XIX
Auf Befehl des Kaisers Tiberius Claudius Drusus
Nero Germanicus Britannicus, überbracht durch seinen begnadigten
Sklaven Narcissus, stachen von der Flussmündung des größten der
östlich gelegenen Flüsse im Norden der Provinz Britannien zwei
hochseetüchtige Getreidefrachter in See. Seine kaiserliche Hoheit
war sich der enormen Gefahren, die diese Ozeanbefahrung barg,
vollauf bewusst - denn obgleich er während der Eroberungszüge in
Richtung Britannien lediglich eine einzige Seereise erlebt hatte,
so hatte er bei dieser Gelegenheit doch gleich den Zorn der
Herbststürme zu spüren bekommen. Um das Risiko dennoch so gering
wie möglich zu halten, traten die beiden Schiffe ihre Reise mit
einem Sicherheitsabstand von drei Tagen an. Zudem hatte man bei der
Auswahl des Abreisetages streng darauf geachtet, dass das Datum
sowohl die Zustimmung der Auguren als auch die der
Schiffsbesatzungen fand. Sie hatten sich für den langen Seeweg
entschieden, der sie zunächst um die Südküste der Insel und entlang
der Westküste von Gallien führte, um dann zwischen der Iberischen
Halbinsel und der Nordküste von Mauretanien hindurch geradewegs auf
Italien zuzusteuern. Des Nachts und in aller Heimlichkeit
erreichten sie schließlich den römischen Hafen Ostia; dieser war
erst kürzlich wieder aufgebaut und neu befestigt worden, und zwar
von demselben Kaiser, der ihnen auch die Reise dorthin befohlen
hatte.
Beim Einlaufen in den Hafen wurde jeder der
Frachter von je einer halben Hundertschaft der ersten Kohorte der
batavischen Gardekavalleriebrigade in Empfang genommen, die
ausschließlich aus handverlesenen Männern bestand. Diese Männer
waren bekannt für ihre unerschütterliche Treue zu ihrem Kaiser, und
besaßen die nicht zu unterschätzende, bereits hart erprobte
Eigenschaft, selbst in sturzbetrunkenem Zustand noch ihren Befehl
auszuführen. Jeder der beiden mit Planen abgedeckten Getreidewagen,
welche die kostbare menschliche Fracht beherbergten, wurde über die
gesamte Strecke der achtundzwanzig Kilometer bis nach Rom von einer
dieser Spezialeskorten begleitet. Auf dem Palatin angekommen,
brachte man die Gefangenen im Schutz der Dunkelheit in einem gut
gesicherten Anbau hinter den Bedienstetenunterkünften des
kaiserlichen Palastes unter. Begrüßt wurden sie von dem ehemaligen
Sklaven Narcissus und zwei weiteren freigelassenen Sklaven:
Callistus, dem die Aufsicht über die öffentliche Schatzkammer
übertragen worden war, und Polybius, dem geistlichen Sekretär und
Liebling der Kaiserin Agrippina. Bei Eingang der zweiten Fuhre
jedoch war medizinische Hilfe vonnöten. Nach sorgfältiger Abwägung
des Für und Wider und auf den ausdrücklichen Befehl von Narcissus
wurde schließlich der Leibarzt des Kaisers, Xenophon von Kos,
geweckt und angewiesen, sich um einige der neu angekommenen
Gefangenen zu kümmern. Die daraufhin von Xenophon erteilten
Anordnungen wurden aufs Genaueste befolgt. Im kaiserlichen Palast
hatten weder das Wort der ehemaligen Sklaven noch das des Arztes
Befehlsgewalt; beide Seiten aber waren um eine gütliche
Zusammenarbeit bemüht.
Nur langsam erwachte Dubornos aus seinen
verschwommenen, wenig angenehmen Träumen, in denen er sich
verzweifelt darum bemühte, zu den Göttern zu gelangen, die er doch
nicht finden konnte. Der Platz, den sie einst in seiner Seele
eingenommen hatten, war leer, ähnlich einem Haus, das schon seit
einiger Zeit nicht mehr bewohnt wurde und vor dessen Mauern er nun
vergeblich rief. Ganz still und reglos lag er auf einer aus hartem
Holz gezimmerten Pritsche und nahm erst nach und nach wieder die
ihn umgebende Welt wahr. Eine kleine Weile verstrich, während der
er sich wunderte, dass das Meer auf einmal so still geworden und
die spöttischen Möwen verstummt waren. Sein Verstand bebte noch
immer in dem Übelkeit erregenden Rhythmus der letzten Wochen, sein
Körper jedoch versagte dieser Illusion bereits die Gefolgschaft.
Stattdessen hatten seine Sinne in der scheinbar plötzlichen Stille
ganz andere Dinge bemerkt: Noch immer quälten ihn die Schmerzen,
jedoch weniger stark als zuvor; zudem war er nicht mehr nackt, und
auch die schweren Eisenringe um seine Handgelenke, seine Fußknöchel
und seinen Hals waren entfernt worden; die Luft roch nicht mehr
nach schimmelnder Kloake, sondern nach Staub und feuchten
Umschlägen und einer Salbe aus Olivenöl. Dubornos bewegte seine
Finger und stellte fest, dass der leichte Druck auf seinen
Unterarmen nicht länger von den Eisen herrührte, sondern von
Verbänden, und er erinnerte sich sogar an die Hände jenes Arztes,
der ihm sowohl die Salbe aufgetragen als auch die Verbände angelegt
hatte. Der Mann war sehr geschickt gewesen, hatte die eitrigen,
durch das unablässige Scheuern der Eisenringe hervorgerufenen
Wunden an Dubornos’ Handgelenken, seinen Schlüsselbeinen und seinen
Fußgelenken mit großem Feingefühl behandelt. Später dann hatte es
heißes Essen gegeben, das Dubornos sehr willkommen gewesen war, und
danach wiederum Wein, den er jedoch lieber nicht genossen
hätte.
Einst, in einem früheren, leichteren Abschnitt
seines Lebens, hatte Dubornos geschworen, niemals Wein zu sich zu
nehmen. Andererseits jedoch hatte er damals auch geschworen, dass
er immer und unter allen Umständen - notfalls sogar mit seinem
eigenen Leben - das Wohlergehen der Kinder der Bodicea verteidigen
würde. Und zumindest in Letzterem hatte er ja schon einmal
gründlich versagt. Verglichen damit erschien ihm der Genuss des
Weins seiner Feinde also nur noch als ein minder schweres Vergehen.
