XXII
Die Sonne ging langsamer auf als jemals zuvor.
Schon unzählige Male hatte Dubornos erlebt, wie der Morgen vor
einer Schlacht immer besonders schleichend verging und die Zeit
sich augenscheinlich den trägen Schlägen des Herzens anglich. Noch
niemals aber hatte er das Gefühl gehabt, dass die Zeit vollkommen
still zu stehen schien. Schulter an Schulter mit Caradoc und den
Rücken gegen die Wand gelehnt, hockte Dubornos auf der Pritsche
gegenüber dem Fenster. Der schmale Platz war eigentlich nur für
einen Mann bestimmt, sie aber mussten ihn sich teilen, denn beide
wollten noch einmal durch das hohe, vergitterte Fenster dieser
ihnen neu zugewiesenen Zelle blicken. Beide wollten noch einmal das
sich langsam vortastende Licht des heraufziehenden Tages sehen. Es
war ihr Wunsch gewesen, noch einen allerletzten Sonnenaufgang zu
erleben, und unter der Vorgabe des Kaisers, Caradoc und Dubornos in
größtmöglicher Beengtheit einzusperren, hatte sich eben nur diese
winzige Zelle organisieren lassen.
Die zu Caradocs und Dubornos’ Bewachung
abgestellten Soldaten hatten sich, als Geste der Höflichkeit,
zurückgezogen. Die Gefangenen hielten sich schließlich auch ohne
sie an die allgemeine Ordnung, denn Cwmfen und die Kinder waren
nicht nur die Garanten für Claudius’ Leben sondern auch für
Caradocs Tod. Denn so lautete die Vereinbarung, die Caradoc und
Claudius, sozusagen von Krieger zu Krieger, getroffen hatten.
Caradoc sollte in einem auf Griechisch geschriebenen Brief an Maroc
auf Mona um das Leben des Kaisers bitten und zugleich schwören,
dass er nichts unternehmen würde, was seinen eigenen langsamen und
öffentlichen Tod verhindern könnte. Dafür sollten seine Frau und
die beiden Kinder am Leben bleiben.
Auch Dubornos hatte keinen Zweifel an der Rolle,
die ihm in dieser Übereinkunft zukam: Er war quasi das Zubehör,
sein Tod das schmückende Beiwerk zu dem ihnen nun unmittelbar
bevorstehenden Hauptereignis. Doch er lebte bereits in einer Sphäre
jenseits aller Angst, war wie betäubt und fühlte sich ganz leicht -
wie ein Schneckenhaus, das man seiner Schnecke beraubt hatte und
das nun nur noch eine leere, empfindungslose Hülle war. An diesem
letzten Morgen also war es nicht das Opium, das Dubornos Ruhe
schenkte, sondern allein die Zeit. Ohnehin hatte der maßvolle
Einsatz des Opiums in den vergangenen fünfzehn Tagen wohl die
stechenden Schmerzen seines gebrochenen Schlüsselbeins und seiner
zertrümmerten linken Hand gedämpft - beide Verletzungen waren ihm
von Narcissus’ Folterknechten zugefügt worden -, zu keinem
Zeitpunkt aber hatte es ihm die Angst nehmen können, geschweige
denn ihm innere Ruhe geschenkt.
Die heraufziehende Dämmerung hatte vermocht, was
nichts anderes zuvor hatte bewirken können. Je näher der heutige
Tag gekommen war, für den die Prozession des Kaisers und der Tod
seiner beiden berühmtesten Gefangenen geplant waren, umso größer
war Dubornos’ Furcht geworden. Bis sie schließlich ihren Höhepunkt
erreicht hatte, so unermesslich riesig geworden war, dass Dubornos
bereits glaubte, allein die Angst vor der Hinrichtung würde ihn
schon töten - ähnlich wie die kleine Spitzmaus, die zum Spielzeug
eines jungen Welpen geworden war und noch während des Spiels dem
Herztod erlag. Dann aber hatte er sich plötzlich über alle Angst
erhoben, hatte sie einfach hinter sich gelassen.
Entsetzlich träge kroch nun die Zeit voran. Das
Fenster war so hoch oben in das Mauerwerk eingelassen worden, dass
Caradoc und Dubornos den Horizont ohnehin nicht richtig erkennen
konnten, geschweige denn die ersten Strahlen des Sonnenaufgangs.
Das kleine schwarze Quadrat hingegen, das für sie zuvor noch die
Nacht symbolisiert hatte, verblasste langsam zu Grau und ging dann
in ein kühles Blau über, überzogen mit zarten, fleischfarbenen
Wölkchen. Ganz in der Nähe weckte der heraufziehende Tag einen
Taubenschlag, und gurrend erhoben sich sowohl die Jungvögel als
auch deren Eltern.
Morgen um diese Zeit, oder vielleicht auch
erst übermorgen, wird alles vorbei sein. Die Tauben werden dann
noch immer gurren, so wie sie es jeden Morgen tun. Wir aber werden
bereits Vergangenheit sein.
Ganz nüchtern breitete sich dieser Gedanke in
Dubornos’ Kopf aus. Es war nurmehr eine simple Tatsache, wie viele
andere auch, und fiel verglichen mit dem Verlust seiner Seele
ohnehin kaum noch ins Gewicht. Müde ließ Dubornos seinen Kopf gegen
die Wand zurücksinken, schloss die Augen und suchte in seinem
Herzen noch einmal nach Briga, der Mutter des Lebens und des Todes;
rief nach ihrer Tochter Nemain, der Mondgöttin, die in der Nacht
ihr Licht durch das Fenster sickern ließ und die eisernen
Gitterstäbe gnädig in satiniertes Silber verwandelt hatte. Aber
Dubornos erhielt keine Antwort. Also schrie er im Geiste ein
letztes Mal die Namen Belins, des Sonnengottes, und Manannans, des
Herrschers über die Wellen der Meere - schließlich waren diese
beiden männlichen Geschlechts und mochten sich darum vielleicht
etwas leichter auf römischem Grund und Boden einfinden als die
beiden Göttinnen. Aber auch Belin und Manannan blieben ihm
fern.
Dubornos erinnerte sich wieder an die Geister der
niedergemetzelten römischen Legionssoldaten und wie diese einsam
und verlassen über das Schlachtfeld bei der Lahmen Hirschkuh
gewandert waren; erinnerte sich daran, wie diese in einem fremden
Land nach fremden Göttern gesucht hatten und schließlich hatten
erkennen müssen, dass sie auf immer verloren waren. Damals hatte
Dubornos noch gedacht, dass diese Männer in ihrem Leben einfach nur
zu nachlässig und nicht ernsthaft genug gebetet hatten, so dass
ihnen die wahre Verbundenheit gefehlt hatte, die sich nun einmal
erst aus einem Leben im Angesicht der Götter ergab. Nun aber
urteilte Dubornos anders - und fügte der im Geiste verfassten Liste
seiner Verfehlungen noch den Hochmut hinzu.
