Kapitel 9
Menolly reckte sich und schüttelte laut klappernd ihre Zöpfe aus. »Was liegt heute Nacht an?« Sie schlüpfte in hautenge Jeans und ein Trägertop und schenkte mir ein zähnefletschendes Grinsen. Ihre Fangzähne glitzerten im trüben Licht, und mir wurde ein wenig schlecht. Sie sah mich aufmerksam an. »Was ist mit Trillian? Spielt er in deinem Leben wieder eine Rolle?«
Ich lehnte mich auf der Bettkante zurück. »Ja. Ich bin schwach. Verklag mich doch.«
»Könntest du dich nicht einfach mit einem von unseren eigenen Leuten zusammentun? Oder sogar einem Vampir? Ich kenne ein paar niedere Vampire, gegen die man nicht allzu viel einwenden kann.« Ihre Augen blitzten schalkhaft, und ich wusste, dass sie mich nur aufzog.
»O ja, einen untoten Liebhaber brauche ich so dringend wie ein zweites Loch im... Kopf. Da wir gerade von Vampiren sprechen, Wade hat angerufen und wollte dich sprechen. Ich glaube, da ist jemand verliebt«, neckte ich sie.
»Du machst Witze. Er hat hier angerufen?« Sie gab sich Mühe, genervt zu wirken, doch ich sah ihr an, dass sie durchaus interessiert war. Ein aufgeregtes Leuchten flackerte in ihren Augen auf, und sie versuchte, ein Lächeln zu verbergen.
»Ich sehe dein Grinsen genau. Versuch gar nicht erst, mich zu täuschen, das gelingt dir doch nicht. Du hast ihm deine Nummer gegeben, also warst du offensichtlich nicht abgeneigt. Und jetzt komm mit rauf, wir haben dir eine Menge zu erzählen. Chase und ich haben heute die Harpyie erledigt, aber vorher hat sie noch Louise Jenkins und eine Fee im Exil getötet.«
Menolly folgte mir nach oben und warf Chase nur einen Blick zu, als sie sich ihm gegenübersetzte. Ich stellte ihr Maggie vor, und zu meiner Überraschung schien sie sich sehr über den neuen Mitbewohner zu freuen. Sie hielt die kleine Gargoyle im Arm, und ein zärtliches Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Während sie mit Maggie kuschelte, berichteten Chase und ich, was mit Rina und der Harpyie geschehen war.
»Wir haben eine Leichenzunge hinzugezogen, und ich konnte Rina fragen, wo wir Tom finden.«
»Was hat sie dir gesagt?«, fragte Menolly.
»Es war ein Rätsel. ›Lang ist er um den Verstand gebracht. Geh in die Wälder, doch nimm dich in Acht. Such nach der Uralten Schutz vor dem Sturm, doch erst musst du durch die Höhle des Wyrm.‹ Wenn du dir einen Reim darauf machen kannst, nur zu.«
»Wyrm?« Delilah runzelte die Stirn. »Ein Drache?«
»Hier in der Gegend gibt es keine Drachen, soweit ich weiß«, sagte ich. »Allerdings hat der AND auch behauptet, Dämonen könnten niemals auf die Erde durchbrechen.«
Menolly schnaubte. »Der AND war in letzter Zeit ziemlich schlampig, was einige Dinge betraf. Ich finde, Delilah hat recht – wir sollten davon ausgehen, dass sich dort irgendeine Art Drache herumtreibt. Womöglich beschützt er diesen Tom.«
Ich stöhnte. Ein Drache hatte uns gerade noch gefehlt. Sie waren im Allgemeinen selbstsüchtig und gierig und gaben großartige Söldner ab, denn es war so gut wie unmöglich, einen Drachen zu töten. Falls Tom einen angeheuert hatte, der ihn beschützte – oder falls irgendjemand den Wyrm für ihn beauftragt hatte –, dann stand uns ein heftiger Kampf bevor. Wenn ich mir unsere seltsame kleine Truppe so ansah, war keiner von uns in der Lage, es mit einem Drachen aufzunehmen.
