DRITTER TEIL
Herbst - Winter A. D. 51

XVIII
»Breaca, du musst dir einmal der Gefahren bewusst
werden. Dies ist keine Schlacht, und es besteht auch nicht die
Chance auf einen ehrenvollen Tod. Wenn wir gefangen genommen
werden, dann wird Scapula an uns ein solch grausames Exempel
statuieren, dass es alle Stämme von der einen Küstenlinie bis zur
anderen erschüttern wird. Und wenn wir es schaffen sollten, an
seinen Wachen vorbeizuschlüpfen, wird die Gefahr nur noch umso
größer. Wir setzen hier nicht nur unser eigenes Leben aufs Spiel,
sondern auch das Leben all derer, die noch nach uns kommen werden.
Du bist mir zwar in meinem Traum erschienen, dennoch stehen diese
Dinge alle noch nicht fest. Du musst dich uns nicht
anschließen.«
»Doch, das werde ich. Denn wenn die Chance besteht,
dass wir Caradoc wieder zurückholen können - würden die Götter dann
ernsthaft wollen, dass gerade ich außen vor bleibe? Ich glaube
nicht.«
Breaca hatte sich im strömenden Regen auf einem
Baumstumpf am Flussufer niedergelassen. In dem nahe am Wasser
gelegenen Kiesbett brannte ein Feuer, und der sich kräuselnde Rauch
verlor sich im Nebel des dahinter rauschenden Wasserfalls. Wie
getrocknetes Blut breitete sich der verblassende Sonnenuntergang
über den westlichen Horizont aus.
Die ganze Welt war voller Blut - und dennoch
stammte nicht ein einziger Tropfen davon von Breaca. Ganz gleich,
wie oft sie sich auf den Feind gestürzt hatte, so war sie doch
immer noch nicht getötet, ja nicht einmal leicht verletzt worden.
Folglich waren die Kämpfer auf beiden Seiten des Schlachtfeldes
mittlerweile zu der Überzeugung gekommen, dass Breaca unter dem
Schutz der Götter stehen musste. Ihre Krieger folgten ihr in die
tödlichsten Gefahren, und die meisten von ihnen entkamen ihnen
sogar wieder lebend. Scharen von Legionssoldaten waren bereits
durch ihre Klinge gestorben, zu geschwächt vor lauter Angst, um
sich überhaupt noch ernsthaft gegen Breaca verteidigen zu können.
Und eine ursprünglich aus dem Hinterhalt angreifende Hilfstruppe
der Römer hatte gar beim bloßen Anblick von Breacas Schlachtross
kurzerhand die Flucht ergriffen. Unablässig von Breacas Truppen
attackiert, sammelte Scapula seine Legionen schließlich um sich wie
eine Henne ihre Küken und zog sich einen blutigen Schritt nach dem
anderen wieder zurück und bis in die Sicherheit der Festung zu
Camulodunum hinein. Nun war auch er Zeuge der Existenz der Bodicea
geworden und hatte gelernt, sie zu fürchten. Dennoch fürchtete er
sie noch nicht so sehr, als dass er Caradoc wieder freigelassen und
zu denjenigen zurückgesandt hätte, die seinen Verlust
beklagten.
Zwar mochte Scapula über diesen Schritt nachgedacht
haben, doch lag die Entscheidung ohnehin schon nicht mehr in seinen
Händen. Spione aus den östlichen Seehäfen hatten berichtet, dass
Caradoc und seine Familie bereits per Schiff nach Rom geschickt
worden waren. Legionare, die man lebend gefangen und verhört hatte,
hatten dies bestätigt. Selbst wenn der Statthalter Roms also den
Willen gehabt hätte, Caradoc wieder seinem Volk zu übergeben, waren
der Krieger und seine Familie doch bereits in der Gewalt des
Kaisers und konnten nicht mehr zurückbeordert werden.
Langsam fiel das Feuer wieder in sich zusammen.
Beißender Rauch stieg in die Luft auf. Der Wasserfall ergoss sich
in den See und floss von dort aus weiter in den Fluss. In jedem der
leisen Geräusche der Natur hörte Breaca Caradocs Namen, so wie er
ihr auch tagtäglich im Klirren der Waffen widerzuhallen schien, in
den Schreien der im Sterben liegenden Legionssoldaten und im
Kreischen der Krähen über dem Schlachtfeld. Mit der Zeit, daran
hegte Breaca keinen Zweifel, würde sie das noch um den Verstand
bringen.
Ihr gegenüber auf einem der Flusssteine saß Airmid,
den Umhang schützend über den Kopf gezogen. Kleine, an
Schweißtropfen erinnernde Wasserperlen hatten sich auf dem Stoff
angesammelt. Ihr Gesicht war zu schmal und von einer ungesunden
Blässe, doch diese Merkmale trugen im Augenblick schließlich alle.
In der Nacht versorgte Airmid die Verwundeten und bereitete den
Toten und Sterbenden den Weg zu den Göttern. Am Tag, wenn die
Krieger im Namen Caradocs die Legionen niedermetzelten, suchte sie
in ihren Träumen und Visionen nach einer Möglichkeit, wie sie
Caradoc wieder nach Hause holen konnten. Heute Nacht schien es so,
als habe sie eine Möglichkeit gefunden.
Doch zu hoffen war sehr gefährlich. Das
zerbrechliche Gleichgewicht, in dem sich Breacas Verstand gerade
noch befand, beruhte allein auf dem Wissen, dass alle Hoffnung
verloren war - und doch war es ihr unmöglich, nicht sogleich wieder
die Hand nach dem ersten sich am Horizont zeigenden
Hoffnungsschimmer auszustrecken. Den Blick auf die Flammen
gerichtet, murmelte Breaca schließlich: »Sag mir, was du gesehen
hast.«
Airmid zog ein feuchtes Holzscheit aus dem um das
Feuer herum aufgeschichteten Haufen und legte es in die Flammen.
Das Wasser zischte und verflüchtigte sich zu Dampf. Durch diese
Wolke hindurch begann Airmid: »Caradoc befindet sich in der Gewalt
des Kaisers, daran gibt es keinen Zweifel. Um an Claudius
heranzukommen, müssen wir zunächst den Weg über Scapula wählen,
anders ist seine Aufmerksamkeit nicht zu erregen; doch auch dies
wissen wir bereits, seit wir das Lager der Briganter hinter uns
gelassen haben. Bis jetzt jedoch hatten wir noch keine Möglichkeit
gefunden, uns dem Statthalter zu nähern, ohne damit zugleich
Selbstmord zu begehen. Doch heute Nacht, so glauben wir, hat er
einen Fehler gemacht. Ardacos’ Bärinnen haben seinen Rückzug
beobachtet, und sie berichten, dass Scapulas Pioniere ihr Feldlager
auf der Grabstätte einer Träumerin der Ahnen errichtet haben. Luain
mac Calma, also derjenige unter uns, der am engsten mit den
Vorfahren in Verbindung steht, hat es bestätigt.«
»Wessen Grab ist es?«
»Das weiß ich nicht. Luain kann uns nichts weiter
sagen, als dass ihr Zeichen eines der ältesten ist, die in die
Dachbalken des Großen Versammlungshauses von Mona geritzt wurden.
Es gibt zwar keinen Grabstein oder Grabhügel, doch ihre Gebeine und
ihr Traumzeichen liegen an genau der Stelle, wo sich zwei jener
Wege, die einst von den Ahnen bereist wurden, kreuzen. Zu jedem
anderen Zeitpunkt wäre uns dieses Wissen zwar möglicherweise von
keinem großen Nutzen gewesen, doch heute ist die Nacht, in der der
alte Mond in den neuen übergeht und in der sich Nemains Macht auf
ihrem Höhepunkt befindet. Ich glaube, mit der Hilfe der Göttin
können wir das Lager erstürmen und bis zu Scapula
vordringen.«
»Um ihn zu töten«, stellte Breaca tonlos
fest.
