Kapitel 17

 

Iris, lauf! Hol Hilfe!«

Bevor er sie schlagen konnte, warf ich mich zu Boden und rollte mit vollem Schwung von hinten gegen seine Beine. Der Psychoschwafler wankte, kippte nach vorn und fluchte laut auf Höllenisch – nicht zu verwechseln mit Hellenisch. Als er krachend auf dem Boden aufschlug, ging ich in die Hocke und rief den Blitz herab. Ich hatte keine Zeit, die Energie sich langsam und sicher aufbauen zu lassen, sondern befahl der knisternden Entladung, direkt vom Himmel herabzuschießen.

Der Dämon ließ seine Zunge hervorschnellen und richtete sich taumelnd auf. Seine Haut war wie eine Rüstung, schuppig und ledrig und rostfarben, und als er das Maul aufriss, konnte ich schillernde Tropfen an seinen Hauern und Zähnen sehen. Toll – der Junge hatte vergifteten Speichel, ein verbreiteter Zug bei Niederen Dämonen.

»Hässlicher Mistkerl bist du, was?« Ich spürte den kribbelnden Kuss der Blitze und öffnete mich weit ihrer Kraft. Als die volle Ladung durch meinen Körper knallte, musste ich darum kämpfen, bei Bewusstsein zu bleiben. Wenn ich jetzt ohnmächtig wurde, würde sich die Energie gegen mich selbst wenden und mich bei lebendigem Leib rösten.

Ich stand mühsam auf. Der Psychoschwafler tat es mir gleich, und wir standen einander gegenüber wie die Jukon-Kämpfer von den Inselreichen in der Anderwelt, die auf das Signal warteten, den Kampf zu beginnen. Wie bei den Jukon-Kämpfern ging es auch hier um Leben und Tod. Im Gegensatz zu den Meereskriegern war ich jedoch nicht bereit, jeden Moment zu sterben.

»Gib auf, Mädchen. Du kannst mich nicht besiegen«, sagte der Dämon mit belegter Stimme, die um seine dicke Schlabberzunge herumzischte.

Ich ignorierte den Spott und konzentrierte mich vollkommen, während sich die Ladung in meinem Körper aufbaute. Ich spürte, wie ich schreckenerregend in die Höhe wuchs und erste kleine Entladungen auf meiner Haut zischelten. Ich holte tief Luft, flüsterte ein Gebet an die Mondmutter, und sie beantwortete es. Stark, sie war sehr stark, und ihr silbriges Blut strömte durch meinen Körper, Blut zum Blute, Atem zu Atem, Fleisch zum Fleische. Mit einem letzten Atemzug hob ich die Hände. Er mochte ein Dämon sein, aber ich war halb Fee und ganz Hexe, und obwohl meine Kräfte manchmal einen Kurzschluss erlitten, rief ich doch den Mond und die Blitze herab, um meinen Willen zu tun.

Er zögerte, und seine Augen wurden schmal. »Hexe –«

»Verdammt richtig«, sagte ich. »Und du hast eine Grundregel der Höflichkeit vergessen. Nie, niemals eine Hexe reizen!« Dann ließ ich die Blitzenergie los. Zwei Blitze schossen aus meinen Händen und schlugen in seine Brust ein. Er grunzte und taumelte, und der Gestank verbrannten Fleisches drang mir in die Nase. Sofort bereitete ich den nächsten Angriff vor.

Er sprang auf mich los und schlug mit einer seiner Pranken nach mir, doch ich wich ihm geschickt aus. Der Dämon schlug noch einmal zu und verfehlte mich diesmal nur um Zentimeter. Hastig sprang ich beiseite und bemühte mich, das Gleichgewicht zu halten. Wenn ich nicht schnell Hilfe bekam, würde ich als Kebab enden.

Ich lauschte angestrengt in der Hoffnung, nahende Unterstützung zu hören. Nichts. Und dann – ein schwaches Klicken aus der Küche. Ich warf einen raschen Blick aus dem Fenster und sah, dass dank der dicken Wolkendecke die Abenddämmerung früh hereingebrochen war.

»Hey! Dämon! Komm her und küss mir den Arsch«, drang eine vertraute Stimme schneidend durch den Raum. Als der Psychoschwafler herumfuhr, erhaschte ich einen Blick auf Menolly mit scharlachrot glimmenden Augen und voll ausgefahrenen Reißzähnen. Als sie auf ihn zusprang, ließ ich einen weiteren Blitzstrahl los, diesmal auf seine Beine gezielt. Seine Haut war so zäh und dick, dass die Energie sie ein wenig versengte, doch ansonsten keinen Schaden anrichtete.

Donner grollte durch den Raum, als der Blitz durch seinen Körper zuckte. Menolly knurrte – Blitze würden ihr nichts anhaben, aber sie mochte sie nicht sonderlich. Dem Dämon gefielen sie noch weniger. Er wirbelte wieder herum, und seine Klauen zischten knapp an mir vorbei, doch er schaffte es, mich umzureißen und zu Boden zu schleudern. Ich kreischte, als er grinsend die Zähne bleckte, nur ein paar Fingerbreit vor meinem Gesicht, doch dann erhob er sich in die Luft wie an Fäden gezogen, und ich sah, dass Menolly, meine zierliche kleine Schwester, ihn mit einer Hand hochhob.

