DRITTER TEIL

Herbst - Winter A. D. 51
004

XVIII

»Breaca, du musst dir einmal der Gefahren bewusst werden. Dies ist keine Schlacht, und es besteht auch nicht die Chance auf einen ehrenvollen Tod. Wenn wir gefangen genommen werden, dann wird Scapula an uns ein solch grausames Exempel statuieren, dass es alle Stämme von der einen Küstenlinie bis zur anderen erschüttern wird. Und wenn wir es schaffen sollten, an seinen Wachen vorbeizuschlüpfen, wird die Gefahr nur noch umso größer. Wir setzen hier nicht nur unser eigenes Leben aufs Spiel, sondern auch das Leben all derer, die noch nach uns kommen werden. Du bist mir zwar in meinem Traum erschienen, dennoch stehen diese Dinge alle noch nicht fest. Du musst dich uns nicht anschließen.«
»Doch, das werde ich. Denn wenn die Chance besteht, dass wir Caradoc wieder zurückholen können - würden die Götter dann ernsthaft wollen, dass gerade ich außen vor bleibe? Ich glaube nicht.«
Breaca hatte sich im strömenden Regen auf einem Baumstumpf am Flussufer niedergelassen. In dem nahe am Wasser gelegenen Kiesbett brannte ein Feuer, und der sich kräuselnde Rauch verlor sich im Nebel des dahinter rauschenden Wasserfalls. Wie getrocknetes Blut breitete sich der verblassende Sonnenuntergang über den westlichen Horizont aus.
Die ganze Welt war voller Blut - und dennoch stammte nicht ein einziger Tropfen davon von Breaca. Ganz gleich, wie oft sie sich auf den Feind gestürzt hatte, so war sie doch immer noch nicht getötet, ja nicht einmal leicht verletzt worden. Folglich waren die Kämpfer auf beiden Seiten des Schlachtfeldes mittlerweile zu der Überzeugung gekommen, dass Breaca unter dem Schutz der Götter stehen musste. Ihre Krieger folgten ihr in die tödlichsten Gefahren, und die meisten von ihnen entkamen ihnen sogar wieder lebend. Scharen von Legionssoldaten waren bereits durch ihre Klinge gestorben, zu geschwächt vor lauter Angst, um sich überhaupt noch ernsthaft gegen Breaca verteidigen zu können. Und eine ursprünglich aus dem Hinterhalt angreifende Hilfstruppe der Römer hatte gar beim bloßen Anblick von Breacas Schlachtross kurzerhand die Flucht ergriffen. Unablässig von Breacas Truppen attackiert, sammelte Scapula seine Legionen schließlich um sich wie eine Henne ihre Küken und zog sich einen blutigen Schritt nach dem anderen wieder zurück und bis in die Sicherheit der Festung zu Camulodunum hinein. Nun war auch er Zeuge der Existenz der Bodicea geworden und hatte gelernt, sie zu fürchten. Dennoch fürchtete er sie noch nicht so sehr, als dass er Caradoc wieder freigelassen und zu denjenigen zurückgesandt hätte, die seinen Verlust beklagten.
Zwar mochte Scapula über diesen Schritt nachgedacht haben, doch lag die Entscheidung ohnehin schon nicht mehr in seinen Händen. Spione aus den östlichen Seehäfen hatten berichtet, dass Caradoc und seine Familie bereits per Schiff nach Rom geschickt worden waren. Legionare, die man lebend gefangen und verhört hatte, hatten dies bestätigt. Selbst wenn der Statthalter Roms also den Willen gehabt hätte, Caradoc wieder seinem Volk zu übergeben, waren der Krieger und seine Familie doch bereits in der Gewalt des Kaisers und konnten nicht mehr zurückbeordert werden.
Langsam fiel das Feuer wieder in sich zusammen. Beißender Rauch stieg in die Luft auf. Der Wasserfall ergoss sich in den See und floss von dort aus weiter in den Fluss. In jedem der leisen Geräusche der Natur hörte Breaca Caradocs Namen, so wie er ihr auch tagtäglich im Klirren der Waffen widerzuhallen schien, in den Schreien der im Sterben liegenden Legionssoldaten und im Kreischen der Krähen über dem Schlachtfeld. Mit der Zeit, daran hegte Breaca keinen Zweifel, würde sie das noch um den Verstand bringen.
Ihr gegenüber auf einem der Flusssteine saß Airmid, den Umhang schützend über den Kopf gezogen. Kleine, an Schweißtropfen erinnernde Wasserperlen hatten sich auf dem Stoff angesammelt. Ihr Gesicht war zu schmal und von einer ungesunden Blässe, doch diese Merkmale trugen im Augenblick schließlich alle. In der Nacht versorgte Airmid die Verwundeten und bereitete den Toten und Sterbenden den Weg zu den Göttern. Am Tag, wenn die Krieger im Namen Caradocs die Legionen niedermetzelten, suchte sie in ihren Träumen und Visionen nach einer Möglichkeit, wie sie Caradoc wieder nach Hause holen konnten. Heute Nacht schien es so, als habe sie eine Möglichkeit gefunden.
Doch zu hoffen war sehr gefährlich. Das zerbrechliche Gleichgewicht, in dem sich Breacas Verstand gerade noch befand, beruhte allein auf dem Wissen, dass alle Hoffnung verloren war - und doch war es ihr unmöglich, nicht sogleich wieder die Hand nach dem ersten sich am Horizont zeigenden Hoffnungsschimmer auszustrecken. Den Blick auf die Flammen gerichtet, murmelte Breaca schließlich: »Sag mir, was du gesehen hast.«
Airmid zog ein feuchtes Holzscheit aus dem um das Feuer herum aufgeschichteten Haufen und legte es in die Flammen. Das Wasser zischte und verflüchtigte sich zu Dampf. Durch diese Wolke hindurch begann Airmid: »Caradoc befindet sich in der Gewalt des Kaisers, daran gibt es keinen Zweifel. Um an Claudius heranzukommen, müssen wir zunächst den Weg über Scapula wählen, anders ist seine Aufmerksamkeit nicht zu erregen; doch auch dies wissen wir bereits, seit wir das Lager der Briganter hinter uns gelassen haben. Bis jetzt jedoch hatten wir noch keine Möglichkeit gefunden, uns dem Statthalter zu nähern, ohne damit zugleich Selbstmord zu begehen. Doch heute Nacht, so glauben wir, hat er einen Fehler gemacht. Ardacos’ Bärinnen haben seinen Rückzug beobachtet, und sie berichten, dass Scapulas Pioniere ihr Feldlager auf der Grabstätte einer Träumerin der Ahnen errichtet haben. Luain mac Calma, also derjenige unter uns, der am engsten mit den Vorfahren in Verbindung steht, hat es bestätigt.«
»Wessen Grab ist es?«
»Das weiß ich nicht. Luain kann uns nichts weiter sagen, als dass ihr Zeichen eines der ältesten ist, die in die Dachbalken des Großen Versammlungshauses von Mona geritzt wurden. Es gibt zwar keinen Grabstein oder Grabhügel, doch ihre Gebeine und ihr Traumzeichen liegen an genau der Stelle, wo sich zwei jener Wege, die einst von den Ahnen bereist wurden, kreuzen. Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre uns dieses Wissen zwar möglicherweise von keinem großen Nutzen gewesen, doch heute ist die Nacht, in der der alte Mond in den neuen übergeht und in der sich Nemains Macht auf ihrem Höhepunkt befindet. Ich glaube, mit der Hilfe der Göttin können wir das Lager erstürmen und bis zu Scapula vordringen.«
»Um ihn zu töten«, stellte Breaca tonlos fest.
