II

Nur die Kinder können in der Nacht vor einer Schlacht noch schlafen, und manchmal nicht einmal mehr sie. Bevor der römische Statthalter in Britannien sich einschiffte, um das Land, das er erobert hatte, für immer zu verlassen, versammelten sich zweitausend hellwache Stammeskrieger und halb so viele Träumer an einem Berghang, weniger als einen halben Tagesritt von der westlichsten der römischen Grenzfestungen entfernt. Einzeln und in Gruppen, ganz so wie es ihre Götter und ihr Mut ihnen geboten, bereiteten sie sich auf den Krieg vor, und zwar in einem Umfang, wie man es seit dem Einmarsch der römischen Legionen vor vier Jahren nicht mehr erlebt hatte.
Breaca nic Graine, ursprünglich vom Volke der Eceni und jetzt von Mona, saß allein am Ufer eines Bergtümpels. Sie hauchte ein kurzes Gebet auf einen Kieselstein, den sie in der hohlen Hand hielt, und ließ ihn dann über das Wasser springen.
»Bring mir Glück!«
Der Kiesel hüpfte fünfmal über die Wasseroberfläche und zersplitterte dabei das Spiegelbild des Mondes. Glitzernde Scherben aus Licht flogen in alle Richtungen und verloren sich in der Dunkelheit. Der Fluss jedoch strömte weiter ungehört dahin, sein Murmeln übertönt vom hektischen Trommeln von Bärenklauen auf hohlen Schädeln, das von einem Berghang in der Nähe herüberschallte. Das Licht von vielen ruhelos flackernden Lagerfeuern vergoldete den Saum des Wassers, und die Luft darüber war von Rauchschwaden durchzogen. Nur unten am Fluss fand man noch Abgeschiedenheit und Dunkelheit und die nötige Ruhe, um die Götter um ihren Beistand zu bitten.
»Verleih mir Mut!«
Der zweite Kieselstein schnitt den Rand des Mondes ab und versank sofort im Wasser. Der von den dunklen Berghängen im Hintergrund herübertönende Lärm der Schädeltrommeln schwoll an und erreichte seinen Höhepunkt. Eine Frauenstimme rief die Götter in der Sprache der nördlichen Ahnen an. Andere Stimmen antworteten, grunzend und brummend, und der unregelmäßige Rhythmus der Trommeln veränderte sich. Es war nicht gut, zu genau darauf zu horchen, sich zu sehr in den hypnotisierenden Takt zu vertiefen; im Laufe der Jahre hatte sich schon manch eine Seele in dem verworrenen, kompliziert gewebten Netz aus Knochenklängen verirrt und nie mehr den Weg zurück nach Hause gefunden.
»Für Brigas Beistand im Kampf!«
Der dritte Kieselstein, zielgenauer als seine beiden Vorgänger, sprang neunmal über das Wasser und versank dann genau im Herzen des Mondes, um das Gebet direkt und ohne die Vermittlung des Flusses den Göttern zu überbringen. Wenn ein Krieger an Omen glauben wollte, dann war dies auf jeden Fall ein gutes. Breaca trat einen Schritt vom Ufer zurück, als der Mond sich wieder auf der Wasseroberfläche zusammensetzte, ein scharf umrissener Halbkreis aus Silber, der still auf einem Bett aus sanft wogenden schwarzen Fluten ruhte.
Sie bückte sich, um einen vierten Stein aufzuheben. Er war breiter und flacher als die anderen und schmiegte sich glatt in ihre Handfläche. Diesmal hauchte Breaca ein anderes Gebet auf den Kiesel, eines, dessen Wortlaut nicht der Überlieferung entstammte.
