XIX

Auf Befehl des Kaisers Tiberius Claudius Drusus Nero Germanicus Britannicus, überbracht durch seinen begnadigten Sklaven Narcissus, stachen von der Flussmündung des größten der östlich gelegenen Flüsse im Norden der Provinz Britannien zwei hochseetüchtige Getreidefrachter in See. Seine kaiserliche Hoheit war sich der enormen Gefahren, die diese Ozeanbefahrung barg, vollauf bewusst - denn obgleich er während der Eroberungszüge in Richtung Britannien lediglich eine einzige Seereise erlebt hatte, so hatte er bei dieser Gelegenheit doch gleich den Zorn der Herbststürme zu spüren bekommen. Um das Risiko dennoch so gering wie möglich zu halten, traten die beiden Schiffe ihre Reise mit einem Sicherheitsabstand von drei Tagen an. Zudem hatte man bei der Auswahl des Abreisetages streng darauf geachtet, dass das Datum sowohl die Zustimmung der Auguren als auch die der Schiffsbesatzungen fand. Sie hatten sich für den langen Seeweg entschieden, der sie zunächst um die Südküste der Insel und entlang der Westküste von Gallien führte, um dann zwischen der Iberischen Halbinsel und der Nordküste von Mauretanien hindurch geradewegs auf Italien zuzusteuern. Des Nachts und in aller Heimlichkeit erreichten sie schließlich den römischen Hafen Ostia; dieser war erst kürzlich wieder aufgebaut und neu befestigt worden, und zwar von demselben Kaiser, der ihnen auch die Reise dorthin befohlen hatte.
Beim Einlaufen in den Hafen wurde jeder der Frachter von je einer halben Hundertschaft der ersten Kohorte der batavischen Gardekavalleriebrigade in Empfang genommen, die ausschließlich aus handverlesenen Männern bestand. Diese Männer waren bekannt für ihre unerschütterliche Treue zu ihrem Kaiser, und besaßen die nicht zu unterschätzende, bereits hart erprobte Eigenschaft, selbst in sturzbetrunkenem Zustand noch ihren Befehl auszuführen. Jeder der beiden mit Planen abgedeckten Getreidewagen, welche die kostbare menschliche Fracht beherbergten, wurde über die gesamte Strecke der achtundzwanzig Kilometer bis nach Rom von einer dieser Spezialeskorten begleitet. Auf dem Palatin angekommen, brachte man die Gefangenen im Schutz der Dunkelheit in einem gut gesicherten Anbau hinter den Bedienstetenunterkünften des kaiserlichen Palastes unter. Begrüßt wurden sie von dem ehemaligen Sklaven Narcissus und zwei weiteren freigelassenen Sklaven: Callistus, dem die Aufsicht über die öffentliche Schatzkammer übertragen worden war, und Polybius, dem geistlichen Sekretär und Liebling der Kaiserin Agrippina. Bei Eingang der zweiten Fuhre jedoch war medizinische Hilfe vonnöten. Nach sorgfältiger Abwägung des Für und Wider und auf den ausdrücklichen Befehl von Narcissus wurde schließlich der Leibarzt des Kaisers, Xenophon von Kos, geweckt und angewiesen, sich um einige der neu angekommenen Gefangenen zu kümmern. Die daraufhin von Xenophon erteilten Anordnungen wurden aufs Genaueste befolgt. Im kaiserlichen Palast hatten weder das Wort der ehemaligen Sklaven noch das des Arztes Befehlsgewalt; beide Seiten aber waren um eine gütliche Zusammenarbeit bemüht.
 
Nur langsam erwachte Dubornos aus seinen verschwommenen, wenig angenehmen Träumen, in denen er sich verzweifelt darum bemühte, zu den Göttern zu gelangen, die er doch nicht finden konnte. Der Platz, den sie einst in seiner Seele eingenommen hatten, war leer, ähnlich einem Haus, das schon seit einiger Zeit nicht mehr bewohnt wurde und vor dessen Mauern er nun vergeblich rief. Ganz still und reglos lag er auf einer aus hartem Holz gezimmerten Pritsche und nahm erst nach und nach wieder die ihn umgebende Welt wahr. Eine kleine Weile verstrich, während der er sich wunderte, dass das Meer auf einmal so still geworden und die spöttischen Möwen verstummt waren. Sein Verstand bebte noch immer in dem Übelkeit erregenden Rhythmus der letzten Wochen, sein Körper jedoch versagte dieser Illusion bereits die Gefolgschaft. Stattdessen hatten seine Sinne in der scheinbar plötzlichen Stille ganz andere Dinge bemerkt: Noch immer quälten ihn die Schmerzen, jedoch weniger stark als zuvor; zudem war er nicht mehr nackt, und auch die schweren Eisenringe um seine Handgelenke, seine Fußknöchel und seinen Hals waren entfernt worden; die Luft roch nicht mehr nach schimmelnder Kloake, sondern nach Staub und feuchten Umschlägen und einer Salbe aus Olivenöl. Dubornos bewegte seine Finger und stellte fest, dass der leichte Druck auf seinen Unterarmen nicht länger von den Eisen herrührte, sondern von Verbänden, und er erinnerte sich sogar an die Hände jenes Arztes, der ihm sowohl die Salbe aufgetragen als auch die Verbände angelegt hatte. Der Mann war sehr geschickt gewesen, hatte die eitrigen, durch das unablässige Scheuern der Eisenringe hervorgerufenen Wunden an Dubornos’ Handgelenken, seinen Schlüsselbeinen und seinen Fußgelenken mit großem Feingefühl behandelt. Später dann hatte es heißes Essen gegeben, das Dubornos sehr willkommen gewesen war, und danach wiederum Wein, den er jedoch lieber nicht genossen hätte.
Einst, in einem früheren, leichteren Abschnitt seines Lebens, hatte Dubornos geschworen, niemals Wein zu sich zu nehmen. Andererseits jedoch hatte er damals auch geschworen, dass er immer und unter allen Umständen - notfalls sogar mit seinem eigenen Leben - das Wohlergehen der Kinder der Bodicea verteidigen würde. Und zumindest in Letzterem hatte er ja schon einmal gründlich versagt. Verglichen damit erschien ihm der Genuss des Weins seiner Feinde also nur noch als ein minder schweres Vergehen. Doch außer Traubensaft waren in dem Wein noch andere Substanzen enthalten gewesen. Er erinnerte sich gut an den bitter-würzigen Geschmack, den das Opium auf seiner Zunge hinterlassen hatte, und an die darauf einsetzenden Visionen. Verschwommene Träume zogen ihn zurück in ihre Gewalt.