Airmid atmete langsam aus und dachte nach. Sie nahm sich nur selten Zeit zum Nachdenken, bevor sie in Breacas Gegenwart sprach, und auch nur dann, wenn es um Dinge ging, die ihr Verhältnis zu ihrer Göttin betrafen. Sie sagte: »Letztendlich werden wir ihn töten, ja, aber er darf nicht durch das Schwert sterben. Wenn du immer noch entschlossen bist, dich uns anzuschließen, so musst du schwören, dass du ihm nicht die Kehle durchschneiden wirst. Er muss langsam sterben - sein Tod muss sich über Tage hinziehen, oder der Traum wird zerschmettert und Caradoc stirbt durch einen Erlass des Kaisers in Rom.«
Caradoc. Gekreuzigt. Cunomar, das Kind der See mit dem weichen Haar … Breaca grub ihre Finger in den verrottenden Baumstumpf und wartete, bis sich die plötzlich aufsteigende Übelkeit allmählich wieder verflüchtigte. Ein schwacher, unbeugsamer Teil von ihr klammerte sich verzweifelt an diese Worte, hielt sie eisern fest. Als sie schließlich wieder sprechen konnte, fragte Breaca: »Und wenn ich Scapula nun nicht töte und der Traum nicht zerbricht, besteht dann die Chance, dass Caradoc und die Kinder überleben?«
Airmid nickte. »Ich denke, diese Chance besteht. Zwar kann man nichts mit Sicherheit sagen, und diese Voraussage ist noch vager als all die anderen, aber... ja, ich denke, genau das ist es, was die Götter mich haben erspähen lassen.«
Es war zwar nur das kleinste Etwas von einem Strohhalm in jenem wirbelnden Strom, der Breaca in die Tiefe zu reißen drohte, doch sie klammerte sich daran fest, als ob er bereits das sichere Land wäre. Nach einem Moment erwiderte sie: »In Ordnung. Allein schon um dieser vagen Chance willen schwöre ich, dass ich Scapula nicht töten werde. Aber ich werde mit dir kommen. Kein Risiko ist so groß, als dass man dafür den Traum entschlüpfen lassen dürfte.«
 
»Du musst die ältere Großmutter herbeibeschwören oder ihr zumindest so nahe kommen, wie du nur irgend kannst.«
Heiß loderte das frisch aufgeschichtete Feuer aus getrocknetem Eibenholz und zarten Rotdornzweigen, an denen sogar noch die Beeren hingen. Der kleine See hinter dem Wasserfall griff das Licht der Flammen auf und warf es - scheinbar noch heller - wieder zurück. Zwischen Feuer und Wasser stehend, bildeten drei Träumer - Airmid, Luain mac Calma und Efnís von den Eceni - ein Dreieck. Zu ihren Füßen zeichneten sie das Symbol des alten und des neuen Mondes auf den Erdboden. In der Mitte des Dreiecks stand Breaca - plötzlich fühlte sie sich wieder wie ein Kind, klein und ganz aufgeregt ob der Dinge, die da kommen mochten. Verborgen in der Dunkelheit hinter ihnen warteten Ardacos und vier seiner Bärinnen. Den Färberwaid hatten sie sich zwischenzeitlich wieder abgewaschen und rochen nun nur noch nach Bärenfett und weißer Kalkfarbe.
»Die ältere Großmutter«, sagte Airmid abermals. »Unsere ältere Großmutter. Die erste und die beste. Du musst sie zu dir rufen und alles, was sie dir zu geben bereit ist, annehmen.«
»Ich kann mich aber nicht mehr an sie erinnern.« Nun fühlte sich Breaca wieder vollends wie ein Kind, doch alle ihre Erinnerungen waren verschwommen und sprachen lediglich von Krieg und Verlust. Ihr war zumute, als habe ihre Kindheit in einer ganz anderen Welt stattgefunden, als sei sie nicht von ihr selbst, sondern von einer Fremden durchlebt worden und als existiere sie lediglich noch in den Liedern des Stammes. Die ältere Großmutter war in der letzten von Breacas drei langen Nächten in der Einsamkeit gestorben. In jener letzten Nacht, bevor sie zur Frau geworden war. Damals hatte Breaca den Heimgang der alten Frau als die größtmögliche Katastrophe auf Erden empfunden. »Ich kann mich noch nicht einmal mehr an ihre Augenfarbe erinnern.«
»Zu der Zeit, als du sie kanntest, waren sie schon weiß«, erklärte Airmid ihr. »Sie war blind, und ihre Pupillen waren weit geöffnet und in der Mitte weißlich verfärbt. Der Rand der Pupillen war schwarz. Jetzt jedoch wird sie anders aussehen. Du musst sie zu dir rufen, du warst schließlich ihre letzte Vision. Hast du noch die steinerne Speerspitze, die du damals in deinen langen Nächten in der Einsamkeit benutzt hast, um die Kampfadler zu töten?«
»Ja.« Breaca entleerte den Inhalt ihres Gürtelsäckchens in ihre Hand, die bunt zusammengewürfelten Schätze ihrer Vergangenheit: Cunobelins Siegelring, den er Breaca einst mit dem Schwur, sie immer zu beschützen, übergeben hatte; die Schlangenspeerbrosche, die Breaca selbst geschmiedet und deren Gegenstück sie Caradoc geschenkt hatte; die Pfote des ersten Hasen, den Hail für sie erlegt hatte; eine Locke von Cunomars Haar, die ihr Sohn eigenhändig mit einer Strähne aus der Mähne der grauen Stute verflochten hatte, um damit jenen denkwürdigen Tag zu markieren, an dem er sein erstes Schlachtross geritten hatte. Doch alle diese Andenken stammten bereits aus Breacas Erwachsenenleben. Aus ihrer Kindheit hatte sie bloß die steinerne Speerspitze aufbewahrt, die noch von den Ahnen stammte und die Bán wie durch Zufall gefunden und ihr dann als Geschenk für ihre langen Nächte in der Einsamkeit überreicht hatte.
Breaca trennte den Stein von den restlichen Andenken und hielt ihn hoch. Und wie immer schien der blasse, milchige Feuerstein sich das Licht des Feuers regelrecht zu unterwerfen. Um ihn herum sammelte sich in dicken Wolken der Rauch und ließ Breaca husten.
Leise, doch unnachgiebig ertönte Airmids Stimme. »Sieh dir den Stein an, Breaca. Woran erinnert dich sein Aussehen?«
Er sah aus wie eine einfache Pfeilspitze aus Flintstein, gefertigt in der Art der Vorfahren. Ihre behauenen Kanten waren noch genauso scharf wie an jenem Tag, als sie gefertigt worden war. Und noch immer war jener Stoffstreifen um das schmal zulaufende Heft der Pfeilspitze gewickelt, wo Breaca sie am Stock der Großmutter befestigt hatte, um sie als Waffe gegen den Anführer der Kampfadler benutzen zu können. Die braunen, lange getrockneten Blutflecken aber, welche den Feuerstein überzogen, verfärbten sich ganz plötzlich wieder rötlich, wurden wieder zu frischem Blut, das sich über den blaugeäderten Stein ergoss. Willkommen zu Hause, Kriegerin, sprach lachend die ältere Großmutter.
»Geh zu ihr, Breaca, finde du sie für mich«, sagte Airmid leise, und von irgendwoher hallte nun auch mac Calmas und Efnís’ Echo, doch ihre Stimmen erklangen versetzt zu der von Airmid, erschienen bloß noch als ein entferntes Flüstern aus längst vergangener Zeit; der Traum hatte Breaca bereits umfangen.
Die alte Frau sah tatsächlich verändert aus, genau wie Airmid es vorausgesagt hatte. In jenen lange zurückliegenden Jahren, als das Kind Breaca die Augen und Glieder der älteren Großmutter gewesen war, war Letztere bereits blind gewesen. Nun jedoch hatte die Großmutter Augen, so hell und so scharf wie die eines Falken. Aufrecht stand sie da, nicht mehr krumm und vornübergebeugt, und auch der Schmerz in ihren Knochen, durch den sie früher nur noch mit fremder Hilfe hatte gehen können, war verschwunden. Ihr Haar schimmerte noch immer silbrig weiß, war jedoch nicht mehr so ausgedünnt am Scheitel wie einst. Nur ihr Gesicht war das alte geblieben, die Haut ebenso verschrumpelt wie die Rotdornbeeren, die Airmid in die Flammen geworfen hatte. Ihre Augen waren erstaunlicherweise braun; in Breacas Vorstellung waren sie immer grau gewesen wie die ihres Vaters.
