Kapitel 5

 

Als ich unterwegs bei McDonald’s hielt, um mir eine Cola zu holen, war es schon fast drei. Ich hörte meine Handy-Mailbox ab – nichts. Dann drückte ich die Kurzwahl vier und wartete, bis Chase sich meldete.

»Hallo, Süße«, sagte er mit seiner schönen, weichen Stimme. »Was gibt’s?«

»Ich wollte dich bitten, ein paar Namen zu überprüfen«, sagte ich. Und weil seine Stimme sich seltsam tröstlich anhörte, fügte ich hinzu: »Und ich würde dich heute Nachmittag gern sehen, falls du Zeit hast. Heute Abend kann ich nicht, aber ich vermisse dich.«

Er räusperte sich und sagte dann mit belegter Stimme: »Ich will dich auch sehen. Im Büro ist heute nicht viel los. Ich kann ein, zwei Stunden weg. Treffen wir uns bei mir?«

»In einer halben Stunde, wenn der Verkehr mitspielt.«

Chase wohnte in Renton, südlich von Seattle, wo die Mieten ein bisschen günstiger und die Wohnviertel ein bisschen schäbiger waren. So konnte er sich seine geliebten Designer-Anzüge leisten. Während ich mich durch das verwirrende Labyrinth aus Einbahnstraßen und Großbaustellen wand, dachte ich über unsere gemeinsamen letzten Monate nach.

Chase war mir ein Rätsel. Ich konnte nicht behaupten, dass ich ihn liebte – nicht so richtig. Zumindest glaubte ich das nicht. Aber ich mochte ihn, beinahe mehr als sonst jemanden in meinem Leben. Er hatte sich meinen Respekt durch seine Hingabe an seine Arbeit erworben, und das war wirklich nicht einfach.

Er hatte mich außerdem sehr überrascht, indem er eine unerwartet loyale Ader enthüllt hatte, die sich unter dem coolen Äußeren verbarg. Die machte mir Sorgen. Ich hatte mit dem Konzept der Monogamie nicht viel am Hut, obwohl ich kein so sexuelles Wesen war wie Camille – zumindest nicht offen. Ich hatte ihn gewarnt, dass ich nicht auf eine ernsthafte Beziehung aus war, und bisher hatte es auch kein Problem gegeben.

Als wir das erste Mal miteinander geschlafen hatten, war der Sex so lala gewesen. Ich hatte vor allem herausfinden wollen, warum alle so einen Wind um Sex mit anderen Leuten machten. Meine Jungfräulichkeit hatte ich schon in Katzengestalt verloren, an einen prächtigen, langhaarigen, silbernen Tigerkater. Aber seien wir mal ehrlich, Kater sind ziemlich egozentrisch, und Tommy war keine Werkatze, was jegliche Hoffnungen auf eine Beziehung doch sehr begrenzte. Er redete vor allem über die Jagd nach Mäusen und Schmetterlingen und über die Nachbarshunde, denen er es mal so richtig zeigen wollte – wenn er sich nur nah genug an sie herantrauen würde. Ich mochte ihn, aber nach einer Weile wurde unsere unterschiedliche Sicht der Dinge langweilig.

Nachdem ich allerdings ein paarmal mit Chase geschlafen hatte, war irgendetwas anders geworden. Vielleicht waren meine Hormone endlich angesprungen oder das Feenblut. Jedenfalls war der Sex so intensiv geworden, dass er mich zu überwältigen drohte. Es war, als lauerte eine verborgene Strömung darauf, mich hinaus ins tiefe Wasser zu ziehen, wenn sie mich erst richtig erfasst hatte.

Als ich in die Einfahrt zu seinem Apartmentkomplex einbog, trieben die ersten Schneeflocken herab; ich stieg aus, und sie landeten als kalte Küsse auf meinen Wimpern und glitzerten wie Diamanten im Wind. Ich rannte die Treppe hinauf, denn ich zitterte schon vor Kälte.

Chase erwartete mich in nichts als Boxershorts und einem schokobraunen, samtenen Morgenmantel, ein Lächeln auf dem Gesicht. Er ließ mich ein, lehnte sich an die Hausbar, und mir stockte der Atem, als ich die Glut in seinen dunklen Augen sah. Für einen VBM sah er verdammt gut aus.

»Hallo, Baby«, sagte er, und seine Stimme klang so glatt und weich, wie sein frisch rasiertes Gesicht aussah. »Womit kann ich dich glücklich machen?«

Ich wollte mit ihm über Trillian sprechen. Ich wollte ihm von dem Fall erzählen. Ich wollte ihm meine Sorgen wegen des Degath-Kommandos und des Jägermond-Clans anvertrauen, aber all das war wie ausgelöscht, als er eine Augenbraue hochzog.

»Fick mich«, sagte ich und ließ Handtasche und Jacke auf den Boden fallen. Mein Körper kribbelte, als er langsam auf mich zukam, und dann schlang er mit einer einzigen, fließenden Bewegung einen Arm um meine Taille und die andere Hand in mein Haar.

Er schob mich zum Schlafzimmer, wo er mich an die Wand stieß, um die Hände unter mein Top gleiten zu lassen und durch den BH meine Brüste zu kneten. Er war so groß wie ich, und unsere Blicke trafen sich und blieben aneinander haften. Ich liebte es, meine Kraft mit seiner zu messen, und obwohl ich locker gewinnen würde, falls es zu einem echten Kampf käme, war er alles andere als ein Schwächling.

Er hob mich hoch, warf mich aufs Bett und zog den Morgenmantel und die Boxershorts aus. Ich lehnte mich zurück und strich genüsslich mit einer Hand über meinen Bauch. Er starrte auf mich herab, muskulös und bretthart vor Begehren. Von diesem Blitzen in seinen Augen bekam ich Schmetterlinge in der Magengegend.

»Bein hoch«, befahl er.