Auf dem Fenstersims ließ sich eine Taube mit grauen
Schwingen nieder, pickte ein wenig an dem rissigen Mörtel, der die
Eisenstangen umschloss, und flatterte anschließend wieder davon.
Dubornos spürte, wie Caradoc sich leicht bewegte, und wagte es, nun
das Schweigen zu brechen.
»Spürst du die Gegenwart der Götter?«, fragte
er.
Für einen Augenblick dachte Dubornos schon, dass
Caradoc ihn nicht gehört hätte, denn dieser verharrte regungslos in
der derselben Haltung wie schon die ganze Nacht über: mit
angezogenen Beinen, den Ellenbogen seines unversehrten Armes auf
die Knie gestützt, während das Kinn auf dem Handrücken ruhte.
Dubornos spürte, wie sich Caradocs Brustkorb in ruhigen Atemzügen
hob und senkte, seine Gemütsverfassung jedoch konnte er nicht
erraten.
Der kleine helle Lichtfleck an der Wand wurde immer
strahlender. Draußen vor den Haupttoren des Palasts fand gerade der
Wachwechsel statt. Waffengeklirr war zu hören, und laut wurde die
Parole der Nachtwache genannt: Britannicus, der Name des
Kaisers und seines einzigen legitimen Sohnes, endgültiger Beweis
der Machtübernahme über Britannien.
In etwas weiterer Entfernung hörte man Roms
Frühaufsteher, oder vielleicht auch die letzten der sich nach Hause
schleppenden Trunkenbolde, wie sie einander noch etwas über die
Straße hinweg zuriefen. Dann grölten einige Männer Obszönitäten,
ihr Opfer stumm und unerkannt, und kurz darauf lachte eine Frau
laut auf, aber nur ein einzelner Mann antwortete ihr. Schließlich
schlug ein Hund an und mit ihm noch ein Dutzend anderer, doch alle
mit deutlich höher tönendem Gekläffe als die Hunde der
britannischen Stämme. Die Schatten, die von der einsamen Lampe in
der Zelle ausgingen, wurden immer blasser.
Caradoc hatte die ganze Nacht über nicht
geschlafen. Nun hob er das Kinn, reckte sich vorsichtig, wobei er
sorgsam darauf achtete, nicht seine verletzte Schulter zu belasten,
und ließ am Ende jedes Einzelne seiner Gelenke einmal laut knacken.
Dann rückte er auf der Pritsche ein wenig zur Seite, sowohl um
Dubornos besser sehen zu können, als auch, um selbst besser gesehen
zu werden. Hart streifte das Licht des neuen Tages über sein
Gesicht, betonte die aschgraue Blässe seiner Haut, Zeugnis des
Hungers und der Erschöpfung. Die Nacht war freundlicher zu ihm
gewesen. Allein seine Augen brannten noch so klar wie immer.
Überhaupt war es ganz unmöglich, sich Caradocs Augen ohne den Glanz
des Lebens vorzustellen.
»Breaca wird den Krieg weiterführen«, hob Dubornos
abermals an. »Die Träumer Monas stehen geschlossen hinter ihr, und
hinter den Träumern stehen die Götter. Das ist alles, worum es
jetzt noch geht.« Nun, am Ende, konnte er Breacas Namen wieder ganz
normal aussprechen, ohne sich oder Caradoc damit zu quälen.
Als er ihren Namen hörte, musste Caradoc plötzlich
lächeln. »Ich weiß. Aber noch hat uns das Leben ja nicht
verlassen.« Dann wandte er sein Gesicht wieder dem Fenster zu. Das
farblose Licht ließ sein Haar zu dem Weiß des hohen Alters
erbleichen. Nun, im Profil, wirkte Caradoc auch nicht mehr
erschöpft, sondern eher asketisch. Die Risse in seiner Tunika waren
geflickt worden, und an seiner Schulter schimmerte noch immer die
Schlangenspeerbrosche, das Sinnbild des Widerstands über den Tod
hinaus. »Fürchtest du dich vor dem heutigen Tag?«, fragte er.
»Nein. Nicht mehr.«
»Dann wurde uns alles geschenkt, worum ein Mensch
überhaupt bitten kann. Wir durften uns ganz bewusst auf unseren Tod
vorbereiten und werden an der Art und Weise, wie wir ihm
gegenübertreten, ein letztes Mal gemessen. Der Rest ist unwichtig.
Später, wenn alles vorüber ist, werden die Götter kommen und uns
holen.«
»Bist du dir da so sicher? Die Geister der
römischen Soldaten nämlich wandern noch immer allein und ohne ihre
Götter durch unser Land. Warum also sollte es uns in ihrem Lande
nicht genauso ergehen?«
Von der Tür her antwortete plötzlich eine trockene
Stimme: »Weil sie niemanden hatten, der auf sie wartete und ihre
Seelen wieder in die Obhut ihrer Götter überführte. Eure Träumer
dagegen werden wissen, wie sie eure Seelen zu führen haben und wann
der Zeitpunkt dafür gekommen ist. Das ist eine Gabe, die in Rom zum
Großteil in Vergessenheit geraten ist. Hier ehrt man die Götter für
ihre Fähigkeit, den Lebenden zu Macht und Reichtum zu verhelfen,
nicht aber für ihre Sorge um die Toten.«
»Xenophon.« Hocherfreut und genauso galant, wie er
sich erhoben hätte, wenn Maroc oder Airmid eingetreten wären, stand
Caradoc auf, um Xenophon zu begrüßen. »Ich hatte nicht erwartet,
Euch noch einmal zu sehen. Denn Eure Arbeit hier ist doch getan,
nicht wahr? Schließlich leben wir noch, sind nicht an
Blutvergiftung oder an gebrochenen Knochen gestorben - und werden
auch so lange bei bester Gesundheit bleiben, bis der Kaiser es sich
anders überlegt. Und dann, so fürchte ich, wäre Euer Eingreifen
ohnehin nicht mehr klug, geschweige denn von Erfolg gekrönt - egal,
wie berühmt die Lehrer auf Kos auch sein mögen.«
Ganz beiläufig hatte Caradoc diese Bemerkung
klingen lassen, Xenophon aber blieb ernst. Der Leibarzt des Kaisers
war kein Mann für Trivialitäten. Mit langen, knochigen Fingern
strich er seinen Nasenrücken entlang. »Auf Kos werden viele Dinge
gelehrt«, entgegnete er. »Und nicht alle beschäftigen sich damit,
Leben zu retten.«
Nun trat Xenophon über die Türschwelle und in den
Raum hinein, ließ die schmale Zelle damit noch kleiner erscheinen.