Airmid atmete langsam aus und dachte nach. Sie nahm
sich nur selten Zeit zum Nachdenken, bevor sie in Breacas Gegenwart
sprach, und auch nur dann, wenn es um Dinge ging, die ihr
Verhältnis zu ihrer Göttin betrafen. Sie sagte: »Letztendlich
werden wir ihn töten, ja, aber er darf nicht durch das Schwert
sterben. Wenn du immer noch entschlossen bist, dich uns
anzuschließen, so musst du schwören, dass du ihm nicht die Kehle
durchschneiden wirst. Er muss langsam sterben - sein Tod muss sich
über Tage hinziehen, oder der Traum wird zerschmettert und Caradoc
stirbt durch einen Erlass des Kaisers in Rom.«
Caradoc. Gekreuzigt. Cunomar, das Kind der See
mit dem weichen Haar … Breaca grub ihre Finger in den
verrottenden Baumstumpf und wartete, bis sich die plötzlich
aufsteigende Übelkeit allmählich wieder verflüchtigte. Ein
schwacher, unbeugsamer Teil von ihr klammerte sich verzweifelt an
diese Worte, hielt sie eisern fest. Als sie schließlich wieder
sprechen konnte, fragte Breaca: »Und wenn ich Scapula nun nicht
töte und der Traum nicht zerbricht, besteht dann die Chance, dass
Caradoc und die Kinder überleben?«
Airmid nickte. »Ich denke, diese Chance besteht.
Zwar kann man nichts mit Sicherheit sagen, und diese Voraussage ist
noch vager als all die anderen, aber... ja, ich denke, genau das
ist es, was die Götter mich haben erspähen lassen.«
Es war zwar nur das kleinste Etwas von einem
Strohhalm in jenem wirbelnden Strom, der Breaca in die Tiefe zu
reißen drohte, doch sie klammerte sich daran fest, als ob er
bereits das sichere Land wäre. Nach einem Moment erwiderte sie: »In
Ordnung. Allein schon um dieser vagen Chance willen schwöre ich,
dass ich Scapula nicht töten werde. Aber ich werde mit dir kommen.
Kein Risiko ist so groß, als dass man dafür den Traum entschlüpfen
lassen dürfte.«
»Du musst die ältere Großmutter herbeibeschwören
oder ihr zumindest so nahe kommen, wie du nur irgend kannst.«
Heiß loderte das frisch aufgeschichtete Feuer aus
getrocknetem Eibenholz und zarten Rotdornzweigen, an denen sogar
noch die Beeren hingen. Der kleine See hinter dem Wasserfall griff
das Licht der Flammen auf und warf es - scheinbar noch heller -
wieder zurück. Zwischen Feuer und Wasser stehend, bildeten drei
Träumer - Airmid, Luain mac Calma und Efnís von den Eceni - ein
Dreieck. Zu ihren Füßen zeichneten sie das Symbol des alten und des
neuen Mondes auf den Erdboden. In der Mitte des Dreiecks stand
Breaca - plötzlich fühlte sie sich wieder wie ein Kind, klein und
ganz aufgeregt ob der Dinge, die da kommen mochten. Verborgen in
der Dunkelheit hinter ihnen warteten Ardacos und vier seiner
Bärinnen. Den Färberwaid hatten sie sich zwischenzeitlich wieder
abgewaschen und rochen nun nur noch nach Bärenfett und weißer
Kalkfarbe.
»Die ältere Großmutter«, sagte Airmid abermals.
»Unsere ältere Großmutter. Die erste und die beste. Du musst
sie zu dir rufen und alles, was sie dir zu geben bereit ist,
annehmen.«
»Ich kann mich aber nicht mehr an sie erinnern.«
Nun fühlte sich Breaca wieder vollends wie ein Kind, doch alle ihre
Erinnerungen waren verschwommen und sprachen lediglich von Krieg
und Verlust. Ihr war zumute, als habe ihre Kindheit in einer ganz
anderen Welt stattgefunden, als sei sie nicht von ihr selbst,
sondern von einer Fremden durchlebt worden und als existiere sie
lediglich noch in den Liedern des Stammes. Die ältere Großmutter
war in der letzten von Breacas drei langen Nächten in der
Einsamkeit gestorben. In jener letzten Nacht, bevor sie zur Frau
geworden war. Damals hatte Breaca den Heimgang der alten Frau als
die größtmögliche Katastrophe auf Erden empfunden. »Ich kann mich
noch nicht einmal mehr an ihre Augenfarbe erinnern.«
»Zu der Zeit, als du sie kanntest, waren sie schon
weiß«, erklärte Airmid ihr. »Sie war blind, und ihre Pupillen waren
weit geöffnet und in der Mitte weißlich verfärbt. Der Rand der
Pupillen war schwarz. Jetzt jedoch wird sie anders aussehen. Du
musst sie zu dir rufen, du warst schließlich ihre letzte Vision.
Hast du noch die steinerne Speerspitze, die du damals in deinen
langen Nächten in der Einsamkeit benutzt hast, um die Kampfadler zu
töten?«
»Ja.« Breaca entleerte den Inhalt ihres
Gürtelsäckchens in ihre Hand, die bunt zusammengewürfelten Schätze
ihrer Vergangenheit: Cunobelins Siegelring, den er Breaca einst mit
dem Schwur, sie immer zu beschützen, übergeben hatte; die
Schlangenspeerbrosche, die Breaca selbst geschmiedet und deren
Gegenstück sie Caradoc geschenkt hatte; die Pfote des ersten Hasen,
den Hail für sie erlegt hatte; eine Locke von Cunomars Haar, die
ihr Sohn eigenhändig mit einer Strähne aus der Mähne der grauen
Stute verflochten hatte, um damit jenen denkwürdigen Tag zu
markieren, an dem er sein erstes Schlachtross geritten hatte. Doch
alle diese Andenken stammten bereits aus Breacas Erwachsenenleben.
Aus ihrer Kindheit hatte sie bloß die steinerne Speerspitze
aufbewahrt, die noch von den Ahnen stammte und die Bán wie durch
Zufall gefunden und ihr dann als Geschenk für ihre langen Nächte in
der Einsamkeit überreicht hatte.
Breaca trennte den Stein von den restlichen
Andenken und hielt ihn hoch. Und wie immer schien der blasse,
milchige Feuerstein sich das Licht des Feuers regelrecht zu
unterwerfen. Um ihn herum sammelte sich in dicken Wolken der Rauch
und ließ Breaca husten.
Leise, doch unnachgiebig ertönte Airmids Stimme.
»Sieh dir den Stein an, Breaca. Woran erinnert dich sein
Aussehen?«
Er sah aus wie eine einfache Pfeilspitze aus
Flintstein, gefertigt in der Art der Vorfahren. Ihre behauenen
Kanten waren noch genauso scharf wie an jenem Tag, als sie
gefertigt worden war. Und noch immer war jener Stoffstreifen um das
schmal zulaufende Heft der Pfeilspitze gewickelt, wo Breaca sie am
Stock der Großmutter befestigt hatte, um sie als Waffe gegen den
Anführer der Kampfadler benutzen zu können. Die braunen, lange
getrockneten Blutflecken aber, welche den Feuerstein überzogen,
verfärbten sich ganz plötzlich wieder rötlich, wurden wieder zu
frischem Blut, das sich über den blaugeäderten Stein ergoss.
Willkommen zu Hause, Kriegerin, sprach lachend die
ältere Großmutter.
»Geh zu ihr, Breaca, finde du sie für mich«, sagte
Airmid leise, und von irgendwoher hallte nun auch mac Calmas und
Efnís’ Echo, doch ihre Stimmen erklangen versetzt zu der von
Airmid, erschienen bloß noch als ein entferntes Flüstern aus längst
vergangener Zeit; der Traum hatte Breaca bereits umfangen.
Die alte Frau sah tatsächlich verändert aus, genau
wie Airmid es vorausgesagt hatte. In jenen lange zurückliegenden
Jahren, als das Kind Breaca die Augen und Glieder der älteren
Großmutter gewesen war, war Letztere bereits blind gewesen. Nun
jedoch hatte die Großmutter Augen, so hell und so scharf wie die
eines Falken. Aufrecht stand sie da, nicht mehr krumm und
vornübergebeugt, und auch der Schmerz in ihren Knochen, durch den
sie früher nur noch mit fremder Hilfe hatte gehen können, war
verschwunden. Ihr Haar schimmerte noch immer silbrig weiß, war
jedoch nicht mehr so ausgedünnt am Scheitel wie einst. Nur ihr
Gesicht war das alte geblieben, die Haut ebenso verschrumpelt wie
die Rotdornbeeren, die Airmid in die Flammen geworfen hatte. Ihre
Augen waren erstaunlicherweise braun; in Breacas Vorstellung waren
sie immer grau gewesen wie die ihres Vaters.
