlangpreschte. »In den Brombeeren da möchte ich mich nicht verfangen«, sagte sie und deutete auf die dornigen Ranken, die das steil abfallende Ufer bedeckten.

»Was ist da oben auf dem Hügel?«, fragte Chase von der anderen Seite des Weges her. »Hattest du denn Gelegenheit, dich hier umzusehen?«

Wir überquerten den Pfad und traten zu ihm. Smoky starrte mit gerunzelter Stirn den Hügel hinauf. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee wäre, wenn einer von euch da hochginge. Ich könnte das unbesorgt tun, aber ich lasse es trotzdem lieber sein.«

»Was ist da? Was weißt du darüber?«, fragte ich.

»Dieses Gebiet wurde früher von Indianern bewohnt. Sie nannten sich das Volk des Mondes, und ich glaube, sie haben ganz in der Nähe heilige Begräbnisstätten. Ich kann spüren, dass sich hier Geister bewegen«, sagte Smoky.

»Mein Geistführer! Er hat gesagt, seine Leute seien das Volk des Mondes.« Noch während ich sprach, flatterte etwas im Wind, und plötzlich wurde es still. Eine durchscheinende Gestalt erschien vor uns, und ihre Aura schimmerte in der Nacht. Das war der Geist, der mir im Traum begegnet war. Er sah Smoky, Morio und Trillian fragend an.

Ich verneigte mich in der Hoffnung, das sei die angemessen respektvolle Begrüßung für einen Wächter des Landes. »So sehen wir uns wieder.« Na toll, ich hörte mich an wie aus einem Melodram aus den vierziger Jahren.

Er neigte den Kopf zur Seite. »Sind wir uns denn schon einmal begegnet?«, fragte er, und dann breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht. »Ach ja, ich erinnere mich an dich. Aber in jener Nacht bist du als Tier durch den Wald gestreift.«

Ich nickte und wollte nicht näher darauf eingehen, in was für ein Tier ich mich verwandelt hatte. »Wir sind gekommen, um die Werspinnen zu vernichten. Wirst du uns helfen?«

Kopfschüttelnd sagte er: »Ich kann diesen Ort nicht verlassen. Aber geht, meine Freunde, und mögen die Geister mit euch sein.« Damit erlosch er und verschwand.

»Was denkst du, was das zu bedeuten hat?«, fragte Rhonda.

»Ich denke gar nichts«, sagte ich. »Ich habe gelernt, so etwas nicht erst verstehen zu wollen, weil das reine Zeitverschwendung ist. Kommt, weiter, wir müssen da rein.«

Während ich sie durch das Unterholz zu der Kluft in der Hügelflanke führte, begann es heftiger zu schneien, und der Wind heulte den Hügel herunter und zischte an uns vorbei. Menolly landete ganz in der Nähe und nahm blitzartig wieder ihre menschliche Gestalt an.

»Der Wind ist so stark, dass ich als Fledermaus nicht mehr darin fliegen kann, und schweben kann man da oben auch nicht«, sagte sie. »Ich kann also keine großartigen Kunststücke aus der Luft versuchen. Aber zeigt mir eine feste Wand, und schon bin ich oben.«

»Tja, einen Versuch war es wert«, sagte ich. »Ich sehe niemanden, wie ist es mit euch?«

»Wir könnten mit der Taschenlampe in den Wald leuchten und schauen, ob irgendwelche Augen das Licht reflektieren, aber damit würden wir uns verraten.« Chase rutschte neben mich; wir hockten alle geduckt hinter den Heidelbeerbüschen, die hier wild wucherten. »Sag du, was wir tun sollen, Delilah.«

Ich warf Camille einen Blick zu. Sie schüttelte den Kopf. »Chase hat recht. Du bist diejenige, die im Traum schon einmal hier war. Du hast die Führung.«

Scheiße. Ich hatte gehofft, sie würde freiwillig die Verantwortung übernehmen. Camille war gut in so etwas. Ich – nicht so besonders. Aber ein Blick in ihr Gesicht sagte mir, dass sie es ernst meinte. Ich holte tief Luft und sah mich um.