Die Großmutter lachte - ein Geräusch, das einem Kind unwillkürlich unter die Haut kroch und es sofort schuldbewusst sein Gewissen durchforschen ließ. »Du solltest mehr essen«, sagte sie. »Und aufhören, dich zu grämen. Noch ist er ja nicht tot, der, für den du zwar tötest, um den du aber noch nicht eine einzige Träne vergossen hast.«
Das war unfair. Schließlich hatte Breaca versucht zu weinen. Nächtelang hatte sie an langsam herunterbrennenden Feuern gesessen und auf den Ausbruch jenes schier unerträglichen Kummers gewartet, der doch einfach kommen musste, so wie er auch für Macha und für ihren Vater gekommen war. Doch alles, was Breaca gefunden hatte, war ein kalter und grenzenloser Zorn gewesen, dem eine nagende Verzweiflung gefolgt war, Empfindungen, die sie schließlich dazu trieben, zu töten und immer weiter zu töten. Doch keiner der Tode, die Breaca vollstreckte, hatte ihr bisher die so verzweifelt ersehnte Erleichterung verschafft.
»Es ist richtig, wenn du um die Toten trauerst«, sagte die Großmutter. »Das bist du ihnen schuldig, damit ehrst du sie auch noch im Tode. Doch es besteht kein Grund, um die Lebenden zu trauern.«
Ich wusste doch nicht mit Sicherheit, ob er noch lebt, erwiderte Breaca in Gedanken - doch das stimmte nicht, denn wenn Breaca von einer Sache überzeugt war, dann davon, dass sie es genau spüren würde, wenn Caradoc starb. Laut sagte sie: »Geht es ihm gut, und ist er in Sicherheit?«
»Wer?«
»Caradoc. Wer sonst?«
»Dein Sohn? Vielleicht. Oder meinst du den Sänger?« Mit einem gackernden Lachen hüpfte die Großmutter plötzlich umher. Sie hatte schon immer eine ganz entsetzliche Art von Humor gehabt. Selbst der Tod konnte dies nicht dämpfen. »Dubornos geht es gut. Er träumt von Airmid.« Sie grinste, neigte den Kopf ein wenig zur Seite und wirkte wie die Inkarnation einer Spottdrossel höchstpersönlich. »Und auch Caradoc ist bislang noch kein Schaden zugefügt worden. Er sorgt sich um dich und um euren Sohn.«
»Können wir ihm helfen?«
»Ich weiß nicht. Was meinst du? Oder sollen wir die Götter befragen?« Ungewöhnlich gelenkig ging die Großmutter vor dem Feuer in die Hocke. Sie langte in die Glut hinein und stocherte mit einem Finger darin herum, bis die Holzscheite auseinander fielen und in neuer Anordnung liegen blieben. Aufmerksam musterte sie die einzelnen Stücke und las aus der sich wieder setzenden Asche die Zukunft heraus. Nickend und murmelnd erhob sie sich schließlich, marschierte geradewegs an einem steif dastehenden, schweigenden Luain mac Calma vorbei und watete in den Fluss hinein. Breaca wusste, wie kalt das Wasser war, denn sie hatte sich zuvor selbst darin gewaschen. Ohne zu zögern, schritt die Großmutter immer weiter hinein, bis das spiegelglatte, schwarze Wasser gegen ihre schlaffen Brüste schwappte. Sie beugte sich vor, pustete über die absolut ebene Oberfläche des Wassers und rieb anschließend noch einmal mit dem Handballen darüber, um ihr Spiegelbild noch besser bewundern zu können.
»Ich weiß nicht«, sagte sie schließlich abermals. Dann hob die Großmutter den Kopf und blickte mit leuchtenden Augen, in denen sich der Schein des Feuers widerspiegelte, direkt zu Breaca hinüber. »Wäre es dir lieber, wenn er tot, aber sicher und geborgen in der Obhut Brigas wäre, oder wenn er lebte und du aber wüsstest, dass du ihn niemals wieder sehen würdest?«
Breaca starrte die Großmutter an. Die Worte der alten Frau drangen zwar in ihr Bewusstsein ein, ergaben jedoch augenscheinlich keinen Sinn. »Ich verstehe nicht«, erwiderte sie.
Die alte Frau nickte. Ihre gackernde Verrücktheit war wieder verebbt. Nun war sie so ernst, wie sie es zu Lebzeiten nur selten gewesen war, und wenn, dann auch nur in der Gegenwart des Todes. Schließlich sagte sie: »Die Zukunft steht noch nicht fest. Das tut sie nie. Es könnte sein, dass Caradoc stirbt, aber es besteht auch die Chance, dass er überlebt. Wenn er sterben sollte, wirst du zumindest wissen, wo er sich befindet. Sollte er dagegen überleben, wirst du das womöglich nicht erfahren.«
»Liegt die Wahl bei mir?«
»Wahrscheinlich nicht. Aber für den Fall, dass man dich fragen sollte, solltest du wissen, welche von beiden Möglichkeiten dir lieber wäre.«
Das war ein Rätsel, wie es sich die Träumer in den dunklen Winternächten auf Mona gegenseitig aufgaben. Von seiner Beantwortung hing jedoch nichts ab - weder das Versprechen des Lebens noch das Geschenk des Todes. Es kam vielmehr darauf an, den tieferen Sinn hinter der Fragestellung zu erkennen.
Was also war schlimmer: zu leben, wenn das Leben unerträglich geworden war, oder zu sterben, obgleich die Flamme des Herzens noch immer brannte?
Was war besser: zu sterben und dem bereits heraufdräuenden Leiden unter der Herrschaft der Götter und der Menschen zu entkommen, oder zu leben und das Glück eines anderen Menschen dahinsiechen zu sehen?
Und wer besaß das Recht, dies für einen anderen Menschen zu entscheiden?
Niemand.
Zu Breacas Füßen tat sich die Erde auf und gab doch keine Antwort. Schließlich - die Worte in Breacas Mund fühlten sich staubtrocken an - sagte sie: »Das darf ich nicht entscheiden. Ich habe nicht das Recht, an seiner statt zu wählen.«
Bis zum Halse von eiskaltem Wasser umschlossen, schüttelte die ältere Großmutter den Kopf. »Natürlich nicht. Die Götter entscheiden und jene, deren Seelen sich noch im Gleichgewicht befinden, aber dennoch müssen sie - und du - wissen, was du wählen würdest. Anders kommen wir nicht weiter.«
Die Nacht wartete. Drei Träumer standen um das Feuer herum, Träumer, die Nacht für Nacht die Grenze zwischen den Welten überquerten. Keiner von ihnen bot Breaca seine Hilfe an, keinen von ihnen durfte sie fragen.
Eine Lebensspanne nach der anderen verstrich. Sie hatte sich nie für unentschlossen gehalten. Geliebter - was würdest du dir denn von mir wünschen?
Doch Caradoc schwieg; Breaca hatte seine Stimme schon seit dem Tag, als er Sorchas Fähre betrat und Mona verlassen hatte, nicht mehr vernommen. Dennoch erhielt sie die ersehnte Antwort - geboren aus ihrer noch immer lebhaften Erinnerung an Caradoc und dem noch immer in der Luft schwingenden Rhythmus seiner Sprache. Also verkündete sie: »Ich würde mir wünschen, was für Caradoc das Beste ist. Unabhängig davon, ob er damit an meine Seite zurückkehrt oder nicht. Und sollte er leben, so werde ich dies mit Sicherheit auch erfahren, ebenso, wie er von meinem Schicksal erfahren wird. Das kann niemand verhindern.«
Die Großmutter watete wieder aus dem Wasser heraus. An ihr haftete ein strenger Geruch nach Färberwaid. »Eine gute Wahl«, bestätigte sie. »Allerdings wird sich somit auf euer beider Leben auch der Schmerz niedersenken; auf deines vielleicht sogar noch stärker als auf seines. Möglicherweise jedoch kehrt damit auch etwas bereits verloren Geglaubtes wieder zu dir zurück. Aber das können nur die Götter mit Sicherheit sagen.«
»Wie also sollen wir es anfangen?«
»Folge mir. Mach mir einfach alles nach und tu genau, was ich dir sage. Stelle keine Fragen und vertraue denen, die mit dir wandern, wie auch immer sie dir erscheinen mögen. Es werden noch immer jene Männer und Frauen sein, die du bereits kennst.«
 
Hell erleuchtet von einem Mond, den Breaca nicht sehen konnte, schlängelte sich der Pfad durch das Heidekraut. Die Speerspitze aus Feuerstein glühte so heiß, als ob sie gerade eben erst aus den Flammen gezogen worden wäre. Fest umklammerte Breaca die Klinge. Die behauenen Kanten schnitten scharf in ihre Handfläche. Mit hoch erhobenem Haupt marschierte die ältere Großmutter voraus, ihr Haar geradezu lebendig erleuchtet von jenem silbrigen Licht, das auch den schmalen Weg erhellte. Hinter der Großmutter schritt Breaca, ihr wiederum folgte Airmid. Efnís und Luain mac Calma verharrten beim Feuer, um den Traum am Leben zu erhalten und um die Wanderer sicher wieder nach Hause zu geleiten.