»Gut, dann ist das Hindernis Nummer eins«, sagte ich. »Ich frage mich, ob Bad Ass Luke und der Psychoschwafler davon wissen. Das Problem ist immer noch: Wie finden wir Tom? Angeblich lebt er in der Nähe des Mount Rainier, entweder am Rand des Nationalparks oder irgendwo in den Wäldern.«
»Es ist zu spät, heute Nacht noch da rauszufahren, und die Straßen werden sehr schlecht sein – Teile des Parks sind schon für den Winter gesperrt. Morgen fahren wir hin«, erklärte Chase. »Delilah, kannst du mir bis dahin helfen, mehr über ihn herauszufinden? Wir können alle Informationen in meinem Büro durchgehen. Morgen treffen wir uns wieder hier. Ich fahre. Was haltet ihr davon, wenn wir morgen früh gegen acht aufbrechen?«
»Hört sich gut an«, sagte Delilah. »Wollt ihr jetzt wissen, was bei Louise Jenkins passiert ist? Wie gesagt, war die Harpyie uns auch dort einen Schritt voraus. Mehrere Schritte sogar. Als ich in der Wohnung ankam, war Louise total zerfetzt. Sie war schon so lange tot, dass die Totenstarre bereits eingesetzt hatte, also war die Harpyie vermutlich bei ihr, bevor sie Rina überfallen hat. Ich habe die Wohnung durchsucht, aber nichts gefunden. Louise, oder vielmehr das, was von ihr übrig war, habe ich mir auch gründlich angesehen.« Sie verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Blutig, entsetzlich blutig. Jedenfalls ist mir ein Ring an ihrer rechten Hand aufgefallen. Gold mit einem Diamanten.«
»Am Ringfinger? Ein Ehering?«
»Genau. Ich frage mich, ob Jocko sie geheiratet und vergessen hat, das dem AND gegenüber zu erwähnen. Dafür hätten sie ihn rausgeworfen.«
»Vielleicht waren sie nur verlobt«, sagte Menolly nachdenklich. »Ich erinnere mich, dass er mehrmals erwähnt hat, wie sehr er sich an das Leben in der Erdwelt gewöhnt hätte, und dass es gar nicht so übel sei. Hier wurde er wegen seiner Größe respektiert. Zu Hause in der Anderwelt wurde er ständig verspottet, weil er so klein war.«
Ich wandte mich Delilah zu. »Ist dir sonst noch etwas aufgefallen? Fotos? Irgendein Hinweis auf den Stand der Beziehung von Louise und Jocko?«
Delilah kniff die Augen zusammen und überlegte. Nach ein paar Augenblicken sagte sie: »Ihre Wohnung war verwüstet, deshalb konnte ich mir kein gutes Bild davon machen, was für ein Mensch sie war. Ich habe keine Fotos gesehen, aber ich wollte am Tatort nicht mehr anfassen als unbedingt nötig.«
Menolly schnippte mit den Fingern. »Moment mal. Jocko hat Tagebuch geführt. Ich habe vor ein paar Wochen gesehen, wie er etwas in ein Buch geschrieben hat. Es war klein, mit einer Zeichnung vorne drauf... sie sah aus wie eine antike Landkarte.« Sie wandte sich Chase zu, der sie überrascht ansah. »Hast du so etwas in seinem Zimmer gefunden, nachdem er ermordet worden war?«
»Nein. Ganz sicher nicht. Es sah eigentlich so aus, als hätte dort niemand gewohnt. Ich war überrascht, dass Riesen so ordentlich sein können. Wäre es möglich, dass das Tagebuch im Wayfarer ist? Ein Undercover-Agent vom AND hat sein Büro dort durchsucht, aber ich erinnere mich nicht, so etwas bei den Sachen gesehen zu haben, die er sichergestellt hat. Ach, übrigens, hat Camille dir schon von deiner Beförderung erzählt?«
Verwundert schüttelte Menolly den Kopf. »Beförderung? Wovon sprichst du?« Dann zeichnete sich die Erkenntnis auf ihrem Gesicht ab, und ihre helle Haut schimmerte noch weißer. »Ach du Scheiße. Sie haben mir die Verantwortung für die Bar übertragen, oder?«
»So ist es«, sagte Chase. »Du wirst heute Nacht wohl wieder zur Arbeit gehen müssen. Sieh dich dort gründlich um und schau nach, ob das Tagebuch vielleicht hinter der Bar versteckt ist. Nimm Camille mit, und seid vorsichtig – falls ein Insider in die Sache verwickelt ist, haben wir ihn noch nicht gefunden. Und wenn er weiß, dass ihr Agentinnen seid, könntet ihr in großer Gefahr sein.«
»Chase hat recht«, mischte ich mich ein. »Nur Jocko wusste, dass wir Schwestern sind. Ich könnte also nur eine Buchhändlerin aus der Nachbarschaft sein, die auf einen Drink vorbeischaut. Morgen fahren wir dann zum Mount Rainier. Also los, Chase und Delilah, macht euch an die Arbeit. Zwei Köpfe sind besser als einer. Da könnt ihr jeden Dubba-Troll fragen.«
Delilah warf einen Blick zu Maggie. »Was machen wir mit ihr?«
»Ihr passiert schon nichts, bis ich wieder nach Hause komme. Sie schläft tief und fest.«
»Gut. Setz deinen Hintern in Bewegung, Chase.«
Chase lächelte breit. »Wird mir ein Vergnügen sein. Verwandle dich bloß nicht, wenn ich gerade nicht darauf vorbereitet bin.«
Ich winkte ab. »Raus mit euch, ihr beiden. Falls es Ärger gibt, ruft mich auf dem Handy an.«
Als sie weg waren, eilte ich nach oben und schlüpfte in einen engen, kurzen, schwarzen Lederrock, schnürte mein neues Bustier in Magenta und Schwarz und rückte meine Brüste darin zurecht, bis sie beinahe oben herauskullerten. Dazu zog ich runde Pumps mit Zehn-Zentimeter-Absätzen an und wirbelte vor dem Spiegel herum. Ho-hoo, zum Anbeißen!