»Wir können nicht alle auf einmal angreifen; das wäre zu gefährlich, falls sie irgendeine flächendeckende Waffe haben –«

»Was denn, eine Kalaschnikow?«, warf Chase ein.

Ich funkelte ihn an. »Zum Beispiel einen Bann, der uns alle erfassen könnte. Menolly, du kannst im Moment nicht fliegen, aber du bewegst dich lautlos und strahlst keine Körperwärme aus. Könntest du durch den Wald schleichen und feststellen, ob sich außerhalb der Höhle jemand versteckt? Als ich im Traum hier war, wimmelte es nur so von Spinnlingen.«

»Und wenn ich welche finde?«

Ich bedachte sie mit einem harten Blick. »Erledige sie so lautlos wie möglich.«

»Alles klar«, sagte sie und verschwand im Unterholz.

Ich runzelte die Stirn. »Smoky, du gehst mit mir als Erster rein. Trillian, Chase und Rhonda, ihr kommt nach uns. Morio, beherrschst du so etwas wie einen Unsichtbarkeitszauber? Dann könntet du und Camille euch vor uns reinschleichen und euch schon mal umsehen.«

Morio kratzte sich am Kopf. »Ja, das kann ich. Komm mit, Camille. Gehen wir ein Stück weg, damit ich sehen kann, ob es auch funktioniert. Denk daran, dass wir auch unsichtbar noch Geräusche machen, also sei leise, wenn wir in die Höhle gehen. Der Zauber wird nicht lange halten, aber es dürfte reichen, damit wir unbemerkt hineinkommen.«

Sie gingen ein Stück beiseite, und wir sahen zu, wie Morio ein paar Worte murmelte. Gleich darauf waren er und Camille einfach verschwunden. Erleichtert, dass zumindest das geklappt hatte, wartete ich noch einen Augenblick, um ihnen einen Vorsprung zu geben, dann gab ich den anderen einen Wink.

»Okay, gehen wir«, sagte ich. »Stellt keine Fragen. Macht keine Gefangenen. Wir wollen nur zwei Dinge erreichen: Venus Mondkind retten und Kyoka, Lianel und den Jansshi-Dämon vernichten.«

Langsam und so leise wie möglich schlichen Smoky und ich auf die Höhle zu. Bisher war niemand aufgetaucht, um uns aufzuhalten. Ich wurde argwöhnisch, als wir die Felsspalte erreichten, doch da erregte ein Geräusch von drinnen meine Aufmerksamkeit, und ich bedeutete den anderen stehen zu bleiben.

Zwei Männer erschienen im Eingang zur Höhle, und beide sahen van Spynne sehr ähnlich. Groß, hager und schlaksig schien der typische Look des Jägermond-Clans zu sein.

Sie blieben stehen und starrten uns an, als wären wir in Pelzmänteln zu einem Tierschützertreffen erschienen. Ich befand, dass es klug wäre, ihre Überraschung auszunutzen. Ich zog meinen Dolch und stürmte vor, doch Smoky war schneller, packte die beiden Männer im Nacken und schlug ihre Köpfe zusammen.

Rasch untersuchte er sie. »Sie sind nur bewusstlos. Ich schlage vor, du beendest die Sache.«

Schaudernd starrte ich auf die beiden hinab. Trillian schien mein Zögern zu spüren, denn er schob mich beiseite, kniete sich hin und schlitzte ihnen rasch die Kehlen auf.

Ihr Blut sammelte sich zu Pfützen, und ich konnte den Blick nicht mehr davon abwenden, erst vor Entsetzen, dann vor Faszination, als der Geruch aufstieg und mich in der Nase kitzelte. Eine tiefe Sehnsucht stieg in mir auf, eine Macht so alt und dunkel wie diese Hügel. Verängstigt eilte ich in die Höhle und holte zu Smoky auf.