»Für Caradoc und Cunomar, dafür, dass sie in Glück und Frieden leben, falls ich im Kampf fallen sollte. Briga, Mutter des Krieges, des Gebärens und des Sterbens, kümmere dich an meiner Stelle um sie.«
Dies war kein neues Gebet; in den dreieinhalb Jahren, seit ihr Sohn geboren worden war, hatte Breaca es schon unzählige Male im Geiste gesprochen, kurz bevor sie in eine Schlacht geritten war - in jenen letzten Augenblicken vor dem Aufeinandertreffen mit dem Feind, wenn sie alles und jeden, den sie liebte, aus ihrem Bewusstsein verdrängen und vergessen musste. Breaca hatte schon früh gelernt, dass ein Krieger, der am Leben bleiben wollte, mit leerem Kopf in ein Gefecht ritt; denn wer in solchen Momenten irgendwelchen Gedanken nachhing oder sich durch plötzlich aufsteigende Erinnerungen ablenken ließ, dem konnte es passieren, dass er sein Schwert zu langsam zog oder seinen Schild zu spät hob, und das wiederum konnte tödliche Folgen für ihn haben. Der einzige Unterschied war der, dass sie das Gebet jetzt und hier - in der rauschenden Dunkelheit am Flussufer, fernab von dem Chaos der Kampfvorbereitungen - zum allerersten Mal laut gesprochen und dabei deutlich gespürt hatte, dass es von den Göttern vernommen worden war. Sie befand sich an einem Gewässer, das Nemains Reich war, und es war am Vorabend einer Schlacht, die wiederum Brigas Domäne war, und die Götter waren lebendig und wandelten über den Berghang, herbeigerufen von den Scharen von Träumern, deren zeremonielle Feuer den Nachthimmel erleuchteten.
Nach annähernd vier Jahren der Verzweiflung konnte Breaca nun plötzlich spüren, dass die Aussicht auf Freiheit in greifbarer Nähe war, wenn sie nur entschlossen genug waren, den Sieg zu erringen. Mit der Hilfe der Götter, davon war sie überzeugt, könnten sie es schaffen.
Erfüllt von einer Hoffnung, die größer war als jede, die sie seit dem Einmarsch der Römer empfunden hatte, riss Breaca den Arm zurück, um ihren Stein auf den Fluss hinauszuschleudern.
»Mama?«
»Cunomar!« Sie drehte sich zu schnell herum. Der Kieselstein schlitterte ein kurzes Stück über die Wasseroberfläche und versank. Auf der steilen Uferböschung über ihr stand ein Kind, vom Schlaf zerzaust und unsicher im Dunkeln umhertappend.
Hastig streckte Breaca die Arme aus, packte ihren Sohn um die Taille und hob ihn herunter zum Rand des Wassers, wo er gefahrlos stehen konnte. Er war der lebendige Spross ihres Herzens, ihr Leitstern in der Finsternis, der einzige Lebensgrund, der sie in jenen Zeiten, als alle Hoffnung sinnlos und vergebens erschienen war, dazu getrieben hatte, trotzdem weiterzukämpfen. Es schmerzte sie allein schon, ihn in so unmittelbarer Nähe des Kriegsgeschehens zu wissen. Als sie ihn jetzt einen Moment lang fest an sich presste, konnte sie das hektische Stolpern seines Pulses fühlen. Sie drückte ihm einen Kuss auf den Scheitel und sagte: »Mein kleiner Krieger, du solltest zu dieser späten Zeit eigentlich längst im Bett liegen. Wieso schläfst du nicht?«
Müde rieb er sich die Augen. »Die Trommeln haben mich geweckt. Ardacos ruft gerade die Bärinnen zu Hilfe. Er wird gegen die Römer kämpfen. Darf ich bei der Zeremonie zuschauen?«
Cunomar war noch nicht ganz vier Jahre alt und hatte erst vor kurzem die Abscheulichkeit und Ungeheuerlichkeit des Krieges zu begreifen begonnen. Ardacos war der Held, den er seit neuestem verehrte; nur sein Vater und seine Mutter nahmen in dem Pantheon seiner Götter einen noch höheren Rang ein. Der wilde Kaledonier war der Stoff, aus dem die abgöttisch verehrten Idole der Kindheit gemacht waren. Ardacos führte jenen Verband von Kriegern an, die sich der Bärin verschrieben hatten; sie kämpften immer zu Fuß und weitgehend unbekleidet, und sie waren einfach unübertroffen, wenn es darum ging, sich des Nachts unbemerkt an den Feind anzuschleichen und Jagd auf ihn zu machen. Die Schädeltrommeln in der Ferne und die beschwörende Stimme, die das Getrommel begleitete, gehörten Ardacos.
