Kapitel 8

 

Ich starrte Menolly an und versuchte zu begreifen, was sie gesagt hatte. Dann fiel der Groschen. Der Jägermond-Clan ernährte sich von Zacharys Volk. Gab es eine bessere Möglichkeit, Rivalen loszuwerden?

»O Große Mutter, das ist ja abartig.« Ich schauderte und blickte mich hastig in der Höhle um. Aber wir waren allein – soweit ich sehen konnte.

»Eine clevere Methode, seine Feinde auszuschalten – sehr altmodisch und stammesbezogen. Nicht direkt kannibalistisch, aber nah dran«, sagte Camille. »Die Frage ist, was hat sie dazu getrieben? Und warum gerade jetzt?«

Eine plötzliche Bewegung in den Netzen rechts von uns schreckte mich auf, und ich hob die Hand. »Psst.« Ich beugte mich vor und sah etwas durch die Fäden davonhuschen. Ich sprang auf. »Gehen wir. Den Leichnam nehmen wir mit, aber wir müssen verdammt schnell hier weg.«

»Spinnen?«, flüsterte Camille. Ich nickte. Menolly hob den Leichnam hoch, und wir eilten zum Höhleneingang. Unterwegs blieb ich mit dem Absatz an etwas hängen und schlug der Länge nach hin.

»Scheiße.« Ich setzte mich auf und rieb mir das Schienbein, wo ich mir bestimmt eine hässliche Schramme zugezogen hatte. Camille reichte mir die Taschenlampe. Ich war über einen Schild aus Knochen gestolpert, die mit Lederriemen zusammengebunden waren. Ich verzog das Gesicht und griff danach. »Das sollten wir wohl auch mitnehmen«, sagte ich. »Vielleicht verrät es uns etwas.«

Camille nickte und nahm mir das Ding ab. Sie war weniger zimperlich als ich. »Da hast du recht«, sagte sie, doch auch sie verzog das Gesicht, als sie das Ding anfasste. »Sehen wir zu, dass wir hier rauskommen. Ich will nicht so enden wie...  na ja, wer auch immer der arme Kerl da gewesen sein mag.«

Als wir wieder auf dem Sims standen, mussten wir uns überlegen, wie wir hinunterkommen sollten, aber runter ist ja immer leichter als rauf. Oder zumindest schneller. Camille hängte sich den Schild über die Schulter und schlang die Arme um Menollys Taille.

»Ich hasse solche Höhen«, brummte sie und schloss die Augen, aber wir hatten keine Zeit, lange zu überlegen. Wir wussten nicht, wer – oder was – außer uns noch in dieser Höhle gewesen war. In diesem Augenblick könnte bereits ein ganzes Rudel Spinnen auf dem Weg hier heraus sein, um uns zum Schweigen zu bringen.

»Geronimooo«, sagte Menolly. Sie hielt die Leiche auf Armeslänge von sich ab, trat über den Rand der Klippe und schleifte Camille mit sich. Camille kreischte auf, doch die drei trieben sacht abwärts, allerdings ein wenig schneller, als wenn Menolly allein gewesen wäre. Als ich Camilles gequälten Gesichtsausdruck sah, war ich froh, dass wir Chase nicht mitgebracht hatten. Er kam mit unseren Eigenarten besser klar als die meisten VBM, aber dieses kleine Abenteuer wäre sogar für ihn vielleicht doch ein bisschen zu viel gewesen. Es war beinahe zu viel für mich.

Menolly brachte alle sicher zu Boden und legte den Leichnam nieder. Ihre Kraft nahm zu, dachte ich, während ich hinter ihnen herkletterte und das letzte Stück halb rutschend, halb kullernd hinter mich brachte. Monat für Monat wurde sie ein bisschen stärker, bekam mehr Ecken und Kanten.

Als wir unten ankamen, warteten Zachary und Morio auf uns. Venus, Ajax und Tyler brachten Shawns Leichnam nach Hause.

»Wir müssen reden«, sagte ich zu Zach und wies mit einem Nicken auf den Pfad. »Machen wir, dass wir hier wegkommen – irgendwohin, wo es hell und sicher ist. Ihr habt ein gewaltiges Problem hier.«

Zach starrte auf den Leichnam, den Menolly wieder aufgehoben hatte. »Noch einer?« Er schwankte und stützte sich an einem Felsbrocken ab.

»Sieht so aus. Hast du irgendeine Ahnung, ob noch jemand vermisst wird? Jemand, der nicht schon tot aufgefunden wurde?«

Er presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. »Nein. Gehen wir zurück zum Haupthaus.« Er erbot sich, Menolly die Leiche abzunehmen, doch die winkte ab.

»Ich kann ihn...  sie...  wer auch immer das war, leicht tragen, aber Delilah hat recht. Wir müssen hier weg, sofort. Wir sind hier nicht sicher, nicht einmal alle zusammen.« Sie ging den Pfad entlang, und wir eilten ihr nach.

Als wir das Haupthaus erreichten, türmte sich der Schnee schon richtig auf. Ich hatte das Gefühl, dass uns ein höllischer Winter bevorstand. Das war an sich schon merkwürdig. Das Klima hier in der Gegend war feucht, aber normalerweise wurde es nicht so kalt, und mit dem Treibhauseffekt sollten die Winter ja eigentlich milder werden, nicht härter. Ich hoffte aus ganzem Herzen, dass uns nicht irgendeine abartige Version von Ragnarök bevorstand.

Ich schob die Gedanken ans Wetter beiseite und konzentrierte mich auf näherliegende Angelegenheiten, während wir die Treppe hinaufeilten und durch die Flügeltür in das warme Licht traten, das der Kronleuchter in der Eingangshalle verbreitete.

