XI

»Sie ist hässlich! Wird sie immer so hässlich bleiben? Ich will keine Schwester, die hässlich ist!«
Die Stimme klang hoch und verdrießlich und ein wenig schrill vor Enttäuschung und Furcht. Sie brach jählings in Breacas Träume ein, in Träume von einer Zukunft, in der die Kinder unbeschwert heranwuchsen und gefahrlos ihre drei langen Nächte in der Einsamkeit absolvierten und neu gewebte Tuniken trugen, die nicht mit dem Staub und dem Blut der Schlacht besudelt waren. Blinzelnd drehte Breaca den Kopf zur Seite. Die Mittagssonne schien durch das locker verfugte Reetdach der Hütte, in der sie lag, und warf messerscharfe Schatten auf den Fußboden. Ihr Sohn stand auf halbem Weg zwischen der Tür und ihrem Bett. Hinter ihm verzog Airmid das Gesicht zu einer Grimasse des Bedauerns und verschwand dann wieder.
»Cunomar.« Breaca streckte eine Hand nach ihrem Sohn aus. Graine, die gerade eben noch an ihrer Brust getrunken hatte, ließ schlaff den Kopf zurücksinken, ihr kleines Mündchen halb offen.
»Sieh doch, sie kann ja noch nicht mal richtig saugen! Wie will sie denn essen, wenn wir fort sind und gegen die Legionen kämpfen?«
»Sie ist eingeschlafen, mein Schatz. Sie kann sogar recht kräftig saugen, wenn sie will.« Cunomar war sieben Jahre alt, und er fühlte sich plötzlich zurückgesetzt, von seinem Platz im Herzen seiner Mutter verdrängt. Und nichts konnte ihn darüber hinwegtrösten. In dem Raum zwischen ihnen breitete sich Trostlosigkeit aus. »Sonne meines Herzens«, sagte Breaca liebevoll, »willst du nicht zu mir kommen? Ich könnte zwar aufstehen, aber der Weg von meinem Bett zu dir kommt mir doch recht lang vor.«
Sie gebrauchte die Sprache der Eceni, die Cunomar mittlerweile gelernt hatte, und sie sprach ihn mit dem Kosenamen an, mit dem sie auch seinen Vater rief. Wie ein scheues Pferd bewegte Cunomar sich vorwärts und näherte sich ihrer ausgestreckten Hand, während er mit schiefem Blick das neue, unerwünschte Wesen beäugte, das angekommen war, um seine Welt zu erschüttern. Breaca versuchte sich daran zu erinnern, was sie empfunden hatte, als Bán geboren worden war, oder später, als Silla noch dazugekommen war, doch sie wusste es nicht mehr genau. Damals war das Leben noch anders gewesen und ein Geschwisterchen stets ein Wesen, dem man zugetan war. Cunomar war nun an ihrem Bett angekommen und streichelte ihr Haar an der Stelle, wo es aus der Stirn zurückfiel: sein Prüfstein für Sicherheit.
»Hail ist hier.« Er bot ihr die Anwesenheit des Hundes als ein Geschenk an, und sie wusste, wie teuer es ihn zu stehen kam. »Ich bin den ganzen Morgen über bei ihm geblieben, wie Airmid es gesagt hat. Er wollte schon eher zu dir zurücklaufen, aber ich habe ihn nicht gelassen. Jetzt wartet er draußen. Soll ich ihn reinrufen?«
»Später, wenn ich ein bisschen Zeit allein mit dir verbracht habe.« Sie lächelte, plötzlich unsicher geworden. Sie war nicht allein mit ihrem Sohn und würde es auch niemals sein. Sie hatte ganz vergessen, wie es sein würde, wie es bei Cunomar gewesen war; bis zu seiner Geburt hatte sie überhaupt nicht gewusst, dass es möglich war, ein so kleines Wesen derart lieb zu haben.