In diesen letzten vierzehn Tagen hatten Dubornos und Caradoc
Xenophon gut kennen gelernt. Seit der Audienz beim Kaiser waren sie
schließlich seine Hauptaufgabe gewesen; nach Claudius, Britannicus
und der Kaiserin Agrippina, natürlich. Xenophon hatte sie mit Opium
und Aufgüssen aus Blättern und Rinden versorgt, und obwohl die
gebrochenen Knochen und ausgekugelten Gelenke noch nicht wieder
ganz zusammenwachsen konnten, waren doch zumindest die sie
umgebenden Blutergüsse zurückgegangen und die Haut wieder geheilt.
Caradoc und Dubornos hatten den Anblick dieser schmalen, leicht
gebeugten Gestalt im Türrahmen mit der Zeit schätzen gelernt, und
dies sowohl wegen der Medikamente, die er ihnen brachte, als auch
wegen seiner Gesellschaft und seines scharfen Verstandes. Zudem
hatte Xenophon Anordnungen gegeben, die es ihnen erlaubten, die
Bäder zu benutzen, und er hatte ihnen saubere Kleidung zukommen
lassen. Als ein Unteroffizier der berittenen Garde besonders gegen
Letzteres Einspruch einlegen wollte, hatte Xenophon nüchtern, aber
mit dem ganzen Gewicht seiner zwanzigjährigen Erfahrung entgegnet:
»Einen Mann, der vorher schon an Blutvergiftung gestorben ist, kann
man nicht mehr kreuzigen. Oder möchtest du seinen Platz in der
Prozession einnehmen?« Danach hatte es keine weiteren Einwände mehr
gegeben.
Xenophon hatte die Gefangenen so häufig besucht,
dass die Soldaten der Gardekavalleriebrigade ihn schließlich kaum
noch wahrnahmen. Wenn sie ihn an diesem Morgen also überhaupt
durchsucht hatten, dann offenbar mit geschlossenen Augen. Denn er
trug zwei kleine Flaschen bei sich, in jeder Hand eine, und von
seinem Gürtel baumelte ein kleiner, prall gefüllter Beutel herab.
Xenophon lehnte die Flaschen an die Pritsche und setzte sich zu
Caradoc und Dubornos.
»Die Heilkunst beschäftigt sich nicht nur damit,
Leben zu retten. Jeder Arzt weiß, dass es Augenblicke gibt, in
denen es besser ist, die Seele möglichst kampflos aus dem Körper
entweichen zu lassen. Um die Riten dieser letzten Reise zu lernen,
fahren wir von Kos, sofern wir die Möglichkeit dazu haben, nach
Mona oder nehmen Unterricht bei jenen, die dort gelernt haben. Ich
habe damals zu Füßen von Träumern gesessen, die älter waren als
alle anderen, die heute leben; und dabei habe ich gerade genug
gelernt, um zu wissen, dass ich noch ein zweites Leben bräuchte, um
all das zu verinnerlichen, was sie mir bereits voraus haben.«
Xenophon drückte mit den Fingerspitzen gegen seine Nasenwurzel.
»Mein Gedächtnis ist nicht mehr das, was es einmal war, und viel
von dem einst Gelernten ist wieder verloren gegangen, aber ich
erinnere mich noch an genug, um Euch, wenn die Zeit gekommen ist,
frei von allen irdischen Fesseln über den Fluss zwischen den
Lebenden und dem Totenreich zu schicken. Doch davor müssen wir uns
noch einmal mit den Gepflogenheiten hier in Rom beschäftigen. Was
sich heute ereignen wird, ist nämlich keine ungewöhnliche
Angelegenheit. Es gibt so viele verschiedene Arten zu sterben, wie
es Männer gibt, um Nägel in menschliches Fleisch zu schlagen. Aber
manche Arten sind schneller als andere.«
Xenophon blickte hinauf zu dem kleinen
Zellenfenster und runzelte die Stirn. Über das Kopfsteinpflaster
draußen vor der Zelle hallten schwere Schritte, die sich nach einem
Mann anhörten - einem Mann, der auf einem Bein leicht hinkte. Erst
als sie verhallt waren, fuhr Xenophon fort: »Ich habe mit dem
Zenturio der Prätorianer gesprochen, demjenigen, der die
Befehlsgewalt über die... notwendigen Einzelheiten hat. Er hatte in
der Invasionssschlacht gegen euch gekämpft und danach in
Camulodunum gedient. Er ist Soldat und respektiert als solcher
seine Feinde. Zwar darf er nicht gegen Claudius’ Befehle verstoßen,
dennoch steht ihm ein gewisser Ermessensspielraum zu, wie diese
Befehle dann im Einzelnen ausgeführt werden. Ihr werdet also nicht
nackt sein, sondern in die komplette barbarische Kampfuniform
gekleidet - oder zumindest in das, was Rom darunter versteht. Ich
würde euch raten, dies nicht abzulehnen. Möglicherweise ähnelt das
zwar noch nicht einmal im Geringsten Eurer tatsächlichen
Kampfkleidung, aber ich bezweifle, dass sie Euch erlauben werden,
eine Eurer eroberten Kavallerierüstungen zu tragen. Doch wie auch
immer, es ist einzig das Gewicht, das zählt. Je schwerer Ihr seid,
desto schneller der Tod.«
Xenophon war Arzt, darum konnte er diese Dinge ganz
ohne Verbitterung oder aufgesetzte Empfindsamkeit sagen; nach den
Worten aus seinem Munde zu urteilen, schienen die zwei Tage des
schleichenden Todes nur noch eine Frage der richtigen
Planung.
