XXII

Die Sonne ging langsamer auf als jemals zuvor. Schon unzählige Male hatte Dubornos erlebt, wie der Morgen vor einer Schlacht immer besonders schleichend verging und die Zeit sich augenscheinlich den trägen Schlägen des Herzens anglich. Noch niemals aber hatte er das Gefühl gehabt, dass die Zeit vollkommen still zu stehen schien. Schulter an Schulter mit Caradoc und den Rücken gegen die Wand gelehnt, hockte Dubornos auf der Pritsche gegenüber dem Fenster. Der schmale Platz war eigentlich nur für einen Mann bestimmt, sie aber mussten ihn sich teilen, denn beide wollten noch einmal durch das hohe, vergitterte Fenster dieser ihnen neu zugewiesenen Zelle blicken. Beide wollten noch einmal das sich langsam vortastende Licht des heraufziehenden Tages sehen. Es war ihr Wunsch gewesen, noch einen allerletzten Sonnenaufgang zu erleben, und unter der Vorgabe des Kaisers, Caradoc und Dubornos in größtmöglicher Beengtheit einzusperren, hatte sich eben nur diese winzige Zelle organisieren lassen.
Die zu Caradocs und Dubornos’ Bewachung abgestellten Soldaten hatten sich, als Geste der Höflichkeit, zurückgezogen. Die Gefangenen hielten sich schließlich auch ohne sie an die allgemeine Ordnung, denn Cwmfen und die Kinder waren nicht nur die Garanten für Claudius’ Leben sondern auch für Caradocs Tod. Denn so lautete die Vereinbarung, die Caradoc und Claudius, sozusagen von Krieger zu Krieger, getroffen hatten. Caradoc sollte in einem auf Griechisch geschriebenen Brief an Maroc auf Mona um das Leben des Kaisers bitten und zugleich schwören, dass er nichts unternehmen würde, was seinen eigenen langsamen und öffentlichen Tod verhindern könnte. Dafür sollten seine Frau und die beiden Kinder am Leben bleiben.
Auch Dubornos hatte keinen Zweifel an der Rolle, die ihm in dieser Übereinkunft zukam: Er war quasi das Zubehör, sein Tod das schmückende Beiwerk zu dem ihnen nun unmittelbar bevorstehenden Hauptereignis. Doch er lebte bereits in einer Sphäre jenseits aller Angst, war wie betäubt und fühlte sich ganz leicht - wie ein Schneckenhaus, das man seiner Schnecke beraubt hatte und das nun nur noch eine leere, empfindungslose Hülle war. An diesem letzten Morgen also war es nicht das Opium, das Dubornos Ruhe schenkte, sondern allein die Zeit. Ohnehin hatte der maßvolle Einsatz des Opiums in den vergangenen fünfzehn Tagen wohl die stechenden Schmerzen seines gebrochenen Schlüsselbeins und seiner zertrümmerten linken Hand gedämpft - beide Verletzungen waren ihm von Narcissus’ Folterknechten zugefügt worden -, zu keinem Zeitpunkt aber hatte es ihm die Angst nehmen können, geschweige denn ihm innere Ruhe geschenkt.
Die heraufziehende Dämmerung hatte vermocht, was nichts anderes zuvor hatte bewirken können. Je näher der heutige Tag gekommen war, für den die Prozession des Kaisers und der Tod seiner beiden berühmtesten Gefangenen geplant waren, umso größer war Dubornos’ Furcht geworden. Bis sie schließlich ihren Höhepunkt erreicht hatte, so unermesslich riesig geworden war, dass Dubornos bereits glaubte, allein die Angst vor der Hinrichtung würde ihn schon töten - ähnlich wie die kleine Spitzmaus, die zum Spielzeug eines jungen Welpen geworden war und noch während des Spiels dem Herztod erlag. Dann aber hatte er sich plötzlich über alle Angst erhoben, hatte sie einfach hinter sich gelassen.
Entsetzlich träge kroch nun die Zeit voran. Das Fenster war so hoch oben in das Mauerwerk eingelassen worden, dass Caradoc und Dubornos den Horizont ohnehin nicht richtig erkennen konnten, geschweige denn die ersten Strahlen des Sonnenaufgangs. Das kleine schwarze Quadrat hingegen, das für sie zuvor noch die Nacht symbolisiert hatte, verblasste langsam zu Grau und ging dann in ein kühles Blau über, überzogen mit zarten, fleischfarbenen Wölkchen. Ganz in der Nähe weckte der heraufziehende Tag einen Taubenschlag, und gurrend erhoben sich sowohl die Jungvögel als auch deren Eltern.
Morgen um diese Zeit, oder vielleicht auch erst übermorgen, wird alles vorbei sein. Die Tauben werden dann noch immer gurren, so wie sie es jeden Morgen tun. Wir aber werden bereits Vergangenheit sein.
Ganz nüchtern breitete sich dieser Gedanke in Dubornos’ Kopf aus. Es war nurmehr eine simple Tatsache, wie viele andere auch, und fiel verglichen mit dem Verlust seiner Seele ohnehin kaum noch ins Gewicht. Müde ließ Dubornos seinen Kopf gegen die Wand zurücksinken, schloss die Augen und suchte in seinem Herzen noch einmal nach Briga, der Mutter des Lebens und des Todes; rief nach ihrer Tochter Nemain, der Mondgöttin, die in der Nacht ihr Licht durch das Fenster sickern ließ und die eisernen Gitterstäbe gnädig in satiniertes Silber verwandelt hatte. Aber Dubornos erhielt keine Antwort. Also schrie er im Geiste ein letztes Mal die Namen Belins, des Sonnengottes, und Manannans, des Herrschers über die Wellen der Meere - schließlich waren diese beiden männlichen Geschlechts und mochten sich darum vielleicht etwas leichter auf römischem Grund und Boden einfinden als die beiden Göttinnen. Aber auch Belin und Manannan blieben ihm fern.
Dubornos erinnerte sich wieder an die Geister der niedergemetzelten römischen Legionssoldaten und wie diese einsam und verlassen über das Schlachtfeld bei der Lahmen Hirschkuh gewandert waren; erinnerte sich daran, wie diese in einem fremden Land nach fremden Göttern gesucht hatten und schließlich hatten erkennen müssen, dass sie auf immer verloren waren. Damals hatte Dubornos noch gedacht, dass diese Männer in ihrem Leben einfach nur zu nachlässig und nicht ernsthaft genug gebetet hatten, so dass ihnen die wahre Verbundenheit gefehlt hatte, die sich nun einmal erst aus einem Leben im Angesicht der Götter ergab. Nun aber urteilte Dubornos anders - und fügte der im Geiste verfassten Liste seiner Verfehlungen noch den Hochmut hinzu.