Ich hob ein Bein an und erlaubte ihm, mir erst den einen, dann den anderen Stiefel auszuziehen. Ich hielt den Atem an, als er sich über mich beugte und mit den Lippen einen Kreis um meinen Bauchnabel zog, bevor er den Reißverschluss meiner Jeans öffnete. Der einzige Laut im Raum war das leise Rascheln von Stoff, der über meine Oberschenkel hinabglitt und dann zu Boden fiel. Mir stockte der Atem, als er meine Hand packte, mich hochzog, bis ich auf der Bettkante saß, und dann rasch hinter mich aufs Bett stieg. Er schlang die Beine um meine Hüften und drückte die Brust an meinen Rücken.

Ich erschauerte und hob die Arme, und er zog mir das Top über den Kopf. Als er meinen BH öffnete, lehnte ich mich an ihn und spürte die seidigen Härchen auf seiner Brust an meiner Haut. Er drückte leicht meine Brüste und zwickte dann plötzlich in die Brustwarzen. Ich schrie auf und wurde sofort nass, als seine Finger über meinen Bauch abwärts strichen und zärtlich mit den lockigen goldenen Härchen zwischen meinen Beinen spielten.

»O ihr Götter, hör nicht auf«, sagte ich mit heiserer Stimme. »Du machst mich wahnsinnig.«

Chase lachte. »So war das gedacht, Süße«, flüsterte er mir ins Ohr. »Ich wollte dich ganz heiß und wirr machen und die Situation dann schamlos ausnutzen.«

»Du, mich ausnutzen?«, erwiderte ich flüsternd, bevor ich mich flink wie eine Katze umdrehte und ihn rücklings aufs Bett drückte. Ich bestieg ihn, hielt mich aber kurz über ihm zurück, streichelte grinsend meine Brüste und spielte mit den Brustwarzen. »Willst du mich, Detective? Willst du mit dem Kätzchen spielen?«

Er schnaubte und verschränkte die Arme unter dem Kopf. »Baby, du weißt, was ich will.«

»Dann sag hübsch bitte.« Ich neckte ihn und ließ die Hüften über seinem steinharten Schaft kreisen. Er sah so köstlich knackig aus, dass ich mich kaum noch zurückhalten konnte.

Er grinste in gespielter Schüchternheit und sagte mir damit, dass ich ihn in der Hand hatte. »Komm schon, gib’s mir, Mädchen. Ich bin so hart, dass ich gleich explodiere.«

Ich ließ mich an ihm hinabgleiten, ganz langsam, nass vor Vorfreude, und er hob sich mir entgegen und drang tief in meinen erwartungsvollen Körper ein. Ich bog den Rücken durch, als wir einander Stoß um Stoß entgegenkamen. Chase schob die Hand zwischen uns und massierte mit einem Finger meine Klitoris, während ich ihn ritt. Mit der anderen Hand liebkoste er meine Brust.

»O Große Mutter, nicht aufhören«, flüsterte ich, während schwindelerregende Begierde in Wogen durch meinen Körper brandete. »Härter, bitte, fick mich härter.«

Er warf mich nach hinten und fiel über mich her; seine Hüften mahlten an meinen, und er stieß so tief in mich hinein, dass ich schreien wollte. Ich öffnete den Mund, um ihn anzuflehen, mich endlich zu erlösen.

Dann blinzelte ich und starrte plötzlich in die Augen von Zachary Lyonnesse; sein goldenes, jungenhaftes Gesicht blickte auf mich herab, als sei er eben aus einem wunderbaren Traum erwacht. Ich konnte ihn keuchen hören, während sein Hintern pumpte und sein dicker Schaft mit jedem Stoß weiter in mein Innerstes vordrang.

»Was zum Teufel...  ?«, schrie ich, doch als ich erneut blinzelte, starrte ich in Chases ausgesprochen verblüfftes Gesicht. Aber wir waren beide schon zu weit für lange Worte. Ich schwankte am Rand, bereit, in den Abgrund aus Dunkelheit und Feuer zu stürzen; ich schüttelte meine Verwirrung ab, zog ihn zu mir herab und teilte seine Lippen mit meiner Zunge, um den letzten Zweifel zu vertreiben. Wir küssten uns, fanden unseren Rhythmus wieder, und dann verblasste alles vor dem Augenblick reinster Ekstase.

 

Während wir auf dem Bett herumlümmelten, mit Käse, Crackern und Erdnussbutter auf einem Tablett neben uns, starrte ich nachdenklich auf das Laken. Chase tippte mir auf die Schulter. »Stimmt was nicht?«, fragte er. »Willst du mehr?«

Ich warf ihm ein knappes Lächeln zu. »Alles in Ordnung. Es war wundervoll. Ich mache mir nur Sorgen.« Das stimmte auch. Ob mein Flash von Zachary nur Phantasie oder eine Art übernatürlicher Verbindung gewesen war, wusste ich nicht. Wir waren beide Werwesen, deshalb war es durchaus möglich, dass wir uns irgendwie auf die Energie des jeweils anderen eingestellt hatten.

Wie auch immer, ich hatte vage Gewissensbisse, weil ich wusste, dass es dieses Bild von Zachary gewesen war, das mich zu einem intensiveren Orgasmus getrieben hatte, als ich ihn je zuvor erlebt hatte. Er war wild gewesen. Ursprünglich, ja primitiv.

Mir kam der Gedanke, dass es wohl so sein musste, wenn man mit einem Feenwesen schlief, und plötzlich verstand ich, warum die meisten Feen sich nur ungern mit Menschen einließen. Aber wie hätte ich Chase sagen können, was ich empfand?

Seufzend strich ich mir das Haar aus den Augen und beschloss, den Vorfall erst einmal zu vergessen. Wir hatten Wichtiges zu besprechen. Ich durfte es nicht länger aufschieben. Also erzählte ich Chase von Zacharys Besuch – wobei ich natürlich diese seltsame Anziehung nicht erwähnte – und meiner Unterhaltung mit Siobhan.