Wir brauchten so viel Information wie nur möglich. Falls jemand aus der Bar mit den Dämonen zusammenarbeitete, würde er ganz sicher nicht offen mit Menolly sprechen, aber vielleicht mit mir. Vor allem, wenn ich meinen Charme aufdrehte. Ich schlang mir eine Samtstola um die Schultern und ging sehr vorsichtig die Treppe hinunter, um nicht mit den Pfennigabsätzen in einem der zahlreichen Risse im Holz steckenzubleiben.
Menolly blickte zu mir auf, als ich die Küche betrat. Ihr blieb der Mund offen stehen, dann hustete sie. »Verdammtes Glück, dass Trillian nicht hier ist und dich so sieht. Sonst bekäme ich dich nie aus deinem Schlafzimmer raus.«
»Das Problem könntest du ziemlich bald wieder haben. Ich komme einfach nicht von ihm los. Also, bist du so weit?«
»Jederzeit.« Sie hielt die Schlüssel ihres Pick-ups hoch.
»Ich nehme mein Auto. Wenn wir zusammen ankämen, könnte das jemanden misstrauisch machen.« Ich vergewisserte mich, dass ich alles hatte, was ich brauchte, und wies mit einem Nicken zur Tür. »Nach dir.« Wir gingen in die stürmische Nacht hinaus.
Im Wayfarer war wie üblich Hochbetrieb. In der Bar herrschte eine echte Anderwelt-Atmosphäre – die Lichter waren eigens so gestaltet, dass sie wie Öllampen wirkten, und die Einrichtung war, oberflächlich gesehen, recht rustikal, aber edel, wenn man näher hinschaute. Lange Tische und Bänke boten Platz für die Massen, aber es gab auch Nischen für privatere Partys. Zusätzlich zu den Standards wie Bier und Wein hielt der Barkeeper auch ein paar Köstlichkeiten wie Kryptiden-Pils und BrownieBier bereit, teuer und sehr gefragt.
Eine Treppe an der hinteren Wand führte zu zwei Stockwerken voller Zimmer, die immer ausgebucht waren. Das Portal selbst war im Keller versteckt, Tag und Nacht von einem ANDAgenten bewacht, der die Pässe kontrollierte und jede Ein- und Ausreise festhielt. Auch wir waren durch dieses Portal auf die Erde gekommen.
Menolly lief hinter der Bar bereits zur Hochform auf. Das Licht war gedämpft, und sie arbeitete wie verrückt. Die Subkultur-Fans, sämtlich VBM, die sich an der Bar drängten, fanden es besonders aufregend, dass sie ein Vampir war, blieben jedoch respektvoll auf Distanz, bis auf ein paar, die geradezu süchtig nach der geheimnisvollen Welt der Vampire waren. Obwohl die Akzeptanz von Untoten im Allgemeinen noch sehr zu wünschen übrig ließ, änderte sich diese Haltung ganz allmählich; der Ruf von Untoten hatte sehr unter all den Horrorfilmen und jenen Vampiren gelitten, die nur zu gern ihr ach so gruseliges Image ausspielten. Dracula beispielsweise war ursprünglich ein Bewohner der Anderwelt gewesen, dem bei der Deportation in die Unterirdischen Reiche die Flucht auf die Erde gelungen war. Er hatte es praktisch im Alleingang geschafft, jegliche Aussichten auf eine friedliche Beziehung zwischen Vampiren und Menschen auf Jahrhunderte zu ruinieren.
Ich schlenderte an die Bar und schob mich durch die Menge. An den Tischen drängten sich Grüppchen von Frauen, die so leicht bekleidet waren, dass ich daneben wie eine Nonne aussah; sie hielten Ausschau nach Feenmännern. Das waren allerdings keine Feenbeobachter wie die vom Verein der Feenfreunde. Den Feenfreunden ging es um Dinge wie Zauber, Glitzer und Einhörner. Die Frauen hier wollten Party machen, und wenn möglich noch mehr. Sie nannten sich Feenmaiden, und ein paar von ihnen – für gewöhnlich die Interessantesten – hatten oft genug Erfolg gehabt, um süchtig nach Sex mit den Sidhe zu werden. Die Götter allein wussten, was mit ihnen geschehen würde, falls sie je mit einem Svartaner schliefen.
Die Frauen waren nicht die Einzigen, die sich Hoffnungen auf ein Abenteuer machten. Mehrere Männer streiften durch die Bar, doch die meisten von ihnen wussten, dass sie völlig chancenlos waren. Menolly hatte mir erzählt, dass sie oft die Frauen aufsammelten, die am Ende des Abends übriggeblieben waren. Das war ziemlich traurig, aber im Allgemeinen reagieren eben wenige Sidhe auf derart offene Einladungen.
Ich ließ mich auf einem Barhocker nieder und blickte mich um. Hier und da entdeckte ich ein paar Feen. Sogar einige Werwesen trieben sich an den Rändern herum – man erkannte sie an diesem typischen Glimmen in den Augen. Wenn sie meinem Blick begegneten, nickten die meisten, und ein paar winkten mir unauffällig zu, wie Landsleute im Exil das eben taten.
