Kapitel 1

 

Der Mond stand hoch am Himmel, rund und voll wie eine dieser Leuchtkugeln, mit denen die Menschenkinder in der Weihnachtszeit spielen. Ich konnte Mutter Mond, die dort oben über mich wachte, gerade noch sehen, während ich durch das dichte Gras huschte und die Pfoten leicht auf den gefrorenen Boden setzte. Die Nacht war klar, aber bitterkalt, und mein Atem bildete kleine Dampfwölkchen vor meinem Maul.

Ich fror fürchterlich, aber das war besser, als drinnen zu sein: Dort würde Maggie mich packen und mir mit ihren Küssen das ganze Fell vollsabbern, oder Iris könnte mich in die Falle locken, mich in diese dämliche Katzentasche stecken und mir gewaltsam die Krallen stutzen. Nach ihrer Maniküre hatte ich immer ganz stumpfe, kurze Fingernägel. Und niemand, absolut niemand würde die French Manicure ruinieren, für die ich im Salon gerade erst fünfzig Dollar hingeblättert hatte.

Als ich um den Pavillon in der Nähe des Pfades kam, der zum Birkensee führte, erregte eine Bewegung unter den Bäumen meine Aufmerksamkeit, und ich erstarrte und lauschte. Da war das Geräusch wieder: Blätterrascheln, das Knacken dünner Zweige auf dem Waldboden. O große Bast...  bitte lass es nicht Speedo sein, den Nachbarshund. Dieser kleine Pisser war der hartnäckigste Basset, dem ich je begegnet bin. Der einzige Basset, dem ich je begegnet bin, um ehrlich zu sein. Er machte sich einen Spaß daraus, mich zu jagen, wenn ich als Vierbeiner erschien, und bellte dabei wie ein betrunkener Höhlenmensch. Ich konnte den Köter zwar mit Leichtigkeit abhängen, traute ihm aber nicht. Der Fairness halber sei gesagt, dass er kein Werwesen war, nur ein ganz gewöhnlicher alter Hund. Das war wohl auch besser so, wenn ich es recht bedachte, denn er hatte nicht mehr alle Tassen im Schrank, aber dennoch...  Ich blickte mich nach dem nächsten größeren Baum um. Es konnte nie schaden, gut vorbereitet zu sein.

Als Speedo nicht aus dem Unterholz brach, sich die leisen Geräusche aber fortsetzten, musste ich umdenken. Vielleicht ein Opossum? Oder ein Stinktier? Stinktier wäre nicht gut, aber diesmal würde ich meine Impulse unterdrücken und es in Ruhe lassen. Einmal ist keinmal, aber zweimal ist nicht nur einmal zu viel – nein, ich müsste mir wochenlang den Spott meiner Schwestern anhören.

Ich lauschte meinen Instinkten, und irgendetwas sagte mir, dass mein geheimnisvoller Besucher kein Tier war. Jedenfalls keines von den alltäglichen Fellknäueln, die so im Wald herumstreiften. Ich war zwar keine Hexe wie meine Schwester Camille, aber ich hatte meine eigenen, ganz besonderen Instinkte, und die flüsterten ziemlich laut und deutlich, dass da jemand war. Ich hob den Kopf, schnupperte und sog tief die Luft ein. Da. Ein leichter Duft nach großer Katze, doch dahinter war noch etwas Stärkeres. Und dann wusste ich, was ich da spürte: Katzenmagie.

Vorsichtig schlich ich mich zum Pavillon und sprang auf die erste Stufe. Ich wollte nicht ungeschützt im Gras erwischt werden. In meinem jetzigen Zustand konnte ich nicht viel tun, falls plötzlich ein Dämon aus dem Wald preschen und mich angreifen sollte. Nun ja, ich konnte mich in ein Knäuel aus Fell und rasiermesserscharfen Krallen verwandeln, doch in Anbetracht meiner Größe versprach heftige Gegenwehr höchstens ein schnelles, schmerzhaftes Ende meines Katzendaseins. Wenn ich den Pavillon erreichen konnte, würde ich aufs Geländer klettern und hätte dann zumindest einen besseren Überblick.

Ich duckte mich zum Sprung, rückte mein Hinterteil in die beste Position, um mich richtig abzustoßen – doch als ich losschnellte, um auf die dritte Stufe zu springen, beschloss mein dicker, puscheliger Schwanz, sich in einem Nest stacheliger Kletten zu verfangen, die am Fuß des Pavillons wuchsen. O Scheiße!, dachte ich, als ich mit dem Bauch voran auf den Boden knallte, alle viere zur Seite gestreckt wie eine alberne Zeichentrick-Katze auf der Jagd nach Tweety.

Ich blinzelte, und meine Würde bekam einen empfindlichen Schlag versetzt. Als ich den Kopf schüttelte und mich aufrappelte, stellte ich zu meiner Bestürzung fest, dass ganze Büschel Fell meines Schwanzes sich in den lästigen Pflanzen verknotet hatten. Ich stieß ein frustriertes Grollen aus. Warum musste ich auch so langes Fell haben? Zugegeben, es machte mich zur hübschesten goldenen Tigerkatze der ganzen Nachbarschaft, aber gutes Aussehen war eben nicht alles. Ich versuchte mich loszureißen, doch es ging nicht. Die Fellbüschel hingen fest und ließen mich nicht mehr weg.