Als er das nächste Mal erwachte, brannten bereits wieder die Lampen, und ihr gleichmäßiges Licht erleichterte ihm die Rückkehr in die Realität. Die körperliche Mattheit, die ihn noch für kurze Zeit umfangen hielt, war ein Segen gewesen, denn für einen flüchtigen, wundervollen Augenblick hatte sich sein Verstand, hellwach und unbehelligt von den Schmerzen seines Körpers, plötzlich daran erinnern können, wer er war - wenngleich auch nicht, wo er sich eigentlich gerade befand oder warum er dorthin gelangt war. Doch dann, schlagartig und mit niederschmetternder Klarheit, kehrten auch die gesammelten Erinnerungen an die letzten fünfzehn Tage zurück; anschließend lag Dubornos einfach nur noch reglos da, betrachtete das gnadenlose Schwarz hinter seinen geschlossenen Augenlidern und versuchte, trotz der ihn erschütternden, Übelkeit erregenden Angst ruhig weiterzuatmen. Plötzlich, ganz unvermittelt, stieg aus den Tiefen seiner Brust ein Stöhnen auf - aber Dubornos biss energisch die Zähne zusammen, um den Laut zu unterdrücken. Anschließend verzog er sein Gesicht zu einem schiefen, halbherzigen Grinsen und gratulierte sich damit quasi selbst zu dieser kleinen, aber erfolgreichen Geste des Aufbäumens gegen die Verzweiflung.
Er atmete mehrmals tief ein und aus, während er sich wieder zu beruhigen versuchte. Er war Dubornos mac Sinochos, Krieger der Eceni, Krieger von Mona - und folglich würde er selbst im Angesicht des Feindes keine Furcht zeigen. Darüber hinaus war er auch noch ein Sänger von erstem Rang - der Tod war praktisch sein Verbündeter. Im Laufe seiner Ausbildung hatte er sogar die schwierigste aller Prüfungen, die den Sängern auferlegt wurden, bestanden: Er hatte in einem Eichensarg gelegen, während Maroc, Airmid und Luain mac Calma ihn mit Erde bedeckt und schließlich in jene Grube hinabgelassen hatten, die er zuvor eigenhändig ausgehoben hatte. Drei Tage und drei Nächte lang war er darin ganz still liegen geblieben, war so vollkommen in der Simulation des Todes versunken gewesen, dass die Grenzen zwischen seiner Welt und der anderen schließlich zu einem Nichts zusammenschrumpften. Als sie ihn bei Mondaufgang am Abend des dritten Tages dann wieder ausgruben, hatte Dubornos gar nicht mehr zurückgewollt. Denn inzwischen war Briga seine Gefährtin geworden und der Tod, den sie ihm bot, sein engster Vertrauter. In der Ewigkeit der Dunkelheit war er wieder und wieder über jene zahllosen Pfade gewandert, welche die Seelen der Toten auf ihrer Reise von dieser Welt in die andere beschritten - und auf diesen Wanderungen hatte Dubornos einen Frieden erfahren wie in seinem ganzen bisherigen Leben noch nicht.
Daraufhin hatte Airmid zwei Tage lang und in aller Abgeschiedenheit mit Dubornos arbeiten müssen, bis er wieder ganz in die Welt der Lebenden zurückgekehrt war. Die dadurch entstandene Nähe zu Airmid und der Schmerz, der mit dieser Nähe einherging, waren, so dachte Dubornos, einer der Gründe, weshalb er nicht hatte zurückkehren wollen. Er bat also Luain mac Calma und Maroc und Efnís, dass einer von ihnen Airmids Aufgabe übernehmen möge. Doch keiner von ihnen war seiner Bitte nachgekommen, was Dubornos ihnen allen sehr übel genommen hatte. Später jedoch, während der kurzen Augenblicke der echten Freude, die Dubornos’ Leben wie kleine Farbtupfer erhellten, begann er nach und nach zu begreifen, welch außergewöhnlichen Liebesbeweis Airmid ihm mit diesen beiden gemeinsamen Nächten zum Geschenk gemacht hatte - und er empfand schließlich eine tiefe Dankbarkeit.
Airmid hatte Dubornos zunächst gezwungen, die ganze Nacht über aufzubleiben und sich mit ihr über ihre gemeinsame Kindheit zu unterhalten - scheinbar endlose Gespräche. Dubornos hatte sich energisch dagegen gewehrt und überhaupt, Briga war da doch deutlich weniger herzlos. Entsetzt aber musste Dubornos schließlich feststellen, dass Airmids Wille stärker war als der seine und der der Göttin zusammen, denn Airmid hatte ihn gefesselt: mit Salbeirauch und mit einem Seil, gesponnen aus den unzähligen Erinnerungen an sein bisheriges Leben. Sie ließ ihn einfach nicht mehr los. Später dann waren sie zusammen über die sanften Hügel von Mona gewandert, und Airmid hatte ihm befohlen, alles Essbare, was sie fanden und welches von gelber Farbe war, hinunterzuschlucken. Gelb, die Farbe der Sonne, des Tages, des Lebens. Es war Hochsommer gewesen zu jener Zeit, und die vom Wind zerzausten Wiesen waren nur so übersät von gelben Sprenkeln. Er hatte Blumen und Pilze gekostet, von denen er mit Sicherheit wusste, dass sie giftig waren. Dennoch war er nicht daran gestorben. Anschließend hatte Airmid Dubornos geheißen, in einem kleinen Teich voller spitzer Steine am Fuße eines Wasserfalls zu baden. Etwas später stieg sie zu ihm in das eisige Wasser, zog seinen nackten Körper an den ihren heran, bis Dubornos das Herz brach und ein Damm in seinem Inneren nachgab, so dass er weinte und seine Tränen zu einem Strom anschwollen, bis schließlich alle Tränen geweint waren. Nach diesem Bad war Dubornos nackt an Airmids Seite eingeschlafen, und es erfüllte sich damit - zumindest in Teilen - sein lebenslanger Wunschtraum.
Als Dubornos erwachte, lag sein Kopf auf Airmids Knien; beide waren sie wieder angekleidet. Airmid zupfte spielerisch die Kletten aus seinem Haar, und in ihren Worten schwang die tiefe, vibrierende Stimme der Göttin mit.