In diesem Sinne entgegnete Dubornos: »Wenn wir so
schwer sind, dann reißen die Nägel raus.«
»Das wäre dann allerdings das erste Mal, und die
Prätorianer haben in diesen Dingen mehr Erfahrung, als sich auch
nur irgendeiner von uns vorstellen mag. Als Unterlegscheiben, also
um das Gewicht besser zu verteilen, benutzen sie quadratische
Stücke aus Pinienholz und schlagen die Nägel erst dann zwischen die
Knochen des Unterarms. Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass sie
halten werden.«
»Aber je schneller der Tod eintritt, desto größer
der Schmerz.«
»Nein. Das heißt, eigentlich ja - aber darum habe
ich Euch ja auch dies hier mitgebracht …«
Der kleine Beutel, den er nun von seinem Gürtel
abnahm, war aus altem, von Wind und Wetter gegerbtem Rehleder und
wurde mit einer schmalen Zugschnur aus geflochtenem, tiefrot
gefärbtem Leinen verschlossen. Über diesen Beutel liefen gestelzt
wirkende, von der Seite dargestellte Figuren, die mit blauer und
gelber Tinte aufgemalt waren. Einige konnte man als Menschen
erkennen, die meisten jedoch nicht. »Alexandrinisch«, erklärte
Xenophon und zwängte mit einem geübten Ruck die Beutelöffnung auf,
ganz so, wie er es vermutlich auch mit dem Mund eines Patienten tun
würde. »Auch die Pharaonen wussten, was es bedeutete, den Weg nach
Hause aus den Augen zu verlieren - und ihn in vollkommener
Dunkelheit wiederfinden zu müssen.« Er zog zwei zusammengerollte
Weinblätter hervor, beide mit dem gleichen roten Leinenband
zusammengebunden wie der Beutel. Auseinander gewickelt enthielten
die Blätter ein fein gemahlenes Pulver, und zwar ungefähr so viel,
wie in eine hohle Hand passen würde.
Vorsichtig hielt er eines der Weinblätter in der
ausgestreckten Hand, weit entfernt von dem Sog seines Atems. »Jedes
dieser Blätter enthält eine Mischung aus Belladonna, Opium und
Eisenhut. Das eine schwächt das Herz, das andere betäubt, wie Ihr
wisst, die Schmerzen des Körpers und den Verstand, und das dritte
erzeugt eine langsam einsetzende Lähmung der Beine. Wenn Eure Beine
Euer Gewicht nicht mehr tragen können, dann wird der Zug an Euren
Armen und an Eurem Herzen umso größer, und dann tritt, mithilfe der
Belladonna, der Tod wesentlich schneller ein. Das Opium, richtig
dosiert, löst die Seele und trägt sie aus dem Körper hinaus. Keiner
dieser Stoffe ist in ausreichender Menge vorhanden, um den
sofortigen Tod zu bewirken - das kann ich nicht verantworten, es
sei denn, ich hegte den Wunsch, Euch beim Sterben Gesellschaft zu
leisten. Aber so weit geht meine Verehrung für Euren Geist und Euer
Herz dann allerdings doch nicht. Dennoch, die Dosierung ist so
hoch, wie ich es irgend verantworten kann. Das Opium wird seine
Wirkung schon recht schnell entfalten, die anderen Ingredienzien
erst langsamer. Bei Einbruch der Nacht aber werdet Ihr bereits bei
Euren Göttern weilen, das kann ich Euch garantieren.«
Es war ein Geschenk von unschätzbarem Wert - das
sie aber nicht guten Gewissens annehmen konnten. Dubornos spürte,
wie sein Mund plötzlich trocken wurde. »Xenophon, das ist zu viel.
Schon für Eure Fürsorge um uns während der letzten vierzehn Tage
stehen wir in Eurer Schuld. Aber Ihr dürft Euch nicht selbst in
Gefahr bringen.«
Der alte Mann legte seine Schätze auf der Pritsche
ab, lehnte sich gegen die Wand und verschränkte die Arme vor der
Brust. »Schon mit meiner bloßen Anwesenheit hier habe ich mich in
Gefahr gebracht. Aber wenn Ihr das hier schluckt, ehe sie Euch
holen kommen, und wenn Ihr die leeren Weinblätter unter der Liege
versteckt, gut verborgen vor den Augen der Wachen, dann sollte sich
das Risiko nicht wesentlich vergrößern. Nehmt es mit meinem Segen.
In den Flaschen ist batavisches Bier, und man hat mir versichert,
dass das genau nach barbarischem Geschmack sei. Wenn Ihr also das
eine mit dem anderen vermischt, dann schmeckt das auch nicht
schlechter, als wenn Ihr das Bier allein trinkt.«
Xenophon presste die Lippen aufeinander und hatte
die Augen zu Schlitzen verengt, so als ob er in die Sonne blicken
würde. Bei einem weniger distinguierten Mann hätte man vielleicht
denken können, dass er weinte.
Dubornos nahm die ihm angebotene Flasche entgegen.
»Danke«, sagte er, »in diesem Fall nehmen wir das Geschenk an.«
Dann wandte er sich mit leichtem Herzen jenem Mann zu, den er
mittlerweile mehr schätzte und bewunderte als jeden anderen.
»Caradoc?«
Caradoc hatte sich wieder auf der Pritsche
niedergelassen. Das immer heller durch das Fenster hereinströmende
Licht ließ sein Haar wie gesponnenes Gold erstrahlen. Seine Miene
war vollkommen unbewegt, sein Gesicht wie aus Marmor gemeißelt und
kreideweiß. Er starrte auf das entrollte Weinblatt, so wie ein Mann
vielleicht eine Giftschlange anstarren würde, die jederzeit
zuschlagen konnte, und seine flache Atmung verriet den Kampf in
seinem Inneren. Schließlich hob er den Blick von der Hand voll
Pulver und wandte sich Xenophon zu: »Kann man das Opium aus der
Mischung herausnehmen?«
»Kaum. Ich habe die Zutaten eigenhändig gemahlen
und miteinander vermischt. Selbst die Diener des Schakalgottes
Anubis - und diese können sogar die einzelnen Sandsorten der Wüste
voneinander unterscheiden - vermöchten das nun nicht mehr.«
»Dann, nein. Danke, aber nein. Dubornos soll das
Mittel nehmen - muss es nehmen -, aber ich kann nicht.«
»Ist das Euer Ernst?« Aufmerksam beobachtete
Xenophon Caradoc. »Habt Ihr etwa ein besonderes Verlangen danach,
solche unermesslichen Qualen zu erleben? Ich hätte nicht vermutet,
dass auch Ihr mit den römischen Lastern infiziert seid.«
Caradoc lachte einmal auf; ein kurzes, bellendes
Lachen wie von einem vollkommen fremden Menschen. »Nein, ganz
sicher nicht. Um sich solche Laster zuzulegen, bräuchte man, glaube
ich, länger als bloß einen Monat.«
»Aber warum dann nicht das Opium?«
»Weil die Abmachung noch nicht erfüllt ist. Ich
muss zumindest bei klarem Verstand sein, und das muss man mir auch
ansehen. Wenn ich aber das Opium nehme, bin ich nicht mehr ganz bei
mir.«
»Bei allen Göttern!« Xenophon faltete seine langen
Glieder zusammen und setzte sich - einer Grille ähnelnd - auf
Dubornos’ Pritsche. In den Tagen, in denen sie Xenophon kennen
gelernt hatten, hatte er stets barsch und hart gewirkt, und Caradoc
und Dubornos hatten ihn für einen knochentrockenen Rationalisten
gehalten. Hier und jetzt aber, an jenem gewissen Unterton in seiner
Stimme und an den sich in seinen Augenwinkeln sammelnden Tränen,
die er nun nicht mehr zurückdrängen konnte und derer er sich
offenbar auch nicht schämte, erkannten sie das wahre Ausmaß seiner
Fürsorge.