Ich machte, dass ich wegkam. Dann beobachtete ich, wie Menolly den Kopf in den Nacken bog und den Mund aufriss. Ihre Zähne glitzerten wie tödliche Nadeln. Vom Blutrausch überwältigt, schleuderte sie den Dämon zu Boden, fiel über ihn her und verbiss sich tief in seinem Hals. Der Psychoschwafler wehrte sich, doch sie hielt ihn nieder, und ich konnte die schmatzenden Geräusche hören, während sie ihm gierig das Blut aussaugte.

Mir war ein wenig übel, und ich beobachtete sie in morbider Faszination. Ich hatte Menolly noch nie trinken gesehen – jedenfalls nicht so. Ich hatte gesehen, wie sie das Blut von Fremden trank, doch sie ließ sie immer am Leben und beinahe unversehrt, wenn ich dabei war. Diesmal war ihre Absicht nicht zu trinken, sondern zu töten. Ich wusste ja, dass Vampire stark waren, aber mir war nicht klar gewesen, dass sie so stark waren. Und obwohl es hieß: Sein Leben oder unseres – der Anblick ihrer Blutgier machte mir zu schaffen. Ich schob meinen Ekel beiseite – hier war kein Platz für Gnade oder Mitgefühl. Der Psychoschwafler hätte uns alle getötet, wenn er die Chance dazu bekommen hätte.

Außerdem hatte ich jetzt mit meinen eigenen Problemen zu kämpfen. Ich begann zu zittern, Krämpfe durchzuckten mich. Blitze herabzurufen hatte seine Nachteile, und ich hatte in sehr kurzer Zeit sehr viele herbefohlen. Als ich an den Türrahmen sank, kam Morio hereingeschossen. Er überblickte rasch die Situation und kam direkt zu mir.

»Geht es dir gut?«, fragte er.

Ich nickte und verzog das Gesicht, als der Dämon gurgelte und dann erschlaffte. Menolly stand in einer unnatürlichen Haltung über ihn gebeugt, fast wie in der Mitte zusammengeklappt, auf den Zehenspitzen. Blut lief ihr übers Kinn... dunkles Blut, beinahe schwarz, aber dennoch Blut. Sie hatte einen wilden Ausdruck in den Augen und hob abwehrend die Hand, damit wir uns von ihr fernhielten.

»Kommt mir nicht zu nahe«, sagte sie heiser. »Ich bin gleich wieder da.« Sie glitt aus dem Wohnzimmer und zog sich in die Küche zurück.

»Ist sie in Ordnung?«, flüsterte Morio.

»Der Blutrausch hat sie noch im Griff«, sagte ich und zuckte zusammen, als ein Krampf meinen Rücken erfasste. »Verflixt, tut das weh. Menolly wird wiederkommen, sobald sie sich unter Kontrolle hat. Bis dahin könnten wir uns mal den Psychoschwafler näher ansehen.« Ich streckte mich und bog den Rücken durch, um die verspannten Muskeln zu lockern.

»Bist du bereit?«, fragte Morio.

Ich nickte, Morio deckte mir den Rücken, und ich trat langsam auf die am Boden liegende Gestalt zu und versetzte ihr einen leichten Tritt, um zu prüfen, ob noch Leben in ihr war.

»Ich glaube, er ist tot.« Morio kniete sich neben das Wesen. Vorsichtig drehte er den Kopf des Schwaflers hin und her. Aus zwei Bisswunden sickerte noch ein wenig schwarzes Blut, doch es sah aus, als hätte Menolly ihr Werk vollendet, indem sie ihm das Genick gebrochen hatte. Da er nichts von ihrem Blut hatte trinken können, würde er auch nicht zurückkehren. Zwei waren erledigt, blieb noch Bad Ass Luke.

»Tja, ein Problem weniger«, sagte ich und ließ mich im Hausflur auf die Bank sinken. »Holen wir Tom herein und überlegen uns, wie wir ihn unbemerkt in den Wayfarer schmuggeln können. Luke ist noch irgendwo da draußen, und er ist schlimmer als die Harpyie und der Psychoschwafler zusammen. Meinen Vater hätte er beinahe getötet, und dann ist er der gesamten Division ohne einen Kratzer entkommen.«

Ein Geräusch schreckte mich auf, aber es war nur Menolly, die um die Ecke lugte. »Ist er tot?«, fragte sie mit ernster Stimme.

»Ja, ist er. Bist du okay?« Sie sah noch blasser aus als sonst, und ich fragte mich, wie Dämonenblut einem Vampir bekommen mochte.

