Kapitel 2
Nachdem ich die Bücher einsortiert hatte, schnappte ich mir das Telefon und wählte Delilahs Handynummer. Ich war nicht sicher, an was für einem Fall sie gerade arbeitete, aber egal: Der Mord an Jocko war wichtiger. Dieser Riemen stank nach Dämon, und ich wusste, dass meine Nase mich nicht täuschte. Aber was für ein Geschöpf hatte es geschafft, sich hierher durchzuschleichen? Und warum war es hier?
Delilah nahm beim zweiten Klingeln ab. Ich erzählte ihr, was passiert war. »Sieh zu, dass du bis sechs wieder hier bist. Und was auch immer du tust, bleib weg vom Wayfarer, bis wir wissen, womit wir es zu tun haben.«
»Der arme Jocko, er war ein Schatz«, sagte sie. »Glaubst du, er wurde ermordet, weil er für den AND gearbeitet hat?«
»Das hoffe ich nicht«, sagte ich. »Aber wir werden Menolly heute Nacht zu Hause behalten, nur für alle Fälle. So lieb Jocko auch war, er war dumm wie Bohnenstroh, und er hätte leicht ausplaudern können, dass er und Menolly beim AND sind. Ich sage dir, da kommt eine Menge Ärger genau auf uns zu.«
»Denkst du etwa an die Unterirdischen Reiche?« Ihre Stimme flehte mich an, nein zu sagen. Delilah war Optimistin und wünschte sich immer ein Happyend. Wie sie es schaffte, für den AND zu arbeiten und sich diese Naivität zu erhalten, war mir ein Rätsel, aber irgendwie überstand sie dennoch alles mit einem Lächeln.
Ich kniff die Augen zusammen und grübelte über das wachsende Gefühl von Grauen nach, das sich in meiner Brust bemerkbar machte. Meine Kräfte kamen vom Wind und den Sternen und dem Mond, und obwohl ich zwar nicht immer die Zukunft vorhersehen konnte, spürte ich es, wenn große, machtvolle Wesen erwachten. Und wenn ein Geheimnis in einer Vollmondnacht flüsternd dem Wind anvertraut wurde, konnte ich es manchmal hören, wenn ich angestrengt lauschte.
»Ich weiß es nicht genau, aber irgendetwas... «
»Ich muss los!«, quietschte Delilah plötzlich. »Meine Zielperson ist gerade aus der Schule gekommen.«
Ich stöhnte. »Du beschattest ein Kind? In was hast du dich jetzt wieder verwickeln lassen?«
»Nicht doch, dumme Gans. Eine Lehrerin. Ihr Mann glaubt, sie hätte was mit einem anderen, und will, dass ich ihr folge. Sie hat in der Mittagspause angeblich eine Besprechung, aber sie ist gerade unterwegs zu ihrem Auto. Bis heute Abend!« Mit einem fröhlichen Lachen legte sie auf. Also, wer bin ich? Mein Name ist Camille D’Artigo, und ich bin eine Hexe. Ich bin halb Fee, halb Mensch. Und es wird wohl Zeit für ein paar Hintergrundinformationen.
Ich wurde als älteste von drei Schwestern in der Anderwelt geboren. Wir haben natürlich einen eigenen Namen für unser Land, aber solange wir erdseits sind, ist es irgendwie einfacher, es Anderwelt zu nennen.
Die meisten Leute in der Erdwelt glaubten von jeher, das »Feenland« sei ein Märchen, bis wir uns vor einigen Jahren, bildlich gesprochen, von hinten anschlichen und »Buh!« schrien. Wir ließen jegliche Zurückhaltung fallen und gaben uns offen zu erkennen.
Nur einen Katzensprung und eine kleine Dimension von der Erdwelt entfernt liegt die Anderwelt, bevölkert von einer bunten Mischung aus Zwergen, Elfen, diversen Arten von Feen – wir beispielsweise sind Sidhe –, Einhörnern, Werwesen, niederen Vampiren, Dryaden, Nymphen und Satyrn, Gargoyles, Drachen, Wichteln und anderen Wesen, so seltsam, dass die meisten Menschen noch nie von ihnen gehört haben. In der Anderwelt aufzuwachsen war, als lebte man in einem Märchenbuch, wenngleich unsere Welt manchmal eher den Alpträumen der Gebrüder Grimm zu ähneln scheint als einer netten Gutenachtgeschichte. Aber wir lieben sie, mitsamt ihren Unholden.
Bis vor ein paar Jahren reisten nur sehr wenige von uns durch die Portale. Wenn uns also erdseits jemand begegnete, dann hielt derjenige entweder schön den Mund, oder er wurde als irre abgestempelt. Oder Schlimmeres. Heutzutage sind wir natürlich Touristenattraktionen. Leute kommen zu mir in die Buchhandlung, um mich anzugaffen und Fotos zu machen. Das ist gut fürs Geschäft. Fast jeder kauft mindestens ein Buch als Andenken, also strahle ich gern zwinkernd in die Kamera.
Ab und zu setzt sich irgendein armer Irrer in den Kopf, auf Trophäenjagd zu gehen, weil er zu dem Schluss gekommen ist, wir seien eine Satansbrut, doch glücklicherweise kommt das nicht allzu oft vor. Nein, unsere Freunde und Verwandten sind im Großen und Ganzen eher als Partygäste, Bettgenossen und Statussymbole begehrt, mit denen man sich gern sehen lässt. Die viele Aufmerksamkeit geht einem manchmal auf den Keks, aber für die Erdwelt-Anderwelt-Beziehungen ist das alles gut.
