XXV
Cwmfen von den Ordovizern, begnadigte Gefangene
des Kaisers Claudius, gebar bei Nachteinbruch des fünften Tages
nach der Herbst-Tagundnachtgleiche des dritten Jahres ihrer
Gefangenschaft einen Jungen; zugleich war es das vierzehnte Jahr
der Regentschaft jenes Mannes, von dessen Gnaden und unter dessen
Schutz sie lebte. Das Kind war Caradocs Sohn und damit Cygfas
Bruder sowie Cunomars Halbbruder, der nun nicht länger der einzige
Sohn seines Vaters war.
Die Geburt dauerte lange und war sehr schmerzhaft.
Äußerlich hatte die Kriegerin sich seit ihrer Gefangennahme zwar
nur wenig verändert, ihr einst trainiertes Muskelfleisch jedoch war
mit jedem weiteren Monat, den sie als Gast des Kaisers verbrachte,
immer weiter erschlafft, bis sie, als der Zeitpunkt ihrer
Niederkunft nahte, wie jede andere römische Frau ebenfalls kaum
mehr in der Lage war, ein Kind zu gebären.
Dies war auch die erste Geburt, die Cunomar
miterlebt hatte, denn als seine Mutter Graine gebar, hatte sie nur
die Träumer bei sich geduldet. Erst später, als das Blut und die
Schreie längst wieder Vergangenheit waren, hatte er das Neugeborene
sehen dürfen. Ohnehin aber war Cunomar der Ansicht, dass seine
Mutter natürlich nicht geschrien hatte; denn sonst, da war er sich
ganz sicher, hätte er sie gehört, egal, wie weit sie sich auch
zurückgezogen haben mochte. Die Geräusche anderer Geburten
allerdings hatte Cunomar, seit sie nach Rom verschleppt worden
waren, nun schon oft genug mitanhören müssen, und darum wusste er
auch, dass bei dieser Geburt hier irgendetwas anders war, als es
sein sollte. Die Wände ihrer Wohnung im zweiten Obergeschoss waren
so dünn, dass er sich auch ebenso gut im gleichen Raum hätte
befinden können; wie im Übrigen auch ihre Nachbarn zur Rechten und
zur Linken oder die über und unter ihnen. Selbst wenn von diesen
Seiten ausnahmsweise einmal kein Geräusch zu ihnen herüberhallen
sollte, so war doch der Lärm von der gegenüberliegenden
Straßenseite und den wiederum dahinter liegenden Straßenzügen zu
hören. Die dicke Römerin, mit der sie sich ihren Treppenaufgang
teilten, bekam, soweit Cunomar das sagen konnte, jedes Jahr ein
Kind, die jedoch offenbar so schnell aus ihr herausglitten, wie
eine Henne ihre Eier legte. Dagegen hatten die ehemalige Sklavin
unter ihnen, die Frau des Silberschmieds und jene allein lebende,
mürrische und stille Frau, von der die Römerin wiederum behauptete,
sie sei eine Prostituierte, allesamt recht langwierige und
schmerzvolle Geburten durchlebt, die nicht gerade geräuscharm
verlaufen waren.
Auch Cwmfen schrie, und sie schämte sich dessen,
das konnte Cunomar deutlich erkennen. Um sie durch seine
Anwesenheit nicht noch weiter in Verlegenheit zu bringen,
verbrachte Cunomar den Tag damit, Wasser herbeizuholen. Schon in
den frühen Morgenstunden hatte er sich das halbe Dutzend
Wassereimer, die sie besaßen, geschnappt und sie dann einen nach
dem anderen aus der im Erdgeschoss eingelassenen Zisterne, die
sowohl ihre Wohnung als auch die umliegenden mit Wasser versorgte,
wieder emporgezogen. Zwar war Cunomar auch sonst derjenige, der für
das Wasserholen verantwortlich war, doch normalerweise verabscheute
er diese Arbeit regelrecht, so wie er überhaupt alles, was
irgendwie römisch war, verabscheute. In seiner Welt, der Welt, die
von den Göttern erschaffen worden war, galt das Wasser als ein
Geschenk Nemains, die es durch die Bäche und Flüsse rauschen ließ,
oder auch als eine Gabe Manannans, der die endlose See erschaffen
hatte. Für dieses Gut pflegte man sich bei den Göttern zu bedanken,
ging sorgsam damit um, und im Gegenzug dafür ließen die Götter das
kostbare Nass niemals versiegen. In Rom aber, wo das Wasser den
Aquädukten entsprang und den unterirdischen Röhren, wurde es bis
unmittelbar in die Häuser der Reichen und in die öffentlichen Bäder
geleitet. Sogar für jene, die in Armut lebten und zu weit entfernt
von den Badeanstalten wohnten, wie zum Beispiel Cunomars Familie,
gab es Ziehbrunnen und Zisternen. Allerdings waren diese zumeist
Privateigentum, und obwohl man für ihre Benutzung nichts zahlen
musste, musste man das Wasser doch noch immer selbst schleppen. In
jedem Fall aber war all dies in Cunomars Augen nur ein weiteres
Sinnbild für die ihm auferlegte stumpfsinnige Schinderei und das
Abgetrenntsein von seinen Göttern.
An diesem Tag jedoch war der langsame Aufstieg die
Treppen hinauf, bei dem Cunomar das Wasser ständig über die Füße
schwappte, eine segensreiche Ablenkung, und immer wieder ging er
diesen Weg, obwohl das ganze Wasser wahrscheinlich ohnehin nicht
benötigt wurde. Am Nachmittag, als die Eimer noch immer nicht
geleert worden waren, lieh er sich von der dicken römischen
Nachbarin noch zwei Ziegenhäute. Diese trug er - zu Gürteln
verarbeitet - später den ganzen Hügel hinunter bis zu den
öffentlichen Bädern und jenem halb eingestürzten Springbrunnen, der
die umliegenden Häuser und Marktstände versorgte. Mittlerweile
nämlich verzehrte er sich geradezu nach etwas Sonnenlicht und
führte überdies den Vorwand an, dass er schließlich dem dort
ansässigen Kaufmann noch drei neue Gürtel zu bringen habe, die
dieser dann für Cunomar verkaufte. Das Geld, das Cunomar aus diesem
Handel gewann, entschädigte ihn zwar kaum für den Preis des Leders,
doch wurde seine handwerkliche Arbeit mittlerweile immer besser,
und er schaffte es nun sogar schon, an einem Tage drei bis vier
dieser Gürtel herzustellen. Die Lederarbeiten brachten ihm also
immer noch genug ein, um sich davon Bier und Brot kaufen zu können
oder einen frisch erlegten Hasen oder, noch besser, einen frisch
gefangenen Seefisch, den man gerade erst aus dem Hafen von Ostia
hierher gebracht hatte.
Es hatte eine Weile gedauert, ehe die Familie Wege
fand, überleben zu können. In den ersten Tagen nach ihrer
Entlassung aus dem Gefängnis hatte ihnen ja noch der Reiz des Neuen
angehaftet, und besonders Caradoc war in dieser Zeit einige Male
zum Abendessen bei Konsuln oder Senatoren geladen worden - oder
zumindest solchen, die sich Hoffnungen auf einen dieser Posten
machten -, war also Gast jener gewesen, die offen zeigen wollten,
dass sie den Kaiser unterstützten und in dem begnadigten Gefangenen
eine Gelegenheit sahen, dies geschickt zu demonstrieren.
Zudem hatte man sich die Schlangenspeerbrosche, die
Caradoc noch immer trug - gegen eine geringe Gebühr - von ihm
entliehen und kopiert, und von da an war diese Anstecknadel zum
Symbol der Zugehörigkeit zum Kaiser geworden. Bis schließlich auch
diese Mode wieder vorüberging und von etwas weniger Barbarischem
ersetzt wurde. Jener Silberschmied, der die Repliken gefertigt
hatte, hatte Caradoc die Brosche anschließend persönlich wieder
vorbeigebracht und war sogar noch den ganzen restlichen Nachmittag
bei ihm geblieben, um sich über das genaue Herstellungsverfahren
dieser Brosche sowie den Entwurf noch einiger anderer Stücke zu
beraten, die zwar ähnlich, aber nicht genauso aussehen sollten. Es
schien schon ganz so, als ob aus diesem Vorhaben vielleicht so
etwas wie ein Einkommen für Caradoc entspringen könnte, doch bald
darauf starb der Silberschmied an dem Genuss von verdorbenem
Schweinefleisch, und es waren an seiner Stelle auch keine neuen
Schmuckmeister mehr nachgekommen.