Wo sollte ich anfangen? Ein Kribbeln in meinem Nacken wollte mich auf etwas aufmerksam machen, und ich drehte mich um. Am Tisch in der Ecknische entdeckte ich einen jungen Mann. Er sah japanisch aus, war aber von einem Glamour umgeben, der mich neugierig machte.
»Ein Glas Weißwein«, sagte ich zu Menolly, als sie endlich Zeit für mich hatte. »Und wer ist das? Der da drüben in der Ecke?«
Sie blickte zu dem Mann hinüber, während sie ein Glas Riesling vor mich hinstellte. Flüsternd antwortete sie: »Den sehe ich heute Abend zum ersten Mal. Und er ist ganz sicher nicht aus der Anderwelt gekommen. Er riecht nach Dämon, aber ich würde meine Fangzähne darauf verwetten, dass er auch nicht aus den U-Reichen stammt.«
Ich nippte an meinem Wein, schob mich dann gemächlich von meinem Hocker und schlenderte zu der Nische hinüber. Als ich näher kam, blickte der Mann auf, und ich erkannte, dass er nicht so jung war, wie ich auf den ersten Blick vermutet hatte. Sein Gesicht war glatt und faltenlos, doch seine Augen wirkten viel älter als Mitte zwanzig. Ich lehnte mich an die Wand, die seine Nische von der nächsten trennte.
»Möchten Sie sich nicht setzen, schöne Frau?«, fragte er recht laut.
Ich nahm seine Einladung an und ließ mich auf der Bank ihm gegenüber nieder. Während ich vorsichtig mein Weinglas hinstellte, ging mir auf, dass dies keine zufällige Begegnung war. Er hatte hier auf mich gewartet, allerdings hatte ich keine Ahnung, warum. Nach kurzem Schweigen begann die Luft um ihn herum kleine Wellen zu schlagen. Das war Magie, kein Zweifel.
»Großmutter Kojote hat gesagt, du könntest meine Hilfe gebrauchen«, sagte er unvermittelt. Er blinzelte, und seine schokobraunen Augen nahmen eine verblüffende, topasblaue Farbe an.
Bingo. Wusste ich doch, dass ich etwas Vertrautes an ihm wahrgenommen hatte. Sein Geruch war von Moschus geprägt, doch unter diesen männlichen Ausdünstungen erschnupperte ich den subtilen Geruch von Großmutter Kojote, deren Energie sich mit seiner Aura vermengt hatte – als hätte sie sich an ihn gelehnt oder ihm auf die Schulter geklopft.
Ich nippte an meinem Wein und überdachte diese seltsame Wendung. »Schon möglich.« Ich spielte mit meinem Glas, betrachtete ihn und versuchte dahinterzukommen, wer genau er eigentlich war. Menolly hatte recht – er kam nicht aus den U-Reichen. Da war ich sicher, also konnte er nicht der Psychoschwafler sein, so charmant er auch wirkte.
Blieb noch die Frage, ob er mit Bad Ass Luke im Bunde stand. Er sah sehr gut aus und hatte schulterlanges, kohlschwarzes Haar, glatt und schimmernd und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sein Gesicht war haarlos bis auf ein kleines Ziegenbärtchen und einen bleistiftdünnen Oberlippenbart, und obwohl er zierlich gebaut war, schien er unter dem grünen Strickpulli mit Zopfmuster recht drahtig zu sein. Was er wohl unter dem Pulli trug? Ich konnte ihn leider kaum bitten, aufzustehen, damit ich mir seine Hose ansehen konnte.
Ich rief mich zur Ordnung und fragte: »Und, wer bist du?«
Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem gerissenen Lächeln. Mein Puls beschleunigte sich, und ich rutschte auf der Bank herum und fragte mich, ob er meine Gedanken lesen konnte.
Er lachte leise. »Morio. Ich bin gerade erst in Seattle angekommen.«
Morio? Das war ein japanischer Name. »Aber nicht aus der Anderwelt«, sagte ich gedankenlos. »Äh, du bist kein Sidhe. Was bist du?« Oh-oh. Sehr unhöflich. In der Anderweit galt es als Gipfel schlechter Manieren, sich bei der ersten Begegnung danach zu erkundigen, »was« jemand war. Ich ruderte zurück. »Entschuldigung... wie unhöflich von mir. Mein Name ist Camille. Großmutter Kojote hat dich gebeten, mich aufzusuchen? Woher wusstest du, dass ich heute Abend hier sein würde?«
»Ich bin dir von zu Hause aus gefolgt.« Er strich sich eine lange Haarsträhne zurück, die sich aus dem Pferdeschwanz gelöst hatte.