Zusammen mit meinen Schwestern Menolly und Delilah bin ich am äußeren Rand des königlichen Palastes aufgewachsen. Unsere Mutter Maria war eine Sterbliche, und es ist ihr Nachname, den wir hier in der Erdwelt tragen: D’Artigo. Unser Vater ist ein reinblütiger Sidhe.
Wenn ich sage, meine Mutter sei sterblich gewesen, sollte ich richtigerweise den Begriff »menschlich« verwenden, denn die meisten Bewohner der Anderwelt sind sterblich. Langlebig, ja, aber nur allzu fähig zu sterben. Die einzig wirklich Unsterblichen sind die Elementare, die sich so wenig wie möglich mit Wesen aus Fleisch und Blut abgeben. Ach ja – die Götter dürfen wir nicht vergessen. Aber die Götter lassen in letzter Zeit nicht mehr viel von sich hören und neigen dazu, in ihren eigenen kleinen Welten zu verbleiben. Ich habe gerüchteweise gehört, dass Demeter wieder auf Erden wandeln soll. Manchmal neigt sie zu Verwirrtheit und vergisst dann, dass Persephone längst eine erwachsene Frau und als Königin der Unterwelt recht glücklich ist. Während dieser vergesslichen Phasen sucht sie überall nach ihrem verlorenen Kind, bis ihr Bruder Zeus sie findet und sanft zurück auf den Olymp geleitet. Na, jedenfalls hat die Mehrheit der Götter der Menschheit den Rücken gekehrt, als die Menschheit ihnen den Rücken zukehrte. Der Mangel an Anbetung hat ein paar Egos empfindlich getroffen.
Unsere Mutter stammte aus Seattle. Sie verlor recht früh beide Eltern und übersiedelte in ihrem dritten Studienjahr nach Spanien, um dort ihr Kunststudium fortzusetzen und nach möglicherweise noch lebenden Verwandten zu suchen. Der Zweite Weltkrieg brach aus, und sie verließ die Uni und arbeitete in einer Fabrik, bis zu jenem Tag, an dem sie meinem Vater am Rand von Madrid begegnete, wohin man ihn kurz zuvor versetzt hatte. Es war Liebe auf den ersten Blick, und er konnte sie nicht belügen und erzählte ihr alles. Mutter packte eine Tasche und kehrte nach Beendigung seines Auftrags mit ihm auf die Andere Seite zurück, wo sie unter dem missbilligenden Blick der Königin heirateten. In den darauffolgenden Jahren wurden wir drei geboren. Als Mutter Mitte fünfzig war, wurde sie bei einem Jagdausflug von einem Pferd abgeworfen und starb, und Vater erzog uns von da an allein.
Als Halbfee in der Anderwelt aufzuwachsen, war kein Vergnügen. Erstens wurden wir ständig gehänselt, weil wir halb menschlicher Abstammung waren. Aber diese Vorurteile waren unser geringstes Problem. Unsere Eltern hatten recht bald festgestellt, dass die Gaben, die wir durch Vaters Linie geerbt hatten, drastisch verzerrt wurden durch das menschliche Blut unserer Mutter.
Wie gesagt, ich bin eine Hexe, aber meine Sprüche und Zauber neigen dazu, unschön fehlzuschlagen. Manchmal gelingen sie haargenau richtig, und dann wieder... nicht so genau. Etwa letzten Monat, als ich versucht habe, mich unsichtbar zu machen, um einem nervtötenden Kunden zu entrinnen. Irgendetwas ging schief, und es endete damit, dass ich splitterfasernackt vor ihm stand. Schlimmer noch, während der ersten paar Stunden konnte ich meine Kleider noch sehen, nur sonst leider niemand. Meine Titten – 80 DD – boten der Welt eine echte Show, vor allem in Verbindung mit meiner kurvenreichen Sanduhrfigur, dem langen, rabenschwarzen Haar (und ja, es ist an allen Teilen meines Körpers schwarz, wovon sich an jenem Tag viele persönlich überzeugen konnten) und meinem Po, auf den Jennifer Lopez neidisch wäre. Meine Stammgäste standen förmlich Schlange, um ein bisschen mit mir zu schwatzen, bis ich dahinterkam, was passiert war. Der Zauber hielt eine ganze Woche an, während derer ich die Buchhandlung meiner Assistentin Iris überlassen musste – unserem finnischen Hausgeist. Das anzügliche Zwinkern und Ellbogenstupsen hat immer noch nicht aufgehört, aber ich bemühe mich, das locker zu nehmen.
Delilah und Menolly haben auch so ihre Probleme. Unsere jeweiligen Handicaps hindern uns zwar daran, absolute Musteragentinnen zu sein, aber wir tun unser Bestes. Also wurden wir erdseits versetzt, wo wir nach Ansicht der hohen Tiere nicht in Schwierigkeiten geraten würden. Mann, hatten die sich geirrt. Die Ortsgruppe des Vereins der Feenfreunde sollte jeden Moment eintreffen. Ich musterte kritisch die Buchhandlung, doch der Laden war so sauber und ordentlich, wie er nur sein konnte. Iris hatte gründlichst saubergemacht und Staub gewischt, und ich nahm mir vor, mich mit einer Shopping-Orgie im Stoffgeschäft bei ihr zu bedanken. Hausgeister hatten in den vergangenen hundert Jahren eine rasante Entwicklung durchgemacht, bis hin zu einer Klausel in ihren Verträgen, dass sie neuerdings sogar Geld als Bezahlung anzunehmen bereit waren. Aber für Iris gab es immer noch nichts Schöneres als ein paar Ellen hübsche Seide.