Flankiert wurden die drei von den Kriegerinnen und Kriegern der Bärin, die mit weit ausholenden Schritten durch das Heidekraut streiften. Sie trugen ihre Bärenfelle auf eine Art, wie Breaca es noch niemals zuvor gesehen hatte: Sie waren so geschickt um sie geschlungen, dass der Mensch darunter zum Bären zu werden schien und der Bär zum Menschen. Sie hatten kleine, gefährlich blitzende Augen, und ihr Atem stank Ekel erregend. Ardacos schenkte Breaca ein Lächeln; sie hatte den Eindruck, plötzlich lange, weiße Zähne bei ihm aufblitzen zu sehen. Aber natürlich war all dies lediglich das Werk der Götter. Und noch ehe Breaca ihn fragen konnte, wie das alles vonstatten gegangen war, hatte die ältere Großmutter sie bereits am Arm gepackt und weitergezogen.
Den Bärinnen war es verboten, auf dem Pfad zu wandern. Als sie sich dem Lager näherten, ließen sie sich auf alle viere nieder und rannten schon einmal voraus bis zu der hölzernen Palisade und dem Schutzgraben, welche Scapulas Feldlager umgaben.
Die römischen Nachtlager sahen alle gleich aus: Regelmäßig am Abend errichtet und am nächsten Tage wieder abgebaut, hinterließen sie als Zeugnis ihrer Anwesenheit lediglich die Pfahllöcher, den Graben und die Latrinen. Ihre Uniformität war ihre Stärke; jeder Mann kannte seinen Platz und seine Pflichten. Doch nach den ersten paar Angriffen kannten auch ihre Feinde die genaue Anordnung ihrer Tore und Wachposten. Die Bärinnen rannten also auf den südlichen Graben zu, jenen, der der Grabstätte ihrer Ahnin am nächsten lag. Die wachhabenden Soldaten im Inneren der Umzäunung mussten nicht nur sturzbetrunken, sondern auch noch dumm sein, dass sie die Bärinnen nicht rochen, als diese sich anschlichen. Fest umklammerte Breaca die steinerne Speerspitze und bedauerte zum wiederholten Male, dass sie nicht ihr Schwert bei sich trug.
»Runter!«
»Was?«
Ungeduldig zischte ihr die ältere Großmutter zu: »Runter mit dir, sofort! Sie sichern jetzt den Schutzwall. Duck dich zwischen das Heidekraut und kriech auf dem Bauch weiter.«
Zwischen ihren Schulterblättern spürte Breaca plötzlich die Hand der alten Frau, fühlte, wie diese sie hinunterdrückte, bis sie schließlich flach auf dem Bauch lag. Dann kroch sie weiter wie eine Schlange. Zu ihrer Linken und ihrer Rechten reckte sich das Heidekraut empor, die Stängel so hoch wie Getreidehalme. Sie kratzten über Breacas Arme, bis sie bluteten. Die Erde roch nach altem Fuchskot und dem milden, beinahe süßlichen Geruch einer Schlange. Fast im gleichen Moment glitt irgendetwas in der Finsternis an Breaca vorbei und rieb dabei trocken über ihren Unterarm. Breaca drückte den Kopf in den Schmutz, versuchte, ruhig weiterzuatmen, während sie von einer Woge der Panik ergriffen wurde. Sie spürte förmlich, wie hinter ihr, in der nur noch von den Sternen beleuchteten Dunkelheit, die Großmutter spöttisch grinste.
Ein Mann starb auf dem südlichen Schutzwall des Feldlagers, dann ein weiterer. Breaca beobachtete, wie einsam und verloren ihre Seelen vor ihr über den Pfad wandelten. Aus Mitleid wollte sie ihnen schon zurufen, doch die ältere Großmutter verschloss ihr den Mund. Wie ein durch das Heidekraut raschelnder Windhauch erklang ihre Stimme: »Still, Kind. Oder willst du, dass sie uns hier entdecken?«
Natürlich wollte Breaca das nicht. In dem Feldlager, an das sie sich gerade anschlich, kampierten immerhin eine Legion und ein kompletter Kavallerieflügel - sie dagegen war gänzlich unbewaffnet und wurde lediglich von ihrer toten Großmutter geführt. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an all das, was Scapula mit gefangen genommenen Träumern anzustellen pflegte. Selbst eine Kreuzigung wäre da noch gnädiger gewesen. Also kroch Breaca noch leiser und vorsichtiger weiter und ignorierte die immer größer werdende Anzahl von Wesen, die mit ihr gingen.
Links von ihr brummte leise eine Bärin. Breaca hörte, wie Ardacos ihr eine Antwort zuflüsterte. Einst war er ihr Liebhaber gewesen, darum würde sie seine Stimme immer und überall wiedererkennen - selbst dann, wenn er sich fast gänzlich in einen Bären verwandelt hatte. Drei weitere Legionare starben, ohne ihre Angreifer auch nur bemerkt zu haben. Langsam füllte sich die Nacht mit den verlorenen Seelen der Römer.
In einer geschlossenen Reihe und auf dem Pfad des toten Mondes überquerten Breaca und die anderen schließlich den Schutzwall. Ardacos hatte einen Baumstamm über den Graben gelegt und riss nun auch noch die letzten, mit je drei Spitzen bewehrten Pfähle heraus, die ihnen noch den Eintritt in das Lager verwehrten. Innerhalb der Umzäunung, zu beiden Seiten des Durchgangs, lagen überall die Leichen von Soldaten in voller Rüstung. Ihr Genick war gebrochen, und ihre Kehlen waren auf eine Art aufgerissen, die nicht von geschliffenen Klingen zeugte, sondern eher an die Pranken eines großen Raubtieres erinnerte. Der Rest des Feldlagers wurde nur noch schwach von einigen verglühenden Feuern erhellt, die vor schnurgeraden, perfekt ausgerichteten Zeltreihen schwelten. Rom schlief, wie es lebte: in kerzengeraden Linien, die dem Geist keinen Raum zur Entfaltung ließen.
Die ältere Großmutter führte Breaca sicher an den schlafenden Männern vorbei. Airmid folgte ihnen. Wie Schatten glitten vor ihr, hinter ihr und an ihrer Seite die Bärinnen dahin. Und noch weitere Wesen regten sich in der Dunkelheit. Es war jedoch klüger, nicht danach zu fragen, wer oder was sie waren.
Leise sprach die Großmutter: »Das Zelt des Statthalters liegt in der Mitte des Lagers, gleich am Hauptweg. Er hat es direkt über dem Grab der Schlangenträumerin aufgeschlagen. Sie ist wütend und stört seinen Schlaf. Airmid wird ihm nun noch stärker zusetzen.«
Plötzlich blieb Breaca mitten auf dem Weg stehen. »Woher weißt du, dass sie eine Schlangenträumerin ist?«
»Ich weiß alles.« Die Stimme der Großmutter hatte einen scharfen, vernichtenden Unterton. »Warum sonst, glaubst du wohl, bist du hier?«
 
»Das ist es. In der Mitte, wo der zweite Pfad auf den unseren trifft.«
Der zweite Pfad verlief von Osten nach Westen und schimmerte noch schwärzer als die sie umfangende Nacht. Es war erstaunlich, dass er den Pionieren der Legion nicht sogleich ins Auge gefallen war. Das Zelt des Statthalters, direkt über jener Stelle errichtet, wo sich die beiden Pfade kreuzten, war doppelt so groß wie die umliegenden Zelte und noch viel größer als jene, die die schlafenden Legionssoldaten beherbergten. Es wurde von sechs Männern bewacht, drei mit dem Gesicht zum Zeltinneren gewandt, drei nach außen blickend. Zwei weitere beobachteten das Gelände in unmittelbarer Nähe. Im Gegensatz zu den Wachen am Lagergraben schienen diese jedoch nicht schon halb zu schlafen. Damit Breaca und ihre Begleiter an den Statthalter herankommen konnten, mussten also alle Wachen im gleichen Augenblick sterben. Die Bärinnen lauerten bereits, warteten auf den Befehl, doch selbst sie, die unter dem Schutz der Götter handelten, waren zu wenige, um dies ohne verräterischen Lärm zu vollbringen.