Breaca strich mit einer Hand über das seidige Haar ihres Sohnes. »Wir alle werden gegen die Römer kämpfen, aber, nein, ich glaube, die Zeremonie ist heilig und nicht für unsere Augen bestimmt, es sei denn, sie fordern uns zur Teilnahme auf. Wenn du älter bist und wenn die Bärin es erlaubt, dann kannst du dich Ardacos’ Kriegerverband anschließen und bei seinen Zeremonien mitmachen.«
Das Gesicht des Jungen, vom matten Schein der im Hintergrund flackernden Feuer erhellt, leuchtete auf. »Die Bärin wird es bestimmt erlauben«, erwiderte er, plötzlich hellwach. »Sie muss ganz einfach. Ich werde mich mit Ardacos zusammentun, und dann werden wir beide die Römer bis weit in den Ozean treiben!«
Cunomar sprach mit der Überzeugung eines Menschen, der noch nie eine Niederlage erlitten oder die Möglichkeit eines Fehlschlags auch nur in Betracht gezogen hat. Breaca brachte es nicht übers Herz, ihren Sohn zu enttäuschen. Lächelnd hob sie ihn wieder auf die Böschung hinauf. »Dann werden dein Vater und ich dir herzlich gerne ein paar Römer zum Bekämpfen übrig lassen. Aber morgen früh müssen wir erst einmal diejenigen unschädlich machen, die in der Festung hinter dem nächsten Berg sind, und bevor wir das tun können, müssen Ardacos und zwei seiner Krieger das Gelände für uns sichern. Es kann gut sein, dass er mich gleich für einen bestimmten Teil seiner Zeremonie braucht. Wenn ich zu ihm gehe, musst du aber vorher wieder ins Bett gehen. Wirst du das tun?«
»Darf ich morgen früh auf deinem grauen Schlachtross sitzen, bevor du die Römer töten gehst?«
»Ja, wenn du brav bist. Da, schau mal, dein Vater ist hier. Er wird sich um dich kümmern, wenn ich zu Ardacos gehe.«
»Woher hast du denn gewusst...« Die Miene des Jungen war von größter Bewunderung erfüllt. Er hielt seine Mutter ohnehin schon für so etwas wie eine Halbgöttin; dass sie nun auch noch das Auftauchen seines Vaters aus dem Mahlstrom der Nacht vorhersagen konnte, war in seinen Augen lediglich ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Göttlichkeit.
Breaca lächelte. »Ich habe seine Schritte gehört«, erklärte sie. »Das hat nun wirklich nichts mit magischen Kräften zu tun.« Es stimmte. Besser noch als Cunomar, besser noch als jedes andere Lebewesen erkannte sie diesen einen Menschen an seinem Schritt. Sie konnte Caradoc in dem Chaos einer Schlacht ebenso gehen hören wie in der Stille einer Winternacht und jedes Mal auf Anhieb erkennen, wo er war.
Jetzt wartete er oben auf der Böschung: eine hoch gewachsene Gestalt, die sich als dunkle Silhouette gegen den Schein der im Hintergrund brennenden Feuer abzeichnete. Sein Gesicht lag im Schatten, nur sein Haar war beleuchtet. Ein flackernder Kranz aus gesponnenem Gold umrahmte seinen Kopf, so dass er so aussah, wie Camul, der Kriegsgott, am Vorabend einer Schlacht aussehen könnte, oder auch wie Belin, der täglich die Rösser der Sonne ritt. Es war eine Nacht, die solche Fantasien geradezu förderte, ohne dass die Götter Anstoß daran nehmen würden.