Ein Insekt, das bei dem plötzlichen Kälteeinbruch noch nicht draufgegangen war, summte mir um den Kopf, und ich zuckte mit den Ohren und widerstand dem Drang, mit den Pfoten nach ihm zu schlagen. Nein, lass das, dachte ich. Ich habe größere Sorgen als eine blöde Fliege. Zum Beispiel, wie ich mich von diesem verdammten Grünzeug befreien soll. In Katzengestalt fiel es mir immer schwerer, meine Impulse zu kontrollieren. Käfer lenkten mich ab, und Spinnen...  Blätter, die im Wind herumwirbelten, ein Löwenzahn, der seine Flugsamen freigab...  ach ja, ich fand einfach alles unwiderstehlich, was eine spannende Jagd versprach.

Ich stemmte mich erneut gegen die Kletten, doch ein scharfer Schmerz am Schwanzende sagte mir, dass das vielleicht nicht die beste Idee war. Was jetzt? Ich konnte mich nicht zurückverwandeln, solange der Mond voll war – nicht vor dem nächsten Morgen. Camille hetzte mit der Wilden Jagd durch die nächtlichen Wälder, und Menolly war in der Stadt bei einem Treffen der Anonymen Bluttrinker – meine Familie würde mir jedenfalls nicht zu Hilfe kommen.

Schnaufend versuchte ich es erneut und riss mir beinahe ein dickes Büschel Fell aus. Ach, verdammt. Frustriert duckte ich mich, wobei ich darauf achtete, mich möglichst nicht noch mehr zu verheddern. Diese Nacht wurde einfach immer besser.

Erstens musste ich auf meine allnächtliche Dosis Schwachsinns-Fernsehen verzichten, und ein Abend ohne Jerry Springer war ein Abend, an dem ich Menolly nicht zwingen konnte, sich mit mir zusammenzusetzen. Wir machten uns die Nägel, aßen tonnenweise Popcorn und tratschten über Camille und ihre Liebhaber, bis Menolly zur Arbeit gehen musste.

Dann war ich wild entschlossen gewesen, eine Maus zu erledigen, die an Camilles Beinwurz herumgeknabbert hatte. Ich hatte den Nager gepackt und fest unter einer Kralle, als die Maus mir eine rührselige Geschichte über einen großen Wurf kleiner Mäuler zu Hause erzählte. Camille sagte ja immer, ich sei zu weichherzig, und damit hatte sie wohl recht. Ich ließ die Maus ziehen, immerhin mit einem geknurrten »Verschwinde hier, sonst mach ich Hackfleisch aus dir«.

Meine Schwestern wussten nicht, dass ich in meiner Tiergestalt mit anderen Tieren sprechen konnte. Dies war meine eigene, ganz besondere Welt, zu der sie keinen Zugang hatten. Camille hatte ihre Verbindung zur Mondmutter, und Menolly ihre Blutlust...  obwohl das eine relativ neue Eigenschaft in ihrem Leben war – der Elwing-Blutclan hatte sie gegen ihren Willen in einen Vampir verwandelt. Sie hatte wahrlich nicht darum gebeten, in einen Blutsauger verwandelt zu werden. Aber meine besondere Fähigkeit hatte ich mein ganzes Leben lang geheim gehalten. Sie gehörte mir allein, und ich wollte sie mit niemandem teilen.

Nachdem die Maus davongelaufen war, hatte ich mich hingesetzt, um mich zu putzen, und – verflucht noch mal, ich hatte mir ein lebhaftes Grüppchen Flöhe eingefangen. Jetzt würde ich ein Bad mit Flohshampoo oder ein paar Tropfen Advantage 80 brauchen, und beides vertrug sich gar nicht mit meinem Teerosen-Parfüm; außerdem bekam ich davon sehr trockene Haut und einen leichten Ausschlag.

Diese scheußlichen Gedanken führten mich in die Gegenwart zurück: besiedelt von einem fröhlichen Flohzirkus, verhakt in Kletten, beobachtet von einem unbekannten Eindringling irgendwo im Wald, der noch dazu haufenweise Katzenmagie ausstrahlte. Jetzt wurde es erst richtig lustig! Hurra-a-a. Es kotzte mich an, dass die meisten Leute glaubten, wir Werwesen verbrächten die Vollmondnächte damit, Party zu machen und so richtig die Sau rauszulassen. Wenn das hier eine Party sein sollte, würde ich jederzeit ein gutes Buch und einen Becher heiße Milch vorziehen, vielen Dank.

Ein weiteres Knistern aus dem Wald erregte meine Aufmerksamkeit. Was auch immer ich jetzt unternehmen wollte, ich sollte mich besser beeilen. Vorsichtig probierte ich noch einmal, mich von den Kletten zu befreien. Keine Chance, die stacheligen Kugeln hielten mich gefangen. Es würde verteufelt weh tun, aber ich würde mich losreißen müssen. Ich konnte nicht einfach darauf hoffen, dass derjenige, der sich da im Wald herumtrieb, mir freundlich gesinnt war. Ich schloss die Augen und wappnete mich gegen den Schmerz, als mich ein Laut links von mir erschreckte. Nervös fuhr ich herum.