Xenophon beugte sich vor und nahm eine von Caradocs
Händen in die seinen. »Mein lieber Freund, Ihr besitzt mehr Mut als
jeder andere Mann, den ich je kennen gelernt habe. Aber auch Ihr
müsst lernen, spätestens jetzt, eine Niederlage hinzunehmen.«
Xenophon deutete mit dem Kinn zu der
gegenüberliegenden Wand hinüber, wo das Sonnenlicht sich
zitronengelb über den Verputz ergoss. »Noch ehe die Sonne die
äußere Kante dieses Fensters erreicht, werden sie kommen, um Euch
zu holen. So lange habt Ihr also noch Zeit zu trinken, nicht
länger. Und jetzt kann ich den Zenturio auch nicht mehr rechtzeitig
erreichen, um den Plan noch einmal zu ändern. Er wird seinen Teil
unserer Abmachung erfüllen - und das sind Dinge, die ich bestimmt
nicht jedem wünsche. Also, ich bitte Euch inständig, um Eurer
selbst und um Eurer Freunde willen, nehmt an, was ich Euch
anbiete.«
»Nein.« Es war einfacher, ein zweites Mal »nein« zu
sagen, als sich nun alles noch einmal zu überlegen; das wussten sie
beide.
»Warum?«
»Weil ich selbst jetzt, wo ich verloren habe
- und dessen bin ich mir wohl bewusst - noch immer die
Verantwortung für Cwmfen und die Kinder trage. Wir haben noch nicht
die entscheidende Nachricht von Mona erhalten, in der sie
garantieren, den Kaiser nicht zu töten. Und bis dahin hängt ihr
Leben einzig und allein an der Erfüllung meines Teils der Abmachung
mit Claudius. Ich habe geschworen, nichts zu unternehmen, was seine
Pläne für den heutigen Tag vereiteln könnte. Wenn ich aber tue, was
Ihr mir da vorschlagt, dann breche ich meinen Schwur - zumindest in
gewissem Sinne.«
»Aber glaubt Ihr denn, dass Claudius auch nur ein
einziges seiner Versprechen mit einer ebensolchen Korrektheit
einhalten wird?«
»Ich weiß es nicht. Aber wenn er glaubt, dass man
ihn um seine gerechte Rache gebracht hat, wird er seinen Teil der
Abmachung bestimmt nicht erfüllen. Und diesen Vorwand will ich ihm
einfach nicht liefern.«
Neun lange Jahre, bei den Kriegsvorbereitungen,
inmitten von Schlachtfeldern und während des bewaffneten
Widerstands, hatte Dubornos nun schon Gelegenheit gehabt, die Kraft
und das Ausmaß von Caradocs Willenskraft kennen zu lernen - noch
niemals zuvor aber war dessen geradezu unbezwingbare Stärke so klar
zu Tage getreten. Schweigend starrte Dubornos auf die beiden
kleinen Fläschchen und die Hand voll jenes Pulvers, das über die
Art und Weise seines Todes bestimmen würde.
Morgen um diese Zeit, oder vielleicht auch
erst übermorgen, wird alles vorbei sein.
Ohne das Pulver aber wohl erst übermorgen;
besonders, wenn der Zenturio wirklich so zuverlässig war, wie
Xenophon glaubte. Gerade dieser entscheidende Unterschied aber
würde sich grausamer auswirken, als Dubornos sich jemals hätte
träumen lassen. Mit aus tiefstem Herzen empfundenem Bedauern rollte
er die Weinblätter wieder zusammen, umwickelte ihre Enden langsam
mit der Leinenkordel und legte sie schließlich auf den Knien des
alten Mannes ab.
Xenophon durchbohrte Dubornos geradezu mit seinem
Blick. »Aber mit Euch hat Claudius doch gar keine Abmachung.«
»Nein. Ich habe lediglich eine Abmachung mit mir
selbst. Und mit Caradoc.«
Caradoc zuckte zusammen, und eine flammende Röte
kroch in seine Wangen. »Dubornos, du wirst doch wohl
nicht...«
»Doch, ich werde. Und es liegt auch nicht mehr in
deiner Macht, mich davon abzuhalten. Versuch es also gar nicht
erst.«
Dubornos war selbst ein wenig überrascht von seiner
plötzlichen Entschlossenheit. All die kleinen und großen
Verfehlungen in seinem Leben verschmolzen plötzlich zu dieser
einen, letzten, wirklich großen Tat. Dann erstrahlte sein Gesicht
in einem breiten und aus seinem tiefsten Inneren kommenden Lächeln.
»Auch ich habe mein Leben dem Wohlergehen der Kinder gewidmet«,
fügte er hinzu.
Xenophon erhob sich, seine Nasenflügel weiß und
zusammengekniffen. »Ihr seid wahnsinnig, alle beide - und das ist
sowohl eine ärztliche Diagnose als auch meine persönliche Meinung.
Ich selbst habe zwar keine Götter, aber ich werde zu den euren
beten und um einen raschen Tod für euch bitten.«
Ganz nach römischer Art streckte Caradoc ihm die
Hand zum Abschiedsgruß hin. »Unseren zutiefst empfundenen Dank für
alles, was Ihr für uns getan habt. Und nur, weil wir Euer Angebot
nicht annehmen können, wird das Risiko, das Ihr heute auf Euch
genommen habt, ja nicht kleiner. Wenn wir uns dafür also nur
irgendwie erkenntlich zeigen könnten, würden wir es ganz sicher
tun.«
Der alte Mann zögerte einen kurzen Augenblick.
»Würdet ihr dann vielleicht um meinetwillen noch einen Besucher
empfangen?«
Dubornos spürte, wie sich die Härchen in seinem
Nacken aufstellten. Seine Götter mochten ihn ja vielleicht
verlassen haben, aber er besaß noch immer die Fähigkeit, die
Gedanken anderer Menschen lesen zu können. Voller Panik rief er:
»Xenophon, nein! Jetzt nicht mehr. Habt Ihr denn überhaupt kein
Herz?«
»Ganz im Gegenteil«, antwortete ihm deutlich
vernehmbar jene Stimme, die er schon sein halbes Leben lang bloß
noch in der Erinnerung gehört hatte. »Er hofft inständig, dass es
nun noch zu einer tränenreichen Wiedervereinigung kommt. Das ist
eben der Fehler an den griechischen Ärzten; sie glauben, sie hätten
die Macht und das Recht, am Schicksal der Menschen
herumzudoktern.«
Die Zeit blieb stehen. In der Welt jenseits des
Fensters nahm gerade eine Taube ein Bad in einem Springbrunnen.