Auf dem Fenstersims ließ sich eine Taube mit grauen Schwingen nieder, pickte ein wenig an dem rissigen Mörtel, der die Eisenstangen umschloss, und flatterte anschließend wieder davon. Dubornos spürte, wie Caradoc sich leicht bewegte, und wagte es, nun das Schweigen zu brechen.
»Spürst du die Gegenwart der Götter?«, fragte er.
Für einen Augenblick dachte Dubornos schon, dass Caradoc ihn nicht gehört hätte, denn dieser verharrte regungslos in der derselben Haltung wie schon die ganze Nacht über: mit angezogenen Beinen, den Ellenbogen seines unversehrten Armes auf die Knie gestützt, während das Kinn auf dem Handrücken ruhte. Dubornos spürte, wie sich Caradocs Brustkorb in ruhigen Atemzügen hob und senkte, seine Gemütsverfassung jedoch konnte er nicht erraten.
Der kleine helle Lichtfleck an der Wand wurde immer strahlender. Draußen vor den Haupttoren des Palasts fand gerade der Wachwechsel statt. Waffengeklirr war zu hören, und laut wurde die Parole der Nachtwache genannt: Britannicus, der Name des Kaisers und seines einzigen legitimen Sohnes, endgültiger Beweis der Machtübernahme über Britannien.
In etwas weiterer Entfernung hörte man Roms Frühaufsteher, oder vielleicht auch die letzten der sich nach Hause schleppenden Trunkenbolde, wie sie einander noch etwas über die Straße hinweg zuriefen. Dann grölten einige Männer Obszönitäten, ihr Opfer stumm und unerkannt, und kurz darauf lachte eine Frau laut auf, aber nur ein einzelner Mann antwortete ihr. Schließlich schlug ein Hund an und mit ihm noch ein Dutzend anderer, doch alle mit deutlich höher tönendem Gekläffe als die Hunde der britannischen Stämme. Die Schatten, die von der einsamen Lampe in der Zelle ausgingen, wurden immer blasser.
Caradoc hatte die ganze Nacht über nicht geschlafen. Nun hob er das Kinn, reckte sich vorsichtig, wobei er sorgsam darauf achtete, nicht seine verletzte Schulter zu belasten, und ließ am Ende jedes Einzelne seiner Gelenke einmal laut knacken. Dann rückte er auf der Pritsche ein wenig zur Seite, sowohl um Dubornos besser sehen zu können, als auch, um selbst besser gesehen zu werden. Hart streifte das Licht des neuen Tages über sein Gesicht, betonte die aschgraue Blässe seiner Haut, Zeugnis des Hungers und der Erschöpfung. Die Nacht war freundlicher zu ihm gewesen. Allein seine Augen brannten noch so klar wie immer. Überhaupt war es ganz unmöglich, sich Caradocs Augen ohne den Glanz des Lebens vorzustellen.
»Breaca wird den Krieg weiterführen«, hob Dubornos abermals an. »Die Träumer Monas stehen geschlossen hinter ihr, und hinter den Träumern stehen die Götter. Das ist alles, worum es jetzt noch geht.« Nun, am Ende, konnte er Breacas Namen wieder ganz normal aussprechen, ohne sich oder Caradoc damit zu quälen.
Als er ihren Namen hörte, musste Caradoc plötzlich lächeln. »Ich weiß. Aber noch hat uns das Leben ja nicht verlassen.« Dann wandte er sein Gesicht wieder dem Fenster zu. Das farblose Licht ließ sein Haar zu dem Weiß des hohen Alters erbleichen. Nun, im Profil, wirkte Caradoc auch nicht mehr erschöpft, sondern eher asketisch. Die Risse in seiner Tunika waren geflickt worden, und an seiner Schulter schimmerte noch immer die Schlangenspeerbrosche, das Sinnbild des Widerstands über den Tod hinaus. »Fürchtest du dich vor dem heutigen Tag?«, fragte er.
»Nein. Nicht mehr.«
»Dann wurde uns alles geschenkt, worum ein Mensch überhaupt bitten kann. Wir durften uns ganz bewusst auf unseren Tod vorbereiten und werden an der Art und Weise, wie wir ihm gegenübertreten, ein letztes Mal gemessen. Der Rest ist unwichtig. Später, wenn alles vorüber ist, werden die Götter kommen und uns holen.«
»Bist du dir da so sicher? Die Geister der römischen Soldaten nämlich wandern noch immer allein und ohne ihre Götter durch unser Land. Warum also sollte es uns in ihrem Lande nicht genauso ergehen?«
Von der Tür her antwortete plötzlich eine trockene Stimme: »Weil sie niemanden hatten, der auf sie wartete und ihre Seelen wieder in die Obhut ihrer Götter überführte. Eure Träumer dagegen werden wissen, wie sie eure Seelen zu führen haben und wann der Zeitpunkt dafür gekommen ist. Das ist eine Gabe, die in Rom zum Großteil in Vergessenheit geraten ist. Hier ehrt man die Götter für ihre Fähigkeit, den Lebenden zu Macht und Reichtum zu verhelfen, nicht aber für ihre Sorge um die Toten.«
»Xenophon.« Hocherfreut und genauso galant, wie er sich erhoben hätte, wenn Maroc oder Airmid eingetreten wären, stand Caradoc auf, um Xenophon zu begrüßen. »Ich hatte nicht erwartet, Euch noch einmal zu sehen. Denn Eure Arbeit hier ist doch getan, nicht wahr? Schließlich leben wir noch, sind nicht an Blutvergiftung oder an gebrochenen Knochen gestorben - und werden auch so lange bei bester Gesundheit bleiben, bis der Kaiser es sich anders überlegt. Und dann, so fürchte ich, wäre Euer Eingreifen ohnehin nicht mehr klug, geschweige denn von Erfolg gekrönt - egal, wie berühmt die Lehrer auf Kos auch sein mögen.«
Ganz beiläufig hatte Caradoc diese Bemerkung klingen lassen, Xenophon aber blieb ernst. Der Leibarzt des Kaisers war kein Mann für Trivialitäten. Mit langen, knochigen Fingern strich er seinen Nasenrücken entlang. »Auf Kos werden viele Dinge gelehrt«, entgegnete er. »Und nicht alle beschäftigen sich damit, Leben zu retten.«
Nun trat Xenophon über die Türschwelle und in den Raum hinein, ließ die schmale Zelle damit noch kleiner erscheinen. In diesen letzten vierzehn Tagen hatten Dubornos und Caradoc Xenophon gut kennen gelernt. Seit der Audienz beim Kaiser waren sie schließlich seine Hauptaufgabe gewesen; nach Claudius, Britannicus und der Kaiserin Agrippina, natürlich. Xenophon hatte sie mit Opium und Aufgüssen aus Blättern und Rinden versorgt, und obwohl die gebrochenen Knochen und ausgekugelten Gelenke noch nicht wieder ganz zusammenwachsen konnten, waren doch zumindest die sie umgebenden Blutergüsse zurückgegangen und die Haut wieder geheilt. Caradoc und Dubornos hatten den Anblick dieser schmalen, leicht gebeugten Gestalt im Türrahmen mit der Zeit schätzen gelernt, und dies sowohl wegen der Medikamente, die er ihnen brachte, als auch wegen seiner Gesellschaft und seines scharfen Verstandes. Zudem hatte Xenophon Anordnungen gegeben, die es ihnen erlaubten, die Bäder zu benutzen, und er hatte ihnen saubere Kleidung zukommen lassen. Als ein Unteroffizier der berittenen Garde besonders gegen Letzteres Einspruch einlegen wollte, hatte Xenophon nüchtern, aber mit dem ganzen Gewicht seiner zwanzigjährigen Erfahrung entgegnet: »Einen Mann, der vorher schon an Blutvergiftung gestorben ist, kann man nicht mehr kreuzigen. Oder möchtest du seinen Platz in der Prozession einnehmen?« Danach hatte es keine weiteren Einwände mehr gegeben.