Dort, vom Mond beschienen, saß die Maus, die ich hatte entkommen lassen. Sie stellte sich auf die Hinterbeine und starrte mich mit zuckendem Näschen an. Ich schluckte gegen meine sämtlichen Instinkte an, die mir befahlen, ihr mit der Pfote eins überzubraten; stattdessen setzte ich ein freundliches »Hallo, wie geht’s denn so?«-Lächeln auf.

»Brauchst du Hilfe?«, quiekte sie.

»Was glaubst du denn? Sehe ich so aus, als bräuchte ich Hilfe?«, erwiderte ich.

Sie warf mir einen gequälten Blick zu. »Ich habe keine Zeit für so etwas. Meine Kinder sind hungrig. Brauchst du jetzt Hilfe oder nicht?«

O Große Mutter, die Götter mögen mir beistehen. Schlimm genug, dass ich so weichherzig gewesen war und sie hatte gehen lassen – jetzt sollte ich auch noch gezwungen sein, mir von der Vorspeise einen Gefallen erweisen zu lassen? »In der Not frisst der Teufel Fliegen, heißt es«, brummte ich, obwohl mein Ego sich praktisch im Höllenfeuer wand.

Ein Glitzern huschte durch ihre Augen, und sie blies sich keckernd vor mir auf. »Dann sag es.«

»Was denn?«

»Mäuse rocken, Katzen ha’m die Pocken.«

Ich fuhr hoch: »Was? Du erwartest von mir, dass ich – warte!«

Bei meinem Wutausbruch hatte sie kehrtgemacht und hüpfte nun davon.

»Komm zurück. Bitte!«

»Wirst du es sagen?«, fragte sie über die Schulter.

Ich wand mich. Da mir jedoch nichts anderes übrigblieb, ließ ich den Kopf hängen und hoffte inständig, dass niemand je ein Sterbenswörtchen davon erfahren würde. »Mäuse rocken, Katzen ha’m die Pocken.« Das war’s. Die vollkommene Demütigung. Meine Nacht war endgültig perfekt.

Sie schnüffelte befriedigt und untersuchte dann vorsichtig meinen Schwanz. Ein Knabbern hier, ein Knibbeln dort, und sie hatte die Stiele der Kletten durchgenagt, die sich in meinem Fell verfangen hatten. Ich ließ den Schwanz hin und her peitschen. Das Gewicht der Kletten brachte mich ein klein wenig aus der Balance, aber ich war frei, und das war die Hauptsache. Widerstrebend bedankte ich mich bei der Maus, die sofort davonhuschte.

Ein weiteres Rascheln aus dem Wald, und ich nahm ebenfalls die Beine in die Hand. Ich hegte den Verdacht, dass sich ein Werwesen da drin versteckte, aber ich wusste auch von ein paar Dämonen, die Katzenmagie benutzen konnten; also würde ich mich lieber nicht darauf verlassen, dass derjenige, der mich da belauerte, ein Katzenfreund war. Ich holte tief Luft und flitzte über den offenen Rasen hinter dem Haus.

Die Hintertür zur Veranda war verschlossen, aber ich hatte eine Katzenklappe eingebaut. Camille hatte sie mit Schutzzaubern versehen, die an meine Aura angepasst waren, so dass jeder außer mir, der hier durchschlüpfen wollte, sofort Alarm auslösen würde.

Sobald ich die sichere Veranda erreicht hatte, kratzte ich an der Küchentür, bis Iris sie öffnete. Sie hob mich hoch und kraulte mich unter dem Kinn, und ich ergab mich ohne Gegenwehr. Iris liebte Katzen und behandelte mich wie ihr persönliches Schmusetier. Die Talonhaltija war klein und stämmig, hübsch auf eine rotwangige, ländliche Art, mit einem Lächeln, das einen Eisberg schmelzen könnte. Sie hatte sich an eine Familie in Finnland gebunden, die aber schließlich ausgestorben war. Daraufhin hatte sich der Hausgeist beim AND beworben – dem Anderwelt-Nachrichtendienst, für den meine Schwestern und ich arbeiteten. Sie hatten Iris in der Erdwelt belassen und uns als Assistentin zugewiesen.

Anfangs hatte sie nur in Camilles Buchhandlung gearbeitet, doch nach einer unangenehmen Begegnung mit dem Dämon Bad Ass Luke war Iris bei uns zu Hause eingezogen. Sie kümmerte sich um den Haushalt und half uns, wenn es nötig war. Für uns war das ein bisschen so, als wohnte nun unsere Lieblingstante bei uns.