Doch außer Traubensaft waren in dem Wein noch andere Substanzen
enthalten gewesen. Er erinnerte sich gut an den bitter-würzigen
Geschmack, den das Opium auf seiner Zunge hinterlassen hatte, und
an die darauf einsetzenden Visionen. Verschwommene Träume zogen ihn
zurück in ihre Gewalt.
Als er das nächste Mal erwachte, brannten bereits
wieder die Lampen, und ihr gleichmäßiges Licht erleichterte ihm die
Rückkehr in die Realität. Die körperliche Mattheit, die ihn noch
für kurze Zeit umfangen hielt, war ein Segen gewesen, denn für
einen flüchtigen, wundervollen Augenblick hatte sich sein Verstand,
hellwach und unbehelligt von den Schmerzen seines Körpers,
plötzlich daran erinnern können, wer er war - wenngleich auch
nicht, wo er sich eigentlich gerade befand oder warum er dorthin
gelangt war. Doch dann, schlagartig und mit niederschmetternder
Klarheit, kehrten auch die gesammelten Erinnerungen an die letzten
fünfzehn Tage zurück; anschließend lag Dubornos einfach nur noch
reglos da, betrachtete das gnadenlose Schwarz hinter seinen
geschlossenen Augenlidern und versuchte, trotz der ihn
erschütternden, Übelkeit erregenden Angst ruhig weiterzuatmen.
Plötzlich, ganz unvermittelt, stieg aus den Tiefen seiner Brust ein
Stöhnen auf - aber Dubornos biss energisch die Zähne zusammen, um
den Laut zu unterdrücken. Anschließend verzog er sein Gesicht zu
einem schiefen, halbherzigen Grinsen und gratulierte sich damit
quasi selbst zu dieser kleinen, aber erfolgreichen Geste des
Aufbäumens gegen die Verzweiflung.
Er atmete mehrmals tief ein und aus, während er
sich wieder zu beruhigen versuchte. Er war Dubornos mac Sinochos,
Krieger der Eceni, Krieger von Mona - und folglich würde er selbst
im Angesicht des Feindes keine Furcht zeigen. Darüber hinaus war er
auch noch ein Sänger von erstem Rang - der Tod war praktisch sein
Verbündeter. Im Laufe seiner Ausbildung hatte er sogar die
schwierigste aller Prüfungen, die den Sängern auferlegt wurden,
bestanden: Er hatte in einem Eichensarg gelegen, während Maroc,
Airmid und Luain mac Calma ihn mit Erde bedeckt und schließlich in
jene Grube hinabgelassen hatten, die er zuvor eigenhändig
ausgehoben hatte. Drei Tage und drei Nächte lang war er darin ganz
still liegen geblieben, war so vollkommen in der Simulation des
Todes versunken gewesen, dass die Grenzen zwischen seiner Welt und
der anderen schließlich zu einem Nichts zusammenschrumpften. Als
sie ihn bei Mondaufgang am Abend des dritten Tages dann wieder
ausgruben, hatte Dubornos gar nicht mehr zurückgewollt. Denn
inzwischen war Briga seine Gefährtin geworden und der Tod, den sie
ihm bot, sein engster Vertrauter. In der Ewigkeit der Dunkelheit
war er wieder und wieder über jene zahllosen Pfade gewandert,
welche die Seelen der Toten auf ihrer Reise von dieser Welt in die
andere beschritten - und auf diesen Wanderungen hatte Dubornos
einen Frieden erfahren wie in seinem ganzen bisherigen Leben noch
nicht.
Daraufhin hatte Airmid zwei Tage lang und in aller
Abgeschiedenheit mit Dubornos arbeiten müssen, bis er wieder ganz
in die Welt der Lebenden zurückgekehrt war. Die dadurch entstandene
Nähe zu Airmid und der Schmerz, der mit dieser Nähe einherging,
waren, so dachte Dubornos, einer der Gründe, weshalb er nicht hatte
zurückkehren wollen. Er bat also Luain mac Calma und Maroc und
Efnís, dass einer von ihnen Airmids Aufgabe übernehmen möge. Doch
keiner von ihnen war seiner Bitte nachgekommen, was Dubornos ihnen
allen sehr übel genommen hatte. Später jedoch, während der kurzen
Augenblicke der echten Freude, die Dubornos’ Leben wie kleine
Farbtupfer erhellten, begann er nach und nach zu begreifen, welch
außergewöhnlichen Liebesbeweis Airmid ihm mit diesen beiden
gemeinsamen Nächten zum Geschenk gemacht hatte - und er empfand
schließlich eine tiefe Dankbarkeit.
Airmid hatte Dubornos zunächst gezwungen, die ganze
Nacht über aufzubleiben und sich mit ihr über ihre gemeinsame
Kindheit zu unterhalten - scheinbar endlose Gespräche. Dubornos
hatte sich energisch dagegen gewehrt und überhaupt, Briga war da
doch deutlich weniger herzlos. Entsetzt aber musste Dubornos
schließlich feststellen, dass Airmids Wille stärker war als der
seine und der der Göttin zusammen, denn Airmid hatte ihn gefesselt:
mit Salbeirauch und mit einem Seil, gesponnen aus den unzähligen
Erinnerungen an sein bisheriges Leben. Sie ließ ihn einfach nicht
mehr los. Später dann waren sie zusammen über die sanften Hügel von
Mona gewandert, und Airmid hatte ihm befohlen, alles Essbare, was
sie fanden und welches von gelber Farbe war, hinunterzuschlucken.
Gelb, die Farbe der Sonne, des Tages, des Lebens. Es war Hochsommer
gewesen zu jener Zeit, und die vom Wind zerzausten Wiesen waren nur
so übersät von gelben Sprenkeln. Er hatte Blumen und Pilze
gekostet, von denen er mit Sicherheit wusste, dass sie giftig
waren. Dennoch war er nicht daran gestorben. Anschließend hatte
Airmid Dubornos geheißen, in einem kleinen Teich voller spitzer
Steine am Fuße eines Wasserfalls zu baden. Etwas später stieg sie
zu ihm in das eisige Wasser, zog seinen nackten Körper an den ihren
heran, bis Dubornos das Herz brach und ein Damm in seinem Inneren
nachgab, so dass er weinte und seine Tränen zu einem Strom
anschwollen, bis schließlich alle Tränen geweint waren. Nach diesem
Bad war Dubornos nackt an Airmids Seite eingeschlafen, und es
erfüllte sich damit - zumindest in Teilen - sein lebenslanger
Wunschtraum.
Als Dubornos erwachte, lag sein Kopf auf Airmids
Knien; beide waren sie wieder angekleidet. Airmid zupfte
spielerisch die Kletten aus seinem Haar, und in ihren Worten
schwang die tiefe, vibrierende Stimme der Göttin mit.