Xenophon hatte die Gefangenen so häufig besucht, dass die Soldaten der Gardekavalleriebrigade ihn schließlich kaum noch wahrnahmen. Wenn sie ihn an diesem Morgen also überhaupt durchsucht hatten, dann offenbar mit geschlossenen Augen. Denn er trug zwei kleine Flaschen bei sich, in jeder Hand eine, und von seinem Gürtel baumelte ein kleiner, prall gefüllter Beutel herab. Xenophon lehnte die Flaschen an die Pritsche und setzte sich zu Caradoc und Dubornos.
»Die Heilkunst beschäftigt sich nicht nur damit, Leben zu retten. Jeder Arzt weiß, dass es Augenblicke gibt, in denen es besser ist, die Seele möglichst kampflos aus dem Körper entweichen zu lassen. Um die Riten dieser letzten Reise zu lernen, fahren wir von Kos, sofern wir die Möglichkeit dazu haben, nach Mona oder nehmen Unterricht bei jenen, die dort gelernt haben. Ich habe damals zu Füßen von Träumern gesessen, die älter waren als alle anderen, die heute leben; und dabei habe ich gerade genug gelernt, um zu wissen, dass ich noch ein zweites Leben bräuchte, um all das zu verinnerlichen, was sie mir bereits voraus haben.« Xenophon drückte mit den Fingerspitzen gegen seine Nasenwurzel. »Mein Gedächtnis ist nicht mehr das, was es einmal war, und viel von dem einst Gelernten ist wieder verloren gegangen, aber ich erinnere mich noch an genug, um Euch, wenn die Zeit gekommen ist, frei von allen irdischen Fesseln über den Fluss zwischen den Lebenden und dem Totenreich zu schicken. Doch davor müssen wir uns noch einmal mit den Gepflogenheiten hier in Rom beschäftigen. Was sich heute ereignen wird, ist nämlich keine ungewöhnliche Angelegenheit. Es gibt so viele verschiedene Arten zu sterben, wie es Männer gibt, um Nägel in menschliches Fleisch zu schlagen. Aber manche Arten sind schneller als andere.«
Xenophon blickte hinauf zu dem kleinen Zellenfenster und runzelte die Stirn. Über das Kopfsteinpflaster draußen vor der Zelle hallten schwere Schritte, die sich nach einem Mann anhörten - einem Mann, der auf einem Bein leicht hinkte. Erst als sie verhallt waren, fuhr Xenophon fort: »Ich habe mit dem Zenturio der Prätorianer gesprochen, demjenigen, der die Befehlsgewalt über die... notwendigen Einzelheiten hat. Er hatte in der Invasionssschlacht gegen euch gekämpft und danach in Camulodunum gedient. Er ist Soldat und respektiert als solcher seine Feinde. Zwar darf er nicht gegen Claudius’ Befehle verstoßen, dennoch steht ihm ein gewisser Ermessensspielraum zu, wie diese Befehle dann im Einzelnen ausgeführt werden. Ihr werdet also nicht nackt sein, sondern in die komplette barbarische Kampfuniform gekleidet - oder zumindest in das, was Rom darunter versteht. Ich würde euch raten, dies nicht abzulehnen. Möglicherweise ähnelt das zwar noch nicht einmal im Geringsten Eurer tatsächlichen Kampfkleidung, aber ich bezweifle, dass sie Euch erlauben werden, eine Eurer eroberten Kavallerierüstungen zu tragen. Doch wie auch immer, es ist einzig das Gewicht, das zählt. Je schwerer Ihr seid, desto schneller der Tod.«
Xenophon war Arzt, darum konnte er diese Dinge ganz ohne Verbitterung oder aufgesetzte Empfindsamkeit sagen; nach den Worten aus seinem Munde zu urteilen, schienen die zwei Tage des schleichenden Todes nur noch eine Frage der richtigen Planung.