»Armes Kätzchen. Harte Nacht gehabt?«, fragte sie und untersuchte mein Fell. »Was haben wir denn hier? Einen Schwanz voller Kletten? Und Flöhe?« Sie rümpfte die Nase. »Was hast du nur wieder angestellt, mein Mädchen? Komm, wir machen dich lieber gleich sauber. Diese Kletten muss ich herausschneiden, bevor du dich zurückverwandelst, aber ich fürchte, der Hintern wird dir trotzdem höllisch weh tun.«

Ich wand mich und wollte ihr von dem Fremden erzählen, den ich draußen gespürt hatte, aber sie konnte mich ja nicht verstehen. Ich konnte in meiner Katzengestalt sowohl Feen als auch Menschen verstehen, aber wir waren noch nicht dahintergekommen, wie man die Kommunikation in beide Richtungen bewerkstelligen könnte.

Als Iris mich zum Küchentresen trug und die Schere hochhielt, beruhigte ich mich. Solange sie nicht versuchte, mir die Krallen zu schneiden, konnte sie mich nach Herzenslust hegen und pflegen. Wenn Camille oder Menolly zurückkamen, würden sie vielleicht einen Hauch von dem Fremden aufschnappen, den ich gespürt hatte, und etwas unternehmen, ehe die magische Signatur verflog. Bis der Mond sich endlich schlafen legte, hatte ich mich vor dem Feuer zusammengerollt und schnurrte laut, während ich immer wieder einnickte. Ich hatte versucht, wach zu bleiben und auf Camille und Menolly zu warten, aber die Wärme der Flammen war zu verführerisch. Sobald ich mich in das dicke Katzenkissen kuschelte, das Camille mir zum Geburtstag geschenkt hatte, glitt ich widerstandslos in Morpheus’ Arme. Deshalb erwachte ich mit einer noch fellbedeckten Pfote, während die andere sich bereits in eine Hand verwandelte.

Niemand glaubte mir, wenn ich sagte, dass die Verwandlung nicht weh tat. Oh, sie könnte schon schmerzhaft sein, wenn man kein Werwesen war, sondern durch einen Zauber dazu gezwungen wurde, seine Gestalt zu verändern; aber für uns war das so einfach, wie die Kleidung zu wechseln. Da wir gerade von Kleidung sprechen – mein Halsband war verschwunden und verwandelte sich nun ebenso rasch in meine Jogginghose und ein Tanktop. Und Iris hatte recht. Mein Hintern tat weh.

»Anscheinend ist mein Kätzchen von seinem Ausflug zurück.« Menollys Stimme hallte in meinen Ohren wider, als ich mich von dem Kissen rollte und mit ziemlichem Lärm auf dem Boden landete, nun vollständig verwandelt.

Ich schaute blinzelnd zum Fenster. Bis Sonnenaufgang blieb kaum eine Stunde. »Bisschen knapp für dich, nicht?«, bemerkte ich etwas heiser. Mein Magen rumorte, und ich stellte fest, dass mir ein wenig übel war. Was hatte ich heute Nacht nur gegessen? Jedenfalls nicht die süße Miss Hausmaus. Nun, da ich nicht mehr ganz so sehr wie eine Katze dachte, beschloss ich, ihr ein paar Käsewürfel zu bringen – ich wusste, wo sie und ihre Familie wohnten. Das arme Ding. Ich musste sie furchtbar erschreckt haben – allerdings hatte sie meine Notlage weidlich ausgenutzt.

»Du siehst nicht besonders gut aus«, sagte Menolly. Sie saß auf dem Sofa, mit Maggie auf dem Schoß. Das Gargoyle-Baby schlabberte die letzten Reste Sahne mit Zimt, Zucker und Salbei aus einer Schüssel, die Menolly ihm hinhielt.

Die beiden waren unzertrennlich geworden, seit Camille die kleine Schildpatt-Gargoyle aus der Lunchbox eines Dämons gerettet hatte; diese Freundschaft war eine der seltsamsten, die ich je gesehen hatte. Es würde noch Jahre dauern, bis sich feststellen ließ, ob Maggies Intelligenz sich über das Stadium einer klugen Katze oder eines langsamen Delphins hinausentwickeln würde, aber uns war das egal. Sie war ein ungestümes kleines Schätzchen, und wir alle vergötterten sie...

»Dafür habe ich eine gute Ausrede«, sagte ich und rieb mir den Po. »Ich habe mir in der Nacht einen Hintern voll Kletten eingefangen.«

»Herrlich. Mir ging es nicht viel besser. Mein Magen ist alles andere als gut gefüllt. Ich habe Hunger.« Ich verzog das Gesicht, doch sie winkte ab. »Wenigstens bin ich immer schön«, sagte sie und musterte meine ungepflegte Gestalt. »Auch nach der Jagd. Du hingegen siehst aus wie etwas, das die Katze hereingeschleppt hat.«

Ich warf ihr einen hässlichen Blick zu.

»Was ist denn los? Hast du über Nacht deinen Sinn für Humor verloren?«

»Mach mich nicht fertig.« Mein Magen knurrte laut. Ja, ich brauchte etwas zu essen, ganz eindeutig. »Ich habe Hunger, ich stinke fürchterlich, und Iris musste mir eine Menge Fell abschneiden, als ich nach Hause gekommen bin.« Am Morgen nach Vollmond bot ich nie einen hübschen Anblick – normalerweise wollte ich dann nur noch nach oben, duschen, und den ganzen Tag in meinem Hello-Kitty-Schlafanzug verbringen. »Ich wette, deine Opfer finden dich nicht besonders schön«, fügte ich hinzu, weil mir nach einer spitzen Bemerkung zumute war.