Das Foyer war großzügig und mit braunen Marmorfliesen ausgelegt. Eine große Treppe mit breiten, polierten Stufen führte in den ersten, zweiten und dritten Stock hinauf. Das Treppengeländer war glänzend weiß lackiert und mit goldenen Blattornamenten verziert. Trotz der rauhen Erscheinung dieser Leute hatte ich das Gefühl, dass das Puma-Rudel ein Clan mit altem Geld sein musste. Hohe Feigenbäume in gewaltigen TerracottaTöpfen ragten zu beiden Seiten der imposanten Treppe auf. In den beiden Fluren links und rechts waren mehrere schwere Flügeltüren zu sehen.

»Bringt den Leichnam hier herein«, sagte Zach. »Aber seid bitte leise. Ich will nicht, dass die anderen jetzt schon davon erfahren. Wir untersuchen ihn in der Bibliothek.«

Menolly eilte mit der vertrockneten Hülle hinter ihm her. Camille, Morio und ich liefen ihnen nach. Zach führte uns den Flur entlang zu der Flügeltür auf der linken Seite. Er spähte durch einen Türspalt und bedeutete uns dann einzutreten. Wir fanden uns in einem weiteren Flur wieder.

»Durch die Tür ganz am Ende«, sagte Zach, scheuchte uns den Flur entlang und schob sich dann an uns vorbei, um uns die Tür zu öffnen. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass der Raum leer war, trat er zurück und ließ uns ein.

Das Zimmer war eine wahrhaftige Bibliothek, mit Bücherregalen vom Boden bis zur Decke an allen Wänden, einem gigantischen Schreibtisch, einem Ledersofa und diversen Sesseln und Ottomanen, die sich im Raum verteilten. Das schimmernde Holz sah nach solider Kirsche aus und war handwerklich sehr fein verarbeitet. Morio setzte sich auf einen Fußschemel neben Camilles Sessel.

Menolly legte die Leiche auf das Sofa, während Zachary die Tür abschloss. Er schaltete mehr Licht an, und während wir uns niederließen, näherte er sich langsam dem Toten. Er kniete sich vor das Sofa und betrachtete lange das Gesicht. Dann schüttelte er den Kopf und wandte sich wieder zu uns um.

»Ich habe keine Ahnung, wer das ist. Er gehört nicht zu unserer Enklave, das kann ich euch mit Sicherheit sagen.«

»Verdammt. Vielleicht wollte er euer Revier nur durchqueren? Trägt er eine Jagdweste?« Wir hatten keine Waffe gefunden, aber wer auch immer ihn getötet hatte, hätte sie mitnehmen können, falls er eine getragen hatte.

»Nein, das ist ein Anorak, aber man könnte ihn auch für eine Jagdjacke halten«, sagte Zach. »Wir mussten früher ständig Jäger von unserem Land vertreiben. Inzwischen begehen nur noch Fremde den Fehler, über unseren Zaun zu klettern. Er sieht keinem unserer unmittelbaren Nachbarn ähnlich. Verdammt. Ich habe wirklich keine Ahnung, wer er ist. War.« Er kratzte sich am Kopf und setzte sich hinter den Schreibtisch. »Also, was habt ihr da oben gefunden? Und was trägst du da auf dem Rücken?«

Camille nahm den Schild ab und legte ihn auf den Schreibtisch, damit wir ihn uns näher ansehen konnten. Die Knochen sahen annähernd menschlich aus, vermutlich Arm- und Beinknochen; sie waren zu einem Muster arrangiert, das eine Art Siegel oder Zeichen bildete. Die Riemen aus getrocknetem Leder hatten eine vertraute Farbe, bei deren Anblick es mir den Magen umdrehte. Ich hatte das Gefühl, dass das Leder von derselben...  Quelle stammte wie die Knochen.

Morio warf einen flüchtigen Blick darauf und verzog das Gesicht. »Ist das wirklich das, wonach es aussieht?«

»Ich erkenne das Zeichen nicht«, begann ich, doch Camille hob die Hand.

»Ich schon«, sagte sie. »In den letzten Monaten habe ich mir viele alte magische Texte noch einmal vorgenommen.« Sie warf mir einen erschöpften Blick zu. »Ich dachte, das könnte ganz nützlich sein, also habe ich Iris gebeten, mir bei einem ihrer Ausflüge in die Anderwelt ein paar Bücher mitzubringen.«

Mit vor Kummer finsterem Gesicht warf sie einen Blick auf Zachary, der immer noch die Leiche anstarrte. Sie senkte die Stimme und fuhr fort: »Eines davon war eine Abhandlung über Dämonen. Dieses Siegel ist das Zeichen eines DegathKommandos. Trenyth hatte recht; wir haben es mit einem neuen Trupp Höllenspäher zu tun. Und dieser Schild stinkt stark nach Dämonen. Schattenschwinge hat die Hand im Spiel, und ich vermute, dass er sich mit den Werspinnen verbündet hat.«

»Wer zum Teufel ist Schattenschwinge, und was ist ein Degath-Kommando?« Zach unterbrach sie und warf uns einen scharfen Blick zu. Verflucht, sein Gehör war so gut wie meines. »Sagtest du Werspinnen? Meinst du den Jägermond-Clan?«

Ich versuchte, rasch abzuschätzen, wie viel wir ihm sagen sollten. »Du hast also schon von dieser Gruppe gehört?«

Sein Gesicht verfinsterte sich. »Ja, allerdings, mehr als mir lieb ist. Ihr glaubt, dass die hinter all dem stecken?«