Die Großmutter schüttelte den Kopf. Zu Ardacos gewandt sprach sie: »Noch nicht. Diese hier sind nicht für euch bestimmt. Haltet Ausschau, ob sich noch andere Soldaten nähern, und haltet sie dann gegebenenfalls auf. Und denkt daran, nicht auf die Pfade zu treten.«
»Und wie kommen wir jetzt an Scapula ran?«, drängte Breaca.
»Das weiß Airmid«, entgegnete die Großmutter.
»Weiß sie nicht.«
Leise ertönten die Worte hinter Breacas Rücken. Sie fuhr herum. Ein wenig von der Großmutter abgewandt stand Airmid, die Füße sorgfältig auf der Linie des Mondpfades platziert. Sie starrte die Großmutter aus weit aufgerissenen, schwarz wirkenden Augen an. »Du hast mir nichts davon gesagt, dass wir es hier mit der Schlangenträumerin zu tun haben«, hob sie an. »Ich habe sie schon einmal getroffen. Sie bewacht den ältesten der heiligen Plätze unserer Vorfahren auf Mona, und sie ist eine sehr unsichere Verbündete.«
»Hast du etwa um Sicherheit gebeten, als du den Traum beschworen hast? Ich jedenfalls habe nichts davon gehört.« Die Großmutter schenkte ihr ein mildes Lächeln. »Hast du etwa Angst, Airmid von Nemain?«
Es trat eine Pause ein, die sich langsam immer weiter ausdehnte. Die Nachtluft wurde kühl. Schließlich antwortete Airmid: »Ja.«
Unmöglich. Airmid fürchtete sich vor nichts und niemandem.
Die Großmutter nickte. »Gut. Es wurde nämlich auch Zeit, dass du dich wieder an die Demut vor der Angst erinnertest. Trotzdem, du musst diese Aufgabe jetzt bewältigen, sonst können wir gleich auf demselben Wege wieder zurückkehren, auf dem wir hergekommen sind. Ohne irgendetwas erreicht zu haben. Außer zehn toten Männern.«
Interessanterweise aber waren es im Augenblick noch gar keine zehn toten Soldaten … so viele hatte bislang noch keiner von ihnen gezählt...
Für einen Augenblick schien es so, als ob sie tatsächlich wieder umkehren würden. Dann ergriff Breaca das Wort: »Airmid, wenn es gar nicht anders geht, dann greifen eben die Bärinnen und ich das Zelt des Statthalters an. Ich bin doch nicht den ganzen weiten Weg hierhergekommen, nur um unverrichteter Dinge wieder abzuziehen.«
»Du würdest aber bei dem Angriff sterben.«
»Ich weiß, aber vielleicht töten wir dabei ja den...«
Mit scharfem Tonfall erklärte Airmid Breaca: »Nein, du würdest sterben, noch ehe du auch nur in die Nähe des Zeltes gelangtest, und deine Seele würde für immer bei der Ahnin bleiben. Dies hier ist keine Aufgabe für eine Kriegerin.« Airmids Blick jedoch - gefangen in einem anderen, noch tiefer gehenden Zwiegespräch - war dabei auf die ältere Großmutter gerichtet.
Die alte Frau beendete diesen stummen Dialog schließlich, indem sie laut entgegnete: »Aber deine Kriegerin trägt die Speerspitze der Schlangenfrau bei sich, und sie kämpft unter ihrem Zeichen. Dieser Tatsache kannst doch selbst du Vertrauen schenken, oder etwa immer noch nicht?«
Mit tonloser Stimme erwiderte Airmid: »Ich wusste nicht, dass es sich dabei um das Zeichen dieser Vorfahrin handelt. Trägst du denn auch die Brosche in Form des Schlangenspeers bei dir, das Gegenstück zu derjenigen, die du Caradoc damals geschenkt hast?«
»Ja.«
Wieder kramte Breaca in ihrem Beutel. In ihrer Hand wirkte die Brosche plötzlich sehr klein. Einst hatte sie selbst das Holz für die Gussform geschnitzt und sie anschließend mit flüssigem Silber gefüllt. Damals hatte auch ihr Vater noch gelebt und war ihr bei der Anfertigung der Brosche behilflich gewesen. In ihre Herstellung waren zwei Monate der Vorbereitung eingeflossen, und Breaca hatte das Schmuckstück für das beste gehalten, das sie wohl jemals erschaffen konnte. Die doppelköpfige Schlange wand sich um ihren eigenen Körper und blickte damit zugleich in die Zukunft wie auch in die Vergangenheit. Selbst der Schaft des Kampfspeers überkreuzte sich mehrfach und deutete damit auf Wege, die in ganz anderen Welten lagen. An der unteren Schlaufe der Brosche hing ein kleiner roter Zopf, der erste Liebesbeweis von Caradoc. Sanft ließ der Mond der alten Götter sein Licht darauf fallen und verwandelte Rot in Schwarz, die Farbe des Todes.
»Er hat dich damals geliebt, und er liebt dich auch heute noch«, sagte die ältere Großmutter. Sie klang plötzlich seltsam gelassen. »Erinnere dich an das Gefühl. Gib die Brosche jetzt Airmid, zusammen mit deiner Speerspitze. Und verlier niemals die Erinnerung an jene Zeit, als die Schlange sich noch nicht ins Schwarze wand.«
Es war schon schwer genug für Breaca, sich von der steinernen Speerspitze zu trennen. Sie war ihr Talisman geworden und im Augenblick ihre einzige Waffe. Wenn sie nun auch noch die Brosche hergeben sollte, würde es ihr nahezu unmöglich sein, sich noch an jene Zeit zu erinnern, als der rote Zopf noch neu war und die Liebe, die er symbolisierte, noch jung und unerforscht.
»Denk nach.« Die Großmutter war hinter Breaca getreten und hatte ihr die Hände auf die Schultern gelegt. »Denk an das Meer und an den Jungen, den der Sturm an Land getrieben hatte. Stell dir einen Fluss vor, und noch einen, und noch einen, und noch einen.«
Noch niemals zuvor war es Breaca zum Bewusstsein gekommen, dass sich die schönsten Augenblicke mit Caradoc - zumindest in den ersten Tagen ihrer Liebe - immer irgendwo am Wasser abgespielt hatten. Nun, als man es ihr beinahe einflüsterte, erinnerte sie sich plötzlich ganz deutlich daran. Sie war wieder das junge Mädchen von einst und träumte von einem Orkan, der ein Schiff gegen eine Landzunge schmetterte. Zwischen dem Treibgut lag ein blonder Junge, nur um ein Haar dem nassen Tod entronnen. Und nun schlüpfte auch wieder das Lächeln, mit dem er damals erwacht war, in Breacas Gedächtnis zurück.
Das vom Sturm aufgepeitschte Meer hatte sie beide aufeinander zugetrieben. Im Fluss der Eceni dagegen hätte sie das winterliche Schmelzwasser fast getötet. Lachend tauchte Caradocs Gesicht aus den Wellen auf. Wir können einander nicht retten … ist nicht das Ziel. Dann verschwand er. Mit einer neuen Vision, einer Vision des Frühlings, kehrte er wieder: in trockenen Kleidern und für eine Reise gekleidet. Sein helles Haar war unter einer Kappe verborgen, sein Mantel war von einem glanzlosen Braun. Breaca schenkte ihm zum Abschied die in Silber gegossene Brosche mit dem Schlangenspeer, dem Zeichen ihres Traums. Noch baumelte kein rotes Flechtwerk daran; dieses Gefühl hatte sie sich damals noch nicht eingestehen mögen. Dennoch, Caradoc hatte verstanden, wofür die Brosche stand, hatte sie angenommen und dabei in das Wasser des Flusses gestarrt. Auch Bán war damals noch am Leben gewesen, und auch er hatte verstanden.