In diesem Sinne entgegnete Dubornos: »Wenn wir so schwer sind, dann reißen die Nägel raus.«
»Das wäre dann allerdings das erste Mal, und die Prätorianer haben in diesen Dingen mehr Erfahrung, als sich auch nur irgendeiner von uns vorstellen mag. Als Unterlegscheiben, also um das Gewicht besser zu verteilen, benutzen sie quadratische Stücke aus Pinienholz und schlagen die Nägel erst dann zwischen die Knochen des Unterarms. Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass sie halten werden.«
»Aber je schneller der Tod eintritt, desto größer der Schmerz.«
»Nein. Das heißt, eigentlich ja - aber darum habe ich Euch ja auch dies hier mitgebracht …«
Der kleine Beutel, den er nun von seinem Gürtel abnahm, war aus altem, von Wind und Wetter gegerbtem Rehleder und wurde mit einer schmalen Zugschnur aus geflochtenem, tiefrot gefärbtem Leinen verschlossen. Über diesen Beutel liefen gestelzt wirkende, von der Seite dargestellte Figuren, die mit blauer und gelber Tinte aufgemalt waren. Einige konnte man als Menschen erkennen, die meisten jedoch nicht. »Alexandrinisch«, erklärte Xenophon und zwängte mit einem geübten Ruck die Beutelöffnung auf, ganz so, wie er es vermutlich auch mit dem Mund eines Patienten tun würde. »Auch die Pharaonen wussten, was es bedeutete, den Weg nach Hause aus den Augen zu verlieren - und ihn in vollkommener Dunkelheit wiederfinden zu müssen.« Er zog zwei zusammengerollte Weinblätter hervor, beide mit dem gleichen roten Leinenband zusammengebunden wie der Beutel. Auseinander gewickelt enthielten die Blätter ein fein gemahlenes Pulver, und zwar ungefähr so viel, wie in eine hohle Hand passen würde.
Vorsichtig hielt er eines der Weinblätter in der ausgestreckten Hand, weit entfernt von dem Sog seines Atems. »Jedes dieser Blätter enthält eine Mischung aus Belladonna, Opium und Eisenhut. Das eine schwächt das Herz, das andere betäubt, wie Ihr wisst, die Schmerzen des Körpers und den Verstand, und das dritte erzeugt eine langsam einsetzende Lähmung der Beine. Wenn Eure Beine Euer Gewicht nicht mehr tragen können, dann wird der Zug an Euren Armen und an Eurem Herzen umso größer, und dann tritt, mithilfe der Belladonna, der Tod wesentlich schneller ein. Das Opium, richtig dosiert, löst die Seele und trägt sie aus dem Körper hinaus. Keiner dieser Stoffe ist in ausreichender Menge vorhanden, um den sofortigen Tod zu bewirken - das kann ich nicht verantworten, es sei denn, ich hegte den Wunsch, Euch beim Sterben Gesellschaft zu leisten. Aber so weit geht meine Verehrung für Euren Geist und Euer Herz dann allerdings doch nicht. Dennoch, die Dosierung ist so hoch, wie ich es irgend verantworten kann. Das Opium wird seine Wirkung schon recht schnell entfalten, die anderen Ingredienzien erst langsamer. Bei Einbruch der Nacht aber werdet Ihr bereits bei Euren Göttern weilen, das kann ich Euch garantieren.«
Es war ein Geschenk von unschätzbarem Wert - das sie aber nicht guten Gewissens annehmen konnten. Dubornos spürte, wie sein Mund plötzlich trocken wurde. »Xenophon, das ist zu viel. Schon für Eure Fürsorge um uns während der letzten vierzehn Tage stehen wir in Eurer Schuld. Aber Ihr dürft Euch nicht selbst in Gefahr bringen.«
Der alte Mann legte seine Schätze auf der Pritsche ab, lehnte sich gegen die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. »Schon mit meiner bloßen Anwesenheit hier habe ich mich in Gefahr gebracht. Aber wenn Ihr das hier schluckt, ehe sie Euch holen kommen, und wenn Ihr die leeren Weinblätter unter der Liege versteckt, gut verborgen vor den Augen der Wachen, dann sollte sich das Risiko nicht wesentlich vergrößern. Nehmt es mit meinem Segen. In den Flaschen ist batavisches Bier, und man hat mir versichert, dass das genau nach barbarischem Geschmack sei. Wenn Ihr also das eine mit dem anderen vermischt, dann schmeckt das auch nicht schlechter, als wenn Ihr das Bier allein trinkt.«
Xenophon presste die Lippen aufeinander und hatte die Augen zu Schlitzen verengt, so als ob er in die Sonne blicken würde. Bei einem weniger distinguierten Mann hätte man vielleicht denken können, dass er weinte.
Dubornos nahm die ihm angebotene Flasche entgegen. »Danke«, sagte er, »in diesem Fall nehmen wir das Geschenk an.« Dann wandte er sich mit leichtem Herzen jenem Mann zu, den er mittlerweile mehr schätzte und bewunderte als jeden anderen. »Caradoc?«
Caradoc hatte sich wieder auf der Pritsche niedergelassen. Das immer heller durch das Fenster hereinströmende Licht ließ sein Haar wie gesponnenes Gold erstrahlen. Seine Miene war vollkommen unbewegt, sein Gesicht wie aus Marmor gemeißelt und kreideweiß. Er starrte auf das entrollte Weinblatt, so wie ein Mann vielleicht eine Giftschlange anstarren würde, die jederzeit zuschlagen konnte, und seine flache Atmung verriet den Kampf in seinem Inneren. Schließlich hob er den Blick von der Hand voll Pulver und wandte sich Xenophon zu: »Kann man das Opium aus der Mischung herausnehmen?«
»Kaum. Ich habe die Zutaten eigenhändig gemahlen und miteinander vermischt. Selbst die Diener des Schakalgottes Anubis - und diese können sogar die einzelnen Sandsorten der Wüste voneinander unterscheiden - vermöchten das nun nicht mehr.«
»Dann, nein. Danke, aber nein. Dubornos soll das Mittel nehmen - muss es nehmen -, aber ich kann nicht.«
»Ist das Euer Ernst?« Aufmerksam beobachtete Xenophon Caradoc. »Habt Ihr etwa ein besonderes Verlangen danach, solche unermesslichen Qualen zu erleben? Ich hätte nicht vermutet, dass auch Ihr mit den römischen Lastern infiziert seid.«
Caradoc lachte einmal auf; ein kurzes, bellendes Lachen wie von einem vollkommen fremden Menschen. »Nein, ganz sicher nicht. Um sich solche Laster zuzulegen, bräuchte man, glaube ich, länger als bloß einen Monat.«
»Aber warum dann nicht das Opium?«
»Weil die Abmachung noch nicht erfüllt ist. Ich muss zumindest bei klarem Verstand sein, und das muss man mir auch ansehen. Wenn ich aber das Opium nehme, bin ich nicht mehr ganz bei mir.«
»Bei allen Göttern!« Xenophon faltete seine langen Glieder zusammen und setzte sich - einer Grille ähnelnd - auf Dubornos’ Pritsche. In den Tagen, in denen sie Xenophon kennen gelernt hatten, hatte er stets barsch und hart gewirkt, und Caradoc und Dubornos hatten ihn für einen knochentrockenen Rationalisten gehalten. Hier und jetzt aber, an jenem gewissen Unterton in seiner Stimme und an den sich in seinen Augenwinkeln sammelnden Tränen, die er nun nicht mehr zurückdrängen konnte und derer er sich offenbar auch nicht schämte, erkannten sie das wahre Ausmaß seiner Fürsorge.