»Ja, das nehmen wir an«, sagte ich langsam. »Hör mal, wann gab es zuletzt Auseinandersetzungen zwischen dem JägermondClan und dem Rainier-Rudel? Es würde uns helfen, wenn wir wüssten, dass ihr eine Fehde mit denen habt.«

Er schloss nachdenklich die Augen. Gleich darauf sagte er: »Ich weiß es nicht genau. Den letzten Angriff gab es...  also, bei letzten richtigen Kampf war ich noch ein kleiner Junge. Wir haben sie von unserem Land vertrieben, als wir ein Nest im Wald gefunden haben. Aber das ist über zwanzig Jahre her. Warum wir überhaupt verfeindet sind, weiß ich gar nicht. Niemand erwähnt jemals den Jägermond-Clan, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Wir werden dazu erzogen, zuzuhören und zu gehorchen und ansonsten den Mund zu halten. Ich kann versuchen, mehr herauszufinden, aber das könnte schwierig werden.«

»Tu das bitte. Aber zunächst einmal solltest du uns vielleicht erzählen, warum du dich vor ein paar Jahren mit Geph van Spynne geprügelt hast.« Ich beugte mich vor und fing seinen Blick ein.

»Davon wisst ihr?« Seine Schultern spannten sich. »Wir haben uns geprügelt, das stimmt, aber es ist nichts weiter passiert – nur ein paar gebrochene Knochen.«

Mit einem Blick zu Menolly und Camille nickte ich. »Ja, wir wissen davon – und frag nicht, woher. Was ist damals passiert?«

Zach verzog das Gesicht. »Er hat eine unserer Frauen überfallen und versucht, sie zu vergewaltigen. Ich wurde dazu auserwählt, die Strafe zu vollstrecken, aber er war stärker, als ich dachte. Dünn und drahtig, aber stark. Er hat mich mit einem Messer verletzt, aber ich habe ihm trotzdem ein paar ziemlich harte Schläge verpasst. Kurz danach ist er verschwunden. Ich dachte, ich hätte es vielleicht doch geschafft, ihn tödlich zu verwunden.« Er warf einen nervösen Blick auf den Leichnam auf dem Sofa. »Ihr sagt, der Jägermond-Clan hätte sich mit irgendwelchen Dämonen verbündet?«

Ich stieß ein langgezogenes Seufzen aus. »Wir sind nicht sicher, aber es sieht immer mehr danach aus. Sag trotzdem niemandem etwas davon. Noch nicht. Wir wollen keine Panik auslösen, falls wir uns doch irren sollten, und wir haben schon ein paarmal ganz schön danebengelegen.«

»Ja, natürlich.« Zach presste die Lippen zusammen und sah aus, als denke er über das nach, was ich gesagt hatte. »Es würde mich nicht überraschen, wenn die mit Dämonen unter einer Decke stecken. Sie sind unberechenbare Ekel. Mir wurde von klein auf eingetrichtert, wie gefährlich sie sind. Mein Vater hatte wohl recht; die führen Böses im Schilde.«

»Na ja, trotzdem solltest du keinen großen Wind machen, ehe wir sicher sind, womit wir es hier zu tun haben, okay?«

»Aber warum sollten Dämonen sich mit dem JägermondClan verbünden?«, fragte er verwundert. »Zugegeben, die sind ein seltsamer Haufen von Verrückten, aber sind Dämonen nicht sehr selten? Was könnten die vom Jägermond-Clan wollen, das ihnen so viel Mühe wert ist?«

»Das ist die Millionenfrage«, sagte Menolly.

Ich warf Camille einen Blick zu. »Sieht so aus, als müsstest du doch mit Smoky reden«, murmelte ich. Sie wies mit einem warnenden Nicken auf Zach, damit ich nicht zu viel sagte. Damit hatte sie recht, dachte ich. Wir wussten wirklich nicht genug über ihn und seine Leute, um ihnen vollkommen zu vertrauen. Ich nickte ihr kaum merklich zu und wandte mich dann wieder an Zach. »Hör mal, solange wir da noch nicht durchblicken, rate ich euch dringend, die Wälder zu meiden. Geht nicht dort raus, und wenn doch, dann mindestens zu dritt und bis an die Zähne bewaffnet. Wir rufen dich an, sobald wir mehr herausgefunden haben.« Ich stand auf und strich meine Jeans glatt.

Menolly kam zu uns herübergeschlichen. »Ich schlage vor, du holst euren Schamanen und fragst ihn, ob er diesen Mann erkennt.« Sie deutete auf den Leichnam auf dem Sofa.

Zachary schob sich an mir vorbei. Sobald er den Raum verlassen hatte, legte Morio den Zeigefinger an die Lippen und warf mit leichtem Nicken einen vielsagenden Blick in eine Ecke der Bibliothek. Unauffällig folgten wir seiner Blickrichtung, und tatsächlich – hinter einer Blumenvase konnte ich gerade noch eine Überwachungskamera ausmachen.

Wir verhielten uns still, bis Zach mit Venus Mondkind zurückkehrte, der die Leiche untersuchte. Dann richtete er sich auf und begann, auf und ab zu gehen. »Das ist der Mann, den wir damit beauftragt haben, die Pumpstation in der Nähe des Flusses zu inspizieren«, sagte er. »Wir pumpen Wasser vom Fluss ab, um die Obstplantagen zu bewässern.«

»Ein VBM?«, fragte Camille. »Das macht die Sache kompliziert.«

»Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts«, sagte ich. Wenn das Opfer ein ÜW gewesen wäre, hätten wir uns in aller Stille darum kümmern können, ohne irgendjemanden informieren zu müssen. Aber ein Mensch war getötet worden, und das stellte uns vor ein Riesenproblem.