Scheiße, er wusste also, dass Menolly und ich zusammengehörten. Ich konnte nur beten, dass er tatsächlich auf unserer Seite stand. »Du hast mich beobachtet? Das mag ich nicht besonders.«
Morio zuckte mit den Schultern. »Du hättest mich gar nicht bemerkt, wenn ich es dir nicht gesagt hätte, also denk nicht weiter darüber nach. Ich bin gestern aus Japan gekommen.« Er blickte sich in der Taverne um. »Ich war schon länger nicht mehr hier. Der Riese ist weg.« Mit einer knappen Geste in Menollys Richtung beugte er sich vor. »Ich werde dein Geheimnis nicht verraten. Und ihres auch nicht.«
Ich sog scharf die Luft ein. Direktheit würde mich bei ihm wohl nicht weiterbringen, trotzdem... »Was willst du von mir?«
Er zeichnete mit dem Finger ein kompliziertes Muster auf den Tisch. Mein Körper spannte sich an – das sah aus, als webe er einen Zauber, aber ich fühlte keine Magie von ihm ausgehen, also versuchte ich, mich zu entspannen. »Es geht nicht darum, was ich von dir will«, erwiderte er. »Sondern darum, was ich für dich tun kann.«
»Und was kannst du für mich tun?« Ich beugte mich vor und merkte, dass die Frage recht zweideutig geklungen hatte.
»Ich kann dir helfen, das zu finden, was du suchst«, sagte er. »Ich kenne den Wald. Ich kann Spuren lesen, Wege ausschnüffeln und Dinge aufspüren.«
Er hob den Kopf, und sein Blick bannte mich. Sein Lächeln rann wie guter Wein durch meine Adern und verwirrte mich, während die Energie alter Wälder uns umschloss. Dunkel und tief, alt und wild wob sie sich wie ein Umhang um seine Schultern. »Falls du darüber hinaus etwas willst, bin ich sicher, dass ich auch damit dienen kann.«
Ich schnappte nach Luft und erkannte, dass er ein erdgebundener Geist war und zu dieser Welt gehörte. »Hat Großmutter Kojote dich geholt, damit du uns hilfst?«
Ein weiteres Lächeln, und wieder wurde ich in ein schwindelerregendes Kaleidoskop aus Blättern, Zweigen und Wurzeln hineingezogen, die sich tief in die Erde bohrten. »Nicht direkt, aber sie hat mir jene gezeigt, die diese Welt bedrohen. Meine Welt. Ich stehe dir zur Verfügung. Gib mir etwas zu tun.«
Er hob das Glas, und ich erwiderte den Gruß und fragte mich, was ich nun tun sollte. In diesem Moment machte Menolly mich auf sich aufmerksam. Sie hatte dazu keinen Finger gerührt, doch wir waren Schwestern, also spürte ich es, wenn sie nach mir rief. Ich blickte zur Bar hinüber, wo sie stand und auf ein Büchlein in ihrer Hand hinabschaute. Ein Notizbuch, wie Reisende es benutzten, von einem Gummiband umschlossen. Jockos Tagebuch.
»Geh und sprich mit ihr. Ich warte hier auf dich«, sagte Morio.
Als ich langsam aufstand, ohne meinen neuen Gefährten aus den Augen zu lassen, fiel mir auf, dass Morio mich auf eine Art bewegte, wie es kein Mann mehr vermocht hatte, seit Trillian mir begegnet war. Ob das etwas Gutes oder Schlechtes verhieß, würde ich abwarten müssen.
Menolly warf mir einen fragenden Blick zu, als ich an die Bar trat. Ich bestellte noch einen Weißwein und lehnte mich dann über die Theke. »Wir müssen reden.«
»Ich kann jetzt nicht weg, aber nach der Arbeit will ich mich umsehen, ob ich nicht einen Hinweis darauf finde, wer Bad Ass Luke von hier aus geholfen hat. Nimm das Tagebuch an dich. Ach, übrigens, wer ist der scharfe Kerl? Bitte sag jetzt nicht, dass er für Schattenschwinge arbeitet.«
Ich zog eine Augenbraue hoch und blickte zu Morio hinüber, der das Glas in meine Richtung erhob. »Ich bin noch nicht ganz sicher, aber Großmutter Kojote hat ihn geschickt, und falls er ein Dämon ist, dann ein erdgebundener. Ich bin sicher, dass er nicht mit unseren bösen Jungs von ganz unten im Bunde steht. Sonst könnte ich sie an ihm riechen.«
»Tatsächlich?« Menolly schenkte mir ein und schob das Glas über die Theke, wobei sie mir rasch das Tagebuch zusteckte. »Ich habe euch beide beobachtet. Da läuft doch was. Wäre interessant, herauszufinden, was er wirklich ist... ein Zauberer vielleicht?«
Ich schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht, aber ich finde es schon noch heraus. Also, ich gehe dann, und vermutlich werde ich ihn mitnehmen.«
»Verdeckte Ermittlungen?«, fragte sie anzüglich.
Ich wäre ihr gern mit ein paar spitzen Worten über den Mund gefahren, aber wem wollte ich damit etwas vormachen? »Ich hätte nichts dagegen, ihn wesentlich näher kennenzulernen, das gebe ich zu. Er heißt übrigens Morio. Falls mir irgendetwas zustoßen sollte, geh zu Großmutter Kojote und frag sie um Rat.« Ich steckte das Tagebuch in meine Handtasche, leerte das Weinglas mit einem Zug, ging dann wieder hinüber zu der Nische und nickte Morio zu. »Kommst du mit?«
Wortlos stand er auf, hängte sich seine Schultertasche über und folgte mir.