Xenophon beugte sich vor und nahm eine von Caradocs Händen in die seinen. »Mein lieber Freund, Ihr besitzt mehr Mut als jeder andere Mann, den ich je kennen gelernt habe. Aber auch Ihr müsst lernen, spätestens jetzt, eine Niederlage hinzunehmen.«
Xenophon deutete mit dem Kinn zu der gegenüberliegenden Wand hinüber, wo das Sonnenlicht sich zitronengelb über den Verputz ergoss. »Noch ehe die Sonne die äußere Kante dieses Fensters erreicht, werden sie kommen, um Euch zu holen. So lange habt Ihr also noch Zeit zu trinken, nicht länger. Und jetzt kann ich den Zenturio auch nicht mehr rechtzeitig erreichen, um den Plan noch einmal zu ändern. Er wird seinen Teil unserer Abmachung erfüllen - und das sind Dinge, die ich bestimmt nicht jedem wünsche. Also, ich bitte Euch inständig, um Eurer selbst und um Eurer Freunde willen, nehmt an, was ich Euch anbiete.«
»Nein.« Es war einfacher, ein zweites Mal »nein« zu sagen, als sich nun alles noch einmal zu überlegen; das wussten sie beide.
»Warum?«
»Weil ich selbst jetzt, wo ich verloren habe - und dessen bin ich mir wohl bewusst - noch immer die Verantwortung für Cwmfen und die Kinder trage. Wir haben noch nicht die entscheidende Nachricht von Mona erhalten, in der sie garantieren, den Kaiser nicht zu töten. Und bis dahin hängt ihr Leben einzig und allein an der Erfüllung meines Teils der Abmachung mit Claudius. Ich habe geschworen, nichts zu unternehmen, was seine Pläne für den heutigen Tag vereiteln könnte. Wenn ich aber tue, was Ihr mir da vorschlagt, dann breche ich meinen Schwur - zumindest in gewissem Sinne.«
»Aber glaubt Ihr denn, dass Claudius auch nur ein einziges seiner Versprechen mit einer ebensolchen Korrektheit einhalten wird?«
»Ich weiß es nicht. Aber wenn er glaubt, dass man ihn um seine gerechte Rache gebracht hat, wird er seinen Teil der Abmachung bestimmt nicht erfüllen. Und diesen Vorwand will ich ihm einfach nicht liefern.«
Neun lange Jahre, bei den Kriegsvorbereitungen, inmitten von Schlachtfeldern und während des bewaffneten Widerstands, hatte Dubornos nun schon Gelegenheit gehabt, die Kraft und das Ausmaß von Caradocs Willenskraft kennen zu lernen - noch niemals zuvor aber war dessen geradezu unbezwingbare Stärke so klar zu Tage getreten. Schweigend starrte Dubornos auf die beiden kleinen Fläschchen und die Hand voll jenes Pulvers, das über die Art und Weise seines Todes bestimmen würde.
Morgen um diese Zeit, oder vielleicht auch erst übermorgen, wird alles vorbei sein.
Ohne das Pulver aber wohl erst übermorgen; besonders, wenn der Zenturio wirklich so zuverlässig war, wie Xenophon glaubte. Gerade dieser entscheidende Unterschied aber würde sich grausamer auswirken, als Dubornos sich jemals hätte träumen lassen. Mit aus tiefstem Herzen empfundenem Bedauern rollte er die Weinblätter wieder zusammen, umwickelte ihre Enden langsam mit der Leinenkordel und legte sie schließlich auf den Knien des alten Mannes ab.
Xenophon durchbohrte Dubornos geradezu mit seinem Blick. »Aber mit Euch hat Claudius doch gar keine Abmachung.«
»Nein. Ich habe lediglich eine Abmachung mit mir selbst. Und mit Caradoc.«
Caradoc zuckte zusammen, und eine flammende Röte kroch in seine Wangen. »Dubornos, du wirst doch wohl nicht...«
»Doch, ich werde. Und es liegt auch nicht mehr in deiner Macht, mich davon abzuhalten. Versuch es also gar nicht erst.«
Dubornos war selbst ein wenig überrascht von seiner plötzlichen Entschlossenheit. All die kleinen und großen Verfehlungen in seinem Leben verschmolzen plötzlich zu dieser einen, letzten, wirklich großen Tat. Dann erstrahlte sein Gesicht in einem breiten und aus seinem tiefsten Inneren kommenden Lächeln. »Auch ich habe mein Leben dem Wohlergehen der Kinder gewidmet«, fügte er hinzu.
Xenophon erhob sich, seine Nasenflügel weiß und zusammengekniffen. »Ihr seid wahnsinnig, alle beide - und das ist sowohl eine ärztliche Diagnose als auch meine persönliche Meinung. Ich selbst habe zwar keine Götter, aber ich werde zu den euren beten und um einen raschen Tod für euch bitten.«
Ganz nach römischer Art streckte Caradoc ihm die Hand zum Abschiedsgruß hin. »Unseren zutiefst empfundenen Dank für alles, was Ihr für uns getan habt. Und nur, weil wir Euer Angebot nicht annehmen können, wird das Risiko, das Ihr heute auf Euch genommen habt, ja nicht kleiner. Wenn wir uns dafür also nur irgendwie erkenntlich zeigen könnten, würden wir es ganz sicher tun.«
Der alte Mann zögerte einen kurzen Augenblick. »Würdet ihr dann vielleicht um meinetwillen noch einen Besucher empfangen?«
Dubornos spürte, wie sich die Härchen in seinem Nacken aufstellten. Seine Götter mochten ihn ja vielleicht verlassen haben, aber er besaß noch immer die Fähigkeit, die Gedanken anderer Menschen lesen zu können. Voller Panik rief er: »Xenophon, nein! Jetzt nicht mehr. Habt Ihr denn überhaupt kein Herz?«
»Ganz im Gegenteil«, antwortete ihm deutlich vernehmbar jene Stimme, die er schon sein halbes Leben lang bloß noch in der Erinnerung gehört hatte. »Er hofft inständig, dass es nun noch zu einer tränenreichen Wiedervereinigung kommt. Das ist eben der Fehler an den griechischen Ärzten; sie glauben, sie hätten die Macht und das Recht, am Schicksal der Menschen herumzudoktern.«
Die Zeit blieb stehen. In der Welt jenseits des Fensters nahm gerade eine Taube ein Bad in einem Springbrunnen. Wasser spritzte in kleinen Tröpfchen gegen die Außenmauer der Zelle.