»Wir müssen es Chase melden«, sagte ich. »Das können wir nicht einfach unter den Teppich kehren. Der Mann hat vielleicht eine Familie, die schon nach ihm sucht. Wenn er diese Adresse oder sonst etwas über euch in seinem Terminplan stehen hatte, wird die Polizei hierherkommen und nach ihm suchen. Ihr solltet uns lieber erlauben, das Anderwelt-Erdwelt-Tatort-Team zu rufen.«

»Da hat sie recht. Wann ist er hier angekommen?«, fragte Morio.

Aus Venus’ Gesichtsausdruck schloss ich, dass er ganz genau verstand, in welcher Gefahr das Puma-Rudel schwebte. Enttarnt zu werden war noch das Geringste, was ihnen passieren könnte. »Wir hatten heute Nachmittag um drei einen Termin. Ich habe ihm den Obstgarten gezeigt, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er auf eigene Faust losziehen könnte. Er muss den Wasserrohren bis zum Fluss gefolgt sein. Ich dachte, er wäre mit seiner Inspektion fertig und längst wieder weggefahren.«

Camille rechnete rasch nach. »Euch bleiben also noch ein paar Stunden, bestenfalls noch die ganze Nacht, bis die Polizei bei euch vor der Tür steht. Und selbst wenn ihr behauptet, er sei hier nie angekommen – die werden nicht lockerlassen. Wollt ihr wirklich, dass eure Identität allgemein bekannt wird?«

Sie konnte sehr überzeugend sein, das musste ich ihr lassen.

Kopfschüttelnd sagte Venus: »Zieht hinzu, wen ihr wollt. Es sollte sich nicht in der ganzen Gegend herumsprechen, dass in unserem Revier ein Mensch getötet worden ist. Schon gar nicht darf sich herumsprechen, dass wir Werwesen sind – vor allem, wenn man den Zustand der Leiche bedenkt. Verflucht, wir stecken schon bis zu den Knien in der Scheiße, und es wird immer schlimmer. Ich wünschte nur, wir hätten gleich um Hilfe gebeten, als Sheila ums Leben kam«, fügte er hinzu.

Zachary brummte. »Wenn du dich im Rat hinter mich gestellt hättest, wäre genau das geschehen, und dann könnten all die anderen noch am Leben sein. Meine Schwester und meinen Cousin eingeschlossen.«

»Hört auf, aufeinander herumzuhacken«, sagte ich. »Dazu ist es jetzt zu spät.«

Camille nickte. »Das stimmt. Delilah, ruf Chase an. Oder soll ich das lieber machen?«

Ich seufzte tief. »Nein, ich rufe ihn an.« Aber als ich mein Handy hervorholte, hatte ich keinen Empfang. Es war nur so ein Gefühl, aber ich vermutete, dass das Rudel jegliche Kommunikation nach draußen so stark wie möglich einschränkte.

»Ich müsste bitte mal telefonieren«, sagte ich und steckte das Handy wieder ein.

Zach deutete auf das andere Ende des großen Schreibtischs. »Da drüben. Du musst die Neun vorwählen, um eine Leitung nach draußen zu bekommen.«

»Ihr seid ganz gut organisiert, was?«, bemerkte ich und nahm den Hörer ab. Ich wählte die Neun und dann Chases Nummer. Sein Anrufbeantworter ging dran, also legte ich auf und versuchte es im Büro. Und tatsächlich, er saß noch am Schreibtisch, aber er klang fröhlicher als noch vorhin.

»Wir haben ihn! Wir haben den Zwergenmörder! Oder sollte ich sagen, die Mörder? Es waren zwei Jugendliche, die zu einer Gang gehören. Die verdammten Dreckskerle haben den Mord als eine Art Mutprobe verübt – um in irgendeinen seltsamen Kult aufgenommen zu werden. Hast du schon mal von den Freiheitsengeln gehört?«

»Nicht dass ich wüsste«, sagte ich.

»Sie sind anscheinend ein Ableger der Aufrechte-Bürger-Patrouille, aber ich weiß noch nicht genau, wie die beiden Gruppierungen zusammenhängen. Ich habe schon einen Mann darauf angesetzt. Außerdem habe ich dem AND Bericht erstattet, aber noch nichts von denen gehört. Wir halten die Spinner fest, bis das Hauptquartier uns mitteilt, wie sie mit denen verfahren wollen. Sie könnten eine Auslieferung in die Anderwelt beantragen, und dann geht der bürokratische Tanz erst richtig los. Aber wenigstens haben wir sie. Was gibt’s bei dir, Süße?«, fragte er und verstummte dann abrupt, um zu Atem zu kommen.

Es tat mir leid, ihm die gute Laune zu verderben, aber ich berichtete trotzdem knapp, was wir herausgefunden hatten. »Das Rudel möchte sich selbst um seine Toten kümmern, und wenn man bedenkt, womit wir es zu tun haben, ist das wohl auch besser so. Aber dieser letzte Leichnam...  das war ein VBM.« Ich nannte ihm den Namen, den ich von Venus Mondkind erfahren hatte. »Wir nehmen an, dass er von einer Werspinne getötet wurde.«

»Werspinne? Doch nicht etwa von diesem verdammten Jägermond-Clan, von dem du mir erzählt hast?«

»Hm«, druckste ich herum. Ich wollte nicht mehr sagen, weil ich nicht wusste, wer uns womöglich belauschte. »Hör zu, das sparen wir uns auf, bis du hier draußen bist. Und bitte komm schnell.«

Chase schien zu verstehen. »Irgendwelche Anzeichen von...  du weißt schon was?«, fragte er mit gesenkter Stimme.