Schulterzuckend sagte sie: »Ich glaube schon. Was für ein ekliger Geschmack. Mir ist ziemlich schlecht, um ehrlich zu sein. Ich glaube, ich werde das Zeug lieber schnell wieder los.« Damit kehrte sie in ihren Keller zurück. Ich wollte ihr folgen, aber ich wusste, dass sie jetzt allein sein wollte. Wer hat schon gern Zuschauer, wenn er seine letzte Mahlzeit von sich gibt? Offenbar galt das auch für Vampire.

»Morio, hol alle rein. Ich suche nach Maggie und Iris.«

»Iris ist in Sicherheit. Sie ist hinaus zum Auto gelaufen, als du sie weggeschickt hast.« Er versetzte dem Dämon noch einen Tritt, nur zur Sicherheit. Der Psychoschwafler rührte sich nicht. »Bin gleich wieder da«, sagte er und ging zur Tür.

In der Hoffnung, dass niemand auftauchen würde, um den Leichnam abzuholen – Bad Ass Luke beispielsweise –, näherte ich mich vorsichtig der Küche. Die Geheimtür stand offen, und ich ging langsam die Treppe hinunter. Als ich Menollys Zimmer betrat, hörte ich Würgen aus der Blutkammer. Toll, dachte ich, als es mir ebenfalls den Magen umdrehte. Jetzt war ich nur noch einen üblen Geruch davon entfernt, mich selbst übergeben zu müssen. Allein bei der Vorstellung, wie Dämonenblut schmecken musste, wurde mir übel, und aus irgendeinem Grund war ich froh, dass sie es offensichtlich nicht vertrug. Natürlich wollte ich nicht, dass ihr schlecht wurde, aber . . .

»Muuf, muuf... «

Der Laut kam aus dem Spalt zwischen Menollys Bett und der gegenüberliegenden Wand. Ich eilte hinüber. In ihrer kuscheligen Kiste spielte Maggie hellwach mit einem Zauberwürfel. Sie hatte die Lösung noch nicht gefunden, fand es aber offenbar sehr lustig, an der Ecke zu lutschen. Sie streckte die Ärmchen nach mir aus, und ich nahm sie auf den Arm.

»He, mein Schätzchen. Hat Iris dich hier heruntergebracht?«

»Als der Dämon kam, dachte ich, hier würden wir halbwegs sicher sein.« Iris stand auf der untersten Stufe. Sie war die Einzige außer uns drei Schwestern, die den geheimen Eingang zu Menollys Zimmer kannte, und sie hatte Stillschweigen geschworen.

»Das war klug von dir«, sagte ich. »Ich bin so froh, dass ihr beide unverletzt seid. Was ist denn passiert?« Als sie antworten wollte, hob ich die Hand. »Nein, warte, sag es uns lieber gleich allen zusammen. Gehen wir nach oben. Menolly kommt in ein paar Minuten nach.«

Ich vergewisserte mich, dass der Zugang zu Menollys Versteck geschlossen war, und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Delilah und Chase saßen auf dem Sofa, Wisteria lag, noch immer gefesselt und geknebelt, zwischen ihnen auf dem Boden. Morio hielt am Fenster Wache. Tom saß im Schaukelstuhl und sah verwirrt und ein bisschen müde aus.

Ich ließ mich mit Maggie auf dem Arm vor Delilah auf dem Boden nieder und dehnte vorsichtig meinen Nacken. Wenn ich ein VBM gewesen wäre, hätte ich jetzt mindestens einen gebrochenen Knochen, wenn nicht ein gebrochenes Genick. Wie die Dinge standen, würde ich so bald wie möglich eine gute Massage brauchen. Ich lehnte mich an Delilahs Beine, und sie begann mir die Schultern zu kneten. Maggie gab wieder ihr Muuf von sich und kuschelte sich tiefer in meine Arme. Erst sprach keiner ein Wort, dann fingen alle auf einmal an zu reden.

»He – immer langsam, Leute. Bitte nur einer auf einmal. Ich kriege gerade heftige Kopfschmerzen, und von diesem Bodycheck des Psychoschwaflers tut mir alles weh.« Ich reichte Maggie an Delilah weiter und stand vorsichtig auf.

In diesem Moment betrat Menolly den Raum und fing meinen Blick auf. Wir sprachen kein Wort, verstanden uns aber auch so. Wenn sich die Situation beruhigt hatte, würden wir beide uns ausführlich über den Tod des Psychoschwaflers unterhalten. Aber zunächst einmal bedeutete ich ihr, sich zu setzen.

Menolly blickte auf Wisteria hinunter. »Was macht die denn hier? Und warum ist sie gefesselt?«

Ich schüttelte den Kopf. »Wart’s ab«, sagte ich. Wir mussten darüber sprechen, was wir herausgefunden hatten, doch mir kam der Gedanke, dass es ein ziemlich dämlicher – und womöglich tödlicher – Fehler wäre, das in Wisterias Gegenwart zu tun. Wir mussten sie irgendwo unterbringen, um offen reden zu können, aber ich wollte sie nicht an einem Ort allein lassen, wo Bad Ass Luke oder einer seiner Kumpel sie finden könnte.