»Es ist nicht der Tod, den du fürchtest, was auch immer dir dein Körper in den Schrecken deiner ersten Schlacht erzählt haben mag, Sohn von Sinochos. Es ist das Leben. Um ein wirklicher Sänger zu sein, musst du den Fluss wie eine Brücke überspannen und mit beiden Seiten gleichzeitig verbunden sein. Dein einer Fuß muss mitten im Leben stehen, als Gegengewicht zu dem anderen, den du in das Totenreich gesetzt hast. Es ist genauso wichtig, die Neugeborenen in dieser Welt willkommen zu heißen, wie die kürzlich Verstorbenen in der Nebenwelt zu begrüßen. Beide Aufgaben müssen mit der gleichen Hingabe erfüllt werden. Kannst du das schaffen?«
Airmid war wunderschön; das hatte Dubornos schon immer gedacht, selbst als sie noch Kinder mit aufgeschürften Knien gewesen waren und Airmid auf ihrem Arm die grüne Froschtätowierung trug, die sie als »anders« auswies. Nun, im Abendlicht, war sie die zum Leben erwachte Nemain, die ihn liebevoll anlächelte. Zwar hatte er ihren Worten keinen Glauben geschenkt, denn jeden Tag wieder musste er mit der Scham, den die Furcht vor dem Tod ihm auferlegt hatte, kämpfen. Dennoch hatte er ihr Lächeln erwidert und geantwortet: »Ich kann es versuchen.«
In den vier Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte er stets sein Bestes gegeben und war dennoch nicht immer erfolgreich gewesen. Während seines Aufenthalts in den Bergen, die sich über dem Tal der Lahmen Hirschkuh erhoben, hatte er sich noch einzureden versucht, dass er sich nur deshalb noch einmal für das Leben statt für den Tod entschieden hatte, weil er glaubte, dass das Wissen darum, dass seine Kinder lebten, Caradoc dazu verhelfen würde, den letzten, entscheidenden Sieg davonzutragen. Außerdem hatte Dubornos sich - selbstsüchtigerweise - danach verzehrt, die Reaktion des Dekurio der Kavallerie zu sehen, wenn Caradoc an der Spitze von Venutios’ dreitausend Mann starkem Heer in die zerschlagenen Überreste von Scapulas Legionen einfiel. Durch seine Eindrücke in dem riesigen, überfüllten Zeltlager der Briganter, durch die Begegnung mit Cartimandua, die ihnen ein Leben in Aussicht gestellt hatte, das noch um ein Vielfaches schlimmer gewesen wäre als der Tod, und zuletzt durch den Anblick des blutüberströmten, in Ketten gelegten Caradoc hatte Dubornos jedoch eines ganz deutlich erfahren müssen: Seine enge Verbundenheit mit seinem Volke und die Kraft, die ihm diese ursprünglich verliehen hatte, begann zu schwinden. In den langen Phasen der fortschreitenden Ermüdung zwischen der einen Erniedrigung und der nächsten dämmerte dem Sänger langsam die Wahrheit hinter Airmids Worten: Er hatte sich in der Tat niemals vor dem Tod gefürchtet, sondern vielmehr vor dem, was ihm seine ureigene Kraft rauben würde, vor dem, was seine Glieder erzittern und was ihn vor Angst weinen lassen würde wie ein Kind. Er fürchtete sich nicht vor dem Tod selbst, sondern vor dem, was ihm den Tod brachte: vor den Qualen.
Dubornos durchlitt nun das Schicksal vieler Soldaten: Nach außen hin kann ein Krieger zwar jederzeit den Eindruck der ruhigen Gelassenheit bewahren, vielleicht sogar im Angesicht der Gefahr noch ein wenig Humor zeigen; die Funktion seiner Eingeweide jedoch hatte noch kein Mensch bezwingen können. Im Lager der Briganter hatte es diesbezüglich noch die Illusion von Privatsphäre gegeben: Dort war dafür gesorgt worden, dass die Männer bei der allmorgendlichen Entsorgung der fauligen Schlacken ihrer Körper zumindest ein Minimum an Abgeschiedenheit vorfanden. Auf einem Schiff dagegen wurde einem selbst dieser letzte Rest an Menschenwürde abgesprochen. Zudem waren sie von Caradoc getrennt worden, denn der war bereits mit einem früheren Schiff abtransportiert worden und nach allem, was sie erfahren hatten, nun womöglich gar schon tot. Dubornos, Cwmfen, Cygfa und Cunomar hatten also ohne Caradoc unzählige Tage in dem dunklen, von Ratten bevölkerten Kielraum eines Handelsschiffes ausharren und auf schmierigen, übel riechenden Planken schlafen müssen. Essen und Trinken war ihnen ganz nach Lust und Laune der Soldaten der Hilfstruppen, die als ihre Wachen fungierten, zugeteilt worden, und den Weg zu den Eimern für ihre Exkremente hatten sie sich ertasten müssen.
Zwar hatte es keiner für nötig befunden, darüber auch nur ein Wort zu verlieren, die beiden Erwachsenen aber, vielleicht sogar auch die beiden Kinder, hatten von Anfang an gewusst, dass diese schreckliche, den Verstand betäubende Qual nicht allein ihr Schicksal war, sondern das vieler. Aus diesem Wissen hatten sie ein wenig Kraft geschöpft. In der ersten Nacht, nachdem auf dem Schiff alles ruhig geworden war, hatte Dubornos mit einem Ohr an die hölzerne Bordwand des Schiffes gepresst dagelegen und Mannanan, dem Herrn der Meere, gelauscht, wie dieser weniger als eine Armeslänge von ihm entfernt leise flüsterte und gurgelte. In der Stille seines Herzens hatte Dubornos ihn damals gebeten, sie alle in den Tiefen der See versinken zu lassen, bis sich nicht eine Menschenseele mehr an sie erinnerte.
