Kapitel 3

 

Große Mutter, seht nur, was ihr angerichtet habt!« Vorsichtig näherte ich mich Delilah, kniete mich hin und streckte die Arme aus. »Delilah? Miez, miez, miez... komm her.«

Chase starrte wie gebannt auf die Katze. »Heilige Scheiße.« Er hatte sie schon einmal in ihrer Katzengestalt gesehen, aber noch nie den Prozess der Verwandlung beobachtet. »Was ist passiert? Haben wir Vollmond?«

»Nein, aber bestimmte Arten von Stress – vor allem Streit in der Familie – zwingen sie auch dazu, sich zu verwandeln. Manchmal kann sie die Gestaltwandlung kontrollieren, aber eben nicht immer.« Ich stürzte mich auf die verwunderte Katze, doch sie entwischte mir und kletterte mit ausgefahrenen Krallen den Vorhang hoch. Seufzend lehnte ich mich an den Kühlschrank. Es hatte keinen Zweck. »Menolly? Würdest du bitte?«

Menolly schnaubte. »Gut gemacht, Johnson«, sagte sie und näherte sich langsam dem Fenster. »Delilah, Süße? Ich komme zu dir rauf. Hab keine Angst!« Langsam stieg sie in die Höhe, als stünde sie auf einem Luftkissen. Delilah miaute, versuchte aber nicht zu flüchten, als Menolly sich der Vorhangstange näherte. Entschlossen griff sie zu und packte Delilah an dem hellblauen Halsband, in das sich ihre Kleidung immer verwandelte. »Komm schon, du kleines Dummchen«, sagte sie liebevoll.

Menolly hielt die Katze fest, bis sie wieder auf dem Boden stand, und reichte sie mir dann. Delilah schmiegte sich an meine Schulter, und ich kraulte sie hinter den Ohren. »Armes Schätzchen, ist schon gut. Ist gut«, murmelte ich leise.

Chase räusperte sich und fragte mit großen Augen: »Wie lange dauert es, bis sie wieder normal wird?«

»Wenn sie sich beruhigt, kommt sie wieder zurück«, antwortete ich.

»Hat sie das schon von Geburt an?«, erkundigte er sich.

Menolly überraschte mich, indem sie die Antwort übernahm. »Delilah ist als Werkatze geboren worden. Im Unterschied zu den anderen ihrer Art verwandelt sie sich nicht in eine große Raubkatze. Nur in unsere wunderschöne, kleine, wuschelige Tigerkatze.« Sie lachte tief und kehlig. Mit einem Blick zu Chase fügte sie hinzu: »Die anderen Kinder haben sie deswegen immer ausgelacht, als wir noch klein waren, und manchmal haben sie sie absichtlich geängstigt, damit sie sich verwandelt, weil sie ›mit dem süßen Kätzchen spielen‹ wollten. Irgendwann wurde es so schlimm, dass unsere Eltern sie von der Schule nehmen mussten.«

Chase schüttelte den Kopf. »Es gibt eine Menge Dinge an euch, die ich einfach nicht verstehe.«

»Was genau die Verwandlung auslöst, ist schwer festzustellen«, erklärte ich. »Ich habe erlebt, wie sie einige der fiesesten Verbrecher in der Anderwelt gestellt hat, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren, aber wenn wir drei uns mal streiten, ist sie plötzlich nur noch Fell und scharfe Krallen.«

Delilah miaute mir ins Ohr. Laut. Ich wandte mich Chase und Menolly zu und sagte leise: »Also, ihr zwei solltet eure Reibereien ein bisschen ruhiger austragen, denn sonst nehme ich die Sache in die Hand.«

Chase verdrehte die Augen. »Oh-oh. Da wird mir ja angst und bange. Was willst du denn tun? Dich ausziehen und nackt auf dem Tisch tanzen vielleicht?«

»Ich will davon nichts mehr hören, Johnson.« Ich hielt meine Stimme ruhig, doch er merkte, dass ich sauer war. »Menolly kann ich nicht viel anhaben, aber dich kann ich mit einem Zauber belegen. Hast du dir schon mal überlegt, wie man sich als Kröte so fühlt? Oder als Maus vielleicht? Möchtest du mal sehen, was Delilah mit niedlichen kleinen Mäusen macht?«

Menolly grinste, wobei sie die Fangzähne entblößte, und Chase wurde blass. »Sie meint es ernst, Johnson. Und da man bei ihr nie so genau weiß, wie ein Zauber ausgeht... Ich an deiner Stelle würde mich lieber entschuldigen.«

»Warum ich? Du bist genauso schuld daran, dass –«

»Himmel! Könnt ihr beide denn nicht fünf Minuten in ein und demselben Raum verbringen, ohne Streit anzufangen?« Erschrocken versuchte Delilah mir auf die Schulter zu klettern, wobei sie mir ein paar böse Kratzer zufügte, doch ich streichelte ihr den Hals und besänftigte sie. »Könnt ihr mal einen Abend friedlich bleiben? Bitte?« Ich starrte Chase durchdringend an.