»Wir müssen uns etwas für Wisteria überlegen«, sagte ich und zeigte auf die Floreade. Ihre Augen funkelten, und ich hatte das Gefühl, dass sie die erste sich bietende Gelegenheit nutzen würde, jeden einzelnen von uns auszulöschen.

»Ich finde immer noch, wir sollten sie einfach töten«, sagte Morio ungerührt. »Sie ist eine Gefahr für unsere Mission und für uns persönlich. Wir können nicht riskieren, dass sie freikommt.«

Ich wusste ja, dass er recht hatte, aber noch mehr Tod und Zerstörung konnte ich im Augenblick nicht ertragen. Ich warf Menolly einen Blick zu, die die Floreade immer noch mit verwunderter Miene anstarrte.

Delilah runzelte die Stirn. Sie sah Morio an und schüttelte energisch den Kopf. »Das können wir nicht tun, obwohl es die einfachste Lösung wäre. Das Beste wäre, wir übergeben sie dem AND, damit die sich um sie kümmern. Sie können ihr vielleicht nützliche Informationen entlocken, durch die noch mehr Spione aufgedeckt werden.«

»Spione? Darum geht es also?«, fragte Menolly. Sie ging auf Wisteria los. »Du hast spioniert, während der ganzen Zeit, die du in der Bar gearbeitet hast? Jocko hat dir vertraut! Wenn du irgendetwas mit seinem Tod zu tun hast –« Sie fuhr die Reißzähne aus und fauchte vor Zorn. »Ich warne dich, auch wenn kein warmes Blut durch deine Adern fließt, kann ich dich ebenso leicht töten wie eine Fliege an der Wand!«

»Moment mal!« Meine Kopfschmerzen waren nun voll ausgebrochen, und ich wollte mich nur noch unter der Bettdecke verkriechen. »Menolly, sie ist mitschuldig an Jockos Tod, ja, aber ich glaube nicht, dass sie wusste, was die Dämonen vorhatten. Lebendig nützt sie uns mehr als tot. Aber wir müssen einen Platz finden, an dem wir sie verwahren können, solange wir uns unterhalten.«

»Das ist alles?«, erwiderte mein zartes Porzellanpüppchen von einer Schwester und versetzte der Floreade ohne zu zögern eine Ohrfeige, von der sie glatt k. o. ging. »Bitte sehr. Problem gelöst. Leg sie ein paar Minuten in den Salon, solange wir uns unterhalten, wenn dir ihre Anwesenheit immer noch Sorgen bereitet.«

Delilah zog eine Augenbraue hoch, reichte Maggie an Chase weiter, stand wortlos auf und half Morio, die reglose Floreade in das andere Zimmer zu tragen. Ich folgte ihnen und wünschte, wir könnten jemanden erübrigen, der sie bewachte, aber da das nicht ging, zog ich nur die Vorhänge zu und ließ die Tür einen Spaltbreit offen.

Als wir zum Wohnzimmer zurückgingen, nahm Delilah mich kurz beiseite. »Menolly ist heute ganz schön hitzig. Was ist denn passiert?«

»Sie hat den Psychoschwafler getötet, als der mich angegriffen hat. Vielleicht macht Dämonenblut übererregbar.«

Als wir uns im Wohnzimmer niederließen, überlegte ich weiter. Was konnte Dämonenblut sonst noch bei einem Vampir anrichten, außer dass ihm schlecht wurde? Menolly ernährte sich vom Abschaum der menschlichen Gesellschaft. Hatte das Blut dieser Übeltäter irgendeinen negativen Einfluss auf sie? Darüber hatte ich noch nie nachgedacht, und ich nahm mir vor, sie später danach zu fragen, wenn wir dieses ganze Fiasko hinter uns hatten.

Morio und ich berichteten, was bei Toms Haus geschehen war, und machten ihn möglichst sanft mit Menolly bekannt. Sie nickte ihm ruhig zu, während Iris sofort an seine Seite eilte.

»Möchten Sie eine schöne Tasse Tee?«, fragte sie ihn, wie immer die Fürsorge in Person.

Er lächelte sie vage an und nickte. »Danke. Sehr gern.«

»Iris, erzähl uns erst, was hier passiert ist, dann könntest du uns allen Tee kochen, wenn du so freundlich wärst.« Ich zwinkerte ihr zu, und sie schenkte mir ein strahlendes Lächeln. Es war schön, jemanden um sich zu haben, der seine Freunde gern bemutterte. Seit dem Tod unserer eigenen Mutter waren viele Jahre vergangen. Und Iris sah zwar sehr jung aus, war aber viel älter als wir.

Sie holte tief Luft, stieß sie langsam wieder aus und faltete die Hände im Schoß, als wollte sie ein Gedicht aufsagen. »Ich habe Maggie gerade ihren letzten Rest Frühstück gegeben, als ich ein Geräusch im Wohnzimmer gehört habe. Ich habe vorsichtig hineingeschaut, den Dämon gesehen, und bevor er mich riechen konnte, habe ich mir Maggie und ihre Kiste geschnappt und –« Sie hielt inne und warf Chase und Morio einen Blick zu. »Und habe uns da versteckt, wo du mich gefunden hast. Ich habe dich gehört, als du mit ihm gekämpft hast, und bin herausgekommen, um dir zu helfen.«

Die Talonhaltija hatten sehr gute Ohren; sie konnten eine Maus auf hundert Meter Entfernung genau orten. Es überraschte mich nicht, dass sie mich selbst hinter dem geschützten Geheimgang gehört hatte. Ich war ihr dankbar dafür, dass sie Menollys Versteck nicht verraten hatte, und räusperte mich.