Der Regen peitschte so heftig herab, dass ich das Gesicht verzog; meine Beine fühlten sich an, als würden sie von einem Bienenschwarm attackiert. Morio schien den Guss gar nicht zu bemerken, doch er wusste genau, wo ich geparkt hatte, und führte mich schnurstracks zu meinem Auto. Als ich aufschloss, fragte ich mich, ob ich verrückt geworden sei, mit diesem unbekannten Wesen ins Auto zu steigen. Ich atmete tief durch, um mich zu beruhigen, schnallte mich an und wartete, bis auch er den Gurt angelegt hatte.
»Fahren wir zurück zu eurem Haus?«, fragte er.
Ich warf ihm einen raschen Blick zu. »Warum?«
»Das erscheint mir nur logisch. Du brauchst Schlaf. Morgen machen wir uns auf die Suche nach Tom Lane, oder nicht?«
Ich seufzte. »Hör mal zu. Ich weiß nicht, was du bist und woher du so viel weißt, aber gute Manieren hin oder her – ich will ein paar Antworten. Du sagst, Großmutter Kojote hätte dir von mir erzählt, du sagst, du hättest unser Haus beobachtet, und du wusstest, welches Auto meines ist. Was läuft hier eigentlich?«
Er lächelte, ein herzliches, entzückendes Lächeln, das mich beinahe dazu verlockte, mich hinüberzubeugen und ihn zu küssen.
Charmeur oder nicht, ich stand kurz davor, ihn rauszuwerfen, als ich aus den Augenwinkeln etwas wahrnahm, das aus einer Seitenstraße hervorschoss. Ich schnappte nach Luft, als ein großer schwarzer Schemen vor das Auto sprang und einen Stein gegen die Windschutzscheibe schleuderte. Das Glas bebte, zersprang aber nicht; allerdings zog sich langsam ein Sprung von einer Seite zur anderen hindurch. Wie gelähmt vor Schreck starrte ich die Gestalt an, die im Lichtkegel meiner Scheinwerfer stand. Jedenfalls bis ich sah, dass sie zur Fahrertür herumlief.
»Verdammte Scheiße!«, kreischte ich und merkte erst jetzt, dass Morio mich am Handgelenk gepackt hatte; er zerrte mich über den Schalthebel hinweg auf seinen Sitz. Die Beifahrertür hatte er schon geöffnet, und wie der Blitz war er draußen und schleifte mich hinter sich her.
»Lauf«, sagte er und gab mir einen Schubs in Richtung der nächsten hellerleuchteten Kreuzung. »Lauf!«
Ich war erst ein paar Schritte weit gekommen, als mein Absatz in einem Loch im Gehsteig hängenblieb. Mit dem Gesicht voran knallte ich aufs Pflaster. Ich zuckte zusammen, als nasse Steinchen sich in meine Handflächen und mein Kinn bohrten, zwang mich aber, aufzuspringen und die Schuhe abzuschütteln. Ich wirbelte herum, sah aber nur verschwommene Schemen.
Dann tauchte Morio plötzlich im dichten Regen auf. Der Angreifer war nirgends zu sehen. Morio blickte sich um und wandte sich dann in meine Richtung. Ich sah, dass er etwas in der Hand hielt und versuchte, es in die Schultertasche zu stopfen. Ich bildete mir ein, ganz kurz ein rundliches, elfenbeinfarbenes Objekt mit rotglühenden Augen gesehen zu haben. Ein Schädel? Ich hatte das Ding nicht genau erkennen können, doch genau so hatte es ausgesehen.
Er schloss die Tasche und legte dann den Kopf in den Nacken, als nehme er Witterung auf. Gleich darauf kam er auf mich zu und streckte die Hand aus. Immer noch argwöhnisch griff ich zu, und er hob mich so mühelos auf die Arme, wie ich Maggie hochheben konnte. Anscheinend war Morio viel stärker, als er aussah.
»Was zum Teufel war das?«, fragte ich und erkundigte mich lieber nicht danach, warum er mich herumtrug. Ich nahm an, dass er seine Gründe dafür hatte, und ich hatte nichts dagegen, in seinen Armen zu liegen. Um ehrlich zu sein, fühlte sich das sogar verdammt gut an.
»Ein Fellgänger. Erdgebunden, aber vermutlich mit dunkleren Mächten im Bunde. Ich habe ihn mit einem Bann vertrieben, aber er wird uns nicht lange in Ruhe lassen. Komm, wir müssen hier weg, ehe er mit Verstärkung wiederkommt.« Er trug mich zur Fahrerseite meines Autos. Sobald er drüben eingestiegen war, spähte ich um den Sprung in der Windschutzscheibe herum, fuhr an und raste davon.