»Ja, leider. Aber darüber reden wir später. Bring das Tatortteam und die Feenmediziner mit. Wir haben es zwar mit Erdwelt-Übernatürlichen zu tun, aber die AETT-Sanitäter sind vermutlich am geeignetsten für diese Aufgabe. Wir müssen einige Dinge über den Leichnam dieses Mannes herausfinden, und irgendjemand muss feststellen, ob er Angehörige hat, wer benachrichtigt werden muss...  und so weiter.« Wenn die Götter auf unserer Seite standen, würde sich herausstellen, dass er ein Einzelgänger war, unverheiratet und kinderlos, dessen Eltern längst verstorben waren.

Während wir auf Chase warteten, bat Venus Zachary, uns allen etwas zu trinken zu holen. Ich war noch nicht ganz sicher, ob ich dem Rainier-Rudel vertraute, deshalb lehnte ich ab, und Menolly wollte natürlich auch nichts. Aber Camille und Morio nahmen die heiße Schokolade an. Ich bemerkte, dass beide vorsichtig an ihren Bechern schnupperten, bevor sie einen winzigen Schluck kosteten. Offenbar war die Schokolade in Ordnung, denn beide tranken dankbar den dampfenden Kakao.

Ich schlenderte zu den großen Erkerfenstern, von denen aus man den Pfad in den Wald überblicken müsste, und zog die schweren Samtvorhänge zurück. Es schneite immer noch, aber nun mischte sich Graupel darunter. Noch vor dem Morgen würde das Ganze in Regen übergehen, und wir würden uns mit fiesem Matsch herumschlagen müssen.

Zachary trat hinter mich. Ich mochte ihn zwar, aber ich konnte es nicht leiden, wenn mir jemand über die Schulter guckte, deshalb drehte ich mich um – gerade rechtzeitig, um mit dem Kopf gegen seine Stirn zu stoßen, als er sich leicht vorbeugte.

»Oh«, sagte er. »Entschuldigung.«

Ich lächelte gezwungen, denn ich war mir ganz und gar nicht sicher, was hier lief. Ein Teil von mir wollte nur noch davonlaufen und vergessen, dass es diese Enklave überhaupt gab.

Er neigte sich dicht zu mir heran und flüsterte mir ins Ohr: »Hast du einen Freund?«

Ich erschauerte, als ich seinen Atem wie einen Kuss an meinem Hals spürte. »Ja...  ja, habe ich.« Und dann, obwohl ich selbst nicht wusste, was mich dazu trieb, fügte ich hinzu: »Aber ich bin halb Fee. Wir sind nicht unbedingt monogam.« Ich brachte mich damit selbst in Schwierigkeiten, das wusste ich – vor allem, weil Chase gerade auf dem Weg hierher war. Ein Hauch von schlechtem Gewissen nagte an mir, und ich sagte: »Der Detective, der jetzt hier herauskommt, ist mein Liebhaber. Er ist ein guter Mann.«

Zachary zögerte und nickte dann. »Ich verstehe. Wir unterhalten uns ein andermal.«

Venus rief ihn zu sich, und Zach eilte zu seinem Schamanen, aber ich spürte ihn immer noch in meiner Aura und meinen Gedanken.

 

Als Chase und sein Team endlich die Enklave erreichten, konnten wir es kaum mehr erwarten, endlich nach Hause zu fahren. Camille und Morio hatten sich in einem der übergroßen Sessel zusammengerollt. Er bedeckte ihre Wange mit zarten Küssen, während sie auf seinem Schoß saß und ihm ins Ohr flüsterte. Menolly hatte sich eine Ecke gesucht, in der sie dicht unter der Decke schwebte und alles abwartend beobachtete.

Tyler führte das Tatort-Team herein. Chase blickte sich um und fuhr zusammen, als Zachary sich ihm vorstellte. Er starrte Venus neugierig an, sagte aber nur: »Wo ist der Leichnam?«

Plötzlich war ich sehr froh, ihn zu sehen. Er war sicheres Territorium, eine bekannte Größe. Ich eilte zu ihm und war dankbar, mich auf ihn konzentrieren zu können. Menolly ließ sich zu Boden sinken, hüpfte auf die Schreibtischkante, schlug ein Bein über und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie mochte Chase nicht besonders, doch zumindest war sie höflich genug, nicht wie eine Fledermaus unter der Decke zu hängen, wenn er in der Nähe war.

Während die Mediziner die Leiche untersuchten, flüsterte ich Chase ins Ohr: »Sag hier nichts, was nicht belauscht werden sollte. Irgendetwas stimmt hier nicht, aber ich kann nicht genau sagen, was. Noch nicht.«

Er nickte und küsste mich auf die Wange. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Zachary uns beobachtete; seine goldenen Augen waren dunkel, der Blick wirkte gereizt. Ich wich ein wenig von Chase zurück, mit dem scheußlichen Gefühl, dass keiner von uns hier sicher war – weder meine Schwestern und ich noch Chase und sein Team, ja nicht einmal die Pumas, die hierher gehörten. Die Nacht knisterte vor Gefahr, und wir waren wandelnde Zielscheiben.

