Kapitel 15

 

Tam Lin? Tom Lane? Jetzt ergab alles einen Sinn. Aber Tam Lin, der legendäre Ritter, war schon vor Ewigkeiten in die Welt der Sterblichen zurückgeholt worden. Tom konnte nicht Tam Lin sein, von dem es hieß, er habe den Rest seines Lebens friedlich mit seiner Frau und seinen Kindern verbracht. Oder doch?

»Wie ist das möglich? Tam Lin ist vor Hunderten von Jahren gestorben.« Langsam ging ich in einem Bogen nach links, denn ich traute Titania nicht über den Weg. Gerüchteweise hieß es, sie sei übergeschnappt und besitze keinen Funken Vernunft mehr.

»Ach ja?« Titania sprach mit mir, doch ihr Blick hing nun an Morio, und ich spürte wachsende Gefahr.

Morio musste dasselbe gespürt haben, denn er schien plötzlich größer, imposanter zu werden. »Lasst uns mit Tom sprechen.«

Sie senkte den Kopf und lächelte. Glamour-Zauber, dachte ich. Sie wurde von Sekunde zu Sekunde verführerischer – ihr Gesicht wirkte weicher, ihre Augen strahlten heller. Ihre Brüste schienen ein wenig anzuschwellen, als hätte sie tief eingeatmet und die Luft angehalten. »Unser kleiner Hexling will mir ihren Namen nicht nennen, aber ich weiß, wer sie ist. Camille, nicht wahr?«

Ich blinzelte überrascht. So viel zum Thema Geheimhaltung. »Wie habt Ihr das herausgefunden?«

Titania ignorierte mich und konzentrierte sich völlig auf Morio. »Dich hingegen kenne ich nicht. Vielleicht wärst du so gütig, mir deinen Namen zu nennen?«

Ich warf ihm einen Blick zu. Titania klang, als sei sie nicht ganz richtig im Kopf. Vielleicht war sie trunken, oder die Magie in diesem Raum hatte ihre Sinne vernebelt. Vielleicht waren die vielen Jahre der Einsamkeit, abgeschnitten von der Anderwelt, auch einfach zu viel für sie gewesen. Es war aber auch möglich, dass Titania endgültig übergeschnappt war und den Verstand verloren hatte. Was auch immer zutreffen mochte, ich fühlte mich in ihrer Gegenwart nicht sicher.

Morio schien genauso zu denken, denn er blieb wachsam und trotzte ihrem Glamour. »Das ist ein Trick. Vermutlich ist er gar nicht Tam Lin.«

Titania schluckte den Köder. »Nennst du mich eine Lügnerin, Sterblicher?«

»Beweist mir, dass Ihr die Wahrheit sagt.« Da flog er, der Fehdehandschuh. Morio war ein gutaussehender Mann, und Titania mochte gutaussehende junge Männer.

Nach kurzem Zögern machte sie schmale Augen und sagte: »Du weißt, dass es keine Möglichkeit gibt, das zu beweisen. Außerdem habe ich das nicht nötig. Hier bin ich die Königin des Feenlandes, vergiss das ja nicht. Als die Elementarfürsten die Reiche spalteten, habe ich mich dafür entschieden, in dieser Welt zu bleiben, bei meinen Wurzeln.«

»Erzählt uns von Tom«, sagte ich leise. »Bitte.«

Sie seufzte, und ganz plötzlich, wie eine Ertrinkende, die nach einem Rettungsring greift, stützte sie sich auf eine der Kalksteinbänke, ließ sich darauf nieder und begann zu erzählen. Ich hatte den Eindruck, dass ihr nicht mehr viele Freunde oder Gefährten geblieben waren, denen sie ihr Herz ausschütten konnte.

»Ich wusste, dass Tam Lin nach ein paar Jahren mit Kindern, die rasch erwachsen wurden, und einem nörgelnden Weib zu mir zurückkehren würde. Und ich behielt recht. Eines Tages stand er vor dem Hügel und wartete auf mich. Ich nahm ihn wieder auf und behielt ihn ein paar Jahrhunderte hier, fütterte ihn mit meinem Feenbrot und ließ ihn vom Nektar des Lebens trinken. Im Lauf der Jahre verlor Tam Lin seine Sterblichkeit. Nun gehört er mir, ganz und gar und für immer.« Doch ihre Stimme klang ein wenig erstickt.