Der Eingang zu dem Tunnel war breit genug, um zu dritt nebeneinander durchzugehen, und gerundet wie eine Röhre. Plötzlich stand mir eine Natur-Doku vor Augen, die ich einmal gesehen hatte – über Falltürspinnen. Ja, genau so sah das hier aus. Kyoka musste neben dem wahnsinnigen Magier auch noch den durchgeknallten Genetiker gespielt haben.

Der Gang führte tief in den Hügel, mit Öffnungen nach links und nach rechts. Ich konnte immer noch das Blut von draußen riechen, doch nun drängten sich neue Gerüche dazwischen und überfluteten meine Sinne. Der Gestank von Schweiß und Urin und Fäkalien ließ mich das Gesicht verziehen. Auch Sex lag in der Luft, und der Geruch von Fäulnis und lange verdorbenem Essen. Es drehte mir den Magen um, mir wurde schwindelig, und ich hatte Mühe, klar zu sehen.

»Delilah? Alles in Ordnung?« Chase packte mich am Ellbogen, als ich schwankte.

»Ja, ich glaube schon.« Ich zwang mich zur Konzentration. Immer einen Schritt nach dem anderen. Wir hatten fast den ersten Seitentunnel erreicht, als ein schriller Schrei die Luft zerriss. Ich hielt mir die schmerzenden Ohren zu und bemerkte, dass Rhonda dasselbe tat.

»Was zur Hölle war das?«, fragte Trillian, schob sich an mir vorbei und rannte mit Chase und Smoky voran. Ich wollte ihnen folgen, aber irgendetwas verfing sich in meinem Ellbogen und hielt mich fest.

»Delilah? Ich bin’s«, flüsterte mir eine körperlose Stimme ins Ohr.

»Camille?« Ich bekam keine Antwort und runzelte die Stirn. »Falls du nicken solltest – ich kann dich nicht sehen.«

»Ach ja, richtig!« Sie klang verlegen. »Hör zu, Morio und ich gehen ein Stück voraus und sehen uns eine Kammer an; wir haben dort Katzenmagie gerochen. Willst du mitkommen?«

»Wie soll ich euch folgen, wenn ich euch nicht sehen kann?«, sagte ich, doch in diesem Moment löste sich ein Schatten von der Wand. »Scheiße, was ist das?«

»Psst, ich bin’s«, sagte Menolly und trat vor mich hin. »Ich führe dich. Ich kann Camilles und Morios Schritte hören. Meine Ohren sind schärfer als deine.«

Ich warf Rhonda einen Blick zu. »Kommst du mit?«

In ihren Augen stand nackte Angst, aber sie sagte nur: »Ich bin direkt hinter dir.«

Während Menolly uns den Gang entlangführte, brach in dem Tunnel, in dem Smoky, Trillian und Chase verschwunden waren, lautes Gebrüll aus. Eine fremde Stimme kreischte um Hilfe, und wir konnten nur hoffen, dass unseren Jungs nichts passiert war.

Wir gingen an zwei Tunnels vorbei, ehe wir nach links abbogen. Als wir den schmalen Seitengang betraten, erhaschte ich einen flüchtigen Blick auf Männer, die im Hauptgang vorbeirannten. Vermutlich wollten sie ihrem Kameraden zu Hilfe kommen.

Der Gang führte zu einer großen Kammer. Wände und Decke waren gerundet und von Hand in den Fels gehauen. Das Gestein war glattpoliert und glänzte. Die gewölbte Decke war mindestens sechs Meter hoch. Ich spähte in die dunkle Höhe und sah, dass einander überlappende Spinnweben sich wie ein Baldachin über den ganzen Raum spannten. Ich schluckte und versuchte, nicht daran zu denken, was sich da oben verbergen mochte. Mehrere Ausgänge führten offenbar zu weiteren Tunneln, die sich tief in den Berg hineinzogen.