Ein paar Minuten später kam eine der Medizinerinnen – Sharah, eine Elfe – zu uns herüber. »Der Mann war tatsächlich ein VBM. Es sieht so aus, als wäre jeder Tropfen Flüssigkeit aus seinem Körper, jedes innere Organ ausge–«

Chase unterbrach sie, indem er die Hand hob. »Ich weiß, dass ihr noch mehr Zeit braucht, um die Autopsie durchzuführen und zu echten Ergebnissen zu kommen«, sagte er mit Nachdruck. Sharah blinzelte, begriff aber und nickte. »Bringt den Leichnam ins Hauptquartier und tut alles, was nötig ist. Bis morgen früh will ich den Bericht auf dem Schreibtisch haben.«

»Jawohl, Sir.« Sharah gab ihren Leuten einen Wink. »Ihr habt den Detective gehört. Legt einen Zahn zu, Jungs, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.«

Unter den wachsamen Blicken von Tyler, Venus und Zachary packten die Sanitäter den Mann in einen Leichensack, legten ihn auf die Bahre und rollten ihn hinaus zu ihrer Ambulanz. Meine Schwestern, Morio, Chase und ich gingen zur Tür, sobald sie draußen waren. Chase schlang den Arm um meine Taille, als wir zu den drei Pumas traten.

»Wir sagen euch Bescheid, sobald wir Genaueres wissen«, sagte ich.

»Gut.« Zachary warf Chase einen scharfen Blick zu. »Danke, dass Sie so kurzfristig herkommen konnten, Detective. Vor allem, da wir so weit außerhalb Ihres Zuständigkeitsbereichs sind.«

In Zachs Stimme schwang kaum merklich etwas mit, aber ich hörte es sehr wohl: eine Herausforderung. Ich wusste nicht, ob Chase sie bemerken würde, aber offenbar spricht Testosteron eine ganz eigene Sprache, über alle Rassen hinweg.

Chase hielt seinem Blick eisern stand. »Ich bin sicher, Ihr hiesiger Sheriff hätte nichts dagegen, dass ich in diesem Fall einspringe. Möchten Sie, dass ich auf dem Rückweg in seinem Büro vorbeischaue und ihm von dem Fall berichte? Wenn ich schon dabei bin, kann ich ihm auch gleich den Grund dafür erklären, warum ich hier bin – weil Sie alle Übernatürliche sind und einen VBM brauchen, der den Mittelsmann für Sie spielt. Ich werde mir eben einen verdammt guten Grund dafür einfallen lassen müssen, warum wir einen ermordeten VBM von Ihrem Land weggeschafft haben.«

Zach räusperte sich. »Nein, das wird nicht nötig sein«, sagte er stirnrunzelnd. Nach einer eisigen Pause wies er auf die Tür und ließ uns den Vortritt. Tyler schloss sich ihm an, und die beiden begleiteten uns zu unseren Autos.

»Ich rufe dich morgen an«, sagte ich möglichst neutral zu Zach.

Zachary nickte, stumm wie die Nacht. Aber ich spürte seinen Blick im Rücken, als ich einstieg und die Tür zuzog. Tyler hingegen starrte uns die ganze Zeit über nur finster an. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass er weder unsere Hilfe noch unsere Anwesenheit hier sonderlich schätzte.

Camille wartete, bis Chase losgefahren war, dann legte sie den Gang ein, und wir rollten vom Platz. Bevor irgendjemand etwas sagen konnte, kritzelte ich eine Notiz und gab sie allen zu lesen.

Unterhaltet euch nur über belangloses Zeug, stand auf meinem Zettel. Ich glaube, das Auto könnte verwanzt sein. Ich durchsuche es morgen. Und so diskutierten wir während der gesamten Heimfahrt nichts anderes als das Menü für unser Feiertagsessen.

 

Als wir in unsere Einfahrt einbogen, sahen wir, dass Chase vor uns angekommen war. Er war wohl schon im Haus. Wir stiegen hastig aus dem Auto.

»Ihr guten Götter, das war nervenaufreibend«, sagte Camille, als sie müde die Stufen zur vorderen Veranda hochstieg, den Schild, den wir gefunden hatten, in der Hand. Sie ließ ihn vor der Tür fallen. »Dieses verdammte Ding bleibt draußen. Es gefällt mir nicht, wie es sich anfühlt, und ich will es nicht im Haus haben«, fügte sie hinzu. »Also, glaubst du wirklich, mein Auto könnte verwanzt sein?«

Ich nickte. »Ich wette zehn zu eins, dass uns jemand belauscht hat. Erinnere mich daran, bevor du morgen irgendwohin fährst – wir können das Auto mit dem Kristall absuchen, den Trenyth uns gebracht hat.«

»Gute Idee«, sagte sie. »Königin Asteria hat es echt drauf. Ohne ihre Hilfe würden wir völlig im Dunkeln tappen.«

Morio öffnete die Haustür und trat zurück, um uns vorzulassen. Menolly ging direkt in die Küche, während wir übrigen uns im Wohnzimmer auf die erstbeste Sitzgelegenheit fallen ließen und einander anstarrten. Chase schüttelte den Kopf.

»Diese Leiche...  was ist dem Mann bloß zugestoßen?«, fragte er.

»Externe Verdauung«, meldete Morio sich zu Wort. Wir alle starrten ihn an.

»Externe Verdauung?«, wiederholte ich. »Igitt.«

»Woher weißt du das?«, fragte Chase.