Graine wachte auf und suchte schläfrig nach der mütterlichen Brustwarze. Zögernd berührte Cunomar einen winzigen Fuß und beobachtete, wie dieser träge zurückgezogen wurde.
»Sie ist sehr klein.«
»Ja, aber sie wird wachsen und groß und stark werden.«
»Aber nicht so groß und stark wie ich.«
»Nein, das wohl nicht. Du wirst mit Sicherheit immer größer sein als deine Schwester.« Er war in allem genau wie sein Vater, außer was die Wesensart und die Farbe seiner Augen anging. Bestimmt würde er später, wenn er ausgewachsen war, auch die kräftige, hoch gewachsene Statur seines Vaters haben. »Cunomar...« Breaca zwang sich, eine ernste Miene aufzusetzen. »Die Legionen sind noch nicht besiegt. Wenn dein Vater und die Götter gute Arbeit leisten, könnte es sein, dass sie noch dieses Jahr besiegt werden.« Sie sah seine plötzliche Panik, sah, wie er sie hastig zu verbergen suchte. »Aber selbst wenn, wird es danach noch weitere Kämpfe geben; die Stämme südlich des ins Meer mündenden Flusses, die mit Rom sympathisieren, würden die Legionen ungehindert wieder in unser Land einmarschieren lassen, und deshalb müssten auch sie zuerst noch besiegt werden.«
»Du meinst also, die Kämpfe könnten noch jahrelang weitergehen?« Dieser Gedanke heiterte Cunomar sichtlich auf.
»Das ist durchaus möglich. Und wenn dein Vater und ich dabei sind, dann könnten wir getötet werden, das weißt du.«
»Ja.« Seine Augen - von einem Eichelbraun, das ins Bernsteingelbe spielte - hatte er von niemandem geerbt. Weder seine Eltern noch die Großeltern hatten Augen von einer solchen Farbe gehabt. Jetzt weiteten sie sich vor Furcht und Erschrecken, als er aufhörte, an sich selbst zu denken, und stattdessen die Möglichkeit in Betracht zog, dass seine Eltern bei den Gefechten den Tod finden könnten. Tiefernst erwiderte er: »Wir würden noch viele Generationen lang von euch singen.« Das hatte er schon des Öfteren an dem einen oder anderen Herdfeuer gehört.
»Das wäre sehr freundlich, aber ich möchte dich noch um einen weiteren Gefallen bitten.« Breaca beobachtete, wie sich die Miene ihres Sohnes wieder aufhellte. Plötzlich jedoch schlich sich Argwohn ein. Bevor er sich manifestieren konnte, sagte sie rasch: »Wenn dein Vater und ich beide ums Leben kommen sollten, wird deine Schwester deine engste lebende Verwandte sein. Ich glaube, sie wird eines Tages eine große Träumerin sein, ausgestattet mit einer Macht und einem Vermögen, die sie Airmid oder Luain mac Calma ebenbürtig machen werden. Aber das wird nur geschehen, wenn sie unbeschwert heranwächst, bis zu ihren drei langen Nächten in der Einsamkeit und darüber hinaus. Sie darf daher vorerst noch nicht wissen, welche Fähigkeiten sie besitzt; das würde ihre Entwicklung beeinträchtigen. Du musst mir also beim Leben der Ahnen schwören, dass du ihr ohne meine Erlaubnis niemals etwas davon sagen wirst. Wirst du das tun?«
Auf ihre ganz eigene Art konnte Breaca Wunder bewirken, wenn auch nur bei ihrem Sohn. Die neu geborene Schwester sollte eine Träumerin sein, keine Kriegerin, und daher stellte sie für ihn keine Bedrohung dar. Und mehr noch: Er würde mit der ehrenvollen Aufgabe betraut werden, der Krieger zu sein, der einer Träumerin zur Seite stand, genauso wie seine Mutter Airmid zur Seite stand. Seine Gefühle für Airmid waren ziemlich vielschichtig, doch auf dem Grund seiner Empfindungen lagen Ehrfurcht und ein gewaltiger Respekt. Luain mac Calma gegenüber empfand er die Furcht eines Kindes, das einen Mann Blitz und Donner vom Himmel hat herabbeschwören sehen und ihn daraufhin für einen Halbgott hält.