»Also, ich möchte dich bitten, erst mal Zachs Namen durch den Computer zu jagen und mir zu sagen, was dabei herauskommt, und genauso die Namen der Opfer. Ich wette zehn zu eins, dass mindestens drei der Opfer gar nicht darin auftauchen werden. Ich glaube, ihre Geburt wurde den Behörden nie gemeldet. Und könntest du dann deine Informanten abklappern, ob jemand etwas über den Jägermond-Clan weiß?«

Er notierte sich meine Fragen, lehnte sich dann zurück und tat einen tiefen Zug aus der Sprudelflasche. Als er den Arm hob, entdeckte ich ein frisches Nikotinpflaster an seiner Schulter. Zigarettenrauch – eigentlich so gut wie jede Art Rauch – war für Camille und mich nur schwer zu ertragen. Unsere Sinne reagierten chaotisch darauf. Menolly machte er nichts aus. Sie war ein Vampir, und Chase hätte neben ihr rauchen können wie ein Schlot, ohne dass sie sich darüber beklagen würde. Aber er hatte mir zuliebe mit dem Rauchen aufgehört, und seit unserer ersten gemeinsamen Nacht hatte er keine Zigarette oder Zigarre mehr geraucht. Er verbrauchte eine Menge Kaugummi und Pflaster, aber er hatte Wort gehalten. Ein weiterer Grund, weshalb ich nichts sagen wollte, was ihn verletzen würde.

»Kein Problem, Baby. Sonst noch was?«

»Ja. Würdest du die AND-Mediziner fragen, ob sie Siobhan untersuchen könnten? Sie muss unbedingt herausfinden, wo genau die Ursache für ihre Unfruchtbarkeit liegt. Und sie war sehr hilfsbereit, obwohl sie ganz offensichtlich schreckliche Angst hatte.«

»Klar doch. Ach, ich habe etwas für dich«, sagte er, und seine Augen leuchteten vor Aufregung.

»Was denn?« Chase kaufte mir ständig irgendwelche netten Kleinigkeiten, aber nicht ein einziges Mal hatte sich so ein Geschenk wie eine Bestechung oder Bitte angefühlt.

»Hier – mach es auf.« Er gab mir eine kleine Schachtel, an der oben eine rote Rose befestigt war.

Ich legte die Blume beiseite, nachdem ich den köstlichen Duft geschnuppert hatte, und öffnete neugierig die Schachtel. Vorsichtig klappte ich den Deckel zurück und schaute hinein. »Nein, das hast du nicht...  !« Ich brach in Lachen aus.

»He, keiner kennt meine Freundin so gut wie ich«, sagte er grinsend.

Ich zog das Tütchen mit Katzenminze-Mäusen heraus und schnaubte belustigt. »Habe ich dir heute eigentlich schon gesagt, wie toll du bist?«, fragte ich. Und wie ich da nackt in seinem Bett saß und in das Tütchen starrte, das vier mit Katzenminze gefüllte Spielmäuse enthielt, kamen diese Worte von Herzen. Diamanten konnte mir jeder kaufen. Ein Mann musste schon ein wahrer Schatz sein, wenn er sich überlegte, womit ich wirklich gern spielen würde.

Während ich mich anzog, fiel mir mein anderes Versprechen wieder ein. Ich seufzte tief. »Hör mal, Chase, Trillian war heute Morgen bei uns. Er hat gesagt, du wolltest ihn nicht allein in der Wohnung lassen, und er ist ziemlich sauer deswegen.« Ich zog mir das Top über den Kopf, wand mich in meine Jeans und hielt den Atem an, um den Reißverschluss hochziehen zu können. Während ich mir mit der Hand durchs Haar fuhr und mein Make-up überprüfte, zog Chase die Augenbrauen hoch und setzte sich neben mich auf die Bettkante.

Er hatte seine Bundfaltenhose sorgfältig wieder angezogen und knöpfte sich gerade das Hemd zu. Ich konnte immer noch nicht fassen, dass er lieber Anzüge als Jeans trug, aber so war Chase eben – außen Armani, innen Muskelshirt.

Er schnaubte. »Ja, glaubst du denn, ich könnte Trillian trauen, wenn er allein hier ist? Ich weiß gar nicht, was mich geritten hat, dass ich ihm vorgeschlagen habe, hier einzuziehen. Ich muss verrückt gewesen sein.« Er rückte seine Krawatte zurecht und strich mit den Fingern das wellige Haar zurück.

Ich biss mir auf die Zunge. Ich hätte ihm schon sagen können, warum er Trillian bei sich hatte einziehen lassen, aber das hätte nur einen weiteren Keil zwischen die Männer getrieben – und im Augenblick brauchten wir sie beide. Und wenn Trillian herausfand, dass ich sein Geheimnis ausgeplaudert hatte, würde er Chase vermutlich mit dem größten Vergnügen erzählen, dass auch ich ihn behext hatte. Ich war mir sicher, dass Chase gar nicht glücklich wäre, wenn er erfahren müsste, wie wir ihn zum Narren gehalten hatten.

»Er wird bald eine Wohnung finden, ganz bestimmt. Ich glaube, er möchte Camille mal mitbringen dürfen – sie ab und zu woanders sehen als nur bei uns zu Hause.« Sobald die Worte heraus waren, wurde mir klar, dass ich genau das Falsche gesagt hatte, aber jetzt konnte ich nicht mehr zurück.

Chase wurde blass. »Du meinst, er will sie hierher bringen, um mit ihr zu schlafen? Ich...  Ich glaube, ich würde mich nicht besonders wohl dabei fühlen, wenn ich wüsste, dass Camille...  ich meine, dass Trillian und Camille...  «

Ich zog eine Augenbraue hoch. Genau das hatte ich mir gedacht. Chase fühlte sich immer noch zu meiner Schwester hingezogen. »Du kannst ruhig über sie sprechen, wenn du willst«, sagte ich langsam und merkte dabei, dass ich das ernst meinte. »Es macht mir nichts aus, dass du sie attraktiv findest. Aber ganz im Ernst, denk nicht mal daran, einen Dreier vorzuschlagen, denn das kommt überhaupt nicht in Frage.«