Als Punkt zwölf Uhr mittags die Tür aufging und die Feenfreunde hereinströmten, warf ich noch schnell einen Blick in den Spiegel, um mich zu vergewissern, dass mein Lippenstift nicht verschmiert war. Dann löste ich meinen tarnenden Glamour-Zauber, so dass die tanzenden silbernen Flecken in meinen violetten Augen durchschimmerten. Lächelnd begrüßte ich die Besucher.
Erin Mathews, die Präsidentin des Ortsverbands, schob sich zu mir durch. Für einen Menschen war sie nicht übel, und ich genoss ihre Gesellschaft. Sie hatte eine Dessous-Boutique ein paar Straßen weiter, und wir hatten uns kennengelernt, als ich auf der Suche nach Bustiers in ihren Laden gekommen war. Seither trafen wir uns ab und zu auf einen Kaffee und ein Schwätzchen. Ich fand ihre Freunde ziemlich bescheuert, aber wenn ich so darüber nachdachte, hatten meine Freunde zu Hause auch ihre Probleme – wer wäre ich also, jemanden zu verurteilen? Marotten hatte jeder, ganz gleich, auf welcher Seite des Portals er lebte.
»Camille, wir haben uns gefragt, ob du uns die Ehre erweisen würdest, für ein Gruppenfoto mit uns zu posieren?« Ihr hoffnungsvolles Lächeln drückte aus, dass sie sehr wohl wusste, wie oft derartige Bitten an mich herangetragen wurden.
»Selbstverständlich. Darum braucht ihr doch gar nicht zu bitten«, entgegnete ich, denn angesichts der allgemeinen Begeisterung dieser Leute überkam mich ein plötzlicher Demutsanfall. Menschen schenkten ihre Freundschaft viel großzügiger als das Volk meines Vaters.
Sie bauten sich in drei Reihen auf, mit einer Lücke für mich genau in der Mitte, und Iris schoss das Foto, ehe sie wieder auf ihre Trittleiter hüpfte, ohne die sie nicht über den Ladentisch hätte schauen können. Iris war noch recht neu beim AND, und wenn ich es genau nehmen wollte, müsste ich sie als Talonhaltija bezeichnen. Sie bewachte nachts die Buchhandlung, half an der Kasse aus, wenn es nötig war, und machte sauber. Sie war klein und rundlich, hatte ein frisches, angenehmes Gesicht und den dazu passenden Charakter. Obendrein erwies sie sich als wahrer Magnet für unsere Kundschaft, die sie stets mit Tee und frischgebackenem Stollen bezauberte.
Die Gruppe, bestehend aus fünfzehn Frauen und einem Mann, versammelte sich um mich. Erin holte tief Luft und hielt dann das Buch hoch – eine Ausgabe von Katharine Briggs’ Enzyklopädie der Feen.
»Bitte, sag es uns«, bat sie. »Was stimmt und was stimmt nicht?«
Innerlich stöhnend griff ich nach dem Buch. Das war genau der Teil, den ich am wenigsten leiden konnte: die Lehrerin zu spielen, die erklären musste, wo die Grenze zwischen Legenden und Tatsachen verlief. Bis Delilah von ihrer Überwachung zurückkehrte, hatten die Feenfreunde das Feld geräumt, und es war nur noch Henry Jeffries da, einer meiner Stammkunden. Delilah winkte uns beiden kurz zu und lief die Treppe hinauf zu den schäbigen kleinen Räumen über dem Laden, die ihr als Büro dienten. Das gesamte Gebäude gehörte dem AND, und sie hatten Delilah die oberen Räumlichkeiten für ihre Privatdetektei überlassen.
Das hörte sich vielleicht großzügig an, aber diese Räumlichkeiten waren düster und schmuddelig, und bei den Verhandlungen hatte man durchblicken lassen, dass von ihr auch erwartet wurde, die Ratten kurzzuhalten. Sie kam dieser Vereinbarung nach, fraß die Biester aber nicht. Ein-, zweimal am Tag öffnete sie ein Fenster in ihrem Büro, unter dem der große Müllcontainer in der Gasse hinter dem Haus stand, und warf ein paar tote Ratten hinaus. Wie sagte sie dazu stets? »Wer weiß, wo die Viecher schon überall waren? Eine Großstadtratte fressen? Das soll wohl ein Scherz sein!«
»Ihre Schwester sieht Ihnen wirklich gar nicht ähnlich«, bemerkte Henry beim Bezahlen. Er war ein Schatz und erinnerte mich sogar an einen meiner Onkel, außer dass Henry natürlich nicht mit Bäumen reden konnte. Und er war jünger als ich, obwohl er viel älter aussah. Außerdem behandelte er uns mit beinahe höfischer Höflichkeit, die ich in der Erdwelt ansonsten sehr vermisste.
Ich packte seine Einkäufe ein – Henry las mit Begeisterung Sciencefiction und Fantasy und fraß sich durch mindestens ein halbes Dutzend Bücher pro Woche – und reichte ihm die Tasche. »Ich sehe unserem Vater ähnlich. Sie kommt nach unserer Mutter, und die war ein Mensch.«
Das stimmte, und nicht nur, was das Äußere anging. Delilah, das goldene Kind unter uns dreien, würde immer mehr einem Menschen ähneln als ich. Sie hatte ein weiches Herz und glaubte fest an das Gute im Menschen. Manchmal sorgte ich mich um sie. Was unsere Schwester Menolly anging, wusste niemand so recht, von wem sie ihr Aussehen geerbt haben könnte. Das rote Haar war eine rezessive Anlage in beiden Abstammungslinien unserer Eltern, doch wir waren nie dahintergekommen, welche Seite bei ihr überwog. Dass sie in einen Vampir verwandelt worden war, machte die Sache noch komplizierter.