Cunomar hätten sie dann auch tatsächlich beinahe verloren, wenngleich auch nicht an den Gott der Meere. Als sie die gallische Küste südwärts entlangsegelten, hatte der Junge begonnen, sich in einem Besorgnis erregenden Maße zu erbrechen. Doch erst als er blutigen, flüssigen Kot von sich gab, begriffen sie, dass Cunomar unter etwas Ernsterem als der Seekrankheit litt. Der Schiffsarzt gehörte zur römischen Armee, ging recht grob zur Sache und hatte auch nur eine begrenzte Auswahl an Arzneien dabei. Nichtsdestotrotz tat er sein Möglichstes, denn seine Anweisungen waren eindeutig gewesen: Er hatte die Gefangenen der Rechtsprechung des Kaisers lebend auszuliefern. Der Preis, den er ganz persönlich dafür zu zahlen hätte, wenn er versagte, war unvorstellbar.
Diesen Gedanken immer in seinem Hinterkopf behaltend, hatte der Schiffsarzt also schließlich zerstoßene Ulmenrinde und Opium herbeigeschafft, um damit Cunomars Erbrechen und den Durchfall zu lindern, und er hatte ihnen sogar eigenhändig frisches Wasser gebracht. Auf Dubornos’ Vorschlag hin hatte er außerdem befohlen, dass die Eimer für ihre Exkremente zweimal täglich geleert wurden, und er hatte sie auf eines der mittleren Decks in eine Art Vorratskammer verlegen lassen, in der sich eine Luke befand, die sich öffnen ließ und ihnen Licht und frische Luft bescherte.
Licht und Luft; kostbare Güter, die sie einst - unvorstellbarerweise - für selbstverständlich gehalten hatten. Zum ersten Mal seit vielen, vielen Tagen genossen sie nun das salzige Meer in all seiner Schwindel erregenden Reinheit. Die Schärfe dieser Luft hatte sie niesen lassen, und das Niesen belebte auch wieder die schmerzenden Wunden an ihren Hälsen, wo die schweren Eisenringe ihre Haut aufgescheuert hatten. Sie weinten stumm, verbargen ihre Tränen voreinander, ganz so, als ob dem noch immer irgendeine Bedeutung zugekommen wäre. Und auch das Licht war ein zwiespältiger Segen gewesen. Die Dunkelheit hatte die eiternden Geschwüre unter ihren Eisenketten verborgen, hatte die skelettartig abgemagerten Körper der Kinder versteckt - in kurzer Zeit hatten sie so sehr an Gewicht verloren - und auch die Falten der Sorge und der Verantwortung, die sich bereits tief in die Gesichter der Erwachsenen eingegraben hatten. Sie hatten sich abgewechselt, um mit dem Kopf unter der Luke zu liegen und hinauf in den sich stetig verändernden Himmel zu starren, denn dies war immer noch besser, als sich gegenseitig anzusehen und daran erinnert zu werden, zu was sie verkommen waren. Am Abend, als es sich nicht mehr länger vermeiden ließ, hatte Dubornos schließlich herausgefunden, was Cygfa und Cwmfen bis dahin vor ihm verheimlicht hatten: Während sie die südwestliche Spitze der iberischen Halbinsel umrundeten, hatte bei dem Mädchen die erste monatliche Blutung eingesetzt, und sie war dabei, sich zur Frau zu entwickeln.
Diese Neuigkeit war schlichtweg niederschmetternd gewesen. Gerade, als Dubornos gedacht hatte, dass sie nun nicht mehr tiefer sinken könnten, hatten ihm die Götter wieder einmal das Gegenteil bewiesen. Von dem Augenblick ihrer Gefangennahme an war Cygfa dem Vorbild ihrer Eltern gefolgt, indem sie eine schlichtweg unanfechtbare Würde zur Schau getragen hatte. Und nur zweimal war diese Fassade in sich zusammengebrochen; einmal im Lager der Briganter und dann noch einmal auf dem Boot, als ein Legionsschreiber sie geradeheraus gefragt hatte, ob sie noch Jungfrau sei. Cygfa hatte nicht darauf geantwortet, sondern lediglich mit eisiger Geringschätzung über ihre Köpfe hinweggeblickt, bis alle verstummten. Keiner hatte die Frage noch einmal wiederholt, und die schließlich einsetzende Reaktion des Mädchens, die Blässe und das Zittern, verliefen ungesehen von den Augen des Feindes.
Schweigend verbargen sie auch die Tatsache, dass Cygfa zur Frau heranreifte. Dies hatte jedoch eine Wirkung auf Cygfas Seele, die ähnlich zerstörerisch war wie die Wirkung der Ruhr im Körper ihres Bruders. Dubornos hatte ihr all seine Hilfe angeboten. Als Sänger besaß er die Berechtigung, die Eröffnungsriten der drei langen Nächte in der Einsamkeit zu vollziehen, den Weg von der Kindheit hinüber zum Erwachsenendasein, und in Ermangelung eines anderen, der diese Aufgabe hätte übernehmen können, hatte er sich rasch, aber sorgfältig darauf vorbereitet und war willens, sein Bestes zu geben, um Cygfa die heilige Zeremonie erleben zu lassen. Zwar würde dies alles nicht ganz so ablaufen, wie es eigentlich ablaufen sollte, doch Dubornos hatte geglaubt, dass er dem Mädchen mit Cwmfens Hilfe durchaus eine echte Vision hätte eröffnen können; dass sie als Kind hätte einschlafen können und als Frau wieder erwacht wäre und in der Nacht dazwischen zumindest ein leises Flüstern der Götter vernommen hätte. Doch Cygfa hatte dies Angebot mit derselben kühlen Ablehnung ausgeschlagen, mit der sie auch dem Legionsschreiber geantwortet hatte, und Dubornos hatte sein Angebot kein zweites Mal an sie herangetragen. Stattdessen hatte er ihren Rückzug in sich selbst beobachtet, hatte gesehen, wie sie langsam eine schützende Schale gegen die Außenwelt aufbaute. Das schien sie sogar recht erfolgreich geschafft zu haben, und in gewissem Sinne bewunderte er damals Cygfas Willensstärke. Ihre unbeugsame Zartheit jedoch beunruhigte ihn mehr, als wenn sie geweint hätte.
Die härteste Probe aber hatte sich ihnen erst später in einem schlecht beleuchteten Krankenzimmer des kaiserlichen Palastes gestellt. Dort war Cygfa abermals die Frage gestellt worden, ob sie noch ihre Jungfräulichkeit besäße. Der Fragende war diesmal jedoch keiner der Legionsschreiber gewesen, sondern Polybius, der geistliche Sekretär und einer der sechs mächtigsten Männer im Lande. Seine Befehle konnten nur durch den Kaiser persönlich aufgehoben werden - und dieser befand sich noch in seinem Bett. Als auch Polybius’ Frage unbeantwortet verhallte, hatte dieser lediglich mit den Fingern geschnippt und dem Arzt befohlen, Cygfa zu untersuchen.