Cunomars Augen strahlten vor Stolz und Freude, leuchteten jetzt wahrhaft bernsteingelb. Der Eid, den er nun feierlich schwor, war lang und kompliziert und verpflichtete ihn in Krankheit, Gesundheit und allen möglichen Arten von Trunkenheit strikt und unwiderruflich dazu, seiner Schwester kein Sterbenswort von ihrer möglichen Zukunft zu verraten. Nur über den Namen des Kindes, der ihm fremd war, stolperte er.
»Graine. Sie heißt Graine, nach meiner Mutter. Gut. Also, wenn dein Vater und ich im Kampf fallen sollten, wird Graine jemanden brauchen, der sie beschützt. Ich könnte ja einen der anderen Krieger fragen, aber am besten wäre es, wenn ihr Bruder, der sie immer lieben wird, diese Aufgabe übernimmt. Vorläufig darf sie erst mal nur wissen, dass du sie als ihr Bruder beschützt. Erst später können wir ihr dann sagen, dass du auch der Krieger sein wirst, der ihr, der Träumerin, zur Seite steht. Würdest du mir das geloben, hier und jetzt, bei der Schlangenspeer-Klinge?«
Cunomars Lächeln spiegelte die Sonne wider. Er mochte seine Mutter zwar innig lieben und Luain mac Calma fürchten, doch das Schwert seiner Mutter betrachtete er mit der weitaus prosaischeren Verehrung eines zukünftigen Kriegers für die Waffe, die eines Tages ihm gehören wird.
Es hing an einem Haken über dem Schlafplatz, wo es stets griffbereit war. Breaca erlaubte ihm, das Schwert herunterzunehmen und es - noch immer in seiner Scheide steckend - neben sie auf die Felle zu legen. Vorsichtig zog sie die Waffe eine Handbreit aus der Lederscheide heraus, so dass die fischgrätartigen Linien der Schweißmuster im Licht schimmerten. Dennoch verriet der Anblick so gut wie nichts über seine Geschichte: über die vielen Monate, die es gedauert hatte, das Schwert zu schmieden, über die viele Arbeit, die Breacas Vater und sie selbst in die Anfertigung gesteckt hatten, über die Ströme von Schweiß, die dabei geflossen waren, über die zahllosen Feinde, die später durch diese Waffe gestorben waren. Als Cunomar nun das prachtvolle Schwert sah, schnappte er mit der freudigen Verzückung eines Kindes nach Luft. Breaca, die sich an den Anblick der Klinge längst gewöhnt hatte, fühlte ihr Lied als ein schwaches Pulsieren in der alten Narbe in ihrer Handfläche, die ein Überbleibsel ihres allerersten Kampfes mit einem feindlichen Krieger war und die sie stets vor einer bevorstehenden Schlacht warnte.
Dieser Eid war wesentlich förmlicher. Seit Generationen schon hatten die Krieger, die sich dazu verpflichteten, einen bestimmten Träumer zu beschützen, dies mit Worten gelobt, die bereits zur Zeit der Ahnen festgelegt worden waren. Breaca sagte Cunomar gerade die entsprechenden Formeln vor, damit er sie nachsprechen konnte, als plötzlich ein Schatten durch die offene Tür fiel. Sie zählte fünf Beine und wunderte sich darüber, dass Hail so zurückhaltend war. Es war überhaupt nicht die Art des Hundes, stumm zu bleiben, wenn sich jemand näherte - außer wenn der Betreffende ihn daran hindern konnte, warnend zu bellen, oder wenn Hail wusste, dass eine solche Warnung unnötig war. Eine leichte Brise brachte die Gerüche nach Pferde- und Männerschweiß und den eisenartigen Blutgeruch der Schlacht mit sich, doch Breaca beschloss, lieber nicht daran zu glauben. Der Tag war so schön …
»... und ihr Leben mit dem meinen zu beschützen, bis zum Ende der Welt und der vier Winde.«
Cunomar sprach die letzten Sätze mit der Sorgfalt eines Menschen, der mit einem Neugeborenen umgeht. Die Bedeutung des Eides und seine bindende Kraft veränderten Cunomars Gesicht, ließen zum allerersten Male erkennen, wer er sein könnte, wenn er erwachsen war. Breaca beobachtete ihren Sohn jeodch nur mit einem Auge. Denn hinter ihm trat jetzt der fünfbeinige Schatten zur Tür der Hütte herein und teilte sich: zwei Beine und drei. Cunomar hörte, wie seine Mutter überrascht nach Luft schnappte, und fuhr herum, sein Gesicht strahlend.