Mit ganz und gar menschlicher Stimme sagte Caradoc: »Breaca? Die Bärinnen haben deinen Namen gerufen. Bist du bereit?«
»Ich denke schon. Wenn du dich jetzt um deinen Sohn kümmerst, können wir das sogar ganz genau herausfinden.« Breaca hob Cunomar in die ausgestreckten Arme seines Vaters hoch und zog sich anschließend an den Haselbuschwurzeln nach oben. »Briga schenkt mir Glück und ihre Fürsorge, falls das Glück mich verlassen sollte. Aber Mut, so scheint es, will mir keiner verleihen. Den muss ich wohl oder übel selbst aufbringen.«
Der vierte Stein war vergessen, und zwar in voller Absicht. Es ließ sich unmöglich vorhersagen, was die Götter davon halten könnten. Breaca konnte sich allerdings nicht vorstellen, dass sie von einem Kind Vergeltung dafür fordern würden, weil seine Mutter es nicht geschafft hatte, einen Stein richtig zu werfen. Ihr eigenes Schicksal war unergründbar, aber andererseits war dem ja immer so. Jeder Krieger, der mehr als eine Schlacht überlebt hatte, wusste, dass das Leben ein Geschenk der Götter war und einem jeden Augenblick wieder genommen werden konnte. Caradocs Leben war zu kostbar, als dass sie auch nur daran denken durfte. Wenn sie sich erlaubte, sich vorzustellen, dass er schwer verletzt werden oder gar sterben könnte, dann wäre sie niemals fähig, überhaupt in die Schlacht zu reiten.
Caradoc umfasste ihren Unterarm und zog sie das letzte Stück die Böschung hinauf. Aus der Nähe betrachtet glich er nun wieder einem Menschen, sein Gesicht gezeichnet von Schlafmangel und der Bürde der Verantwortung, die auf ihm lastete. Er umarmte Breaca leicht. »Die Bärinnen glauben, du hast so viel Mut, dass er für uns alle reicht. Es wäre bestimmt nicht gut, ihnen ausgerechnet heute Nacht ihre Illusionen zu rauben.«
Breaca schnitt eine Grimasse. »Ich weiß. In ihren Augen bin ich von göttlichen Kräften erfüllt und kann niemals sterben. Nur wir beide, du und ich, kennen die Wahrheit: Auch ich bin nur ein Mensch und habe an der Front genauso viel Angst wie jeder andere. Mut ist einfach zu unbeständig, als dass man ihn von einem Tag zum anderen festhalten könnte. Es ist so ähnlich, als ob man das Spiegelbild des Mondes mit einem Fischernetz einfangen wollte - das Wasser rinnt durch die Maschen, und das Licht bleibt dort, wo es war. Jedes Mal, wenn ich in eine Schlacht reite, befürchte ich, es wird die letzte sein.«
Das hätte sie nicht sagen sollen. Caradoc sah sie scharf an; der vierte Stein war nicht vollkommen vergessen, und Caradoc konnte in ihr ebenso gut lesen wie sie in ihm. »Hast du ein ungutes Gefühl, wenn du an die kommende Schlacht denkst?«, fragte er.
»Nicht mehr als sonst auch. Und es spielt auch keine Rolle. Wir haben genügend Leute im Ältestenrat von Mona, die wissen, was zu tun ist, falls einer von uns umkommen sollte. Selbst wenn die Hälfte von uns umkommt - der Krieg wird in jedem Fall auch ohne uns weitergehen.«
»Aber ich würde ohne dich nicht weitermachen wollen.« Caradoc küsste sie mit trockenen Lippen kurz auf die Wange und fügte dann, um das zuvor Gesagte zu überspielen, hastig hinzu: »Und wenn Ardacos bei seinem Unternehmen Erfolg hat, kommen vielleicht nur wenige von uns um.«
»Das können wir nur hoffen. Kümmere dich gut um Cunomar; ich kann die Bärinnen auch allein finden.«
 
An dem Berghang in einiger Entfernung vom Fluss wimmelte es nur so von Kriegerinnen und Kriegern, die damit beschäftigt waren, ihre Kriegsbemalung anzulegen, ihre Kriegerzöpfe zu flechten und an ihren Schläfen die Kriegerfedern zu befestigen, die die Götter über die jeweilige Anzahl der bereits bezwungenen Feinde informierten.