Offensichtlich widerstrebend hatte Xenophon Cygfa auf einem hölzernen Tisch und in Gegenwart von Cygfas Mutter und den bewaffneten Wachen dann schließlich untersucht. Cygfa hatte sich weder dagegen gewehrt, noch hatte sie geweint, als der Arzt vor den versammelten Wachen, den Legionsschreibern und den befreiten Sklaven Cygfas Jungfräulichkeit verkündete. Dubornos jedoch, der sich daraufhin wieder aus der Betrachtung der bildlichen Darstellung des Ios auf der gegenüberliegenden Wand löste, glaubte, beobachtet zu haben, wie in diesem Augenblick die Flamme in Cygfas Seele ein wenig von ihrer Helligkeit verlor, und er fürchtete, dass sie fortan nie wieder so hell leuchten würde wie zuvor. Kurze Zeit später war ihnen der Wein angeboten worden, den er dann in der verzweifelten Hoffnung auf seliges Vergessen getrunken hatte.
 
Ein Sänger orientiert sich in seinem Leben in erster Linie anhand von Klängen, alle anderen Sinne sind bei ihm nur von zweitrangiger Bedeutung. Und obwohl sich Dubornos’ Magen bei der Erinnerung an Cygfas aschfahles Gesicht prompt wieder zusammenkrampfte, lauschte er zugleich aufmerksam und sondierte im Geiste bereits schon wieder die gedämpften Geräusche des heraufziehenden Morgens von dem um ihn herum herrschenden Gemurmel. Ohne die Augen zu öffnen stellte er fest, dass er sich in einem kleinen, überfüllten Zimmer befand, das weder jenes Krankenzimmer war, in welchem Cunomar behandelt und Cygfa durch den Arzt entehrt worden war, noch das unterirdische Gefangenenverlies, in das sie zuerst hineingeführt worden waren. Das Krankenzimmer hatte sich in der Nähe der Hauptgebäude des Palasts befunden, und die Böden waren blank poliert gewesen, so dass die Geräusche wie Tageslicht von ihnen reflektiert wurden. Der zweite Raum war eng und stickig gewesen, und die einzelne Lampe hatte geradezu hörbar vor sich hingeflackert, wie offenbar bereits seit etlichen Jahren, denn die Wände waren ganz grau gewesen vor lauter Ruß, und die Luft hatte nach ranzigem Schafsfett gerochen.
An diesem neuen Ort waren die Steine der Mauer so dicht aneinander gefügt worden, dass der Luftzug seines Atems wieder von ihnen abprallte und leicht durch sein Haar streifte. Das leise Knacken und Knistern brennender Kohlen zu seiner Rechten und zu seiner Linken erzählte Dubornos von mindestens zwei Kohlebecken, die in den Ecken des Raums glühten. Die Lampen darüber waren mit besserem Öl als Schafsfett gefüllt und auch erst kürzlich mit Feuerstein und Zunder entflammt worden - ihr scharfer Geruch schwebte noch immer in der Luft.
Die einzige Tür in diesem Raum befand sich rechts hinter Dubornos. Neben der Tür standen zwei Wachen. Der Mann auf der Linken litt an einer fest sitzenden Nasennebenhöhlenentzündung, und sein Atem ging pfeifend, während der andere so gleichmäßig und flach atmete wie jemand, der sich in dem Dämmerzustand kurz vor dem Einschlafen befindet. Beide gehörten zur berittenen Garde, also zu den zahlreichen germanischen Stammesangehörigen, die ihr Haar über dem linken Ohr zu einem so genannten Kriegerknoten zusammengeschlungen trugen. Ihrem Ruf nach, das hatte sich sogar bis nach Mona herumgesprochen, waren dies die Männer, die Claudius zur Macht verholfen hatten und zugleich sicherstellten, dass sie ihm auch erhalten blieb. Die Römer hielten sie für ein wenig stumpfsinnig und beschränkt, dennoch aber fürchteten sie sie als nur schwer unter Kontrolle zu haltende Wilde. Dubornos, der diese Männer am vergangenen Abend eine Weile hatte beobachten können, war zu der Ansicht gelangt, dass beide Einschätzungen sowohl begründet als auch zutreffend waren.
Dubornos wollte sich gerade auf die Seite drehen, als er das langsame, leise Atmen eines dritten Mannes vernahm. Dieser saß hellwach und aufmerksam auf der anderen Seite des Raums. Zwei Atemzüge später wusste Dubornos auch, wer der Mann war.
»Caradoc?«
»Ich bin hier.«
»Gütige Götter...« Mit der gleichen Intensität, mit der zuvor die Angst über Dubornos hereingebrochen war, schlugen nun die Wogen der Erleichterung über ihm zusammen. »Ich dachte, sie würden uns weiterhin getrennt halten. Hast du gesehen, ob...« Die Wachen hatten leicht ihre Haltung verändert. Dubornos brach mitten im Satz ab. Ohne den Kopf zu drehen, fügte er etwas langsamer, aber immer noch auf Eceni hinzu: »Der größere der beiden treibt Unzucht mit Schweinen. Der Kleinere, sein Sohn, wurde ihm von einer Hängeohrsau geboren.«
In der daraufhin einsetzenden Stille richteten die Bataver sich auf, schienen etwas aufmerksamer zu werden, machten aber keinerlei Anstalten, gewalttätig zu werden.