Chase starrte mich an, einen unergründlichen Ausdruck auf dem Gesicht. »Habe ich dich je gebeten, über eine Ménage-àtrois nachzudenken? Nein. Und würde ich dich je darum bitten? Nein. Immerhin«, sagte er und lächelte schief, »könntet ihr zwei mich vermutlich in der Luft zerreißen, wenn euch irgendwas nicht passt. Aber sag mal, was findet sie eigentlich an ihm? Er ist ein Widerling, wenn du mich fragst.«

Ich runzelte die Stirn und überlegte, wie ich das komplizierte Liebesleben meiner Schwester am besten erklären könnte. »Trillian ist ein Svartaner. Reicht das nicht? Die Sexualmoral von Feen und Svartanern ist bestenfalls verwickelt, schlimmstenfalls düster und grausam. Zwerge und Elfen sind in puncto Sex viel menschenähnlicher als wir.«

»Was macht Svartaner denn so besonders? Und gilt das nur für ihre Männer?« Chase führte mich in die Küche, holte zwei Flaschen Mineralwasser aus dem Kühlschrank, öffnete eine und reichte sie mir, ehe er die andere aufmachte. »Ich habe Camille einmal danach gefragt, aber sie hat mir gleich eine Abfuhr erteilt. Ich hatte den Eindruck, dass sie glaubte, ich wollte ihrem Mister Aalglatt Konkurrenz machen.«

Ich lehnte mich an den Küchentresen und nippte mein San Pellegrino. Die Bläschen kitzelten mich in der Nase, und ich musste niesen. »Es sind nicht nur die Männer. Alle Svartaner besitzen eine angeborene sexuelle Anziehungskraft, die ungeheuer stark ist. Wenn man tatsächlich mit einem von ihnen schläft, entsteht dadurch eine Verbindung, die schwerer wieder zu brechen ist als jeder Vertrag, den Menschen sich je ausdenken könnten. Camille gehört Trillian – sie sind aneinander gebunden, und diese magischen Kräfte sind so stark, dass vermutlich nichts außer dem Tod sie brechen könnte.«

»Du meinst, sie sind auf einer magischen Ebene miteinander verbunden, die zufällig auch sexuell ist?«, fragte Chase.

»Genau so ist es. Als sie ihm davongelaufen ist, hat die Trennung ihn wahnsinnig gemacht, und Camille wäre daran beinahe zerbrochen. Normalerweise sollte Trillian das Band aber ganz leicht zerreißen können, wenn er sie verlassen will.«

»Warum tut er es dann nicht? Liebt er sie?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Das ist schwer zu sagen. Aber ich glaube, er kann sie nicht verlassen. Sie hat irgendetwas an sich – vielleicht hat die Kombination von Mondmagie und ihrem gemischten Blut etwas damit zu tun. Trillian ist ebenso stark an sie gebunden wie sie an ihn. Ich kann praktisch dafür garantieren, dass er sie nie wieder gehen lassen wird.« Ich sah Chase an, dass er versuchte, dieses Durcheinander zu verstehen, aber es fiel ihm schwer. »Warum ist dir das so wichtig?«

»Weil ich es wissen möchte, also erzähl es mir doch einfach.«

»Warum? Warum interessiert es dich, wie Trillian Camille sieht?« Der Gedanke, dass ich womöglich nur als Ersatz für meine Schwester hier war, ging mir durch den Kopf, und er gefiel mir gar nicht.

Doch diese Sorge vertrieb Chase sofort. »Weil sie deine Schwester ist, Delilah, und dir etwas bedeutet, also bedeutet sie mir auch etwas. Das gilt genauso für Menolly, obwohl ich nicht einmal so tun will, als hätte ich kein Problem damit, dass sie ein Vampir ist. Aber ich gebe mir Mühe. Ich versuche, deine Welt zu verstehen, und dazu gehört alles, was dir wichtig ist. Ich tue mein Bestes, um einen Platz in deinem Leben zu finden.«

Verblüfft starrte ich auf die Flasche in meiner Hand. Das war eine Antwort, die ich nicht erwartet hatte. »Es tut mir leid. Ich wollte nicht so brüsk zu dir sein.« Ich streckte die Hand aus und berührte ihn sacht am Arm. Er warf mir einen langen Blick zu, und ich lächelte. »Ich bin wohl im Moment etwas empfindlich. Also, zurück zu Trillian. Er ist seltsam, für einen Svartaner. Er hält sich nicht an die Spielregeln und hat in seinem Leben schon eine Menge hässlicher Dinge getan. Aber wenn es um Camille geht, schmilzt er einfach dahin. Er scheint sich nicht um ihre gemischte Abstammung zu scheren, was sehr merkwürdig ist, weil die Svartaner sonst so elitär sind. Ich nehme an, er liebt sie wirklich. Und Liebe ist ein Wort, das man mit den meisten Svartanern nicht in Zusammenhang bringt.«

Chase biss sich auf die Unterlippe. »Das hört sich an, als hätten Feen auf der sexuellen Ebene eine Verbindung, die Menschen nicht ganz verstehen können.« Seine Miene nahm einen nachdenklichen Ausdruck an. »Was ist mit dir? Vermisst du das nicht...  das Zusammensein mit jemandem deiner eigenen Art?«

Darum ging es hier also. Chase versuchte unauffällig herauszufinden, ob ich mit jemandem aus der Anderwelt schlafen wollte. Oder sonst jemandem, der kein Mensch war. Was bedeutete, dass er sich wirklich etwas aus mir machte. Ansonsten hätte ihm das ja egal sein können.

Ich dachte an meine Reaktion auf Zachary, und mir ging auf, dass Chase vielleicht allen Grund hatte, sich Sorgen zu machen. Scheiße – ich hatte heute überhaupt keine Lust, über so etwas nachzudenken. Ich wollte nur noch alles abschütteln und sagen: »Entspann dich! Muss denn alles so kompliziert sein?« Aber ich wusste, dass Chase mir das nicht abkaufen würde. Er wollte Antworten. Die Frage war: Würde es ihm gefallen, wie diese Antworten ausfallen könnten?