Später im Sommer dann, Bán war schon lange tot, baumelte an der Brosche schließlich ein roter Zopf. Plötzlich ertönte auch wieder Caradocs Stimme: »Ich habe noch immer deine Brosche. Was auch immer geschehen mag, sie wird immer ihre Bedeutung für mich behalten.«
Doch nur kurze Zeit später gebar ihm eine andere Frau seine erste Tochter. Dafür hasste Breaca ihn, denn Hass war ein leichter zu kontrollierendes Gefühl als Liebe. Der Herbst jedoch brachte sie einander während einer Schlacht wieder näher. Damals hatten sie sowohl ihre gegenseitige Liebe als auch ihren Hass beigelegt, um einem größeren Ziel zu dienen. Als die Schlacht ihren Höhepunkt erreichte und überall um sie herum Tote lagen, waren es die roten Zöpfe, die Breaca und Caradoc wieder aneinander banden und sie ein Kind zeugen ließen. Der Fluss hatte sein stilles Lied gesungen, während Caradoc und Breaca sich geliebt hatten.
»Damals glaubten wir noch, wir könnten siegen«, sagte Breaca gedankenverloren.
Irgendwo, ganz in ihrer Nähe, erwiderte die Großmutter: »Und ihr könnt noch immer siegen. Es steht noch nichts fest. Die Götter erschaffen ihre Geschöpfe doch nicht, nur um sie wieder zu vernichten.«
»Was müssen wir dafür tun?«
»Wenn du Scapula vernichten könntest, wäre das schon einmal ein recht guter Anfang.«
Nun mischte sich Airmid ein: »Breaca? Könntest du bitte mit mir kommen? Wir müssen zur Rückseite seines Zeltes gelangen. Hier... nimm die Brosche wieder an dich. Verwende sie, um dich auch weiterhin an deine Vergangenheit zu erinnern, denn genau sie wird unser Geschenk für die Träumerin unserer Ahnen sein. Solange du deine Erinnerung lebendig hältst, sind wir geschützt. Jetzt komm. Ich werde dich führen.«
Caradoc war bei ihr. Ein Caradoc des Sommers, ein Caradoc kurz nach Graines Geburt. Damals waren sie gemeinsam, Eltern und Kind, in den von ihren Vorfahren errichteten Steinkreis eingetreten. Hail war jagend vornweg gerannt. Im römischen Lager hingegen war Airmid es, die Breaca einen langen Weg um das Zelt des Statthalters herumführte, vorbei an schlafenden Männern, bis sie schließlich auf der Rückseite anlangten. Patrouillierende Wachposten schritten direkt an ihnen vorüber, blickten jedoch nicht in Richtung der Schatten. Die Schlangenspeerbrosche war matt und glänzte nur stumpf, einzig der rote Zopf leuchtete - erfüllt von seinem ganz eigenen Leben, erfüllt von zwei miteinander verbundenen Herzen - blutrot in der Dunkelheit.
Hinter dem Hauptzelt hielten sie inne. Mit leiser Stimme begann Airmid zu zählen.
»Was...?« Breacas Stimme verlor sich in der Nacht.
»Die Wachen marschieren alle im gleichen Rhythmus und bleiben dann gemeinsam für einen kurzen Moment vor dem Zelt stehen«, erklärte Airmid. »Sie verschwinden also immer für genau dreihundert Herzschläge. Wenn ich es in dieser Zeit schaffe, ins Zelt reinzukommen und wieder hinauszuschlüpfen, dann sind wir in Sicherheit.«
Schlagartig wurde Breaca bewusst, was für ein Risiko sie da eingingen. »Das sollte aber besser ich machen«, sagte sie.
»Nein. Du hast mir geschworen, dass du das nicht tun wirst. Halte einfach nur die Brosche fest und konzentriere dich darauf, dass wir am Leben bleiben - und denk nicht an den Tod. Das wird schwieriger, als du denkst.«
Wieder schritten die Wachen vorüber. Blass und schlaff hing vor ihnen die Zeltwand. »Jetzt«, sagte Airmid und trat hastig geradewegs darauf zu. Die Wachen bemerkten nichts, drehten sich noch nicht einmal um.
Das wird schwieriger, als du denkst.
Die Speerspitze aus Feuerstein durchschnitt die Zeltwand so sauber wie ein Messer, zerschlitzte sie von einem Punkt in Höhe von Airmids Knien bis hinunter auf den grasbewachsenen Boden. Auf die gleiche Art drangen auch die Bärinnen in die Zelte der Legionare ein, streckten ihre Pranken aus und zerrissen die Kehlen der schlafenden Insassen. Tote Männer drängten sich jäh in Breacas Wahrnehmung, Bilder von blutigem Fleisch und röchelnden letzten Atemzügen ließen sie vor Grauen aufkeuchen. Nur mit größter Mühe gelang es ihr, sich wieder Ardacos’ Bärentanz auf Mona ins Gedächtnis zurückzurufen; damals, als sie noch geglaubt hatte, dass er oder Gwyddhien Ranghöchster Krieger werden würde. Auch Caradoc war dabei gewesen. Breaca musste sich anstrengen, um sich wieder an die Form seines Gesichts zu erinnern, um dieses Bild über das der vielen Opfer der Bärinnen zu legen. Als ihr dies misslang, stellte sie sich Graine vor, die am Leben und in Freiheit war, und zauberte schließlich Caradoc um Graine herum, stellte sich vor, wie er das Kind mit seinen Armen umfing. Dann schuf sie sein Lachen und versuchte abschließend sogar, auch noch jenes Feuer in seinen Augen wieder zum Leben zu erwecken, das immer dann aufgeblitzt war, wenn er sie angelächelt hatte.
Grau. Sie sind grau. Von der Farbe der Wolken nach einem Regenschauer. Das linke Lid hängt ein wenig nach unten - von einem Schwerthieb quer über die Augenbraue, den ihm ein römischer Soldat beigebracht hatte, kurz bevor dieser dann im Gegenzug von Gwyddhien getötet wurde. Der Mann hatte blassrotes Haar gehabt, und als er starb, da hatte er... Grau. Caradocs Augen sind grau. Von der Farbe der Wolken...
 
»Bist du dir sicher, dass sie nicht schwarz waren? Schwarz wäre besser, schwarz steht für Rache.« Diese Stimme klang noch älter, als die der Großmutter jemals würde klingen können. Sie eröffnete Breaca eine Möglichkeit, zeigte ihr einen Weg nach vorn. Einen verlockenden Weg, dem zu widerstehen schwierig war. »Schwarz«, sagte die Ahnin abermals, »die Rache ist schwarz. Und suchst du nicht etwa die Rache?«
»Die Liebe ist rot.« Dies war Airmids Stimme, ganz schwach. »Der Zopf an der Schlangenbrosche war rot, rot wie die Liebe.«
Leise lachte die Ahnin - ein Geräusch wie eine Schlange, die sanft raschelnd durchs Gras glitt. »Deine Kriegerin hat im letzten Monat aber nicht für die Liebe getötet. Jeder Mann, den sie niedergemetzelt hatte, musste mit ihrem Hass auf seiner Seele in die Nebenwelt hinübergehen. Selbst diejenigen, die heute Nacht sterben mussten und gottlos und verloren umherwandern, kennen den Namen desjenigen, der sie tötete. Und auch wenn du das als die Träumerin, die du bist, vielleicht wirklich nicht wusstest - unsere Kriegerin hier weiß es mit Sicherheit.«
Die Stimme der Ahnin besaß mehr Kraft als die der anderen Erscheinungen. Allein sie wusste, mit welchen Augen Breaca ihr eigenes Leben betrachtete. »Rache«, sagte sie, und plötzlich klang das Wort wie eine Verheißung. »Wenn du willst, dass ich ihn für dich töte, sollte der Statthalter dann nicht ganz langsam sterben, sollte nicht auch er wissen, durch wessen Hand er stirbt und warum?« Klar formte sich vor Breacas Augen plötzlich das Bild eines Scapula, der vor lauter Schmerzen nahezu den Verstand verlor. »Ist es nicht das, wonach du dich verzehrst?«
»Ja.«
»Und wenn das nun endlich geschähe, hättest du dann nicht endlich Ruhe?«
»Nein.« Noch ehe Breaca antworten konnte, hatte dies schon die Großmutter für sie übernommen, oder vielleicht war es auch Airmid gewesen, oder beide zusammen. »Wir wollen Caradoc lebend zurück und die Kinder. Nur das zählt.«
Doch das war nicht die ganze Wahrheit. Das durfte jetzt nicht einfach zur alleinigen Wahrheit erhoben werden. Zwei lange Monate über hatte Breaca sich nach genau dieser Rache verzehrt, und die konnte sie jetzt nicht so einfach wieder vergessen. Sie spürte den Sog der Ahnin und den immer schwächer werdenden Griff der älteren Großmutter.