Ganz langsam wandte Caradoc sich um. Für vier Personen war die Gefangenenzelle nun wirklich nicht gebaut. Unmittelbar vor der Türschwelle stand Julius Valerius, Dekurio der ersten Schwadron der Ersten Thrakischen Kavallerie und, nach Scapula, der meistgehasste Offizier der gesamten britannischen Invasionsarmee. Er trug die komplette Gardeuniform, sein Harnisch so makellos poliert, dass er wie Fischschuppen glänzte, sein Umhang von dem Schwarz der Thraker. Auch sein Schwert und der Gürtel waren mit ihren eingravierten römischen Heldendarstellungen ganz im Stile der Kavallerie gefertigt. Jeder, der ihn so sah, hätte ihn für einen waschechten Römer gehalten. Einzig die kleine Tätowierung an seiner Schulter, nach der Art der Vorfahren in Ochsenblutrot und vor einem grauen Hintergrund gezeichnet, wies ihn als noch jemand anderen aus; dies und der suchende dunkle Blick, das Abbild jener Augen, die Caradoc und Dubornos einst neun Jahre lang tagtäglich auf Mona gesehen hatten.
Plötzlich war in der kleinen Zelle zu wenig Sauerstoff, oder auch zu viel; in jedem Fall aber brachte der Druck die Lungen beinahe zum Platzen, und es war plötzlich geradezu unmöglich, zu atmen, geschweige denn zu denken. Dubornos, der dies alles bereits geahnt hatte, drückte Halt suchend die Hand gegen die Wand und versuchte gar nicht erst, etwas zu erwidern. Caradoc aber, der keine solche Warnung erhalten hatte, starrte Bán nur regungslos an - völlig entgeistert und unfähig, seinen Blick abzuwenden. Allein sein Wille, der schließlich schon ganze Armeen befehligt hatte, hielt ihn jetzt noch davon ab, die Hände auszustrecken und über das Gesicht des Mannes zu streichen, der ihm dort im Türrahmen gegenüberstand. Doch selbst dieser Wille konnte nicht den Ausdruck des Schocks aus seiner Stimme verbannen.
»Bán?«
»Bán von den Eceni, Bruder der Bodicea?« Der dunkelhaarige Offizier schüttelte den Kopf. »Ganz sicher nicht. Ich bin Julius Valerius, Dekurio der Ersten Thrakischen Kavallerie. Bán ist schon vor langer Zeit und durch die Hand von Amminios, Bruder von Caradoc, gestorben. Ich bin nicht Bán.«
Seine Verneinung schuf Tatsachen. Dachte man sich die Rüstung weg, dann war er ganz der Sohn seiner Mutter; sein Haar, die hohen Wangenknochen und der schmale Schnitt seines Gesichts, seine langen, schlanken Finger und das Lächeln, das immer erst ein wenig schief wirkte und einst so fröhlich erstrahlt war. Alle diese Eigenschaften ließen ihn noch einmal zu jenem Kind werden, das Caradoc und Dubornos früher einmal gekannt hatten - doch rasch verzerrte sich das Bild des Jungen Bán wieder zu dem nun vor ihnen stehenden Mann; jenem Mann, der ihnen so fremd war, als wäre er ein vollkommen anderer Mensch. Und doch war er Bán.
Wenn die Wachen Cunomar und Cygfa niedergemetzelt und ihm ihre Köpfe vor die Füße geschleudert hätten, so hätte Caradoc sich wahrscheinlich besser im Griff gehabt, denn das zumindest war etwas, das er noch einkalkuliert hatte. Jetzt aber brachen die Würde und die vielen, sorgfältig aufgebauten Schichten der Selbstkontrolle plötzlich auseinander, fielen von ihm ab. Sein Blick wanderte von der im Türrahmen lehnenden Gestalt hinüber zu Xenophon und wieder zurück. Nach dem dritten Mal heftete sich sein Blick stattdessen auf Dubornos, und eine schlagartige Erkenntnis erhellte Caradocs gerade eben noch so erschütterten Verstand. »Du wusstest es«, sagte er. »Wie lange schon?«
»Seit unserer Gefangennahme bei der Hügelkette. Zuerst war ich mir nicht sicher gewesen, aber dann hatte er mir sein Messer geliehen, um Hail vom Leben zu erlösen - an das Bittgebet an Briga konnte er sich nämlich nicht mehr erinnern. Und wer sonst in der Welt hätte so etwas getan?«
Von der Tür her erwiderte ätzend die nur allzu vertraute Stimme: »Du wusstest es schon vorher. Und zwar seit unserem Aufeinandertreffen bei der Lachsfalle im Land der Eceni, vor fünf Jahren. Damals hast du mich genauso erkannt wie ich dich.«
»Nein. Ich wusste nur, dass du mich hasstest, aber nicht, wer du warst oder warum du so empfunden hattest. Denn zu viele Nächte hatte ich damit verbracht, über die Träumer zu wachen, während diese verzweifelt versuchten, deine verlorene Seele wiederzufinden und sie in die Obhut Brigas zu überführen. Außerdem erwartet man gewiss nicht, genau diese Seele dann quicklebendig in den Wirren einer Schlacht und auf der Seite des Feindes kämpfen zu sehen.« Fast zwei Monate lang hatte Dubornos nun schon mit diesem Wissen gelebt, wollte es eigentlich auch bloß rasch wieder vergessen. Jetzt aber, wo er mit der unleugbaren Realität konfrontiert wurde, raubte ihm die Wucht der Erkenntnis geradezu die Worte. »Denn wenn ich dich erkannt hätte, dann hätte ich nicht eher geruht, als bis ich dich getötet hätte, meinst du nicht auch? Denn wir hassten dich und dachten, du wärst ein Römer durch und durch. Und was meinst du, um wie viel mehr wir dich noch verabscheut hätten, wenn wir das ganze Ausmaß deines Verrats gekannt hätten?«
»Ja, um wie viel mehr wohl?« Die schwarzen Augen schienen Dubornos zu verhöhnen. »Ich bin enttäuscht. Ich hatte wirklich geglaubt, dass du wusstest, wer ich bin. All die Jahre der Rache - vergeudet.«
Unfähig, darauf noch irgendetwas zu erwidern, zischte Dubornos nur durch die Zähne. Das aber riss Caradoc aus seinen Gedanken, und nun ergriff er wieder das Wort: »Warum hast du es mir nicht gesagt?«, fragte er Dubornos.