»Soweit wir wissen, war der Psychoschwafler allein«, sagte ich. »Was bedeutet, dass Bad Ass Luke sich vermutlich beim Wayfarer versteckt. Ich frage mich, ob er eine Möglichkeit hat, festzustellen, dass sein Kumpel gerade ins Gras gebissen hat.«

»Du glaubst, sie könnten eine telepathische Verbindung haben?«, fragte Chase.

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung. Beim AND hat sich lange niemand mehr mit Dämonen befasst, außer dem Regiment meines Vaters, und von denen ist er der einzige Überlebende. Dämonen haben alle möglichen Kräfte, und sie genießen es, damit anderen zu schaden. Ich wünschte nur, wir hätten besser aufgepasst, als Vater uns von seinem Kampf mit Luke erzählt hat. Vielleicht würde irgendetwas aus dieser Geschichte uns jetzt helfen.«

Ich blickte zu meinen Schwestern auf. »Könnt ihr euch an irgendetwas erinnern, das nützlich wäre?« Vielleicht hatten sie besser zugehört als ich.

Menolly lehnte sich auf ihrem Sessel zurück. »Nur, dass er dabei fast ums Leben gekommen wäre.« Sie sog die Unterlippe zwischen die Zähne. »He, erinnert ihr euch daran, was er über das Schwert gesagt hat? Der Dämon hatte ein Schwert mit einer Feuerklinge.«

Feuerklinge? Was? Und dann fiel es mir wieder ein. Vater hatte tatsächlich etwas von Bad Ass Luke und einem feurigen Schwert gesagt.

»Das stimmt. Vater hat erzählt, Bad Ass Luke hätte zehn Gardesoldaten mit einem einzigen Schlag gefällt – sämtlich uralte Sidhe, die schon Schlachten überlebt hatten, in denen zahllose andere gefallen waren. Und Luke hat es geschafft, sie alle mit diesem Schwert zu töten. Eine leuchtende Klinge aus Feuer mit einem geschnitzten, beinernen Heft.«

»Scheiße.« Delilah ließ die Schultern hängen. »Das hatte ich ganz vergessen. Ich weiß nur, dass Vater gesagt hat, was immer er auch versucht habe, es hätte so ausgesehen, als sei Luke ihm jedes Mal einen Schritt voraus.« Sie blickte zu mir auf. »Das klingt nicht gut, oder?«

»Nein, nicht unbedingt«, brummte ich. Eine Feuerklinge? Die Fähigkeit, die Bewegungen des Gegners vorherzusehen? Beides war für sich schon entmutigend, aber gemeinsam jagten sie mir eine Scheißangst ein. Ich hüstelte und versuchte, ein paar positive Worte zu unserer Situation zu finden, doch alles, was ich herausbrachte, war: »Vielleicht sollten wir die ganze Sache noch mal überdenken. Womöglich sucht Schattenschwinge nur nach einem hübschen Plätzchen, um mal Urlaub zu machen.«

»Schön wär’s«, sagte Morio. »Habt ihr irgendeine Möglichkeit, von hier aus Kontakt zum AND aufzunehmen? Denen von dem Psychoschwafler zu berichten?«

Chase sah mich an. »Ihr habt einen Flüsterspiegel, oder?«

Ich wies zur Treppe. »In meinem Arbeitszimmer. Kommt. Bringen wir es hinter uns. Aber irgendjemand muss hier unten bleiben und auf Wisteria und Tom aufpassen.«

Ich warf einen Blick auf unseren Gast, der im Schaukelstuhl eingeschlafen war. Sein Kopf ruhte an der Lehne, und er schnarchte leise.

Morio hob die Hand. »Iris und ich bleiben hier und halten Wache. Geht, schnell. Wir sollten uns hier nicht mehr lange aufhalten.« Er bezog seinen Posten am Fenster, und Iris ging in die Küche, um sich zu vergewissern, dass die Hintertür verschlossen und mit Bannen gesichert war. Talonhaltija waren Geschöpfe mit vielfältigen Talenten, und Iris war besonders begabt. Für einen Hausgeist hatte sie außerdem eine verdammt harte magische Linke.

Ich ging voran, und Delilah, Chase und Menolly folgten mir. Chase blickte sich neugierig um. Eines musste ich ihm lassen: Seit er sich mit Delilah vergnügte, hatte er nicht mehr versucht, mit mir zu flirten. Er hatte doch mehr Klasse, als ich ihm noch vor ein paar Tagen zugetraut hätte.

