Kapitel 17
Na schön, zerren wir Horace aus dem Schrank«, sagte Camille, und wir marschierten hinüber in die Küche.
»Ehe ich ihn raushole – irgendwelche guten Ideen, wie wir ihn zum Reden bringen sollen? Er hat eigentlich keinen Grund dazu«, sagte ich mit gedämpfter Stimme und Blick auf den Wandschrank.
Trenyth und Iris waren im Wohnzimmer geblieben und passten auf Zach und Maggie auf. Smoky und Chase folgten uns in die Küche. Smoky lehnte sich an den Küchentisch.
»Holt ihn raus. Ich werde euch helfen, zu erfahren, was ihr wissen wollt. Vertraut mir«, fügte er hinzu, als ich ihm einen fragenden Blick zuwarf.
Ich schleifte Horace auf seinem Stuhl aus dem Wandschrank. Er war wach, und der Gestank von Angst hing in der Luft. Der Geruch kam von ihm. Erfreut stellte ich fest, dass meine Knoten gehalten hatten – seit unserem Zusammenstoß mit Wisteria hatte ich an Camille geübt.
Horace wand sich ein wenig, aber ich hatte den Eindruck, dass er ziemlich erschöpft war, vom langen Sitzen in Fesseln und dem Schlag auf den Kopf, den Iris ihm verpasst hatte. Smoky beugte sich vor und schenkte ihm ein boshaftes Grinsen.
»Wir haben ein paar Fragen an dich. Ehe du dich weigerst zu antworten, möchte ich dir Folgendes sagen: Wir werden dich nicht töten, falls du schweigen solltest. Nein, ich werde dich mit nach Hause nehmen und zu meinem Spielzeug machen. Mir fallen eine Menge Spiele für uns beide ein. Und bevor du fragst, ja, ich bin ein Drache. Also, wirst du dich kooperativ zeigen?«
Das war mal eine Drohung, die bei mir funktioniert hätte. Horace nahm eine entschieden grünliche Farbe an und rutschte auf seinem Sitz herum.
Smoky fuhr fort: »Es liegt ganz bei dir. Entweder redest du jetzt – oder später. Und eines garantiere ich dir, du wirst reden. Pack hier und jetzt aus, und ich verspreche dir, es wird wesentlich weniger weh tun.«
Ein Herzschlag. Zwei. Drei. Horace nickte langsam. Smoky griff eben nach dem Knebel, als die Haustür aufging. Camille, die der Tür am nächsten war, schrie: »Wer ist da?«, doch im selben Moment kam Trillian um die Ecke. Noch bevor er den Knebel los war, geriet Horace in Panik.
Smoky zögerte und neigte den Kopf zur Seite. Er blickte verwirrt drein, dann warf er einen kurzen Blick über die Schulter auf Trillian und sagte: »Komm her.« Seine Stimme war so gebieterisch, dass Trillian gehorchte, eher er auch nur darüber nachdenken konnte.
Als Trillian den Raum betrat, fing Horace heftig an zu zittern und stieß hinter seinem Knebel flehentliche Laute aus.
Smoky erfasste die Situation sofort. Er hob die Hand und sah Trillian an. »Augenblick. Wir warten noch ein bisschen, ehe wir dich auf ihn loslassen.«
Trillian war alles andere als dumm. Er zuckte mit den Schultern und trat zurück. »Na schön, aber wenn er nicht kooperiert, helfe ich euch gern weiter.« Er tippte Camille auf die Schulter und wies mit einem Nicken aufs Wohnzimmer. »Wir müssen reden.«
Sie runzelte die Stirn und musterte den Spion. »Also gut. Delilah, schreib alles auf, was er sagt.« Sie folgte Trillian hinaus.
Smoky griff langsam nach dem Knebel. Als er ihn wegzog, sagte er: »Jede verdächtige Bewegung wäre im Augenblick sehr ungünstig für dich. Hast du das verstanden?«
Horace nickte. »Ja, ich hab’s verstanden. Überlasst mich bloß nicht diesem Monster aus der Hölle«, sagte er. »Lieber spiel ich für dich den Lustknaben. Ich weiß, wozu die fähig sind, und ich will mit ihren Spielchen nichts zu tun haben.«
Seltsam. Was war passiert, dass er eine solche Angst vor Svartanern hatte? Er war ein Übernatürlicher der Erdwelt. Es wunderte mich schon, dass er überhaupt wusste, was ein Svartaner war.
»Dein Name ist Horace van Spynne?« Smoky gab mir einen Wink, und ich griff zu Notizblock und Stift.