Zwar waren Caradoc seine Besuche zu den Abendessen
nicht bezahlt worden, doch hatte man ihm jeweils neue
Kleidungsstücke zur Verfügung gestellt, die die vorherigen an
Aufdringlichkeit und schlechtem Geschmack jedes Mal noch
übertrafen. Diese Kleidungsstücke waren dann anschließend veräußert
worden, um die Familie wenigstens für kurze Zeit zu ernähren oder
sogar ein wenig Feuerholz davon zu kaufen. Später dann, als auch
die Einladungen weniger wurden, stellte sich heraus, dass man
besonders Dubornos’ Fähigkeiten gut vermarkten konnte. Für einen
ausgebildeten Krieger bestand zur Zeit zwar nur wenig Bedarf -
besonders nicht für einen, der durch die Zuwendungen der
kaiserlichen Kavalleristen für den Rest seines Lebens behindert
bleiben würde -, ein Geschichtenerzähler mit einem merkwürdigen
ausländischen Akzent aber war durchaus willkommen, ganz besonders
dann, wenn er zudem noch als Heiler tätig werden konnte. Xenophon
hatte ihn dabei noch unterstützt und ihn mit Kräutern und Lösungen
für Salben und Tinkturen versorgt, deren Verkauf sie schließlich
durch den ersten Winter in Rom brachte.
Im darauf folgenden Frühling hatte der Müßiggang
schließlich auch die anderen Familienmitglieder zu einer
Beschäftigung getrieben. Nach einigen Fehlversuchen hatte Caradocs
Familie herausgefunden, dass ordovizische Lederwaren gut im Kurs
standen; wenngleich jene, die sie kauften, die eingebrannten und in
die Häute eingearbeiteten Symbole natürlich nicht entschlüsseln
konnten. Selbst Cygfa war dadurch ein wenig aus sich herausgekommen
und hatte einen Gürtel hergestellt, an dessen Ausarbeitung sie
zunächst einige Tage feilte und der sich dann so schnell verkauft
hatte, dass auch die übrigen Familienmitglieder sich von ihr die
genaue Herstellungsweise beibringen ließen. Zwar war all dies nicht
die Tätigkeit von Kriegern, aber sie war immer noch besser als die
anderen zur Verfügung stehenden Alternativen. Somit stellten sie
nun Gürtel und Ledersäckchen her und Scheiden für jene Waffen, die
selbst zu tragen ihnen untersagt worden war, und einmal sogar auf
Kommissionsbasis eine ganze Partie Stiefel. Diese allerdings waren,
wie sie später entsetzt herausfanden, für die in Britannien
kämpfende Kavallerie bestimmt gewesen.
In jenem Augenblick am Markt also genoss Cunomar
einfach nur einmal die seltenen Sonnenstrahlen des Septembers, wog
prüfend die Kupfermünzen in seiner Hand, die man ihm für die Gürtel
gegeben hatte, und entschied, dass sein Vater sich an diesem
speziellen Tage Bier gewiss noch sehnlicher wünschen würde als
alles andere und vielleicht sogar Cwmfen ein wenig davon genießen
wollte. Zumindest später, wenn das Kind endlich einmal geboren war.
Cunomar kaufte einen Krug Bier, stellte ihn, bevor er ihn nach
Hause trug, noch eine Weile in das Wasser des Springbrunnens, um
das Bier noch ein wenig zu kühlen, und hoffte unterdessen, dass die
Quälerei bis zu seiner Rückkehr ein Ende gefunden haben
würde.
Zumindest zur Hälfte waren die Wehen ja bereits
durchgestanden, und das war schon einmal besser als nichts. Als
Cunomar aufgebrochen war, hatte Dubornos ihm noch gesagt, dass er
mit den Fingerspitzen bereits die Schädeldecke des Kindes ertasten
könne. Als Cunomar nun wieder in das Gebärzimmer schlüpfte und sich
in der am weitesten von Cwmfen entfernten Ecke niederkauerte, hielt
Dubornos schon fast den gesamten Kopf des Kindes in seinen
Händen.
Seine Erfahrungen aus den Geburten von Fohlen und
Lämmern aus der Zeit noch vor Rom sagten Cunomar, dass der
schlimmste Teil die Schultern waren und dass ein herauslugender
Kopf noch nicht ausreichte. Dieses Kind hier jedoch hatte einen
schmalen Brustkorb, und als der letzte Sonnenstrahl über den
Dachfirst im Westen blitzte, kamen die Schultern nach, und schon
bald darauf glitt das Kind im Schein der Lampen in die Arme seines
Vaters. Der Kleine war kahl und schrumpelig, ganz rot und hässlich,
doch Cunomar hatte bereits gelernt, dass dies fast immer so war,
und verzichtete auf jeden Kommentar.
Um dem römischen Gesetz Genüge zu tun, nannten sie
den Jungen Gaius Caratacus. Innerhalb der Familie aber war er Math
vom Stamme der Ordovizer - ein Name, den sein Vater einmal in
seiner Jugend benutzt hatte und der, wenn schon nicht in Cunomars
Ohren, so doch in denen der Eltern wie ein Gesang von Freiheit
klang. Vieles von seinem geistigen Erbe konnte Dubornos in Rom zwar
nicht praktizieren, doch wiederholte er zumindest die Worte von
Brigas Willkommensgruß. Caradoc trug den Kleinen derweil hinunter
in ihren schmalen Gemüsegarten, wo er dann, mit Cygfa und Cunomar
als Zeugen, dem Nachthimmel geweiht wurde, der Erde und dem Wasser.
Anschließend trugen sie ihn wieder zu seiner Mutter zurück, die
bereits eingeschlafen war. Das Kind hatte große, helle Augen, aus
denen es sie nach den ersten auf die Geburt folgenden Schreien in
erstauntem Schweigen anblickte, ganz so, als ob es ein Rundhaus
erwartet hätte, eine Welt im Kriegszustand und als ob ihm
angesichts der ihn umgebenden vier Wände und einer Stadt im
vermeintlichen Frieden nichts einfiele.
Später aber wurde das Bier dann genauso freudig
entgegengenommen, wie Cunomar gehofft hatte. Außerdem entzündeten
sie, obwohl es noch nicht wirklich kalt war, ein kleines Feuer, und
saßen anschließend einfach nur eine Weile schweigend beieinander,
genossen die Wärme der Flammen, ein wenig Bier und die Ruhe des
Abends, ehe sie sich alle schlafen legten.
Im Stillen machte sich Cunomar bereits seit einiger
Zeit ständig Sorgen um seinen Vater, der sich wiederum unentwegt um
seine Familie sorgte. Jeder von ihnen tat sein Bestes, um es die
anderen nicht spüren zu lassen. Die beengten Lebensumstände ihrer
Wohnung hatten sehr schnell deutlich gemacht, dass sich keiner von
ihnen erlauben konnte, sich in selbstmitleidigem Unmut einfach
gehen zu lassen, wenn sie nicht völlig den Verstand verlieren
wollten. Die meisten Nächte lag Cunomar wach und versuchte immer
wieder, sich daran zu erinnern, dass der Feind Rom hieß, und nicht
Cygfa, Dubornos, Cwmfen oder, die Götter mögen dies verhüten,
Caradoc. Denn wenn es für ihn bereits schon schwer war, nicht in
kleinliche Streitereien zu verfallen, um wie viel schwerer mochte
dies erst für Caradoc sein, der immerhin die Last der Verantwortung
für die gesamte Familie trug, und, egal, wo er auch auftauchte,
noch immer für Tuscheleien sorgte? Das beengte Leben in ihrer
Wohnung machte Cunomar zwar fast wahnsinnig, aber wie hätte er es
wagen können, dies auch noch einfach offen zu zeigen, wenn sein
Vater zur gleichen Zeit das lebenslängliche Stigma des begnadigten
Gefangenen zu ertragen hatte und natürlich die seelischen
Verletzungen, die ihm während seiner Gefangenschaft zugefügt worden
waren?
Die körperlichen Wunden waren die
offensichtlichsten; sie waren aber nicht gleichzeitig auch
diejenigen, die am meisten schmerzten. Trotz Xenophons Bemühungen
heilten weder Caradocs zerstörte Schulter noch die Wunden, die er
und Dubornos von den Eisenketten davongetragen hatten, vollständig
ab. Im Gegenteil, sie eiterten, und keiner der beiden Männer würde
jemals wieder die volle Beweglichkeit seiner Hände und Handgelenke
zurückerlangen. Caradocs Wunden waren zudem noch schlimmer gewesen
als jene von Dubornos, oder zumindest sah es in Cunomars Augen so
aus, als hätte man seinem Vater die Fesseln noch etwas enger
angelegt als seinem Gefährten. Außerdem hatte Caradoc an jenem Tag
in dem blutroten Saal, als der Kaiser Cunomar als Druckmittel
benutzt hatte, um aus seinem Feind jene Worte herauszupressen, die
er gerne hören wollte, ja auch noch wie wild gegen ebenjene Ketten
angekämpft. Damals hatte man Caradoc auch die Sehnen seiner
Schulter zerrissen, und am gleichen Tage hatte Xenophon ihm
eröffnet, dass er niemals wieder vollen Gebrauch von seinem Arm
würde machen können.