»Du bist hier!«
Der Junge konnte seine Freude mit einem lauten Jubelschrei zum Ausdruck bringen, die Mutter hingegen nicht. Cunomar warf sich in die ausgestreckten Arme seines Vaters und vertraute ihm, atemlos vor Aufregung, diverse missverstandene und durcheinander gebrachte Einzelheiten der Entbindung an. So weit hatte der Zauber gewirkt. In Gegenwart von Caradoc, der ganz zweifellos ein Gott auf Erden war, war das Kind nicht länger der von seinem Platz verdrängte Liebling, sondern ein eidlich verpflichteter Beschützer, der mit der immer währenden Fürsorge für seinen Schützling beauftragt war.
Caradoc drückte seinen Sohn mit beiden Armen an seine Brust und ließ ihn drauflosplappern. Seine Augen stellten Breaca die notwendigen Fragen, und sie antwortete ihm mit einem Blick, der seinen Seelenfrieden wiederherstellte. Auf Eceni und so schnell, dass Cunomar seinen Worten nicht folgen konnte, sagte Caradoc: »Airmid hat mir die Einzelheiten der Entbindung erzählt, aber mehr nicht. Ich glaube, wir müssen den Göttern und den Träumern dafür danken, dass ihr beide am Leben seid. Ist sie so, wie du es geträumt hast?«
»Ich glaube schon. In zwölf Jahren werden wir es ganz genau wissen.«
Hail kam zu Breaca und legte seinen massigen, angegrauten Kopf auf ihre Schulter, während sein Blick auf dem Neugeborenen ruhte. Er hatte das kleine Mädchen sauber geleckt und betrachtete es bereits als seine Aufgabe, es zu beschützen und zu bewachen. Graine drehte leicht den Kopf, als sie den neuen Geruch wahrnahm, und blickte dann mit etwas Hilfe zu ihrem Vater auf.
Da Breaca aufmerksam zuschaute, sah sie den Augenblick, in dem Caradoc sich ganz plötzlich veränderte, jenen Augenblick, in dem die ungeheure Anspannung und Belastung des Krieges von ihm abfiel, in dem er seine Rolle als Feldherr und Anführer ablegte und einfach nur noch der Vater war, der zum ersten Mal in Gesellschaft seiner neugeborenen Tochter ist. Es war ein überaus kostbarer Anblick. Caradoc hatte bereits eine Tochter, Cygfa, von einer anderen Frau. Breaca war sich bis zu diesem Moment, als sie es mit ihren eigenen Augen sah, nicht sicher gewesen, ob ihm eine zweite Tochter ebenso viel bedeuten würde wie Cygfa.
Sie hätte nicht an ihm zweifeln sollen. In diesem Augenblick der ersten Begegnung war er wieder ein schiffbrüchiger Jüngling, der an eine Landspitze angeschwemmt worden war und zwischen Leben und Tod schwebte, seine Seele entblößt, so dass sie für alle sichtbar war. Damals hatte Breaca sich in ihn verliebt, und jetzt tat sie es von neuem.