Er stieß ein langgezogenes Seufzen aus. »Na gut, es tut mir leid. Ich werde ganz brav sein.«

Menolly schüttelte den Kopf. »Camille, wie üblich die Stimme der Vernunft.« Anmutig streckte sie Chase die Hand hin. »Ich ziehe auch meine Fangzähne ein.« Sie beugte sich zu Delilah vor und fügte hinzu: »Delilah, Süße, du brauchst keine Angst zu haben, ich trinke keinen Chase-Cocktail zum Abendessen.«

Chase trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. »Das geht mich ja vielleicht nichts an, aber wenn Delilah als Werkatze geboren wurde, bist du dann als Vampir auf die Welt gekommen?«, fragte er freundlich. »Ich habe keinerlei Hintergrundinformationen über euch, abgesehen davon, dass ihr halb menschlich und Schwestern seid. Verdammt, bis vor ein paar Jahren wusste ich nicht einmal, dass es Vampire überhaupt gibt. Oder Hexen und Werkatzen«, fügte er lächelnd hinzu.

Ich warf Menolly einen Blick zu. Sie zuckte mit den Schultern und ging zur Küche. »Erzähl du es ihm«, sagte sie, schon auf dem Weg hinaus.

Chase wartete, bis sie das Zimmer verlassen hatte. »Empfindliches Thema?«, fragte er.

»Das kannst du laut sagen. Niemand kommt als Vampir auf die Welt. Man wird zum Vampir gemacht, und so gut wie jeder kann verwandelt werden. Menolly war eine erstklassige Akrobatin – sie konnte an allem hochklettern. Meistens jedenfalls. Kurz nachdem der AND uns eingestellt hatte, hat sie den Auftrag bekommen, den Elwing-Blutclan auszuspionieren, eine Gruppe abtrünniger Vampire, die sich weigern, sich an die Regeln der Anderwelt zu halten. Sie haben einem höheren Vampir Unterschlupf gewährt, der in die Unterirdischen Reiche abgeschoben werden sollte. Die Elwing-Gruppe hat schon immer Ärger gemacht; ihretwegen haben alle Vampire so einen schlechten Ruf.«

Chase zog die Augenbrauen hoch. »Sind denn nicht alle Vampire böse?«

»Sie haben ihren Platz in der Ordnung der Dinge. Du wärst überrascht, wenn du wüsstest, wie viele es hier in der Erdwelt bereits gab, als wir herüberkamen. Aber, wie gesagt, der Elwing-Blutclan hält sich nicht an die Regeln. Menolly hat ihnen nachspioniert, als ihre Gabe des Kletterns plötzlich ausgesetzt hat – wieder dieses Problem, dass wir halb menschlich sind. Sie ist abgestürzt, und der Clan hat sie erwischt. Als sie herausgefunden haben, für wen sie gearbeitet hat, waren sie nicht eben gnädig.«

»Schlimm, was?«

»Schlimm ist gar kein Ausdruck. Die Methoden, derer sie sich bedienen, zerstören die Psyche ebenso wie den Körper. Nachdem sie Menolly gefoltert hatten, verwandelten sie sie in einen Vampir.«

Ich schloss die Augen und erinnerte mich an jenen Morgen, als sie nach Hause getaumelt war, mit zerschundenem Körper und einer Seele, die nicht mehr ihre richtige Seele war. Sie wollte mich angreifen, rannte dann hinauf in ihr Zimmer, schloss die Tür ab und schrie, ich solle Hilfe holen. Das war für viele Wochen der letzte Laut, den sie von sich gab. Der AND brauchte Monate, um ihre geistige Gesundheit wiederherzustellen.

»O Himmel, das ist ja übel.«

»Ja, das war es. Die Narben, die sie an ihrem Körper hinterlassen haben, werden für immer bleiben. Ich hoffe nur, dass ich die Narben in ihrem Herzen ein wenig heilen kann.«

»Und der AND hat sie trotzdem behalten?«

»Das ist eine lange Geschichte«, entgegnete ich seufzend. »Irgendwann erzähle ich dir den Rest. Im Moment versuche ich nur, ihr zu helfen, besser damit zurechtzukommen. Wieder Spaß am Leben zu haben, obwohl sie... na ja... tot ist.«

»Meinst du nicht ›untot‹?«, fragte Chase.