Ich begleitete Henry zur Tür, drehte das Schild von »Offen« auf »Geschlossen« und lehnte mich an den Türrahmen. Der Regen ließ nach, doch die letzten Tropfen benieselten noch den Bürgersteig. Ich schob den Kopf unter der Markise hervor, fing einen Tropfen mit der Zunge auf und verzog das Gesicht ob des säuerlichen Geschmacks. Der Regen in der Anderwelt ist rein und fast süß, wie Mineralwasser. Noch ein Stück Heimat, das ich hier vermisste.
Seufzend ging ich hinein, schloss die Tür und kehrte zum Ladentisch zurück. Es war schon fast dunkel. Die Nacht mit ihren dichten Wolken kam im pazifischen Nordwesten recht früh – einer der Vorteile dieser Gegend. Bis wir zu Hause ankamen, würden wir Menolly unbesorgt wecken können.
Als ich gerade die Kasse abrechnete, hüpfte Delilah die Treppe herunter. »Ist Chase schon da?«, fragte sie und setzte sich auf die Tischkante, während ich Quittungen wegräumte und die Kasse abschloss. Sie schlang die Arme um die Knie, neigte den Kopf zur Seite und beobachtete mich. Ich hätte schwören können, dass ihre Ohren dabei zuckten.
Ich warf einen Blick zur Tür. »Nein, aber du kannst dich darauf verlassen, dass er hierher unterwegs ist. Chase kommt nie zu spät, außer er hat irgendeinen Notfall. Und, wie war deine Observation? Hast du sie in flagranti erwischt?«
Delilah lächelte. »Nein. Es hat sich herausgestellt, dass die Frau in ihrer Mittagspause ehrenamtlich im Waisenhaus in der Wilson Street aushilft. Ich habe ein bisschen nachgebohrt und herausgefunden, dass sie sich Kinder wünscht, ihr Mann aber steril ist. Ich glaube, sie würde gern ein Kind adoptieren, will ihm aber noch etwas Zeit lassen.«
»Was hast du ihm erzählt?«
»Dass sie ihn nicht betrügt. Dass sie einen Termin außerhalb der Schule hatte. Dass er sich keine Sorgen machen und seine Frau mehr schätzen sollte.« Sie kicherte hämisch. »Das hat ihm nicht sonderlich gefallen. Ich glaube, er hat insgeheim auf eine Affäre gehofft, damit er ihr Vorwürfe machen und sich moralisch überlegen fühlen kann. Weißt du, manchmal verstehe ich die Kultur hier wirklich nicht. Wenn sie ihn liebt, warum sollte er sich dann verunsichern lassen, wenn sie sich mit jemand anderem paart?«
Ich lachte. »Ich glaube, wir werden nie alles verstehen. Nicht so richtig. Ich habe keine Ahnung, wie unsere Mutter es geschafft hat, sich in dieser Welt anzupassen. Allerdings war sie auch hundertprozentig menschlich, was Fragen der ehelichen Treue anging«, sagte ich und dachte an die scharfe Zunge, mit der sie hin und wieder auf Vater losgegangen war. »Du weißt genau, dass sie einen Aufstand veranstaltet hätte, wenn Vater je mit einer anderen Frau geschlafen hätte.«
»Das hätte er nicht. Vater hat doch nie eine andere Frau auch nur angesehen. Ich kann mich an kein einziges Mal während unserer gesamten Kindheit erinnern, dass er je ein Wort über das Aussehen einer anderen Frau verloren hätte.« Delilah schniefte. »Ich wünschte, er wäre hier. Ich würde mich viel sicherer fühlen, wenn er in der Nähe wäre.«
Ich grinste. »Du bist eine voll ausgebildete AND-Agentin und willst trotzdem deinen Papa dahaben, damit er dich beschützt?« Sie errötete, doch ich winkte ab. »Um ehrlich zu sein, wünschte ich auch, er wäre hier.«
Delilahs Augen glänzten. »Mama fehlt mir sehr. Wenn sie doch nicht so früh gestorben wäre. Ich wüsste gern mehr über unsere menschliche Seite, und sie hätte uns noch so viel mehr beibringen können, wenn sie die Zeit gehabt hätte.«
»Das hätte sie bestimmt.« Sanft strich ich Delilah den Pony aus den Augen. »Solange wir hier sind, könnten wir vielleicht mehr über ihre Familie in Erfahrung bringen – unsere Familie.«
Meine sämtlichen Instinkte warnten mich, dass das ein schwerer Fehler wäre, doch Delilah brauchte Trost. Von uns dreien vermisste sie Mutter am meisten. Ich war die Älteste; ich hatte Mutters Rolle übernommen, als sie gestorben war. Menolly war vom Wesen her sehr unabhängig. Aber Delilah... Delilah hatte sich sehr lange an Mutters Rockzipfel geklammert, ehe sie sich vorsichtig in die Welt hinausgewagt hatte.