»Ja, ja, stimmt.« Er spie die Worte förmlich aus.
Chase lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und musterte den Spinnling eindringlich. »Bist du mit Geph van Spynne verwandt?«
Horace nickte. »Er ist mein Cousin.«
Ich trat vor. »Warst du schon einmal hier, mit Kyoka?«
Er schnappte nach Luft, und es war offensichtlich, dass er mit dieser Frage nicht gerechnet hatte. »Woher wisst ihr von ihm?«
»Das geht dich nichts an«, sagte ich, beugte mich vor und starrte ihm ins Gesicht. »Wir wissen eine ganze Menge. Wir wissen alles über Kyoka und über die Dämonen, die dem Jägermond-Clan helfen. Ist euch eigentlich klar, dass ihr nur Bauern in Schattenschwinges Spiel um die Eroberung dieser Welt seid? Und dass er euch nicht am Leben lassen wird, ganz gleich, was er euch versprochen hat?«
Horace blinzelte. »Der Jansshi-Dämon hat es versprochen. Und Kyoka wird uns nicht im Stich lassen.«
»Dich hat er bereits im Stich gelassen«, sagte Smoky. »Er hat dich mit diesem Auftrag in den sicheren Tod geschickt. Glaubst du wirklich, er wüsste nicht, dass wir ihm auf die Schliche gekommen sind? Er verfolgt jetzt seine eigenen Ziele, und der Jägermond-Clan ist nur noch ein Werkzeug, dessen er sich bedient, um zu bekommen, was er will.«
Jetzt begriff ich Smokys Strategie. Er wollte Horace glauben machen, dass Kyoka seinen Stamm an die Dämonen verkauft hatte – dann würde er uns vielleicht alles sagen, was wir wissen wollten.
»So ist es«, sagte ich. »Kyoka weiß, dass wir hinter ihm her sind, und trotzdem hat er dich hierher geschickt, obwohl du von vornherein keine Chance hattest. Was hat er dir versprochen, wenn du diese Mission erfolgreich ausführst? Geld? Ein langes Leben? Macht?«
Als Horace leicht zusammenzuckte, wusste ich, dass ich einen wunden Punkt getroffen hatte. »Was ist passiert? Standest du schon kurz davor, zum nächsten Anführer des Clans zu werden, ehe er zurückkehrte? Hat Kyoka dir diesen Traum entrissen?« Als er nicht antwortete, wandte ich mich Smoky zu. »Wir können dann wohl den Svartaner rufen und ihm unseren Freund hier überlassen. Es hat keinen Zweck. Horace, ich hoffe, du bist bereit, deinem schlimmsten Alptraum –«
»Nein! Ich sage es euch ja«, schrie er, als Smoky zur Tür ging. »Ich sage euch alles. Ich weiß, wozu Svartaner fähig sind. Lianel ist schon schlimm genug. Hetzt mir nicht noch einen auf den Hals.«
Lianel? Wer zum Teufel war Lianel? »Na gut, aber du solltest uns wirklich alles erzählen, was du weißt, und zwar schnell.« Ich versuchte, so bedrohlich wie möglich zu klingen, und Horace schauderte.
»Was wollt ihr wissen?«, flüsterte er.
»Warum erzählst du nicht einfach alles von Anfang an?« Ich griff nach meinem Stift, und er öffnete den Mund.
Zehn Minuten später hatte er sich alles von der Seele geredet. Bis Horace fertig war, schwitzte er Blut und Wasser. Zu Recht. Wenn wir ihn nicht umbrachten, würde Kyoka es ganz sicher tun. Ich bat Smoky und Chase, kurz auf mich zu warten, und ging ins Wohnzimmer, wo Trillian und Camille sich mit Zach unterhielten.
»Trillian, wir haben von dem Spion etwas erfahren, das du vielleicht so schnell wie möglich zu Hause melden solltest. Es gibt einen abtrünnigen Svartaner, der Schattenschwinge unterstützt. Möglicherweise hat das etwas mit dem Krieg zu tun, aber da bin ich nicht sicher. Sein Name ist Lianel –«
»Lianel?« Trillian sprang auf und unterbrach mich. »Sagtest du Lianel?«
»Ja, ich glaube schon«, sagte ich und sprang beiseite, als er auf mich zuschoss. »Warum? Wer ist das?«
»Er wird in Svartalfheim wegen Mordes und Vergewaltigung gesucht. Er hat eine Nichte des Königs entführt, sie vergewaltigt und dann in Stücke geschnitten, hübsch langsam. Sie hat noch lange gelebt während dieser... Operationen. Er hat obendrein ihre Leibwächter getötet. Das Mädchen war... jung«, sagte er, wobei er aussah, als sei ihm ein wenig schlecht. »Sehr jung. Lianel ist ein Anhänger von Jakaris.«
Das brachte nun auch mich dazu, das Gesicht zu verziehen. Jakaris, der svartanische Gott des Lasters und der Grausamkeit – welch angenehme Gesellschaft. »Tja, er ist mit Kyoka und dem Jansshi-Dämon unterwegs. Deshalb hatten wir diesmal solche Schwierigkeiten, sie aufzuspüren. In diesem Degath-Kommando gibt es nur einen einzigen echten Dämon.«
»Lianel ist schlimmer als jeder Dämon. Er kennt mehr Möglichkeiten, Menschen zu foltern, als es überhaupt geben dürfte.« Trillian sank kopfschüttelnd in einen Sessel.