Ich grinste. »Definitionen sind ein gefährliches Pflaster.«

Nach einer kurzen, verlegenen Pause kehrte Menolly aus der Küche zurück. Sie ging im Esszimmer auf und ab; ihre Stiefel klapperten im Stakkato-Rhythmus auf dem Dielenboden. »Also, Chase, zur Sache. Ich bin sicher, dass ich alles gemeldet habe, was mir seltsam erschien. Wenn wir einen Verräter in unserer Mitte haben, dann ist er verdammt geschickt darin, sich zu verbergen. Ich kann Untote riechen wie du die Muschi meiner Schwester... «

Chase blinzelte.

Sie schnaubte. »Ach, schau nicht so unschuldig drein. Du sabberst Camille schon hinterher, seit wir hier angekommen sind. Es ist mir ziemlich egal, was du dir dabei denkst, solange du sie nicht anfasst. Sie will dich nicht, und je eher du das akzeptierst, umso besser. Aber der Punkt ist: Ich kann Untote aufstöbern. Ich kann auch die Spur von ein paar Dämonen aufnehmen, aber damit stecke ich noch in den Kinderschuhen.« Sie beugte sich über seine Schulter, so dass ihr Haar seinen Nacken kitzelte. »Ich erkenne Untote, weil ich eine von ihnen bin.« Als ihre Hand auf seiner Schulter landete und die Nägel sich ganz leicht in den Anzug gruben, erbleichte Chase.

»Ja, das habe ich verstanden.«

Menolly pustete ihm ins Ohr und kitzelte es mit ihrer Zunge, ehe sie ihm ein unheimliches Lächeln zuwarf. Chase schaffte es, verängstigt und erregt zugleich dreinzuschauen.

»Gut.« Sie schlenderte zurück zu ihrem Platz. »Was ich euch zu sagen versuche, ist, dass ich im Wayfarer die Einzige von der unheimlichen Truppe bin. Es gibt keine anderen Untoten bei uns. Und wenn der Mörder ein Dämon ist – aus den Unterirdischen Reichen oder sonst woher –, dann muss er zu einer Rasse gehören, die ich noch nicht aufspüren kann. Was bedeutet, dass es sich um einen Höheren Dämon handelt.«

Eine weitere unangenehme Pause, und Delilah hörte auf zu schnurren. Ihre Nase zuckte, ihre Schnurrhaare kitzelten meine Hand, und ihr Fell begann Wellen zu schlagen. Ehe ein Missgeschick, das ich nicht unbedingt noch einmal erleben wollte, sich wiederholen konnte, setzte ich sie hastig neben meinen Stuhl auf den Boden. Die Luft schimmerte; einen Augenblick später stand Delilah da und blinzelte. »Entschuldigung«, sagte sie und streckte den Nacken. Sie leckte sich rasch die Hand und sagte dann: »Das wollte ich nicht.«

»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, sagte ich. »Menolly weiß, was passiert, wenn sie dir Angst einjagt.«

Menolly grinste und starrte zur Decke.

Ich ließ einen Löffel an meinem Kelch klimpern. »Ich bitte um Aufmerksamkeit – da der kleine Zwischenfall jetzt vorbei ist, können wir wieder zur Sache kommen?« Ich blickte auf und bemerkte, dass Chase Delilah anstarrte, mit einem rätselhaften Ausdruck in den dunklen Augen. Ich deutete auf sein Notizbuch und fragte: »Was hast du sonst noch für uns?«

Er schlug das Heft auf. »Eine Sache noch. Der Agent, mit dem ich beim AND gesprochen habe, hat seinen Posten für einen Moment verlassen, und jemand anders hat auf einmal seinen Platz eingenommen. Ein Kerl mit pechschwarzer Haut und silbernem Haar – sah ziemlich gefährlich aus. Er hat mir eine Nachricht für dich persönlich mitgegeben, Camille.« Chase schluckte. »Er hat gesagt, er würde mir die Eier abreißen, wenn du sie nicht bekommst.«

Sein Gesichtsausdruck war unbezahlbar, aber ich konnte mir nicht einmal ein Lächeln abringen. Mein Herz begann zu rasen, und Bilder flackerten in meinem Kopf auf, dunkel und leidenschaftlich. Mist! Ich wusste genau, von wem Chase da sprach.

»Trillian arbeitet für den AND? Das ist unmöglich. Die würden ihn nie einstellen.« Ich warf einen Blick auf Menolly und Delilah, die beide die Stirn runzelten.