Er kniete sich neben ihr Lager und streckte vorsichtig einen gekrümmten Finger aus, um das Gesicht seiner Tochter zu streicheln. »Sie ist du«, sagte er. »Die schönste Frau der Welt.«
»Da muss ich dir leider widersprechen.« Breaca grinste, ein unerwartetes, aber ausgesprochen willkommenes Gefühl. »Wenn schon, dann ist sie Graine, mit Machas Mut und Fähigkeiten, obwohl sie keiner der beiden ähnlich sieht. Erst, wenn sie lächelt. Und sie hat deine Augen. Man kann es jetzt noch nicht bei ihr erkennen, aber wenn sie erwachsen ist, werden ihre Augen ganz klar sein. Graue Augen und dunkelrotes Haar, von der Farbe von Ochsenblut.«
Caradoc hob seinen Blick von seiner Tochter zu Breacas Gesicht empor. Sein Lächeln war ein Quell grenzenlosen Mutes. »Innerlich ist sie du«, sagte er. »In ihrer Seele. Das kann ich jetzt schon sehen.« Er beugte sich vor und küsste Breaca. Seine Lippen waren trocken und salzig vom Seewind und strichen rau über die ihren. Sein Atem verschmolz mit ihrem. Seine Welt hüllte die ihre ein, und sie trieb träge auf dem Meer dahin, über das er herrschte.
Breaca lag in der Schatten spendenden Hütte und empfand ihr Leben als vollkommen. Graine wand sich unruhig und strebte nach ihrer anderen Brust, so dass ihre Mutter gezwungen war, sich auf die andere Seite zu drehen. Caradoc ging um die Bettstatt herum und setzte sich neben sie, mit Cunomar auf seinen Knien. Seine Kleider waren mit dem Staub der Reise befleckt, mit dem alten, getrockneten Blut der Schlacht und der salzigen Gischt der Meerenge. Seine Haut, die früher einmal so zart und glatt wie die eines Mädchens gewesen war, war von Wind und Wetter gegerbt und auf beiden Seiten seines Gesichts von Narben durchzogen. Sein Haar, von der Sommersonne zu einem Farbton ausgebleicht, der an poliertes Gold erinnerte, war ungekämmt und wies über der Stirn einen Abdruck wie vom Rand eines Helmes oder einer Kappe auf. Er war also in ziemlicher Eile nach Mona gereist und hatte sein auffallendes Haar bedeckt, um sich wenigstens teilweise zu tarnen. Seit der Invasion hatten weder er noch Breaca in Schlachten einen Helm getragen. Ihr weithin leuchtendes Haar war ihr bestes Banner und wie ein Orientierungspunkt für die Kriegerinnen und Krieger. Seine Augen waren leicht blutunterlaufen, so wie jedes Mal, wenn er nicht genügend Schlaf bekommen hatte. Er ergriff ihre Hände, und Breaca fühlte, wie die rauen Hornschwielen, die das Schwertheft in seinen Handflächen hinterlassen hatte, sich den glatteren, weitaus weniger gefurchten Linien ihrer eigenen Schwielen anpassten. Sie war in den vergangenen drei Monaten der Schwangerschaft regelrecht verweichlicht und malte sich aus, wie viel Arbeit und Mühe es sie kosten würde, wieder fit für den Kampf zu werden. Unwillkürlich zuckte sie zusammen. Ihre Gedanken schweiften wieder zum Krieg zurück.
»Venutios«, sagte sie. »Er kann uns seine Briganter zur Verstärkung bringen und außerdem noch eintausend Selgovaer...«
»Ich weiß.« Caradoc hakte seine Finger unter die ihren und drückte einen zarten Kuss auf ihre Fingerknöchel. »Und wir haben auch schon einen geeigneten Ort gefunden, um die Lachsfalle aufzustellen. Es ist für alles gesorgt. Dieses eine Mal kannst du dich getrost zurücklehnen und die Dinge laufen lassen. Wenn die Schlacht wie geplant läuft und alles gut geht, werden die Träumer bis zu dem Zeitpunkt, wenn der Mond abnimmt, oder etwas später, ihren allergrößten Wunsch erfüllt bekommen.«
Die Träumer hatten nur einen einzigen derart großen Wunsch. Das Sonnenlicht in Breacas Herzen verlöschte abrupt. »Scapula ist hier?«, fragte sie.