Die Großmutter lachte - ein Geräusch, das einem
Kind unwillkürlich unter die Haut kroch und es sofort schuldbewusst
sein Gewissen durchforschen ließ. »Du solltest mehr essen«, sagte
sie. »Und aufhören, dich zu grämen. Noch ist er ja nicht tot, der,
für den du zwar tötest, um den du aber noch nicht eine einzige
Träne vergossen hast.«
Das war unfair. Schließlich hatte Breaca versucht
zu weinen. Nächtelang hatte sie an langsam herunterbrennenden
Feuern gesessen und auf den Ausbruch jenes schier unerträglichen
Kummers gewartet, der doch einfach kommen musste, so wie er auch
für Macha und für ihren Vater gekommen war. Doch alles, was Breaca
gefunden hatte, war ein kalter und grenzenloser Zorn gewesen, dem
eine nagende Verzweiflung gefolgt war, Empfindungen, die sie
schließlich dazu trieben, zu töten und immer weiter zu töten. Doch
keiner der Tode, die Breaca vollstreckte, hatte ihr bisher die so
verzweifelt ersehnte Erleichterung verschafft.
»Es ist richtig, wenn du um die Toten trauerst«,
sagte die Großmutter. »Das bist du ihnen schuldig, damit ehrst du
sie auch noch im Tode. Doch es besteht kein Grund, um die Lebenden
zu trauern.«
Ich wusste doch nicht mit Sicherheit, ob er noch
lebt, erwiderte Breaca in Gedanken - doch das stimmte nicht,
denn wenn Breaca von einer Sache überzeugt war, dann davon, dass
sie es genau spüren würde, wenn Caradoc starb. Laut sagte sie:
»Geht es ihm gut, und ist er in Sicherheit?«
»Wer?«
»Caradoc. Wer sonst?«
»Dein Sohn? Vielleicht. Oder meinst du den Sänger?«
Mit einem gackernden Lachen hüpfte die Großmutter plötzlich umher.
Sie hatte schon immer eine ganz entsetzliche Art von Humor gehabt.
Selbst der Tod konnte dies nicht dämpfen. »Dubornos geht es gut. Er
träumt von Airmid.« Sie grinste, neigte den Kopf ein wenig zur
Seite und wirkte wie die Inkarnation einer Spottdrossel
höchstpersönlich. »Und auch Caradoc ist bislang noch kein Schaden
zugefügt worden. Er sorgt sich um dich und um euren Sohn.«
»Können wir ihm helfen?«
»Ich weiß nicht. Was meinst du? Oder sollen wir die
Götter befragen?« Ungewöhnlich gelenkig ging die Großmutter vor dem
Feuer in die Hocke. Sie langte in die Glut hinein und stocherte mit
einem Finger darin herum, bis die Holzscheite auseinander fielen
und in neuer Anordnung liegen blieben. Aufmerksam musterte sie die
einzelnen Stücke und las aus der sich wieder setzenden Asche die
Zukunft heraus. Nickend und murmelnd erhob sie sich schließlich,
marschierte geradewegs an einem steif dastehenden, schweigenden
Luain mac Calma vorbei und watete in den Fluss hinein. Breaca
wusste, wie kalt das Wasser war, denn sie hatte sich zuvor selbst
darin gewaschen. Ohne zu zögern, schritt die Großmutter immer
weiter hinein, bis das spiegelglatte, schwarze Wasser gegen ihre
schlaffen Brüste schwappte. Sie beugte sich vor, pustete über die
absolut ebene Oberfläche des Wassers und rieb anschließend noch
einmal mit dem Handballen darüber, um ihr Spiegelbild noch besser
bewundern zu können.
»Ich weiß nicht«, sagte sie schließlich abermals.
Dann hob die Großmutter den Kopf und blickte mit leuchtenden Augen,
in denen sich der Schein des Feuers widerspiegelte, direkt zu
Breaca hinüber. »Wäre es dir lieber, wenn er tot, aber sicher und
geborgen in der Obhut Brigas wäre, oder wenn er lebte und du aber
wüsstest, dass du ihn niemals wieder sehen würdest?«
Breaca starrte die Großmutter an. Die Worte der
alten Frau drangen zwar in ihr Bewusstsein ein, ergaben jedoch
augenscheinlich keinen Sinn. »Ich verstehe nicht«, erwiderte
sie.
Die alte Frau nickte. Ihre gackernde Verrücktheit
war wieder verebbt. Nun war sie so ernst, wie sie es zu Lebzeiten
nur selten gewesen war, und wenn, dann auch nur in der Gegenwart
des Todes. Schließlich sagte sie: »Die Zukunft steht noch nicht
fest. Das tut sie nie. Es könnte sein, dass Caradoc stirbt, aber es
besteht auch die Chance, dass er überlebt. Wenn er sterben sollte,
wirst du zumindest wissen, wo er sich befindet. Sollte er dagegen
überleben, wirst du das womöglich nicht erfahren.«
»Liegt die Wahl bei mir?«
»Wahrscheinlich nicht. Aber für den Fall, dass man
dich fragen sollte, solltest du wissen, welche von beiden
Möglichkeiten dir lieber wäre.«
Das war ein Rätsel, wie es sich die Träumer in den
dunklen Winternächten auf Mona gegenseitig aufgaben. Von seiner
Beantwortung hing jedoch nichts ab - weder das Versprechen des
Lebens noch das Geschenk des Todes. Es kam vielmehr darauf an, den
tieferen Sinn hinter der Fragestellung zu erkennen.
Was also war schlimmer: zu leben, wenn das Leben
unerträglich geworden war, oder zu sterben, obgleich die Flamme des
Herzens noch immer brannte?
Was war besser: zu sterben und dem bereits
heraufdräuenden Leiden unter der Herrschaft der Götter und der
Menschen zu entkommen, oder zu leben und das Glück eines anderen
Menschen dahinsiechen zu sehen?
Und wer besaß das Recht, dies für einen anderen
Menschen zu entscheiden?
Niemand.
Zu Breacas Füßen tat sich die Erde auf und gab doch
keine Antwort. Schließlich - die Worte in Breacas Mund fühlten sich
staubtrocken an - sagte sie: »Das darf ich nicht entscheiden. Ich
habe nicht das Recht, an seiner statt zu wählen.«
Bis zum Halse von eiskaltem Wasser umschlossen,
schüttelte die ältere Großmutter den Kopf. »Natürlich nicht. Die
Götter entscheiden und jene, deren Seelen sich noch im
Gleichgewicht befinden, aber dennoch müssen sie - und du - wissen,
was du wählen würdest. Anders kommen wir nicht weiter.«
Die Nacht wartete. Drei Träumer standen um das
Feuer herum, Träumer, die Nacht für Nacht die Grenze zwischen den
Welten überquerten. Keiner von ihnen bot Breaca seine Hilfe an,
keinen von ihnen durfte sie fragen.
Eine Lebensspanne nach der anderen verstrich. Sie
hatte sich nie für unentschlossen gehalten. Geliebter - was
würdest du dir denn von mir wünschen?
Doch Caradoc schwieg; Breaca hatte seine Stimme
schon seit dem Tag, als er Sorchas Fähre betrat und Mona verlassen
hatte, nicht mehr vernommen. Dennoch erhielt sie die ersehnte
Antwort - geboren aus ihrer noch immer lebhaften Erinnerung an
Caradoc und dem noch immer in der Luft schwingenden Rhythmus seiner
Sprache. Also verkündete sie: »Ich würde mir wünschen, was für
Caradoc das Beste ist. Unabhängig davon, ob er damit an meine Seite
zurückkehrt oder nicht. Und sollte er leben, so werde ich dies mit
Sicherheit auch erfahren, ebenso, wie er von meinem Schicksal
erfahren wird. Das kann niemand verhindern.«
Die Großmutter watete wieder aus dem Wasser heraus.
An ihr haftete ein strenger Geruch nach Färberwaid. »Eine gute
Wahl«, bestätigte sie. »Allerdings wird sich somit auf euer beider
Leben auch der Schmerz niedersenken; auf deines vielleicht sogar
noch stärker als auf seines. Möglicherweise jedoch kehrt damit auch
etwas bereits verloren Geglaubtes wieder zu dir zurück. Aber das
können nur die Götter mit Sicherheit sagen.«
»Wie also sollen wir es anfangen?«
»Folge mir. Mach mir einfach alles nach und tu
genau, was ich dir sage. Stelle keine Fragen und vertraue denen,
die mit dir wandern, wie auch immer sie dir erscheinen mögen. Es
werden noch immer jene Männer und Frauen sein, die du bereits
kennst.«
Hell erleuchtet von einem Mond, den Breaca nicht
sehen konnte, schlängelte sich der Pfad durch das Heidekraut. Die
Speerspitze aus Feuerstein glühte so heiß, als ob sie gerade eben
erst aus den Flammen gezogen worden wäre. Fest umklammerte Breaca
die Klinge. Die behauenen Kanten schnitten scharf in ihre
Handfläche. Mit hoch erhobenem Haupt marschierte die ältere
Großmutter voraus, ihr Haar geradezu lebendig erleuchtet von jenem
silbrigen Licht, das auch den schmalen Weg erhellte. Hinter der
Großmutter schritt Breaca, ihr wiederum folgte Airmid. Efnís und
Luain mac Calma verharrten beim Feuer, um den Traum am Leben zu
erhalten und um die Wanderer sicher wieder nach Hause zu
geleiten.