»Welchen Sinn hätte das denn gehabt? Würdest du deinem Tod gelassener ins Auge sehen, wenn du gewusst hättest, dass Breacas verlorener Bruder Amminios’ Angriff überlebt hatte und zurückgekehrt war, um sein eigenes Volk abzuschlachten? Würde es Cunomar das Leben erleichtern, wenn er wüsste, dass es sein eigener Onkel war, der ihn versklavt hat? Seit der Junge alt genug war, um beim Feuer den Geschichten unseres Stammes zu lauschen, hat er das Andenken an Bán Hasenjäger, Hails Retter, doch geradezu verehrt. Es hätte ihm nicht gut getan, zu erfahren, dass die großen Taten der Vergangenheit von den Verleumdungen der Gegenwart ausgelöscht wurden.«
Dubornos hatte versucht, Bán mit seinen Worten zu verletzen - erkannte nun aber, wie sinnlos dieser Versuch gewesen war. Valerius lehnte noch immer lächelnd im Türrahmen, von Dubornos’ Worten völlig unberührt, unberührbar überhaupt.
Caradoc ging nun etwas direkter vor. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie aus Höflichkeit gegenüber Xenophon noch Latein gesprochen. Nun aber wechselte er ins Eceni, und die Tatsache, dass er der Älteste unter ihnen dreien war, verlieh seinen Worten noch zusätzliches Gewicht: »Bán, Sohn von Macha, Bruder von Breaca. Um des Jungen willen, der du einmal warst, um deinet- und um deiner Schwester willen hätte ich gern mein Leben für dich gegeben. Für das Böse aber, zu dem du geworden bist, würde ich dich auf der Stelle töten, wenn meine Kinder nicht die Geiseln deines Kaisers wären.«
»Zweifellos würdest du das tun.« Der Mann, der einmal Bán gewesen war, sprach ganz bewusst weiterhin Latein. »Und genau das ist auch der Grund, warum deine Kinder bei der Hügelkette jenseits des Flusses - dem Ort des jüngsten des ehrenvollen militärischen Sieges unseres Statthalters - eben nicht gestorben sind. Schließlich gibt es noch mehr Wege, einen Mann zu besiegen, als ihn einfach nur in einer Schlacht zu töten.«
Dies jedoch war eine Demütigung, die Caradoc sich im Geiste selbst schon so oft vorgeworfen hatte, dass ihre Klinge mittlerweile stumpf geworden war. Tonlos entgegnete er: »Aber Scapula ist tot.«
»Auch das weiß ich. Ich selbst habe Narcissus die Nachricht von Scapulas Tod überbracht. Und ich werde ihm bestimmt bald nachfolgen. Nun, da die Träumer ihr Zeichen haben, werden sie sicherlich nicht mehr lange brauchen, bis sie auch noch uns andere aufgespürt haben.« Valerius lächelte wölfisch. »Trotzdem - es ist ein beruhigendes Gefühl, sich vorzustellen, dass du die Reise noch vor mir antreten wirst. Ich wäre nur höchst ungern mit dem Bewusstsein gestorben, dass Amminios’ Lieblingsbruder noch am Leben wäre.«
Dubornos lachte bitter. »Bist du völlig verrückt? Niemand kann ernsthaft der Ansicht sein, dass Caradoc Amminios’ Liebling gewesen wäre. Die beiden haben sich gehasst, und jeder weiß das. Schließlich war Amminios es, der uns alle an Rom verraten hatte. Und Caradoc und deine Schwester hatten beide geschworen, ihn zu töten, sobald sie ihn auch nur zu Gesicht bekommen würden. Wenn Amminios also jemals den Mut gehabt hätte, in die Festung seines Vaters zurückzukehren, wäre er noch am gleichen Tage gestorben.«
»Aber Bán glaubt etwas anderes, nicht wahr?« Caradoc hatte sich mittlerweile wieder unter Kontrolle. Er ließ sich wieder auf die Pritsche sinken. Forschend wanderte sein Blick über das Gesicht des anderen Mannes, nahm begierig alle Details in sich auf - diejenigen, die sich an ihm verändert hatten, und diejenigen, die noch immer an Bán erinnerten. »Das letzte Mal hatten wir uns gesehen«, fuhr er nun vorsichtiger fort, »als du meinen Bruder bei einer Partie des Kriegertanzes besiegt hattest; ihr hattet damals so lang und so hart gekämpft wie in einer echten Schlacht. Danach hatte ich dir versprochen, während deiner langen Nächte der Einsamkeit über dich zu wachen und für dich vor dem Ältestenrat zu sprechen. Von deinem angeblichen Tod und den näheren Umständen habe ich erst erfahren, als ich in der Erfüllung meines Schwures wieder in das Land der Eceni zurückgekehrt war - wir hatten wirklich geglaubt, du wärst tot, das schwöre ich bei allen Göttern, die uns noch gemeinsam sind. Und nichts an alledem gibt dir das Recht zu glauben, dass ich für Amminios auch nur die geringste Zuneigung gehegt hätte. Du wusstest genau, wie abgrundtief wir uns hassten.«
»Und dennoch hast du meine Schwester betrogen, meinen Vater - uns alle -, und bist einfach abgehauen und nach Gallien gesegelt.« Jetzt dachte er wieder wie das Kind Bán, das war für alle klar zu erkennen. Beinahe war Valerius also wieder zu dem Jungen geworden, den sie einst gekannt hatten; einzig seine Augen blieben die eines Erwachsenen, und sein Blick war undurchdringlich.