Chase starrte mich ebenfalls finster an. »Du weißt, wer dieser Kerl ist?« Ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Er hat gesagt, ich zitiere: ›Gerüchten zufolge herrscht Aufruhr in den unteren Tiefen. Es soll einen neuen Herrscher geben, der wesentlich mehr Ambitionen hat als der Biesttägger. Verlass dich nicht auf Unterstützung von zu Hause.‹«

Ich bekam eine Gänsehaut an den Armen. »Nach allem, was ich zuletzt gehört habe, hat der Biesttägger in den Unterirdischen Reichen geherrscht. Beförderungen gibt es da unten nur über die Leiche des Vorgesetzten, also hat der Biesttägger vermutlich Bekanntschaft mit dem Messer eines Meuchelmörders gemacht. Hat Trillian sonst noch etwas gesagt?« Einerseits betete ich darum, er möge mir auch eine persönlichere Nachricht geschickt haben – andererseits wäre jeder Schritt in Richtung dieses finsteren Pfuhls, aus dem ich mich mit Mühe und Not befreit hatte, keine so kluge Idee.

Chase lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und steckte die Hände in die Taschen. »Ja. Er hat gesagt: ›Richte Camille aus, dass Schattenschwinge die Macht an sich gerissen hat und dass er auf dem Kriegspfad ist.‹ Sagt dir das irgendetwas?«

»Schattenschwinge?« Menolly sog scharf den Atem ein, und Delilah stieß ein ängstliches »Oh« aus. Ich erwiderte Chases gespannten Blick. »Bist du sicher?«

Er nickte. »Was habt ihr denn? Ihr schaut drein, als hättet ihr ein Gespenst gesehen.« Er schnitt eine Grimasse. »Das nehme ich zurück. Vermutlich seid ihr eng mit einem befreundet.«

Ich ließ mich auf meinem Stuhl zurücksinken. Die Gedanken an Trillian waren mir vergangen. Der Name Schattenschwinge war in der Anderwelt nur allzu bekannt. Er war ein mächtiger Dämonenherr, der seinen Aufstieg durch die Ränge der unteren Tiefen mit unbegreiflicher Gnadenlosigkeit vorangetrieben hatte. Nichts konnte ihm lange im Weg stehen. Er verfolgte das, was er wollte, bis er es bekam, und er versagte nie. In der Anderwelt fürchtete man seinen Namen schon seit Hunderten von Jahren, wenn auch aus sicherer Entfernung.

Nach allem, was ich über Schattenschwinge gehört hatte, tat er unmissverständlich seine Meinung kund, dass die Menschheit ausradiert werden sollte. Vater hatte uns erzählt, dass der AND Hof und Krone seit Jahren anflehte, der wachsenden Unruhe dort unten mehr Aufmerksamkeit zu widmen, doch die Königin war zu tief in ihre Opiumträume versunken, um sich darum zu scheren. Nun, da Schattenschwinge an die Macht gelangt war, schwebten sowohl Erdwelt als auch Anderwelt in Gefahr.

»Ich glaube, der AND würde daran nicht einmal denken wollen, aber meint ihr, es besteht die Chance, dass Jockos Tod etwas mit Schattenschwinges Aufstieg zu tun hat?« Ich verzog das Gesicht, als ich meine Schwestern ansah.

»Scheiße.« Menolly ließ sich auf ihrem Stuhl zurücksinken. »Das ist das Letzte, worüber ich nachdenken möchte.«

Delilah blinzelte. »Vielleicht reagieren wir völlig übertrieben? Vielleicht ist das nur die willkürliche Tat irgendeines bescheuerten Dämons, der es geschafft hat, erdseits steckenzubleiben?«

Ich starrte sie an. »Hast du die Nachricht denn nicht gehört, die Trillian uns geschickt hat?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Sie war von Trillian. Was soll ich dazu sagen?«

Ich ließ das Thema fallen. Keine meiner Schwestern mochte meinen Ex, aber eine Stimme in meinem Inneren flüsterte mir zu, dass wir auf der Spitze des Eisbergs standen und einen Feind anstarrten, der viel gewaltiger war als alles, womit der AND es je zu tun gehabt hatte. Nachdem wir einen merklich gedämpften Chase hinausgeleitet hatten, setzten wir uns wieder an den Tisch und dachten gründlich über die ganze Situation nach. Wenn Schattenschwinge in den Unterirdischen Reichen tatsächlich das Ruder übernommen hatte, dann war unser Job soeben wesentlich gefährlicher geworden. Ganz zu schweigen davon, dass für mich noch eine persönliche Angelegenheit hinzukam: Trillian war wieder da, und er hatte ausgerechnet mir eine Botschaft gesandt. Wie war er überhaupt zum AND gekommen? Die akzeptierten Svartaner ebenso wenig als Mitarbeiter, wie meine Familie ihn damals akzeptiert hatte.