Mit einem fiesen Grinsen erwiderte Menolly: »Meine Mahlzeit ist meistens so gebannt von mir, dass sie alles tut, was ich verlange. Glaub mir, sie lieben es.« Obwohl Camille sie davon überzeugt hatte, den Anonymen Bluttrinkern beizutreten, war Menollys messerscharfer Sarkasmus geblieben. Und obwohl sie meine Schwester war, musste ich schon zugeben, dass Menolly einem eine Scheißangst einjagen konnte. Umwerfend, wie sie aussah, konnte sie sich in eine Ein-Frau-Monstershow verwandeln, wenn sie das wollte.

»Klar – bis sie merken, dass du sie austrinkst.« Ich schüttelte den Kopf und griff nach der Schachtel Doughnuts auf dem Couchtisch. Chase, der sich für meinen festen Freund hielt, weil wir einmal die Woche miteinander schliefen, hatte sie mir geschickt. Als die Schachtel mit zweiunddreißig Gourmet-Doughnuts mitsamt einem Dutzend roter Rosen und einer Spielzeugmaus mit Katzenminze geliefert worden war, hatte mich das sehr gerührt. Er verstand mich wirklich.

»Also, was ist passiert? Waren heute Nacht keine Perversen unterwegs?« Ich verzog das Gesicht, als ich mich zu strecken versuchte. Meine Muskeln brauchten dringend einen ordentlichen Workout. Gleich morgen Abend würde ich ins Fitness-Studio gehen. Dort war ich sehr beliebt und hatte die lebenslange Mitgliedschaft sogar geschenkt bekommen, weil Männer sich in dem Studio anmeldeten, nur um mir beim Trainieren zuzuschauen. Halb Fee zu sein in einer Welt, die von unserer Anwesenheit noch immer wie verzaubert war, hatte seine Vorteile.

»Ich konnte jedenfalls keine auftreiben. Ich habe nur ein bisschen getrunken, dem Kerl dann das Gedächtnis gelöscht und ihn ziehen lassen. Das war gerade genug, um den schlimmsten Durst zu stillen, aber spätestens in ein paar Nächten brauche ich eine richtige Jagd.« Ihre eisblauen Augen blitzten vor ihren kupferroten Bo-Derek-Zöpfchen. Wenn sie den Kopf schüttelte, klapperten die Elfenbein-Perlen, die sie hineingeflochten hatte, wie die Knochen eines tanzenden Skeletts. Menolly verursachte überhaupt kein Geräusch, außer, sie machte es absichtlich. Die Perlen erinnerten sie daran, dass sie einmal lebendig gewesen war. Dass sie nicht immer ein Vampir gewesen war.

»Du meinst, du musst töten«, sagte ich. Das Telefon klingelte, aber nur einmal. Iris musste drangegangen sein.

»Genau das.« Menolly zuckte mit den Schultern, doch ich hörte die Gier in ihrer Stimme. Als junger Vampir musste sie noch reichlich und sehr oft trinken.

Wenn man meine Schwester so ansah, war es schwer zu glauben, dass sie ein Vampir sein sollte – bis auf ihren Teint, der an eine japanische Tänzerin erinnerte. Sie war zierlich und kaum einen Meter sechzig groß, aber sie konnte sich einen toten Dämon über die Schulter werfen und ihn davontragen wie ein Kleinkind, und sie konnte einen Menschen vollständig aussaugen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie war die Jüngste von uns, doch manchmal kam sie mir so alt vor wie die Berge selbst.

Camille, meine älteste Schwester, war eine knapp eins siebzig große, vollbusige, kurvenreiche Hexe. Lockiges schwarzes Haar fiel ihr in langen Flechten über den Rücken, und ihre Augen waren violett, mit silbernen Sprenkeln. Sie war die praktisch Veranlagte von uns, obwohl man das nie vermuten würde, so wie sie sich anzog – immer haarscharf an der Fetisch-Bar vorbei.

Und ich? Ich war die Mittlere; allerdings machten Camille und Menolly mich wahnsinnig, indem sie mich wie ein Baby behandelten. Zumindest was die Größe anging, hatte ich ihnen einiges voraus: Ich reichte knapp über einen Meter achtzig, und mein Körper war schlank und muskulös. Ich war absolut kein Couch Potato, abgesehen von meinen nächtlichen Fernsehorgien. Ein Poet hätte mein Haar wohl als flachsblond bezeichnet, und bis vor kurzem hatte es mir fast bis zur Hüfte gereicht. Aber ich hatte die aufwendige Pflege sattgehabt, war in einen Salon marschiert und hatte einen durchgestuften Fransenschnitt verlangt, knapp schulterlang.