Und daher tat Cunomar sein Bestes, um seinen Vater
zu unterstützen, wo es nur ging, ihn dies gleichzeitig aber nicht
spüren zu lassen. Mit Hilfe der ihm zur Verfügung stehenden kleinen
Gesten tat er alles, was er nur konnte, um Caradoc und dessen
Händen jene Arbeiten zu ersparen, die zu viel Fingerspitzengefühl
erforderten. So übernahm Cunomar zum Beispiel die feineren
Lederarbeiten oder das Hacken von Feuerholz, denn es fiel Caradoc
recht schwer, die Axt mit der linken Hand zu führen, und im rechten
Arm hatte er einfach nicht mehr genug Kraft, um die Holzscheite in
noch kleinere Stücke zu zerteilen. Cunomar lernte auch, wie man
Fisch filetiert, und brachte überdies ohnehin nie einen nach Hause,
solange dieser noch nicht ausgenommen worden war. Einen Großteil
seines Lebens hatte Caradoc auf Schiffen verbracht, damals, als er
noch ein junger Bursche gewesen war und man ihn nur unter dem Namen
Math gekannt hatte. Einige Jahre später hatte er den falschen Namen
zwar abgelegt und trug wieder ganz offiziell seinen eigentlichen
Namen, Caradoc, abtrünniger Sohn des Sonnenhunds. Die Vorliebe für
Seefisch, die er in jener Zeit ebenfalls entwickelt hatte, hatte er
jedoch nie wieder verloren, und zuweilen war er sogar versucht,
beim Abendessen den Fisch sogar noch dem Bier vorzuziehen.
Auch in dieser Nacht lag Cunomar hellwach da, und
seine Gedanken wanderten von Bier zu Fisch und der Erinnerung
daran, wie vorsichtig sein Vater das Neugeborene ergriffen hatte,
ganz so, als ob er Angst gehabt hätte, es zu verletzen - als
plötzlich Cygfa in der Tür erschien.
Etwas steif und unwillig fragte sie: »Dubornos,
könntest du bitte kommen? Cwmfen blutet. Ich kann die Blutung nicht
stillen.«
Eigentlich war es zu dunkel, um wirklich etwas
erkennen zu können, aber Cygfa hatte schon immer die Augen einer
Katze gehabt. Cunomar hörte, wie Dubornos etwas murmelte, dann
vernahm er das Geräusch seiner über den Fußboden huschenden
Schritte; der Sänger musste also bereits wach gewesen sein, dass er
sich so rasch erheben konnte. Auch Cunomar stand auf, fand die Tür
und tastete sich anschließend im schwachen Schein der Lampen, die
noch immer im vorderen Zimmer brannten, ebenfalls bis dorthin vor.
Im Schimmer ebendieser Lampen erkannte Cunomar nun auch, wie
ungewöhnlich regungslos Cwmfen dort auf dem Bett lag, und dann sah
er die dunkle Blutlache auf dem Fußboden vor ihrem Bett. Vor ihm
packte Dubornos Cygfa hastig am Arm.
»Hierbei brauchen wir Hilfe. Lauf zu Xenophon zum
Palast. Bitte ihn um das Mutterkorn. Und richte ihm meine
aufrichtigste Entschuldigung dafür aus, dass ich es nicht gleich
angenommen habe, als er es mir das erste Mal anbot.« Dann schweifte
Dubornos’ Blick zum Türrahmen hinüber: »Und nimm Cunomar mit. Es
ist zu gefährlich für dich - nachts allein da draußen.«
Cygfa öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich
darauf wieder. Denn sie war in der Tat diejenige unter ihnen, die
sich noch am schlechtesten an das Leben in Rom hatte anpassen
können. Auch wenn sie keine sichtbaren Narben trug und - abgesehen
von Xenophons Untersuchung in den kaiserlichen Unterkünften - auch
keine körperlichen Übergriffe hatte erdulden müssen, so hatten aber
doch gerade diese Untersuchung und die Tatsache, dass sie sich vom
Mädchen zur Frau entwickelt hatte, ohne ihre langen Nächte der
Einsamkeit zu erleben, ausgereicht, um sie von der Welt und damit
auch von ihrer Familie abzutrennen. Das ganze erste Jahr über hatte
sie mit niemandem gesprochen außer mit ihrer Mutter; und auch das
nur, wenn es unumgänglich war. Die Herstellung der Gürtel jedoch
hatte eine Wende ausgelöst, und Cygfa begann wieder, auch mit ihrem
Vater und ihrem Halbbruder zu sprechen, schien also allmählich zu
genesen. Nach und nach hatte sich besonders zwischen ihr und
Cunomar eine echte Freundschaft entwickelt, so dass nun auch
Cunomar endlich eine Ahnung davon bekam, was es bedeutete, eine
Schwester zu haben - und darüber war er höchst erfreut.
Mit Dubornos dagegen war es ganz etwas anderes.
Cygfa hasste Xenophon mit einer kalten, alles verzehrenden
Leidenschaft, und Dubornos war Xenophons Freund. Zwar war genau
genommen auch Caradoc mit Xenophon befreundet, doch war Ersterer
zudem auch ihr Vater, und folglich konnte Cygfa ihm nicht wirklich
grollen - und überhaupt: Caradoc war in der Nacht ihrer Ankunft
schließlich nicht im Audienzzimmer dabei gewesen. Dubornos dagegen
schon. Deshalb konnte sie ihm nicht vergeben und würde dies
vielleicht auch niemals können.
Cunomar glaubte zudem, dass seine Halbschwester
einst in den Sänger verliebt gewesen war. Mit Sicherheit aber hatte
sie sich zumindest sehr nach ihm gesehnt, und ihr Rückzug von ihm
in jenem verworrenen, verfahrenen Winter nach ihrer Begnadigung
trug den spröden Zug desjenigen, dessen Liebe zurückgewiesen wurde,
dessen Ehre man in den Schmutz gezogen hatte. Dubornos’ zusätzliche
Nähe zu Xenophon dann gab ihr schließlich auch den geeigneten
Vorwand, um sich ihm gegenüber so zu benehmen, wie sie es eben tat.
Nur war das nach Cunomars Einschätzung eben nicht der eigentliche
Grund.
Doch was auch immer der Anlass gewesen sein mochte:
Dubornos hatte Cygfas Wandel in jedem Fall gespürt und war verletzt
gewesen. Die ganzen letzten beiden Jahre über hatte er sich alle
Mühe gegeben, ihr seinen Respekt zu erweisen, hatte versucht, sie
genauso zu behandeln, wie er auch mit ihrer Mutter umging, sie als
eine Kriegerin und als eine Erwachsene anzuerkennen. Schließlich
jedoch, als er sich nach wie vor nur ihrem unbeugsamen Widerstand
gegenübersah, behandelte er Cygfa genauso formell, wie sie mit ihm
umging, und es kam vor, dass beide vom Ende des einen Monats bis
zum Ausklingen des darauf folgenden kaum ein Wort miteinander
sprachen.
Erst jetzt, als Cwmfens Leben in Gefahr war, hatte
Dubornos seine vorsichtige, förmliche Haltung wieder abgelegt -
jedoch auf eine höchst ungeschickte Art und Weise. Anzudeuten, dass
die Straßen Roms für sie gefährlicher seien als für Cunomar, war so
taktlos, wie man nur irgend sein konnte. Cygfa war eine
kampferprobte Kriegerin, die schon den Tod von acht Feinden für
sich beanspruchen konnte. Außerdem war sie diejenige unter ihnen
gewesen, die in den letzten beiden Jahren stets hart dafür
gearbeitet hatte, um in einem ebenso guten Trainingszustand zu
bleiben wie zu jener Zeit, als sie alle noch frei gewesen waren.
Für Cygfa waren die Straßen Roms somit weitaus weniger gefährlich
als für Cunomar, der noch nicht einen einzigen feindlichen Krieger
getötet hatte. Jede andere Andeutung war eine schlichte
Beleidigung. Cygfa stand regungslos im Flur der Wohnung, und ihnen
allen war in diesem Augenblick nur allzu deutlich bewusst, dass der
einzige Grund, weshalb sie Dubornos nicht geschlagen hatte, der
war, dass ihre Mutter ihn brauchte.
Im Schein der Lampen suchte Cunomar verzweifelt
ihre Augen und bat sie, als ihre Blicke sich endlich trafen,
schweigend darum, dass sie die Beleidigung doch bitte einfach
übergehen möge und tun sollte, worum Dubornos sie bat. Denn wenn
dieser wollte, dass sie sich auf den Weg machten, hatte das einen
Grund, und es brachte ihnen überhaupt nichts ein, seine Logik zu
hinterfragen. Die neu entstandene Freundschaft zwischen Cygfa und
Cunomar zeigte aber ihre Wirkung. Zuvor hätte Cygfa ihn noch
schlichtweg ignoriert, nun jedoch erkannte Cunomar hocherfreut, wie
Cygfas feindselige Haltung zu schwanken begann und sie es sich
schließlich offenbar anders überlegte. Mit einem Nicken fragte sie
schließlich: »Was wirst du tun?«
Dubornos war zwischenzeitlich schon wieder halb in
den Raum eingetreten. »Beten«, entgegnete er. »Und sehen, ob ich
herausfinden kann, von wo die Blutung ausgeht, und sie dann
stillen.«
»Die Wunde ist tief drinnen. Sie kann es fühlen.