»Irgendetwas ist schiefgegangen, nicht wahr?«, fragte ich. »Was ist geschehen?«

Sie warf mir einen verschlagenen Blick zu – doch dann wurde der Ausdruck ihrer Augen weich. »Mädchen, halb menschlich oder nicht, du besitzt das zweite Gesicht und nicht wenig Macht. Denke darüber nach. Du wurdest in dein Leben zwischen den Welten hineingeboren, du hast gelernt, mit dem Verstreichen der Jahre und der wachsenden Last vieler Gedanken umzugehen. Tam Lin wurde als Sterblicher geboren. Er konnte sich den vielen Jahrhunderten nicht anpassen.«

Ich nickte verständnisvoll. Der Nektar des Lebens verlängerte die Lebensspanne eines jeden, der davon trank, weit über die gewöhnlichen Jahre eines Sterblichen hinaus. Mein Vater hatte Mutter die Entscheidung überlassen, ob sie davon trinken wollte oder nicht, doch sie war klug genug gewesen, die Fallstricke zu erkennen. Sie hatte abgelehnt, und als sie vom Pferd gestürzt war, hatte der Tod sie sich geholt.

»Was ist mit ihm geschehen?« Morios Stimme war sanft. Auch er begriff die Tragweite dessen, was Titania getan hatte.

Eine einzelne Träne rann ihr über die Wange und schimmerte wie ein Diamant mit hundert makellosen Facetten. »Er hat den Verstand verloren. Manchmal ist er monatelang mit den Tieren im Wald herumgerannt. Eines Tages hat der Eichenprinz ihn gefunden und ihn zu meinem Hügel zurückgebracht. Er hat mich getadelt – mich! Titania, die Königin des Feenlandes. Er hat mit mir geschimpft wie mit einem ungehorsamen Kind.« Ihre Stimme wurde lauter, und ihre Wangen röteten sich. Sie hielt einen Moment lang inne und fuhr dann fort:

»Ich musste ihm versprechen, dass ich Tam dabei helfen würde, sich einzugewöhnen, und er schenkte ihm ein Amulett, das ihn schützen sollte. So wurde Tam Lin zu Tom Lane, und jedes Jahrhundert verbringt er eine Weile draußen in der Welt. Ich benutze meine Kontakte, um ihm all die Requisiten zu besorgen, die er in der menschlichen Gesellschaft braucht. Das ist recht schwierig geworden, weil die Menschen heutzutage so komplizierte Ausweise brauchen. Dann suchen wir ihm eine einfache Arbeit, mit der er gut beschäftigt ist. Gegen Ende eines jeden Zyklus, wenn er müde wird oder jemand Verdacht schöpft, kommt mein Liebling wieder heim zu mir, und ich lösche dieses Leben aus seiner Erinnerung. Nachdem er eine Weile in meinen Gemächern geschlafen hat, erwacht er zu einem weiteren, neuen Leben.«

Sprachlos starrte ich sie an. Wie egoistisch konnte man eigentlich sein? Erst hatte sie Tom an sich gefesselt, als sie ihn aus seiner Welt entführt und gefangengehalten hatte. Dann, nachdem er ihr entkommen und nach Hause zurückgekehrt war, hatte sie ihn ermuntert, zu ihr zurückzukehren. Statt seine Erinnerung auszulöschen und ihn zu seiner Familie zurückzuschicken, zwang sie ihm eine Lebensspanne auf, mit der sein Geist nicht zurechtkommen konnte.

»Bei allen Göttern, warum lasst Ihr ihn nicht einfach schlafen? Oder schickt ihn für alle Zeit in Stasis? So wäre er vermutlich glücklicher.« Sollte sie mich doch in Stücke sprengen, wenn sie wollte, aber was sie getan hatte, verstieß gegen alle Moralvorstellungen, mit denen ich groß geworden war. Bedauerlicherweise hätten viele meiner reinblütigen Sidhe-Verwandten über die ganze Situation nur herzlich gelacht.

Titania schoss von der Bank hoch. Ein sichtbarer Nimbus des Zorns flammte um sie auf, und ich errichtete automatisch einen Schutzschild.

»Aber du bist ja so rechtschaffen und tugendhaft, nicht wahr? Ich kann den Svartaner an dir riechen. Spiel mir nicht das schüchterne Mädchen vor. Du bist die Geliebte des Teufels – was gibt dir das Recht, mich zu verurteilen, du Halbblut? Ich bin Titania, Königin des Feenlandes. Erzittere vor mir!« In ihren Augen funkelte Magie auf, doch hinter diesem Feuerwerk steckte kein Wumm!, und ich erkannte, dass Titania nichts geblieben war außer Illusionen und Erinnerungen. Eine verblasste Schönheitskönigin, die sich an alte Fotos klammerte.