»Es ist nicht der Tod, den du fürchtest, was auch
immer dir dein Körper in den Schrecken deiner ersten Schlacht
erzählt haben mag, Sohn von Sinochos. Es ist das Leben. Um ein
wirklicher Sänger zu sein, musst du den Fluss wie eine Brücke
überspannen und mit beiden Seiten gleichzeitig verbunden sein. Dein
einer Fuß muss mitten im Leben stehen, als Gegengewicht zu dem
anderen, den du in das Totenreich gesetzt hast. Es ist genauso
wichtig, die Neugeborenen in dieser Welt willkommen zu heißen, wie
die kürzlich Verstorbenen in der Nebenwelt zu begrüßen. Beide
Aufgaben müssen mit der gleichen Hingabe erfüllt werden. Kannst du
das schaffen?«
Airmid war wunderschön; das hatte Dubornos schon
immer gedacht, selbst als sie noch Kinder mit aufgeschürften Knien
gewesen waren und Airmid auf ihrem Arm die grüne Froschtätowierung
trug, die sie als »anders« auswies. Nun, im Abendlicht, war sie die
zum Leben erwachte Nemain, die ihn liebevoll anlächelte. Zwar hatte
er ihren Worten keinen Glauben geschenkt, denn jeden Tag wieder
musste er mit der Scham, den die Furcht vor dem Tod ihm auferlegt
hatte, kämpfen. Dennoch hatte er ihr Lächeln erwidert und
geantwortet: »Ich kann es versuchen.«
In den vier Jahren, die seitdem vergangen waren,
hatte er stets sein Bestes gegeben und war dennoch nicht immer
erfolgreich gewesen. Während seines Aufenthalts in den Bergen, die
sich über dem Tal der Lahmen Hirschkuh erhoben, hatte er sich noch
einzureden versucht, dass er sich nur deshalb noch einmal für das
Leben statt für den Tod entschieden hatte, weil er glaubte, dass
das Wissen darum, dass seine Kinder lebten, Caradoc dazu verhelfen
würde, den letzten, entscheidenden Sieg davonzutragen. Außerdem
hatte Dubornos sich - selbstsüchtigerweise - danach verzehrt, die
Reaktion des Dekurio der Kavallerie zu sehen, wenn Caradoc an der
Spitze von Venutios’ dreitausend Mann starkem Heer in die
zerschlagenen Überreste von Scapulas Legionen einfiel. Durch seine
Eindrücke in dem riesigen, überfüllten Zeltlager der Briganter,
durch die Begegnung mit Cartimandua, die ihnen ein Leben in
Aussicht gestellt hatte, das noch um ein Vielfaches schlimmer
gewesen wäre als der Tod, und zuletzt durch den Anblick des
blutüberströmten, in Ketten gelegten Caradoc hatte Dubornos jedoch
eines ganz deutlich erfahren müssen: Seine enge Verbundenheit mit
seinem Volke und die Kraft, die ihm diese ursprünglich verliehen
hatte, begann zu schwinden. In den langen Phasen der
fortschreitenden Ermüdung zwischen der einen Erniedrigung und der
nächsten dämmerte dem Sänger langsam die Wahrheit hinter Airmids
Worten: Er hatte sich in der Tat niemals vor dem Tod gefürchtet,
sondern vielmehr vor dem, was ihm seine ureigene Kraft rauben
würde, vor dem, was seine Glieder erzittern und was ihn vor Angst
weinen lassen würde wie ein Kind. Er fürchtete sich nicht vor dem
Tod selbst, sondern vor dem, was ihm den Tod brachte: vor den
Qualen.
Dubornos durchlitt nun das Schicksal vieler
Soldaten: Nach außen hin kann ein Krieger zwar jederzeit den
Eindruck der ruhigen Gelassenheit bewahren, vielleicht sogar im
Angesicht der Gefahr noch ein wenig Humor zeigen; die Funktion
seiner Eingeweide jedoch hatte noch kein Mensch bezwingen können.
Im Lager der Briganter hatte es diesbezüglich noch die Illusion von
Privatsphäre gegeben: Dort war dafür gesorgt worden, dass die
Männer bei der allmorgendlichen Entsorgung der fauligen Schlacken
ihrer Körper zumindest ein Minimum an Abgeschiedenheit vorfanden.
Auf einem Schiff dagegen wurde einem selbst dieser letzte Rest an
Menschenwürde abgesprochen. Zudem waren sie von Caradoc getrennt
worden, denn der war bereits mit einem früheren Schiff
abtransportiert worden und nach allem, was sie erfahren hatten, nun
womöglich gar schon tot. Dubornos, Cwmfen, Cygfa und Cunomar hatten
also ohne Caradoc unzählige Tage in dem dunklen, von Ratten
bevölkerten Kielraum eines Handelsschiffes ausharren und auf
schmierigen, übel riechenden Planken schlafen müssen. Essen und
Trinken war ihnen ganz nach Lust und Laune der Soldaten der
Hilfstruppen, die als ihre Wachen fungierten, zugeteilt worden, und
den Weg zu den Eimern für ihre Exkremente hatten sie sich ertasten
müssen.
Zwar hatte es keiner für nötig befunden, darüber
auch nur ein Wort zu verlieren, die beiden Erwachsenen aber,
vielleicht sogar auch die beiden Kinder, hatten von Anfang an
gewusst, dass diese schreckliche, den Verstand betäubende Qual
nicht allein ihr Schicksal war, sondern das vieler. Aus diesem
Wissen hatten sie ein wenig Kraft geschöpft. In der ersten Nacht,
nachdem auf dem Schiff alles ruhig geworden war, hatte Dubornos mit
einem Ohr an die hölzerne Bordwand des Schiffes gepresst dagelegen
und Mannanan, dem Herrn der Meere, gelauscht, wie dieser weniger
als eine Armeslänge von ihm entfernt leise flüsterte und gurgelte.
In der Stille seines Herzens hatte Dubornos ihn damals gebeten, sie
alle in den Tiefen der See versinken zu lassen, bis sich nicht eine
Menschenseele mehr an sie erinnerte.
Cunomar hätten sie dann auch tatsächlich beinahe
verloren, wenngleich auch nicht an den Gott der Meere. Als sie die
gallische Küste südwärts entlangsegelten, hatte der Junge begonnen,
sich in einem Besorgnis erregenden Maße zu erbrechen. Doch erst als
er blutigen, flüssigen Kot von sich gab, begriffen sie, dass
Cunomar unter etwas Ernsterem als der Seekrankheit litt. Der
Schiffsarzt gehörte zur römischen Armee, ging recht grob zur Sache
und hatte auch nur eine begrenzte Auswahl an Arzneien dabei.