Sie zog die Nase kraus. »Menschen liegt die Tapferkeit wohl im Blut, meinst du nicht? Immerhin ist Mutter Vater in eine Welt gefolgt, von deren Existenz sie gar nichts wusste, bis er ihr davon erzählt hat. Das erforderte viel Mut.«
»Und vergiss nicht, wie sie es geschafft hat, sich einen Platz in der Gesellschaft der Anderwelt zu erarbeiten – keine einfache Aufgabe für einen VBM.« Genaugenommen war das absolut erstaunlich. Sehr wenigen reinblütigen Menschen war es je gelungen, den Hof zu beeindrucken. Ich schlüpfte in meinen Mantel. Was Kleidung anging, bevorzugte ich wahre Dramatik, und in einem Secondhandshop in der Pike Street hatte ich diesen prächtigen schwarzen Vintage-Abendmantel entdeckt, für dreißig Dollar fast geschenkt. »Du bist eben Romantikerin, Delilah. Warst du schon immer. Nur Spitze und Kätzchen und Herzen.«
»He! Ich kann echt zum Tiger werden, wenn ich will.« Sie reichte mir meine Handtasche, mit Perlen besetzt, passend zum Abendmantel, und schniefte hochmütig. »Ich ziehe es eben vor, meine Krallen nur auszufahren, wenn es notwendig ist.«
Ich lachte. »Ach, Süße, mach dir nicht so viele Gedanken. Du bist genauso mutig, wie unsere Mutter es war. Das sind wir alle. Wir haben unsere Heimat verlassen und sind in eine fremde Welt gezogen, genau wie sie damals. Und unsere Arbeit ist obendrein sehr nützlich für die Anderwelt.«
»Wir sind Entdecker«, sagte sie mit einem Lächeln, das die Spitzen ihrer Fangzähne entblößte. Im Gegensatz zu Vampiren konnte Delilah die Reißzähne nicht einziehen. Sie wurde ständig von Männern belagert, die auf gefährliche Frauen abfuhren.
»Abenteurer!«, stimmte ich zu und erwiderte ihr Lächeln.
»Sklavinnen einer knauserigen Behörde, die uns hier verheizen will!« Sie warf triumphierend die Arme in die Luft.
Ich wurde ernst. »Das kommt der Wahrheit zu nahe, als dass ich es komisch finden könnte. Der AND ist langsam wie ein verschlafenes Faultier, und eines Tages wird das sein Untergang sein. Wo wir gerade dabei sind, vergiss nicht, wieder einmal darauf hinzuweisen, dass wir völlig verrückt gewesen sein müssen, diesen Posten anzunehmen.« Eine Bewegung vor dem Fenster erregte meine Aufmerksamkeit. »Da ist Chase. Er sieht besorgt aus.«
Die elektrische Ladenglocke summte, als Chase hastig eintrat. »Es tut mir leid, dass ich zu spät komme«, sagte er brüsk und gefährlich sachlich. »Ich habe noch einmal das Hauptquartier kontaktiert, aber spart euch eure Fragen auf, bis wir alle zusammen an einem sicheren Ort sind.«
»Kann’s losgehen?«
Er nickte. Delilah hüpfte vom Ladentisch und schlüpfte in ihre Bomberjacke. Knapp über einen Meter achtzig groß, in engen Jeans und Stiletto-Stiefeln, bot sie einen einmaligen Anblick – beeindruckend und einschüchternd zugleich. Ich schaltete die Alarmanlage ein, und wir marschierten zu unseren Autos. Wir wohnten in einem riesigen, alten, viktorianischen Haus, dreistöckig, wenn man den Keller nicht mitzählte. Dort schlief Menolly, verborgen vor der Sonne. Delilah bewohnte den zweiten Stock und ich den ersten. Das Erdgeschoss teilten wir uns, und hier aßen wir auch gemeinsam. Nun ja, Delilah und ich aßen. Menolly leistete uns nur Gesellschaft.
Das Haus stand zurückversetzt auf einem Grundstück von fünf Morgen, grenzte hinten an ein Wäldchen, durch das man zu einem großen Teich gelangte, und es war nicht billig gewesen. Zum Glück hatte Vater in weiser Voraussicht während seines Erdwelt-Einsatzes ein hübsches Sümmchen auf einem geheimen Konto bei einer Bank angelegt, die es geschafft hatte, die folgenden Jahrzehnte unbeschadet zu überstehen. Er hatte uns das Geld geschenkt, als man uns auf diesen Posten versetzt hatte, und im Lauf der Jahre hatte sich einiges an Zinsen angesammelt. Zusammen mit den Konten, die Mutter uns hinterlassen hatte, reichte es, um das Haus zu kaufen und einzurichten und uns ein recht einfaches, aber behagliches Leben zu finanzieren.
Der Tradition folgend, trugen wir den Nachnamen unserer Mutter, obwohl sie menschlich war, und bei unserer Geburt hatte Mutter darauf bestanden, uns behördlich anzumelden und uns Geburtsurkunden, Sozialversicherungsnummern und so weiter zu beschaffen. Vater hatte Mutter eigens erdseits gebracht, damit sie die Formulare ausfüllen konnten. Als wir also hierherkamen, um unseren Dienst anzutreten, konnten wir problemlos Bankkonten eröffnen und – mit viel Fingernägelkauen und Üben, Üben, Üben – den Führerschein machen.
Dank unserer weitsichtigen Eltern blieb uns eines der schlimmsten Schicksale erspart, das ein AND-Agent im Erdwelt-Einsatz erleiden kann – in einem AND-Apartment wohnen zu müssen, sprich: in einem billigen Zimmer in einem der von Kakerlaken wimmelnden Hotels, die von AND-Lakaien geleitet wurden. Dort durften nur Angehörige des AND wohnen; eine subtile Methode zu verhindern, dass Menschen zu viel mitbekamen, aber eine wenig subtile Erinnerung für die Agenten, dass sie weit weg von zu Hause waren und mit Haut und Haaren dem AND gehörten. Natürlich waren einige Agenten – Riesen wie Jocko und manche Goblins – mit dem Ambiente dort sehr zufrieden. Sie waren es gewohnt, in Hütten oder Höhlen zu wohnen, über die ein Stinktier die Nase gerümpft hätte. Aber für Feen wie uns war der Dreck geradezu entsetzlich.