Flankiert wurden die drei von den Kriegerinnen und
Kriegern der Bärin, die mit weit ausholenden Schritten durch das
Heidekraut streiften. Sie trugen ihre Bärenfelle auf eine Art, wie
Breaca es noch niemals zuvor gesehen hatte: Sie waren so geschickt
um sie geschlungen, dass der Mensch darunter zum Bären zu werden
schien und der Bär zum Menschen. Sie hatten kleine, gefährlich
blitzende Augen, und ihr Atem stank Ekel erregend. Ardacos schenkte
Breaca ein Lächeln; sie hatte den Eindruck, plötzlich lange, weiße
Zähne bei ihm aufblitzen zu sehen. Aber natürlich war all dies
lediglich das Werk der Götter. Und noch ehe Breaca ihn fragen
konnte, wie das alles vonstatten gegangen war, hatte die ältere
Großmutter sie bereits am Arm gepackt und weitergezogen.
Den Bärinnen war es verboten, auf dem Pfad zu
wandern. Als sie sich dem Lager näherten, ließen sie sich auf alle
viere nieder und rannten schon einmal voraus bis zu der hölzernen
Palisade und dem Schutzgraben, welche Scapulas Feldlager
umgaben.
Die römischen Nachtlager sahen alle gleich aus:
Regelmäßig am Abend errichtet und am nächsten Tage wieder abgebaut,
hinterließen sie als Zeugnis ihrer Anwesenheit lediglich die
Pfahllöcher, den Graben und die Latrinen. Ihre Uniformität war ihre
Stärke; jeder Mann kannte seinen Platz und seine Pflichten. Doch
nach den ersten paar Angriffen kannten auch ihre Feinde die genaue
Anordnung ihrer Tore und Wachposten. Die Bärinnen rannten also auf
den südlichen Graben zu, jenen, der der Grabstätte ihrer Ahnin am
nächsten lag. Die wachhabenden Soldaten im Inneren der Umzäunung
mussten nicht nur sturzbetrunken, sondern auch noch dumm sein, dass
sie die Bärinnen nicht rochen, als diese sich anschlichen. Fest
umklammerte Breaca die steinerne Speerspitze und bedauerte zum
wiederholten Male, dass sie nicht ihr Schwert bei sich trug.
»Runter!«
»Was?«
Ungeduldig zischte ihr die ältere Großmutter zu:
»Runter mit dir, sofort! Sie sichern jetzt den Schutzwall. Duck
dich zwischen das Heidekraut und kriech auf dem Bauch
weiter.«
Zwischen ihren Schulterblättern spürte Breaca
plötzlich die Hand der alten Frau, fühlte, wie diese sie
hinunterdrückte, bis sie schließlich flach auf dem Bauch lag. Dann
kroch sie weiter wie eine Schlange. Zu ihrer Linken und ihrer
Rechten reckte sich das Heidekraut empor, die Stängel so hoch wie
Getreidehalme. Sie kratzten über Breacas Arme, bis sie bluteten.
Die Erde roch nach altem Fuchskot und dem milden, beinahe süßlichen
Geruch einer Schlange. Fast im gleichen Moment glitt irgendetwas in
der Finsternis an Breaca vorbei und rieb dabei trocken über ihren
Unterarm. Breaca drückte den Kopf in den Schmutz, versuchte, ruhig
weiterzuatmen, während sie von einer Woge der Panik ergriffen
wurde. Sie spürte förmlich, wie hinter ihr, in der nur noch von den
Sternen beleuchteten Dunkelheit, die Großmutter spöttisch
grinste.
Ein Mann starb auf dem südlichen Schutzwall des
Feldlagers, dann ein weiterer. Breaca beobachtete, wie einsam und
verloren ihre Seelen vor ihr über den Pfad wandelten. Aus Mitleid
wollte sie ihnen schon zurufen, doch die ältere Großmutter
verschloss ihr den Mund. Wie ein durch das Heidekraut raschelnder
Windhauch erklang ihre Stimme: »Still, Kind. Oder willst du, dass
sie uns hier entdecken?«
Natürlich wollte Breaca das nicht. In dem
Feldlager, an das sie sich gerade anschlich, kampierten immerhin
eine Legion und ein kompletter Kavallerieflügel - sie dagegen war
gänzlich unbewaffnet und wurde lediglich von ihrer toten Großmutter
geführt. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an all das, was
Scapula mit gefangen genommenen Träumern anzustellen pflegte.
Selbst eine Kreuzigung wäre da noch gnädiger gewesen. Also kroch
Breaca noch leiser und vorsichtiger weiter und ignorierte die immer
größer werdende Anzahl von Wesen, die mit ihr gingen.
Links von ihr brummte leise eine Bärin. Breaca
hörte, wie Ardacos ihr eine Antwort zuflüsterte. Einst war er ihr
Liebhaber gewesen, darum würde sie seine Stimme immer und überall
wiedererkennen - selbst dann, wenn er sich fast gänzlich in einen
Bären verwandelt hatte. Drei weitere Legionare starben, ohne ihre
Angreifer auch nur bemerkt zu haben. Langsam füllte sich die Nacht
mit den verlorenen Seelen der Römer.
In einer geschlossenen Reihe und auf dem Pfad des
toten Mondes überquerten Breaca und die anderen schließlich den
Schutzwall. Ardacos hatte einen Baumstamm über den Graben gelegt
und riss nun auch noch die letzten, mit je drei Spitzen bewehrten
Pfähle heraus, die ihnen noch den Eintritt in das Lager verwehrten.
Innerhalb der Umzäunung, zu beiden Seiten des Durchgangs, lagen
überall die Leichen von Soldaten in voller Rüstung. Ihr Genick war
gebrochen, und ihre Kehlen waren auf eine Art aufgerissen, die
nicht von geschliffenen Klingen zeugte, sondern eher an die Pranken
eines großen Raubtieres erinnerte. Der Rest des Feldlagers wurde
nur noch schwach von einigen verglühenden Feuern erhellt, die vor
schnurgeraden, perfekt ausgerichteten Zeltreihen schwelten. Rom
schlief, wie es lebte: in kerzengeraden Linien, die dem Geist
keinen Raum zur Entfaltung ließen.
Die ältere Großmutter führte Breaca sicher an den
schlafenden Männern vorbei. Airmid folgte ihnen. Wie Schatten
glitten vor ihr, hinter ihr und an ihrer Seite die Bärinnen dahin.
Und noch weitere Wesen regten sich in der Dunkelheit. Es war jedoch
klüger, nicht danach zu fragen, wer oder was sie waren.
Leise sprach die Großmutter: »Das Zelt des
Statthalters liegt in der Mitte des Lagers, gleich am Hauptweg. Er
hat es direkt über dem Grab der Schlangenträumerin aufgeschlagen.
Sie ist wütend und stört seinen Schlaf. Airmid wird ihm nun noch
stärker zusetzen.«
Plötzlich blieb Breaca mitten auf dem Weg stehen.
»Woher weißt du, dass sie eine Schlangenträumerin ist?«
»Ich weiß alles.« Die Stimme der Großmutter hatte
einen scharfen, vernichtenden Unterton. »Warum sonst, glaubst du
wohl, bist du hier?«
»Das ist es. In der Mitte, wo der zweite Pfad auf
den unseren trifft.«
Der zweite Pfad verlief von Osten nach Westen und
schimmerte noch schwärzer als die sie umfangende Nacht. Es war
erstaunlich, dass er den Pionieren der Legion nicht sogleich ins
Auge gefallen war. Das Zelt des Statthalters, direkt über jener
Stelle errichtet, wo sich die beiden Pfade kreuzten, war doppelt so
groß wie die umliegenden Zelte und noch viel größer als jene, die
die schlafenden Legionssoldaten beherbergten. Es wurde von sechs
Männern bewacht, drei mit dem Gesicht zum Zeltinneren gewandt, drei
nach außen blickend. Zwei weitere beobachteten das Gelände in
unmittelbarer Nähe. Im Gegensatz zu den Wachen am Lagergraben
schienen diese jedoch nicht schon halb zu schlafen. Damit Breaca
und ihre Begleiter an den Statthalter herankommen konnten, mussten
also alle Wachen im gleichen Augenblick sterben. Die Bärinnen
lauerten bereits, warteten auf den Befehl, doch selbst sie, die
unter dem Schutz der Götter handelten, waren zu wenige, um dies
ohne verräterischen Lärm zu vollbringen.