Nichtsdestotrotz tat er sein Möglichstes, denn seine Anweisungen
waren eindeutig gewesen: Er hatte die Gefangenen der Rechtsprechung
des Kaisers lebend auszuliefern. Der Preis, den er ganz persönlich
dafür zu zahlen hätte, wenn er versagte, war unvorstellbar.
Diesen Gedanken immer in seinem Hinterkopf
behaltend, hatte der Schiffsarzt also schließlich zerstoßene
Ulmenrinde und Opium herbeigeschafft, um damit Cunomars Erbrechen
und den Durchfall zu lindern, und er hatte ihnen sogar eigenhändig
frisches Wasser gebracht. Auf Dubornos’ Vorschlag hin hatte er
außerdem befohlen, dass die Eimer für ihre Exkremente zweimal
täglich geleert wurden, und er hatte sie auf eines der mittleren
Decks in eine Art Vorratskammer verlegen lassen, in der sich eine
Luke befand, die sich öffnen ließ und ihnen Licht und frische Luft
bescherte.
Licht und Luft; kostbare Güter, die sie einst -
unvorstellbarerweise - für selbstverständlich gehalten hatten. Zum
ersten Mal seit vielen, vielen Tagen genossen sie nun das salzige
Meer in all seiner Schwindel erregenden Reinheit. Die Schärfe
dieser Luft hatte sie niesen lassen, und das Niesen belebte auch
wieder die schmerzenden Wunden an ihren Hälsen, wo die schweren
Eisenringe ihre Haut aufgescheuert hatten. Sie weinten stumm,
verbargen ihre Tränen voreinander, ganz so, als ob dem noch immer
irgendeine Bedeutung zugekommen wäre. Und auch das Licht war ein
zwiespältiger Segen gewesen. Die Dunkelheit hatte die eiternden
Geschwüre unter ihren Eisenketten verborgen, hatte die skelettartig
abgemagerten Körper der Kinder versteckt - in kurzer Zeit hatten
sie so sehr an Gewicht verloren - und auch die Falten der Sorge und
der Verantwortung, die sich bereits tief in die Gesichter der
Erwachsenen eingegraben hatten. Sie hatten sich abgewechselt, um
mit dem Kopf unter der Luke zu liegen und hinauf in den sich stetig
verändernden Himmel zu starren, denn dies war immer noch besser,
als sich gegenseitig anzusehen und daran erinnert zu werden, zu was
sie verkommen waren. Am Abend, als es sich nicht mehr länger
vermeiden ließ, hatte Dubornos schließlich herausgefunden, was
Cygfa und Cwmfen bis dahin vor ihm verheimlicht hatten: Während sie
die südwestliche Spitze der iberischen Halbinsel umrundeten, hatte
bei dem Mädchen die erste monatliche Blutung eingesetzt, und sie
war dabei, sich zur Frau zu entwickeln.
Diese Neuigkeit war schlichtweg niederschmetternd
gewesen. Gerade, als Dubornos gedacht hatte, dass sie nun nicht
mehr tiefer sinken könnten, hatten ihm die Götter wieder einmal das
Gegenteil bewiesen. Von dem Augenblick ihrer Gefangennahme an war
Cygfa dem Vorbild ihrer Eltern gefolgt, indem sie eine schlichtweg
unanfechtbare Würde zur Schau getragen hatte. Und nur zweimal war
diese Fassade in sich zusammengebrochen; einmal im Lager der
Briganter und dann noch einmal auf dem Boot, als ein
Legionsschreiber sie geradeheraus gefragt hatte, ob sie noch
Jungfrau sei. Cygfa hatte nicht darauf geantwortet, sondern
lediglich mit eisiger Geringschätzung über ihre Köpfe
hinweggeblickt, bis alle verstummten. Keiner hatte die Frage noch
einmal wiederholt, und die schließlich einsetzende Reaktion des
Mädchens, die Blässe und das Zittern, verliefen ungesehen von den
Augen des Feindes.
Schweigend verbargen sie auch die Tatsache, dass
Cygfa zur Frau heranreifte. Dies hatte jedoch eine Wirkung auf
Cygfas Seele, die ähnlich zerstörerisch war wie die Wirkung der
Ruhr im Körper ihres Bruders. Dubornos hatte ihr all seine Hilfe
angeboten. Als Sänger besaß er die Berechtigung, die
Eröffnungsriten der drei langen Nächte in der Einsamkeit zu
vollziehen, den Weg von der Kindheit hinüber zum Erwachsenendasein,
und in Ermangelung eines anderen, der diese Aufgabe hätte
übernehmen können, hatte er sich rasch, aber sorgfältig darauf
vorbereitet und war willens, sein Bestes zu geben, um Cygfa die
heilige Zeremonie erleben zu lassen. Zwar würde dies alles nicht
ganz so ablaufen, wie es eigentlich ablaufen sollte, doch Dubornos
hatte geglaubt, dass er dem Mädchen mit Cwmfens Hilfe durchaus eine
echte Vision hätte eröffnen können; dass sie als Kind hätte
einschlafen können und als Frau wieder erwacht wäre und in der
Nacht dazwischen zumindest ein leises Flüstern der Götter vernommen
hätte. Doch Cygfa hatte dies Angebot mit derselben kühlen Ablehnung
ausgeschlagen, mit der sie auch dem Legionsschreiber geantwortet
hatte, und Dubornos hatte sein Angebot kein zweites Mal an sie
herangetragen. Stattdessen hatte er ihren Rückzug in sich selbst
beobachtet, hatte gesehen, wie sie langsam eine schützende Schale
gegen die Außenwelt aufbaute. Das schien sie sogar recht
erfolgreich geschafft zu haben, und in gewissem Sinne bewunderte er
damals Cygfas Willensstärke. Ihre unbeugsame Zartheit jedoch
beunruhigte ihn mehr, als wenn sie geweint hätte.
Die härteste Probe aber hatte sich ihnen erst
später in einem schlecht beleuchteten Krankenzimmer des
kaiserlichen Palastes gestellt. Dort war Cygfa abermals die Frage
gestellt worden, ob sie noch ihre Jungfräulichkeit besäße. Der
Fragende war diesmal jedoch keiner der Legionsschreiber gewesen,
sondern Polybius, der geistliche Sekretär und einer der sechs
mächtigsten Männer im Lande. Seine Befehle konnten nur durch den
Kaiser persönlich aufgehoben werden - und dieser befand sich noch
in seinem Bett. Als auch Polybius’ Frage unbeantwortet verhallte,
hatte dieser lediglich mit den Fingern geschnippt und dem Arzt
befohlen, Cygfa zu untersuchen.