Caradoc lachte leise. Ebenfalls auf Eceni antwortete er: »Gut gemacht! Sie sprechen also Lateinisch und Batavisch und, ich glaube, auch noch ein wenig Griechisch, aber kein Eceni - andernfalls müssten sie besser schauspielern können als jeder herumziehende Künstler, aber dafür sind sie einfach nicht schlau genug. Aber wie auch immer, selbst wenn sie verstanden hätten, was du gerade eben gesagt hast, haben sie den Befehl erhalten, dass sie uns nicht töten dürfen. Denn wenn wir sterben sollten, dann wird das Schicksal, das eigentlich unseres hätte sein sollen, das ihre. Und ich denke, man kann davon ausgehen, dass sich davor selbst die berittene Garde fürchtet.«
Dubornos öffnete die Augen. Die Zelle war kleiner, als er zunächst erwartet hatte. Allein seine Pritsche nahm bereits die halbe Breite und zwei Drittel der Länge des Raums ein. Die Tür bestand aus mit Eisen beschlagenen Eichenbohlen. Die Wände waren nur schlecht verputzt, und deutlich schimmerte das Muster der darunter liegenden Backsteine hindurch. Die Ausstattung des Zimmers rangierte also zwischen dem des Krankenzimmers und dem des unterirdischen Verlieses. Die Decke war niedrig und sah beunruhigenderweise ganz danach aus, als ob sich über ihr nicht das Dach, sondern noch ein weiteres Stockwerk befände. Erst an Bord des Schiffes hatte Dubornos zum ersten Mal erfahren, was für ein Gefühl es war, wenn über seinen Kopf andere Menschen hinwegmarschierten. Und bereits da hatte ihm diese Erfahrung ganz und gar nicht behagt.
An eisernen Haken an der gegenüberliegenden Wand hingen drei tropfende Lampen. Caradoc saß in den flackernden Schatten unterhalb der mittleren Lampe auf einer Pritsche, die identisch war mit jener, auf der Dubornos lag. Er war in eine Tunika aus ungefärbter Wolle gekleidet, hatte die Knie bis unter das Kinn hinaufgezogen und seine Arme locker drumherum geschlungen.
Um seine Handgelenke waren Verbände aus ungebleichtem Leinen gewickelt, der rechte davon ein wenig mit getrocknetem Blut verkrustet. Die Blutergüsse in seinem Gesicht, die man ihm bei seiner Gefangennahme zugefügt hatte, verblassten allmählich wieder, und sein Haar leuchtete in einem so hellen Gold wie seit der Schlacht an der Lahmen Hirschkuh nicht mehr. Nur an der rechten Seite seines Kopfes fehlte eine Strähne, dort waren die Haare bis auf die Kopfhaut geschoren. Cartimandua war es gewesen, die Caradocs Kriegerzopf abgeschnitten hatte - als ein »Erinnerungsstück«, wie sie sagte. Irgendwann nach seiner Gefangennahme hatten sie ihm aber wenigstens die Brosche in der Form des Schlangenspeeres wieder zurückgegeben; das einzige Schmuckstück, das Caradoc jemals getragen hatte. Die Brosche hätte dringend poliert werden müssen, doch wenigstens klebte an ihr kein Blut, und auch die Nadel war noch ganz. Zwei Zöpfe aus rot gefärbter Wolle hingen von der unteren der silbernen Schlaufen herab, ihre Enden schon ein wenig ausgefranst. Einer der Zöpfe war während der Überfahrt schmutzig geworden und war nun ganz dunkel und steif.
Ebenso wie Dubornos war auch Caradoc nicht mehr in Eisenketten gelegt. Dieser Umstand, oder vielleicht auch die dreitägige Ruhepause, hatten ihn ein wenig erfrischt und die abgezehrte Müdigkeit von ihm genommen, die im Lager der Briganter von ihm Besitz ergriffen hatte, so dass er nun wieder wie jener Krieger aussah, der ein ganzes Volk anführen konnte. Selbst unter Dubornos’ kritischer Musterung blieb Caradocs kühler Blick entspannt, und in den Tiefen seiner grauen Augen blitzte sogar ein Fünkchen seines trockenen Humors auf. Wenn sie sich also damals in Britannien, bevor das erste Schiff ausgelaufen war, nicht zehn Tage lang denselben Fäkalieneimer geteilt hätten, dann hätte Dubornos gedacht, dass Caradoc überhaupt keine Angst empfinden könnte.
»Du hast nichts von dem Opiumsaft zu dir genommen«, stellte Dubornos fest. Beide hatten sie den gleichen Schwur gegen den Genuss von Wein abgelegt. Nur Dubornos hatte diesen Schwur gebrochen. Doch die Scham war nur eine minder schmerzliche Angelegenheit, eine Ablenkung von der sonst präsenten Angst. Dubornos hieß das ihm bereits vertraute Gefühl der Beschämung also ganz entspannt willkommen.
Caradoc zuckte mit den Schultern. »Mir ist ja auch keiner angeboten worden. Aber wenn wir heute Nacht wieder welchen bekommen sollten, dann hältst diesmal du Wache und ich trinke den Wein und schlafe.«
»Aber ob sie das tun werden?« Werden wir überhaupt noch eine weitere Nacht erleben, geschweige denn, dass wir wählen dürfen, ob wir trinken oder nicht trinken, ob wir schlafen oder nicht schlafen?
»Ich weiß es nicht. Das scheint in den Händen von Narcissus, dem ehemaligen Sklaven, zu liegen. Wenn man sich auf Mona keine Lügen erzählt, dann ist das ein recht gewitzter und intelligenter Mann, dem im Allgemeinen nicht der Sinn nach Blutvergießen steht.«
»Der Kaiser aber, dem er gehorcht, besitzt keine dieser Eigenschaften; im Gegenteil, ihm bereitet es sogar noch größeres Vergnügen, seine Opfer eines langsamen, qualvollen Todes sterben zu sehen, als seinem Vorgänger Caligula.«
Caradoc schloss die Augen, öffnete sie dann langsam wieder und stieß zwischen geschürzten Lippen den Atem aus. »Vielen Dank, ja. In diesem Falle sollten wir also dankbar sein, dass Claudius als schwach gilt und von seinen Frauen und ehemaligen Sklaven beherrscht wird. Wenn er nämlich tatsächlich Caligulas Instinkte und noch dazu dessen Mangel an Zurückhaltung besäße, dann hätte das Sterben für uns schon längst begonnen. So wie Caligula einst einen Vater zwang, sich ruhig hinzusetzen und Wein zu trinken, während seinem Sohn vor dessen Augen die Haut abgezogen wurde. Was dann mit dem Vater passierte, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.« Caradocs graue Augen funkelten. »Ist es das, was du hören wolltest?«
Unter Dubornos Tunika kroch eine Gänsehaut über seinen Körper, ganz so, als ob seine Nerven bereits bloßgelegt worden wären. »Je eher es anfängt, desto eher ist es vorbei«, sagte er, doch noch während er diese Worte aussprach, begriff Dubornos bereits, dass er gewiss nicht der Einzige war, der dies dachte, und dass man solche Mutmaßungen besser nicht laut aussprechen sollte.