Die Großmutter schüttelte den Kopf. Zu Ardacos
gewandt sprach sie: »Noch nicht. Diese hier sind nicht für euch
bestimmt. Haltet Ausschau, ob sich noch andere Soldaten nähern, und
haltet sie dann gegebenenfalls auf. Und denkt daran, nicht auf die
Pfade zu treten.«
»Und wie kommen wir jetzt an Scapula ran?«, drängte
Breaca.
»Das weiß Airmid«, entgegnete die Großmutter.
»Weiß sie nicht.«
Leise ertönten die Worte hinter Breacas Rücken. Sie
fuhr herum. Ein wenig von der Großmutter abgewandt stand Airmid,
die Füße sorgfältig auf der Linie des Mondpfades platziert. Sie
starrte die Großmutter aus weit aufgerissenen, schwarz wirkenden
Augen an. »Du hast mir nichts davon gesagt, dass wir es hier mit
der Schlangenträumerin zu tun haben«, hob sie an. »Ich habe sie
schon einmal getroffen. Sie bewacht den ältesten der heiligen
Plätze unserer Vorfahren auf Mona, und sie ist eine sehr unsichere
Verbündete.«
»Hast du etwa um Sicherheit gebeten, als du den
Traum beschworen hast? Ich jedenfalls habe nichts davon gehört.«
Die Großmutter schenkte ihr ein mildes Lächeln. »Hast du etwa
Angst, Airmid von Nemain?«
Es trat eine Pause ein, die sich langsam immer
weiter ausdehnte. Die Nachtluft wurde kühl. Schließlich antwortete
Airmid: »Ja.«
Unmöglich. Airmid fürchtete sich vor nichts und
niemandem.
Die Großmutter nickte. »Gut. Es wurde nämlich auch
Zeit, dass du dich wieder an die Demut vor der Angst erinnertest.
Trotzdem, du musst diese Aufgabe jetzt bewältigen, sonst können wir
gleich auf demselben Wege wieder zurückkehren, auf dem wir
hergekommen sind. Ohne irgendetwas erreicht zu haben. Außer zehn
toten Männern.«
Interessanterweise aber waren es im Augenblick noch
gar keine zehn toten Soldaten … so viele hatte bislang noch keiner
von ihnen gezählt...
Für einen Augenblick schien es so, als ob sie
tatsächlich wieder umkehren würden. Dann ergriff Breaca das Wort:
»Airmid, wenn es gar nicht anders geht, dann greifen eben die
Bärinnen und ich das Zelt des Statthalters an. Ich bin doch nicht
den ganzen weiten Weg hierhergekommen, nur um unverrichteter Dinge
wieder abzuziehen.«
»Du würdest aber bei dem Angriff sterben.«
»Ich weiß, aber vielleicht töten wir dabei ja
den...«
Mit scharfem Tonfall erklärte Airmid Breaca: »Nein,
du würdest sterben, noch ehe du auch nur in die Nähe des Zeltes
gelangtest, und deine Seele würde für immer bei der Ahnin bleiben.
Dies hier ist keine Aufgabe für eine Kriegerin.« Airmids Blick
jedoch - gefangen in einem anderen, noch tiefer gehenden
Zwiegespräch - war dabei auf die ältere Großmutter gerichtet.
Die alte Frau beendete diesen stummen Dialog
schließlich, indem sie laut entgegnete: »Aber deine Kriegerin trägt
die Speerspitze der Schlangenfrau bei sich, und sie kämpft unter
ihrem Zeichen. Dieser Tatsache kannst doch selbst du Vertrauen
schenken, oder etwa immer noch nicht?«
Mit tonloser Stimme erwiderte Airmid: »Ich wusste
nicht, dass es sich dabei um das Zeichen dieser Vorfahrin handelt.
Trägst du denn auch die Brosche in Form des Schlangenspeers bei
dir, das Gegenstück zu derjenigen, die du Caradoc damals geschenkt
hast?«
»Ja.«
Wieder kramte Breaca in ihrem Beutel. In ihrer Hand
wirkte die Brosche plötzlich sehr klein. Einst hatte sie selbst das
Holz für die Gussform geschnitzt und sie anschließend mit flüssigem
Silber gefüllt. Damals hatte auch ihr Vater noch gelebt und war ihr
bei der Anfertigung der Brosche behilflich gewesen. In ihre
Herstellung waren zwei Monate der Vorbereitung eingeflossen, und
Breaca hatte das Schmuckstück für das beste gehalten, das sie wohl
jemals erschaffen konnte. Die doppelköpfige Schlange wand sich um
ihren eigenen Körper und blickte damit zugleich in die Zukunft wie
auch in die Vergangenheit. Selbst der Schaft des Kampfspeers
überkreuzte sich mehrfach und deutete damit auf Wege, die in ganz
anderen Welten lagen. An der unteren Schlaufe der Brosche hing ein
kleiner roter Zopf, der erste Liebesbeweis von Caradoc. Sanft ließ
der Mond der alten Götter sein Licht darauf fallen und verwandelte
Rot in Schwarz, die Farbe des Todes.
»Er hat dich damals geliebt, und er liebt dich auch
heute noch«, sagte die ältere Großmutter. Sie klang plötzlich
seltsam gelassen. »Erinnere dich an das Gefühl. Gib die Brosche
jetzt Airmid, zusammen mit deiner Speerspitze. Und verlier niemals
die Erinnerung an jene Zeit, als die Schlange sich noch nicht ins
Schwarze wand.«
Es war schon schwer genug für Breaca, sich von der
steinernen Speerspitze zu trennen. Sie war ihr Talisman geworden
und im Augenblick ihre einzige Waffe. Wenn sie nun auch noch die
Brosche hergeben sollte, würde es ihr nahezu unmöglich sein, sich
noch an jene Zeit zu erinnern, als der rote Zopf noch neu war und
die Liebe, die er symbolisierte, noch jung und unerforscht.
»Denk nach.« Die Großmutter war hinter Breaca
getreten und hatte ihr die Hände auf die Schultern gelegt. »Denk an
das Meer und an den Jungen, den der Sturm an Land getrieben hatte.
Stell dir einen Fluss vor, und noch einen, und noch einen, und noch
einen.«
Noch niemals zuvor war es Breaca zum Bewusstsein
gekommen, dass sich die schönsten Augenblicke mit Caradoc -
zumindest in den ersten Tagen ihrer Liebe - immer irgendwo am
Wasser abgespielt hatten. Nun, als man es ihr beinahe einflüsterte,
erinnerte sie sich plötzlich ganz deutlich daran. Sie war wieder
das junge Mädchen von einst und träumte von einem Orkan, der ein
Schiff gegen eine Landzunge schmetterte. Zwischen dem Treibgut lag
ein blonder Junge, nur um ein Haar dem nassen Tod entronnen. Und
nun schlüpfte auch wieder das Lächeln, mit dem er damals erwacht
war, in Breacas Gedächtnis zurück.
Das vom Sturm aufgepeitschte Meer hatte sie beide
aufeinander zugetrieben. Im Fluss der Eceni dagegen hätte sie das
winterliche Schmelzwasser fast getötet. Lachend tauchte Caradocs
Gesicht aus den Wellen auf. Wir können einander nicht retten …
ist nicht das Ziel. Dann verschwand er. Mit einer neuen Vision,
einer Vision des Frühlings, kehrte er wieder: in trockenen Kleidern
und für eine Reise gekleidet. Sein helles Haar war unter einer
Kappe verborgen, sein Mantel war von einem glanzlosen Braun. Breaca
schenkte ihm zum Abschied die in Silber gegossene Brosche mit dem
Schlangenspeer, dem Zeichen ihres Traums. Noch baumelte kein rotes
Flechtwerk daran; dieses Gefühl hatte sie sich damals noch nicht
eingestehen mögen. Dennoch, Caradoc hatte verstanden, wofür die
Brosche stand, hatte sie angenommen und dabei in das Wasser des
Flusses gestarrt. Auch Bán war damals noch am Leben gewesen, und
auch er hatte verstanden.