Die weite Fahrt nach Seattle war ein Nachteil an unserem Wohnort Belles-Faire. Man brauchte eine halbe Stunde am Morgen, um in die Stadt zu pendeln, und eine weitere halbe Stunde abends, wenn der Verkehr nicht allzu schlimm war. Außerdem waren wir dort mehr als sieben Kilometer vom nächsten Portal entfernt, das im Wald verborgen lag, beschützt von einer der Ewigen Alten. Sich schnell in die Anderwelt abzusetzen, war also nicht unsere erste Option, falls es Ärger geben sollte. Aber dafür hatten wir unsere Privatsphäre, Ruhe und Gemütlichkeit und genug Platz, um die Kräuter anzubauen, die ich für meine Zauber brauchte. Delilah hielt die Mäusepopulation in Grenzen, obwohl sie sich ständig beschwerte, dass sie davon Verdauungsstörungen bekam.
Ein weiterer Vorteil daran, am Rand eines schmuddeligen Vororts zu wohnen, war der, dass Menolly hier leichter unbemerkt jagen konnte. Sie gab sich aufrichtig Mühe, nur den Bodensatz der menschlichen Gesellschaft auszusaugen – Diebe und Schlimmeres –, aber ich hatte den Verdacht, dass Chase schon ziemlich sauer wäre, wenn er wüsste, wie sie sich ihre Mahlzeiten beschaffte; wir hatten ihm erzählt, sie jage streunende Tiere. Was für uns der Wahrheit ziemlich nahe kam, wenn man bedachte, auf was für Abschaum sie es abgesehen hatte.
Ich war schon fast an der Haustür, als Delilah aus ihrem Pick-up hüpfte. Chase hielt hinter ihr. Ich drehte mich um und rief ihr zu: »Wie wäre es, wenn du Chase einen Drink machst, solange ich Menolly wecke?«
Chase sah aus, als wollte er protestieren, doch dann schüttelte er den Kopf und folgte Delilah ins Wohnzimmer. Sobald ich sicher war, dass er mich nicht sehen konnte, schlüpfte ich durch die Geheimtür in der Küche. Wir hatten den Zugang zum Keller gut versteckt, um Menolly zu schützen – im Schlaf konnte sie nicht viel tun, um sich zu verteidigen.
Meine Haut prickelte, als ich auf Zehenspitzen die Treppe hinunterging. Sich in den Unterschlupf eines Vampirs zu schleichen, war nie angenehm, nicht einmal dann, wenn der fragliche Vampir die eigene Schwester war.
Zumindest mied Menolly die üblichen Stereotypen: Die Wände ihres Kellers waren zart elfenbeinfarben gestrichen, und sie hatte sich für ihre Bettwäsche und die Sessel einen salbeigrünen Toile-de-Jouy ausgesucht. Diese Idee hatte sie aus einer alten Folge einer Deko-Soap, und das Ergebnis überzeugte mich davon, dass sie Raumausstatterin werden sollte. Aber Menolly hatte eben eine künstlerische Ader. Im Gegensatz zu vielen anderen Vampiren verzichtete sie auch bei ihrem Äußeren auf den geschmacklosen Schmuddel-Look. Sie schlief in einem richtigen Bett, nicht in einem Sarg, und wir hatten eine »Blutkammer« eingebaut, von außen durch einen Lüftungsschacht zugänglich, in der sie sich nach ihren Mahlzeiten säubern konnte, damit sie im Haus keine Flecken hinterließ. Ich wusste ihre Reinlichkeit sehr zu schätzen, denn der Großteil der Hausarbeit ruhte auf meinen Schultern. Delilah schaffte es immer, genau dann einen günstigen Stress-Anfall zu bekommen, wenn sie mit der Hausarbeit an der Reihe war, und Menolly tat nachts, was sie konnte, doch auch sie hatte ihre Grenzen, was Putzen und Staubsaugen anging. Ich bat den AND immer wieder, uns eine Haushälterin zuzuteilen. Das würde wohl ein Wunschtraum bleiben, aber man durfte ja so seine heimlichen Phantasien hegen, nicht wahr?
Während ich mich dem Bett näherte, schätzte ich vorsichtig die Distanz ab. Lange Narben, die für immer meinen Arm zieren würden, waren eine wirkungsvolle Erinnerung an die Kraft, die ein aufwachender Vampir entwickeln konnte. Seit diesem ersten Mal blieb ich hübsch außer Reichweite. Natürlich fühlte Menolly sich entsetzlich schuldig wegen dieser Narben, und natürlich hatte ich ihr verziehen. Aber dumm war ich nicht, und deshalb blieb ich jetzt immer ein gutes Stück vor dem Bett stehen, wenn es Zeit war, sie zu wecken.
»Menolly? Menolly?«
In ihr wächsernes Gesicht kam Bewegung. Ihre Gesichtszüge waren schön, geradezu zart; keine Falte weit und breit, und die würde sie auch nie bekommen. Sie war natürlich viel zu blass, aber daran konnten wir nichts ändern. Wir hatten es einmal mit Selbstbräuner versucht, doch damit hatte ihre Haut nur einen fiesen Orangeton angenommen, immerhin passend zu ihrem Haar – üppige kupferrote Strähnen, zu Dutzenden dünner Zöpfe geflochten und mit Perlen verziert. Die Bo Derek der vampirischen Welt. Wir sahen uns eine Menge alter Filme an, um die Alltagskultur der Erdwelt besser kennenzulernen.
»Was... ?« Sie schoss hoch, saß kerzengerade im Bett und blinzelte, und ich zuckte zusammen. Gebissene Schwester scheut die Zähne, oder so. Ihre Augen färbten sich blutrot, dann wieder eisblau, als sie mich erkannte.