»Sie haben die Kinder«, stellte Caradoc tonlos fest. »Xenophon, der Arzt, hat sich um sie gekümmert. Er war heute Morgen hier, um sicher zu gehen, dass du noch schläfst. Er meint, dass Cygfa und Cunomar, weil sie noch Kinder sind, vielleicht weiterleben dürfen - wenngleich auch nur als Sklaven. Wenn es also etwas gibt - irgendetwas -, das wir tun können, damit sie überleben, dann müssen wir dies tun. Das ist alles, worum es jetzt noch geht.« Caradoc hob den Kopf, seine Augen blitzten. »Und sag jetzt nicht, was du gerade sagen wolltest, denn auch Xenophon weiß es. Aber noch hat er niemandem davon erzählt.«
Cygfa ist kein Kind mehr.
Dubornos atmete einmal tief ein und zwang sich, jene Worte, die er gerade hatte aussprechen wollen, wieder herunterzuschlucken. Wie ein unausgesprochenes Todesurteil schwebten sie durch die stickige Luft.
Caradocs Lächeln war nicht mehr als ein kurzes Zähnefletschen. »Danke. Wenn das alles hier in weniger als einem Monat vorbei ist, dann finden sie es vielleicht niemals heraus. In der Zwischenzeit kannst du mir ja deinen gesamten Vorrat an Heldengeschichten erzählen, oder vielleicht fällt uns ja auch eine andere Möglichkeit ein, wie wir die Zeit hier rumkriegen können.« Caradoc ließ sich auf die Pritsche niedersinken und stützte sich, ganz nach Art der Römer, auf einen Ellenbogen. »Ich gehe mal nicht davon aus, dass du deine Knöchelchen noch bei dir hast?«
Dubornos Knöchelchen waren ihm schon kurz nach seiner Gefangennahme abgenommen worden, und er hatte sich nicht die Mühe gemacht, noch einmal neue zu schnitzen. Aus kleinen Brocken des Wandverputzes fertigten sie sich aber dennoch ein paar Spielsteine an, ritzten mit dem Fingernagel Kreuze oder Linien hinein und spielten dann eine etwas simplere Variante des Kriegertanzes. Während dieses Nachmittags brachte die Herbstsonne die südliche Zellenwand förmlich zum Glühen, und der Raum verwandelte sich in eine Art Backofen. Sowohl den Wachen als auch den Gefangenen lief der Schweiß nur so am Körper herunter, und Caradoc und Dubornos spielten zum ersten Mal in ihrem Leben jenes Spiel, zu dem sich vor der Invasion keiner von ihnen die Zeit genommen hatte. Langsam entspannten sie sich, unterhielten sich miteinander und tauschten die Neuigkeiten aus, die ein jeder seit seiner Gefangennahme hatte aufschnappen können.
Caradoc beugte sich träge vor und fragte: »Erinnerst du dich noch an Corvus? Den Römer, der genau an jenem Tag an den Strand gespült wurde, als auch die Greylag unterging?«
Dubornos blickte auf. »Wie könnte ich mich nicht an ihn erinnern? Er schlug mich doch damals bei dem Wettrennen am Fluss, stieß mich ins Wasser und war dann auch noch dabei behilflich, mich wieder herauszuziehen, bevor ich in den Teich der Götter fallen konnte. Er war damals der große Held und ich der Idiot. Dafür habe ich ihn gehasst.«
»Und nun ist er der Präfekt einer der gallischen Kavallerieflügel. Wenn wir wollten, könnten wir ihn jetzt also beide hassen.«
»Aber wollen wir das?«
»Ich denke nicht. Er besaß damals eine gewisse Integrität, und ich schätze, die besitzt er auch heute noch. Er war wegen irgendwelcher Angelegenheiten hier im Palast, hat dann aber wohl herausgefunden, dass ich hier bin, und ist daraufhin letzte Nacht noch einmal vorbeigekommen, um zu überprüfen, ob ich auch gut behandelt werde. Er hat unser Land erst vor vier Tagen verlassen, ist allerdings auf direktem Wege nach Ostia gesegelt.«
»Dann hat er sicherlich auch Neuigkeiten.« Dubornos versuchte, dies nicht wie eine Frage klingen zu lassen. Neuigkeiten aus der Heimat zu hören, zu erfahren, was sich auf Mona abspielte, wie es seinen Lieben ging - das war vom Augenblick seiner Gefangennahme an sein sehnlichster Wunsch gewesen.
Caradoc konnte es da nicht anders ergangen sein. Er nickte, ein klein wenig verkrampft. »Die hat er auch. Corvus’ Bericht zufolge toben die westlichen Stämme wie Bienen, denen jemand ihren Korb umgetreten hat. Zwei Kavallerietruppen haben sie innerhalb von ebenso vielen Tagen komplett ausgelöscht. Nur ein Einziger soll überlebt haben. Und das auch nur, weil er sich offenbar überzeugend tot gestellt hatte. Wenn dieser Soldat also Recht hat, dann wurden die Angriffskommandos von Breaca angeführt, was wiederum bedeuten würde, dass sie...« Abrupt hielt Caradoc inne.
Breaca.
Klirrend hallte ihr Name durch das trübe Dämmerlicht - wie ein Sinnbild all dessen, was sie verloren hatten. Es war das erste Mal seit ihrer Gefangennahme, dass Dubornos irgendjemanden ihren Namen aussprechen hörte. Doch selbst jetzt schien es ihm, als ob dieser Name nur aus Versehen gefallen, als ob er bloß einem unter großem Druck stehenden, rastlosen Geist entsprungen wäre.
Sehr leise fuhr Caradoc fort: »Was bedeutet, dass sie weiß, was passiert ist, und höchstwahrscheinlich ziemlich ungehalten darüber ist.«
Caradoc bemühte sich um Ironie oder zumindest um ein gewisses Maß an Humor - und schaffte es doch nicht. Bei der Nennung von Breacas Namen war in ihrer beider Innerem irgendetwas zerbrochen. Ohne einander zu fragen, beendeten sie das Spiel. Dubornos sammelte die Spielsteine ein und schob sie, vielleicht für später, unter seine Pritsche. Caradoc rutschte rückwärts, bis er wieder mit dem Rücken an der Wand lehnte. Mit einer Hand bedeckte er seine Augen, verbarg sie und die Seelenqualen, die sich sonst in seinem Blick gespiegelt hätten. Mit den Fingern der anderen Hand strich er wieder und wieder über die Schlangenspeerbrosche, die er an seiner Tunika festgesteckt hatte.