Uns würde man ebenso wenig für Schwestern halten wie für Kobolde. Unsere Mutter war menschlich gewesen, unser Vater gehörte zum Feenvolk der Sidhe. Wir drei verteilten uns auf entfernte Punkte dieses Spektrums. Leider brachte unser Status als Halbblüter Vaters Verwandtschaft ziemlich gegen uns auf. Schlimmer noch, er brachte auch unser inneres Gleichgewicht durcheinander.

Camilles Magie war chaotisch und so sprunghaft wie ihr Männergeschmack. Menolly konnte mühelos auf einen dreißig Meter hohen Baum klettern, war aber von einem Felsvorsprung gefallen, während sie einen Clan abtrünniger Vampire ausspioniert hatte. Die wiederum hatten sie gefoltert und zu ihresgleichen gemacht.

Was mich anging...  nun ja, meine Gestaltwandlung war unvorhersehbar, und ich hatte sie nicht immer im Griff. Und obwohl ich ein Werwesen war, erschien mitnichten eine prächtige Löwin, wenn ich mich verwandelte – nur eine goldene, langhaarige, getigerte Hauskatze, deren Schwanz sich gelegentlich im Gebüsch verfing und die mit Flöhen nach Hause kam. Verflucht. Ich stank nach Advantage No. 80, und im Rücken begann es mich schon zu jucken. Offenbar hatte Iris mir eine ordentliche Dosis verpasst. Ich musste dringend duschen, bevor ich fürchterlichen Ausschlag bekam.

»Wo ist Camille? Ich muss mit ihr sprechen – ich habe in der Nacht etwas im Wald gespürt.« Ich blickte mich nach Anzeichen dafür um, dass sie zu Hause sein könnte, aber es lagen weder Stiletto-High-Heels noch Korsetts herum, und kein Schwefelhauch einer magischen Fehlzündung hing in der Luft.

»Sie wollte noch bei Morio vorbeischauen, bevor sie nach Hause kommt«, sagte Menolly.

In diesem Moment erschien Iris in der Tür. »Camille hat gerade angerufen. Sie ist gleich zu Hause. Ich mache mich jetzt auf den Weg in die Buchhandlung – sie sollte sich noch ein bisschen ausruhen, bevor sie zur Arbeit kommt«, sagte der Hausgeist. »Richtet ihr aus, dass ich sie gegen eins erwarte, ja?«

Ich nickte und sah Iris nach, die geschäftig davoneilte. Camille war dem Anschein nach die offizielle Inhaberin des Indigo Crescent, einer Buchhandlung im Ortszentrum von Belles-Faire – einem schmuddeligen Vorort von Seattle. In Wahrheit war der Laden eine getarnte Einrichtung des AND, des Anderwelt-Nachrichtendienstes, für den wir alle arbeiteten. Sie hatten uns in die Erdwelt geschickt, weil sie uns, brutal ausgedrückt, für ein Trio trampeliger Tussis hielten. Tollpatschig mochten wir manchmal sein, aber dumme Gänse, die nur lange Beine und tolle Titten vorzuweisen hatten? Niemals. Wir hatten Köpfchen! Wir hatten Sex-Appeal! Wir hatten...  die miserabelste Erfolgsquote im ganzen AND. Doch statt uns aus der Bahn zu schaffen, war es dem AND gelungen, uns auf die Schnellspur zur Hölle zu setzen.

 

Vor ein paar Monaten hatten wir diverse scheußliche Zusammenstöße mit einem Degath-Kommando, einem Trio von Dämonen aus den Unterirdischen Reichen, die als Kundschafter erdseits geschickt worden waren. Sie suchten nach den Geistsiegeln – uralten Amuletten, die, wenn man sie alle zusammenfügte, die Portale öffnen würden, so dass Schattenschwinge und sein Gefolge sowohl die Erde als auch die Anderwelt überrennen könnten.

Wir hatten es mit Mühe und Not geschafft, diesen Angriff zu überleben.

Als wir in die Anderwelt zurückkehren wollten, um den Behörden dort zu beweisen, dass es in der Erdwelt alles andere als gut stand, stellten wir fest, dass unsere Heimatstadt im Chaos versank und ein wahrhaftiger Bürgerkrieg ausgebrochen war. Also hatten wir es uns anders überlegt und stattdessen bei der Elfenkönigin angeklopft.

Als wir Königin Asteria die toten Dämonen und diverse andere Mitbringsel vor die Füße warfen, verkündete sie prompt, dass wir von Stund an, ob es uns nun passte oder nicht, auch für sie arbeiteten. Ach ja, und da ist noch etwas – nur eine Kleinigkeit – erzählt bloß dem AND nichts von diesem Arrangement. Na ja, wenn eine jahrtausendealte, magisch sehr begabte Königin einem so etwas sagt, widerspricht man eben nicht.

Eines wussten wir ganz sicher: Wo es einen Dämon gab, würden gewiss noch mehr kommen. Wo ein Degath-Kommando hingeschickt worden war, würden weitere Höllenspäher folgen und irgendwann eine ganze Armee zur Verstärkung. Und selbst mit Hilfe von Camilles Liebhabern Trillian und Morio, einem sehr attraktiven Drachen, den wir nur unter dem Namen Smoky kannten, und meines Freundes Chase Johnson stellten wir einen ziemlich kläglichen Schutzwall dar.