Und dann bemerkte ich das Podium mitten in der Kammer. Kein Wunder, dass Morio hier Katzenmagie gerochen hat. Auf dem Podium lag etwas, das wie ein riesiges Ei aussah, und daneben hing Venus Mondkind, an Hand- und Fußgelenken an einen aufrecht stehenden, kreisrunden Stein gefesselt. Er war so weit herabgesunken, wie es die Ketten erlaubten, und er war nackt. Ein Gittermuster aus blutigen Striemen und Brandwunden zog sich über seine Brust, hässliche, fransige Wunden, die immer noch bluteten. Seine Nase war gebrochen, und beide Augen völlig zugeschwollen. Ich schluckte schwer und konnte den Blick nicht mehr von ihm losreißen.

Drei Männer standen um ihn herum. Einer hielt eine Peitsche in der Hand. Der zweite erhitzte einen Schürhaken in einer Feuergrube im Boden. Der dritte lehnte an einem Stalagmiten und sah gelangweilt aus.

Menolly knurrte leise. Ihre Augen begannen rot zu glühen, und blutige Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie starrte Venus noch einen Moment lang an und stürzte sich dann wortlos auf den Mann mit dem Schürhaken.

Ich sah Rhonda an. »Sie wissen, dass wir hier sind, also an die Arbeit!«

Sie zog einen hölzernen Schlagstock aus ihrer Jacke und stürmte los, und ich folgte ihr mit gezücktem Messer.

»Was zum Teufel –«, sagte der Kerl mit dem Schürhaken, als er Menolly auf sich zurasen sah. Sie war in vollem Killer-Modus, ihre Reißzähne ausgefahren; er wirbelte herum und hieb mit dem Schürhaken nach ihr. Sie packte das Eisenteil umstandslos am glühenden Ende, riss es ihm aus der Hand und schleuderte es in die Luft, so dass es am anderen Ende der Kammer landete.

»Heilige Scheiße!« Er kreischte, aber ehe er noch etwas herausbringen konnte, war sie bei ihm, und eine Sekunde später hing sein Kopf in einem unnatürlichen Winkel herab, und sie ließ ihn zu Boden fallen.

Rhonda griff den Gelangweilten an, während ich auf den mit der Peitsche losging. Er musterte mich von oben bis unten, grinste schlüpfrig und warf die Peitsche von einer Hand in die andere.

»Wer ist denn dein Papa, meine Kleine?« Er schmatzte mit den Lippen. »Sei brav, dann kriegst du vielleicht noch einen guten Fick, bevor ich dich lehre, dich nicht in die Angelegenheiten von Männern einzumischen.«

Ein tiefes Knurren drang aus meiner Kehle und hallte wie Donner durch den Raum. Was zum...  ? Wo war das denn hergekommen? Mein Gegner blickte ein wenig beunruhigt drein, hob aber trotzdem die Peitsche.

»Stehst du auf Schmerzen, Pussykätzchen?«, flüsterte er. »Komm und spiel mit dem Herrchen.«

»Ganz schön große Klappe für jemanden, der sich hinter einem Felsbrocken versteckt.« Perfekt eigentlich. Wenn er jetzt nur blieb, wo er war.

Ich sammelte mich, nahm Anlauf und sprang auf den Felsen, den ich als Sprungbrett benutzte. Ich stieß mich davon ab, überschlug mich rückwärts in der Luft und landete direkt hinter ihm. Ich stand Bruce Lee in nichts nach, fand ich. Ehe er herumwirbeln konnte, stieß ich ihm meine Klinge in die linke Seite, genau im richtigen Winkel, um sein Herz zu durchbohren. Er hatte gerade noch genug Zeit, etwas zu murmeln, dass wie »Fick dich«, klang, dann brach er zusammen, als ich mein Messer herauszog.