Später im Sommer dann, Bán war schon lange tot,
baumelte an der Brosche schließlich ein roter Zopf. Plötzlich
ertönte auch wieder Caradocs Stimme: »Ich habe noch immer deine
Brosche. Was auch immer geschehen mag, sie wird immer ihre
Bedeutung für mich behalten.«
Doch nur kurze Zeit später gebar ihm eine andere
Frau seine erste Tochter. Dafür hasste Breaca ihn, denn Hass war
ein leichter zu kontrollierendes Gefühl als Liebe. Der Herbst
jedoch brachte sie einander während einer Schlacht wieder näher.
Damals hatten sie sowohl ihre gegenseitige Liebe als auch ihren
Hass beigelegt, um einem größeren Ziel zu dienen. Als die Schlacht
ihren Höhepunkt erreichte und überall um sie herum Tote lagen,
waren es die roten Zöpfe, die Breaca und Caradoc wieder aneinander
banden und sie ein Kind zeugen ließen. Der Fluss hatte sein stilles
Lied gesungen, während Caradoc und Breaca sich geliebt
hatten.
»Damals glaubten wir noch, wir könnten siegen«,
sagte Breaca gedankenverloren.
Irgendwo, ganz in ihrer Nähe, erwiderte die
Großmutter: »Und ihr könnt noch immer siegen. Es steht noch nichts
fest. Die Götter erschaffen ihre Geschöpfe doch nicht, nur um sie
wieder zu vernichten.«
»Was müssen wir dafür tun?«
»Wenn du Scapula vernichten könntest, wäre das
schon einmal ein recht guter Anfang.«
Nun mischte sich Airmid ein: »Breaca? Könntest du
bitte mit mir kommen? Wir müssen zur Rückseite seines Zeltes
gelangen. Hier... nimm die Brosche wieder an dich. Verwende sie, um
dich auch weiterhin an deine Vergangenheit zu erinnern, denn genau
sie wird unser Geschenk für die Träumerin unserer Ahnen sein.
Solange du deine Erinnerung lebendig hältst, sind wir geschützt.
Jetzt komm. Ich werde dich führen.«
Caradoc war bei ihr. Ein Caradoc des Sommers, ein
Caradoc kurz nach Graines Geburt. Damals waren sie gemeinsam,
Eltern und Kind, in den von ihren Vorfahren errichteten Steinkreis
eingetreten. Hail war jagend vornweg gerannt. Im römischen Lager
hingegen war Airmid es, die Breaca einen langen Weg um das Zelt des
Statthalters herumführte, vorbei an schlafenden Männern, bis sie
schließlich auf der Rückseite anlangten. Patrouillierende
Wachposten schritten direkt an ihnen vorüber, blickten jedoch nicht
in Richtung der Schatten. Die Schlangenspeerbrosche war matt und
glänzte nur stumpf, einzig der rote Zopf leuchtete - erfüllt von
seinem ganz eigenen Leben, erfüllt von zwei miteinander verbundenen
Herzen - blutrot in der Dunkelheit.
Hinter dem Hauptzelt hielten sie inne. Mit leiser
Stimme begann Airmid zu zählen.
»Was...?« Breacas Stimme verlor sich in der
Nacht.
»Die Wachen marschieren alle im gleichen Rhythmus
und bleiben dann gemeinsam für einen kurzen Moment vor dem Zelt
stehen«, erklärte Airmid. »Sie verschwinden also immer für genau
dreihundert Herzschläge. Wenn ich es in dieser Zeit schaffe, ins
Zelt reinzukommen und wieder hinauszuschlüpfen, dann sind wir in
Sicherheit.«
Schlagartig wurde Breaca bewusst, was für ein
Risiko sie da eingingen. »Das sollte aber besser ich machen«, sagte
sie.
»Nein. Du hast mir geschworen, dass du das nicht
tun wirst. Halte einfach nur die Brosche fest und konzentriere dich
darauf, dass wir am Leben bleiben - und denk nicht an den Tod. Das
wird schwieriger, als du denkst.«
Wieder schritten die Wachen vorüber. Blass und
schlaff hing vor ihnen die Zeltwand. »Jetzt«, sagte Airmid
und trat hastig geradewegs darauf zu. Die Wachen bemerkten nichts,
drehten sich noch nicht einmal um.
Das wird schwieriger, als du denkst.
Die Speerspitze aus Feuerstein durchschnitt die
Zeltwand so sauber wie ein Messer, zerschlitzte sie von einem Punkt
in Höhe von Airmids Knien bis hinunter auf den grasbewachsenen
Boden. Auf die gleiche Art drangen auch die Bärinnen in die Zelte
der Legionare ein, streckten ihre Pranken aus und zerrissen die
Kehlen der schlafenden Insassen. Tote Männer drängten sich jäh in
Breacas Wahrnehmung, Bilder von blutigem Fleisch und röchelnden
letzten Atemzügen ließen sie vor Grauen aufkeuchen. Nur mit größter
Mühe gelang es ihr, sich wieder Ardacos’ Bärentanz auf Mona ins
Gedächtnis zurückzurufen; damals, als sie noch geglaubt hatte, dass
er oder Gwyddhien Ranghöchster Krieger werden würde. Auch Caradoc
war dabei gewesen. Breaca musste sich anstrengen, um sich wieder an
die Form seines Gesichts zu erinnern, um dieses Bild über das der
vielen Opfer der Bärinnen zu legen. Als ihr dies misslang, stellte
sie sich Graine vor, die am Leben und in Freiheit war, und zauberte
schließlich Caradoc um Graine herum, stellte sich vor, wie er das
Kind mit seinen Armen umfing. Dann schuf sie sein Lachen und
versuchte abschließend sogar, auch noch jenes Feuer in seinen Augen
wieder zum Leben zu erwecken, das immer dann aufgeblitzt war, wenn
er sie angelächelt hatte.
Grau. Sie sind grau. Von der Farbe der Wolken
nach einem Regenschauer. Das linke Lid hängt ein wenig nach unten -
von einem Schwerthieb quer über die Augenbraue, den ihm ein
römischer Soldat beigebracht hatte, kurz bevor dieser dann im
Gegenzug von Gwyddhien getötet wurde. Der Mann hatte blassrotes
Haar gehabt, und als er starb, da hatte er... Grau. Caradocs
Augen sind grau. Von der Farbe der Wolken...
»Bist du dir sicher, dass sie nicht schwarz waren?
Schwarz wäre besser, schwarz steht für Rache.« Diese Stimme klang
noch älter, als die der Großmutter jemals würde klingen können. Sie
eröffnete Breaca eine Möglichkeit, zeigte ihr einen Weg nach vorn.
Einen verlockenden Weg, dem zu widerstehen schwierig war.
»Schwarz«, sagte die Ahnin abermals, »die Rache ist schwarz. Und
suchst du nicht etwa die Rache?«
»Die Liebe ist rot.« Dies war Airmids Stimme, ganz
schwach. »Der Zopf an der Schlangenbrosche war rot, rot wie die
Liebe.«
Leise lachte die Ahnin - ein Geräusch wie eine
Schlange, die sanft raschelnd durchs Gras glitt. »Deine Kriegerin
hat im letzten Monat aber nicht für die Liebe getötet. Jeder Mann,
den sie niedergemetzelt hatte, musste mit ihrem Hass auf seiner
Seele in die Nebenwelt hinübergehen. Selbst diejenigen, die heute
Nacht sterben mussten und gottlos und verloren umherwandern, kennen
den Namen desjenigen, der sie tötete. Und auch wenn du das als die
Träumerin, die du bist, vielleicht wirklich nicht wusstest - unsere
Kriegerin hier weiß es mit Sicherheit.«
Die Stimme der Ahnin besaß mehr Kraft als die der
anderen Erscheinungen. Allein sie wusste, mit welchen Augen Breaca
ihr eigenes Leben betrachtete. »Rache«, sagte sie, und plötzlich
klang das Wort wie eine Verheißung. »Wenn du willst, dass ich ihn
für dich töte, sollte der Statthalter dann nicht ganz langsam
sterben, sollte nicht auch er wissen, durch wessen Hand er stirbt
und warum?« Klar formte sich vor Breacas Augen plötzlich das Bild
eines Scapula, der vor lauter Schmerzen nahezu den Verstand verlor.