»Ich schade durch meine Handlungsweise keinem anderen«, erwiderte ich und trat vor. »Ich habe niemanden getäuscht.« Ich stieß sie rücklings auf die Bank und beugte mich über sie. »Hört mir zu, und hört gut zu. Ihr habt Euch dafür entschieden, Eure Krone aufzugeben und an die Erde gebunden zu bleiben. Tja, ich habe Neuigkeiten für Euch. Die Elfenkönigin hat sich umgestellt. Und es gibt längst eine neue Königin der Sidhe, und die würde Euch im Ganzen runterschlucken!«

Titanias Glamour geriet ins Wanken. O ja, meine Wutanfälle konnten beeindruckend sein. »Ihr steht allein, Titania. Eure Zeit ist längst abgelaufen, und Ihr solltet lieber würdevoll in die Schatten gehen, ehe ich Eure Vergehen den Behörden in der Anderwelt melde. Und jetzt lasst uns mit Tom sprechen. Ich vertrete die Macht der Stadt Y’Elestrial, des AND und der Garde Des’Estar, und ich werde ihn mitnehmen

Morio trat an meine Seite. Die pensionierte Königin ließ den Kopf hängen, als ich meine Dienstmarke zückte. Sie war aus Leder gearbeitet und verzaubert – wenn sie sich länger als einen Tag außerhalb meiner Reichweite befand, würde sie sich selbst zerstören. Dass ich sie in der Hand hielt, war also Beweis genug für ihre Echtheit.

Titania rang die Hände, und nun tat sie mir beinahe leid. Jahrtausendelang war sie das schönste Geschöpf auf Erden gewesen und hatte über Tausende von Feen geherrscht. Jetzt war sie vergessen. Ein Dinosaurier.

»Und wenn wir sie nach –«, begann Morio, doch ich unterbrach ihn; ich wusste, was er vorschlagen wollte. Ich zog ihn ein paar Schritte beiseite und senkte die Stimme.

»Sie würde sich niemals an die Anderwelt anpassen können. Das würde sie endgültig um den Verstand bringen, genau wie bei Tam Lin. Titania ist zu stolz, um zuzugeben, dass sie ihre Zeit lange überlebt hat. Manche Sidhe schleppen sich über Jahrtausende hin, aber die meisten entscheiden sich dafür, ihr sterbliches Leben viel früher zu beenden, wenn sie müde werden oder sich nur noch langweilen.«

»Ich rufe Tom«, sagte Titania und blickte auf. Ich hatte das Gefühl, dass sie uns gehört hatte. »Ihr könnt mit ihm tun, was ihr wollt. Wir haben dieses Spiel tausend Jahre lang gespielt. Ich denke, es ist an der Zeit, es zu beenden und für unentschieden zu erklären.«

Sie erhob sich, glitt zum anderen Ende der Höhle und spähte dort in einen Tunnel. Ich konnte ihr Flüstern schwach im Wind hören – sie rief Tom herbei. Dann kehrte sie zu uns zurück, sah mir in die Augen, und alle List und Täuschung fiel von ihr ab.

»Ich nehme an, ich sollte mich bei dir bedanken, Hexling. Du hast mich daran erinnert, was ich einmal war. Ich werde weder zu einem wandelnden Schatten verblassen noch mich der Herrschaft einer übersättigten Königin unterwerfen, die die Welt, auf der sie geboren wurde, schmählich im Stich gelassen hat. Nimm Tam Lin und geh. Der Drache wird dich passieren lassen, wenn du ihm dies hier gibst.« Sie hielt mir ein Emblem hin, aus Silber gegossen und im Mondlicht geschmiedet. Ich spürte die Kraft, die durch diesen Talisman strömte, und blickte zu ihr auf.

»Das braucht Ihr nicht zu tun«, sagte ich, und sie verstand, dass ich nicht von Tom sprach.