Mein Arbeitszimmer diente mir als der Raum, in dem ich an meiner Magie feilte, meine Tränke braute und viel Zeit in dem gemütlichen Lehnsessel mit Lesen verbrachte. Mein Flüsterspiegel stand in einer Ecke, mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Ich zog den Samt beiseite. Der Spiegel, etwa in der Größe eines Kosmetikspiegels, war aus Silber gearbeitet, das aus dem Nebelvuori-Gebirge stammte – dem Reich der Zwerge.

Das Silber war in einem Muster ineinanderverschlungener Bänder verarbeitet, mit zarten Rosen und Blättern, die den Rahmen zierten. Er war solider, als er aussah, dank der Magiergilde, und würde so lange halten, bis die daraufgelegten Zauber brachen oder die Stürme der Zeit die Welt abgetragen hatten. Das Glas war ebenfalls mit Zaubern versehen, doch ein harter Schlag von einem magischen Wesen konnte es zerbrechen.

Der Spiegel funktionierte über Sprachsteuerung und war speziell auf die Frequenz unserer Stimmen eingestellt – die Einzigen, die ihn benutzen konnten, waren meine Schwestern und ich. Chase hatte einen ähnlichen Spiegel zu Hause. Der AND fand, dass er dort sicherer sei als in einem öffentlichen Bürogebäude, und Chase hatte strenge Anweisung, ihn geheimzuhalten, außer vor anderen AND-Mitarbeitern. Ich wusste, dass er ihn in einem verschlossenen Wandschrank aufbewahrte und ein hochempfindliches Überwachungssystem dafür installiert hatte.

Ich ließ mich auf den Stuhl gleiten und sagte: »Camille.«

Der Spiegel trübte sich. Wir warteten, und Delilah, Chase und Menolly drängten sich hinter mir zusammen. Nach einigen Augenblicken sagte eine Stimme auf der anderen Seite des Glases: »Was kann ich für Euch tun?«

»Erdwelt-Abteilung, erstatte Meldung.« Wie gesagt, Menschen hatten den Sidhe nichts voraus, was die Bürokratie anging. Der Nebel lichtete sich, mein Spiegelbild verschwand und wurde durch ein Gesicht ersetzt, nach dem ich mich schon seit Monaten sehnte.

»Vater!« Ich wäre fast vom Stuhl gesprungen, doch das entsprach nicht dem Protokoll. Ich zwang mich, still sitzen zu bleiben. Immerhin war er ein ranghoher Offizier, und wir schuldeten ihm den gebührenden Respekt. Außerdem würde er es melden, wenn ich nicht die korrekte Verfahrensweise einhielt, und das Letzte, was ich brauchte, waren noch mehr negative Einträge in meiner Akte.

Delilah jedoch konnte sich nicht beherrschen. Sie hüpfte hinter mir winkend auf und ab. Menolly beugte sich über meine Schulter und sog gierig den kleinen Ausschnitt der Anderwelt ein. Heimweh troff von ihrer Aura, dick wie Honig, und in diesem Augenblick erkannte ich, dass sie von uns allen am meisten verloren hatte, indem sie diesen Posten angetreten hatte.

»Camille!« Vater erlaubte sich ein Lächeln, und seine Augenwinkel legten sich in Fältchen, als er sich vorbeugte. Er war ein gutaussehender Mann, der nach menschlichen Maßstäben jung wirkte, doch er war viel älter als jeder Mensch, der auf Erden wandelte. Abgesehen von Tom Lane. Er war mittelgroß, schlank und fit, langgliedrig und muskulös, und er trug das blauschwarze Haar zu einem langen Zopf geflochten. Mein Haar hatte genau dieselbe Farbe, und meine violetten Augen hatte ich auch von ihm. Es überraschte mich, dass er sich nie eine Freundin gesucht hatte. Unsere Mutter war schon sehr lange tot, doch er traf Frauen nur auf Partys und bei anderen gesellschaftlichen Anlässen.

»Ich bin so froh, euch zu sehen, Mädchen«, sagte er. »Ich habe mich heute freiwillig für den Kommunikationsdienst gemeldet, weil ich Husten habe, aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich tatsächlich Gelegenheit bekommen würde, mit euch zu sprechen.« Sein Blick huschte über Delilah, Menolly und Chase. »Meine Mädchen, wie geht es euch?«

Ich stieß ein langgezogenes Seufzen aus. »Hast du Trillian gesehen? Lebt er? Hat er dir erzählt, was hier vor sich geht?«

Bitte, bitte, bitte, dachte ich, bitte sag mir, dass Trillian noch lebt.