Frag sie. Sie ist noch unter uns.« Damit wandte Cygfa sich ab und
drückte Cunomars Arm. »Ich hole meinen Umhang. Und du solltest
besser auch deinen holen. Jetzt ist es zwar noch nicht so kalt,
aber später, wenn wir erst einmal beim Palast angekommen sind,
bestimmt.«
Es konnte die halbe Nacht dauern, bis sie dort
angelangt wären, das wussten sie beide, und dann war es möglich,
dass sie vielleicht niemanden fanden, der bereit war, Xenophon zu
wecken. Cunomar, der jetzt noch nicht gehen mochte, fragte:
»Könntest du ihn nicht bitte für mich holen? Er liegt auf meinem
Bett. Ich hatte ihn als zusätzliche Decke benutzt.« Seine Stimme
brach und klang plötzlich dunkel und barsch und noch tiefer als die
seines Vaters. Cunomar hustete einmal und spürte, wie ihm die Hitze
in die Wangen stieg. Wieder drückte Cygfa seinen Arm und entschwand
anschließend in die Dunkelheit.
Jetzt, da er allein war, richtete Cunomar seine
ganze Aufmerksamkeit auf Caradoc. Cwmfen war nicht seine Mutter,
und obwohl er traurig wäre, wenn sie stürbe, würde seine Trauer
doch zum Großteil dem Umstand entspringen, dass er wusste, wie viel
sie seinem Vater bedeutete. Caradoc hatte das Gebärzimmer noch
immer nicht verlassen. Er war nackt bis zur Taille, und wie träge
Rinnsale schlängelten sich die alten Kampfnarben über seine Brust,
seinen Rücken und die Arme. Er hielt seinen jüngsten Sohn an seine
gesunde Schulter gedrückt und hatte die Lippen auf den Scheitel des
Kindes gepresst. Die Hände, die den Kleinen hielten, waren
verkrampft, und Caradocs Finger hatten sich - wie immer, wenn er
abends erschöpft war - bereits wieder gekrümmt, doch hielten sie
den Jungen noch immer so vorsichtig wie schon bei seiner Geburt,
und daran würde sich, dessen war Cunomar sich sicher, auch für den
Rest seines Lebens nichts mehr ändern. Das Kind war gestillt worden
und lag nun ganz ruhig da, sein Atem wie eine sanfte Erinnerung an
das Leben - in einem Raum, in dem sich schon so offensichtlich der
Tod versteckte.
Dubornos hatte sich inzwischen neben das Bett
gekniet. Cwmfen öffnete die Augen, konnte sie jedoch nicht lange
offen halten. Der Sänger fühlte ihren Puls und ihre Stirn. Selbst
von der Tür aus konnte Cunomar erkennen, dass Cwmfens Stirn
schweißbenetzt war.
»Sie hat Fieber«, bemerkte Caradoc tonlos.
»Das ist aber nicht so schlimm, wie es aussieht«,
entgegnete Dubornos. »Das ist zur Hälfte auf die Erschöpfung nach
der Geburt zurückzuführen.« Möglicherweise entsprach dies sogar der
Wahrheit. Am Ende des Bettes stand ein Eimer Wasser, über dessen
Rand ein Tuch gehängt worden war. Der Sänger legte die feuchte
Kompresse nun auf Cwmfens Stirn. Wasser tröpfelte in ihr Haar,
verdünnte den Schweiß. Unbeweglich, wie aus Stein gemeißelt, stand
Caradoc neben dem Bett, als Dubornos zu ihm aufblickte und sagte:
»Das hier ist nicht deine Schuld.«
»Nein? Ich denke, man könnte mir zumindest die
Hälfte der Schuld zuschreiben.« Kein Funken von Humor lag mehr in
Caradocs Worten, gänzlich fehlte die sonst enthaltene Ironie. Auch
Cunomar entging nicht die Veränderung in Caradocs Ton, und sein
Herz schmerzte vor Kummer.
Nun trat Dubornos ans Fußende des Bettes. Die
Laken, die nach der Geburt hereingebracht worden waren, um Cwmfen
damit zu bedecken, waren längst blutdurchtränkt und wieder beiseite
geschoben worden. Der Sänger kniete sich nieder und suchte nach der
Quelle des unaufhörlichen Rinnsals von Blut. Immerhin war es noch
kein richtiger Blutstrom, das war schon mal gut. Draußen
marschierte irgendwo ein bewaffnetes Kommando durch die schmalen
Straßen. Das Aufstampfen der zwei Dutzend Füße ließ die Wände ihrer
Wohnung geradezu erzittern. Auch dies war etwas, an das Cunomar
sich noch immer nicht gewöhnt hatte und auch nie würde gewöhnen
können: die nächtlichen Verhaftungen der Unschuldigen, ihr simples
Verschwinden. In letzter Zeit waren diese Festnahmen noch
regelmäßiger geworden. Vielleicht sogar aus gutem Grund, denn
Claudius wurde zunehmend paranoider, und folglich mussten immer
mehr Männer für die vermeintliche Aufrechterhaltung seiner
Sicherheit sterben. Gerade gab ein Offizier den Befehl zum
Stehenbleiben, die Stimme so nah, als ob er sich im gleichen Zimmer
befände.
Dubornos erschauderte. Auch er hasste die
Legionssoldaten. »Rom ist schuld«, fuhr er fort. »Oder Claudius,
oder Breacas gottverfluchter Bruder, aber nicht wir. Und wenn du
dir trotzdem unbedingt die Schuld aufladen willst, dann gib mir
wenigstens die Hälfte davon ab, denn als wir gefangen genommen
wurden, befand sich Cwmfen immerhin in meiner Obhut.«
»Ha!« Cwmfen zuckte unter seinen behutsam
forschenden Fingern zusammen. »Du scheinst schon wie ein Römer zu
denken, Dubornos. Ich bin Kriegerin. Ich lebe in niemandes
Obhut.«
Caradoc kniete sich nieder und nahm locker Cwmfens
Hand in die seine. »Du bist die edelste und tüchtigste von allen
Kriegerinnen und wirst diese Prüfung ebenso bestehen wie alle
anderen zuvor.«
»Natürlich.« Selbst von seinem Platz an der Tür aus
konnte Cunomar die Liebe erkennen, mit der Cwmfen in Caradocs Augen
blickte. Und wie jedes Mal spürte Cunomar eine seltsame Mischung
aus Trauer und einem gänzlich unpassenden Neid, der seine
Eingeweide sich verkrampfen ließ, wann immer er beobachtete, wie
Cwmfen jenen Platz einnahm, der doch eigentlich seiner Mutter
gebührte.
Beschämt wandte Cunomar sich ab, damit man ihm
diese Empfindung nicht ansah. An seiner Seite erschien nun auch
wieder Cygfa, die ihm seinen Umhang um die Schultern legte. »Hier«,
sagte sie. »Der lag unter deinem Bett, darum konnte ich ihn zuerst
nicht finden.« Draußen auf der Straße begannen die Soldaten auf den
Befehl ihres Offiziers hin wieder loszulaufen.
Cunomar zog sich den Umhang um die Schultern, hielt
dann aber inne, als er das raue Gewebe und den modrigen Geruch
bemerkte, die diesen Umhang als seinen alten auswiesen, denjenigen,
den er am Mittsommertag weggeworfen hatte. An jenem Tage hatte ihm
der Lederhändler eine zusätzliche Münze zugesteckt, und davon hatte
Cunomar sich einen neuen Umhang gekauft. Cygfa hatte ihn damals
begleitet und war ihm bei der Auswahl des neuen Umhangs behilflich
gewesen. Sie war es auch gewesen, die dann entlang des Saumes die
Schutzzeichen der Ordovizer aufstickte, die Cunomar zusätzlich
behüten sollten; Cygfa konnte sich an diesen Tag bestimmt noch
erinnern.
Plötzlich stieg ein solcher Groll in Cunomar auf,
dass er mit der in ihm aufwallenden Schimpftirade leicht einen
ganzen Tag hätte füllen können. Er warf den Umhang auf den Boden
und schimpfte: »Der ist alt und stinkt. Der neue liegt auf dem Bett
unter der Decke, wo ich...«
Unvermittelt hielt er inne und erstarrte. Die
bewaffneten Männer befanden sich nun inmitten ihrer schmalen Gasse,
und einer von ihnen hatte gerade ihren Wohnblock betreten. Mit
leichten Schritten eilte er die beiden Stockwerke hinauf und blieb
schließlich genau vor ihrer Tür stehen. Cygfa, die mehr Mut besaß,
als Cunomar sich auch nur vorzustellen vermochte, öffnete die
Tür.
»Guten Abend.« Philonikos, Xenophons Schüler, blieb
zögernd auf dem Treppenabsatz stehen. Dubornos hatte schon immer
gesagt, dass Philonikos der auf die Erde hinabgestiegene Hermes
war; nur dass dieser Hermes wohl nicht ausreichend zu essen bekam.
Philonikos’ Haar war von einem staubigen Braun, das schon fast ins
Goldene überging, doch war es viel zu glatt, um schön zu sein, und
auch seine Gesichtszüge wirkten verkniffen und hohlwangig, als ob
seine Mutter ihn von frühester Kindheit an habe hungern lassen und
dieser Mangel an Essen ihn offenbar auch noch nach seiner Zeit in
der Obhut seiner Mutter verfolgte. Philonikos’ lange Künstlerfinger
waren um die Gelenke herum bereits angeschwollen - die Folge jener
vielen Stunden, in denen er in seinem Mörser Pasten angerührt
hatte.
