Anmerkung der Autorin
Für die Einzelheiten dieser Phase der römischen
Besetzung von Britannien schulden wir fast all unseren Dank
Tacitus. Ohne seine Darstellung von Scapulas Entmachtung der
östlichen Stämme und der Ereignisse, die den Verrat, die
Gefangennahme und die Begnadigung Caradocs/Caratacus’ begleiteten,
erschiene dieser Teil der Geschichte eher wie ein dichter Nebel,
der durch gelegentliche archäologische Funde nur noch verwirrender
geworden wäre. Natürlich aber hatte Tacitus nicht für ein modernes
Publikum geschrieben, sondern für ein Rom, das knapp fünfzig Jahre
nach den Ereignissen, die er beschrieb, existierte. Eine seiner
Hauptquellen war sein Schwiegervater, Agricola. Allerdings war auch
dieser zur Zeit von Scapulas Herrschaft nicht in Britannien
gewesen. Zwar mögen Tacitus andere persönlich von ihren
Erinnerungen berichtet haben, vermutlich aber stammt ein Großteil
seiner Informationen aus den militärischen Protokollen direkt vom
Schlachtfeld. Wie uns die jüngsten Erfahrungen von miteinander im
Krieg befindlichen Staaten jedoch lehren, tragen auch Kampfberichte
ihre ganz eigene, zuweilen stark akzentuierte Handschrift, die
darauf ausgelegt ist, den Angreifenden im bestmöglichen Licht
erscheinen zu lassen und die Gegenseite im schlechtesten. Wenn ein
General nun berichtet, dass der Feind mit einer Heftigkeit kämpfte,
die alles andere, was man bisher erfahren hatte, noch übertraf,
kann man selbst heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert, guten
Gewissens davon ausgehen, dass dies eher eine Entschuldigung für
die empfindlichen Verluste auf der Seite dessen ist, der diesen
Bericht gerade schreibt. Und höchstwahrscheinlich liegen diesen
Verlusten wiederum einige ernsthafte taktische Fehler zugrunde. Es
scheint mir daher nur wahrscheinlich, dass die gleichen
Unterstellungen auch für einen Bericht zutreffen, der im ersten
Jahrhundert nach Christi Geburt für einen Kaiser verfasst wurde,
der nicht gerade für seinen Großmut bekannt gewesen war und wo die
Bestrafung von Fehlern schlimmere Konsequenzen hatte, als von der
feindlich gesinnten Presse ausgepfiffen zu werden.
Selbst ohne die in den Primärquellen enthaltene
Voreingenommenheit wäre es zudem naiv zu glauben, dass nicht auch
Tacitus dem Bericht noch seine eigene Sichtweise hinzugefügt hätte;
und wenn man die Ereignisse an der westlichen Front bedenkt,
gesteht selbst Tacitus bereits ein, dass er die Geschehnisse von
mehreren Jahren zu einer einzigen kurzen Erzählung zusammengefasst
hat, um sie verständlicher zu machen. In Rom gesteht er Caradoc
sogar einen in all seiner Kürze geradezu druckreifen Dialog zu,
voller Andeutungen für ein Publikum, das noch nicht einmal geboren
war. Die Herausforderung für eine Belletristikautorin von heute ist
es nun, die alten Schriften nach jenen Kernpunkten zu durchsuchen,
die durchaus plausibel erscheinen, und von diesen dann die
Motivation für das Handeln all jener abzuleiten, die in die
Geschehnisse miteingebunden sind.
In dieser Hinsicht sind andere Autoren sehr
erfinderisch. Sueton beispielsweise gibt uns einen Einblick in die
Gefühlswelten der verschiedenen Darstellungen Caesars, und ist mit
Sicherheit der Verlässlichste von jenen, die ein gewisses
Verständnis von Claudius gehabt haben mögen. In den vergangenen
Jahren hatte dieser Kaiser von der recht freundlich gesonnenen
Rehabilitation profitiert, die von Robert Graves und Derek Jacobi
herausgegeben wurde, und die Gaius/Caligulas Nachfolger als einen
wohlmeinenden Schwachkopf stilisiert, der lediglich umgeben war von
intrigierenden Verrückten. Suetons Bericht ist da weniger
liebreizend: Sein Claudius ist ein berechnender Erbsenzähler mit
einem deutlichen Hang zum Sadismus gewesen, der wiederum nur durch
einen überaus starken Selbsterhaltungsinstinkt ausbalanciert worden
war sowie eine sehr gesunde (und gerechtfertigte) Paranoia. Zwar
war Claudius nicht von so offensichtlicher Geisteskrankheit
befallen wie Caligula, doch dauerte dafür seine Herrschaft auch
länger an und unter dieser starben weitaus mehr Untertanen, Sklaven
und gefangen genommene Feinde in den Palästen oder dem Zirkus als
unter irgendeinem anderen Kaiser vor ihm. Ebenso scheint es
Hinweise darauf zu geben, dass Nero trotz all seiner Anmaßungen
versucht hatte, den Exzessen des öffentlichen Sadismus, zu denen
sein Stiefonkel angestiftet hatte, Einhalt zu gebieten.
Wenn wir Tacitus darin folgen, dass Claudius
Caradoc tatsächlich begnadigt hat, bleibt noch immer die Frage
bestehen, warum dieser Mann, der den langsamen Tod seiner Feinde so
offensichtlich genossen hat, dies getan haben mochte. Es ist
möglich, dass Caradoc lediglich diese eine, seelenvolle Ansprache
hielt und damit sowohl sein eigenes Leben rettete als auch das
seiner Familie, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich. Die Antwort
liegt nach meinem Gefühl eher in Claudius’ unnachahmlichem
Lebenswillen, und folglich musste es irgendeine Bedrohung gegeben
haben, real oder erfunden, durch die sich Caradoc schließlich sein
Leben zurückerkaufte. Möglicherweise hat diese anders ausgesehen,
als ich es beschrieben habe, aber zumindest im Zusammenhang dieser
Erzählung ergibt sie einen Sinn.
Darüber hinaus sollte aber ohnehin noch einmal
daran erinnert werden, dass all dies reine Fiktion ist. Das
Grundgerüst der abgesicherten Fakten ist sehr dünn und
fragmentarisch, und die Fantasie, die schließlich darum gewoben
wurde, soll vor allem die dazwischen bestehenden Lücken so
ansprechend wie möglich wieder auffüllen. Der Leser möge keines
dieser Details als feste Tatsache verstehen, denn das werden sie
niemals sein können.