»Was hat Horace sonst noch gesagt?«, fragte Camille.
»Er hat die Position des Nests bestätigt und uns eine ungefähre Zahl genannt, mit wie vielen Werspinnen wir es zu tun bekommen werden. Außerdem wissen wir jetzt ganz sicher, dass sie Venus Mondkind da draußen festhalten. Wir werden also vorsichtig sein müssen, wenn wir reingehen, sonst benutzen sie ihn als Geisel. Falls er noch lebt.«
Camille sah auf die Uhr. »Menolly müsste jeden Moment aufwachen. Räumst du bitte die Küche?«
Ich scheuchte alle Mann zurück ins Wohnzimmer, auch Smoky, der Horace wieder geknebelt und in den Wandschrank gepackt hatte. In diesem Moment erschien Ronyl. Er war mit Schnee bestäubt, wirkte aber sehr zufrieden mit sich.
»Die Spinnenbanne sind aktiv. Das hättet ihr sehen sollen – ein Massenexodus aus eurem gesamten Haus. Ich weiß nicht, wie viele davon Feldwinkelspinnen waren, aber insgesamt waren es mehrere hundert Tiere. Der Schutz sollte ein paar Monate halten. Ich schlage vor, ihr schafft euch eine Fliegenklatsche an.« Er warf Trenyth einen Blick zu. »Schön, wir sollten uns auf den Rückweg machen.«
Trenyth nickte. »Ja. Ich weiß genug, um die Königin informieren zu können. Und ich werde morgen über den Flüsterspiegel Kontakt zu euch aufnehmen, um zu erfahren, wie der Angriff verlaufen ist.«
»Ihr setzt großes Vertrauen in uns«, sagte ich.
Er lächelte. »Allerdings. Aber seht euch an, was ihr bisher bewältigt habt. Setzt Vertrauen in euch selbst, sonst seid ihr im Kampf benachteiligt.«
Als er und Ronyl in die Dämmerung hinaustraten, wünschte ich mir nichts mehr, als dass diese beiden blieben und uns im Kampf beistehen würden. Aber sie hatten ihren eigenen Krieg auszufechten. Ich schloss gerade die Tür hinter ihnen, als Menolly erschien; sie blinzelte heftig. Iris und Maggie folgten ihr auf dem Fuße.
»Wen habt ihr denn da im Besenschrank?«, fragte sie. »Ich konnte seine Angst bis in den Keller riechen, und davon bekomme ich schrecklichen Hunger.«
O-oh. Sie musste trinken, das war offensichtlich – und wir hatten eine prima Fertigmahlzeit im Wandschrank hocken.
»Setzt euch«, sagte Camille. »Wir haben viel zu besprechen und sehr wenig Zeit.«
Menolly schwebte zum Wipfel des Julbaums hinauf – anscheinend genoss sie es, über dem glitzernd geschmückten Baum abzuhängen –, und wir berichteten ihr, was passiert war, unterbrochen von ihren Ausrufen wie »Ich wünschte, ich wäre wach gewesen!« und »Ehrlich? Wir können jetzt mit dem Flüsterspiegel die Elfen erreichen?«
Als wir fertig waren, fragte sie: »Was machen wir jetzt mit ihm?«
»Ich schlage vor, du lässt ihn dir schmecken«, antwortete Trillian so ungerührt, als schlage er ihr vor, sich ein Roastbeef-Sandwich zu machen. Ich wand mich, aber Camille nickte.