Offensichtlich widerstrebend hatte Xenophon Cygfa
auf einem hölzernen Tisch und in Gegenwart von Cygfas Mutter und
den bewaffneten Wachen dann schließlich untersucht. Cygfa hatte
sich weder dagegen gewehrt, noch hatte sie geweint, als der Arzt
vor den versammelten Wachen, den Legionsschreibern und den
befreiten Sklaven Cygfas Jungfräulichkeit verkündete. Dubornos
jedoch, der sich daraufhin wieder aus der Betrachtung der
bildlichen Darstellung des Ios auf der gegenüberliegenden Wand
löste, glaubte, beobachtet zu haben, wie in diesem Augenblick die
Flamme in Cygfas Seele ein wenig von ihrer Helligkeit verlor, und
er fürchtete, dass sie fortan nie wieder so hell leuchten würde wie
zuvor. Kurze Zeit später war ihnen der Wein angeboten worden, den
er dann in der verzweifelten Hoffnung auf seliges Vergessen
getrunken hatte.
Ein Sänger orientiert sich in seinem Leben in
erster Linie anhand von Klängen, alle anderen Sinne sind bei ihm
nur von zweitrangiger Bedeutung. Und obwohl sich Dubornos’ Magen
bei der Erinnerung an Cygfas aschfahles Gesicht prompt wieder
zusammenkrampfte, lauschte er zugleich aufmerksam und sondierte im
Geiste bereits schon wieder die gedämpften Geräusche des
heraufziehenden Morgens von dem um ihn herum herrschenden Gemurmel.
Ohne die Augen zu öffnen stellte er fest, dass er sich in einem
kleinen, überfüllten Zimmer befand, das weder jenes Krankenzimmer
war, in welchem Cunomar behandelt und Cygfa durch den Arzt entehrt
worden war, noch das unterirdische Gefangenenverlies, in das sie
zuerst hineingeführt worden waren. Das Krankenzimmer hatte sich in
der Nähe der Hauptgebäude des Palasts befunden, und die Böden waren
blank poliert gewesen, so dass die Geräusche wie Tageslicht von
ihnen reflektiert wurden. Der zweite Raum war eng und stickig
gewesen, und die einzelne Lampe hatte geradezu hörbar vor sich
hingeflackert, wie offenbar bereits seit etlichen Jahren, denn die
Wände waren ganz grau gewesen vor lauter Ruß, und die Luft hatte
nach ranzigem Schafsfett gerochen.
An diesem neuen Ort waren die Steine der Mauer so
dicht aneinander gefügt worden, dass der Luftzug seines Atems
wieder von ihnen abprallte und leicht durch sein Haar streifte. Das
leise Knacken und Knistern brennender Kohlen zu seiner Rechten und
zu seiner Linken erzählte Dubornos von mindestens zwei Kohlebecken,
die in den Ecken des Raums glühten. Die Lampen darüber waren mit
besserem Öl als Schafsfett gefüllt und auch erst kürzlich mit
Feuerstein und Zunder entflammt worden - ihr scharfer Geruch
schwebte noch immer in der Luft.
Die einzige Tür in diesem Raum befand sich rechts
hinter Dubornos. Neben der Tür standen zwei Wachen. Der Mann auf
der Linken litt an einer fest sitzenden Nasennebenhöhlenentzündung,
und sein Atem ging pfeifend, während der andere so gleichmäßig und
flach atmete wie jemand, der sich in dem Dämmerzustand kurz vor dem
Einschlafen befindet. Beide gehörten zur berittenen Garde, also zu
den zahlreichen germanischen Stammesangehörigen, die ihr Haar über
dem linken Ohr zu einem so genannten Kriegerknoten
zusammengeschlungen trugen. Ihrem Ruf nach, das hatte sich sogar
bis nach Mona herumgesprochen, waren dies die Männer, die Claudius
zur Macht verholfen hatten und zugleich sicherstellten, dass sie
ihm auch erhalten blieb. Die Römer hielten sie für ein wenig
stumpfsinnig und beschränkt, dennoch aber fürchteten sie sie als
nur schwer unter Kontrolle zu haltende Wilde. Dubornos, der diese
Männer am vergangenen Abend eine Weile hatte beobachten können, war
zu der Ansicht gelangt, dass beide Einschätzungen sowohl begründet
als auch zutreffend waren.
Dubornos wollte sich gerade auf die Seite drehen,
als er das langsame, leise Atmen eines dritten Mannes vernahm.
Dieser saß hellwach und aufmerksam auf der anderen Seite des Raums.
Zwei Atemzüge später wusste Dubornos auch, wer der Mann war.
»Caradoc?«
»Ich bin hier.«
»Gütige Götter...« Mit der gleichen Intensität, mit
der zuvor die Angst über Dubornos hereingebrochen war, schlugen nun
die Wogen der Erleichterung über ihm zusammen. »Ich dachte, sie
würden uns weiterhin getrennt halten. Hast du gesehen, ob...« Die
Wachen hatten leicht ihre Haltung verändert. Dubornos brach mitten
im Satz ab. Ohne den Kopf zu drehen, fügte er etwas langsamer, aber
immer noch auf Eceni hinzu: »Der größere der beiden treibt Unzucht
mit Schweinen. Der Kleinere, sein Sohn, wurde ihm von einer
Hängeohrsau geboren.«
In der daraufhin einsetzenden Stille richteten die
Bataver sich auf, schienen etwas aufmerksamer zu werden, machten
aber keinerlei Anstalten, gewalttätig zu werden.