»Ist es nicht das, wonach du dich verzehrst?«
»Ja.«
»Und wenn das nun endlich geschähe, hättest du dann
nicht endlich Ruhe?«
»Nein.« Noch ehe Breaca antworten konnte,
hatte dies schon die Großmutter für sie übernommen, oder vielleicht
war es auch Airmid gewesen, oder beide zusammen. »Wir wollen
Caradoc lebend zurück und die Kinder. Nur das zählt.«
Doch das war nicht die ganze Wahrheit. Das durfte
jetzt nicht einfach zur alleinigen Wahrheit erhoben werden. Zwei
lange Monate über hatte Breaca sich nach genau dieser Rache
verzehrt, und die konnte sie jetzt nicht so einfach wieder
vergessen. Sie spürte den Sog der Ahnin und den immer schwächer
werdenden Griff der älteren Großmutter.
»Schwarz«, sagte die Ahnin. Sie sprach an Breaca
vorbei und zur älteren Großmutter gewandt, mit einem Tonfall, wie
ein Erwachsener mit einem Kind spricht. »Schwarz steht nicht nur
für die Rache, sondern für alle Arten des Todes. Es ist nichts
Falsches daran, sich nach dem Tode eines anderen zu verzehren. Nur
das Verleugnen unserer wahren Sehnsüchte ist falsch. Gerade du
solltest das wissen.« Zu Breaca aber sagte sie: »Kriegerin, bitte
lass mich ihn töten, lass mir mein Schwarz, und danach tue ich
alles, was ihr von mir wollt.«
»Breaca, nein!« Klar erklang Airmids Stimme. »Denk
an Caradoc, aber nicht an den Hass. Es ist nichts Falsches daran zu
hassen, aber es ist falsch, ihn im Namen des Hasses wieder
zurückzurufen. Wenn er leben soll, dann muss er unbeschwert vom
Makel des Hasses leben können, sonst wird der Hass Caradoc
zerstören. Stell ihn dir so vor, wie du dir für ihn wünschst, dass
er leben soll. Die Liebe eines ganzen Menschenlebens sollte nicht
von einem einzigen Monat des Hasses überschattet werden.«
Breaca versuchte es. Umfangen von der Dunkelheit,
tat sie ihr Bestes, um das Bild von Caradoc neu zu erschaffen,
Schicht für Schicht. Sie gab sich alle Mühe, ihn noch heller und
strahlender erscheinen zu lassen als das Versprechen von Scapulas
Tod. Die Liebe eines ganzen Menschenlebens sollte von überhaupt
nichts überschattet werden. Doch sie hasste Rom schon ebenso lange,
wie sie Caradoc liebte. Diese Kombination aus Liebe und Hass war
das Fundament, auf welchem sie kämpfte und lebte und atmete, und
sie besaß einfach nicht die Kraft, die beiden voneinander zu
trennen.
»Denk nur an Caradoc«, flüsterte die
Großmutter, doch Breaca entgegnete weinend: »Ich kann nicht.« Die
Dunkelheit sog sie immer stärker in sich hinein. Das Bild des
sterbenden Scapula und zehn Jahre der absoluten Gewissheit
erzeugten in Breaca einen ebenso starken Wunsch nach Scapulas Tod,
wie sie sich wieder einen lebenden Caradoc zurückwünschte. Zu
hassen war einfacher, als zu lieben, und es tat auch weniger weh.
Breaca konnte also jetzt und hier, ohne die Qualen und die
Sinnlosigkeit der Hoffnung, ihr lang gehegtes Ziel erreichen. Die
Ahnin winkte ihr, und schließlich folgte Breaca ihr mit nur noch
geringem Widerwillen an jenen Ort, an dem ewige Finsternis
herrschte.
»Báns Augen waren schwarz. Einst hast du ihn
geliebt. Denk an ihn!« Die nun erschallende Stimme gehörte Macha,
Báns Mutter. Sie hatte schon immer die Macht besessen, Befehle zu
erteilen. Jetzt jedoch streckte sie Breaca die rettende Hand
entgegen und war nicht geneigt, es zu akzeptieren, falls Breaca
diese ausschlug.
Doch Breaca griff danach, verzweifelt darum bemüht,
sich Bán wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Báns Augen waren
schwarz, tiefgründig, wie das Fell eines Rappen oder wie ein See
tief in der Nacht oder wie die pechschwarze Innenseite der Schwinge
eines Raben. Báns Augen waren schwarz wie Kohlen, wie Jett, und er
war gewiss niemand, dessen Lebensinhalt darin bestand, Rache zu
üben, aber … »Bán ist tot«, erwiderte Breaca laut. »Warum also
sollte die Ahnin ihn haben wollen?«
»Er ist, wer er ist. Er vereint das Rot und das
Schwarz. Vertrau mir. Erinnere dich an alle seine Eigenschaften.
Ruf ihn zu dir.«
Nun wandte sich die Ahnin direkt gegen Macha, doch
beide waren unbezwingbar, waren ebenbürtige Gegner, und ein
Lebender konnte es schon gar nicht mit ihnen aufnehmen.
Breaca aber war keine Träumerin. Sie hatte keine
Erfahrung darin, wie man jene zurückrief, die bereits in Brigas
Reich hinübergegangen waren. Da ihr keine bessere Möglichkeit
einfiel, holte sie sämtliche Erinnerungen an ihren Bruder hervor
und versuchte, ihnen Leben einzuhauchen.
Ihr gegenüber im Frauenhaus saß ein kleiner Junge
und grämte sich wegen eines halbtoten Jagdhundwelpen. Das Haar des
Jungen war ebenso schwarz wie seine Augen, und beide waren so
glänzend, dass sie den Schein des Feuers widerspiegelten. »Er soll
Hail heißen«, sagte er. »Ich kann ihn heilen, lasst es mich
versuchen.«
In einer der Wurfhütten für die trächtigen
Hündinnen in Cunobelins Festung saß nun ein älterer und weiserer
Bán und forderte den ihm gegenüber sitzenden Amminios zu einer
Partie des Kriegertanzes heraus. Als Gewinn hatten sie den
Sklavenjungen Iccius ausgesetzt. Bán hatte das Spiel auf die
gleiche Art bestritten, mit der er später auch in Schlachten
kämpfte, nämlich mit dem Feuer der absoluten Entschlossenheit und
einer Intelligenz, mit der er schließlich sogar einen Mann
besiegte, der schon sein ganzes Leben mit Spielen und harten Wetten
zugebracht hatte. Genauso stolz, wie Breaca auf Bán gewesen war,
genauso sehr hatte sie ihn auch geliebt: grenzenlos.
Báns Augen waren glänzend und so schwarz wie die
Nacht. An Breacas Seite hatte damals Caradoc gestanden. Nun konnte
sie sich schon besser an ihn erinnern. Caradocs Augen sind grau,
von der Farbe der Wolken nach einem Regenschauer.
»Breaca? Breaca, kommst du jetzt wohl endlich mit
mir? Die Wachen kehren zurück, wir sollten schon längst
verschwunden sein.«
Breaca konnte sich später nicht mehr daran
erinnern, gerannt zu sein. Nur ihr keuchender Atem und ihre sich
heftig hebende und senkende Brust verrieten ihr, dass dem dennoch
ganz offensichtlich so gewesen sein musste. Als sie wieder auf der
anderen Seite des Schutzwalls waren und auf dem geheimen Pfad
zurückeilten, auf dem sie gekommen waren, sagte sie schließlich:
»Du hast mir nicht gesagt, dass ich Bán anrufen müsste.«
Airmid lief direkt hinter ihr. »Ich habe dir nur so
viel gesagt, wie deine Sicherheit zuließ«, entgegnete sie. »Und
selbst wenn du es gewusst hättest, hätte dir das den Kampf gegen
die Ahnin erleichtert?«
»Ich zumindest würde dich nicht unbewaffnet in eine
Schlacht schicken.«
»Du warst ja auch nicht unbewaffnet, und du warst
nicht ohne Unterstützung. Du hast getan, was du tun musstest, und
das auf die dir bestmögliche Art und Weise. Das hat gereicht.
Schließlich sind wir beide noch am Leben.«
»Und hat es geklappt? Hast du Scapula
getötet?«
»Nein, aber die Schlangenträumerin vergiftet nun
seine Träume, und sie wird ihm auch dann, wenn er wach ist, keine
Ruhe mehr lassen. Ich glaube nicht, dass ein Mann unter einem solch
massiven Angriff noch lange am Leben bleibt. Er wird krank werden
und sterben, oder er wird sich in seiner Verzweiflung einfach
selbst umbringen. Wenn der alte Mond das nächste Mal heraufzieht,
wird Scapula schon tot sein.«
Sie waren allein. Die Kriegerinnen und Krieger der
Bärin hatten sich schon am Anfang des Pfades von ihnen getrennt;
die ältere Großmutter hatte sie bereits hinter dem Zelt des
Statthalters wieder verlassen. Ihr Verschwinden hatte eine Lücke
gerissen, durch die nahezu hörbar der Wind zu pfeifen schien.