Xenophon hatte den Jungen damals dabei entdeckt,
wie dieser in der kaiserlichen Bibliothek saß und die medizinischen
Aufzeichnungen von Largus, dem ehemaligen Leibarzt des Kaisers,
studierte; was an sich ein Akt der Verleumdung war und zugleich
eine erstaunliche Altklugheit offenbarte. Kurz darauf hatten
Xenophon und Philonikos eine Vereinbarung getroffen: Philonikos
hörte auf, Schriften jener Lehrer zu studieren, die Xenophon für
vollkommen wertlos verwarf, und im Gegenzug dafür würde Letzterer
ihn für eine medizinische Ausbildung in Betracht ziehen. Die Phase
der Bedenkzeit aber war eine bloße Farce gewesen, denn es hatten
niemals irgendwelche Zweifel an der Brauchbarkeit des Jungen oder
an seinen Fähigkeiten bestanden. Philonikos war sogar geradezu
besessen von seiner Sorge um die Kranken und darüber hinaus recht
talentiert bei seinen Diagnosen und in der Wahl seiner Heilmittel.
Über fast achtzehn Monate hatte Cunomar ihn nun schon mit einem
Gefühl, das durchaus in Richtung Neid ging, dabei beobachtet, wie
dieser Bursche beständig hinter Xenophon herlief - beinahe so wie
ein Hund demjenigen folgte, der ihn fütterte -, immer aufmerksam
zuhörte, nur selten etwas sagte und darüber hinaus auch noch einen
Beruf erlernte, der ihn, wie schon seinen Lehrer, bis ins hohe
Alter reich und gesund erhalten würde. Und plötzlich stand dieser
Bursche hier in der Tür, was eigentlich nur auf Anweisung Xenophons
hin geschehen sein konnte.
Philonikos aber war das reinste Gespenst, unfähig,
eine Türschwelle ohne vorherige Einladung zu übertreten. Seine
Augen waren groß und von blässlicher Farbe, ähnlich denen eines
Affen, und sein Schatten fiel wie eine Hand voll Zweige über die
Holzdielen des Flurs, der von einem halben Dutzend Lampen
erleuchtet wurde. Von allen Erwachsenen war Dubornos derjenige, der
noch am meisten mit Philonikos zu tun hatte. Der Sänger stand auf
und wischte sich hastig das Blut von den Händen. Er sprach in jenem
alten Griechisch, mit dem der Bursche noch am besten
zurechtkam.
»Philonikos, sei willkommen und tritt bitte ein.
Xenophon sagte mir zwar, dass er kein Träumer sei, aber mir
scheint, dass er sich da wohl unnötig bescheiden gegeben
hat.«
Xenophons Schüler lungerte noch immer hinter der
Türschwelle, sein Blick aber schweifte bereits von Cwmfen, die auf
dem Bett eingeschlafen war, zu dem stillen Säugling an Caradocs
Schulter hinüber. »Ist sie krank?«, fragte Philonikos. »Ist das
Kind unter Komplikationen zur Welt gekommen?«
Cunomar drängte sich an ihm vorbei wieder in das
Gebärzimmer hinein. »Ich habe ihn noch nicht nach dem Mutterkorn
gefragt«, sagte er rasch. »Soll ich?«
Mutterkornextrakt, so schien es, hatte in der
postnatalen Phase einer Frau nur eine einzige Verwendung, denn
Philonikos war plötzlich wie verwandelt. »Blutet sie?« Mit zwei
Schritten eilte er durch den Raum, kniete sich genau dort nieder,
wo Dubornos gerade eben noch gesessen hatte, und blinzelte in dem
nur mangelhaften Licht.
»Es ist aber nicht allzu schlimm. Wenn sie nicht
auch noch Milchfieber bekommt, wird sie es überleben, aber wir
sollten sie verbinden, um sicherzugehen, dass die Blutung nicht
noch einmal von neuem beginnt«, urteilte er. »Ich kann aber nicht
zurück zum Palast. Sie haben ihn verriegelt. Largus hat zwar
bestimmt auch noch Mutterkorn, aber er ist drüben in der Aventine,
wir würden also nicht mehr rechtzeitig bei ihm ankommen. Wir
brauchen jetzt kaltes Wasser und Leinenstreifen. Das muss
reichen.«
Philonikos nahm sich ein sauberes Laken, das für
den ersten Tag nach der Geburt bestimmt gewesen und noch nicht
verschmutzt war, und warf es hinüber zu Cunomar, der es, ohne
nachzudenken, einfach auffing und sogleich begann, es in Streifen
zu reißen. Widerwillig musste er seine Aufmerksamkeit nun wieder
der Außenwelt zuwenden.
»Aber warum ist der Palast denn verriegelt?«,
fragte er. Dann jedoch, als er bemerkte, dass die Erwachsenen alle
in Schweigen verharrten und er die Antwort im Grunde auch nicht
ernsthaft hören wollte, fragte er noch einmal: »Warum hat dich
Xenophon denn sonst hierher geschickt, wenn nicht, um dich um
Cwmfen zu kümmern?«
Philonikos warf einen kurzen Blick zu Caradoc
hinüber, bat ihn damit schweigend um Erlaubnis zu sprechen, und
Caradoc nickte. »Claudius steht unter Belagerung«, erklärte
Philonikos. »Möglicherweise liegt er bereits im Sterben - vergiftet
durch Agrippina. Wenn aber nicht jetzt, dann spätestens innerhalb
des nächsten halben Monats. Sie werden Xenophon dafür die Schuld
geben, obwohl der sein Bestes getan hat, um genau das zu
verhindern. Agrippina hat den Palast jetzt unter ihrer Kontrolle.
Sie lässt verkünden, dass der Kaiser krank sei und dass wir für ihn
beten sollten. Ihr Astrologe wird so lange warten, bis ihre Sterne
günstiger stehen, und wenn der passende Zeitpunkt gekommen ist,
wird sie Nero auf den Thron setzen und quasi über ihn dann selbst
regieren. Von genau dem Augenblick an seid ihr hier nicht mehr
sicher. Denn sie hasst euch. Und inmitten all der dann
stattfindenden Hinrichtungen, von Narcissus und Callon und allen
anderen, die sich ihr widersetzt oder sie verärgert haben oder
einfach nur Zeugen jener Demütigungen waren, die sie durch Claudius
einstecken musste, wird euer Tod bloß einer von vielen sein.«
Cunomar beobachtete, wie Cygfa zu ihrer Mutter
hinübertrat. Für eine ganze Weile hatte sie Philonikos einfach
ignoriert und durch ihn hindurchgestarrt, als ob er gar nicht
existierte. Es kam ihr nicht so vor, als ob gerade er ein Arzt sei,
der die Fähigkeit besitzen könnte, das Leben ihrer Mutter zu
retten. Als sie nun sprach, schwang in ihrer Stimme ein gewisser
Trotz mit, aber auch Schuldbewusstsein und, vor allem anderen noch,
das Bedürfnis, die Vergangenheit auszulöschen: »Aber die Menschen
lieben Claudius doch ebenso sehr, wie sie Agrippina verabscheuen.
Wenn wir nun verbreiten, dass der Kaiser von ihr bedroht wird,
werden die Leute doch sicherlich den Palast stürmen, nicht
wahr?«
Falls Philonikos in diesem Augenblick die Wandlung
in Cygfa bemerkte, so ließ er es sich zumindest nicht anmerken. Er
war gefangen genommen von seiner Sorge um ihre Mutter. Cwmfens
Blutung hatte tatsächlich schon etwas nachgelassen. Philonikos
ergriff Cwmfens Handgelenk und beugte sich tief über sie, um den
Puls noch besser erspüren zu können. »Das ist nicht möglich«,
antwortete er geistesabwesend. »Die Wachen würden es nicht
zulassen.«
Mit scharfem Tonfall fragte Caradoc plötzlich:
»Welche Wachen? Etwa die da draußen?«
Nach den Marschschritten, dem Brüllen der Befehle
und dem raschen Ausschwärmen von Männern, die auf ihren Wachposten
zueilten, war in der Tat eine beunruhigende Stille eingetreten. Nun
schnüffelte Cunomar in der Luft und roch brennendes Pech, und das
bedeutete, dass da draußen Fackeln waren, und die Fackeln
bedeuteten Feuer. Das hätte ihn allerdings nicht sonderlich
überraschen sollen, denn nur allzu viele der jüngsten Exekutionen
waren anschließend mit Hausbränden vertuscht worden. Cunomar
beobachtete, wie sich die Erkenntnis nun auch in den Gesichtern
seines Vaters und Dubornos’ abzeichnete, selbst auf dem der im Bett
liegenden Cwmfen, und wie sich alle zu ihm umwandten und doch jeder
versuchte, sein Begreifen zu überspielen.
Die alte, schon vertraute Übelkeit kehrte zurück:
»Sie sind wegen uns gekommen«, sagte er. Er hatte schon immer
gewusst, dass dies eines Tages geschehen würde.
»Ja, aber nicht, um euch festzunehmen, sondern um
euch zu helfen. Sie sind auf Claudius’ Befehl hierher gekommen und
halten ihm noch immer die Treue. Was allerdings nicht bedeutet,
dass sie euch erlauben würden, unter ihren Augen in Rom einen
Tumult anzuzetteln.« Philonikos hob nun wieder den Blick. »Die
Blutung wird bald aufhören. Es war nicht so schlimm, wie es aussah.