 

Die Tür ging auf, und Camille fegte herein. Sie war in voller Montur: fließender, pflaumenblauer Chiffonrock, schwarzes Spitzenbustier, schwarze Lackstiefel mit sexy Schnürung und meterhohen Absätzen. Ihre Augen funkelten silbrig. Sie hatte Magie gewirkt, kein Zweifel. Ihr Glamour war so stark, dass ich mich wunderte, wo das Rudel Männer blieb, das ihr eigentlich nach Hause gefolgt sein müsste.

Von uns dreien wirkte sie am anziehendsten auf VollblutMenschen. Allein schon ihr Duft forderte sie zu erotischen Spielen heraus, und ihre sinnlichen Kurven in diesen sexy Klamotten überließen kaum etwas der Phantasie.

Camille hatte aber auch eine andere Seite. Sie hatte sich nach Mutters Tod um uns gekümmert. Menolly hatte damals schon in ihrer eigenen kleinen Welt gelebt, obwohl sie noch kein Vampir gewesen war, doch Camille hatte für unseren Vater und ihre Schwestern Heim und Familie zusammengehalten.

»Irgendetwas hat die Banne ausgelöst«, sagte sie. »Ich spüre es genau. Ist heute Nacht etwas geschehen, wovon ich wissen sollte?«

Ich sprang auf. »Ich habe auf dich gewartet.« Ich warf einen Blick aus dem Fenster. In wenigen Augenblicken würde die Sonne aufgehen. »Komm mit mir nach draußen. Ich habe letzte Nacht Katzenmagie gerochen, und ich glaube, es könnte ein Werwesen hier herumstreifen, aber ich bin nicht sicher. Ich war in Katzengestalt, und der Vollmond bringt mich manchmal ziemlich durcheinander.«

Sie zerzauste mir das Haar, eine Gewohnheit, die ich ebenso sehr liebte, wie ich sie hasste. »Gehen wir nachsehen, meine Süße.« Mit einem Blick zu Menolly fügte sie hinzu: »Du musst schleunigst nach unten. Der Himmel ist klar, und die Sonne geht gleich auf. Es wundert mich, dass du die Schwere noch nicht spürst.«

Menolly fuhr sich mit der Hand über die Augen.

»Doch, das tue ich. Ich lege Maggie schnell in ihre Kiste und gehe gleich ins Bett.« Im Gegensatz zu den meisten anderen Vampiren schlief Menolly in einem richtigen Bett, und ihr Nest – wie aus einer Deko-Zeitschrift eingerichtet – war im Keller versteckt, hinter einem geheimen Eingang, den wir extra eingebaut hatten. Niemand außer Iris wusste, dass hinter dem Regal in der Küche eine Treppe in Menollys Wohnung führte.

Camille folgte mir hinters Haus. Ich schnappte mir unterwegs eine Handschaufel. Aus dieser Höhe sah alles ganz anders aus, doch sobald ich die Kletten entdeckte, spürte ich, wie Wut in mir hochkochte. Ich hielt an und kniete mich hin, um sie auszureißen.

»Was tust du da?«, fragte Camille.

Ich brummte. »Diese kleinen Biester haben sich letzte Nacht in meinem Schwanz verfangen. Ich werde einen Gärtner kommen lassen, der den Garten von Disteln und Dornen und diesen grässlichen Kletten befreit.« Es gelang mir, die Spitze der Schaufel unter die Wurzel zu schieben; ich hebelte die Pflanze aus und warf sie auf den Komposthaufen.

»O ja, das hilft ganz sicher. Die Samen werden einfach neue Pflanzen hervorbringen, du dumme Nuss. Und pass ja auf, dass du nicht meine Belladonna oder den Eisenhut ausrupfst«, sagte sie und verkniff sich ein Kichern, während ich sie zu dem Pfad führte, wo ich den Eindringling gespürt hatte. »Ich nehme an, dein Hintern tut weh?«

»Ja, fürchterlich«, sagte ich. »Also, geben die Banne echten Alarm, oder wurden sie nur versehentlich ausgelöst?« Die Banne waren ein Zauber von Camille, und sie war die Einzige, die sich in den verschiedenen Varianten von Störungen zurechtfand, die eintraten, wenn jemand die magische Schutzvorrichtung durchbrach.

Sie schloss die Augen. »Da waren keine Dämonen am Werk, aber das muss nicht viel heißen, wenn man bedenkt, dass Bad Ass Luke beispielsweise Wisteria dazu gebracht hat, für ihn zu arbeiten.« Plötzlich blieb sie stehen, blinzelte und sagte: »Wusstest du eigentlich, dass Trillian bei Chase bleiben wird, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat? Er ist letzte Nacht bei ihm eingezogen.«

Ich blinzelte überrascht. Chase hatte bei unserer letzten Unterhaltung nichts dergleichen erwähnt. »Nein. Und was glaubst du, wie lange dieses Arrangement gutgehen wird?«

Trillian gehörte zu den Svartanern, den finsteren Cousins der Elfen, und er hielt Camille schon seit Jahren hin. Er war ihr Liebhaber, obwohl sie manchmal nicht einmal sicher war, ob sie ihn überhaupt mochte.