Wasser spritzte in kleinen Tröpfchen gegen die Außenmauer der
Zelle.
Ganz langsam wandte Caradoc sich um. Für vier
Personen war die Gefangenenzelle nun wirklich nicht gebaut.
Unmittelbar vor der Türschwelle stand Julius Valerius, Dekurio der
ersten Schwadron der Ersten Thrakischen Kavallerie und, nach
Scapula, der meistgehasste Offizier der gesamten britannischen
Invasionsarmee. Er trug die komplette Gardeuniform, sein Harnisch
so makellos poliert, dass er wie Fischschuppen glänzte, sein Umhang
von dem Schwarz der Thraker. Auch sein Schwert und der Gürtel waren
mit ihren eingravierten römischen Heldendarstellungen ganz im Stile
der Kavallerie gefertigt. Jeder, der ihn so sah, hätte ihn für
einen waschechten Römer gehalten. Einzig die kleine Tätowierung an
seiner Schulter, nach der Art der Vorfahren in Ochsenblutrot und
vor einem grauen Hintergrund gezeichnet, wies ihn als noch jemand
anderen aus; dies und der suchende dunkle Blick, das Abbild jener
Augen, die Caradoc und Dubornos einst neun Jahre lang tagtäglich
auf Mona gesehen hatten.
Plötzlich war in der kleinen Zelle zu wenig
Sauerstoff, oder auch zu viel; in jedem Fall aber brachte der Druck
die Lungen beinahe zum Platzen, und es war plötzlich geradezu
unmöglich, zu atmen, geschweige denn zu denken. Dubornos, der dies
alles bereits geahnt hatte, drückte Halt suchend die Hand gegen die
Wand und versuchte gar nicht erst, etwas zu erwidern. Caradoc aber,
der keine solche Warnung erhalten hatte, starrte Bán nur regungslos
an - völlig entgeistert und unfähig, seinen Blick abzuwenden.
Allein sein Wille, der schließlich schon ganze Armeen befehligt
hatte, hielt ihn jetzt noch davon ab, die Hände auszustrecken und
über das Gesicht des Mannes zu streichen, der ihm dort im Türrahmen
gegenüberstand. Doch selbst dieser Wille konnte nicht den Ausdruck
des Schocks aus seiner Stimme verbannen.
»Bán?«
»Bán von den Eceni, Bruder der Bodicea?« Der
dunkelhaarige Offizier schüttelte den Kopf. »Ganz sicher nicht. Ich
bin Julius Valerius, Dekurio der Ersten Thrakischen Kavallerie. Bán
ist schon vor langer Zeit und durch die Hand von Amminios, Bruder
von Caradoc, gestorben. Ich bin nicht Bán.«
Seine Verneinung schuf Tatsachen. Dachte man sich
die Rüstung weg, dann war er ganz der Sohn seiner Mutter; sein
Haar, die hohen Wangenknochen und der schmale Schnitt seines
Gesichts, seine langen, schlanken Finger und das Lächeln, das immer
erst ein wenig schief wirkte und einst so fröhlich erstrahlt war.
Alle diese Eigenschaften ließen ihn noch einmal zu jenem Kind
werden, das Caradoc und Dubornos früher einmal gekannt hatten -
doch rasch verzerrte sich das Bild des Jungen Bán wieder zu dem nun
vor ihnen stehenden Mann; jenem Mann, der ihnen so fremd war, als
wäre er ein vollkommen anderer Mensch. Und doch war er Bán.
Wenn die Wachen Cunomar und Cygfa niedergemetzelt
und ihm ihre Köpfe vor die Füße geschleudert hätten, so hätte
Caradoc sich wahrscheinlich besser im Griff gehabt, denn das
zumindest war etwas, das er noch einkalkuliert hatte. Jetzt aber
brachen die Würde und die vielen, sorgfältig aufgebauten Schichten
der Selbstkontrolle plötzlich auseinander, fielen von ihm ab. Sein
Blick wanderte von der im Türrahmen lehnenden Gestalt hinüber zu
Xenophon und wieder zurück. Nach dem dritten Mal heftete sich sein
Blick stattdessen auf Dubornos, und eine schlagartige Erkenntnis
erhellte Caradocs gerade eben noch so erschütterten Verstand. »Du
wusstest es«, sagte er. »Wie lange schon?«
»Seit unserer Gefangennahme bei der Hügelkette.
Zuerst war ich mir nicht sicher gewesen, aber dann hatte er mir
sein Messer geliehen, um Hail vom Leben zu erlösen - an das
Bittgebet an Briga konnte er sich nämlich nicht mehr erinnern. Und
wer sonst in der Welt hätte so etwas getan?«
Von der Tür her erwiderte ätzend die nur allzu
vertraute Stimme: »Du wusstest es schon vorher. Und zwar seit
unserem Aufeinandertreffen bei der Lachsfalle im Land der Eceni,
vor fünf Jahren. Damals hast du mich genauso erkannt wie ich
dich.«
»Nein. Ich wusste nur, dass du mich hasstest, aber
nicht, wer du warst oder warum du so empfunden hattest. Denn zu
viele Nächte hatte ich damit verbracht, über die Träumer zu wachen,
während diese verzweifelt versuchten, deine verlorene Seele
wiederzufinden und sie in die Obhut Brigas zu überführen. Außerdem
erwartet man gewiss nicht, genau diese Seele dann quicklebendig in
den Wirren einer Schlacht und auf der Seite des Feindes kämpfen zu
sehen.« Fast zwei Monate lang hatte Dubornos nun schon mit diesem
Wissen gelebt, wollte es eigentlich auch bloß rasch wieder
vergessen. Jetzt aber, wo er mit der unleugbaren Realität
konfrontiert wurde, raubte ihm die Wucht der Erkenntnis geradezu
die Worte. »Denn wenn ich dich erkannt hätte, dann hätte ich nicht
eher geruht, als bis ich dich getötet hätte, meinst du nicht auch?
Denn wir hassten dich und dachten, du wärst ein Römer durch und
durch. Und was meinst du, um wie viel mehr wir dich noch
verabscheut hätten, wenn wir das ganze Ausmaß deines Verrats
gekannt hätten?«
»Ja, um wie viel mehr wohl?« Die schwarzen Augen
schienen Dubornos zu verhöhnen. »Ich bin enttäuscht. Ich hatte
wirklich geglaubt, dass du wusstest, wer ich bin. All die Jahre der
Rache - vergeudet.«
Unfähig, darauf noch irgendetwas zu erwidern,
zischte Dubornos nur durch die Zähne. Das aber riss Caradoc aus
seinen Gedanken, und nun ergriff er wieder das Wort: »Warum hast du
es mir nicht gesagt?«, fragte er Dubornos.