»Camille? Ist es schon Zeit zum Aufstehen?« Sie schaute auf den Wecker. »Kaum halb sieben? Ist die Sonne denn schon untergegangen?«
»Gerade eben. Du bist sicher. Es ist etwas Wichtiges passiert, sonst hätte ich dich länger schlafen lassen. Chase ist oben. Das Hauptquartier hat uns einen Fall zugewiesen.«
Sie räkelte sich und schlüpfte unter der Bettdecke hervor. Im Gegensatz zu meiner kurvenreichen, vollbusigen Figur war sie gertenschlank und zierlich; ihr Kopf reichte mir bis kurz unter die Nase. Delilah schlug uns beide, sie schaffte es haarscharf über einen Meter achtzig – damit war sie gut fünfzehn Zentimeter größer als ich und obendrein sehr athletisch. Das Mädchen hätte diese Linda Hamilton aus dem Terminator-Film vor Neid erblassen lassen. Ich hoffte nur, dass Jockos Tod nicht eine baldige Begegnung mit unserem ganz persönlichen Arnold Schwarzenegger ankündigte.
Menolly schlüpfte in ihre Jeans und einen jagdgrünen Rolli. Sie brauchte weder an der Jeans herumzuzerren, um sie über ihren Hintern zu bekommen, noch musste sie ihre Brüste im BH zurechtrücken. Nein, sie brauchte nicht einmal einen BH. Sie war wie ein wunderschönes Porzellanfigürchen, dessen Schönheit nie verblassen, das nie zunehmen und sich niemals der Welt der Formbügel würde stellen müssen.
»Was ist passiert?«, fragte sie und schüttelte ihre Zöpfchen zurecht.
Die Perlen klapperten leise, und sie grinste über das Geräusch. Sie hatte mir einmal anvertraut, dass sie sich dadurch wieder lebendig fühlte. Vampire verursachten sonst keinerlei Geräusche, bewegten sich lautlos, atmeten nicht einmal, und das machte sie wahnsinnig.
Ich setzte mich im Schneidersitz auf die Bettkante und spielte mit dem Rand der Tagesdecke. »Jocko ist ermordet worden. Das Hauptquartier hat die Sache an uns abgeschoben. Sie halten sie nicht für wichtig, aber ich rieche Dämonen dahinter. Du gehst heute Abend nicht in die Bar – ich habe dich heute Nachmittag schon abgemeldet.«
»Ermordet? Ein Dämon hat Jocko getötet?« Obwohl ihre Miene ausdruckslos und starr blieb, klang ihre Stimme ein wenig erstickt. Sie und Jocko waren in den vergangenen Monaten Freunde geworden, so gute Freunde, wie eine Vampirin und ein Riese eben sein konnten. Beide litten sehr unter ihren Handicaps – Menolly hatte nicht darum gebeten, ein Vampir zu werden, und Jocko war kleinwüchsig.
Ich nickte. »Es tut mir leid.« Ich beugte mich vor und legte ihr einen Arm um die Schultern. Sie starrte auf ihre Hände hinab. Ich sah ihr an, dass sie mit den Tränen kämpfte – Vampirtränen waren so rot wie das Blut, das sie tranken, und Menolly konnte Flecken nicht ausstehen.
»Wie? Und wer zum Teufel sollte ihn umbringen wollen? Jocko hat nie jemandem etwas getan, der es nicht geradezu herausgefordert hat.« Sie seufzte tief. »Was für eine Scheiße.«
Ich küsste sie auf die Stirn. »Ja, ich weiß. Jemand hat ihn erdrosselt, eine echt hässliche Sache. Chase wird dir alles Weitere sagen. Er hat sich noch einmal mit dem Hauptquartier in Verbindung gesetzt, nachdem ich den Dämonengestank an der Mordwaffe wahrgenommen hatte. Er hat gesagt, er hätte es geschafft, jemanden an die Strippe zu bekommen, aber wer weiß, was uns das nützen wird.« Ich drückte ihre Schultern. »Davon abgesehen habe ich eine Überraschung für dich. Ich führe dich heute Nacht aus, aber du darfst mich nicht fragen, warum oder wohin. Versprichst du mir, dass du mitkommst?«
»Du schleppst mich doch nicht wieder in einen Strip-Schuppen, oder?« Sie funkelte mich böse an. »Dieses Fiasko hat dich hoffentlich gelehrt, dass die Kombination von haufenweise nackter Haut mit einem hungrigen Vampir todsicher in einer Katastrophe endet.«
Nicht immer erwiesen sich unsere Versuche, die Kultur der Erdwelt besser kennenzulernen, als eine gute Idee. Nachdem ich es geschafft hatte, Menolly aus der Bar zu zerren und sie aus ihrem Rauschzustand zu rütteln, war ich zu dem Schluss gekommen, dass der Anblick nackter Körper wohl das Letzte war, was sie brauchen konnte. Das bedeutete: keine ChippendaleShows, Stripclubs, Saunas, Umkleiden oder sonst irgendetwas in der Art.
»Glaub mir, das machen wir nicht noch einmal. Nein, es ist etwas ganz anderes. Versprichst du mir, dass du mitkommst?«
Sie seufzte, als ich ihr voran zur Treppe ging. »Ach, na schön. Ich versprech’s. Aber es sollte lieber mindestens so unterhaltsam sein wie die Shows, die ich in der Bar zu sehen bekomme.«
Chase und Delilah warteten im Esszimmer auf uns. Chase hatte eine Flasche Bier vor sich stehen, Delilah ein Glas Milch. Beide sahen so erleichtert aus, als wir auftauchten, dass ich grinsend fragte: »Nicht viel Gesprächsstoff, was?«
Delilah pfiff vor sich hin und starrte zur Decke. Chase starrte auf sein Bier.