Morio zupfte an seinem Kragen herum. »He, was kann ich dafür, dass ich im Fernstudium Biologie als Hauptfach hatte. Ich vermute, dass wir in seinem Körper Überreste irgendeines Verdauungsenzyms finden werden. Als der Jägermond-Clan ihn erwischt hat, haben sie ihn vermutlich mit einem lähmenden Neurotoxin vergiftet, das zugleich sein Körpergewebe zersetzt hat. Dann haben sie alles ausgesaugt, durch...  na ja...  wo auch immer sie ein Loch an seinem Körper gefunden – oder gemacht haben...  «

»Oh, danke für die anschauliche Beschreibung. Vielen Dank.« Chase wurde grün im Gesicht. »Warum musstest du mir das erzählen? Ich werde Albträume davon haben. Das Leben war so viel einfacher, bevor ihr alle durch eure Portale gekommen seid. Ich hoffe, das ist euch klar!«

Ich lachte – mein erstes echtes Lachen an diesem Abend. »Chase, die Werspinnen waren schon lange hier, bevor wir aus der Anderwelt herübergekommen sind. Das gilt auch für das Puma-Rudel und Geschöpfe wie Morio. Gewöhn dich endlich an den Gedanken, dass ihr die ganze Zeit über reichlich Übernatürliche hier hattet. Ihr wusstet nur nichts von ihnen.«

»Ich wünschte, dabei wäre es geblieben«, brummte er, doch er erwiderte mein Lächeln. »Nein, das nehme ich zurück. Dann würde ich ja auch von dir nichts wissen.«

Menolly kam ins Wohnzimmer gesaust. Sie hatte sich saubere Jeans und einen hellblauen Pulli angezogen. Dazu trug sie Bleistiftabsätze, und ihre Zöpfe klapperten leise, als sie in ihre Lederjacke schlüpfte.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. »Ich muss zum Wayfarer. Unser Ausflug hat viel länger gedauert, als ich erwartet hatte. Denkt daran, morgen Abend ist mein AB-Meeting. Ich erwarte, dass mindestens eine von euch« – sie warf mir und Camille einen vielsagenden Blick zu – »mich dorthin begleitet. Ihr habt Wade versprochen, euch Mühe zu geben und mehr familiäre Unterstützung zusammenzutrommeln.«

»Ihr versucht doch nur, öffentliche Zuschüsse zu bekommen, um eure Organisation zu finanzieren, und die kriegt ihr nicht, wenn ihr keine lebenden Mitglieder vorweisen könnt«, erwiderte Camille. »Ja, ja, mindestens eine von uns kommt mit, und das sogar liebend gern.«

Menolly schnaubte. »Du kennst mich zu gut«, sagte sie. »Iris hat uns einen Zettel in der Küche hinterlassen. Sie hat Maggie schon gefüttert, und euer Abendessen steht im Kühlschrank – Rindfleischeintopf. Ich habe nachgesehen, es ist auch genug für Chase und Morio da«, fügte sie hinzu.

Chase blickte überrascht auf. »Danke für die Einladung.«

Menolly zuckte nur mit den Schultern. »Ich werde ja nicht hier sein«, sagte sie, schenkte ihm aber ein bei ihr so seltenes Lächeln. Dann war sie zur Tür hinaus, ehe wir noch »Gute Nacht« oder »Pass auf dich auf« sagen konnten.

Sie hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, als uns ein Geräusch aus der Küche sagte, dass Iris aufgestanden war. Sie steckte den Kopf ins Wohnzimmer. »Wie ich sehe, habt ihr es endlich nach Hause geschafft. Ich habe mein Bad beendet und wollte gerade ins Bett gehen, aber da ihr jetzt hier seid, wärme ich euch schnell das Abendessen auf, ehe ich ins Bett gehe.«

»Das können wir doch machen, Iris –«, begann Camille, aber Iris winkte ab.

»Unsinn. Ihr wisst, dass mir das nichts ausmacht. Außerdem seht ihr alle so aus, als könntet ihr eine heiße Dusche vertragen. Geht und macht euch frisch, und bis ihr fertig seid, steht das Essen auf dem Tisch.« Sie blickte sich um. »Ist Menolly schon gegangen?«

»Ja«, sagte ich. »Sie musste zur Arbeit.«

Iris nickte und verschwand wieder in der Küche. Ich sah Camille und Morio an und schaute dann an mir herunter. Wir sahen aus, als hätten wir ein Schlammbad genommen.

»Okay, sie hat recht. Wir sind total verdreckt, bis auf Chase. Gehen wir duschen und treffen uns dann in der Küche. Chase, wie wäre es, wenn du Iris Gesellschaft leistest, bis wir wieder unten sind?« Ich dachte daran, ihn mit unter die Dusche zu nehmen, aber um ehrlich zu sein, war ich viel zu müde für irgendetwas außer heißem Wasser und Seife.

Camille und Morio gingen nach oben. Zweifellos würden sie gleich zusammen unter der Dusche stehen. »Beeilt euch, ihr beiden«, sagte ich, als ich auf der Treppe um die Ecke bog und eine Etage höher stieg.

Meine kleine Wohnung lag im zweiten Stock unseres alten viktorianischen Hauses. Sie war nicht so groß wie Camilles, aber sie gehörte mir allein, und ich liebte sie. Drei Zimmer und ein Bad. Ein Zimmer hatte ich als Schlafzimmer eingerichtet, das zweite als Fitness- und Wohnzimmer. Das dritte war ein Katzenspielplatz, den ich genoss, wenn mir danach war – oder wenn ich nicht anders konnte, als mich zu verwandeln. Ich hatte das Zimmer mit den besten Katzenmöbeln gefüllt: Kratzbäume mit Höhlen und Podesten, Körbchen und Kuschelkissen. Wenn ich ein Nickerchen machen wollte, zog ich es manchmal sogar vor, mich in eine Katze zu verwandeln und mich in einem der Körbchen zusammenzurollen. Die waren bequemer als mein Bett.