»O doch«, entgegnete sie. »Die Welt ist zu klein geworden, und da die Anderwelt sich nun wieder mit der Menschheit vereint hat, gibt es keinen Platz mehr für mich. Ich könnte nicht durch die Städte spazieren, selbst wenn ich das wollte, und die wilden Landstriche auf der Erde sind selten und weit verstreut.«

Ich drehte das Emblem in der Hand herum. Drachenrunen. Smoky hatte also ein Bündnis mit Titania geschlossen. Ohne dieses Emblem hatte Titania nichts mehr gegen ihn in der Hand, um sich zu schützen. Als ich es in meine Tasche gleiten ließ, bemerkte ich, dass Tom im Eingang zur Höhle stand. Ergraut und abgehärmt, sah er aus wie ein echter alter Holzfäller, dieser Mann, der einst ein Ritter gewesen war. Doch seine Augen waren leer, und ich erkannte, dass er diese Welt im Grunde schon längst verlassen hatte. Wo Toms Seele umherstreifte, wusste ich nicht, doch er war ein herumirrender Verwundeter, ein halber Mensch, und sein Geist existierte nur noch in den Fragmenten einer Persönlichkeit, die die Feenkönigin für ihn erschaffen hatte.

Ein Anhänger baumelte von seinem Hals, ein rundgeschliffener Smaragd in einer Fassung aus gewobenem Gold und Silber. Der Edelstein flackerte und nahm jedes Mal, wenn ich hinsah, wirbelnd ein neues Muster an. Das erste Geistsiegel.

»Mein Tom, hör mir zu«, sagte Titania mit sanfter Stimme.

Morio und ich wechselten einen Blick. Obwohl Titania so rücksichtslos mit ihm verfahren war, bedeutete Tom ihr offenbar viel. Sie hatte ihn einst geliebt. Nun, da er in hundert Lebensspannen zersplittert war, hatte ich das Gefühl, dass er so etwas wie ihr Schoßhund geworden war, ein geliebtes altes Haustier, um das man sich bis zum Ende kümmerte.

»Ich möchte, dass du mit diesen Leuten mitgehst. Sie werden dich gut behandeln.«

Er blickte verwirrt drein. »Wo werde ich schlafen? Wer wird mir zu essen geben?«

Morio trat vor und tätschelte ihm sacht die Schulter. »Wir werden dafür sorgen, dass Sie alles haben, was Sie brauchen, Tom. Werden Sie mit uns kommen?«

Tom zögerte. Dann, auf einen Wink von Titania hin, nickte er. »Gut, ich komme mit.«

Ich nahm Morio beiseite. »Wir können auch nur den Anhänger mitnehmen. Auf den kommt es uns letztlich an. Jetzt, da ich ihn gesehen habe, kommt es mir nicht richtig vor, die beiden zu trennen.«

Morio schüttelte den Kopf. »Ich glaube, das Siegel ist eng mit ihm verbunden. Wenn wir es von ihm trennen, ohne vorher einen Magier um Rat zu fragen, könnte er vollkommen verrückt werden. Wir müssen ihn mitnehmen.«

»Das wird ja immer schlimmer. Was hat sich der Eichenprinz nur dabei gedacht?« Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieser Schlamassel anders als in Chaos und Zerstörung enden würde.

»Eine Menge unschuldiger Menschen werden leiden, bis das hier vorbei ist.«

Ich blickte zu Tom und Titania zurück. Sie hatte ihm eine Locke aus der Stirn gestrichen, und er griff nach ihrer Hand und hob sie an die Lippen.

»Ich wünschte, wir müssten das nicht tun«, sagte ich. »Es war falsch von mir, so grob zu ihr zu sein. Aber jetzt kann ich es wohl nicht mehr ändern.«

»Tom wird sie vergessen«, sagte Morio und hob mein Kinn an, so dass ich ihm in die Augen sehen musste. »Das tut er jedes Mal, wenn sie sein Gedächtnis auslöscht. Vielleicht können eure Heiler ihn vom Wein des Lebens entwöhnen oder ihn in den letzten tiefen Schlaf schicken.«

Rip van Winkle – nur dass er tausend Jahre schlafen würde statt zwanzig. Sie könnten ihn auch einfach töten, schnell und schmerzlos. Hof und Krone scherten sich selten um Menschen, und dies würde ein weiterer Schandfleck unserer Geschichte sein, wenn die Wahrheit ans Licht kam.

»Also schön, wir nehmen ihn mit und fahren erst mal nach Hause. Ich begleite ihn als Eskorte durchs Portal. Ich wünschte nur, Trillian wäre hier«, sagte ich und rieb mir die Stirn. Was hätte ich im Moment für eine Kopfschmerztablette gegeben! »Ich würde mich viel sicherer fühlen, wenn er da wäre.« Trillian kannte keinerlei Skrupel, wenn es darum ging, sich selbst und jene, die unter seinem Schutz standen, zu verteidigen – auch wenn das einen schmutzigen Kampf bedeutete. Aber wir wussten ja nicht einmal, ob er überleben würde.