Während der Fahrt schwieg Morio, was auch mich bewegte, mit weiteren Fragen zu warten, bis wir in Sicherheit waren. Ich musste Menolly warnen, also holte ich mein Handy heraus und drückte Kurzwahl drei.
Nach dem zweiten Klingeln war Menolly dran.
»Hör zu, wir haben Schwierigkeiten.«
»Morio?« Wie üblich war sie unverblümt direkt.
»Nein. Wir sind auf dem Heimweg. Nachdem wir die Bar verlassen hatten, hat uns etwas angegriffen, das er als Fellgänger bezeichnet. Das war nur ein paar Straßen vom Wayfarer entfernt, also musst du sehr vorsichtig sein. Lass dich von jemandem, dem du vertraust, zu deinem Auto begleiten, wenn deine Schicht vorbei ist. Ruf Chase an, wenn es sein muss, aber ich weiß nicht, was Kugeln gegen dieses Ding ausrichten würden. Ruf mich an, bevor du gehst, und noch einmal, wenn du sicher auf dem Heimweg bist.«
Ich hörte das Zögern in ihrer Stimme. »Bist du sicher, dass dir von Morio keine Gefahr droht?«
Ich schüttelte den Kopf, obwohl sie mich ja nicht sehen konnte. »Ich weiß nicht, ob wir überhaupt noch irgendwo sicher sind«, entgegnete ich. »Wir sprechen später.«
Die restliche Fahrt verlief ohne Zwischenfall. Als ich in unsere Einfahrt bog, überprüfte ich die Schutzbanne, die ich um unser Anwesen gelegt hatte. Sie schimmerten an den Ecken unseres Besitzes in sanftem Weiß, unbeschädigt. Morio war nichts passiert, als er sie durchschritten hatte, also konnte er nicht allzu übel sein.
Ich stellte den Wagen ab und schaltete den Motor aus. Den Göttern sei Dank, dass wir es sicher bis nach Hause geschafft hatten. Aber wenn Morio unser Haus aufgespürt hatte, war das dann auch anderen gelungen? Ich dachte an Maggie, die ganz allein dort drin war, und sprang barfuß die Treppe hinauf. Nervös fummelte ich mit dem Schlüssel herum, bis es mir endlich gelang, die Tür aufzuschließen, und ich hastete durch den dunklen Flur.
Morio war dicht hinter mir. »Ich helfe dir, das Haus zu überprüfen«, sagte er so selbstverständlich, als wohnte er hier.
»Schön, du kannst mir helfen, aber wühl nicht in Sachen herum, die dich nichts angehen. Kapiert? Keine komischen Spielchen.«
Er zuckte mit den Schultern. »Spielen ist gut, es hält die Seele gesund. Geh du voran.«
Wir suchten das Haus von oben bis unten ab, wobei ich den Keller unauffällig ausließ. Der Eingang, versteckt hinter einem Regal, blieb sicher verborgen. Menollys Höhle war unantastbar.
Nachdem wir uns vergewissert hatten, dass uns niemand in Wandschränken oder unter den Betten auflauerte, kehrten wir ins Wohnzimmer zurück. Morio stellte seine Tasche neben das Sofa und ließ sich davor im Lotussitz nieder. Ganz schön geschmeidig, dachte ich und fragte mich, in welcher Hinsicht das noch gelten mochte. Mein Körper sprang auf den Zug auf, den mein Geist da angeheizt hatte, und die Lokomotive setzte sich in Bewegung.
Ich bot ihm etwas zu trinken an, und er entschied sich für ein Bier. Als ich ihm die Flasche reichte, starrte er mich an, musterte mich von Kopf bis Fuß, und was er sah, schien ihm zu gefallen. Ich leckte mir die Lippen. Ich war es zwar gewöhnt, dass Männer mich anstarrten – und sei es nur meiner großen Brüste wegen –, doch das hier war etwas anderes. Es könnte zu mehr führen, und so kurz nach Trillians überraschendem Besuch war ich nicht sicher, ob das gut wäre oder nicht.
Ich ließ mich auf dem Lehnsessel nieder. »Höflichkeit beiseite. Sag mir, was du bist.«
Er lächelte mich an. »Ich sehe schon, dass du dich mit einer einfachen Erklärung nicht zufriedengeben wirst.«
»Verdammt richtig. Also raus damit, wie man hierzulande sagt.«
Er zuckte mit den Schultern. »Meinen Namen kennst du bereits, und ich habe dir die Wahrheit gesagt. Großmutter Kojote hat mich geschickt, damit ich dir helfe. Ich gehöre zu den Yokaikitsune.«
»Kit- was?« Das konnte ein Familienname sein, eine Stammesbezeichnung oder irgendein Geheimorden.
»Yokai-kitsune. Fuchsdämon wäre wohl die beste Übersetzung.«
Dämon? Ach du Scheiße! Ich sprang auf und sah mich verzweifelt nach der nächsten Waffe um. Die silbernen Kurzschwerter, die mein Vater uns geschenkt hatte, waren sicher in einer Vitrine verwahrt. Da ich mich ansonsten nur noch mit einem Sofakissen bewaffnen konnte, streckte ich die Hände aus, um die Mondenergie aufzunehmen, und hoffte, dass nicht ausgerechnet jetzt etwas schiefgehen würde.