Kann irgendjemand Cwmfen sauberes Wasser geben, vielleicht mit ein
wenig Honig drin? Wenn sie das trinkt, wird es ihr bald besser
gehen.«
Das zumindest sollte für Cunomar keine große
Schwierigkeit darstellen. Er lief los, um Wasser zu holen, und
kehrte gleich darauf wieder zurück. Cwmfen trank dankbar. Ihr Atem
ging bereits leichter als noch zuvor. Nun erhob sich auch Xenophons
Schüler wieder. Cunomar beobachtete, wie er einen dünnen Streifen
von einem ihrer besten Laken abriss und sich damit das Blut von den
Händen wischte. Erst nachdem er die kranke Frau verpflegt und auch
sich selbst wieder gesäubert hatte, wandte Philonikos seine
Aufmerksamkeit erneut seiner eigentlichen Aufgabe zu: der zu
überbringenden Nachricht.
»Ihr müsst fliehen«, sagte er. »Die Wachen werden
dafür sorgen, dass euer Verschwinden nicht bemerkt wird, zumindest
fürs Erste, vielleicht sogar für immer. Ostia aber ist in der Hand
von Männern, die Agrippina ihre Loyalität geschworen haben. Dort
könnt ihr also nicht hin. Stattdessen wird man euch bis zur
gallischen Nordküste eskortieren. Wenn ihr hart und schnell reitet,
solltet ihr noch vor Mitte Oktober dort ankommen. Wenn ihr euch
genau daran haltet, wird euch dort ein Schiff erwarten. Noch ist es
nicht zu spät, nach Britannien überzusetzen, vorausgesetzt
natürlich, dass ihr euch nicht verspätet. Der Kaiser hat dazu
bereits seine Zustimmung erteilt. Der Offizier der Wachtruppe trägt
einen vom Kaiser unterzeichneten Befehl bei sich, dass eine Familie
Rom verlassen darf und bis zum Hafen von Gesoriacum reisen soll, um
dort ein Schiff zu nehmen. Ihr seid exakt beschrieben worden, nur
die Namen sind andere.«
Philonikos hätte ein Sänger werden können, der
Dubornos durchaus ebenbürtig gewesen wäre. Er hatte genau das
richtige Gedächtnis für die schier zahllosen Erläuterungen und die
Zeilenmaße, die er offenbar in- und auswendig kannte. Nur schien er
nicht die Fähigkeit zu haben, all das, was er da gerade erzählte,
einmal kritisch zu hinterfragen. Vielleicht war seine
Aufmerksamkeit aber auch bloß auf andere Dinge gerichtet.
Jedenfalls lungerte er nun wieder etwas unbeholfen neben dem
Krankenbett und beobachtete Cwmfen dabei, wie diese sich den
Säugling an die Brust legte, um ihn zu stillen. Philonikos hatte
noch immer diesen Blick an sich, mit dem er den Fluss der Milch
einschätzte und die ganz offensichtliche Stärke des Kindes. Cunomar
sah, wie sein Vater bei der unaussprechlichen Schönheit dieser
Szene geradezu dahinschmolz.
»Philonikos?« Dubornos packte den Burschen am Arm
und schüttelte ihn leicht. »Warum sollte Claudius so etwas tun? Er
hegt doch für keinen von uns irgendeine Zuneigung und will gewiss
auch nicht sehen, wie sich Britannien nun wieder gegen ihn
erhebt.«
»Er weiß, dass er im Sterben liegt.« Diese
Bemerkung kam von Caradoc. »Britannien war seine Eroberung, seine
Leidenschaft und sein Weg zur Unsterblichkeit. Aber es gibt nicht
den leisesten Grund, warum er das jetzt alles kampflos Agrippina
hinterlassen sollte. Das ist seine Art von Rache.«
Xenophons Schüler nickte, und seine Eulenaugen
blickten sehr ernst. »Und möglicherweise bereut er auch gewisse
frühere Entscheidungen. Das ist nichts Ungewöhnliches bei jemandem,
der den kalten Hauch des Todes spürt. Er versucht, noch zu
Lebzeiten Wiedergutmachung zu leisten, damit er nicht eines Tages
von den Seelen der Toten zur Rechenschaft gezogen wird. Ganz gewiss
denkt auch Xenophon so. Denn ihr seid nicht die Einzigen heute
Nacht, für die Boten fertig unterzeichnete Entlassungsurkunden bei
sich führen. Aber es besteht Anlass zur Eile. Mal von diesen paar
Soldaten hier abgesehen, kontrolliert Agrippina nämlich auch schon
die Stadtwache. Wenn sie also davon erfahren sollte...« Plötzlich
stockte Philonikos. Zum ersten Mal an diesem Abend kamen jetzt der
Bote und der Arzt in ihm zusammen. »Aber ihr könnt nicht«, sagte
er. »Cwmfen und das Kind - sie können noch nicht reiten.«
»Ich werde bei Cwmfen bleiben«, sagte Dubornos
daraufhin. »Caradoc wird derweil seine Kinder in die Heimat bringen
und sie wieder ihrem Geburtsrecht zuführen.«
»Nein«, ertönte es laut, und Caradoc blickte den
Sänger mit seinen steingrauen Augen durchdringend an. Beide
schienen gleichermaßen entschlossen.
Cunomar spürte, wie plötzlich ein feiner Riss durch
seine Welt zog. Seit über zwei Jahren lebten sie nun schon so eng
beieinander, dass sie sich fast gegenseitig auf die Zehen traten,
und während dieser Zeit hatten die beiden Männer ihr Bestes
gegeben, um die Familie zusammenzuhalten, hatten alle anderen
Streitigkeiten beiseite gelegt, die es mit Sicherheit eben auch
gegeben hatte, und hatten enger zusammengearbeitet als Brüder. Das
Wichtigste aber war, dass sie auch jetzt nicht miteinander in
Konflikt gerieten.
Während er insgeheim verzweifelt darum flehte, dass
dies nicht geschehen möge, hörte er, wie Dubornos sagte: »Du wirst
auf Mona aber dringender gebraucht, und das sowohl von den Stämmen
als auch von den Kriegern. Der Statthalter ist schwach; die Grenzen
wurden von den westlichen Stämmen festgelegt, nicht von den
Legionen, und die wagen es nicht, die Grenzen zu übertreten. Mit
deiner Rückkehr wären die Krieger aller Stämme dann vereinigt wie
niemals zuvor. Der Osten würde sich mit dem Westen verbünden und
die Legionen wieder den ganzen Weg bis nach Rom zurücktreiben. Sie
werden es als ein Geschenk der Götter verstehen, als Belohnung für
ihre uneingeschränkte Unterstützung unserer Sache - und werden
sogar recht daran tun. Du hast keine andere Wahl, als
zurückzukehren. Die Götter und die Völker dort brauchen dich. Mona
braucht dich.« Wortlos - weil niemand diesen Namen jemals laut
aussprach, ihn niemals laut auszusprechen brauchte - fügte er noch
hinzu: Breaca braucht dich.
Es gab Waffen, die zu benutzen Dubornos nicht das
Recht besaß, und doch tat er es ganz schamlos. Caradoc starrte
hinunter auf seinen nuckelnden kleinen Sohn.
Vom Bett her ertönte nun auch Cwmfens Stimme: »Er
hat Recht. Du musst gehen. Du und die Kinder.« Sie war eine
Kriegerin und ihre Stimme zitterte nie. Doch allen war klar, dass
Agrippina sie und das Kind töten würde.
Der Säugling begann, sich zu winden, und wurde an
die andere Brust gelegt. Unten, in den Straßen, bellte ein Hund und
wurde mit einem Tritt sogleich wieder zum Schweigen gebracht. Ein
Legionssoldat hustete, und seine Rüstung klirrte. Caradoc kniete
sich neben das Bett und starrte in eine Welt, in die ihm keiner von
ihnen mit den Augen folgen konnte. Cunomar legte die Finger an die
Stirn, genauso, wie es auch seine Mutter vor einer Schlacht tat,
und betete zu Briga und Nemain und dem großen, unermesslichen Gott
des Meeres, dass sein Vater nur noch einmal, zum letzten Mal,
seinen Stolz hinunterschlucken und sich Dubornos fügen möge.
Die kreisförmige Narbe, die die Eisenringe an
Caradocs Hals hinterlassen hatte, erzitterte im schummrigen Licht
der Lampen, pulsierte mit dem langsamen, gleichmäßigen Rhythmus
seines Herzschlags. Ganz ohne Zweifel hatte auch Cygfa ihren Mut
von ihrem Vater geerbt. Cunomar hielt weiterhin den Blick starr auf
das Gesicht seines Vaters gerichtet, bot ihm schweigend seine
Unterstützung an. Nun rief er sich seine Mutter wieder so lebendig
ins Gedächtnis wie die ganzen vergangenen zwei Jahre noch nicht und
sandte diese Essenz ihres Wesens in den Raum hinein, in der
Hoffnung, dass auch sein Vater den Ruf vernahm.