»Schwarz«, sagte die Ahnin. Sie sprach an Breaca vorbei und zur älteren Großmutter gewandt, mit einem Tonfall, wie ein Erwachsener mit einem Kind spricht. »Schwarz steht nicht nur für die Rache, sondern für alle Arten des Todes. Es ist nichts Falsches daran, sich nach dem Tode eines anderen zu verzehren. Nur das Verleugnen unserer wahren Sehnsüchte ist falsch. Gerade du solltest das wissen.« Zu Breaca aber sagte sie: »Kriegerin, bitte lass mich ihn töten, lass mir mein Schwarz, und danach tue ich alles, was ihr von mir wollt.«
»Breaca, nein!« Klar erklang Airmids Stimme. »Denk an Caradoc, aber nicht an den Hass. Es ist nichts Falsches daran zu hassen, aber es ist falsch, ihn im Namen des Hasses wieder zurückzurufen. Wenn er leben soll, dann muss er unbeschwert vom Makel des Hasses leben können, sonst wird der Hass Caradoc zerstören. Stell ihn dir so vor, wie du dir für ihn wünschst, dass er leben soll. Die Liebe eines ganzen Menschenlebens sollte nicht von einem einzigen Monat des Hasses überschattet werden.«
Breaca versuchte es. Umfangen von der Dunkelheit, tat sie ihr Bestes, um das Bild von Caradoc neu zu erschaffen, Schicht für Schicht. Sie gab sich alle Mühe, ihn noch heller und strahlender erscheinen zu lassen als das Versprechen von Scapulas Tod. Die Liebe eines ganzen Menschenlebens sollte von überhaupt nichts überschattet werden. Doch sie hasste Rom schon ebenso lange, wie sie Caradoc liebte. Diese Kombination aus Liebe und Hass war das Fundament, auf welchem sie kämpfte und lebte und atmete, und sie besaß einfach nicht die Kraft, die beiden voneinander zu trennen.
»Denk nur an Caradoc«, flüsterte die Großmutter, doch Breaca entgegnete weinend: »Ich kann nicht.« Die Dunkelheit sog sie immer stärker in sich hinein. Das Bild des sterbenden Scapula und zehn Jahre der absoluten Gewissheit erzeugten in Breaca einen ebenso starken Wunsch nach Scapulas Tod, wie sie sich wieder einen lebenden Caradoc zurückwünschte. Zu hassen war einfacher, als zu lieben, und es tat auch weniger weh. Breaca konnte also jetzt und hier, ohne die Qualen und die Sinnlosigkeit der Hoffnung, ihr lang gehegtes Ziel erreichen. Die Ahnin winkte ihr, und schließlich folgte Breaca ihr mit nur noch geringem Widerwillen an jenen Ort, an dem ewige Finsternis herrschte.
»Báns Augen waren schwarz. Einst hast du ihn geliebt. Denk an ihn!« Die nun erschallende Stimme gehörte Macha, Báns Mutter. Sie hatte schon immer die Macht besessen, Befehle zu erteilen. Jetzt jedoch streckte sie Breaca die rettende Hand entgegen und war nicht geneigt, es zu akzeptieren, falls Breaca diese ausschlug.
Doch Breaca griff danach, verzweifelt darum bemüht, sich Bán wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Báns Augen waren schwarz, tiefgründig, wie das Fell eines Rappen oder wie ein See tief in der Nacht oder wie die pechschwarze Innenseite der Schwinge eines Raben. Báns Augen waren schwarz wie Kohlen, wie Jett, und er war gewiss niemand, dessen Lebensinhalt darin bestand, Rache zu üben, aber … »Bán ist tot«, erwiderte Breaca laut. »Warum also sollte die Ahnin ihn haben wollen?«
»Er ist, wer er ist. Er vereint das Rot und das Schwarz. Vertrau mir. Erinnere dich an alle seine Eigenschaften. Ruf ihn zu dir.«
Nun wandte sich die Ahnin direkt gegen Macha, doch beide waren unbezwingbar, waren ebenbürtige Gegner, und ein Lebender konnte es schon gar nicht mit ihnen aufnehmen.
Breaca aber war keine Träumerin. Sie hatte keine Erfahrung darin, wie man jene zurückrief, die bereits in Brigas Reich hinübergegangen waren. Da ihr keine bessere Möglichkeit einfiel, holte sie sämtliche Erinnerungen an ihren Bruder hervor und versuchte, ihnen Leben einzuhauchen.
Ihr gegenüber im Frauenhaus saß ein kleiner Junge und grämte sich wegen eines halbtoten Jagdhundwelpen. Das Haar des Jungen war ebenso schwarz wie seine Augen, und beide waren so glänzend, dass sie den Schein des Feuers widerspiegelten. »Er soll Hail heißen«, sagte er. »Ich kann ihn heilen, lasst es mich versuchen.«
In einer der Wurfhütten für die trächtigen Hündinnen in Cunobelins Festung saß nun ein älterer und weiserer Bán und forderte den ihm gegenüber sitzenden Amminios zu einer Partie des Kriegertanzes heraus. Als Gewinn hatten sie den Sklavenjungen Iccius ausgesetzt. Bán hatte das Spiel auf die gleiche Art bestritten, mit der er später auch in Schlachten kämpfte, nämlich mit dem Feuer der absoluten Entschlossenheit und einer Intelligenz, mit der er schließlich sogar einen Mann besiegte, der schon sein ganzes Leben mit Spielen und harten Wetten zugebracht hatte. Genauso stolz, wie Breaca auf Bán gewesen war, genauso sehr hatte sie ihn auch geliebt: grenzenlos.
Báns Augen waren glänzend und so schwarz wie die Nacht. An Breacas Seite hatte damals Caradoc gestanden. Nun konnte sie sich schon besser an ihn erinnern. Caradocs Augen sind grau, von der Farbe der Wolken nach einem Regenschauer.
»Breaca? Breaca, kommst du jetzt wohl endlich mit mir? Die Wachen kehren zurück, wir sollten schon längst verschwunden sein.«
Breaca konnte sich später nicht mehr daran erinnern, gerannt zu sein. Nur ihr keuchender Atem und ihre sich heftig hebende und senkende Brust verrieten ihr, dass dem dennoch ganz offensichtlich so gewesen sein musste. Als sie wieder auf der anderen Seite des Schutzwalls waren und auf dem geheimen Pfad zurückeilten, auf dem sie gekommen waren, sagte sie schließlich: »Du hast mir nicht gesagt, dass ich Bán anrufen müsste.«
Airmid lief direkt hinter ihr. »Ich habe dir nur so viel gesagt, wie deine Sicherheit zuließ«, entgegnete sie. »Und selbst wenn du es gewusst hättest, hätte dir das den Kampf gegen die Ahnin erleichtert?«
»Ich zumindest würde dich nicht unbewaffnet in eine Schlacht schicken.«
»Du warst ja auch nicht unbewaffnet, und du warst nicht ohne Unterstützung. Du hast getan, was du tun musstest, und das auf die dir bestmögliche Art und Weise. Das hat gereicht. Schließlich sind wir beide noch am Leben.«
»Und hat es geklappt? Hast du Scapula getötet?«
»Nein, aber die Schlangenträumerin vergiftet nun seine Träume, und sie wird ihm auch dann, wenn er wach ist, keine Ruhe mehr lassen. Ich glaube nicht, dass ein Mann unter einem solch massiven Angriff noch lange am Leben bleibt. Er wird krank werden und sterben, oder er wird sich in seiner Verzweiflung einfach selbst umbringen. Wenn der alte Mond das nächste Mal heraufzieht, wird Scapula schon tot sein.«
Sie waren allein. Die Kriegerinnen und Krieger der Bärin hatten sich schon am Anfang des Pfades von ihnen getrennt; die ältere Großmutter hatte sie bereits hinter dem Zelt des Statthalters wieder verlassen. Ihr Verschwinden hatte eine Lücke gerissen, durch die nahezu hörbar der Wind zu pfeifen schien.