Ardacos’ Bärinnen formierten sich zu einem Kreis am Westhang des Berges, wo sie durch spät beerentragende Dornbüsche geschützt waren. Als Breaca sich dem Versammlungsort näherte, schien die Nacht plötzlich zu erwachen, erfüllt vom Rasseln und Klappern von Bärenklauen auf knochenweißen Schädeln, und es war schwierig, über das laute, arrhythmische Getrommel hinweg noch irgendein anderes Geräusch wahrzunehmen. Das unentwegte Trommeln glich einem Strom, der Geist und Seele überflutete und sie fortschwemmte an Orte, an denen Breaca nie gewesen war und wo sie auch niemals sein wollte. Älter noch als die Ahnen, sprach es direkt zu den Göttern, versprach ihnen Blut als Gegenleistung für den Sieg und forderte Mut und etwas noch Bedeutenderes als Preis dafür.
Wohl wissend, wo ihr eigener Mut an seine Grenzen stieß, trat Breaca nic Graine, in allen Stämmen als Bodicea, die Siegreiche, bekannt, in den Schein des Feuers.
Die Männer und Frauen der Bärin bildeten einen Kreis um sie herum. Am helllichten Tag hätte sie jeden Einzelnen von ihnen beim Namen nennen können. Sie waren ihre Freunde, ihre engsten Kameraden - Kriegerinnen und Krieger, für die sie im Kampf sterben würde und die ohne das geringste Zögern oder die geringsten Zweifel wiederum für sie ihr Leben opfern würden. Jetzt jedoch, nur dürftig beleuchtet von den züngelnden Flammen, hatten die tanzenden Gestalten, die sie umringten, nur noch eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit Menschen, und von Ardacos konnte Breaca überhaupt keine Spur sehen.
»Kriegerinnen und Krieger der Bärin, wir brauchen euch.«
»Trage deine Bitte vor.« Die Stimme war die eines Bären, getragen von einer Woge von Trommelklängen. »Der Bär lebt, um zu dienen, aber nur jemand, dessen Mut groß genug ist, dass er die Gefahr erkennt, darf seine Bitte vorbringen.«
»Die Götter werden meinen Mut ebenso auf die Probe stellen wie den euren.« Die Worte, ebenso wie die Rhythmen, gehörten zu einem Ritual, das noch von den Urahnen stammte, aus einer unvorstellbar lange zurückliegenden Zeit. Ihre Stimme hebend, um das laute Rasseln der Bärenklauen zu übertönen, sagte Breaca: »Wir, die wir am hellen Tag in Schlachten kämpfen, bitten diejenigen, die bei Nacht Jagd auf Menschen machen, um ihre Unterstützung. Es handelt sich um eine Aufgabe, für die niemand sonst geeignet ist. Sie ist zudem mit einer großen Gefahr verbunden, der niemand sonst trotzen kann. Wir brauchen jemanden, der den Feind aufspüren kann, jemanden, der Jagd auf ihn machen kann, und jemanden, der töten kann, ohne auch nur einen einzigen der Feinde am Leben zu lassen. Könnt ihr das? Und werdet ihr es tun?«
Der Tanz pulsierte. Die Trommelklänge rührten etwas in Breacas Innerem an, zerrten an ihrer Seele. Wogen von Leidenschaft, von Bedauern, Liebe, Verlust und Mitleid überfluteten ihr Herz. Mühsam um äußerliche Ruhe und Gelassenheit ringend, sagte Breaca abermals: »Kriegerinnen und Krieger der Bärin. Könnt ihr das? Werdet ihr es tun?«
Eine einzelne, in ein dickes Bärenfell gehüllte Gestalt löste sich aus dem Kreis der Tanzenden und schlurfte vorwärts. Es hätte ein Mann oder auch eine Frau sein können, beides oder auch keines von beidem. Mit einer Stimme, wie Breaca sie noch nie zuvor gehört hatte, sagte die bärenähnliche Gestalt: »Wir sind dazu fähig. Wir sind dazu bereit. Wir tun es.«
»Ich danke euch. Möge Nemain euch den Weg erleuchten, möge Briga euch im Kampfe Beistand leisten, und möge der Bär euch sicher in die andere Welt geleiten, wenn ihr dereinst im Sterben liegt. Ich bin euch dankbar - wirklich.«
Dieser letzte Satz war nicht von Generationen von Bittstellern vorgegeben worden, sondern stammte allein von ihr. Breaca trat ein paar Schritte zur Seite, um den Platz vor dem Feuer frei zu machen.