Vater nickte. »Ja. Er ist schwer verletzt, aber er lebt. Die Ärzte haben es geschafft, die Vergiftung zu behandeln.« Er warf einen Blick über die Schulter, beugte sich dann zum Spiegel vor und senkte die Stimme. »Ich sorge dafür, dass er morgen durch Großmutter Kojotes Portal zu euch zurückkehrt. Ihr müsst euch um ihn kümmern, bis er sich vollständig erholt hat, und das wird mindestens einen Monat dauern.«

Ich atmete auf. »Den Göttern sei Dank. Aber warum entlassen sie ihn so schnell von der Krankenstation?«

»Die Götter hatten mit seiner Rettung nichts zu tun«, erklärte Vater kopfschüttelnd. »Du darfst dich bei den Sanitätern bedanken, die große Mühen auf sich genommen haben – trotz ihrer persönlichen Abscheu –, um ihn am Leben zu erhalten. Wir stecken in Schwierigkeiten, Camille, und ich fürchte, er wird in Y’Elestrial nicht mehr lange sicher sein. In ein paar Tagen hier... gibt es keine Sicherheit mehr für seinesgleichen.«

Ich verengte die Augen. »Was ist da los? Das Hauptquartier scheint es überhaupt nicht zu kümmern, dass wir es hier mit einer potenziellen Katastrophe zu tun haben. Die Anderwelt – die Erde – beide Welten sind in großer Gefahr. Dämonen schleichen sich auf die Erde und suchen nach den Geistsiegeln, um die Portale zu sprengen. Schattenschwinge bereitet einen Krieg vor, er will über die Erdwelt und die Anderwelt herfallen. Und uns steht ein Kampf mit Bad Ass Luke bevor.«

Vater nickte knapp. »Ich weiß. Trillian hat es mir gesagt. Was ist seit dem Kampf mit dem Fellgänger geschehen? Schnell, und lass ja nichts aus.«

Ich erklärte ihm rasch, was seitdem passiert war.

»Und ihr habt Tom jetzt bei euch?«

»Ja«, sagte ich, »er sitzt unten. Morio bewacht ihn – ein Yokaikitsune, Großmutter Kojote hat ihn uns zur Unterstützung geschickt. Den Göttern sei Dank, dass sie sich dazu durchringen konnte, denn Morio hat uns mehr als einmal den Arsch gerettet. Aber Bad Ass Luke läuft noch da draußen herum, und wir sind sicher, dass er uns angreifen wird, bevor es uns gelingt, Tom durch das Portal im Wayfarer zu bringen.«

Vater runzelte nachdenklich die Stirn. Ich warf einen Blick zu Delilah, die hingerissen in den Spiegel starrte. Menolly ebenfalls, obwohl sie noch immer ihren Zorn Vater gegenüber unterdrückte – wegen seiner Reaktion auf sie, nachdem sie in einen Vampir verwandelt worden war. Wir alle brauchten Trost, und Vaters Gesicht war das Tröstlichste, was uns seit ein paar Tagen begegnet war.

Als mein Blick auf Chase fiel, der ein Stückchen hinter uns stand, merkte ich, dass ich ihn noch gar nicht vorgestellt hatte. »Entschuldigung, ich habe ganz vergessen, was sich gehört«, sagte ich. »Vater, das ist Chase Johnson. Chase ist der zuständige Beamte für AND-Angelegenheiten. Chase, das ist unser Vater, Sephreh ob Tanu. Er ist Mitglied der Garde und Stellvertretender Delegierter beim Militärischen Rat.«

Vater grüßte Chase mit einem knappen Nicken. »Unser System von Familiennamen wäre für Sie nur schwer nachvollziehbar. Nennen Sie mich doch Hauptmann Sephreh.«

Chase räusperte sich und straffte die Schultern. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Sir. Ich wünschte nur, die Umstände wären andere.« Er zappelte nervös herum und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, und ich unterdrückte ein Lachen. Die Eltern kennenzulernen, war eben immer ein bisschen peinlich.

»Was würdest du uns raten?«, fragte ich. »Kannst du uns irgendeinen Tipp geben, der uns helfen würde, Bad Ass Luke zu besiegen? Wenn er schlimmer ist als der Psychoschwafler, stecken wir in gewaltigen Schwierigkeiten.«

Vater wirkte bedrückt und rutschte auf seinem Stuhl herum. Schließlich beugte er sich ganz dicht zum Spiegel vor und senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Ich habe hin und her überlegt, ob ich euch das sagen soll, aber nun muss ich es wohl tun. Hof und Krone sind in Aufruhr, und der AND ist praktisch sich selbst überlassen.«

»Was ist da los?«, fragte ich, und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. »Bist du in Gefahr?«

Er schüttelte den Kopf. »Macht euch um mich keine Sorgen. Für den Augenblick bin ich sicher, aber es ist etwas geschehen, das jede Abteilung der Regierung betreffen wird, auch das Militär. Schattenschwinge hat sich den perfekten Zeitpunkt für seinen Angriff ausgesucht.«

Ich fuhr mir mit der Zunge über die trockenen Lippen und fürchtete mich beinahe davor, zu fragen, doch es musste sein. »Was ist passiert?«

»Bei Hofe herrscht das Chaos. Königin Lethesanars Schwester hat offen Anspruch auf den Thron erhoben. Tanaquar wirft der Königin vor, sie sei so von Drogen benebelt, dass sie nicht mehr regieren könne. Und Tanaquars Anspruch wird von vielen unterstützt, darunter natürlich all jene, die Lethesanar je gedemütigt, beleidigt oder bestraft hat. Wir stehen kurz vor dem Bürgerkrieg, und bis sich die Lage geklärt hat, bezweifle ich, dass irgendjemand außer den ältesten Kriegern der Garde sich für Gerede über Dämonen und Invasionen interessieren wird.«

Ich starrte ihn mit offenem Mund an.