»Das ist die beste Lösung. Wir können ihm nicht trauen. Wenn wir ihn irgendwo einsperren, schafft er es am Ende noch, sich zu befreien, und das würde für uns böse ausgehen. Er würde uns an den Meistbietenden verkaufen. Diese Lektion haben wir doch bei Wisteria gelernt.«
Sie hatten recht, das war mir klar, aber ich rang immer noch mit meinem Gewissen. Dann musste ich an die Opfer denken, die sein Volk bereits auf dem Gewissen hatte, und ich wusste, dass wir uns ihm gegenüber kein Mitgefühl erlauben durften. Der Jägermond-Clan würde diesen Fehler nicht machen – die waren auf Blut aus.
Ich hob den Kopf. »Menolly, brauchst du Hilfe?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte sie, und der Blick, den sie mir zuwarf, war beinahe bekümmert. Aber ein Blitzen in ihren Augen sagte mir, dass ihr Kummer mir galt, nicht diesem van Spynne. »Wir sind Soldaten, Kätzchen«, sagte sie leise. »Genau wie Vater... und manchmal müssen wir eben Dinge tun, die wir nicht tun wollen.«
Sie ging in die Küche. Ich schüttelte meine Bedenken ab und wandte mich Zach zu. »Wie lange wird Rhonda hierher brauchen?«
»Nicht mehr lange. Sie müsste bald da sein«, sagte er. »Ich glaube, ihr werdet sie mögen.«
Da war ich mir nicht so sicher. Aus der Küche war ein Poltern zu hören, und ich entschied, dass dies ein günstiger Zeitpunkt wäre, sich umzuziehen. »Wir müssen uns fertig machen. Camille, du solltest dich auch umziehen. Es geht hinaus in die kalte Nacht. Wir müssen uns warm halten und möglichst schwer zu sehen sein. Komm, gehen wir.«
Sie folgte mir die Treppe hinauf. Auf ihrem Stock angekommen, drehte sie sich um. »Ich weiß, wie sehr dir das zu schaffen macht«, sagte sie. »Mich macht es auch fertig.«
Ich schluckte gegen den Kloß an, der mir in die Kehle stieg. »Ich finde es nur grässlich, dass wir in so viel Mord und Blutvergießen verwickelt sind. Ich finde es grässlich, dass wir nicht nach Hause gehen können, weil da dieselbe verdammte Scheiße passiert, obwohl es nicht um ganz so viel geht wie hier. Und ich finde es grässlich, dass Vater und unsere Tante in Gefahr sind.«
»Da wir gerade von unserer Familie sprechen, Trillian hat mir erzählt, dass die Jakaris-Priester berichtet hätten, Shamas –«
»Aha, er ist tot«, sagte ich tonlos.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein! Das wollte ich dir ja gerade erzählen. Die Mönche wollten gerade sein Herz zum Stillstand bringen, als er – und ich habe keine Ahnung, wie er das angestellt hat... Also, er hat es geschafft, die Kontrolle über ihren Zauber an sich zu reißen. Er hat ihn benutzt, um... na ja... um zu verschwinden. Sie wissen nicht, ob er lebt oder tot ist, und niemand kann sich erklären, wohin er verschwunden sein soll.«
»Heilige Scheiße.« Ich starrte sie an. Das war die erste gute Nachricht seit einer Ewigkeit. »Du glaubst aber nicht, dass er... äh... implodiert ist, oder?« Bei der Vorstellung wurde mir übel, aber die Möglichkeit bestand durchaus. Jemand anderem die Fäden seiner Magie zu entreißen und dessen Energie so umzulenken, dass sie einem selbst gehorchte, war bestenfalls riskant. Allerdings hatte er ja nicht viel zu verlieren gehabt.
Camille verzog das Gesicht. »Das kann durchaus sein. Die Götter wissen, dass mir das vermutlich passieren würde, aber Shamas? Er war sehr mächtig, obwohl ich mich nicht genau erinnern kann, welche Gaben er von Tante Olanda und Onkel Tryys geerbt hat. Aber seine Fähigkeiten müssen ziemlich umwerfend sein, denn er hat sie zur Flucht genutzt. Lethesanar hat geschäumt vor Wut, als ihr das gemeldet wurde. Trillian sagt, sein Informant hätte gemeint, dass die Szene im Thronsaal absolut grauenhaft gewesen sei. Die Königin ist so außer sich geraten, dass drei Diener und der Bote tot waren, bis sie sich ausgetobt hatte. Sie hat ihnen die Herzen herausgerissen.«
»O Große Mutter.« Lethesanar hatte es in sich. Wir alle eigentlich – das Volk meines Vaters war nicht für seine Sanftmut berühmt. Trotzdem drehte es mir bei dieser Vorstellung den Magen um. »Ich nehme an, das war das letzte Mal, dass sich jemand freiwillig gemeldet hat, ihr schlechte Neuigkeiten zu überbringen.«
»Ja, das kannst du laut sagen.« Camille zuckte mit den Schultern. »Hoffen wir, dass Tanaquar sie vom Thron stürzt. Machen wir, dass wir loskommen. Ich ziehe mich um, wir treffen uns unten. Sobald Zachs Freundin da ist, fahren wir los. Wir müssen der Sache ein Ende machen. Heute Nacht.«
Ich nickte und sprang, immer zwei Stufen auf einmal, die Treppe zu meinem Apartment hinauf. Camille hatte recht. Es war höchste Zeit, den Jägermond-Clan auszuschalten. Wir würden es vielleicht nicht schaffen, Schattenschwinges Pläne ernsthaft zu durchkreuzen, indem wir sein neuestes Degath-Kommando vernichteten, aber wenn wir das Geistsiegel vor ihnen finden konnten, wären wir dem Dämonenfürsten wieder einen Schritt voraus. Und das wäre wirklich mal ein Grund zum Feiern.