»Deine Brosche musste ich bei Scapula zurücklassen.
Um die Träumerin an ihn zu binden«, sagte Airmid. »Es tut mir Leid,
aber als ich sie dort zurückließ, war der Zopf rot, nicht schwarz,
und so wird er wohl auch bleiben.«
»Dann steht das Rot eben für Bán und nicht für
Caradoc.«
»Ich weiß. Und die Götter wachen über diese Dinge
ohnehin auf eine Art, wie es uns gar nicht möglich wäre. Außerdem
war Macha ja auch da, und ihr kann man vertrauen, denn sie weiß
immer, was gerade das Richtige ist. Schließlich haben wir nie Báns
Seele gefunden, nachdem Amminios seinen Leichnam mit sich genommen
hatte. Es könnte also sein, dass die Schlangenträumerin Zutritt zu
Orten hat, die wir nicht betreten können, und vielleicht kann sie
ihn von dort aus zurück in Brigas Obhut führen. Wir können nur
darum beten.«
»Und zu wem sollen wir beten?«
»Zu Nemain. Die anderen Götter werden es schon
hören.«
Es stand kein Mond am Himmel; es hatte überhaupt
die ganze Zeit über kein Mond geschienen, sondern der Pfad selbst
hatte ihnen schimmernd den Weg bis zum Lager aufgezeigt. Da sie
sich nun aber auf dem Rückweg befanden, hatten die Götter ihr Licht
wieder eingezogen, und tiefdunkel blieb die Nacht zurück. Breaca
wanderte also rein nach Gefühl, bahnte sich tastend einen Weg über
das Moorland, wo das Heidekraut und das Farndickicht lichter
wurden. Noch immer folgten ihnen die Geschöpfe der Nacht; es waren
zwar nicht mehr so viele wie auf ihrem Hinweg, aber doch immer noch
mehr als in anderen Nächten. Eine Füchsin bellte, und aus jeder
Himmelsrichtung antwortete ihr ein Junges. Eine Eule schrie, in
jenem hohen Ton, der selbst durch tiefen Schlaf schneidet. Eine
ganze Strecke weiter hinter ihnen, in der Nähe des Feldlagers der
Römer, jammerte ein Bär über seinen toten Gefährten.
Breaca blieb stehen. »Das ist Ardacos.«
»Nicht umdrehen«, entgegnete Airmid und stieß
Breaca hart gegen die Schulter.
Gemeinsam und nahezu blind in der Finsternis
wanderten sie weiter durch die Nacht.
Schließlich erreichten sie eine Felswand, um die
kein Weg herumführte und die sie nur hinabklettern konnten. Während
Breaca sich langsam von einem schmalen Sims hinuntergleiten ließ,
stellte sie plötzlich fest, dass sie wieder ihre Hände erkennen
konnte. Und als sie wenig später wieder auf festem Erdboden stand,
erblickte sie unter sich ihre Füße. »Es wird langsam hell. Bald
geht die Sonne auf«, sagte sie.
»Ich weiß.« Airmid kletterte sehr geschickt. »Und
noch ehe der erste Sonnenstrahl über den Horizont fällt, müssen wir
wieder zurück beim Feuer sein. Kannst du nicht etwas schneller
gehen?«
Also wanderten sie schneller, und solange sie ihre
Füße und die Pfade, die sich durch das struppige Heidekraut
schlängelten, klar erkennen konnten, rannten sie sogar. Nebel stieg
auf, um den neuen Morgen zu begrüßen, und zog in milchigen Schwaden
über das Moor. Am östlichen Horizont stand verschwommen glitzernd
und funkelnd der Morgenstern. Weit voraus hob sich rot glühend der
Schein eines verlöschenden Feuers gegen das blasse Licht des
heraufziehenden Tages ab. Neben der Glut saßen zusammengekauert
zwei Gestalten, ihre Umhänge gegen die nächtliche Kälte fest um
sich geschlungen. Eine von ihnen winkte den beiden Frauen mit
drängender Geste zu.
»Schneller«, befahl Airmid.
Wieder begannen Breaca und Airmid zu rennen,
achteten nicht mehr darauf, wohin sie ihre Füße setzten, und
überquerten den Fluss auf glitschigen Trittsteinen. Luain mac Calma
saß auf dem verrottenden Baumstamm vor dem Feuer. Er stand nicht
auf, um sie zu begrüßen, hob aber den Kopf, als sie über die Steine
auf ihn zugestürmt kamen. Sein Gesicht schien in der Zwischenzeit
um eine ganze Dekade gealtert zu sein, und nur langsam - während er
Breaca und Airmid ansah und dann den hinter ihnen heraufziehenden
ersten Schimmer der Morgendämmerung betrachtete - verschwanden die
Falten wieder. Blinzelnd rieb er sich über das Gesicht.
»Ihr seid zurück«, stellte er fest.
Luain mac Calma gehörte zu den Herausragendsten
unter den Träumern. Wenn er wollte, konnte er eine ganze Nacht mit
Berichten über seine Visionen füllen und hätte selbst dann noch
längst nicht alles erzählt. Er streckte seine Beine aus und legte
einen letzten Zweig in die Glut. Die Herbstblätter knackten unter
der Hitze, fingen jedoch kein Feuer. Luain mac Calma beugte sich
vor und blies so lange in die Glut, bis sich schließlich ein
zögerliches Flämmchen hinaufschlängelte und das unterste der
Blätter ergriff.
Erst als dieses Blatt wieder zu Asche zerfiel,
begann er: »Es scheint nun, als gäbe es gute Gründe dafür, warum
noch niemand zuvor dieses Wagnis eingegangen ist. Ich würde
vorschlagen, dass auch wir es nicht noch einmal versuchen.«
»Hast du gedacht, wir wären verloren gewesen und
der Schlangenträumerin anheim gefallen?«, fragte Airmid.
»Das habe ich nicht nur gedacht, sondern ihr wart
tatsächlich verloren. Daran besteht kein Zweifel. Die Frage war
vielmehr, wie viel von euch sie uns wieder zurückgeben würde.«
Luain mac Calma musterte sie beide aus zu Schlitzen verengten
Augen. »Nicht alles, wie es scheint.«
Ganz langsam erhob sich nun auch Efnís und schritt
zum Fluss hinüber, um sich dort die Arme und das Gesicht zu
waschen. Als er wieder zurück beim Feuer angelangt war, spuckte er
einmal in seine Handflächen, rieb sie gegeneinander, streckte dann
die Arme aus und berührte Airmid und Breaca mit je einer Hand über
den Augenbrauen. Breaca spürte die Hitze, die von seiner Handfläche
ausging, und zuckte zurück. Luain mac Calma packte sie bei den
Schultern. »Nicht bewegen!«
Es war sehr schwer, sich nicht zu bewegen. Efnís’
Hand verbrannte Breacas Haut. Durch seine Finger sickerten leise
Stimmen. Dann erhob sich schimmernd ein Licht und hielt schließlich
hell leuchtend vor ihren Augen inne. Doch es war nicht das Licht
der Sonne. Die Großmutter lachte, und plötzlich stimmte eine noch
ältere Stimme mit ein. Diese ältere klang wie Feuerstein, der auf
Eisen geschlagen wurde.
Dann sprachen beide wie mit einer einzigen Stimme:
»Deine Zeit, Kriegerin, ist auch unsere Zeit. Wenn wir dich
brauchen, werden wir dich rufen.«
Anschließend fühlte Breaca über ihren Augen einen
stechenden Schmerz. Sie blinzelte und erblickte unmittelbar vor
sich Luain mac Calma. Er hielt ein bronzenes, zweischneidiges
Messer in der Hand. Mit dessen Spitze fügte er Breaca genau dort,
wo Efnís’ Hand gelegen hatte, einen kleinen Schnitt zu. Blut ergoss
sich in einem dünnen Rinnsal über Breacas linkes Lid, brannte ihr
im Auge, und sofort rieb sie sich mit beiden Handballen über die
Lider. Der neue Tag zog herauf, und der Nebel zerteilte sich, als
ob er nie existiert hätte. Die Stimmen verhallten.
Aufrecht neben dem Feuer stehend und den Rücken der
nun gleißenden Sonne zugewandt, sagte Airmid: »Willkommen zurück.
Wenn die Götter uns gnädig sind, werden wir Caradoc gesund und
unversehrt wieder nach Hause holen.«