»Noch nicht, aber bald. Er ist derzeit auf dem Marsch nach Westen, mit neuen Rekruten, um die westlichen Legionen wieder auf ihre alte Truppenstärke aufzustocken. Es geht das Gerücht um, dass er zuerst zur Festung der Zwanzigsten gehen wird und dann mit dieser gesamten Legion und drei Kohorten der Zweiten in den Norden kommen will. Wenn er hier eintrifft, werden wir kampfbereit sein.«
»Aber er wird in westlicher Richtung marschieren, zum Herzen des Landes der Silurer. Wir brauchen ihn jedoch weiter nördlich, wenn Venutios’ Kampfverband zu uns stoßen soll.«
»Ich weiß. Auch dafür ist bereits Vorsorge getroffen worden. Der Legat der Zwanzigsten hat guten Grund zu glauben, dass wir uns im Norden zum Aufmarsch gegen ihn sammeln. Scapula wird zu uns kommen, wo und wann wir ihn haben wollen.«
... hat guten Grund zu glauben. Das Grauen strich mit eisigen Fingern über Breacas Rückgrat. In der Vergangenheit waren Krieger von überragendem Mut zu den Legionen »übergelaufen«. Nicht ein einziger von ihnen war mit dem Leben davongekommen, und die meisten waren - wenn die Berichte der Spione stimmten - langsam und qualvoll unter römischen Klingen und Foltereisen gestorben, wo man ihnen bei lebendigem Leib die Haut abgezogen, die Augen ausgestochen und die Glieder verbrannt hatte, um ihren Mündern die Wahrheit ihres Herzens zu entreißen. Die einzige Aussage, der Scapula jetzt noch Glauben schenken würde, wäre die einer verwundeten Kriegerin oder eines verwundeten Kriegers, die auf dem Schlachtfeld gefangen genommen wurden und noch lange genug am Leben bleiben würden, um die Lüge zu verbreiten, aber wiederum nicht so lange, dass man die Wahrheit aus ihnen herauspressen konnte. Es war ein Opfer, größer als jedes, das Breaca sich vorzustellen wagte, und plötzlich ging ihr auf, dass sie überhaupt nicht wusste, wer dieses Opfer gebracht hatte. Zu jeder anderen Zeit hätte sie jeden Einzelnen von denjenigen, die sich darauf vorbereitet hatten, dem Feind in die Hände zu fallen, genau gekannt, hätte vor der Schlacht einige Zeit mit ihm verbracht und danach gemeinsam mit Airmid oder Efnís oder Luain mac Calma für ihn gebetet, bis sie sich sicher sein konnten, dass seine Seele zu Briga hinübergegangen und erlöst war.
Sie hätte nach einem oder mehreren Namen fragen können, tat es aber nicht. Die Frage lag ihr zwar schon auf der Zunge, kam aber nicht mehr über ihre Lippen, abgeblockt durch Graine, die sich, blauäugig und winzig und hilflos, an ihrer Brust wand, so dass Breaca abermals in den unermesslichen weiten Raum stürzte, wo ihre eigene grenzenlose Liebe auf grenzenlose Angst um das Leben und das Wohlergehen ihrer Tochter stieß und auf das Wissen, dass sie dieses Kind für den Rest seines Lebens hüten und beschützen und vor jedem Unheil würde bewahren wollen und dass sie genau das letztendlich doch nicht konnte.