Morio schien meine Gedanken nachzuvollziehen. »So wenig ich seine Gesellschaft schätze, wünsche ich ihm doch nur das Beste. Wir werden herausfinden, wie es ihm geht. Das verspreche ich dir. Und falls es nötig ist, begleite ich dich in die Anderwelt, wenn du Tom dem AND übergeben willst.«

Wir wandten uns wieder Titania zu, die sich auf die Zehenspitzen gestellt hatte, um Tom zärtlich auf den Mund zu küssen. »Leb wohl, mein tapferer Ritter. Wir haben sehr lange miteinander gespielt, aber jetzt ist das Stück vorbei, der Vorhang fällt, und die Darsteller müssen nach Hause gehen.« Sie neigte den Kopf zur Seite und sah mir fest in die Augen. »Ich bitte dich, sorge gut für ihn. Lass nicht zu, dass ihm etwas geschieht.«

Ich nickte, doch meine Stimmung fiel noch tiefer unter den Nullpunkt. »Ich werde mir alle Mühe geben, ihn zu beschützen. Titania, Ihr sollt wissen, dass Ihr uns helft, zwei Welten zu retten, indem Ihr uns erlaubt, ihn mitzunehmen. Er ist Träger eines bedeutenden Geheimnisses, obwohl er es selbst nicht weiß. Ich werde Euch wissen lassen, wie es ihm ergeht.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, es ist besser, wenn er endgültig aus meinem Leben gerissen wird. Geht, bitte geht jetzt und überlasst mich der Stille.«

Morio nahm Tom sacht beim Arm, ich ging voran, und gemeinsam schritten wir zur Tür und ließen die uralte Königin zurück. Ich hätte sie nicht für fähig gehalten, Liebe zu empfinden, und vielleicht lag ich damit richtig, aber offenbar hatte sie doch mehr Gefühle, als ich ihr zugetraut hatte. Der Rückweg schien kürzer zu sein als unsere Suche nach dem Hügel auf dem Hinweg. Die Fallgrube im Stollen war immer noch ein Hindernis, aber gemeinsam gelang es Morio und mir, Tom sicher vorbeizulotsen. Ich wollte zu gern das Geistsiegel berühren, die Macht fühlen, die darin lag, aber ich war klug genug, die Finger von der Keksdose zu lassen.

Tom wirkte recht fröhlich, wenn man bedachte, dass er gerade seine Geliebte verlassen hatte. Zunächst verhielt er sich, als stünde er unter Drogen, doch je weiter wir uns von Titania entfernten, desto wacher wurde er. Als wir uns der Höhle am Eingang des Hügels näherten, blieb er stehen und starrte auf die Öffnung.

»Ich will nicht da rausgehen«, sagte er, den Blick auf den Ausgang geheftet.

»Warum? Was ist denn?«

»Sie werden kommen und mich holen«, sagte er.

Ich warf Morio einen Blick zu. Was hatten wir denn hier? »Wer will Sie holen, Tom? Verfolgt Sie jemand?«

Er zögerte, und dann – wie ein Kind, das beschließt, einer Autoritätsperson zu vertrauen – zuckte er mit den Schultern. »Ich weiß nicht, wer sie sind, aber heute Morgen ist jemand ums Haus geschlichen, und ich habe Angst bekommen. Also bin ich durch den Wald gelaufen und habe mich bei Titania versteckt.«

Ich starrte Tom einen Moment lang an. Er war nicht so benebelt, wie ich gedacht hatte. Vielleicht hatte Titanias Gegenwart auf ihn wie eine Droge gewirkt. »Können Sie mir sagen, wie sie aussehen? Wissen Sie, wie viele da draußen waren?«

Tom sog nachdenklich die Unterlippe zwischen die Zähne. Gleich darauf sagte er: »Ich glaube, es waren drei. Zwei Männer und eine Frau.«

Zwei Männer und eine Frau. Ich warf Morio einen Blick zu. »Das müssen Bad Ass Luke, der Psychoschwafler und Wisteria gewesen sein. Nach dem Tod der Harpyie haben sie Wisteria offenbar dazu gebracht, mehr für sie zu tun, als sie nur durch das Portal zu schmuggeln. Ich wette, sie haben gedroht, sie zu töten, wenn sie nicht tut, was sie verlangen.«