Im Bad waren Badezusätze und andere Kosmetika aufgereiht. Ich putzte mich nicht so heraus wie Camille, aber ich liebte Schaumbäder, duftende Puder und Cremes. Ich zog mich aus, warf meine Klamotten in den Wäscheschacht und stieg in die Wanne. Für ein ausgiebiges Bad war keine Zeit, aber das heiße Wasser aus dem Duschkopf fühlte sich herrlich an. Ich schrubbte mir mit der Bürste den Rücken und ließ auch mein Hinterteil nicht aus, das die Bekanntschaft mit den Kletten immer noch nicht vergessen hatte. Die blutigen Schrammen waren mit Schorf bedeckt, und die Bürste war weich genug, um sie nicht wieder aufzureißen.

Ich stieg aus der Wanne, trocknete mich ab und schüttelte mein Haar zurecht. Dann schlüpfte ich in meinen Lieblingspyjama, einen Frottee-Bademantel und Pantoffeln und tapste hinunter in die Küche.

Iris und Chase saßen am Tisch. Chase hatte eine Tasse Tee vor sich stehen und Maggie auf dem Schoß, und Iris erzählte ihm Geschichten aus ihrem Leben mit der Familie Kuusi in Finnland. Chase mochte Iris. Das galt für die meisten Männer. Sie war lustig und klug, hübsch und freundlich, und sie hatte so eine Art, dass sich ein Gast sofort heimisch genug fühlte, um die Schuhe auszuziehen, die Füße hochzulegen und es sich richtig gemütlich zu machen.

Ich goss mir eine Tasse Tee ein, setzte mich zu ihnen und zog Maggie an mich. Die Gargoyle blickte überrascht drein, schlang dann die Ärmchen um meinen Hals, leckte mir über die Nase und legte den Kopf auf meine Schulter, so dass ihr flaumiges Fell mich am Kinn kitzelte.

Chase beugte sich zu mir herüber und gab mir einen langen, geruhsamen Kuss auf den Mund. Keine Forderung oder Verführung, nur eine Begrüßung. Ich erschauerte. Wie sollte ich ihm je die Sache mit Zachary erklären? Wollte ich mir das überhaupt antun?

Gelächter aus dem Flur sagte uns, dass Camille und Morio unterwegs waren. Camille trug ein dunkelrotes Nachthemd mit Frisiermantel und Morio einen knielangen Hausmantel aus blauem Samt über einer dunklen Pyjamahose. Sie ließen sich am Tisch nieder und gossen sich Tee ein, während Iris geschäftig herumwuselte, unser Abendessen aufwärmte und rasch noch frischen Keksteig rührte.

»Also, wir haben viel zu besprechen«, sagte Camille schließlich. »Morgen möchte ich mir diesen Schild näher ansehen. Ich wüsste gern, was der Jägermond-Clan damit vorhatte. Das Ding trieft vor dämonischer Energie.«

»Wir müssen noch so einiges herausfinden«, sagte Chase. »Ich habe Sharah angerufen, während ihr geduscht habt. Der Name des Opfers war Ben Jones. Wir haben Glück. Er hat keine nahen Angehörigen, die ihn vermissen würden. Er hat für eine Klempnerfirma gearbeitet, die müssen wir benachrichtigen, dass er nicht mehr kommen wird. Wie Morio schon vermutet hat, wurde seinem Körper sämtliche Flüssigkeit entzogen, doch offenbar wurde vorher das Herz entfernt. Herausgerissen, sollte man wohl sagen«, fügte Chase leise hinzu. »Das ist ein ziemlich grausiger Fall, Mädels. Glaubt ihr, dass der AND sich vielleicht doch einschalten wird? Ich weiß, dass die Pumas Erdwelt-Übernatürliche sind, aber...  «

»Aber wir könnten sämtliche Hilfe brauchen, die wir kriegen können«, beendete ich den Satz. »Ich habe keine Ahnung, ob der AND einen Finger rühren wird, um uns zu helfen. Trillian kann uns sicher mehr sagen, wenn er von seinem Besuch drüben zurückkommt. Wann sollte er wieder hier sein, Camille?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich dachte, heute. Offenbar habe ich mich geirrt. Aber wenn man bedenkt, was Vater uns neulich gesagt hat, können wir wohl nicht darauf zählen, dass der Nachrichtendienst sich der Sache annehmen wird.«

»Aber warum hat es ein Degath-Kommando auf ein Rudel Werpumas abgesehen? Und warum benutzen sie den Jägermond-Clan, damit der die Drecksarbeit für sie erledigt? Schattenschwinge scheint mir eigentlich nicht der Typ zu sein, der im Hintergrund bleibt und wie ein Puppenspieler an den Fäden zieht.« Ich lehnte mich auf dem Stuhl zurück und streichelte geistesabwesend Maggies Fell. »Ich glaube immer noch, dass der Herbstkönig unsere beste Chance ist, an mehr Informationen heranzukommen. Wir müssen so viel wie möglich über den Jägermond-Clan herausfinden, und er ist derjenige, der uns etwas über sie sagen kann.«

Camille starrte auf den Tisch hinab. »Es gefällt mir zwar nicht, aber ich glaube, du hast recht. Wenn die Dämonen in die Sache verwickelt sind, stecken wir da auch mit drin. Ich spreche morgen Abend mit Smoky, und du gehst mit Menolly zu diesem AB-Treffen. Smoky ist unsere beste Möglichkeit, dorthin zu kommen. Ich hoffe nur, dass er keinen Preis verlangt, den wir ernsthaft bereuen werden.«