Frustriert versuchte ich, dem Unvermeidlichen auszuweichen. »Sex ist eine Art energetisches Kraftwerk für uns Feen. Aber bei den Svartanern geht das noch viel tiefer. Sex ist ein Teil ihres innersten Wesens, und jeder, mit dem sie schlafen, läuft Gefahr, nicht wieder von ihnen loszukommen. Camille hat sich freiwillig in diese Abhängigkeit begeben. Sie passt zu ihrem Wesen. Für mich oder Menolly wäre das nichts. Andererseits haben wir auch unsere Eigenheiten, was das Schlafzimmer angeht.«

Ich hatte Chase nichts davon erzählt, dass ich mich in meiner Katzengestalt mit Katern gepaart hatte. Irgendwie glaubte ich, dass er noch nicht so weit war, das zu erfahren. Und was Menolly anging: Weder Camille noch ich wussten, wie sie ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigte, jetzt, da sie ein Vampir war. Ich war auch nicht sicher, ob ich das wissen wollte. Die Antwort könnte mich zu Tode erschrecken.

Ich zögerte kurz und sagte dann sanft: »Chase, du weißt, dass Sex etwas Neues für mich ist. Du weißt, dass ich noch nicht mit jemandem von Vaters Art geschlafen habe. Das könnte irgendwann geschehen, wird es vermutlich auch. Aber jetzt bin ich mit dir zusammen. Jetzt bin ich damit vollauf glücklich und zufrieden. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich nur einem Mann treu sein werde. Noch nicht. Aber ich kann dir versprechen, dass ich es ehrlich meine, wenn ich sage, dass ich sehr gern mit dir zusammen bin. Du bist ein guter Mann, und sexy, und ich genieße das, was wir miteinander haben.«

Er brummte. Das Gespräch war wohl beendet.

»Also, wie kriege ich diese Ratte aus dem Haus, ohne aufgespießt zu werden?«, fragte er. »Der Kerl macht mich nervös.«

»Du könntest ihm helfen, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Trillian ist brillant, aber er hat keine Ahnung, wie man nach einer Unterkunft sucht, die sowohl seinen Bedürfnissen als auch seinem Säckel gerecht wird.«

Chase schnaubte. »Ich liebe es, wenn du so archaisch redest, Weib. Säckel; das Wort habe ich seit Jahren nicht mehr gehört. Aber du hast vermutlich recht – obwohl ich nicht wüsste, worin er so brillant sein sollte. Ich gehe mit ihm die Kleinanzeigen durch und helfe ihm suchen. Vielleicht habe ich ihn dann bald hier raus. Wozu ist er schließlich Svartaner – er kann doch verdammt noch mal seinen Charme aufdrehen und potentielle Vermieter dazu überreden, die Miete zu senken.«

Ich wollte schon sagen: »Wie kannst du so etwas vorschlagen?«, überlegte es mir aber anders und hielt den Mund. Chase und Trillian würden beide glücklicher sein, wenn dieser Mitbewohner-Quatsch beendet war.

»Ich sollte jetzt wirklich nach Hause«, sagte ich mit Blick auf die Uhr. »Und sollten Sie sich nicht bald wieder zum Dienst melden, Detective?«

Er warf mir ein schuldbewusstes Lächeln zu. »Ja, aber in letzter Zeit ist kaum was los. Soweit ich das mitbekomme, benehmen sich alle sehr brav. Ich lasse die Namen, die du mir gegeben hast, durch den Computer laufen und rufe dich heute Abend an, wenn ich etwas herausgefunden habe. Ach – wie heißt deine Freundin gleich wieder? Und gibst du mir bitte noch ihre Telefonnummer? Für die Ärzte.«

»Siobhan Morgan. Ihre Nummer ist fünf-fünf-fünf-siebendrei-zwei-fünf.«

Er notierte sich alles. »Siobhan, richtig. Ich bitte einen der AND-Mediziner, sie anzurufen, vielleicht können sie ihr tatsächlich helfen.« Er küsste mich zärtlich auf die Stirn, zog mich dann an sich und gab mir einen langen, tiefen Zungenkuss.

Als ich abbrechen und nach Luft schnappen musste, erbot er sich, mich zum Parkplatz zu begleiten. Der Schnee fiel nun dicht und schwer. Ich erschauerte. Der Winter war eine harte Jahreszeit; er legte filigrane Muster aus Frost über die Spuren des Herbstkönigs. Ich blickte auf den Boden, der bereits mit einer dünnen, weißen Schicht bedeckt war.

»Ich frage mich, wie lange das anhalten wird«, bemerkte Chase.

»Camille könnte es dir sagen. Sie ist eng mit dem Wetter verbunden. Blitze, Schnee, alles, was der Wind mitbringt – das spürt sie genau.« Ich öffnete die Tür meines Jeeps und setzte mich ans Lenkrad. »Wir hören uns nachher, Süßer.«

Chase winkte mir nach, als ich auf die Straße einbog. Während ich den Heimweg einschlug und die Flocken vom Himmel rieselten, hatte ich das scheußliche Gefühl, dass dieser Schneesturm nur der Vorbote eines größeren Unwetters war, das sich noch hinter dem Horizont verbarg.

∗∗∗ Als ich in der Einfahrt hielt, stand Camilles Lexus schon da, was bedeutete, dass sie die Buchhandlung früher geschlossen hatte als sonst. Ich eilte die Stufen hinauf und ins Haus, wo mir aus dem Wohnzimmer Gelächter entgegenschallte. Ich spähte um die Ecke und sah Iris und Camille, die einen gut vier Meter hohen Baum dekorierten. Er reichte fast bis zur Decke, und sie behängten ihn gerade mit kristallenen Monden, goldenen Sonnenscheiben und Elfenbeinkugeln mit glitzernder Goldborte.

»Iris, ich habe dein Päckchen aus der Boutique.« Ich hielt ihr die Schachtel hin.