Mein Magen knurrte vor Hunger. Ich schob meinen Stuhl zurück, ging zum Kühlschrank und holte einen Laib Vollkornbrot heraus, eine Packung Hühnerbrust in Scheiben, Schweizer Käse und eine Schüssel Tomaten. Delilah wurde wieder munter, als ich zwei große Sandwiches machte und ihr eines davon reichte.

»Also, wir müssen ein paar Entscheidungen treffen«, sagte ich und setzte mich wieder an den Tisch. »Ich weiß, dass Jockos Mörder entweder ein Dämon war oder engen Kontakt mit einem Dämon hatte. Dieser Riemen ist völlig von dem Gestank durchdrungen.«

Menollys Augen wurden schmal. »Die Frage ist, hat Schattenschwinge die Hand im Spiel, oder ist der Dämon ein Einzelgänger? Und sind vielleicht auch Sterbliche in die Sache verwickelt? Menschen, Feen, irgendjemand, der mit dem Status quo unzufrieden ist?«

»Hat in den letzten paar Nächten jemand im Wayfarer eingecheckt, so unwahrscheinlich er als Verdächtiger auch sein mag? Vielleicht ein Gestaltwandler?«

Sie runzelte die Stirn und trommelte mit ihren langen Fingernägeln auf der Tischplatte herum. »Ein paar, aber die waren in der Überprüfung sauber, alle eindeutig aus der Anderwelt. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie nur gut und anständig sind. Zu Hause gibt es schon ein paar ziemlich zwielichtige Gestalten... «

Ich nickte. Die größten und bösesten Scheusale hausten zwar in den Unterirdischen Reichen, aber die Anderwelt hatte auch ihre Nörgler und Aufrührer, und nicht alle passten in das friedliche Bild. »Hatte Jocko denn hier irgendwelche Freunde?«, fragte ich.

»Freunde?« Menolly schnaubte. »Er war sehr beliebt bei den Frauen. Er war riesig bestückt, und anscheinend waren die VBM-Frauen verrückt nach ihm. Ich weiß, dass er mit einer von ihnen besonders viel Zeit verbracht hat. Sie heißt... Moment, ich komme gleich darauf«, sagte sie nachdenklich. »Ach ja, Louise. Louise Jenkins.«

»Weißt du, wo sie wohnt?«, fragte ich.

»Keine Ahnung.« Menolly schüttelte den Kopf.

»Okay, wir tun Folgendes. Delilah, du bist die Privatdetektivin. Finde so viel wie möglich über diese Jenkins heraus. Wo sie wohnt, mit wem sie befreundet ist, und ob sie irgendjemand in den vergangenen Tagen mit Jocko gesehen hat. Alles, was dir auch nur im Geringsten von Bedeutung zu sein scheint.«

Delilah grinste. Manchmal glaubte ich, dass ihr der Job als Detektivin, der eigentlich nur Fassade war, viel mehr Spaß machte als ihre richtige Arbeit für den AND. »Mach ich, Chefin«, sagte sie.

Menolly sah mich erwartungsvoll an. »Und was soll ich tun?«

»In den Gassen hinter der Bar treiben sich eine Menge Gangmitglieder und andere seltsame Gestalten herum. Ich finde, du solltest später heute Nacht mal bei denen vorbeischauen und zusehen, was du in Erfahrung bringen kannst.« Ich warf ihr einen vielsagenden Blick zu. Sie wusste, was ich meinte.

Ein Lächeln breitete sich langsam über ihr Gesicht. »Ich habe Hunger«, sagte sie leise.

»Nimm nur so viel, wie du brauchst, um deinen Durst zu stillen«, ermahnte ich sie. »Und bei den anderen löschst du die Erinnerung aus. Wir wollen keine Leichen so nah am Schauplatz eines Mordes, denn sonst haben wir Chase am Hals.«

Sie nickte lachend, und die Elfenbeinperlen an ihren Zöpfen klapperten wie tanzende Knochen. »Und du? Was wirst du tun?«

»Das Einzige, was mir einfällt.« Ich schloss die Augen. »Ich werde Großmutter Kojote einen Besuch abstatten.«

Menolly und Delilah starrten mich mit offenen Mündern an, doch ich würgte jeglichen Protest mit erhobener Hand ab. »Ich weiß, ich weiß – die Ewigen Alten sind gefährlich, aber uns bleibt keine andere Wahl. Großmutter Kojote kann uns vielleicht sagen, ob Jockos Tod mit Schattenschwinge in Verbindung steht.«