»Du hast mir sehr geholfen«, sagte ich und wischte die Klinge an meinen Jeans ab. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, wie ich mich fühlen würde – jedenfalls nicht dieses intensive Gefühl von Befriedigung, das mich jetzt überkam. Erschrocken warf ich einen Blick zu Rhonda hinüber, aber sie hatte es ebenfalls schon geschafft, ihren Gegner auszuschalten. Menolly stand auf dem Podium und riss gerade Venus’ Ketten aus dem Stein. Er sackte in ihren Armen zusammen, und sie legte ihn vorsichtig auf die steinerne Plattform.

»Er wird es überleben«, sagte sie grimmig. »Er ist dazu ausgebildet, Schmerzen zu ertragen, aber er wird ein paar hässliche Narben zurückbehalten.«

Ihre Stimme klang ein wenig erstickt, und ich vermutete, dass sie sich lebhaft an ihre eigenen Folterqualen erinnerte. Manche Narben verblassten mit der Zeit. Andere verschwanden nie, selbst wenn man sie nicht sehen konnte. Menollys Narben – die körperlichen wie die seelischen – waren für die Ewigkeit.

Rhonda eilte an Venus’ Seite. »Ich bin ausgebildete Krankenpflegehelferin. Lasst mich mal sehen.«

»Wo sind Camille und Morio hin?«, fragte Menolly und blickte sich suchend um.

»Ich bin hier«, sagte Morio, der nun sichtbar war und aus einem der Ausgänge auf der linken Seite hervortrat. »Camille und ich haben uns getrennt, um diese zwei Gänge zu erkunden. In diesem hier sind eine Menge Spinnweben und Eiersäcke. Ich glaube, die sollten wir verbrennen«, fügte er hinzu.

»Ihr habt uns also einfach mit diesen Irren allein gelassen?« Ich blickte mich nach Camille um. Ich roch ihr Parfüm, weit konnte sie also nicht sein.

»Wir dachten, mit den paar Schlägern werdet ihr allein fertig.« Er fing meinen Blick auf. »Delilah, wo ist Camille? Ist sie noch nicht zurück?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, und ich mache mir allmählich Sorgen.« Lärm hallte aus dem Haupttunnel zu uns herüber. Offenbar hatten die Jungs es geschafft, einen richtigen Kampf anzufangen. Aus dem Gebrüll hörte ich eine Stimme heraus, die nach Chase klang, und ich betete darum, dass ihm nichts geschehen war.

»Camille ist etwas zugestoßen, ich weiß es genau«, sagte Morio.

»Was machen wir mit Venus?«, fragte Rhonda verzweifelt.

»Wir holen ihn auf dem Rückweg«, schlug Morio vor. »Bis dahin...  « Er beugte sich über den bewusstlosen Schamanen, sprach ein paar Worte und blies Venus dann ins Gesicht. Einen Augenblick später sah es so aus, als sei Venus ein Haufen Steine. »Die Illusion müsste halten, bis wir zurückkommen.« Er eilte in den Tunnel, in dem Camille verschwunden war. Mit einem letzten Blick zurück in Richtung Hauptgang rannten wir ihm nach.

∗∗∗ Dieser Tunnel war eng und niedrig; Menolly konnte aufrecht gehen, aber ich musste mich ducken, um mir nicht den Kopf an der Decke zu stoßen. Wir folgten Morio und der schwachen Spur von Camilles Parfüm, die immer stärker wurde, bis sich der Tunnel zu einer weiteren Kammer öffnete, nur halb so groß wie die von gerade eben.

Aber mitten in diesem Raum endete die Höhle an einer Klippe. Ich spähte über den Rand. Steinerne Stufen, in den Fels gehauen, führten die Steilwand hinab. Trotz meines verstärkten Sehvermögens konnte ich kaum den Grund erkennen. Da unten schien ein unterirdischer Teich oder Bach zu sein.