Das Öl der mittleren Lampe, die direkt über Caradocs Kopf hing, war inzwischen verbrannt, doch niemand hatte es nachgefüllt und die Lampe erneut angezündet. Das schwache Licht in der Zelle grub nun regelrechte Höhlen in Caradocs Wangen, ließ die über seinen Zügen liegende Anspannung überdeutlich hervortreten. Zwar war diese auch zuvor da gewesen; aber durch reine Willensanstrengung oder vielleicht auch bloß aus der Entschlossenheit heraus, niemals die Führung aufzugeben, hatte Caradoc sie bislang eisern unterdrückt - selbst hier, wo es doch ohnehin nur noch einen Mann gab, den er hätte führen können. Ohne diese innere Haltung aber sah er nun genau so aus, wie Dubornos sich fühlte: wie eine Seele, die haltlos durch einen grenzenlosen Raum irrte, die laut nach den Göttern rief, jedoch nicht einmal das Echo ihrer eigenen Stimme vernahm. Caradocs Atem, der zuvor noch sehr beherrscht und ruhig gegangen war, kam zunehmend keuchend und stoßweise über seine Lippen.
Dubornos wartete mit angehaltenem Atem. Gerade in dem Augeblick, als er seine Lungen wieder mit Luft füllen wollte, krachte Caradocs Faust gegen die Wand und ließ ein großes Stück schlecht aufgetragenen Verputzes vom Mauerwerk abspringen. In seiner Stimme schwang eine kaum zu bändigende Wut mit: »Bei allen Göttern! Ich wünschte, ich wüsste, wie es ihr geht.«
Dies war das erste Mal, dass einer der Gefangenen eine Reaktion gezeigt hatte, die man als aggressiv bewerten konnte, und darauf hatten die Wachen ganz offensichtlich nur gewartet. Grinsend ließen sie ihre Hände zu ihren Waffen hinabgleiten. Sie durften Caradoc und Dubornos zwar nicht töten; ein gewisses Maß an »Unterhaltung« aber war erlaubt. Drohend zog die zuvor noch weit entfernt geglaubte Gefahr herauf. Der kleinere der beiden Männer schloss seine Hand um einen mit Bleispitzen bewehrten Lederriemen. Den ganzen Nachmittag über hatte er schon damit herumgespielt, hatte ihn unentwegt zusammen- und wieder auseinander gerollt, hatte ihn wie feinstes Bienenwachs mit seiner Hand verschmelzen lassen. Perfekt schmiegte sich der Riemen nun über die Erhebungen seiner Fingerknöchel. Probehalber ballte er seine Hand einmal zur Faust und öffnete sie wieder. Dann trat er auf Caradoc zu und holte zum Schlag aus.
In einiger Entfernung ertönte urplötzlich der langsam anschwellende, klagende Ton eines Horns. Jäh hielten beide Wachen mitten in der Bewegung inne, ihre Aufmerksamkeit auf das Hornsignal konzentriert, ihre Haltung die zweier grob gemeißelter Statuen, Sinnbilder der puren Enttäuschung. Gleich darauf ertönten draußen Schritte, wanderten den Korridor entlang und hielten irgendwo hinter der Tür an. Eine kehlige Stimme fragte nach einer Parole, eine ebenso dunkle Stimme antwortete, beide auf Lateinisch. Dann trat ein einzelner Mann direkt an die Tür heran.
Dubornos hatte einen kleinen Astknoten in dem unbehandelten Holz seiner Pritsche gefunden, umkreiste ihn nun mit seinem Daumen, zählte dabei mit. Dieser gleichmäßige Rhythmus beruhigte ein wenig die schreiende Angst in seinem Inneren. Caradoc, auf der anderen Pritsche hockend, legte die Fingerspitzen aneinander und ließ sein Kinn darauf niedersinken. Caradocs Hände zitterten nicht, doch die Ränder seiner Nasenflügel waren ganz weiß geworden, und wer ihn gut kannte, wusste, dass er sich angestrengt darum bemühte, weiter ruhig zu atmen. In dem von Schweißgeruch erfüllten Zwielicht hörte ein jeder der Männer jetzt nur noch das Rauschen seines eigenen Blutes und die - nun in einem schnelleren Rhythmus als zuvor - pfeifende, entzündete Nase der größeren der beiden Wachen.
Die sich nähernden Schritte hielten schließlich draußen vor der Tür inne, und sie wurde geöffnet. Ein in eine prachtvolle metallene Rüstung gekleideter Zenturio der Prätorianergarde trat ein und verkündete: »Der Kaiser wünscht euch zu sehen.« Als Dubornos sich daraufhin erhob und die Beine ausstreckte, um endlich wieder den Krampf in seinen Waden zu lösen, sah er plötzlich direkt vor seinen Augen eine Schwertspitze aufblitzen. »Nicht du. Nur der Anführer. Caratacus, der ihm neun Jahre lang getrotzt hat. Nun möchte Claudius ihn sehen und über ihn richten.«
»Dann müsst ihr mich aber mitnehmen«, entgegnete Dubornos.
»Nein. Es sei denn, du möchtest, dass dein Kopf als Geschenk an den Kaiser geht.«
»Wenn das die Bedingung ist, ja.«
»Dubornos, nicht! Einer von uns beiden muss doch bleiben. Der Kinder wegen.« Geschmeidig erhob sich Caradoc und salutierte vor dem Zenturio als einem gleichrangigen Offizier. Daraufhin legten sie ihm abermals Eisenringe um die Handgelenke, zerrissen dabei seine Verbände. Noch ehe sie die Prozedur abgeschlossen hatten, tropfte bereits wieder Blut über das rostige Metall. Caradoc hob seine gefesselten Hände und entbot Dubornos einen Gruß, der Ähnlichkeit mit dem Kriegergruß hatte. »Die Kinder«, sagte er auf Eceni. »Tu, was auch immer du tun musst, damit sie am Leben bleiben.«
»Das werde ich.«
Später, als der Klang der Schritte draußen auf dem Korridor wieder verhallt war, beugte Dubornos sich über den Eimer für die Exkremente; es kümmerte ihn nicht mehr, dass die Wachen ihn dabei beobachteten.