»Großartig!« Sie deutete auf den Lehnsessel. »Das ist mein Mittwinter-Kleid. Leg es doch bitte auf den Sessel, ja? Wie findest du unseren Schmuck?«

Ich legte die Schachtel weg und blickte mich im schillernd geschmückten Wohnzimmer um. Eine Girlande aus aufgefädelten Preiselbeeren wand sich um den Baum. Sträuße aus immergrünen Zweigen, zusammengebunden mit dunkelroten Bändern und goldenen Girlanden, schwangen sich in Bögen unter der Decke entlang. Iris trat zurück und betrachtete mit glückseliger Miene ihr Werk. Sie klatschte in die Hände, und ein Stück Baumschmuck erhob sich in die Luft, blieb dort einen Augenblick hängen und flog dann vorsichtig aufwärts, um sich selbst an einem der obersten Zweige zu befestigen.

»Du und deine Herdmagie«, sagte ich grinsend. »Die ist echt praktisch.«

Sie nickte. »Worum es auch geht – wenn es irgendetwas mit Heim und Herd zu tun hat, stehen die Chancen gut, dass ich es verzaubern kann.«

Camille strahlte. Sie streckte einen Arm aus, und ich ging zu ihr und schlang einen Arm um ihre Taille; sie lehnte den Kopf an meine Schulter.

»Ich wünschte, Mutter wäre noch am Leben...  und könnte hier sein, um das zu sehen«, sagte ich sehnsüchtig. »Der Baum ist wunderschön. Du kannst dir sicher vorstellen, wie gut er ihr gefallen würde.«

»Ja, allerdings«, sagte Camille. »Vater ebenfalls. Wenn wir doch nur wüssten, wie es ihm geht. Ich mache mir solche Sorgen. Trillian ist in die Anderwelt gereist und will versuchen, etwas in Erfahrung zu bringen. Er wird Tante Rythwar aufspüren und sich vergewissern, dass es ihr gutgeht; vielleicht hat sie ja Neuigkeiten für uns.«

Mein Ärger verblasste. Trillian war schon in Ordnung, wenn man seine angeborenen Neigungen geflissentlich übersah. Er hatte uns mehr als einmal sehr geholfen, ja, er wäre sogar beinahe für uns gestorben. Und es sah ganz so aus, als würde er uns auch weiterhin beistehen.

Das Licht vor den Wohnzimmerfenstern erstarb, und das Geräusch einer zufallenden Tür drang aus der Küche zu uns. Und tatsächlich, gleich darauf glitt Menolly herein. Sie brauchte nie länger als einen Augenblick, um hellwach zu werden, und einen weiteren, um sich anzuziehen. Ihr Wecker war immer auf die Minute so gestellt, dass er bei Sonnenuntergang klingelte. Sie trug eine schwarze Cargo-Hose und ein kobaltblaues, langärmeliges Top mit V-Ausschnitt. Sie sah absolut umwerfend aus.

»Ihr wart ja fleißig«, sagte sie und schenkte uns ein Lächeln, das reichlich Zähne enthüllte. Ich schluckte gegen eine leichte Übelkeit an, denn ihre Fangzähne waren zum Teil ausgefahren.

»Deine Spitzen schauen raus«, sagte ich.

Sie blinzelte und fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. »Ups, Entschuldigung. Ich habe heute richtig Hunger. Ich gehe sicher früh auf die Jagd.«

Camille nickte, doch meine Aufmerksamkeit galt schon etwas anderem. Eines der Schmuckstücke am Baum war ein wunderschöner, elfenbeinfarbener Pfau mit einem langen, glitzernden Schwanz. Irgendetwas an den Federn ließ mich nach Luft schnappen. Meine Nase zuckte. O verflucht. Ich versuchte mich umzudrehen und Camille zu warnen, doch es war zu spät. Der Raum begann um mich herumzuwirbeln, und schwindelig stürzte ich in den wartenden Strudel. Ein Kreisel aus Chaos, ein Verbindungspunkt zwischen Körpern und Gestalten, entzog sich meiner Kontrolle, und ich fiel in mich selbst zusammen, durchquerte Wirklichkeiten und Dimensionen.

Flash. Groß und blond und auf zwei Beinen, weder Mensch noch Fee, sondern eine seltsame Mischung, die zu einer dritten, ganz eigenen Rasse wurde. Hände schrumpften zu Tatzen zusammen, Fingernägel zu Krallen. Der Rücken wurde länger, Ohren verformten sich. Eine Woge sinnlichen Genusses breitete sich in mir aus, als ich den Kopf zurückwarf und mich der herrlichen Verwandlung hingab, die mich in einem Strom mit sich riss, gegen den ich ohnehin nicht ankam.

Flash. Goldenes Fell auf vier Beinen, weder Katze noch echtes Werwesen, sondern eine Mischung aus Blutlinien und Magie, die sich zu Fleisch vereinen. Alles veränderte sich, der Raum wurde größer, ich kleiner. Farben verblassten, als ich in eine Welt fiel, in der die einzigen Konstanten verschiedene Grautöne waren. Die Luft war plötzlich erfüllt von Gerüchen. Camilles Parfüm, Iris’ Zimtkaugummi, die Tannennadeln, der Duft des Abendessens aus der Küche...  Alles roch so unglaublich stark, dass mir beinahe schwindelig davon wurde.

Und dann blinzelte ich, und es war geschehen.

Ich blickte auf meine Beine hinab, auf das goldene Fell, das sich in der leisesten Luftströmung bewegte. Ich war wieder zu Hause. Manchmal wünschte ich, ich müsste mich nie wieder zurückverwandeln. Das Leben war leichter, Entscheidungen viel einfacher, und die Welt schien ganz klar und leicht verständlich. Wandling, so hatten die Kinder mich früher in der Schule genannt. Wandling, hatten sie mich verhöhnt. Und mich Wandling hatten sie beneidet, weil sie wussten, wie sehr ich mein Alter Ego genoss und wie ungern ich jedes Mal wieder zurückkam.

Dann übernahm der Instinkt die Kontrolle, und ich schüttelte die Erinnerungen ab. Das große Wohnzimmer versprach herrlich aufregende Spiele, und ich starrte auf die hellen, glänzenden Spielzeuge, die gerade außerhalb meiner Reichweite baumelten. Die Girlanden, die in Bögen an den Wänden hingen, waren ja so verführerisch. Und der Baum – oh, der Baum! Er war ein prachtvoller Berg, der mich lockte, ihn zu besteigen, und eine ganze Sammlung von Spielzeug wartete dort oben nur darauf, gejagt zu werden. Meine Nase zuckte, und ich stieß einen Laut aus, der halb Schnurren, halb Miauen war.