Menolly stand auf. »Wenn ich auf die Jagd gehen soll, mache ich mich jetzt lieber fertig.«

»Nicht so schnell«, hielt ich sie zurück. »Warte bis nach Mitternacht, dann sind nicht mehr so viele Leute unterwegs. Außerdem hast du mir etwas versprochen.«

Sie kniff die Augen zusammen, starrte mich einen Moment lang an und wandte sich dann Delilah zu. »He, Kätzchen, weißt du, wo Camille mich heute hinschleifen will?«

Delilahs Fingernägel bedurften plötzlich einer gründlichen Inspektion. »Ich brauche dringend eine Maniküre. Meine Nägel wachsen schon wieder viel zu schnell.« Sie begann zu pfeifen.

Menolly räusperte sich. »Ich habe dich etwas gefragt.«

»Und ich habe dir nicht geantwortet!«, rief Delilah und sprang von ihrem Stuhl auf. »Sei nicht böse auf mich, Menolly – das war allein Camilles Idee!«

»Verräterin!«, schrie ich ihr nach und lachte, als sie die Treppe hinaufrannte. Ich wandte mich wieder Menolly zu, die mich drohend anstarrte. »Hol deinen Mantel, wir gehen.«

»Ich brauche keinen Mantel. Mir wird nicht kalt«, erwiderte sie trocken.

»Aber nass wirst du schon, und es schüttet da draußen.« Ich schlüpfte in meinen Abendmantel und griff nach den Schlüsseln. Menolly folgte mir schweigend zum Auto. Als ich den Motor anließ, legte sie eine CD ein, und wir brausten die Straße entlang, begleitet vom Geheul von Gobsmack.

∗∗∗ Unser Ziel war der Keller einer alten Schule, die zum Gemeindezentrum umfunktioniert worden war. Ich bekam eine Gänsehaut, als wir die Treppe hinuntergingen, und Menolly zischte mir ins Ohr: »Was wird das hier? Wo bringst du mich hin?«, fragte sie wohl zum hundertsten Mal, seit wir das Haus verlassen hatten.

»Würdest du bitte einfach die Klappe halten, bis wir da sind?« Ich wusste, dass sie dann erst recht sauer sein würde. »Du wirst schon sehen. Bitte, geh einfach mit. Mir zuliebe.«

Sie seufzte leise. »Schon gut, schon gut. Aber du schuldest mir was.«

»Und ich weiß, dass du mich pflichtbewusst daran erinnern wirst.« Ich grinste sie an, und sie verdrehte die Augen. Als wir den Fuß der Treppe erreichten, standen wir vor einer Flügeltür, an der ein Poster klebte. Im trüben Lichtschein konnte man gerade noch lesen: A.B.-Treffen 22 Uhr.

»Das ist doch hoffentlich nicht, was ich denke –«, begann sie, aber ich schob bereits die Türflügel auf. Wir betraten den Raum, und während ich einen raschen Blick in die Runde warf, stieß Menolly ein lautes Stöhnen aus. »Heilige Scheiße. Camille, was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?«

»Hörst du jetzt auf zu jammern und siehst es dir wenigstens einmal an?«, entgegnete ich. »Such uns bitte zwei Plätze, aber unbedingt nebeneinander. Ich fühle mich hier ohne dich nicht sicher.«

»Geschieht dir recht«, brummte sie, nahm mich aber beim Arm und blickte sich um. »Da sind noch zwei Plätze in der dritten Reihe. Du setzt dich besser an den Gang. Du bist das Filetstück in diesem Saal, das ist dir doch hoffentlich klar?«

Ich wusste, dass sie recht hatte, aber sie wäre niemals allein hierhergekommen, wenn ich ihr nur davon erzählt hätte.

Der Raum war etwa neun mal neun Meter groß, mit vier Stuhlreihen vor einem Rednerpult, das mit einem blutroten Tuch bedeckt war. Auf einem Klapptisch an der Wand standen Flaschen, die offenbar warmes Blut enthielten. Es gab auch einen Teller Kekse und ein paar Kannen Kaffee für die Angehörigen. Der Kellerraum hatte keine Fenster, aber einen Notausgang direkt hinaus zur Straße, was vermutlich eine gute Idee war, wenn man sich den Zweck dieses Treffens vor Augen hielt.

Die anderen Gäste schlenderten durch den Raum. Ein paar schwebten unter der Decke und wirkten beinahe wie in Trance. Soweit ich sehen konnte, waren alle hier so leichenblass wie Menolly. Manche waren schmutzig und verkommen und rochen, als bräuchten sie dringend ein Bad. Andere waren peinlich sauber.