Ich wandte mich Menolly zu. »Kannst du Wasser rauschen hören?«

Sie schloss die Augen, und wir alle verhielten uns so still wie möglich. Gleich darauf nickte sie. »Hört sich an wie ein lauter Bach. Aber nicht laut genug für einen Fluss.«

Ich schnupperte. Ja, Camille war hier gewesen, aber wo steckte sie jetzt?

»Versuchen wir es da unten«, sagte ich, doch ein lautes Krachen unterbrach mich. Als wir herumfuhren, standen drei Gestalten im Tunneleingang. Einer von ihnen war Geph van Spynne. Der andere war ein Svartaner, und er hatte den Arm so fest um Camilles Taille geschlungen, dass es aussah, als bekäme sie kaum Luft. Ich war der Meinung gewesen, Trillian sehe gefährlich aus, aber dieser Svartaner hatte ein Glitzern in den Augen, das mir das Blut gefrieren ließ. Lianel.

Geph schoss vor. »Ich kenne dich«, sagte er und drohte mir mit erhobenem Zeigefinger. »Ich kenne dich von irgendwoher!«

Ich hob das Messer, doch Lianel schüttelte den Kopf. »Das würde ich nicht tun, wenn du deine Schwester retten willst.« Er drückte die Nase an ihren Hals, und sie wehrte sich, doch als er sie noch fester packte, erstarrte sie. »Oh, sie ist reif, sie ist so reif. Wären wir doch nur im Tempel, zu Hause in Svartalfheim. Was würden wir uns für eine herrliche Zeit mit ihr machen, meine Brüder und ich.« Die Sehnsucht in seiner Stimme klang ekelhaft, wie der Duft einer längst verwelkten Rose. Verdorben bis ins Mark.

Unsicher, was ich tun sollte, warf ich Menolly einen Blick zu.

Sie schäumte und war so angespannt, dass ich die Muskeln an ihrem Hals hervorstehen sah. »Was wollt ihr?«

Geph blickte mit selbstzufriedenem Grinsen zu seinem Gefährten zurück. »Ich glaube, sie sind bereit zu verhandeln«, sagte er. »Ein Jammer, dass sie das nicht erst versuchen konnten, ehe sie diesen lächerlichen Angriff auf unser Nest gestartet haben.«

Lianel wollte etwas erwidern, doch er hatte kaum den Mund geöffnet, als Camille seine Unachtsamkeit ausnutzte. Sie warf sich zurück, brachte ihn aus dem Gleichgewicht und landete auf ihm, als beide umkippten. Sie war bereit und rammte ihm den Ellbogen in den Magen, rollte sich ab und kam geduckt auf die Beine. Ehe er sich rühren konnte, verschränkte sie die Finger und hieb ihm mit beiden Händen und voller Wucht auf die Nase, was ihn für den Augenblick außer Gefecht setzte. Geph griff sie mit einem rostigen Dolch an.

»Nein!«, schrie Menolly, doch Rhonda war näher dran. Sie stürzte sich auf ihn, und er wirbelte herum, als sie mit ihrem Schlagstock ausholte und ihn in die Magengegend traf. Stöhnend krümmte er sich zusammen.

Dann ging alles zum Teufel.

Geph erholte sich überraschend schnell, während Rhonda für den nächsten Schlag weit ausholte, so dass ihre Brust ungeschützt war. Blitzschnell stieß er ihr das Messer von links in die Brust. Sie schrie, der Schlagstock fiel ihr aus der Hand und landete mit lautem Gepolter am Boden.

Menolly und ich sprangen hinzu, doch bevor wir sie erreichen konnten, erlosch das Licht in ihren Augen, und sie kippte rückwärts um, sein Messer noch in der Brust.