Ich konnte mich nicht beherrschen. Ich flitzte los und raste wie verrückt im Zimmer herum, denn das schien mir gerade das einzig Richtige zu sein.

Camille versuchte mich zu packen, aber sie war so groß und plump, und ich wich mit einem empörten prrp zur Seite aus, ein orangerot-goldener Blitz aus Fell. Auf keinen Fall würde sie mich von meinen Plänen abhalten – wie auch immer die aussehen mochten. Das würde ich dann schon merken, wenn es so weit war.

Ich schoss zwischen ihren Beinen hindurch, sie stolperte, und ich hörte ein verschwommenes: »O Scheiße!« Der Boden erbebte, als ihre Schienbeine gegen den Couchtisch krachten, und sie stürzte mit einem lauten »Auu!« quer über den Tisch.

Menolly sprang vor, um mir den Weg abzuschneiden. Ihre Reflexe waren besser als meine, also schlug ich einen scharfen Bogen nach links, und meine haarigen Pfoten schlitterten über den Boden, als ich heftig abbremste und dann schnurstracks auf den Baum zuhielt.

Jetzt war Iris an der Reihe, aber ein vierbeiniges Wunderwesen wie ich konnte jedem alten Hausgeist davonlaufen. Ich sprang über ihren Kopf hinweg und landete in den unteren Ästen des Baumes. Sobald ich die Zweige unter meinen Pfoten spürte, fuhr ich die Krallen aus und kletterte höher, ohne mich um das Klirren zerbrochenen Baumschmucks zu scheren.

Während ich immer höher stieg, allmählich etwas verzweifelt – ich war nämlich nicht mehr sicher, was ich hier eigentlich wollte –, verklebte immer mehr Harz mein Fell.

O Mist, alle würden furchtbar sauer auf mich sein. In wachsender Panik arbeitete ich mich zur Spitze des Baumes hoch und fand eine Stelle, an der ich mich verkriechen konnte, direkt unter einem zarten, fünfzackigen Stern, der glitzerte wie das Feuerwerk am Geburtstag der Königin. Nervös spähte ich durch die Zweige. Ich fühlte mich sicher in meiner kleinen Höhle aus Tannenzweigen und konnte von hier aus den ganzen Raum überblicken.

Sehr beeindruckt von meiner eigenen Leistung, begann ich zu schnurren.

Unten herrschte helle Aufregung. Iris grummelte in irgendeinem seltsamen finnischen Dialekt etwas vor sich hin, das nicht jugendfrei klang, während Camille mir mit dem erhobenen Zeigefinger drohte.

»Komm auf der Stelle da herunter, Delilah! Hörst du? Ich weiß, dass du verstehst, was ich sage!« Sie stemmte die Hände in die Hüften und funkelte mich an.

Vage gereizt, stieß ich ein lautes Jaulen aus. Im selben Moment erschreckte mich ein Geräusch, und ich drehte hastig den Kopf und sah Menolly ganz in meiner Nähe unter der Decke schweben.

Verfluchtes...  lautloses...  Vampirdings...  was auch immer das für eine Fähigkeit war.

Sie griff nach mir und flüsterte: »Komm, Kätzchen, komm mit mir«, doch ich beschloss, auf ihre Hilfe zu verzichten. Wenn sie mich unbedingt von dem Baum haben wollten, würde ich von dem Baum runtergehen, aber auf meine Weise. Vorsichtig schlich ich auf meinem Tannenzweig entlang nach außen, aber er war zu dünn, und ehe ich mich versah, verlor ich den Halt und schlitterte die Tanne hinunter, dabei riss ich sämtlichen Weihnachtsschmuck mit, der in meiner Bahn hing.

Iris schrie, und ich hörte Camille etwas rufen. Dann prallte ich hart auf den Boden auf, und vor lauter Schreck verwandelte ich mich sofort zurück. Viel zu schnell offenbar, denn ich war immer noch in die abgeknickte Zweige verstrickt, und als meine Beine länger wurden, lag ich sehr ungünstig.

»O Scheiße, Vorsicht!«

Menollys Stimme drang in mein vernebeltes Hirn vor. Ich starrte blinzelnd auf den Haufen Scherben und abgeknickter Zweige, auf dem ich lag, und blickte gerade rechtzeitig über meine Schulter, um zu sehen, wie die knapp vier Meter hohe Tanne sacht schwankte und dann anmutig in meine Richtung kippte.

»Aus dem Weg!«, kreischte Camille, und sie und Iris flohen in den Flur. Menolly zuckte in der Luft zusammen und stürzte zu Boden, als ihre Konzentration unterbrochen wurde. Und was mich anging – ich kam mir vor wie in einem Alptraum, in dem ich wusste, dass etwas Schreckliches passieren würde, aber wie gelähmt war und nichts tun konnte, während die Ereignisse in Zeitlupe ihren Lauf nahmen.

Ich hielt einen Arm über den Kopf und drückte das Gesicht in den Teppich, als die Tanne mitsamt dem Schmuck herunterkrachte, quer über meinem Rücken landete und mich mit piksigen Zweigen und Glasscherben bedeckte. Der Wassereimer, in dem der Baum gestanden hatte, kippte ebenfalls um, das Wasser schwappte über den Boden und durchweichte meine Beine und Füße. Ich atmete ganz langsam und wartete darauf, dass sich das Chaos legte.

»Delilah! Delilah, bist du verletzt?« Camilles panische Stimme endete in einem kehligen Kreischen, links von mir.