Eine Frau mit auffälligem, silbrigem Haar und einer Figur, für die man sterben könnte, trug ein schwarzes Kleid von Yves St. Laurent Rive Gauche, dazu Ballett-Pumps von Chanel mit Bändern, die sich um ihre Beine wanden. Sie sah umwerfend aus – scharf war auch der Kontrast zwischen ihren scharlachroten Lippen und Fingernägeln und ihrem bleichen Teint. Ich blinzelte überrascht. Das war Sassy Branson, die ein wenig rätselhafte Society-Lady, über die das Seattle Magazine vergangenen Monat berichtet hatte. Ich las gern die Lokalpresse, um über die Stadt auf dem Laufenden zu bleiben, und erkannte sie von dem Foto neben einem Artikel über ein großes Charity-Event vor ein paar Monaten. Sassy war also ein Vampir? Wer hätte das gedacht!

Einige andere Vampire im Raum starrten mich mit offenkundigem Interesse und geblähten Nasenflügeln an, doch als Menolly den Arm um mich legte, beschlossen sie wohl, Abstand zu wahren. Einer von ihnen, ein verschroben aussehender Mann mit einem Pferdeschwanz und einer Schicht schwächlichen Flaums am Kinn, trug ein T-Shirt mit Microsoft-Aufdruck und löchrige Jeans. Er zwinkerte mir zu, als er meinen Blick auffing, und hob seine Flasche, als wolle er mit mir anstoßen.

Ich schluckte und drückte mich noch enger an Menolly. »Vielleicht war das doch keine so gute Idee –«

»Ach, meinst du?«, schnaubte sie. »Aber da wir nun schon einmal hier sind, bleiben wir doch noch ein bisschen und sehen es uns wenigstens mal an.« Ihre Augen blitzten, und ich hatte das Gefühl, dass sie es genoss, wie ich mich wand.

Ich räusperte mich. »Bin ich denn hier die einzig Lebendige? Irgendwie hatte ich erwartet, dass mehr Leute da sind, die ihre Angehörigen unterstützen wollen.«

»Lassen Sie sich davon nicht stören«, sagte eine Stimme hinter uns. »Den Mitgliedern ist es verboten, von den Gästen zu trinken, solange sie sich hier aufhalten. Sie sind also sicher, zumindest körperlich. Wir haben natürlich keine Kontrolle über die Phantasie unserer Teilnehmer.«

Ich fuhr herum. Der Mann, der mich angesprochen hatte, war mittelgroß und hatte hellblond gebleichtes Haar. Er trug eine Tweedjacke mit Lederflicken an den Ellbogen, saubere Jeans und eine quadratische Kunststoffbrille.

Ehe ich mich beherrschen konnte, platzte ich heraus: »Ich wusste gar nicht, dass manche Vampire eine Brille brauchen.«

»Reine Gewohnheit«, sagte er. »Das Glas ist ganz normales Fensterglas. Aber ich kann mich nicht daran gewöhnen, ohne Brille herumzulaufen. Ich bin noch relativ frisch. Übrigens bin ich derjenige, der diese Gruppe ins Leben gerufen hat.« Sein Blick erfasste Menolly langsam von Kopf bis Fuß. »Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich Ihnen sage, dass Sie umwerfend aussehen.«

Sie sah ihn verblüfft an, und ich wusste, was ihr durch den Kopf ging. Es war lange her, seit irgendjemand außer Delilah oder mir ihr so etwas gesagt hatte. Menschen fanden Vampire unwiderstehlich, doch das lag an diesem einmaligen UntotenCharme. Dass ein Vampir ihr ein solches Kompliment machte, war für sie etwas ganz anderes.

»Danke«, sagte sie langsam. »Ich bin Menolly. Das ist meine Schwester Camille.«

Er nickte. »Und Sie beide haben Feenblut, wenn ich mich nicht irre. Also, wir fangen gleich an – nehmen Sie bitte Platz, meine Damen.«

Auf dem Weg zu unseren Plätzen war Menolly ganz still. Ich hätte erwartet, dass sie mindestens eine spitze Bemerkung über die gammeligen Gestalten im Publikum machen würde, doch sie schien mit anderen Gedanken beschäftigt zu sein.

Der Vampir, mit dem wir uns eben unterhalten hatten, stieg aufs Podium und ließ den Blick über die etwa zwanzig versammelten Zuhörer schweifen. »Willkommen, ihr Kinder der Nacht und liebe Gäste, zum wöchentlichen Treffen der Anonymen Bluttrinker. Denjenigen, die heute zum ersten Mal bei uns sind, möchte ich kurz erklären, worum es hier geht.«

Niemand sonst schien sich hier unsicher zu fühlen, also waren wir vermutlich die einzigen Neuen heute Abend.