»Bürgerkrieg? Aber... die Königin ist der Hof.«

»Wer steht noch hinter Tanaquar, außer den Opfern der Königin?«, fragte Delilah.

Ich blickte zu ihr auf. »Das ist eine gute Frage. Wer, Vater?«

Vater seufzte leise. »Deshalb schicke ich Trillian zu euch zurück, sobald er halbwegs stehen kann. Die gesamte Stadt Svartalfheim übersiedelt aus den Unterirdischen Reichen in die Anderwelt, um Schattenschwinge zu entkommen. Sie haben mit Tanaquar darüber gesprochen, was da unten vor sich geht, und sie hat versprochen, etwas gegen die Dämonen zu unternehmen, wenn die Svartaner ihr helfen, die Krone zu erringen. Sie haben sich gegen Lethesanar verbündet. Trillian hat mich vor ein paar Tagen informiert. Er wollte mir Gelegenheit geben, mich in Sicherheit zu bringen.«

Ich konnte gar nicht fassen, was er da sagte, und sog scharf den Atem ein. »Hast du das dem Hof berichtet?« Mein Vater war der loyalste Krieger der Garde. Wenn er diese Information für sich behalten hatte, dann konnte ich sicher sein, dass demnächst die Hölle losbrechen würde.

Er schüttelte den Kopf. »Camille... Mädchen... Ich bin Hof und Krone treu ergeben, aber Lethesanar hat die Stadt entehrt. Durch ihre Missachtung der Bürger hat sie den Namen Y’Elestrials besudelt. Seit ihr abgereist seid, ist es viel schlimmer geworden. Wer der Königin widerspricht, dem droht die Folter, ganz gleich, wer er ist. Die Opiumgelage der Krone stürzen die Stadt in den Ruin. Dies ist nicht die Krone, der ich den Treueeid geschworen habe.«

Mein Vater war ein zutiefst ethischer Mann. Er würde Hof und Krone treu bleiben – nur nicht notwendigerweise der Person, die die Krone trug.

»Gestern hat Tanaquar ihre Vorwürfe öffentlich vorgebracht, und am selben Tag trafen die Gesandten aus Svartalfheim ein. Die Königin kocht vor Zorn und hat alle Svartaner aus der Stadt verbannt, aber sie kann sie nicht daran hindern, in die Anderwelt einzuwandern. Sie haben schon Gespräche mit den Zwergen geführt und auch mit denen ein Bündnis geschlossen. Und du weißt ja, wie sehr die Elfen ihre dunklen Brüder hassen, aber die Elfenkönigin glaubt die Geschichten über Schattenschwinge offenbar auch, denn sie hat mit dem König von Svartalfheim einen Waffenstillstand geschlossen.«

Ich starrte in den Spiegel und konnte nicht begreifen, was ich da hörte. Ein solches Bündnis hatte es in der Geschichte der Anderwelt noch nicht gegeben. »Heilige Scheiße. Vater, wir müssen Tom in die Anderwelt zurückbringen – weder er noch das Geistsiegel sind hier sicher.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich kann dir sagen, was ich über Bad Ass Luke und seine Schwächen weiß, aber du darfst das Geistsiegel nicht nach Y’Elestrial bringen. Die Königin würde versuchen, es gegen ihre Schwester einzusetzen, so sinnlos das auch wäre.«

Ich blickte entsetzt in den Spiegel, und eine Woge der Hilflosigkeit überrollte mich. »Was sollen wir dann tun? Wo können wir es verstecken?«

Er starrte mich mit undurchdringlicher Miene an. »Schafft es durch Großmutter Kojotes Portal. Auf dieser Seite wird es von der Großen Bärenmutter bewacht und gehört nicht zum Zuständigkeitsbereich des AND. Von dort aus bringt ihr es zu Asteria, der Elfenkönigin. Sie hätte vom Besitz des Siegels die geringsten Vorteile, und ich denke, ihr könnt ihr vertrauen. Sagt niemandem beim AND, was ihr wisst. Tötet Luke und meldet das als Zwischenfall ohne weitere Bedeutung.«

Ich wusste, wie sehr es ihn schmerzte, hinter dem Rücken des AND zu operieren. Aber ich wusste auch, dass unser Vater uns nicht befehlen würde, so etwas zu tun, außer unser aller Leben hing davon ab.

Ich nickte und lehnte mich zurück. »Wie du befiehlst, Vater. Jetzt erzähl uns von Luke. Hat er denn Schwächen?«

Mein Vater schloss die Augen; er sah müde und ausgelaugt aus. »Ich erzähle euch noch einmal, was passiert ist, als ich gegen ihn gekämpft habe, aber ich fürchte, diesen Dämon zu eliminieren, wird das Schwerste sein, was ihr je getan habt«, begann er.