Caradoc lachte leise. Ebenfalls auf Eceni
antwortete er: »Gut gemacht! Sie sprechen also Lateinisch und
Batavisch und, ich glaube, auch noch ein wenig Griechisch, aber
kein Eceni - andernfalls müssten sie besser schauspielern können
als jeder herumziehende Künstler, aber dafür sind sie einfach nicht
schlau genug. Aber wie auch immer, selbst wenn sie verstanden
hätten, was du gerade eben gesagt hast, haben sie den Befehl
erhalten, dass sie uns nicht töten dürfen. Denn wenn wir sterben
sollten, dann wird das Schicksal, das eigentlich unseres hätte sein
sollen, das ihre. Und ich denke, man kann davon ausgehen, dass sich
davor selbst die berittene Garde fürchtet.«
Dubornos öffnete die Augen. Die Zelle war kleiner,
als er zunächst erwartet hatte. Allein seine Pritsche nahm bereits
die halbe Breite und zwei Drittel der Länge des Raums ein. Die Tür
bestand aus mit Eisen beschlagenen Eichenbohlen. Die Wände waren
nur schlecht verputzt, und deutlich schimmerte das Muster der
darunter liegenden Backsteine hindurch. Die Ausstattung des Zimmers
rangierte also zwischen dem des Krankenzimmers und dem des
unterirdischen Verlieses. Die Decke war niedrig und sah
beunruhigenderweise ganz danach aus, als ob sich über ihr nicht das
Dach, sondern noch ein weiteres Stockwerk befände. Erst an Bord des
Schiffes hatte Dubornos zum ersten Mal erfahren, was für ein Gefühl
es war, wenn über seinen Kopf andere Menschen hinwegmarschierten.
Und bereits da hatte ihm diese Erfahrung ganz und gar nicht
behagt.
An eisernen Haken an der gegenüberliegenden Wand
hingen drei tropfende Lampen. Caradoc saß in den flackernden
Schatten unterhalb der mittleren Lampe auf einer Pritsche, die
identisch war mit jener, auf der Dubornos lag. Er war in eine
Tunika aus ungefärbter Wolle gekleidet, hatte die Knie bis unter
das Kinn hinaufgezogen und seine Arme locker drumherum
geschlungen.
Um seine Handgelenke waren Verbände aus
ungebleichtem Leinen gewickelt, der rechte davon ein wenig mit
getrocknetem Blut verkrustet. Die Blutergüsse in seinem Gesicht,
die man ihm bei seiner Gefangennahme zugefügt hatte, verblassten
allmählich wieder, und sein Haar leuchtete in einem so hellen Gold
wie seit der Schlacht an der Lahmen Hirschkuh nicht mehr. Nur an
der rechten Seite seines Kopfes fehlte eine Strähne, dort waren die
Haare bis auf die Kopfhaut geschoren. Cartimandua war es gewesen,
die Caradocs Kriegerzopf abgeschnitten hatte - als ein
»Erinnerungsstück«, wie sie sagte. Irgendwann nach seiner
Gefangennahme hatten sie ihm aber wenigstens die Brosche in der
Form des Schlangenspeeres wieder zurückgegeben; das einzige
Schmuckstück, das Caradoc jemals getragen hatte. Die Brosche hätte
dringend poliert werden müssen, doch wenigstens klebte an ihr kein
Blut, und auch die Nadel war noch ganz. Zwei Zöpfe aus rot
gefärbter Wolle hingen von der unteren der silbernen Schlaufen
herab, ihre Enden schon ein wenig ausgefranst. Einer der Zöpfe war
während der Überfahrt schmutzig geworden und war nun ganz dunkel
und steif.
Ebenso wie Dubornos war auch Caradoc nicht mehr in
Eisenketten gelegt. Dieser Umstand, oder vielleicht auch die
dreitägige Ruhepause, hatten ihn ein wenig erfrischt und die
abgezehrte Müdigkeit von ihm genommen, die im Lager der Briganter
von ihm Besitz ergriffen hatte, so dass er nun wieder wie jener
Krieger aussah, der ein ganzes Volk anführen konnte. Selbst unter
Dubornos’ kritischer Musterung blieb Caradocs kühler Blick
entspannt, und in den Tiefen seiner grauen Augen blitzte sogar ein
Fünkchen seines trockenen Humors auf. Wenn sie sich also damals in
Britannien, bevor das erste Schiff ausgelaufen war, nicht zehn Tage
lang denselben Fäkalieneimer geteilt hätten, dann hätte Dubornos
gedacht, dass Caradoc überhaupt keine Angst empfinden könnte.
»Du hast nichts von dem Opiumsaft zu dir genommen«,
stellte Dubornos fest. Beide hatten sie den gleichen Schwur gegen
den Genuss von Wein abgelegt. Nur Dubornos hatte diesen Schwur
gebrochen. Doch die Scham war nur eine minder schmerzliche
Angelegenheit, eine Ablenkung von der sonst präsenten Angst.
Dubornos hieß das ihm bereits vertraute Gefühl der Beschämung also
ganz entspannt willkommen.
Caradoc zuckte mit den Schultern. »Mir ist ja auch
keiner angeboten worden. Aber wenn wir heute Nacht wieder welchen
bekommen sollten, dann hältst diesmal du Wache und ich trinke den
Wein und schlafe.«
»Aber ob sie das tun werden?« Werden wir
überhaupt noch eine weitere Nacht erleben, geschweige denn, dass
wir wählen dürfen, ob wir trinken oder nicht trinken, ob wir
schlafen oder nicht schlafen?
»Ich weiß es nicht. Das scheint in den
Händen von Narcissus, dem ehemaligen Sklaven, zu liegen. Wenn man
sich auf Mona keine Lügen erzählt, dann ist das ein recht gewitzter
und intelligenter Mann, dem im Allgemeinen nicht der Sinn nach
Blutvergießen steht.«
»Der Kaiser aber, dem er gehorcht, besitzt keine
dieser Eigenschaften; im Gegenteil, ihm bereitet es sogar noch
größeres Vergnügen, seine Opfer eines langsamen, qualvollen Todes
sterben zu sehen, als seinem Vorgänger Caligula.«
Caradoc schloss die Augen, öffnete sie dann langsam
wieder und stieß zwischen geschürzten Lippen den Atem aus. »Vielen
Dank, ja. In diesem Falle sollten wir also dankbar sein, dass
Claudius als schwach gilt und von seinen Frauen und ehemaligen
Sklaven beherrscht wird. Wenn er nämlich tatsächlich Caligulas
Instinkte und noch dazu dessen Mangel an Zurückhaltung besäße, dann
hätte das Sterben für uns schon längst begonnen. So wie Caligula
einst einen Vater zwang, sich ruhig hinzusetzen und Wein zu
trinken, während seinem Sohn vor dessen Augen die Haut abgezogen
wurde. Was dann mit dem Vater passierte, daran kann ich mich nicht
mehr erinnern.« Caradocs graue Augen funkelten. »Ist es das, was du
hören wolltest?«
Unter Dubornos Tunika kroch eine Gänsehaut über
seinen Körper, ganz so, als ob seine Nerven bereits bloßgelegt
worden wären. »Je eher es anfängt, desto eher ist es vorbei«, sagte
er, doch noch während er diese Worte aussprach, begriff Dubornos
bereits, dass er gewiss nicht der Einzige war, der dies dachte, und
dass man solche Mutmaßungen besser nicht laut aussprechen
sollte.