Auf ein gedämpftes, raues Hüsteln hin verstummten die Schädeltrommeln abrupt. Der Kreis öffnete sich, und in seine Mitte traten ein Dekurio der römischen Kavallerie und zwei Soldaten seiner Hilfstruppe. Wie auf den Befehl eines Vorgesetzten hin marschierten die drei im Gleichschritt vorwärts und blieben schließlich vor dem Feuer stehen.
Der Offizier stand ein paar Schritte vor seinen Untergebenen und war um einiges prächtiger gekleidet. Sein Umhang war von einem intensiven Dunkelrot und am Saum mit weißen Streifen verziert, und sein glänzender Kettenpanzer fing das Mondlicht ein und machte glitzernde Sterne daraus. Sein Helm ließ ihn etwas größer erscheinen, als er tatsächlich war, machte ihn aber dennoch nicht annähernd so groß wie die beiden Soldaten, die ihn flankierten und ihn um gut eine Handlänge überragten. Ihre Gesichter unter den Helmen waren mit Kalk bemalt: Dicke weiße Ringe um die Augen und schnurgerade Linien auf beiden Wangen verliehen ihnen ein gespenstisches Aussehen, das nichts Menschenähnliches mehr an sich hatte. Alle drei stanken durchdringend nach Bärenfett, Wieselurin und Färberwaid.
Sie stellten sich in einer Reihe vor dem Feuer auf. Jeder von ihnen verneigte sich leicht und zog dann etwas unter seinem beziehungsweise ihrem Umhang hervor - denn mindestens einer der als Römer verkleideten Krieger war eine Frau -, um es den Flammen zu übergeben. Die Opfergaben lösten, als sie mit dem Feuer in Berührung kamen, eine winzige Explosion aus, versprühten die grünen und blauen Funken von zu Pulver zermahlenem Kupfer und den beißenden Geruch versengter Haare. Als das Feuer kurz darauf wieder ruhig und gleichmäßig brannte, drehten sich alle drei Gestalten um und hoben ihre Kavallerieumhänge hoch, damit ihre Kameraden und Kameradinnen sehen konnten, dass sie unter den vom Feind erbeuteten Kettenpanzern, die sie zur Tarnung trugen, nackt waren und der graue Färberwaid, der ihnen ebenfalls als Schutz und zur Tarnung diente, ihre gesamte Haut bedeckte. Aus einem kleinen Einschnitt am linken Unterarm eines jeden der drei rann etwas Blut, schwarze Tropfen auf silbrig grauem Untergrund. Die Schädeltrommeln rasselten ein allerletztes Mal - Ausdruck des Wiedererkennens, der Anerkennung und der Ermutigung. Als sie schließlich endgültig verstummten, büßte die Nacht damit zugleich auch einen Teil ihres Zaubers ein.
Es fiel Breaca schwer, sich zu bewegen - es war, als ob der Erdboden unter ihren Füßen für eine Weile weicher und nachgiebiger geworden wäre und nun, da der Zauber der Nacht gebrochen war, plötzlich schmerzhaft gegen ihre Fußsohlen drückte. Breaca schüttelte ihre Benommenheit ab und entfernte sich ein Stück weit von der Szene, um den Trommlern und Tänzern den Platz vor dem Feuer zu überlassen; sie waren in einem Zustand der Entrücktheit, aus dem aufzutauchen noch sehr viel schwieriger war, so dass sie die Fremdheit noch stärker empfinden würden. Der feindliche Dekurio folgte ihr.