»Wir sind eine Selbsthilfegruppe für kürzlich verwandelte Vampire und deren Angehörige, die mit dem Problem konfrontiert sind, sich in einem ganz neuen Leben zurechtfinden zu müssen. Oder einem neuen Tod, wenn Ihnen das lieber ist. Ich war Psychiater, ehe einer meiner Patienten zu dem Schluss gelangte, dass ich als Vampir besser dran wäre. Jetzt berate ich meinesgleichen. Ich fange selbst mit der Vorstellungsrunde an.« Er hob eine Hand und winkte. »Hallo, ich bin Wade, und ich bin seit fünf Jahren Vampir.«

Das Publikum entgegnete schallend und wie aus einem Munde: »Hallo, Wade!«

Menolly blinzelte, und ich sah, dass sie sich ein Lächeln verkniff. Die Begeisterung im Raum, die eben noch recht lasch gewesen war, brachte nun spürbar die Wände zum Wackeln, während jeder der anwesenden Vampire seinen Namen und das Standardsprüchlein aufsagte und dafür herzlich willkommen geheißen wurde.

Als Menolly an die Reihe kam, packte sie meine Hand und warf mir einen Blick zu, als wollte sie sagen: Zwing mich nicht, das zu tun.

Wade musste ihr Zaudern bemerkt haben, denn er rief: »Bitte werden Sie nicht nervös. Ich weiß, dass einem das am Anfang albern vorkommt, aber es ist wirklich eine Erleichterung, offen darüber sprechen zu können, wie es ist, untot zu sein. Diese wöchentlichen Meetings stehen sowohl Vampiren als auch ihren lebenden Angehörigen offen. Wir bieten alle zwei Wochen auch ein reines Vampir-Treffen an, bei dem wir... persönlichere Dinge besprechen.«

Langsam ließ Menolly meine Hand los. Sie stand auf und sah aus, als wäre sie im Augenblick lieber sonst wo, nur nicht hier – und dann sagte sie mit klarer Stimme: »Hallo. Ich bin Menolly. Ich bin halb Fee, halb Mensch, und ich bin seit zwölf ErdweltJahren Vampir.«

Als sie sich wieder hinsetzte, riefen alle: »Hallo, Menolly!«, und dieses schwache Lächeln breitete sich nun doch über ihr Gesicht. Als der offizielle Teil vorbei war, gaben sich die Vampire ehrlich Mühe, höflich zu mir zu sein und mich nicht anzustarren, als wäre ich ein Big Mac mit großen Pommes. Menolly tauschte mit ein paar anderen Telefonnummern aus. Sassy Branson, die Society-Lady in Rive Gauche, schenkte uns besondere Aufmerksamkeit. Sie trug noch genug Menschlichkeit in sich, um sich von unserem Feencharme verzaubern zu lassen, und ehe wir uns versahen, waren wir – samt Delilah – zu ihrer alljährlichen Vorweihnachts-Cocktailparty Anfang Dezember eingeladen. Mir ging auf, dass sie es als gesellschaftlichen Coup betrachten würde, uns zu ihrem Bekanntenkreis zu zählen. Dennoch bat sie uns, niemandem gegenüber zu erwähnen, dass sie und Menolly Vampire waren.

»Meine Freunde sind noch nicht dahintergekommen, und dabei möchte ich es gern belassen«, sagte sie mit verschmitztem Lächeln. »Sie dachten, ich wäre eine Zeitlang krank gewesen, und ich gebe mich jetzt noch exzentrischer als sonst, um alle im Dunkeln zu lassen. Es hat mich sehr gefreut, euch kennenzulernen, Mädels. Camille, ich finde es großartig, dass du deine Schwester zu diesem Treffen gebracht hast.«

Wade bat ebenfalls um unsere Telefonnummer, und Menolly war offenbar nur allzu gern bereit, sie ihm zu geben. Auf der Heimfahrt warf ich ihr einen vorsichtigen Seitenblick zu. »Bist du böse, weil ich dich dorthin geschleift habe?«

Sie starrte aus dem Fenster. »Zuerst schon, aber jetzt... nein, ich glaube nicht.« Sie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hast du recht. Es wäre sicher nicht schlecht für mich, ein paar andere Vampire kennenzulernen, die nicht darauf versessen sind, das hässliche, böse Monster zu spielen, wie die meisten zu Hause in der Anderwelt. Sassy hat sich davon jedenfalls nicht den Kleidungsstil versauen lassen.«

Und damit wusste ich, dass sie mir schon verziehen hatte.