»Welchen Sinn hätte das denn gehabt? Würdest du
deinem Tod gelassener ins Auge sehen, wenn du gewusst hättest, dass
Breacas verlorener Bruder Amminios’ Angriff überlebt hatte und
zurückgekehrt war, um sein eigenes Volk abzuschlachten? Würde es
Cunomar das Leben erleichtern, wenn er wüsste, dass es sein eigener
Onkel war, der ihn versklavt hat? Seit der Junge alt genug war, um
beim Feuer den Geschichten unseres Stammes zu lauschen, hat er das
Andenken an Bán Hasenjäger, Hails Retter, doch geradezu verehrt. Es
hätte ihm nicht gut getan, zu erfahren, dass die großen Taten der
Vergangenheit von den Verleumdungen der Gegenwart ausgelöscht
wurden.«
Dubornos hatte versucht, Bán mit seinen Worten zu
verletzen - erkannte nun aber, wie sinnlos dieser Versuch gewesen
war. Valerius lehnte noch immer lächelnd im Türrahmen, von
Dubornos’ Worten völlig unberührt, unberührbar überhaupt.
Caradoc ging nun etwas direkter vor. Bis zu diesem
Zeitpunkt hatten sie aus Höflichkeit gegenüber Xenophon noch Latein
gesprochen. Nun aber wechselte er ins Eceni, und die Tatsache, dass
er der Älteste unter ihnen dreien war, verlieh seinen Worten noch
zusätzliches Gewicht: »Bán, Sohn von Macha, Bruder von Breaca. Um
des Jungen willen, der du einmal warst, um deinet- und um deiner
Schwester willen hätte ich gern mein Leben für dich gegeben. Für
das Böse aber, zu dem du geworden bist, würde ich dich auf der
Stelle töten, wenn meine Kinder nicht die Geiseln deines Kaisers
wären.«
»Zweifellos würdest du das tun.« Der Mann, der
einmal Bán gewesen war, sprach ganz bewusst weiterhin Latein. »Und
genau das ist auch der Grund, warum deine Kinder bei der Hügelkette
jenseits des Flusses - dem Ort des jüngsten des ehrenvollen
militärischen Sieges unseres Statthalters - eben nicht gestorben
sind. Schließlich gibt es noch mehr Wege, einen Mann zu besiegen,
als ihn einfach nur in einer Schlacht zu töten.«
Dies jedoch war eine Demütigung, die Caradoc sich
im Geiste selbst schon so oft vorgeworfen hatte, dass ihre Klinge
mittlerweile stumpf geworden war. Tonlos entgegnete er: »Aber
Scapula ist tot.«
»Auch das weiß ich. Ich selbst habe Narcissus die
Nachricht von Scapulas Tod überbracht. Und ich werde ihm bestimmt
bald nachfolgen. Nun, da die Träumer ihr Zeichen haben, werden sie
sicherlich nicht mehr lange brauchen, bis sie auch noch uns andere
aufgespürt haben.« Valerius lächelte wölfisch. »Trotzdem - es ist
ein beruhigendes Gefühl, sich vorzustellen, dass du die Reise noch
vor mir antreten wirst. Ich wäre nur höchst ungern mit dem
Bewusstsein gestorben, dass Amminios’ Lieblingsbruder noch am Leben
wäre.«
Dubornos lachte bitter. »Bist du völlig verrückt?
Niemand kann ernsthaft der Ansicht sein, dass Caradoc Amminios’
Liebling gewesen wäre. Die beiden haben sich gehasst, und jeder
weiß das. Schließlich war Amminios es, der uns alle an Rom verraten
hatte. Und Caradoc und deine Schwester hatten beide geschworen, ihn
zu töten, sobald sie ihn auch nur zu Gesicht bekommen würden. Wenn
Amminios also jemals den Mut gehabt hätte, in die Festung seines
Vaters zurückzukehren, wäre er noch am gleichen Tage
gestorben.«
»Aber Bán glaubt etwas anderes, nicht wahr?«
Caradoc hatte sich mittlerweile wieder unter Kontrolle. Er ließ
sich wieder auf die Pritsche sinken. Forschend wanderte sein Blick
über das Gesicht des anderen Mannes, nahm begierig alle Details in
sich auf - diejenigen, die sich an ihm verändert hatten, und
diejenigen, die noch immer an Bán erinnerten. »Das letzte Mal
hatten wir uns gesehen«, fuhr er nun vorsichtiger fort, »als du
meinen Bruder bei einer Partie des Kriegertanzes besiegt hattest;
ihr hattet damals so lang und so hart gekämpft wie in einer echten
Schlacht. Danach hatte ich dir versprochen, während deiner langen
Nächte der Einsamkeit über dich zu wachen und für dich vor dem
Ältestenrat zu sprechen. Von deinem angeblichen Tod und den näheren
Umständen habe ich erst erfahren, als ich in der Erfüllung meines
Schwures wieder in das Land der Eceni zurückgekehrt war - wir
hatten wirklich geglaubt, du wärst tot, das schwöre ich bei allen
Göttern, die uns noch gemeinsam sind. Und nichts an alledem gibt
dir das Recht zu glauben, dass ich für Amminios auch nur die
geringste Zuneigung gehegt hätte. Du wusstest genau, wie
abgrundtief wir uns hassten.«
»Und dennoch hast du meine Schwester betrogen,
meinen Vater - uns alle -, und bist einfach abgehauen und nach
Gallien gesegelt.« Jetzt dachte er wieder wie das Kind Bán, das war
für alle klar zu erkennen. Beinahe war Valerius also wieder zu dem
Jungen geworden, den sie einst gekannt hatten; einzig seine Augen
blieben die eines Erwachsenen, und sein Blick war
undurchdringlich.