»Dann wollen wir mal.« Ich ließ mich auf meinem Stuhl nieder und erschauerte, als die Wärme, die Eichenholz für mich besitzt, durch meinen Körper strömte.
Ich schenkte mir ein Glas Wein ein. Menolly trank nichts, wenn wir Besuch hatten. Obwohl Blut ganz ähnlich aussah wie Tomatensaft und wir immer einen kleinen Vorrat im Kühlschrank hatten, konnte das den Gästen doch etwas unangenehm sein. Und der Geruch stieß manche Leute ab, die nicht daran gewöhnt waren.
»Okay, hier sind die Fakten.« Chase räusperte sich und holte ein Notizbuch hervor. »Camille kennt schon ein paar davon, aber ich fange lieber am Anfang an, damit alle im Bilde sind. Heute Morgen um fünf Uhr dreißig ist ein Informant in der Gasse hinter dem Wayfarer über Jockos Leichnam gestolpert. Er hat mich angerufen, und ich war etwa zehn Minuten später dort. Jocko wurde erdrosselt. Sein Mörder muss ungeheuer stark sein, denn Jocko ist nicht gerade klein, und es war offensichtlich, dass er sich heftig gewehrt hatte. Aber der Gerichtsmediziner stimmt mit mir darin überein, dass er vermutlich in der Bar getötet und dann nach draußen geschleift wurde. Eine Spur umgestürzter Stühle zog sich durch die Bar, und die Hintertür stand offen.«
Delilah verzog das Gesicht. »Armer Jocko. Was hat der Gerichtsmediziner denn noch gesagt?«
Chase blickte auf seine Notizen hinab. »Nicht viel. Sie haben Spuren von nichtmenschlichen Energiesignaturen an ihm gefunden. Als Camille mir gesagt hat, dass der Riemen nach Dämon riecht, bin ich noch einmal hingegangen und habe sie gebeten, das zu überprüfen. Bedauerlicherweise kann der ANDAgent, der die Autopsie durchgeführt hat, Dämonen nicht auf diese Weise wahrnehmen, also warten wir jetzt auf einen Spezialisten, der das verifizieren soll.«
»Dass jemand groß und stark genug sein soll, einen Riesen zu erdrosseln, ist ein erschreckender Gedanke.« Menolly zog eine Augenbraue hoch und wies mit einem Nicken auf Delilah.
Ich wandte meinen Blick unserer blonden Göttin von einer Schwester zu. Subtile Anzeichen von Stress zeigten sich in ihrem Gesicht. Jockos Tod traf sie härter, als ich erwartet hätte. Vielleicht war sie auch nur müde, denn in ein paar Tagen würde der Mond voll sein, und sie litt vor dem Vollmond immer unter PMS – dem Prä-Mond-Syndrom. Ich berührte sie am Arm. »Trink deine Milch, Schätzchen. Die wird dich entspannen.«
Sie griff nach ihrem Glas und nippte erst sacht daran, bevor sie einen richtigen Schluck trank.
Menolly stützte die Ellbogen auf den Tisch und starrte Chase an. »Also, keine Vermutung, wer ihn getötet haben könnte, außer dem Dämonengeruch?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, aber wie gesagt, ich bin zum Hauptquartier durchgekommen, nachdem ich mit Camille gesprochen hatte. Sie sagen nicht viel dazu, aber sie haben mich gefragt, ob du vielleicht vergessen hättest, verdächtige Vorfälle zu melden, die sich in letzter Zeit in der Bar ereignet haben?«
Menolly schnappte nach Luft – eine Geste, kein Bedürfnis nach Atemluft – und stieß ihren Stuhl zurück. »Was willst du damit andeuten, Johnson? Dass ich Mist gebaut habe... oder dass ich eine Verräterin bin?«
Ups. Ich erkannte alle Anzeichen einer bevorstehenden Explosion. Das Letzte, was wir jetzt brauchten, war eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Menolly und Chase – zumal es ihr ein Leichtes wäre, ihn umzubringen. Ich räusperte mich. »Ich glaube nicht, dass er damit irgendetwas andeuten wollte. Die Frage kam schließlich vom Hauptquartier.« Ich warf Chase einen Blick zu, der sagen sollte: Erst nachdenken, dann Mund aufmachen.
Er blinzelte, als ihm klar wurde, wie kurz er davorstand, zum Abendessen zu werden. »Nein, nein! Ich habe nichts dergleichen angedeutet«, sagte er. »Ich wollte dir nicht zu nahe treten.«
»Dann ist das Hauptquartier der Meinung, dass ich Mist gebaut habe«, sagte Menolly, den Blick immer noch fest auf Chases Gesicht geheftet.
Delilah empfand die Spannung ebenfalls deutlich. »Bitte nicht streiten! Ich mag es nicht, wenn ihr wütend werdet.« Ein angsterfüllter Ausdruck breitete sich über ihr Gesicht. Ich stieß meinen Stuhl zurück, doch ehe ich Delilah erreichen konnte, schimmerte die Luft wie eine durchsichtige Welle, Farben verzerrten sich und verschwammen miteinander. Meine Schwester fiel in sich zusammen, als würde sie kleingefaltet, ihre Glieder verkürzten sich, ihr Körper veränderte seine Gestalt. Das war ein schauderhafter Anblick, und es sah unglaublich schmerzhaft aus, obwohl Delilah behauptete, es tue nicht weh. Ein goldener Funkenregen sprühte auf.
Dann saß auf ihrem Stuhl seelenruhig eine orangerot getigerte Katze mit einem niedlichen, etwas verdutzten Ausdruck auf dem Gesicht.