∗∗∗ Ich zog eine Strumpfhose an, darüber Jeans. Unter einem jagdgrünen Rolli trug ich ein Baumwollhemd. Viele Schichten waren gut; die behinderten mich nicht so wie ein dicker Parka, würden mich aber trotzdem warm halten.
Ich wühlte in meinem Kleiderschrank herum, bis ich eine schwarze Wildlederjacke fand, die wärmer war als meine ungefütterte Lederjacke. Mit Handschuhen, einem schwarzen Kopftuch, das meine Ohren wärmen würde, und leichten Wanderstiefeln würde ich die Kälte gut aushalten und mich trotzdem noch im Unterholz bewegen können. Während ich mich anzog, achtete ich darauf, nicht an Rhonda zu denken. Manche Gedanken waren überflüssige Folter.
Camille schockierte mich. Statt ihres üblichen langen Rocks hatte sie sich für warme Leggings und einen langen Pulli mit weitem Rollkragen über einem Top entschieden. Der Pulli schmiegte sich an ihre Oberschenkel und betonte auch sonst jede Kurve. Dazu trug sie knöchelhohe Schnürstiefel, Lederhandschuhe und ihren kurzen Umhang aus Spinnenseide. Selbst in Outdoor-Aufmachung sah sie aus wie eben der Vogue entstiegen, wenn auch viel kurvenreicher als das typische Model.
»Ich habe dich noch nie in so... praktischen Sachen gesehen«, sagte ich grinsend. »Das ist doch mal was anderes.«
»Ich bin nicht glücklich damit, aber, na ja, wir werden gegen Spinnen kämpfen müssen, und die beißen. Ich will sie nicht in Versuchung führen, indem ich ihnen zu viel nackte Haut biete«, sagte sie und verdrehte die Augen. »Machen wir, dass wir loskommen.«
Als wir das Wohnzimmer betraten, war Rhonda bereits da. Ich blieb stehen wie erstarrt. Sie war eine Granate. Wunderschön, königlich, dominant. Sie war etwas kleiner als ich, aber durchtrainiert und geschmeidig. Ihre goldene Mähne war zu einem langen Zopf geflochten, ihre Aufmachung makellos, aber der erste, flüchtige Eindruck eines Skihäschens täuschte todsicher. Die würde jedem einen harten Kampf liefern, das war offensichtlich. Aber es war mehr als nur ihr Aussehen, was mich umhaute. Es war die Art, wie sie sich hielt – als wäre sie die Königin des Rudels. Und vielleicht war sie das auch.
Sie streckte die Hand aus, und ich drückte sie widerwillig. Ihr Griff war fest und warm. Unwillkürlich rückte ich näher an sie heran, weil ich ein Teil ihres besonderen Kreises sein wollte. Aber ein Schritt zu weit, und ich spürte die Grenze – eine Reserviertheit, die nicht der Arroganz entsprang, sondern dem angeborenen Bewusstsein, dass sie auf der sozialen Leiter ein paar Sprossen über mir stand und sich daran auch nie etwas ändern würde.
Ich zog mich zurück, und unsere Blicke trafen sich.
»Wir sind so froh, dass du hier bist«, sagte Camille, trat zwischen uns und streckte die Hand aus. Sie schenkte Rhondas Glamour nicht die geringste Beachtung, und der Werpuma wirkte einen Moment lang entwaffnet.
»Ja«, sagte Menolly und trat zu uns. »Danke, dass du gekommen bist. Wir können jede Hilfe gebrauchen.« Auch sie ignorierte Rhondas Gebaren, wandte sich nach einem kurzen Händedruck abrupt ab und ging in die Küche.