Breaca schauderte und zwang sich, sich wieder auf etwas anderes zu konzentrieren. Jetzt war nicht die Zeit, um in Horrorvorstellungen von den Qualen eines anderen Menschen zu versinken. Sie ergriff Caradocs Hand und drückte sie zärtlich. Gemeinsam schoben sie jeder eine Hand unter den Rücken ihrer Tochter und fühlten, wie sich der kleine warme Körper unter ihrer Berührung bewegte. Briga war nicht nur die Göttin des Todes, sondern auch die Hüterin allen Lebens; man konnte also von ganzem Herzen glauben, dass ein neugeborenes Kind und die Hoffnung, die es brachte, als Bittgebet um ihren Schutz ausreichten.
Nach einer Weile, als Breaca wieder klarer denken konnte und sich im Geiste ausmalte, wie ein anderer Teil ihres Herzens ganz allein in die Gefahr reiten würde, fragte sie: »Wo willst du ihnen eigentlich die Falle stellen?«
Caradoc war Heerführer und Kriegsherr, und er liebte Breaca. Deshalb konnte er sich in etwa vorstellen, wie frustrierend es für sie war, zu Hause bleiben zu müssen. Knapp und genau berichtete er ihr, was sie wissen musste: »Die Falle ist bereits halb aufgestellt. Und zwar am Fluss der Lahmen Hirschkuh. Es gibt nur eine Marschroute, die die Legion zur Festung hinaus nehmen könnte. Und die führt über den Fluss, an der weiter stromabwärts gelegenen Furt. Gwyddhien und Ardacos sind jetzt dort, um eine Barriere in dem Spalt zwischen den Bergen zu errichten. Wir werden die Römer zunächst eine Weile am Fluss aufhalten, dann zu der Barriere zurückweichen und sie anschließend darüber hinwegströmen und in das dahinter gelegene Tal stürmen lassen. Das andere Ende dieses Tals ist bereits durch eine Felslawine blockiert, so dass keine Legion der Welt dort wieder hinauskommen könnte. Wir werden sie auf diese Weise einkesseln und von den Seiten erwischen. Wenn Venutios seine zweitausend Briganter mitbringt, kann er die Römer von hinten angreifen, und dann zerquetschen wir sie zu Brei. Falls er scheitern sollte, werden wir so viele von ihnen töten, wie wir irgend können, und uns danach erst einmal wieder zurückziehen. Zu beiden Seiten des Tals gibt es dichte Wälder, und kein Römer wird es wagen, dort einzudringen.«
»Könnt ihr siegen?«
»Ich weiß es nicht.« Er war immer aufrichtig zu ihr gewesen. »Es ist nur eine Schlacht von vielen, und ob wir sie gewinnen, hängt von einer Vielzahl von Dingen ab, über die wir keine Kontrolle haben. Möglicherweise werden wir nicht siegen, aber wir werden auch nicht verlieren.«
Es war ein guter Plan, der nur einen einzigen Haken hatte. Breaca hatte mitten während der Entbindung daran gedacht, als die Schmerzen auf dem Höhepunkt gewesen waren. »Was werdet ihr tun, wenn Scapula die Lachsfalle von der Schlacht in den Eceni-Ländern her wieder erkennt? Es könnte doch gut sein, dass er den Trick durchschaut.«
Caradoc strich sanft mit einer Hand durch ihr Haar und ließ seine Fingerspitzen über ihre Kopfhaut gleiten. Sie schmiegte ihr Gesicht in seine Handfläche, ähnlich wie ein Hund, der eine Liebkosung sucht. Caradocs langsames, von Gewissheit erfülltes Lächeln vertrieb ihre Zweifel.