Als Caradoc schließlich wieder den Blick hob, sah
er zuerst noch einmal auf seinen neugeborenen Sohn, dann auf
Cunomar, der nun das ganze Maß des Schmerzes und der unerträglichen
Bürde erkannte. Die Stimme, die Cunomar jetzt vernahm, war die
seines Vaters, wie er sie bei den seltenen Momenten anschlug, wenn
er zu Gericht saß und den unehrenhaften Tod eines Kriegers
verkünden musste. »Ich bin schon einmal aus einer Schlacht
entflohen und habe andere an meiner statt sterben lassen«,
entschied er. »Ich glaube nicht, dass sich die Götter das noch ein
zweites Mal von mir wünschen würden. Entweder, wir fliehen alle
gemeinsam, oder gar nicht.«
Cunomar musste plötzlich würgen und gab sich alle
Mühe, diesen Laut zu unterdrücken.
Nach einer Weile, die sich nahezu unendlich
auszudehnen schien, erwiderte Dubornos: »Dann bleiben wir. Cwmfen
kann nicht reiten.«
»Aber wenn wir eine Trage oder Sänfte für sie
fänden, könnte sie vielleicht doch reisen. Ist es nicht so?« Damit
wandte sich Caradoc zu Philonikos um, der inzwischen zur Seite
getreten war und sich alle Mühe gegeben hatte, nicht in die
Diskussion miteinbezogen zu werden. Nun, da man ihn praktisch
zwang, sich zu äußern, nickte er halbherzig.
»Also gut.« Caradoc erhob sich. Seit jenem Tag auf
dem kaiserlichen Vorplatz unter der brennenden Sonne, als Caradoc
den Kaiser bezwungen hatte, hatte Cunomar bei seinem Vater keine
solche Entschlossenheit mehr gesehen wie in diesem Augenblick.
Cunomar glaubte, vor Stolz platzen zu müssen, bis er hörte, wie
Caradoc fortfuhr.
»Dubornos wird mit Cygfa vorausreiten, um das
Schiff noch zu erreichen. Sie überbringen damit zugleich die
Nachricht, dass wir kommen. Der Rest von uns wird langsamer reisen
und nur so schnell, wie Philonikos es erlaubt, und sollten wir zu
spät an der Küste ankommen, werden wir ein anderes Schiff finden
oder bis zum Frühling warten. Die Monate des Kampfes sind vorüber.
Mona wird also auch noch ein weiteres halbes Jahr ohne uns
auskommen können, und wenn die Träumer wissen, dass wir kommen,
dann reicht das aus.«
Dubornos und Cygfa, die beiden Krieger, die
reiten und kämpfen konnten. Cunomar hörte ihre Namen, und ihm blieb
der Atem förmlich in der Kehle stecken. Innerlich schrie er
gellend, ein zusammenhangloses Schmerzgeheul ohne Worte.
Allein Dubornos, sein Freund bis in alle Ewigkeit,
hörte Cunomars stummen Schrei, schüttelte den Kopf und widersprach:
»Das Schiff kann ja unsere Nachricht mit hinübernehmen, aber nicht
uns. Wie du schon sagtest: Entweder, wir fliehen alle zusammen,
oder gar nicht. Ohne dich werde ich nicht nach Mona
übersetzen.«
Auf diese Weise hatte - ganz gleich, ob dies
sonderlich klug gewesen war oder nicht - ein jeder der beiden
Männer seinen Mut unter Beweis stellen können und in dem jeweils
anderen seinen ebenbürtigen Partner gefunden. Nach dieser letzten
Auseinandersetzung umfing alle Anwesenden in diesem Raum ein tiefes
Schweigen; ein letztes Mal versuchten Caradoc und Dubornos, die
Schwachstellen des jeweils anderen auszuloten, und mussten sich am
Ende doch beide eingestehen, dass es keine solchen wunden Punkte
gab.
Caradoc gab als Erster auf. Er erhob sich, reichte
seinen Sohn wieder an Cwmfen zurück und küsste sie einmal. Zu
Cunomar und Cygfa sagte er: »Fangt an zu packen. Ihr braucht
Reisekleidung, Gold und jeder ein Messer, sonst nichts.« Zu
Xenophons Schüler, der aussah, als hätten ihm da gerade seine
eigenen Ohren eine Lüge erzählt, sagte er: »Philonikos, nimm alles
mit, was du brauchst, um dich auf der Reise um Cwmfen kümmern zu
können. Wenn Xenophon dich heute hierher schickte, dann will er
auch, dass du uns mindestens bis nach Gallien begleitest. Ihm sind
dein Leben und deine Sicherheit genauso wichtig wie unsere. Wenn
ihm jetzt also Gefahr droht, dann will er, dass wenigstens du in
Sicherheit bist.«
Das war keine Bitte mehr, sondern ein Befehl,
erteilt von jemandem mit langjähriger Erfahrung als Anführer.
Philonikos öffnete den Mund, schloss ihn aber sofort wieder, denn
in den achtzehn Monaten seines Dienstes im kaiserlichen Palast
hatte er auf jeden Fall gelernt, wann es besser war, nicht zu
widersprechen.
Das Feuer begann bereits, als sie noch packten.
Der Rauch kroch durch Holzdielen im Flur. In der Wohnung nebenan
begann die dicke Römerin aufgeregt zu kreischen, und schon bald
hallte ihnen das Echo auch von den übrigen Hausbewohnern zu ihrer
Rechten, ihrer Linken und sogar von der anderen Straßenseite
entgegen. Die Legionare, die man draußen postiert hatte, waren
bereits dabei behilflich, das Gebäude zu evakuieren. Auch zu ihnen
kam eine Abordnung hinaufgerannt. Einzeln und hintereinander
trampelten die Männer die schmale Treppe hinauf, und sie waren
beladen, denn ihre Schritte ertönten schwer und unregelmäßig, als
ob sie Waffen oder Feuerholz trügen, oder auch beides zusammen.
Schließlich wäre das alles nicht das erste Mal; jeder kannte
jemanden, der unter Claudius’ Kommando umgekommen war, oder andere,
die den Bränden in den nur unzureichend geschützten Unterkünften
zum Opfer gefallen waren.
Cunomar trug gerade das Bündel für seinen Vater in
das vordere Zimmer, als die Soldaten bereits an der Tür angelangt
waren.
»Cunomar!« Die Stimme seines Vaters war plötzlich
ungewöhnlich weich. »Leg das Bündel weg und komm einmal her.«
Cunomar tat, wie ihm geheißen, und rannte durch das
Zimmer. Die Angst krampfte sich bereits in seine Eingeweide. Da
flog er auch schon in die Arme seines Vaters. Die starken Hände
jenes Mannes, der früher einmal ganze Armeen angeführt hatte,
zerzausten Cunomar auf eine Art und Weise das Haar, wie sie es seit
seinen Kindertagen nicht mehr getan hatten. Rau strichen die Lippen
seines Vaters über seine Stirn, und die tiefe Stimme aus den
Ratssitzungen fragte: »Mein Sohn, kannst du bei Cwmfen bleiben? Sie
braucht jemanden, der ihr hier hilft.«
Cunomar eilte davon und fragte auch nicht, wobei
eine Kriegerin, die gerade ein Kind geboren hatte, im Angesicht des
Feindes wohl noch Hilfe brauchte. Auch Cygfa stand schon bereit,
alarmiert und wachsam. Sie lächelte schüchtern zu Dubornos hinüber,
wie sie es in den ganzen vergangenen zwei Jahren nicht mehr getan
hatte, und erleichtert nahm der Sänger dieses Lächeln an. Wenn er
die Zeit dazu gehabt hätte, hätte Cunomar sicherlich bedauert, dass
erst die Gewissheit des lauernden Todes es vermocht hatte, diesen
Riss wieder zu kitten.
Dann flog krachend die Wohnungstür auf. Cunomar
beobachtete, wie Caradocs und Dubornos’ Blicke sich trafen und wie
sie zu ihm traten und sich Schulter an Schulter vor das Bett
stellten. Keiner von ihnen war bewaffnet, denn ihre Begnadigung
hatte ihnen ausdrücklich das Tragen von Waffen untersagt. Sie
besaßen nur Kochmesser, und auch von denen war keines in greifbarer
Nähe. Schweigend begann Dubornos, das Lied vom Abschied der Seelen
zu singen.
»Nun haben wir uns ganz umsonst gestritten«, sagte
Caradoc. »Die Götter, so scheint es, wollen offenbar, dass wir
bleiben.« Caradocs Worte klangen trocken, ließen auch endlich
wieder einen Funken Humor erkennen.
Ein dunkelhaariger, helmloser und von Rauchschwaden
umkränzter Kopf spähte zur Tür herein. Rasch musterte der Mann das
Zimmer, die Bewohner, zog seinen Kopf anschließend wieder zurück
und sprach in jenem hartem Latein, wie es häufig auf den
Prozessionen zu hören war: »Hier. Drei Erwachsene, zwei Kinder und
der Bursche des Doktors.« Dann wandte er sich wieder zu ihnen um.