»Nein!« Caradoc war aufgestanden, den Kopf hoch
erhoben, und er hielt seine Wut nun nicht mehr länger zurück. Mit
leiser, doch eindringlicher Stimme sagte er: »Was auch immer
Amminios dir erzählt haben mag, was auch immer du zu glauben
beschlossen hast, du kannst unmöglich der Ansicht sein, dass ich
Breaca hintergangen hätte. Das erlaube ich einfach nicht. Deine
Schwester ist mein Ein und Alles, ist für mich die Sonne, die des
Morgens aufgeht. Das war sie schon von unserer ersten Begegnung an,
und das wird sie auch immer bleiben, bis ich sterbe und sogar noch
darüber hinaus. Genauso wenig, wie ich die Kehle unserer
neugeborenen Tochter durchschneiden könnte, genauso wenig würde ich
Breaca hintergehen. Und wenn Amminios dir etwas anderes erzählt
hat, dann hat er dich schlichtweg angelogen - um dir
wehzutun.«
»Vielleicht aber hat er - von mir aus tatsächlich
mit der Absicht, mich zu verletzen - auch die Wahrheit gesagt?«
Valerius’ Lippen verzogen sich verächtlich. »Die Söhne des
Cunobelin waren schon immer berühmt für ihre flinke Zunge. Da
kannst du dich von mir aus winden, so viel du willst, um noch den
letzten Rest deiner Würde zu retten, aber ich habe selbst gehört,
wie dein Bruder genau darüber mit seinem Verwalter sprach - und das
in einem Augenblick, als er überhaupt nicht wissen konnte, dass ich
ihn belauschte. Er hatte also gar keinen Grund gehabt, zu lügen. Du
dagegen hast so viele Gründe, dass man sie schon gar nicht mehr
zählen kann. In dieser Angelegenheit ziehe ich es also vor, lieber
den Toten als den fast Toten Glauben zu schenken.«
»Du glaubst eher Amminios als mir?«
»Ja.«
Báns Stimme war von absoluter Gewissheit erfüllt.
Allein in seinen Augen zeigte sich nun eine erste Andeutung von
Zweifel.
Dubornos trat einen Schritt auf Bán zu. »Bán, du
kannst doch unmöglich glauben...«
»Aber er muss es doch glauben, er kann gar nicht
anders«, unterbrach Caradoc ihn. »Sein ganzes Leben hängt davon ab,
nicht wahr, Valerius?« Caradoc sprach auf Eceni, und hart hob sich
Báns lateinischer Name aus dem weichen Fluss der Eceni-Silben
heraus. »Was für Lügen hat dir Amminios damals denn sonst noch
erzählt? Hatte er dir eingeredet, dass deine gesamte Familie tot
sei und dass es kein Zuhause mehr für dich gäbe, zu dem du
zurückkehren könntest? Vielleicht sogar, dass man dich für die
Niederlage im Reiherfuß-Tal verantwortlich machen würde? Er konnte
so gut lügen, mein Bruder. Ich weiß das. Ich bin schließlich im
Schatten seiner Doppelzüngigkeit aufgewachsen. Und um dem zu
entfliehen, bin ich bereits mit zwölf Jahren zur See gefahren. Du
aber hattest nichts, wohin du fliehen konntest, ist es nicht so?
Amminios hatte dir alle Rückwege bereits versperrt. Was also
hättest du getan, wenn du gewusst hättest, dass Breaca die Schlacht
überlebt hatte? Wärst du nach Hause gekommen, um sie zu suchen, um
an ihrer Seite gegen die Eroberung durch Claudius’ Truppen zu
kämpfen? Wärst du vielleicht sogar bereit gewesen, für Breaca zu
sterben?«
Caradoc sprach augenscheinlich nur noch zu einem
Geist. Kalkweiß im Gesicht, seine Augen wie dunkle Höhlen in einem
Totenschädel, stand Bán noch immer reglos und wie erstarrt im
Türrahmen. Er schluckte und öffnete den Mund, doch es kam kein Laut
über seine Lippen.
»Und wenn du jetzt die Wahl hättest«, fuhr Caradoc
fort, »würdest du dann immer noch...«
Dubornos legte Caradoc eine Hand auf die Schulter.
»Genug. Hör auf. Er weiß es. Und wenn du jetzt noch weiter in ihn
eindringst, macht das alles nur noch schlimmer.«
Bán - Valerius - brachte nun zumindest ein raues
Lachen zustande. »Schlimmer? Es gibt überhaupt nichts, was du sagen
könntest, das alles nur noch schlimmer machen würde. Du lügst doch
- jedes Wort eine einzige Lüge und vollkommen wertlos. Es wäre
bestimmt ganz amüsant, noch weiter mit dir zu plaudern, aber der
Kaiser hat andere Pläne. Die Massen müssen unterhalten werden, und
die Hinrichtung anderer Menschen empfinden sie nun mal als höchst
kurzweilig. Euer Todeskampf wird also schon sehr bald beginnen. Und
irgendwann wird er schließlich vorbei sein. Ich aber werde
fortfahren, meinem Kaiser und meinem Gott zu dienen, so gut ich nur
irgend kann. Bis eure verfluchten Träumer...«
»Halt!« Mühelos konnte Caradoc noch immer anderen
Menschen Befehle erteilen. Bán, einst Mitglied des Stammes der
Eceni, hielt mitten im Satz inne, sein Mund weit geöffnet. Dann
blitzte Zorn in seinen Augen auf, erlosch aber sogleich wieder, als
Caradoc sagte: »Hör mir bitte zu...«
Auch Dubornos hörte Caradoc zu - vernahm jedoch
auch noch etwas anderes. Unbemerkt war die Zeit vorangeschritten,
und die Sonne strahlte nun über die enge Begrenzung ihres
Zellenfensters hinaus. Im Gleichschritt marschierte draußen eine
halbe Zenturie den Hügel Richtung Palast hinauf. Ein Karrenrad
schrie quietschend nach Öl, um wenig später am Ende des Korridors,
der zu ihrer Zelle führte, anzuhalten.
Die Angst, die sie doch so lange hatten in Schach
halten können, kehrte jetzt schlagartig wieder zurück. Dubornos
schwankte leicht, von einem plötzlichen Schwindelgefühl
überwältigt. Für einen kurzen Augenblick blickte Bán ihn noch an,
dann wandte er sich zu Xenophon um, der sich zwischenzeitlich ans
andere Ende der Zelle zurückgezogen hatte.
»Xenophon, du solltest hier besser nicht gesehen
werden.«
»Aber du schon?«
»Ja, natürlich. Vergib mir, ich habe mich ablenken
lassen von dem unterhaltsamen Geplauder unserer Gefangenen. Aber
ich soll die Gefangenen während der Prozession beaufsichtigen und
sie bis zum Tribunal begleiten. Claudius hat das so befohlen. Er
braucht einen Mann, der sowohl Lateinisch als auch Eceni spricht,
um die Abschlussansprache zu übersetzen.«
Mehr als die Hälfte ihres Gesprächs hatten sie in
fehlerfreiem Latein geführt, so dass Caradoc nun einwandte: »Wir
brauchen keinen Übersetzer. Und das weiß Claudius auch.«
»Mag sein, ich werde aber trotzdem übersetzen. Der
Kaiser wünscht, dass seine besiegten Barbaren wie echte
unzivilisierte Wilde wirken. Man kann schließlich schlecht einen
Mann hinrichten lassen, der besser Latein spricht als der halbe
Senat.«