»Sie haben die Kinder«, stellte Caradoc tonlos
fest. »Xenophon, der Arzt, hat sich um sie gekümmert. Er war heute
Morgen hier, um sicher zu gehen, dass du noch schläfst. Er meint,
dass Cygfa und Cunomar, weil sie noch Kinder sind, vielleicht
weiterleben dürfen - wenngleich auch nur als Sklaven. Wenn es also
etwas gibt - irgendetwas -, das wir tun können, damit sie
überleben, dann müssen wir dies tun. Das ist alles, worum es jetzt
noch geht.« Caradoc hob den Kopf, seine Augen blitzten. »Und sag
jetzt nicht, was du gerade sagen wolltest, denn auch Xenophon weiß
es. Aber noch hat er niemandem davon erzählt.«
Cygfa ist kein Kind mehr.
Dubornos atmete einmal tief ein und zwang sich,
jene Worte, die er gerade hatte aussprechen wollen, wieder
herunterzuschlucken. Wie ein unausgesprochenes Todesurteil
schwebten sie durch die stickige Luft.
Caradocs Lächeln war nicht mehr als ein kurzes
Zähnefletschen. »Danke. Wenn das alles hier in weniger als einem
Monat vorbei ist, dann finden sie es vielleicht niemals heraus. In
der Zwischenzeit kannst du mir ja deinen gesamten Vorrat an
Heldengeschichten erzählen, oder vielleicht fällt uns ja auch eine
andere Möglichkeit ein, wie wir die Zeit hier rumkriegen können.«
Caradoc ließ sich auf die Pritsche niedersinken und stützte sich,
ganz nach Art der Römer, auf einen Ellenbogen. »Ich gehe mal nicht
davon aus, dass du deine Knöchelchen noch bei dir hast?«
Dubornos Knöchelchen waren ihm schon kurz nach
seiner Gefangennahme abgenommen worden, und er hatte sich nicht die
Mühe gemacht, noch einmal neue zu schnitzen. Aus kleinen Brocken
des Wandverputzes fertigten sie sich aber dennoch ein paar
Spielsteine an, ritzten mit dem Fingernagel Kreuze oder Linien
hinein und spielten dann eine etwas simplere Variante des
Kriegertanzes. Während dieses Nachmittags brachte die Herbstsonne
die südliche Zellenwand förmlich zum Glühen, und der Raum
verwandelte sich in eine Art Backofen. Sowohl den Wachen als auch
den Gefangenen lief der Schweiß nur so am Körper herunter, und
Caradoc und Dubornos spielten zum ersten Mal in ihrem Leben jenes
Spiel, zu dem sich vor der Invasion keiner von ihnen die Zeit
genommen hatte. Langsam entspannten sie sich, unterhielten sich
miteinander und tauschten die Neuigkeiten aus, die ein jeder seit
seiner Gefangennahme hatte aufschnappen können.
Caradoc beugte sich träge vor und fragte:
»Erinnerst du dich noch an Corvus? Den Römer, der genau an jenem
Tag an den Strand gespült wurde, als auch die Greylag
unterging?«
Dubornos blickte auf. »Wie könnte ich mich nicht an
ihn erinnern? Er schlug mich doch damals bei dem Wettrennen am
Fluss, stieß mich ins Wasser und war dann auch noch dabei
behilflich, mich wieder herauszuziehen, bevor ich in den Teich der
Götter fallen konnte. Er war damals der große Held und ich der
Idiot. Dafür habe ich ihn gehasst.«
»Und nun ist er der Präfekt einer der gallischen
Kavallerieflügel. Wenn wir wollten, könnten wir ihn jetzt also
beide hassen.«
»Aber wollen wir das?«
»Ich denke nicht. Er besaß damals eine gewisse
Integrität, und ich schätze, die besitzt er auch heute noch. Er war
wegen irgendwelcher Angelegenheiten hier im Palast, hat dann aber
wohl herausgefunden, dass ich hier bin, und ist daraufhin letzte
Nacht noch einmal vorbeigekommen, um zu überprüfen, ob ich auch gut
behandelt werde. Er hat unser Land erst vor vier Tagen verlassen,
ist allerdings auf direktem Wege nach Ostia gesegelt.«
»Dann hat er sicherlich auch Neuigkeiten.« Dubornos
versuchte, dies nicht wie eine Frage klingen zu lassen. Neuigkeiten
aus der Heimat zu hören, zu erfahren, was sich auf Mona abspielte,
wie es seinen Lieben ging - das war vom Augenblick seiner
Gefangennahme an sein sehnlichster Wunsch gewesen.
Caradoc konnte es da nicht anders ergangen sein. Er
nickte, ein klein wenig verkrampft. »Die hat er auch. Corvus’
Bericht zufolge toben die westlichen Stämme wie Bienen, denen
jemand ihren Korb umgetreten hat. Zwei Kavallerietruppen haben sie
innerhalb von ebenso vielen Tagen komplett ausgelöscht. Nur ein
Einziger soll überlebt haben. Und das auch nur, weil er sich
offenbar überzeugend tot gestellt hatte. Wenn dieser Soldat also
Recht hat, dann wurden die Angriffskommandos von Breaca angeführt,
was wiederum bedeuten würde, dass sie...« Abrupt hielt Caradoc
inne.
Breaca.
Klirrend hallte ihr Name durch das trübe
Dämmerlicht - wie ein Sinnbild all dessen, was sie verloren hatten.
Es war das erste Mal seit ihrer Gefangennahme, dass Dubornos
irgendjemanden ihren Namen aussprechen hörte. Doch selbst jetzt
schien es ihm, als ob dieser Name nur aus Versehen gefallen, als ob
er bloß einem unter großem Druck stehenden, rastlosen Geist
entsprungen wäre.
Sehr leise fuhr Caradoc fort: »Was bedeutet, dass
sie weiß, was passiert ist, und höchstwahrscheinlich ziemlich
ungehalten darüber ist.«
Caradoc bemühte sich um Ironie oder zumindest um
ein gewisses Maß an Humor - und schaffte es doch nicht. Bei der
Nennung von Breacas Namen war in ihrer beider Innerem irgendetwas
zerbrochen. Ohne einander zu fragen, beendeten sie das Spiel.
Dubornos sammelte die Spielsteine ein und schob sie, vielleicht für
später, unter seine Pritsche. Caradoc rutschte rückwärts, bis er
wieder mit dem Rücken an der Wand lehnte. Mit einer Hand bedeckte
er seine Augen, verbarg sie und die Seelenqualen, die sich sonst in
seinem Blick gespiegelt hätten. Mit den Fingern der anderen Hand
strich er wieder und wieder über die Schlangenspeerbrosche, die er
an seiner Tunika festgesteckt hatte.