»Und ein Säugling.« Der Mann schien verwirrt. »Einen Säugling haben
wir aber nicht.«
»Einen Säugling brauchen wir auch nicht«,
verkündete eine Stimme, bei deren Klang die Welt stehen zu bleiben
schien. »Das Feuer wird ziemlich stark werden. Nach einem Säugling
wird keiner suchen.«
Es war ein Albtraum, ein Traum ohne Sinn und
Verstand. Die Erleichterung presste Cunomar förmlich die Luft aus
der Lunge; denn wie schlimm auch immer die Dinge gerade erscheinen
mochten, es gab einen Ausweg. Auf Mona nämlich hatte jeder der
Schüler die Fähigkeiten erlernen müssen, wie man aus einem
gefährlichen Traum wieder erwachte. Für die Träumer war das
zuweilen lebensrettend, für die Kinder ein sicherer Fluchtweg vor
den Angstbildern der Nacht. Schon vor langer Zeit, als Cunomar
dreimal hintereinander geträumt hatte, dass Ardacos die
Schutzkreise falsch errichtet und der Feind sie gefunden hätte,
hatte Airmid ihm beigebracht, wie man diesen Träumen wieder entkam.
Alles, was er nun zu tun hatte, war, etwas zu finden, das ganz fest
sein musste, es aber doch nicht war. Dann würde er wissen, dass er
träumte und dass sein Verstand ihn schon bald wieder aufwecken
würde.
Cunomar konzentrierte sich auf den Stützbalken in
jener Ecke, wo zwei Wände aufeinander trafen, und machte alles
genauso, wie Airmid es ihm geraten hatte. Dann aber stellte er
erstaunt fest, dass Dubornos genau das Gleiche tat. Er hatte nicht
erwartet, dass Dubornos den gleichen Albtraum hätte wie er. Das
alles wäre vielleicht sogar noch lustig gewesen, wenn die Situation
nicht so dramatisch gewesen wäre. In dem verzweifelten Versuch,
sich selbst zu beweisen, dass nichts von alledem wirklich war, gab
Dubornos gerade sein Bestes, um seine Hand ganz mühelos durch die
Wand zu seiner Linken gleiten zu lassen. Doch seine Knöchel
schlugen gegen den rauen Verputz, und als er es andersherum
versuchte, schabte er sich bloß die Haut von der Handfläche.
Cunomar, der all das mit Erstaunen beobachtete, versuchte es
daraufhin selbst noch einmal, verletzte sich dabei aber bloß auf
ähnliche Art und Weise.
»Gegen die Wände zu hauen, hält das Feuer auch
nicht auf, Sänger«, erklang spöttisch wieder jene unsagbare Stimme
von der Tür her. »Wenn du möchtest, kannst du dich ja hier rösten
lassen, aber ich persönlich würde das als grob unhöflich empfinden.
Und nicht nur ich, sondern auch der Schatten, der von unserem
Kaiser noch übrig ist, davon bin ich fest überzeugt. Zumal dann
diejenigen, die hier zurückbleiben, eine Erklärung dafür finden
müssten, warum man hier in der Asche des Feuers die Leichen zweier
identischer rothaariger Sänger gefunden hat. Und das wäre doch
verdammt lästig.«
Langsam, noch immer gefangen in seinem Albtraum,
hob Cunomar den Blick. Vor ihm, gekleidet in die Uniform der
Stadtwache, stand grinsend jener Mann, von dem man ihm erzählt
hatte, er sei der Bruder seiner Mutter und der am höchsten verehrte
unter allen Ecenikriegern. Das war schon einmal so gewesen, auf dem
nüchternen Vorplatz, als Caradoc dem Kaiser gegenübergetreten war.
Damals hatte dieser Mann als Übersetzer gedient und versucht, sie
alle an den Galgen zu liefern. In Todesangst blickte Cunomar nun in
die Augen seines Vaters, und da wusste er plötzlich, dass er doch
nicht träumte: Der Schmerz und der Hass, die sich in das Gesicht
seines Vaters eingegraben hatten, waren zu real, um bloß ein Traum
zu sein.
Mit scharfer Stimme fragte Dubornos: »Warum bist du
hier?«
»Um euch in die Freiheit zu geleiten.« Der Offizier
lächelte wie eine Schlange auf der Jagd. »Ich hatte in
Unwissenheit, vielleicht aber auch aus bloßer Arroganz, einen
Schwur geleistet, und das ist jetzt meine Strafe dafür. Ich vermute
mal, Xenophon ist für das Ganze hier verantwortlich, doch der
befindet sich ohnehin nicht mehr in unserer Reichweite. Aber wer
auch immer das verbrochen hat - auf jeden Fall bin ich jetzt so
lange für eure Sicherheit verantwortlich, bis ihr an der Nordküste
endlich an Bord eines Schiffes geht. Und bis dahin, das habe ich
bei meiner eigenen Ehre und der meines Gottes geschworen, muss ich
euch beschützen oder aber selbst bei dem Versuch umkommen.« Sein
Ton aber ließ keinen Hauch von Ehrbarkeit erkennen. »Und da ich es
vorziehe, am Leben zu bleiben, werden wir alles nur Erdenkliche
tun, um sicherzugehen, dass keiner von denen, die euch vielleicht
folgen möchten, eurer Flucht auf die Schliche kommt.« Dann wandte
er sich wieder zur Tür um. Auf Latein und in einem ganz anderen Ton
befahl er: »Hierher. Schnell.«
Ein halbes Dutzend schwer beladener Männer eilte
herein. Ihre Last, das konnte man erkennen, als sie sie auf den
Boden fallen ließen und ihr die sackleinenen Tücher abzogen, war
eindeutig menschlich und tot, obwohl offenbar nicht erst kürzlich
verstorben. Die Haarfarbe der Leichname aber war am
erstaunlichsten, denn sie war so ganz unrömisch. Die beiden größten
der Erwachsenen waren blond, ebenso wie auch die beiden Kinder. Ein
einzelner, etwas kleinerer Mann war rothaarig und wies eine
beginnende Glatze auf. Auf seiner Brust, unter dem zerrissenen
Stoff seiner Tunika, verlief eine Messerwunde über die leichengraue
Haut.
Cunomar spürte, wie Wellen der Übelkeit über ihn
hereinbrachen. Fest packte ihn die Hand seines Vaters an der
Schulter und stützte ihn. Caradoc war so nahe dran, die
Beherrschung zu verlieren, wie Cunomar es noch nie gesehen hatte.
Seine Stimme schnitt förmlich durch den Rauch. »Hast du die
getötet?«, fragte er. »Diese Menschen sind an unserer statt
gestorben, nur weil du einen Eid geleistet hast?«
»Natürlich.« Starr erwiderte der Verräter Caradocs
Blick. Manchmal, in seinen schlimmsten Nächten, wenn der Lärm der
Straße, die Kälte und der Gestank des schimmeligen Verputzes an den
Wänden sich alle miteinander verbündet zu haben schienen, nur um
ihn wach zu halten, erinnerte Cunomar sich an diese Augen. Jetzt
lachten ihn die schwarzen Falkenaugen aus dem Gesicht dieses Mannes
sogar direkt an. Cunomar hatte nicht geglaubt, diese Augen jemals
in seinem Leben wiederzusehen. Ihr Blick schweifte über ihn hinweg,
nahm seine Anwesenheit kaum wahr. Voller Zorn sprach der Mann nun
wieder: »Das hier ist der Krieg, Caratacus. Wenn du leben willst,
müssen andere sterben. Und wenn du nach Britannien zurückkehrst,
wirst du feststellen, dass es dort auch nicht anders ist. Außer
natürlich, du möchtest jetzt unbedingt sterben und die Kinder mit
dir? Dann solltest du dich aber schnell entscheiden. Das Feuer ist
nämlich noch ungeduldiger als ich, und meine Geduld ist schon
verdammt knapp bemessen.«
Schon jetzt riskierten sie ihr Leben. Vor dem
südlich gelegenen Fenster wüteten orangerote Flammen. Kleine
Rußpartikel stoben durch die Hitze empor. Cunomar sah, wie Caradoc
einmal kurz zu der Stelle hinüberblickte, dann stand seine
Entscheidung fest. »Wir haben bereits gepackt. Wir können also
gleich aufbrechen, aber auf keinen Fall schneller, als Cwmfen und
das Kind es schaffen.«
»Ganz offensichtlich nicht. Auch daran hatte
Xenophon gedacht, nachdem er seinen Lehrling losgeschickt hatte.
Bis zur Stadtmauer wird sie auf einer Sänfte transportiert und dann
weiter auf einem Wagen, bis sie schließlich wieder kräftig genug
ist, um selbst zu reiten. Wenn wir Glück haben, schaffen wir es
noch bis zur Küste bei Gesoriacum, bevor das Schiff ausläuft. Wenn
nicht...«
»Dann sollen wir noch weitere sechs Monate als
Flüchtlinge auf römischem Grund und Boden verbringen?«
Der Dekurio schüttelte den Kopf. Sein Lächeln war
geradezu tödlich. »Nicht auf römischem, nein. Ich dachte eher
daran, dass wir uns ein ruhiges Plätzchen in Gallien suchen. Aber
ich denke, vorher sollten wir alle darum beten, dass es gar nicht
erst so weit kommt. Ein halbes Jahr in der Gesellschaft des jeweils
anderen dürfte wohl wirklich für keinen von uns mehr erträglich
sein.«