Rhonda blickte zu Zach hinüber. »Wird er überleben?«
Ich nickte. »Die Sanitäter waren rechtzeitig hier, um das Gift zu neutralisieren, aber er darf sich ein paar Tage lang nicht viel bewegen. Er steckt erst mal hier fest, und heute Nacht kann er uns auf keinen Fall begleiten.«
»Haben die Jungs dir alles erklärt?«, fragte Camille.
Rhonda nickte, und ihr Blick huschte zu Trillian hinüber, der ihn kühl und abweisend erwiderte. Sie wandte den Blick ab und blinzelte. Ich hatte das Gefühl, dass Rhonda es gewöhnt war, stets im Mittelpunkt zu stehen, aber heute Abend verhielt sich nicht jeder so, wie sie es erwartete.
Ich stand auf. »Okay, bevor wir losfahren, sollten wir uns einen groben Plan zurechtlegen. Camille, da Mondenergie bei den Werspinnen nicht wirkt – was willst du als Waffe benutzen?«
Sie tätschelte die Schwertscheide an ihrem Gürtel. »Kurzschwert. Und ich kenne ein paar Zauber, die nicht auf Mondenergie beruhen. Vielleicht könnte ich einen Elementar beschwören, damit er uns hilft – einen Wind- oder Erdelementar vielleicht. Wenn die sich allerdings darüber ärgern, könnten sie sich auch entschließen, den Spinnen zu helfen, also... «
»Heben wir uns das als letzte Möglichkeit auf«, sagte ich rasch. »Ich werde kämpfen wie immer. Chase, was hast du zu bieten?«
»Meine Schusswaffe natürlich, und mein Nunchaku«, sagte er und hielt die zwei Stöcke mit der Kette dazwischen hoch. »Silberkugeln helfen nur gegen Lykanthropen, also habe ich sie gar nicht erst eingepackt.«
»Gut. Smoky, Trillian, Morio?«
Morio zog die Augenbrauen hoch. »Ich habe eine ganze Reihe von Zaubern und Illusionen in meinem Repertoire. Und falls alles andere versagt, kann ich immer noch meine eigentliche Gestalt annehmen und über sie herfallen. Ich bin kein schöner Anblick, wenn ich den Dämon rauslasse.« Das sagte er so gelassen, dass ich lächeln musste, bis mir auffiel, dass keine von uns Morio jemals in vollem Dämonen-Modus gesehen hatte.
Smoky schnaubte. »Ich bin ein Drache. Ich tue das, was ich am besten kann.«
Trillian hielt eine hässlich gezackte Klinge hoch und steckte das Schwert sorgfältig wieder in die Scheide. Er brauchte nichts dazu zu sagen.
»Schön, wenn wir so weit sind, lasst uns aufbrechen«, sagte Smoky und stand auf.
Iris betrat das Wohnzimmer. Sie hielt ein Tablett mit Hühnersuppe und einem Sandwich in der Hand. Maggie hatte sich am Ende des Sofas zusammengerollt, neben Zachs Füßen.
»Passt alle gut auf euch auf. Ich will nicht losziehen müssen, um irgendjemanden zu retten«, mahnte Iris.
Camille umarmte sie kurz. »Wir kommen zurück, so schnell wir können. Menolly wird auf jeden Fall vor Sonnenaufgang wieder da sein. Falls irgendetwas passiert und du Hilfe brauchst, geh zum Flüsterspiegel und kontaktiere Trenyth.«
Iris nickte, während wir uns zur Tür hinausdrängten. »Verstanden. Bitte, Mädchen, geht kein unnötiges Risiko ein. Ein kleiner Fehler, mehr braucht es nicht... « Ihre Stimme erstarb, und sie winkte, als wir die Stufen vor dem Haus hinunterklapperten und unsere Stiefel im frisch gefallenen Schnee knirschten.
Wir teilten uns in zwei Gruppen auf. Chase, Rhonda und Menolly fuhren mit mir in meinem Jeep, während Camille, Trillian und Smoky sich zu Morio in dessen Subaru Outback setzten. Rhonda bestand darauf, an Menollys Stelle vorn neben mir zu sitzen, und ich stimmte widerwillig zu. Es war mir lieber, Menolly neben mir zu haben, aber ich wollte deswegen keinen Aufstand veranstalten.
Als ich den Gang einlegte und auf die Straße rollte, fragte ich mich, ob wir alle diese Nacht überleben würden. Und würden wir Venus Mondkind und das zweite Siegel finden, ehe Schattenschwinge es in die Finger bekam?