»Ich weiß nicht, aber das ist besser als Menollys Vorschlag«, erwiderte Camille schaudernd. Unsere reizende Unruhestifterin von einer Schwester hatte vorgeschlagen, Trillian solle doch bei Morio einziehen, was die Mutter aller Katastrophen gewesen wäre. Natürlich hatte sie fies gegrinst, als sie das vorgebracht hatte, aber Camille und ich wussten nur zu gut, dass Menolly tatsächlich dem Chaos zuneigte. Ihre Vorstellung von einem unterhaltsamen Abend war eine herzhafte Prügelei drüben im Wayfarer.

»Ich fürchte, ich habe sie ein paarmal zu oft gezwungen, sich diese Talkshows mit mir anzuschauen«, sagte ich und verdrehte die Augen.

Morio, ein Yokai-kitsune aus Japan – ein Fuchsdämon, der zu den Naturgeistern gehörte –, war Camilles anderer Liebhaber. Die beiden hatten zueinandergefunden, als sie draußen am Mount Rainier versehentlich einen Lustzauber ausgelöst hatten; mehr hatte es nicht gebraucht, damit die beiden eine Bettgeschichte miteinander anfingen. Camille hatte eine Schwäche für böse Buben.

Trillian und Morio hielten eine Art Waffenstillstand ein, weil sie beide aufrichtiges Interesse an Camille hatten, doch es herrschte eindeutig Rivalität um ihre Zuneigung. Nur gut, dass Feen von Natur aus nicht monogam veranlagt waren, denn sonst wäre längst Blut geflossen – das Ganze war eine tickende Testosteron-Bombe.

»Nun, es ist unwahrscheinlich, dass er Chase umbringen wird, da Chase schließlich mein Freund ist, aber trotzdem...  Ich will hoffen – auch um unseres Seelenfriedens willen –, dass Trillian schnell eine eigene Wohnung findet.« Mit wissendem Grinsen fügte ich hinzu: »Ich wette, dass dieses Arrangement keine zwei Wochen hält.« Ich fischte einen ZwanzigDollar-Schein aus der Tasche und wedelte damit vor Camille herum.

»Gilt.« Camille schnaubte. »Ich gebe ihnen höchstens drei.« Plötzlich hielt sie inne und hob den Kopf. »Augenblick mal, hier ist etwas. Es ist schwach...  aber deutlich...  «

Sie schlug sich ins Gebüsch und kniete sich vor die große Eiche, die über das Wäldchen hinter unserem Garten wachte. Während sie den Baum untersuchte, sah ich mir den Boden und den Pfad genauer an und fand eine Fußspur. Die Nacht war klar gewesen, ohne Regen, der die Abdrücke zerstört hätte. Sie führten zu dem Baum, dann wieder weg, und verschwanden mitten im dichten Gestrüpp aus Heidelbeeren, Brombeeren, Berberitzen und Farn.

In diesem Moment stieß ein Diademhäher aus einer Tanne auf mich herab und schimpfte aus voller Kehle. Kleiner Mistkerl, dachte ich und verscheuchte den Vogel. Er konnte die Katze an mir riechen. Ich zog die Nase kraus und fauchte leise, und er kreischte noch lauter. Ein weiterer Häher landete neben ihm auf dem Zweig, und gemeinsam warfen sie mir giftige Blicke zu.

»Wagt es ja nicht, außer ihr möchtet mein Frühstück werden«, brummte ich.

»Delilah!« Camilles Stimme riss mich aus meinem Starrduell. Ihre Miene verriet eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Argwohn. »Ich weiß, was hier war.«

»Was? Was war es?« Ich lehnte mich an die Eiche. Bitte kein Dämon. Bitte lass es keinen Dämon gewesen sein, dachte ich. Ich hatte Dämonen satt. Obwohl ich kämpferisch wirklich was draufhatte, mochte ich einfach keine Konflikte. Wenn meine Schwestern in Streit gerieten, bekam ich solchen Stress, dass ich mich sofort in ein Kätzchen verwandelte.

»Du hattest recht, hier hat sich ein Werwesen herumgetrieben«, sagte sie mit silbrig glitzernden Augen. »Und wenn mich nicht alles täuscht, war es ein männlicher Werpuma.« Sie blickte zu mir auf. »Er hat den Baum markiert.«

»Igitt...  « Ich rümpfte die Nase und hoffte nur, dass er seine territoriale Pinkelei in Katzengestalt verübt hatte.

Ein Werpuma? Ich starrte den Baumstamm an, dann unser Haus, das man von hier aus gerade noch erkennen konnte. Warum hatte er den Baum markiert? Dieses Land gehörte nicht ihm, sondern uns. Stand er mit Schattenschwinge und den Dämonen im Bunde, oder verfolgte er eigene Ziele? Und wenn er nicht mit unseren höllischen Freunden verbündet war, was wollte er dann von uns?