Morio nickte. »Da hast du wahrscheinlich recht.« Er wandte sich Tom zu. »Sie waren vor Ihrem Haus?«

»Ja«, sagte Tom und schüttelte dabei den Kopf. »Ich war draußen im Wald und habe mir mein Frühstück geangelt. In einem Bach, den ich gefunden habe, gibt es reichlich Forellen. Als ich mit meinem Fang wiederkam, habe ich in der Einfahrt etwas gehört. Ich habe mich den Weg entlanggeschlichen, weil ich erst mal sehen wollte, wer das war. Ich mag keine Fremden. Ich habe drei Leute vor meinem Haus gesehen. Es war noch so dunkel, dass ich sie nicht richtig erkennen konnte, und ich bin gleich weggelaufen, weil sie sich so böse angefühlt haben«, sagte er beinahe entschuldigend.

Ich seufzte. Offensichtlich hatten die Dämonen nach ihm gesucht. Welch ein Glück, dass Tom sich gerade sein Frühstück im Wald gefangen hatte. Ansonsten hätten die Dämonen jetzt das Geistsiegel und wären auf dem Heimweg in die Unterirdischen Reiche. Aber wo steckten sie jetzt? Wisteria hatten sie im Haus zurückgelassen, aber was war mit Bad Ass Luke und dem Psychoschwafler? Würde es uns gelingen, Tom nach Seattle zurückzubringen, bevor sie uns entdeckten und versuchten, ihn uns wegzunehmen? Ich biss mir auf die Lippe und überlegte fieberhaft, was wir nun tun sollten.

Morio spähte aus der Höhle nach draußen. »Smoky ist immer noch da«, sagte er.

Ich warf ebenfalls einen Blick auf den Drachen. »Ich frage mich... Titania hat uns ein Emblem gegeben, damit er uns als Freunde passieren lässt. Ich überlege gerade, ob das ausreichen könnte, um ihn dazu zu bringen, dass er uns beschützt, während wir Tom zum Auto zurückbringen.«

»Fragen kostet nichts... na ja, womöglich doch. Ich meine, uns bleibt nichts anderes übrig, also können wir ihn ebenso gut darum bitten.« Morio wandte sich Tom zu. »Fürchtest du dich vor dem Drachen da draußen?«

Tom schüttelte den Kopf. »Nee. Er ist ganz nett, für einen Drachen. Ich komme immer hier raus und halte ein Schwätzchen mit ihm, wenn ich mich einsam fühle. Er droht mir ständig, er würde mich fressen, aber weil ich Titania gehöre, tut er es dann doch nicht.«

»Tja, wir können nicht den ganzen Tag hier herumstehen«, sagte ich. »Ihr beiden wartet hier, während ich mit dem Herrn mit dem feurigen Atem rede.« Ich trat aus der Höhle und stieß einen schrillen Pfiff aus. »He du, Drache!«

Er ließ den Kopf herumfahren und starrte auf mich herab. »Wo ist die zweibeinige Plage?«

»In der Höhle.« Ich hielt das Emblem hoch. »Titania hat gesagt, ich solle dir das zeigen.«

Die Wirkung war erstaunlich. Smoky blinzelte, richtete sich auf und wich zurück. »Sie hat dir ihren Pass gegeben? Nun, dann, kleiner Hexling, musst du wirklich etwas ganz Besonderes sein. Geh deines Weges, und ich werde dich nicht als Abendessen dabehalten.«

Sein ständiges Gerede von Mahlzeiten und Desserts ging mir allmählich auf die Nerven. »Jetzt hör mal zu, Smoky –«

»Wie hast du mich genannt?« Er beugte sich vor, und ich starrte plötzlich in einen gigantischen Augapfel, der aussah wie eine Wand aus Eis. »Kleine Hexe, werde nur nicht zu frech.«

»Ich kenne deinen Namen nicht und muss dich ja mit irgendetwas außer ›He du‹ oder ›Drache‹ anreden können, nicht? Also werde ich dich Smoky nennen, solange du dich weigerst, uns deinen Namen zu nennen.« Ich seufzte. Das brachte uns nicht weiter, schlimmer noch – wir könnten uns damit eine Einladung zum Abendessen einfangen.