»Ich bin davon überzeugt, dass er darauf hereinfallen wird. Die Götter sind auf unserer Seite. Die Legion wird zur Hälfte aus neuen, unerfahrenen Rekruten bestehen, die noch keine Disziplin kennen und nur schlecht gedrillt sind. Wenn sie sehen, wie wir scheinbar den Rückzug antreten, werden sie uns unweigerlich folgen, und Scapula wird sie nicht zurückhalten wollen. Auf jeden Fall hat er die erste Lachsfalle damals ja nicht selbst gesehen. Er wird natürlich davon gehört haben, aber das liegt nun immerhin schon vier Jahre zurück, und seitdem haben schon hundert weitere Schlachten stattgefunden. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass er sich bei den vielen Gefechten noch an die Einzelheiten jener einen Schlacht bei der Lachsfalle erinnern wird. Der Einzige, der damals dabei war und der sich sicherlich genau daran erinnern wird, ist der Dekurio, der den auffallenden Schecken reitet. Er hat damals die Barriere durchbrochen; es ist ausgeschlossen, dass er das in der Zwischenzeit vergessen haben könnte. Unsere einzige Hoffnung ist, dass er nicht so weit in den Westen kommen wird.«
»Oder dass er eines frühen Todes stirbt.« Breaca verspürte plötzlich einen bitteren Geschmack im Mund. Der Gedanke an Scapula war schon bedrückend genug, doch schlimmer noch war der Gedanke an den Ruf, den jener Dekurio hatte. Gerüchte über die Gräueltaten unter den Trinovantern hatten sich wie ein langsam wirkendes Gift nach Westen ausgebreitet, und in den Nächten, in denen Breaca nicht nur von den Schlachten träumte, konnte sie das Wimmern und Wehklagen der Toten, die dieser Mann auf dem Gewissen hatte, bis in den Schlaf hinein hören. Sie sagte: »Airmid könnte den Dekurio jetzt für dich aufspüren. Sie hat genug von dem Tod gesehen, den dieser Mann gebracht hat. Ein Messer im Dunkeln könnte seinem Leben ganz schnell ein Ende machen. Die Götter wissen, dass dieser eine wahrhaftig keinen ehrenvollen Tod im Kampf verdient!«
Es hatte kein Schwur sein sollen, doch in ihrem Stoßseufzer lagen mehr Kraft und Nachdruck als in Cunomars gesamter sorgfältiger Rezitation, als er gelobt hatte, seine Schwester zu beschützen. Die Götter horchten auf und hörten zu, und irgendwo in den anderen Welten jenseits der irdischen ertönte ein Echo. Breacas Herz begann zu hämmern; es war, als ob Motten in ihrer Brust in Panik geraten wären. Die Schläfrigkeit der Mutterschaft fiel von ihr ab und verwandelte sich in den kaum noch bezähmbaren Drang, zu kämpfen. Sie lag flach auf dem Bett, starrte zu dem Reetdach hinauf und vergaß für eine Weile völlig, dass sie überhaupt jemals Mutter geworden war.
Caradoc holte sie wieder in die Gegenwart zurück, langsam und behutsam, indem er liebevoll ihren Nacken streichelte. Und dennoch - ihre Freude über den Morgen war endgültig dahin, und nichts konnte sie ihr zurückbringen. Zutiefst ernüchtert fragte Breaca: »Wann soll sie denn stattfinden, diese Falle gegen Scapula?«
»Noch in diesem Monat. Scapula ist bereits auf dem Marsch gen Westen.«
»Dann musst du also bald wieder gehen?«
»So bald nun auch wieder nicht.« Sein Lächeln brach ihr schier das Herz. »Die Legionen marschieren nur langsam, und er wird zuerst nach Süden gehen. Ich denke, wir haben zehn Tage Zeit, um unsere Waffen zu reparieren und die Verwundeten gesund zu pflegen. Der Großteil der anderen ist erst einmal an den heimischen Herd zurückgekehrt, um beim Einbringen der Ernte zu helfen. Ich war noch nie sonderlich geschickt im Dreschen von Gerste. Ich hatte gedacht, zumindest so viel Zeit in Ruhe und Frieden mit meiner Familie verbringen zu können.«
Er küsste Breaca ein drittes Mal, und sie stellte plötzlich fest, dass es letztendlich doch noch nicht zu spät war, die Freude an diesem Morgen wiederzufinden.