»Nein!« Caradoc war aufgestanden, den Kopf hoch erhoben, und er hielt seine Wut nun nicht mehr länger zurück. Mit leiser, doch eindringlicher Stimme sagte er: »Was auch immer Amminios dir erzählt haben mag, was auch immer du zu glauben beschlossen hast, du kannst unmöglich der Ansicht sein, dass ich Breaca hintergangen hätte. Das erlaube ich einfach nicht. Deine Schwester ist mein Ein und Alles, ist für mich die Sonne, die des Morgens aufgeht. Das war sie schon von unserer ersten Begegnung an, und das wird sie auch immer bleiben, bis ich sterbe und sogar noch darüber hinaus. Genauso wenig, wie ich die Kehle unserer neugeborenen Tochter durchschneiden könnte, genauso wenig würde ich Breaca hintergehen. Und wenn Amminios dir etwas anderes erzählt hat, dann hat er dich schlichtweg angelogen - um dir wehzutun.«
»Vielleicht aber hat er - von mir aus tatsächlich mit der Absicht, mich zu verletzen - auch die Wahrheit gesagt?« Valerius’ Lippen verzogen sich verächtlich. »Die Söhne des Cunobelin waren schon immer berühmt für ihre flinke Zunge. Da kannst du dich von mir aus winden, so viel du willst, um noch den letzten Rest deiner Würde zu retten, aber ich habe selbst gehört, wie dein Bruder genau darüber mit seinem Verwalter sprach - und das in einem Augenblick, als er überhaupt nicht wissen konnte, dass ich ihn belauschte. Er hatte also gar keinen Grund gehabt, zu lügen. Du dagegen hast so viele Gründe, dass man sie schon gar nicht mehr zählen kann. In dieser Angelegenheit ziehe ich es also vor, lieber den Toten als den fast Toten Glauben zu schenken.«
»Du glaubst eher Amminios als mir?«
»Ja.«
Báns Stimme war von absoluter Gewissheit erfüllt. Allein in seinen Augen zeigte sich nun eine erste Andeutung von Zweifel.
Dubornos trat einen Schritt auf Bán zu. »Bán, du kannst doch unmöglich glauben...«
»Aber er muss es doch glauben, er kann gar nicht anders«, unterbrach Caradoc ihn. »Sein ganzes Leben hängt davon ab, nicht wahr, Valerius?« Caradoc sprach auf Eceni, und hart hob sich Báns lateinischer Name aus dem weichen Fluss der Eceni-Silben heraus. »Was für Lügen hat dir Amminios damals denn sonst noch erzählt? Hatte er dir eingeredet, dass deine gesamte Familie tot sei und dass es kein Zuhause mehr für dich gäbe, zu dem du zurückkehren könntest? Vielleicht sogar, dass man dich für die Niederlage im Reiherfuß-Tal verantwortlich machen würde? Er konnte so gut lügen, mein Bruder. Ich weiß das. Ich bin schließlich im Schatten seiner Doppelzüngigkeit aufgewachsen. Und um dem zu entfliehen, bin ich bereits mit zwölf Jahren zur See gefahren. Du aber hattest nichts, wohin du fliehen konntest, ist es nicht so? Amminios hatte dir alle Rückwege bereits versperrt. Was also hättest du getan, wenn du gewusst hättest, dass Breaca die Schlacht überlebt hatte? Wärst du nach Hause gekommen, um sie zu suchen, um an ihrer Seite gegen die Eroberung durch Claudius’ Truppen zu kämpfen? Wärst du vielleicht sogar bereit gewesen, für Breaca zu sterben?«
Caradoc sprach augenscheinlich nur noch zu einem Geist. Kalkweiß im Gesicht, seine Augen wie dunkle Höhlen in einem Totenschädel, stand Bán noch immer reglos und wie erstarrt im Türrahmen. Er schluckte und öffnete den Mund, doch es kam kein Laut über seine Lippen.
»Und wenn du jetzt die Wahl hättest«, fuhr Caradoc fort, »würdest du dann immer noch...«
Dubornos legte Caradoc eine Hand auf die Schulter. »Genug. Hör auf. Er weiß es. Und wenn du jetzt noch weiter in ihn eindringst, macht das alles nur noch schlimmer.«
Bán - Valerius - brachte nun zumindest ein raues Lachen zustande. »Schlimmer? Es gibt überhaupt nichts, was du sagen könntest, das alles nur noch schlimmer machen würde. Du lügst doch - jedes Wort eine einzige Lüge und vollkommen wertlos. Es wäre bestimmt ganz amüsant, noch weiter mit dir zu plaudern, aber der Kaiser hat andere Pläne. Die Massen müssen unterhalten werden, und die Hinrichtung anderer Menschen empfinden sie nun mal als höchst kurzweilig. Euer Todeskampf wird also schon sehr bald beginnen. Und irgendwann wird er schließlich vorbei sein. Ich aber werde fortfahren, meinem Kaiser und meinem Gott zu dienen, so gut ich nur irgend kann. Bis eure verfluchten Träumer...«
»Halt!« Mühelos konnte Caradoc noch immer anderen Menschen Befehle erteilen. Bán, einst Mitglied des Stammes der Eceni, hielt mitten im Satz inne, sein Mund weit geöffnet. Dann blitzte Zorn in seinen Augen auf, erlosch aber sogleich wieder, als Caradoc sagte: »Hör mir bitte zu...«
Auch Dubornos hörte Caradoc zu - vernahm jedoch auch noch etwas anderes. Unbemerkt war die Zeit vorangeschritten, und die Sonne strahlte nun über die enge Begrenzung ihres Zellenfensters hinaus. Im Gleichschritt marschierte draußen eine halbe Zenturie den Hügel Richtung Palast hinauf. Ein Karrenrad schrie quietschend nach Öl, um wenig später am Ende des Korridors, der zu ihrer Zelle führte, anzuhalten.
Die Angst, die sie doch so lange hatten in Schach halten können, kehrte jetzt schlagartig wieder zurück. Dubornos schwankte leicht, von einem plötzlichen Schwindelgefühl überwältigt. Für einen kurzen Augenblick blickte Bán ihn noch an, dann wandte er sich zu Xenophon um, der sich zwischenzeitlich ans andere Ende der Zelle zurückgezogen hatte.
»Xenophon, du solltest hier besser nicht gesehen werden.«
»Aber du schon?«
»Ja, natürlich. Vergib mir, ich habe mich ablenken lassen von dem unterhaltsamen Geplauder unserer Gefangenen. Aber ich soll die Gefangenen während der Prozession beaufsichtigen und sie bis zum Tribunal begleiten. Claudius hat das so befohlen. Er braucht einen Mann, der sowohl Lateinisch als auch Eceni spricht, um die Abschlussansprache zu übersetzen.«
Mehr als die Hälfte ihres Gesprächs hatten sie in fehlerfreiem Latein geführt, so dass Caradoc nun einwandte: »Wir brauchen keinen Übersetzer. Und das weiß Claudius auch.«
»Mag sein, ich werde aber trotzdem übersetzen. Der Kaiser wünscht, dass seine besiegten Barbaren wie echte unzivilisierte Wilde wirken. Man kann schließlich schlecht einen Mann hinrichten lassen, der besser Latein spricht als der halbe Senat.«