Doch er lachte. »Zu schade, dass du nicht noch eine Weile zum Spielen bleiben kannst.«

»Hör mal, wir könnten wirklich deine Hilfe gebrauchen«, sagte ich. »Du könntest uns einen sehr großen Gefallen tun, wenn du bereit wärst, uns ein Stück zu begleiten.«

»Jetzt brauchst du also meine Hilfe, ja?« Er blinzelte; der Windstoß seines Lidschlags zerzauste mir tatsächlich das Haar. »Was willst du?«

Ich räusperte mich. »Wir haben Tom, und wir nehmen ihn mit. Wir brauchen Geleitschutz bis zu seinem Haus. Dämonen schleichen in den Wäldern herum, Smoky, und sie haben es auf Tom abgesehen. Sie haben jedenfalls nicht vor, ihn mit einem Picknick zu überraschen, das kann ich dir sagen. Wenn sie ihn uns wegnehmen, wird die ganze Welt darunter leiden.«

Ja, Drachen konnten richtig gemein sein und schnappten sich oft ahnungslose Reisende als kleinen Snack, aber sie waren nicht böse in dem Sinne, wie Dämonen böse waren. Und glücklicherweise mochten die meisten Drachen keine Dämonen. Ich hatte in Drachenkunde in der Schule gut aufgepasst.

Smoky runzelte die Stirn – keine einfache Aufgabe für einen Drachen –, und nach einer Pause, die mir ewig vorkam, sagte er: »Dämonen, so? Die sind in meinen Wäldern jedenfalls nicht willkommen. Schön, ich beschütze euch auf dem Weg zurück zum Haus.«

Ich rief Morio und Tom mit einem Pfiff herbei, als der Drache sich zurückzog. Ein greller Lichtblitz blendete mich, und als das Licht erlosch und ich wieder sehen konnte, stand ein großgewachsener Mann in einem langen, weißen Umhang neben mir. Er hatte silbernes Haar, das ihm bis zu den Fußknöcheln über den Rücken floss, und seine Haut hätte aus Alabaster gemeißelt sein können. Doch diese Augen – das waren dieselben Gletscherseen, die eben auf mich herabgestarrt hatten. Ich hatte davon gehört, dass Drachen menschliche Gestalt annehmen konnten, zumindest die älteren; aber ich hatte nicht gewusst, ob das stimmte oder nicht. Damit war die Frage wohl beantwortet.

Morio blickte mit großen Augen an dem schlanken Hünen empor. »Du bist –«.

Der Mann lächelte dünn. »Smoky, ganz recht. Kommt, schaffen wir euch zurück zu Toms Haus, ehe mir langweilig wird.«

Wir stapften durch den Wald, Smoky vorneweg. Ich ließ mich ein wenig zurückfallen und studierte das Tier in Menschengestalt.

Er sah gut aus, wenn auch recht streng, doch seine Ausstrahlung verdankte er nicht nur dem Aussehen. Diese uralte Drachenenergie verlieh ihm eine königliche Haltung. In seiner Drachengestalt könnte er mich fressen, doch als Mensch würde er wohl niemals grob oder ungehobelt sein. Er würde sich nehmen, was oder wen er wollte, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, doch er würde das mit ausgesuchter Höflichkeit tun.

»Du findest mich verwirrend?«, fragte er, ohne sich umzudrehen.

Ich errötete. Irgendwie hatte er meine Faszination gespürt. »Nur... anders«, stammelte ich. Mein ganzer Charme, meine Selbstsicherheit und Erfahrung schienen sich in nichts aufgelöst zu haben. Mit dem Bade ausgeschüttet, wie das sprichwörtliche Kind.

Morio starrte ihn unverhohlen an. »Sag mir eines: Wenn ein Mensch zufällig im Wald auf dich träfe, und du hättest bemerkt, dass er kommt, was würde er dann vorfinden?«

Smoky kicherte dumpf. »Na, mich natürlich. So, wie ich jetzt bin. Sie würden einen angenehm exzentrischen Wanderer treffen, der einen kleinen Ausflug macht. Natürlich würde ich dann Jeans und eine Lederjacke tragen. Außer ich hätte Hunger, der andere wäre allein, und es bestünde keine Gefahr für mich, erwischt zu werden.« Er stieß ein Lachen aus, das mich daran erinnerte, dass ich mich mit einem Drachen unterhielt, nicht mit einem Menschen.

»Frisst du denn viele Leute?«, erkundigte ich mich, obwohl ich nicht sicher war, ob ich das wissen wollte.