»Was meinst du? Bin ich ein Römer?« Der Mann legte leicht den Kopf schief, und an dieser typischen Haltung, an seiner Stimme und an seiner geringen Größe erkannte Breaca ihn.
Sie lächelte. »Ardacos, nein, niemand würde dich für einen Römer halten. Aber bis die Feinde nahe genug herangekommen sind, um die Tarnung zu durchschauen, werden sie auch schon tot sein.«
Sie legte ihre Hand auf das Heft seines Schwertes; es war der einzige Teil von ihm, den sie oder irgendjemand anderer ohne entweihende Wirkung berühren konnte, bis er seine Feinde getötet hatte oder bei dem Versuch umgekommen war. »Du weißt, wenn es mir möglich wäre, würde ich an deiner Stelle gehen.«
»Und du weißt, dass es gewisse Gebiete gibt, auf denen Bodicea unübertroffen ist, und andere, wo allein die Bärin genügt.«
Inmitten der dicken Farbschicht auf seinem Gesicht waren Ardacos’ Augen so glänzend und lebhaft wie die des Wiesels, das seine Vision war. Früher einmal war er für eine Weile Breacas Liebhaber gewesen, und er kannte sie so gut wie kaum ein anderer, kannte ihre Schwächen, die wirklichen und die eingebildeten, die sie vor der größeren Masse der Krieger stets so sorgsam zu verbergen suchte.
»Ich wäre nicht dazu fähig, die Krieger morgen den Hügel hinunterzuführen, selbst wenn ihr Leben und das meine davon abhingen«, sagte er. »Ich wäre nicht dazu fähig, mit dem Rücken zur aufgehenden Sonne zu stehen und mit der Stimme Brigas zu ihnen zu sprechen, so dass sie sich von den Göttern berührt glauben und im Stande fühlen, jede noch so große Zahl von Legionen zu besiegen. Ich wäre niemals dazu fähig, neben Caradoc über ein Schlachtfeld zu reiten und dabei den Kampfgeist und dieses wilde Feuer zu verbreiten, das in deinem Herzen brennt, so dass die Schwachen und die Verwundeten, die sich bereits verloren glaubten, plötzlich wieder neuen Mut schöpfen und kämpfen können.«
In etwas nüchternerem Tonfall fügte Ardacos hinzu: »Die Götter verleihen jedem von uns unterschiedliche Gaben. Ich könnte nicht die Bodicea sein, aber das möchte ich auch gar nicht. Und du solltest dir nicht wünschen, eine Bärin zu sein. Sei froh, dass du nicht dein ganzes Leben mit dem Gestank von Bärenfett in der Nase zubringen musst.«
Breaca rümpfte die Nase. »Meinst du nicht, dass auch ich den ständig in der Nase habe?«
»Nein. Das glaubst du zwar, aber ich weiß, dass du in Wirklichkeit keinen blassen Schimmer hast, wie scheußlich das Zeug stinken kann.« Ardacos grinste und zeigte dabei seine weißen Zähne. Auch ihm war es nicht erlaubt, irgendjemanden außer denjenigen, mit denen er die Schwüre der Nacht gesprochen hatte, zu berühren, bis zumindest der erste Feind getötet war. Daher hielt er seine Hände ganz bewusst weiterhin über seinem Schwertgürtel verschränkt. »Wir müssen gehen, solange die Nacht noch bei uns ist. Die Römer sind Schwächlinge; nachts, wenn es finster ist, trinken sie Wein, um sich Mut zu machen.« Etwas formeller fügte er hinzu: »Sei guten Mutes. Wir können nicht scheitern.«
»Und wenn ihr doch versagen solltet, wird der Bär euch holen.«
»Natürlich. Das ist das Versprechen, das wir geben. Aber es ist ein gerne gegebenes Versprechen.« Ardacos wandte sich so rasch ab, dass sein Umhang um ihn herumflatterte. »Warte am Feuer auf mich. Wir werden nicht lange nach Tagesanbruch zurückkehren.«