»Kätzchen? Kätzchen?« Menolly spähte von rechts durch die Äste, wobei sie gut auf spitze Äste aufpassen musste, die als natürliche Pflöcke fungieren könnten. »Lebst du noch?«

Es gelang mir mit Mühe, eine Antwort zu krächzen. »Wenn ich nicht mehr leben würde, was würdest du dann tun? Mich in einen Vampir verwandeln?«

»Das könnte ich nicht, wenn du schon tot wärst. Camille könnte es vielleicht schaffen, dich zu zombifizieren, aber –«

»Das war ein Scherz, verdammt noch mal!« Ich wand mich, um unter dem Baum hervorzukommen. Bis jetzt hatte ich nicht den Eindruck, dass ich mir irgendetwas gebrochen hatte. »Helft mir hier raus.«

Menolly hob den Baum hoch, und Camille zog mich auf die Füße und klopfte mich ab. Ich war mit Harz und kleinen Kratzern bedeckt. Vorsichtig bewegte ich Beine und Arme, rollte dann den Kopf hin und her und zuckte probeweise mit den Schultern. »Nichts gebrochen«, sagte ich.

»Vielleicht hätten wir das Ganze besser durchdenken sollen«, bemerkte Camille und betrachtete traurig den umgestürzten Baum.

»Hat Mutter den Baum nicht immer an der Zimmerdecke befestigt, als wir noch klein waren?«, warf Menolly ein.

Ich errötete, verlegen und zugleich trotzig. Ich konnte nun mal nichts dafür, dass ich helles, glitzerndes Spielzeug so unwiderstehlich fand. Als ich noch klein gewesen war, war es viel, viel schlimmer gewesen. »Tja, ich sollte in der Weihnachtszeit wohl lieber nicht shoppen gehen, sonst könnte es schnell hässlich werden.«

Die Vorstellung, an Dutzenden bis obenhin vollgehängten Bäumen vorbeizugehen, war bereits mehr, als ich verkraften konnte. Zumindest war es dieses erste Mal zu Hause passiert, wo ich mich einfach in mein Zimmer schleichen konnte, ohne dass die ehrbaren Bürger Seattles mit dem Finger auf mich zeigten und mich als Grinch, den Weihnachts-Spielverderber, beschimpften.

Während wir das Chaos musterten – Iris hatte tatsächlich ein paar Tränen in den Augen –, klingelte das Telefon. Iris ging dran, und ich sah seufzend zu, wie Menolly den Baum wieder aufrichtete. Camille brachte eine Rolle starken Draht und einen großen Schraubhaken und reichte beides Menolly, die zur Decke hinaufschwebte und die Tanne – die keinen größeren Schaden genommen hatte – gegen weitere Missgeschicke sicherte. Ich wollte gerade Schaufel und Besen holen, als Iris den Kopf um die Ecke schob.

»Telefon für dich, Delilah. Ich mache hier sauber. Und morgen kaufe ich neuen Baumschmuck«, erklärte sie. Ich sah ihr an, dass sie böse auf mich war. Sie hatte schwer geschuftet, um das Wohnzimmer so schön zu schmücken, und ich hatte keine fünf Minuten gebraucht, um ihr Winterwunderland zu ruinieren. Meine Erfolgsbilanz wurde immer besser. Oder schlechter, je nachdem, wie man es betrachtete.

»Ich telefoniere in der Küche«, sagte ich und eilte mit einem geflüsterten »Tut mir leid« an ihr vorbei. Als ich zum Telefon griff, betrachtete ich durch das Küchenfenster den immer noch fallenden Schnee und war ziemlich überrascht, Zachs Stimme zu hören.

»Delilah?« Er klang atemlos – seltsam für ein Werwesen, das so fit war, wie Zach aussah.

»Ja, ich bin dran. Was gibt’s?« Seine Stimme ließ mir einen unangenehmen Schauer über den Rücken laufen. Plötzlich kam mir der Gedanke, dass er vielleicht anrief, um mich um ein Date zu bitten, doch ich schob ihn rasch beiseite.

»Ihr kommt doch morgen hier heraus wie ausgemacht, oder?«

»Ja«, sagte ich, und der drängende Unterton in seiner Stimme sagte mir, dass etwas nicht in Ordnung war. »Was ist los? Ist etwas passiert?«

»Es hat einen weiteren Mord gegeben«, sagte er. »Einer unserer Wächter ist auf seiner Patrouille getötet worden. Er wurde in der Nähe der Arrastra gefunden, genau wie die anderen. Delilah, wir müssen herausfinden, wer dahintersteckt, ehe hier alle umkommen.«

Während ich das Telefon anstarrte, entdeckte ich eine Spinne, die an der Wand hochkrabbelte. Ohne auch nur darüber nachzudenken, klatschte ich die flache Hand darauf und zerquetschte sie.

»Wir werden da sein«, sagte ich und blickte auf das Blut und die Eingeweide auf meiner Haut, ehe ich mir die Hand mit einem Stück Küchenpapier abwischte. »Zachary, lass niemanden mehr allein nach draußen. Ich an deiner Stelle würde alle zurückrufen, sie sollen heute Nacht drinnen bleiben.«

»Ja«, sagte er, doch er klang frustriert. »Es passt mir nicht, unsere Grenzen ungeschützt zu lassen. Also gut, es bleibt nur die Wache am Haupttor, und die verdoppeln wir von zwei Mann auf vier.« Er machte eine kurze Pause und sagte dann: »Wir sehen uns also morgen Abend.«

»Bis dann«, sagte ich und legte auf. Wir mussten mehr über den Jägermond-Clan herausfinden. Und ich kannte nur eine sichere Methode – aber der Gedanke daran ließ mir das Blut gefrieren.

Uns blieb nur ein Besuch beim Herbstkönig, der über die Zeit des Opferns und des Sterbens herrschte. Er war der Herr der Spinnen und Fledermäuse, des raschelnden Laubs und der kühlen, nebligen Nächte – der Herr und Meister von Väterchen Frost. Der Herbstkönig lebte in einem Palast aus Eis und Flammen hoch oben in den Nordlanden, die man nur erreichen konnte, indem man auf dem Nordwind ritt. Aber wenn uns irgendjemand mehr über diesen Werspinnen-Clan sagen konnte, dann er. Und sehr wahrscheinlich würde er für seine Hilfe einen stolzen Preis verlangen.