Um von Belles-Faire nach Snoqualmie zu kommen, musste man auf dem Highway 520 über die Floating Bridge, die längste Pontonbrücke der Welt, die Seattle mit dem Ostufer des Lake Washington verband; dann ging es über den Freeway 405 bis zur Abfahrt zur Interstate 90 East. Sobald wir die I-90 erreicht hatten, war es nicht mehr weit bis zur Ausfahrt Snoqualmie.
Um acht ebbte der Berufsverkehr endlich ab, und die Straßen waren relativ frei – es war immer noch viel Verkehr, aber kein Stau mehr. Eis und Schnee bremsten die meisten Leute ein wenig, aber es gab immer noch genug Fahrer, die glaubten, in ihren SUVs könnten sie auch im Winter rasen wie die Bekloppten; zweimal kamen wir an einem solchen fetten Auto vorbei, das von der Straße gerutscht war.
Der beständige Schneefall dämpfte die Welt unter seiner kristallenen Decke. Irgendetwas an diesem Schneesturm fühlte sich komisch an, beinahe magisch. Wenn wir nach unserem kleinen Ausflug heute Nacht noch am Leben sein sollten, würde ich Camille bitten, sich auf diese Energien einzustellen und zuzusehen, was sie von den Wetterwichteln erfahren konnte. Diese Wesen ignorierten Sterbliche normalerweise völlig und gaben sich nur mit Elementaren ab, aber für Hexen, die Wettermagie wirken konnten, machten sie eine Ausnahme.
Ich nahm die Ausfahrt I-90 East und sah in den Rückspiegel, um mich zu vergewissern, dass Morio mir nachfuhr. Wir folgten der Zubringerschleife unter einer Brücke hindurch, ich reihte mich auf dem Freeway ein, und vor uns lagen die Cascade Mountains. Natürlich würden wir anhalten, lange bevor wir den Scheitelpunkt des Snoqualmie-Passes erreichten, doch selbst in der Dunkelheit konnte ich den Unterschied spüren. Wir bewegten uns auf Vulkane zu, die noch aktiv waren, auf uralte Berge, stolze Gipfel, entstanden durch heftige Bewegungen großer Platten unter diesem Land. Die Wachstumsschmerzen der Erde.
Es herrschte kaum Verkehr. Die meisten Leute kauften für die Feiertage ein oder hatten es sich schon zu Hause gemütlich gemacht. Wir hatten die Straße fast für uns allein und kamen schnell voran.
»Was genau wollen wir noch mal da drin?«, fragte Rhonda.
»Das ist ziemlich einfach«, sagte ich. »Kyoka und die Werspinnen aufspüren und vernichten. Venus Mondkind retten.«
»Ihr habt also keinen richtigen Plan?«, fragte sie ein wenig verächtlich.
Ich umklammerte das Lenkrad. Ihr Tonfall ging mir auf die Nerven, aber ich hatte nicht die Absicht, mich von ihr verrückt machen zu lassen. »Wir können von Glück sagen, dass wir das Nest überhaupt gefunden haben. Wir wissen nicht, was uns dort erwartet, und es gibt keine Möglichkeit, das herauszufinden, bevor wir dort sind, also müssen wir einfach da reingehen und improvisieren. Wenn du eine bessere Idee hast, würde ich sie gern hören, meine Liebe, denn deinem Volk läuft die Zeit davon.«
Sie verstummte. Ich wusste, dass ich sie beleidigt hatte, aber das war mir egal. Je mehr wir uns Snoqualmie näherten, desto deutlicher spürte ich das Netz, das der Jägermond-Clan um diese Gegend gesponnen hatte. Es war wie ein Schatten, der im Nebel gedieh, um sich auszubreiten und Wurzeln zu schlagen, wenn wir ihn nicht auslöschten. Meine Sinne sprangen in Alarmbereitschaft.
Chase ließ mich auf die Parson’s Creek Road abbiegen. Die Straße war zweispurig ausgebaut, und während mein Jeep über den vereisten Asphalt rollte, ließ ich mich tiefer in Trance sinken. Menolly hatte die ganze Zeit über still auf dem Rücksitz gesessen, doch plötzlich richtete sie sich auf und beugte sich vor.
»Ich rieche Dämon. Ich weiß nicht, wie lange das her ist, aber ein Dämon war hier«, sagte sie.
Ich blickte in den Rückspiegel. Ihre Augen leuchteten rot, und ihre Reißzähne waren ausgefahren.