Er zog eine Augenbraue hoch. »Du willst mich angreifen? Na, das ist ja nett.«
Ich zögerte und starrte ihn an. »Dann kommst du wirklich nicht aus den Unterirdischen Reichen? Warum hat Großmutter Kojote dich hierher geschickt?«
Morio schnaubte. »Nein, ich komme nicht von ganz unten, und sie hat mich geschickt, weil du allein offensichtlich mit der Situation überfordert bist. Wenn ich aus der Tiefe käme, wärst du längst tot, und ich würde an deinen Knochen herumnagen.« Er klopfte neben sich aufs Sofa. »Jetzt setz dich hin und hör auf, die Drama-Queen zu spielen!«
Dieser arrogante, schleimige... Ich hielt inne, als ich in sein Gesicht blickte. Er schaute zu mir auf und wartete geduldig darauf, dass ich tat, was er gesagt hatte. Am liebsten wäre ich empört in die Küche davongestürmt; allerdings wurde die Situation tatsächlich immer schlimmer, und wir brauchten jede Unterstützung, die wir kriegen konnten. Seufzend setzte ich mich hin.
Er lächelte zufrieden. »Gut. Immerhin kannst du zuhören. Wie gesagt, ich bin ein Yokai-kitsune. Ich komme aus Japan, war aber schon mehrmals in Amerika. Ich schulde Großmutter Kojote einen großen Gefallen, den sie nun eingefordert hat, – und deshalb bin ich hier. Ich soll dir dabei helfen, die Geistsiegel zu finden. Als ich erfahren habe, was hier geschieht, war ich nur zu gern bereit, dir zu Diensten zu sein. Niemand fällt einfach in meine Welt ein und kommt ungestraft davon.«
Ich blickte ihm forschend ins Gesicht. Nun, da ich ihn in Ruhe betrachten konnte, fiel mir auf, dass seine Ohren ein wenig spitz und die Zähne ein wenig zu scharf für einen Menschen wirkten. Doch er war keine Fee – jedenfalls keine wie mein Vater. »Du sagst, du bist ein Dämon?«, fragte ich.
»In gewisser Weise. Dämon, Naturgeist, wie du willst. Die Bezeichnung ist nicht so wichtig. Was zählt, ist, dass ich kein Mensch bin, obwohl ich meistens diese Gestalt annehme.«
»Du bist ein Werwesen?«
Wieder schüttelte er den Kopf. »Nein. Ein Dämon.«
Ich sah ein, dass ich wohl nicht viel mehr aus ihm herausbekommen würde, also wechselte ich das Thema. »Ich dachte, Großmutter Kojote würde sich nicht einmischen.«
»Das wird sie auch nicht, aber sie kann durchaus andere bitten, das an ihrer Stelle zu tun. Schattenschwinge stört das Gleichgewicht der Kräfte, und die Ewigen Alten schätzen es nicht, wenn die Waage Schieflage bekommt.« Er öffnete seine Tasche und holte den Gegenstand heraus, den er vorhin in der Hand gehalten hatte. Wie ich vermutet hatte, handelte es sich tatsächlich um einen Schädel. »Das ist mein Talisman. Ich brauche ihn, um mich in einen Menschen verwandeln zu können. Wenn ich ihn verliere, kann ich nach meiner nächsten Verwandlung in einen Fuchs die menschliche Gestalt nicht wieder annehmen, ehe ich ihn zurückbekomme. Er wurde mir bei meiner Geburt geschenkt. Das sage ich dir nur, damit du nicht auf schlaue Ideen kommst, wie etwa, ihn für einen deiner Zauber zu stibitzen.«
Ich errötete. »Ich käme nicht im Traum darauf«, sagte ich, obwohl mir durchaus der Gedanke gekommen war, dass ich Großmutter Kojote immer noch den Finger eines Dämons schuldete – und hier saß einer in meinem Wohnzimmer. Aber ich war eine gute Gastgeberin. Ich würde ihm nicht eine mit der Keule verpassen und mich mit seinem Totenschädel davonmachen, geschweige denn ihm einen Finger abhacken, vor allem, da die Ewige Alte ihn ja gebeten hatte, uns zu helfen. Außerdem interessierte ich mich viel mehr für andere Körperteile. »Was hat sie dir sonst noch gesagt?«
»Alles, was ich wissen muss. Du suchst nach den Geistsiegeln, die verlorengegangen sind. Wenn du sie nicht vor Schattenschwinge findest, stecken wir alle in gewaltigen Schwierigkeiten. Ich verstehe nur nicht, warum der AND nicht mit einem Großaufgebot einschreitet und das Problem ein für alle Mal löst.«
»Weil sie das nicht können.« Die Stimme von der Haustür her ließ uns beide zusammenfahren; ich sprang auf, und mir stockte der Atem. Trillian. Schon wieder. Und er wirkte nicht erfreut, Morio bei mir sitzen zu sehen.