»Das kommt darauf an, wie viele du als viele betrachtest?«

Ich warf ihm einen Blick zu, und er lächelte mich an. O ja, Drachen waren charmant, das konnte man nicht anders sagen.

»Ich fresse eben, wenn ich fressen muss«, erklärte er.

Ich merkte schon, dass ich auf diese Frage keine konkrete Antwort erwarten durfte. Vermutlich auf überhaupt keine Frage. Drachen sprachen gern in Rätseln.

Als wir den Pfad erreichten, der zu Toms Haus führte, wurde ich nervös. Was würden wir dort vorfinden? Würden die Dämonen uns erwarten? Ging es Delilah und Chase wirklich gut? Smoky ging voran, und sein langes weißes Gewand wirbelte ihm bei jedem Schritt um die Beine, als er aus dem Gebüsch auf den offenen Pfad trat.

»Nun, er fürchtet sich jedenfalls nicht«, bemerkte Morio mit leiser Stimme.

»Er braucht sich auch nicht zu fürchten«, entgegnete Tom.

Ich lachte. »Da haben Sie vollkommen recht, Tom. Ach, Tom, hören Sie«, sagte ich und wurde ernst. »Sie müssen bei uns bleiben. Sie dürfen mit niemand anderem mitgehen, außer wir sagen Ihnen, dass das in Ordnung ist, und passen Sie auf, dass Sie uns nicht verlieren. Sie müssen immer dicht bei uns bleiben.«

»Okay, aber ich wüsste wirklich gern, warum Sie mich mitnehmen. Ich bin doch nichts Besonderes.« Er runzelte die Stirn und schaute vage beunruhigt drein.

Ich versuchte, mir eine logisch klingende Erklärung auszudenken, mit der er sich zufriedengeben würde, bis wir die Anderwelt erreichten. Vorerst wollte ich nicht, dass Tom etwas über den Anhänger erfuhr, den er um den Hals trug. Sonst kam er womöglich auf halbgare Ideen, wie etwa, den Helden zu spielen und die Macht des Anhängers zu benutzen, sofern das möglich war. Ich spürte, dass in diesem Stein Kräfte verborgen waren, die in dem Buch von Großmutter Kojote nicht erwähnt wurden.

Smoky pfiff, und wir krochen aus dem Unterholz hervor. Als wir uns der Lichtung näherten, ging die Haustür auf, und Delilah kam heraus, gefolgt von Chase, der sich offensichtlich so weit erholt hatte, dass er wieder laufen konnte. Sie blickten von Smoky zu Tom und kamen die Verandatreppe herunter.

»Es ist alles in O. . . «, begann ich, als mich ein Geräusch hinter einer uralten Zeder dicht am Haus verstummen ließ. Wir drehten uns alle gleichzeitig um und starrten den Mann an, der hinter dem Baum hervorstolperte.

Seine Augen waren wild, das Haar stand ihm wirr vom Kopf ab, als spielte er Albert Einstein, und er trug irgendeine verrückte Klamotte, die aussah wie... ein Kettenhemd? Als ich näher hinsah, keimte allerdings der Verdacht in mir auf, dass das Ding aus Alufolie gebastelt war.

»O Mann«, brummte ich. »Genau das, was wir brauchen – noch so ein verrücktes armes Würstchen.«

»Würstchen ist ein gutes Stichwort«, sagte Smoky und betrachtete mit mildem Blick unseren Besucher, der versuchte, etwas, das wie ein langes Messer aussah, aus einer Lederscheide an seinem Bein zu ziehen. »Wie ich sehe, ist mein kleiner Freund wieder da.«

»Dein Freund?«, fragte Morio und schob sich schützend vor Tom. »Du kennst diesen Kerl?«

»Er ist kein Dämon«, sagte ich.

Smoky schnaubte belustigt. »Dämon? Wohl kaum. Nein, ich habe alle paar Monate eine kleine Auseinandersetzung mit diesem Kerlchen. Er muss es schon mindestens zwanzigmal versucht haben.«

»Zwanzigmal?«, fragte ich und konnte ihm überhaupt nicht mehr folgen. »Was versucht?«

»Mich zu töten«, sagte Smoky und trat auf den Mann zu. »Hexling, darf ich dir den heiligen Georg vorstellen? Der gute alte Georg versucht schon seit fünfzehn Jahren, einen Drachen zu töten, und offenbar bin ich immer noch sein Lieblingsopfer.«