»Der Jansshi-Dämon«, sagte sie. »Das sind Aasfresser. Fressen alles, was man ihnen vor die Füße wirft. Dieses DegathKommando wird vermutlich von Kyoka angeführt. Er und Lianel sind viel klüger als der Jansshi, der im Prinzip nur ein Schläger im Schwefelgewand ist.«
Rhonda hüstelte. »Ich habe noch nie gegen einen Dämon gekämpft«, sagte sie, und sie klang nicht mehr so selbstsicher wie noch vor ein paar Minuten.
»Wir schon.« Ich warf ihr ein kurzes Lächeln zu. »Sie können sehr beängstigend sein, aber ich glaube, diesmal droht uns mehr Gefahr von Lianel und Kyoka als von dem Jansshi. Und vergiss die Spinnlinge nicht. Als ich Geph van Spynne im Traum gesehen habe, verfügte er über unglaublich viel Macht, und er kann in den Astralraum sehen. Da bin ich ganz sicher.«
»Die Abzweigung liegt einen guten halben Kilometer vor uns«, sagte Chase. »Goldenrod Road.«
Mein Herz pochte, und ich konzentrierte mich aufs Fahren. Die Gegend kam mir auf einmal bekannt vor. Mir stockte der Atem. Scheiße, das würde übel werden.
»Denkt daran, dass sie in einer Höhle sind. Wir wollen zwar nicht in eine Falle laufen, aber ich bezweifle, dass sie uns an der Tür empfangen werden. Wir werden schon zu ihnen reingehen müssen. Und das ist gefährlich.«
Chase zog sein Handy hervor und wählte. Gleich darauf begann er leise zu sprechen. Als ich ihm im Rückspiegel einen fragenden Blick zuwarf, bedeckte er das Mikro mit der Hand und flüsterte: »Camille. Ich wollte uns koordinieren.«
Ich konzentrierte mich wieder auf die Straße. Und da war es – genau wie in meinem Traum, ein Hinweisschild, auf dem »Goldenrod Road« stand. In meiner Vision war ich aus der anderen Richtung gekommen, aber das spielte jetzt keine Rolle.
Ich atmete zittrig durch und bog links ab; Morio folgte mir. Während wir den Feldweg entlangholperten, versuchte ich mich zu erinnern, wie weit es bis zu der Abzweigung war, die zum Nest führte. Die scharfen Kurven kamen mir jetzt, da ich fuhr, gefährlicher vor, vor allem, weil der Weg mit Schnee und Eis bedeckt war. Und dann, ehe ich bereit dafür war, lag sie vor mir – die Weggabelung. Ich hielt am Wegrand und stellte den Motor ab.
»Wir sind da«, sagte ich. »Seht ihr die dunkle Stelle zwischen diesen beiden Tannen? Da müssen wir durch.«
Widerstrebend löste ich den Sicherheitsgurt und stieg aus. Die anderen folgten mir, und Chase holte die Ausrüstung aus dem Auto, die wir vorbereitet hatten. Während ich meinen Rucksack aufsetzte und mich vergewisserte, dass mein Dolch fest in meinem Stiefel steckte und die Klingen an meinen Handgelenken gesichert waren, hielt Camille hinter meinem Jeep.
Die anderen stiegen aus, und wir sammelten uns am Wegrand.
»Habt ihr alles, was ihr braucht?«, fragte Camille. Wir alle nickten. Sie blickte zu den Wolken auf und schloss die Augen. »Mondmutter, steh uns bei. Große Mutter, halte deine Hand über uns.«
»Herrin Bast, führe und beschütze uns«, fügte ich mein eigenes Gebet hinzu. »Geleite uns durch die Schlacht, stärke unsere Klingen und gib unseren Zaubern Kraft.«
Ich blickte auf. Es war so weit. »Also gut, gehen wir.« Das zweite Siegel stand auf dem Spiel. Wir durften nicht länger warten. Ich schlug den Pfad zwischen den Tannen ein, die hoch über uns aufragten. Eine Böe fegte vorbei und ließ die Tannen knarren, und das Mal auf meiner Stirn kribbelte. Mein Herz machte einen Satz, und wie ein Bach, der in seinem Bett zu tosen beginnt, rollte Feuer durch meine Adern. Ich war aufgewühlt, aber ich fühlte mich stärker als je zuvor in meinem Leben und straffte die Schultern. Irgendjemand hatte offenbar unsere Gebete vernommen, aber ein kleiner Teil von mir fragte sich, wer sich da entschieden hatte, sie zu erhören.
»Also, Jungs und Mädels, los geht’s«, sagte ich und schob mich ins Unterholz. Die anderen folgten mir in einer schweigenden Prozession.