»Deine Brosche musste ich bei Scapula zurücklassen. Um die Träumerin an ihn zu binden«, sagte Airmid. »Es tut mir Leid, aber als ich sie dort zurückließ, war der Zopf rot, nicht schwarz, und so wird er wohl auch bleiben.«
»Dann steht das Rot eben für Bán und nicht für Caradoc.«
»Ich weiß. Und die Götter wachen über diese Dinge ohnehin auf eine Art, wie es uns gar nicht möglich wäre. Außerdem war Macha ja auch da, und ihr kann man vertrauen, denn sie weiß immer, was gerade das Richtige ist. Schließlich haben wir nie Báns Seele gefunden, nachdem Amminios seinen Leichnam mit sich genommen hatte. Es könnte also sein, dass die Schlangenträumerin Zutritt zu Orten hat, die wir nicht betreten können, und vielleicht kann sie ihn von dort aus zurück in Brigas Obhut führen. Wir können nur darum beten.«
»Und zu wem sollen wir beten?«
»Zu Nemain. Die anderen Götter werden es schon hören.«
 
Es stand kein Mond am Himmel; es hatte überhaupt die ganze Zeit über kein Mond geschienen, sondern der Pfad selbst hatte ihnen schimmernd den Weg bis zum Lager aufgezeigt. Da sie sich nun aber auf dem Rückweg befanden, hatten die Götter ihr Licht wieder eingezogen, und tiefdunkel blieb die Nacht zurück. Breaca wanderte also rein nach Gefühl, bahnte sich tastend einen Weg über das Moorland, wo das Heidekraut und das Farndickicht lichter wurden. Noch immer folgten ihnen die Geschöpfe der Nacht; es waren zwar nicht mehr so viele wie auf ihrem Hinweg, aber doch immer noch mehr als in anderen Nächten. Eine Füchsin bellte, und aus jeder Himmelsrichtung antwortete ihr ein Junges. Eine Eule schrie, in jenem hohen Ton, der selbst durch tiefen Schlaf schneidet. Eine ganze Strecke weiter hinter ihnen, in der Nähe des Feldlagers der Römer, jammerte ein Bär über seinen toten Gefährten.
Breaca blieb stehen. »Das ist Ardacos.«
»Nicht umdrehen«, entgegnete Airmid und stieß Breaca hart gegen die Schulter.
Gemeinsam und nahezu blind in der Finsternis wanderten sie weiter durch die Nacht.
Schließlich erreichten sie eine Felswand, um die kein Weg herumführte und die sie nur hinabklettern konnten. Während Breaca sich langsam von einem schmalen Sims hinuntergleiten ließ, stellte sie plötzlich fest, dass sie wieder ihre Hände erkennen konnte. Und als sie wenig später wieder auf festem Erdboden stand, erblickte sie unter sich ihre Füße. »Es wird langsam hell. Bald geht die Sonne auf«, sagte sie.
»Ich weiß.« Airmid kletterte sehr geschickt. »Und noch ehe der erste Sonnenstrahl über den Horizont fällt, müssen wir wieder zurück beim Feuer sein. Kannst du nicht etwas schneller gehen?«
Also wanderten sie schneller, und solange sie ihre Füße und die Pfade, die sich durch das struppige Heidekraut schlängelten, klar erkennen konnten, rannten sie sogar. Nebel stieg auf, um den neuen Morgen zu begrüßen, und zog in milchigen Schwaden über das Moor. Am östlichen Horizont stand verschwommen glitzernd und funkelnd der Morgenstern. Weit voraus hob sich rot glühend der Schein eines verlöschenden Feuers gegen das blasse Licht des heraufziehenden Tages ab. Neben der Glut saßen zusammengekauert zwei Gestalten, ihre Umhänge gegen die nächtliche Kälte fest um sich geschlungen. Eine von ihnen winkte den beiden Frauen mit drängender Geste zu.
»Schneller«, befahl Airmid.
Wieder begannen Breaca und Airmid zu rennen, achteten nicht mehr darauf, wohin sie ihre Füße setzten, und überquerten den Fluss auf glitschigen Trittsteinen. Luain mac Calma saß auf dem verrottenden Baumstamm vor dem Feuer. Er stand nicht auf, um sie zu begrüßen, hob aber den Kopf, als sie über die Steine auf ihn zugestürmt kamen. Sein Gesicht schien in der Zwischenzeit um eine ganze Dekade gealtert zu sein, und nur langsam - während er Breaca und Airmid ansah und dann den hinter ihnen heraufziehenden ersten Schimmer der Morgendämmerung betrachtete - verschwanden die Falten wieder. Blinzelnd rieb er sich über das Gesicht.
»Ihr seid zurück«, stellte er fest.
Luain mac Calma gehörte zu den Herausragendsten unter den Träumern. Wenn er wollte, konnte er eine ganze Nacht mit Berichten über seine Visionen füllen und hätte selbst dann noch längst nicht alles erzählt. Er streckte seine Beine aus und legte einen letzten Zweig in die Glut. Die Herbstblätter knackten unter der Hitze, fingen jedoch kein Feuer. Luain mac Calma beugte sich vor und blies so lange in die Glut, bis sich schließlich ein zögerliches Flämmchen hinaufschlängelte und das unterste der Blätter ergriff.
Erst als dieses Blatt wieder zu Asche zerfiel, begann er: »Es scheint nun, als gäbe es gute Gründe dafür, warum noch niemand zuvor dieses Wagnis eingegangen ist. Ich würde vorschlagen, dass auch wir es nicht noch einmal versuchen.«
»Hast du gedacht, wir wären verloren gewesen und der Schlangenträumerin anheim gefallen?«, fragte Airmid.
»Das habe ich nicht nur gedacht, sondern ihr wart tatsächlich verloren. Daran besteht kein Zweifel. Die Frage war vielmehr, wie viel von euch sie uns wieder zurückgeben würde.« Luain mac Calma musterte sie beide aus zu Schlitzen verengten Augen. »Nicht alles, wie es scheint.«
Ganz langsam erhob sich nun auch Efnís und schritt zum Fluss hinüber, um sich dort die Arme und das Gesicht zu waschen. Als er wieder zurück beim Feuer angelangt war, spuckte er einmal in seine Handflächen, rieb sie gegeneinander, streckte dann die Arme aus und berührte Airmid und Breaca mit je einer Hand über den Augenbrauen. Breaca spürte die Hitze, die von seiner Handfläche ausging, und zuckte zurück. Luain mac Calma packte sie bei den Schultern. »Nicht bewegen!«
Es war sehr schwer, sich nicht zu bewegen. Efnís’ Hand verbrannte Breacas Haut. Durch seine Finger sickerten leise Stimmen. Dann erhob sich schimmernd ein Licht und hielt schließlich hell leuchtend vor ihren Augen inne. Doch es war nicht das Licht der Sonne. Die Großmutter lachte, und plötzlich stimmte eine noch ältere Stimme mit ein. Diese ältere klang wie Feuerstein, der auf Eisen geschlagen wurde.
Dann sprachen beide wie mit einer einzigen Stimme: »Deine Zeit, Kriegerin, ist auch unsere Zeit. Wenn wir dich brauchen, werden wir dich rufen.«
Anschließend fühlte Breaca über ihren Augen einen stechenden Schmerz. Sie blinzelte und erblickte unmittelbar vor sich Luain mac Calma. Er hielt ein bronzenes, zweischneidiges Messer in der Hand. Mit dessen Spitze fügte er Breaca genau dort, wo Efnís’ Hand gelegen hatte, einen kleinen Schnitt zu. Blut ergoss sich in einem dünnen Rinnsal über Breacas linkes Lid, brannte ihr im Auge, und sofort rieb sie sich mit beiden Handballen über die Lider. Der neue Tag zog herauf, und der Nebel zerteilte sich, als ob er nie existiert hätte. Die Stimmen verhallten.
Aufrecht neben dem Feuer stehend und den Rücken der nun gleißenden Sonne zugewandt, sagte Airmid: »Willkommen zurück. Wenn die Götter uns gnädig sind, werden wir Caradoc gesund und unversehrt wieder nach Hause holen.«