Morio stürmte los, blieb aber stehen, als Camille zu Geph herumfuhr, die Hände hoch erhoben und einen Ausdruck schieren Zorns auf dem Gesicht, wie ich ihn erst einmal bei ihr gesehen hatte – im Kampf gegen Bad Ass Luke.

»Mordentant, mordentant, mordentant«, brüllte sie, und ein schwacher Lichtstrahl schoss aus ihren Fingerspitzen.

Das war keine Mondmagie. Sogar ich konnte den Unterschied spüren. Nein, das hier war etwas anderes, älter und dunkler und wesentlich gefährlicher.

Morio sprang ihr bei, und die Energie aus ihrer beider Hände vereinte sich und traf Geph mitten in die Brust. Ein überraschter Ausdruck huschte über sein Gesicht – als wollte er sagen Aber das hätte doch gar nicht passieren sollen –, er ließ sein zweites Messer fallen und brach zusammen.

Morio beendete den Angriff und schlug Camille hart ins Gesicht. Verblüfft ließ sie die Hände sinken. »Du kannst ihn nicht bis zum Ende bringen«, sagte er heiser, und ich fragte mich, wovon zum Teufel die beiden sprachen. »Das ist zu gefährlich. Du weißt noch nicht, wie man sich wieder daraus zurückzieht.«

Lianel kroch mühsam über den Boden. Er war keinen Meter weit gekommen, als Menolly seinem Rückzug ein rasches Ende bereitete. Er erschlaffte und blieb still liegen.

Ich kniete mich neben Rhonda und tastete nach ihrem Puls. Nichts. Kein Atemzug, kein Anzeichen von Leben in ihren Augen. Sie war nicht mehr, wie ein Licht, das man vor dem Schlafengehen ausschaltet. Ich starrte sie noch einen Moment lang an. Zach hatte sie einmal geliebt, er hatte sie sogar heiraten wollen. Als er sie um Hilfe gebeten hatte, war sie bereitwillig in eine sehr gefährliche Situation gegangen, mit Leuten, die sie gar nicht kannte. Und nun war sie fort. All meine lächerliche Eifersucht flog zum Fenster hinaus, während ich das Totengebet sprach.

»Was Leben war, ist verdorrt. Was Gestalt war, verfällt. Sterbliche Ketten lösen sich, und die Seele fliegt frei. Mögest du den Weg zu deinen Ahnen finden. Mögest du den Weg zu den Göttern finden. Mögen Lieder und Legenden deines Mutes und deiner Tapferkeit gedenken. Mögen deine Eltern stolz auf dich sein und deine Kinder dein Geburtsrecht weitertragen. Schlaf und wandle nicht länger.«

Leise Stimmen fielen ein, und als ich aufblickte, sah ich Camille und Menolly neben mir stehen und mit mir beten. Als wir fertig waren, stand ich auf und schob mich an ihnen vorbei zu Morio, der Geph bewachte. Der schien aus dem letzten Loch zu pfeifen. Was auch immer Camille und Morio auf ihn geschleudert hatten, hatte ihn tödlich verwundet.

Ich schob Morio beiseite, beugte mich hinab und starrte Geph ins Gesicht. »Du hast zu viele Leben ausgelöscht.«

Er riss die Augen auf. Noch nie hatte ich ein Lebewesen so eiskalt betrachten können, und ich spürte, wie etwas in mir darum kämpfte, Gestalt anzunehmen, hervorzukommen. Ich verwandelte mich, doch es war anders als sonst. Ich bog den Rücken durch, um freizulassen, was auch immer da frei sein wollte; Geph gurgelte, und sein Kopf rollte zur Seite. Ich stieß ein Brüllen aus, das die Wände beben ließ, und dann ließ der Druck in mir plötzlich nach.