Das Öl der mittleren Lampe, die direkt über
Caradocs Kopf hing, war inzwischen verbrannt, doch niemand hatte es
nachgefüllt und die Lampe erneut angezündet. Das schwache Licht in
der Zelle grub nun regelrechte Höhlen in Caradocs Wangen, ließ die
über seinen Zügen liegende Anspannung überdeutlich hervortreten.
Zwar war diese auch zuvor da gewesen; aber durch reine
Willensanstrengung oder vielleicht auch bloß aus der
Entschlossenheit heraus, niemals die Führung aufzugeben, hatte
Caradoc sie bislang eisern unterdrückt - selbst hier, wo es doch
ohnehin nur noch einen Mann gab, den er hätte führen können. Ohne
diese innere Haltung aber sah er nun genau so aus, wie Dubornos
sich fühlte: wie eine Seele, die haltlos durch einen grenzenlosen
Raum irrte, die laut nach den Göttern rief, jedoch nicht einmal das
Echo ihrer eigenen Stimme vernahm. Caradocs Atem, der zuvor noch
sehr beherrscht und ruhig gegangen war, kam zunehmend keuchend und
stoßweise über seine Lippen.
Dubornos wartete mit angehaltenem Atem. Gerade in
dem Augeblick, als er seine Lungen wieder mit Luft füllen wollte,
krachte Caradocs Faust gegen die Wand und ließ ein großes Stück
schlecht aufgetragenen Verputzes vom Mauerwerk abspringen. In
seiner Stimme schwang eine kaum zu bändigende Wut mit: »Bei allen
Göttern! Ich wünschte, ich wüsste, wie es ihr geht.«
Dies war das erste Mal, dass einer der Gefangenen
eine Reaktion gezeigt hatte, die man als aggressiv bewerten konnte,
und darauf hatten die Wachen ganz offensichtlich nur gewartet.
Grinsend ließen sie ihre Hände zu ihren Waffen hinabgleiten. Sie
durften Caradoc und Dubornos zwar nicht töten; ein gewisses Maß an
»Unterhaltung« aber war erlaubt. Drohend zog die zuvor noch weit
entfernt geglaubte Gefahr herauf. Der kleinere der beiden Männer
schloss seine Hand um einen mit Bleispitzen bewehrten Lederriemen.
Den ganzen Nachmittag über hatte er schon damit herumgespielt,
hatte ihn unentwegt zusammen- und wieder auseinander gerollt, hatte
ihn wie feinstes Bienenwachs mit seiner Hand verschmelzen lassen.
Perfekt schmiegte sich der Riemen nun über die Erhebungen seiner
Fingerknöchel. Probehalber ballte er seine Hand einmal zur Faust
und öffnete sie wieder. Dann trat er auf Caradoc zu und holte zum
Schlag aus.
In einiger Entfernung ertönte urplötzlich der
langsam anschwellende, klagende Ton eines Horns. Jäh hielten beide
Wachen mitten in der Bewegung inne, ihre Aufmerksamkeit auf das
Hornsignal konzentriert, ihre Haltung die zweier grob gemeißelter
Statuen, Sinnbilder der puren Enttäuschung. Gleich darauf ertönten
draußen Schritte, wanderten den Korridor entlang und hielten
irgendwo hinter der Tür an. Eine kehlige Stimme fragte nach einer
Parole, eine ebenso dunkle Stimme antwortete, beide auf Lateinisch.
Dann trat ein einzelner Mann direkt an die Tür heran.
Dubornos hatte einen kleinen Astknoten in dem
unbehandelten Holz seiner Pritsche gefunden, umkreiste ihn nun mit
seinem Daumen, zählte dabei mit. Dieser gleichmäßige Rhythmus
beruhigte ein wenig die schreiende Angst in seinem Inneren.
Caradoc, auf der anderen Pritsche hockend, legte die Fingerspitzen
aneinander und ließ sein Kinn darauf niedersinken. Caradocs Hände
zitterten nicht, doch die Ränder seiner Nasenflügel waren ganz weiß
geworden, und wer ihn gut kannte, wusste, dass er sich angestrengt
darum bemühte, weiter ruhig zu atmen. In dem von Schweißgeruch
erfüllten Zwielicht hörte ein jeder der Männer jetzt nur noch das
Rauschen seines eigenen Blutes und die - nun in einem schnelleren
Rhythmus als zuvor - pfeifende, entzündete Nase der größeren der
beiden Wachen.
Die sich nähernden Schritte hielten schließlich
draußen vor der Tür inne, und sie wurde geöffnet. Ein in eine
prachtvolle metallene Rüstung gekleideter Zenturio der
Prätorianergarde trat ein und verkündete: »Der Kaiser wünscht euch
zu sehen.« Als Dubornos sich daraufhin erhob und die Beine
ausstreckte, um endlich wieder den Krampf in seinen Waden zu lösen,
sah er plötzlich direkt vor seinen Augen eine Schwertspitze
aufblitzen. »Nicht du. Nur der Anführer. Caratacus, der ihm neun
Jahre lang getrotzt hat. Nun möchte Claudius ihn sehen und über ihn
richten.«
»Dann müsst ihr mich aber mitnehmen«, entgegnete
Dubornos.
»Nein. Es sei denn, du möchtest, dass dein Kopf als
Geschenk an den Kaiser geht.«
»Wenn das die Bedingung ist, ja.«
»Dubornos, nicht! Einer von uns beiden muss doch
bleiben. Der Kinder wegen.« Geschmeidig erhob sich Caradoc und
salutierte vor dem Zenturio als einem gleichrangigen Offizier.
Daraufhin legten sie ihm abermals Eisenringe um die Handgelenke,
zerrissen dabei seine Verbände. Noch ehe sie die Prozedur
abgeschlossen hatten, tropfte bereits wieder Blut über das rostige
Metall. Caradoc hob seine gefesselten Hände und entbot Dubornos
einen Gruß, der Ähnlichkeit mit dem Kriegergruß hatte. »Die
Kinder«, sagte er auf Eceni. »Tu, was auch immer du tun musst,
damit sie am Leben bleiben.«
»Das werde ich.«
Später, als der Klang der Schritte draußen auf dem
Korridor wieder verhallt war, beugte Dubornos sich über den Eimer
für die Exkremente; es kümmerte ihn nicht mehr, dass die Wachen ihn
dabei beobachteten.