Menolly rannte zu mir. »Kätzchen, ist alles in Ordnung?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Aber wir haben keine Zeit, hier herumzustehen und darüber nachzudenken, was mit mir geschieht. Wir kommen wieder und nehmen Rhondas Leichnam mit, aber jetzt müssen wir erst einmal die anderen finden und nachsehen, wie es ihnen geht.«

Meine Gedanken galten vor allem Chase; er war ein VBM, bei weitem die leichteste Zielscheibe unter uns. Erfasst von der plötzlichen Angst, er könnte das nächste Opfer von Kyokas wahnsinnigem Clan geworden sein, rannte ich auf den Tunnel zu. Wir erreichten die große Kammer gerade rechtzeitig, um Trillian, Smoky und Chase vom Hauptgang aus hereinstürmen zu sehen. Smoky sah stinksauer aus, Chase und Trillian wirkten nur verängstigt.

»Was? Was ist los?«, fragte ich.

»Uns sind etwa zwei Dutzend Mitglieder des JägermondClans auf den Fersen!«, keuchte Chase. Schliddernd kam er vor dem Podium zum Stehen. »Was zum Teufel...  ?«

Morio winkte mit einer Hand, und die Illusion, die Venus verbarg, löste sich auf. »Wir haben ihn gefunden. Er ist sehr schwer verletzt, aber er wird überleben.«

»Tja, das ist gut, aber ich bin nicht so sicher, dass wir dasselbe in ein paar Minuten auch von uns behaupten können«, bemerkte Smoky. »Ich kann mich unter der Erde nicht verwandeln. Es ist einfach nicht genug Platz, außer...  vielleicht, hm...  in dieser Höhle...  «

Trillian sah sich um. »Wo ist die Frau? Der Puma?«

Ich schauderte und seufzte. »Tot. Wir haben Lianel und van Spynne erledigt. Sie wollten Camille als Geisel nehmen.«

Trillian eilte an Camilles Seite. »Hat dieser Dreckskerl Hand an dich gelegt?«

Sie schüttelte den Kopf. »Er hat mich zu fassen gekriegt, aber er hatte keine Gelegenheit, mir etwas anzutun.«

»Trotzdem werde ich seine Seele noch in der Hölle verfolgen.« Trillian schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Gang zu, aus dem die Angreifer jeden Moment kommen mussten. »Hoffen wir, dass sie nicht alle auf einmal angreifen. Ein Jammer, dass diese Öffnung so großzügig ist.«

Das brachte mich auf eine Idee. »Muss sie aber nicht sein! Smoky, wenn du dich hier drin verwandelst, müsstest du gerade genug Platz haben. Du wirst nicht kämpfen können, aber du wirst die Kammer ausfüllen, so dass sie gar nicht alle auf einmal hier hereinpassen.«

»Oh, wunderbar. Du möchtest, dass ich mich zu einem gigantischen Briefbeschwerer mache. Also gut«, sagte er. »Tretet zurück. Ich werde mir Mühe geben, niemanden zu verletzen, aber versprechen kann ich nichts.«

Als wir zurückwichen, schwoll der Lärm unserer Feinde an. Ehe sie es jedoch aus dem Tunnel schaffen konnten, stieg ein glitzernder Nebel um Smoky auf. Ich hielt mir die Hand vor die Augen und wich zurück, mit Chase an meiner Seite. Der Lärm von berstendem Gestein hallte durch die Höhle, es krachte und polterte, und als ich schließlich einen vorsichtigen Blick riskierte, hockte Smoky in voller Drachenpracht vor uns. Und keine Sekunde zu früh. Drei Männer schossen aus dem Durchgang, warfen einen einzigen Blick auf den Drachen, kreischten und traten so schnell den Rückzug an, wie sie hereingestürmt waren.

Ich wollte schon erleichtert aufseufzen, als ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung hinter mir wahrnahm. Ich wirbelte herum und sah Tyler-alias-Kyoka die Kammer betreten, aus dem Gang zu der Höhle, in der wir Rhondas Leichnam zurückgelassen hatten. Direkt hinter ihm kam der Jansshi-Dämon. Jetzt hatten wir den Salat.